Tehillim 51 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 51, V. 1. 2. בבוא וגו'. Siehe Sam. II. 12. David hatte sich mit Bathscheba und Uria vergangen, und war der Prophet Nathan an ihn gesandt, in ihm das Bewußtsein der Schwere des von ihm Geübten zu wecken, und ihm den ganzen Umfang des Verderbens zu vergegenwärtigen, das er mit dieser Schuld auf sich und sein Haus herauf beschworen hatte. Die sofortige Erkenntniß seiner Schuld hatte für David zur Folge, daß ihm der Prophet verkündigen konnte, daß גם ד' העביר חטאתך לא תמות, daß Gott auch in soweit die verdienten Folgen seiner Versündigung an ihn vorüber geführt habe, daß er nicht sterben werde, ihm also noch die Erringung einer neuen Zukunft hienieden geöffnet bleibe, אפס כי נאץ נאצת את אויבי ד' ברבר הזה, daß er aber durch diesen Fehltritt den Feinden der Gottessache auf Erden Veranlassung zur Gottes-Höhnung gegeben habe, die jedenfalls durch äußeres offenkundiges Unglück zu beseitigen und zu sühnen bleibe. Aus diesem Moment heraus spricht dieser Psalm..
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. חנני אלקי וגו'. Er tritt zu Gott, seinem Richter, mit der Bitte heran: nach der ganzen Fülle seiner Liebe, die Gott für Jeden, auch für den Gesunkensten noch offen hält, die auch David bereits in der Ankündigung גם ד' העביר חטאתך לא תמות erfahren, möge Gott ihm wieder die Gewährung innerer, geistiger Kraft zuwenden (חנן siehe Pent. 4. B. M. 6, 25), und ברב רחמיך: vermöge jener Liebe, die Gott jedem Wesen zuwendet, weil es sein Geschöpf, Er sein Vater ist, die daher für Jeden das Unverlierbarste ist, indem auch der Gesunkenste Gottes „Kind" noch bleibt (siehe Pent. 2. B. M. 34, 6), möge Gott alles Das ihm angedeihen lassen, was geeignet ist, seine Verbrechen, die er an den beiden Menschen begangen, zu tilgen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. הרב וגו'. Jedes Verbrechen hat die doppelte Seite: die Versündigung gegen die Außenwelt, und die Versündigung gegen die eigene innere Reinheit. Und ebenso doppelt sind die Folgen, die ohne das Dazwischentreten der allmächtigen Gottesgnade, unabweisbar eintreten: die Störung äußern Heils, der Verlust der innern geistigen und sittlichen Lauterkeit (Siehe Pent. 3. B. M. 15, 30). Die in die Erscheinung tretende Seite des Verbrechens ist: עון, das Abweichen von dem rechten, geraden Wege; den innern Vorgang bezeichnet חטאת, das Hinausgerathen aus der Herrschaft der leuchtenden, läuternden und belebenden Macht des göttlichen Feuers (Siehe Pent. 1. B. M. 39, 9). כבס ist ja ganz eigentlich das Abwaschen äußerer Flecken. David bittet daher, Gott möge הרב כבסנו, möge ihn so lange und in so reichem Maße bittere Leidenserfahrungen durchmachen lassen, bis daß selbst seine Mitwelt sage, er habe genug gebüßt. Es ist dies sogar voll geschrieben הרבה. Dies entspricht der Meinung Davids, er sagt aber nur das mildere הרב, damit das הרבה nicht gar als ein Staatmachen mit der Buße begriffen werden könne. ומחטאתי טהרני und stehe mir bei, hilf mir, daß ich die innere Reinheit: die ungetrübte Empfänglichkeit für das Gute und Göttliche wieder gewinne (Siehe Pent. 3. B. M. S. 400).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. כי פשעי וגו'. Denn ich verschleiere mir in keiner Weise die Größe und Schwere der Verbrechen, die ich geübt, und der Leichtsinn, durch den ich zu diesen Verbrechen gekommen, ist mir stets gegenwärtig.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. לך לבדך וגו'. Diese Worte thun unwiderleglich dar, daß, wie die Weisen lehren, sowohl das Vergehen mit Batscheba als das Verfahren gegen Uria äußerlich ein legales gewesen (Sabbath 56, b). Aber vor Gott war Beides ein Verbrechen. למען וגו', darum bist du gerecht in Allem, was du mir durch Nathan sagen ließest, und berechtigt zu Allem, was du über mich verhängen wirst. Ich nehme in Vorhinein Alles mit schuldbewußter Ergebung hin. Jedoch bedenke Das, was in folgenden V. V. vorgestellt wird. (למען kommt einige Mal in der Bedeutung: darum vor. Sollte es hier wie gewöhnlich: damit bedeuten, so müßte man das אדע und נגדי des V. 5 nicht blos als ein stilles Selbsterkennen, sondern als ein bekennendes Aussprechen an Andere auffassen, למען, damit alle Welt erfahre, wie gerecht Gott in Allem sei, was Er über David ergehen lasse. Allein, weder der eigentliche Wortlaut, noch die Thatsachen lassen dies zu. Das Verbrecherische der Handlungen Davids war ja offenkundig, vielmehr lagen die wenigen mildernden Umstände nicht so vor Augen. Man geht daher wohl nicht fehl, auch hier למען als „darum" zu fassen).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. 8. הן בעוון וגו' הן אמת וגו'. עוון ist hier mit vollem ו geschrieben, daher nicht sowohl Substantiv als Verbalform des מקור wie השיבת מחרון אפך (Ps. 85, 3), also nicht Sünde, sondern: Sündigen, Sünden-Fähigkeit. יחם sonst intransitiv: warm werden, hier transitiv: wärmen, pflegen. טחות: טוח, וטח את הבית (3. B. M. 14, 43) überwerfen, bedecken, als Substantiv: das durch die leibliche Hülle verdeckte Innere, oder vielmehr als Plural: die durch die sinnliche Leiblichkeit verhüllten seelischen Kräfte und Vermögen. So Hiob 38, 36. מי שת בטחות חכמה: wer hat in die leiblich verhüllten Vermögen Weisheit gegeben? סתם: das für das sinnliche Auge Verschlossene, mit dem sinnlichen Auge nicht Erkennbare. Nachdem David nicht um Schonung in Dem gebeten, was Gottes Weisheit und Gerechtigkeit zur Sühne und Tilgung seiner Schuld über ihn verhängen werde, fügt er hinzu: Gleichwohl wollest du bedenken: aus zweien Elementen hast du das Menschenwesen gewoben. Einerseits: aus dem leiblich Sinnlichen und der damit gegebenen Anlage für sinnliche Verlangen, die, sich selbst überlassen, Sinnliches anstreben ohne Rücksicht auf dessen sittlichen Werth, also mit der Fähigkeit von dem rechten Wege abzuweichen. Mit der Anlage zum Weichen von dem sittlichen Wege ward ich erzeugt und schon als noch der Mutterschooß mich pflegte, hatte ich die Anlage zum Fehl, oder חטא in dem Sinne seiner mit חתת verwandten ursprünglichen Bedeutung, war ich noch nicht unter der Herrschaft und Leitung des göttlichen Feuers des Gesetzes, eine Unterordnung, zu welcher der Mensch ja erst durch die Reife der Erkenntniß und Erziehung gelangt.
הן אמת וגו'. Allein ebenso wahr ist es ja, daß das sinnlich Leibliche nur die Eine Seite des Menschenwesens bildet, daß das sinnlich Leibliche nur ein טיח, eine stoffliche Hülle ist, unter welcher טוחות sinnlich verhüllte, geistige und sittliche Vermögen und Kräfte vorhanden sind, und an sie, an diese טוחות: חפצת hast du deinen Willen gerichtet, von ihnen, nicht von dem sinnlich Leiblichen erwartest du die Vollbringung deines Willens mit dem von ihnen beherrschten sinnlich Leiblichen, ובסתם חכמה תודיעני: und so wie du an das geistig Unsichtbare in mir deinen Willen richtest, so lässest du auch durch dieses geistig Unsichtbare in mir mich das hinter der sinnlichen Welt verborgene geistig Unsichtbare erkennen, lässest du den Geist in mir mit dem Geist in der Welt, der nichts anders als dein Geist ist, in Verkehr treten und die Weisheit erkennen, die in allen Erscheinungen und Ereignissen der Natur und Geschichte zu Tage tritt, und durch den Menschen im eigenen Leben verwirklicht werden soll.
Auf dieser Sündenfähigkeit, dem Reize der Sinnlichkeit, und andererseits der ebenso gegebenen und zugesicherten Fähigkeit, Meister dieser sinnlichen Reize zu werden und zu bleiben, auf dieser Doppelseite des Menschenwesens beruht ja alle Hoheit und Würde desselben. Wie sehr ich daher auch der Sinnlichkeit erlegen bin, mit deinem Beistande kann ich wieder ihrer Herr und Meister werden, und sittliche Reinheit wieder gewinnen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. חטאני וגו'. Im Dienste der Proklamirung dieser Wahrheit von der Doppelnatur im Menschen, von dem unsterblichen Göttlichen in der vergänglich irdischen Menschenhülle, und daraus von der sittlichen Freiheit trotz der leiblich sinnlichen Gebundenheit, steht die Institution der פרה אדומה, deren Lehre von der Reinheit und immer wieder zu gewinnenden Reinheit des „lebendigen Wassers in dem Aschenstaub-Gefäß" durch die הזיה mit dem אזוב zum Bewußtsein gebracht wird (Siehe Pent. 4. B. M. 19, 17. 18. Siehe S. 318 das.). חטאת ist der Begriffs-Name dieser Institution und חטא des Sprengung-Aktes mit dem אזוב (V. 19 das.). Daher appellirt David in dem Bewußtsein seiner sinnlichen Gesunkenheit an die mit diesem Akte gelehrte Gewährleistung freimachender sittlicher Erhebung; daß er durch Gottes Beistand wieder innerlich טהור, wieder zur Erkenntniß des Wahren und zur Liebe des Reinen und Guten gehoben werde, תכבסני, und auch durch äußere Leiden seine Versündigung eine solche offenkundige Sühne finden möge, daß er auch in den Augen seines Volkes wieder in die alte Achtung eintreten möge.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. תשמיעני וגו'. Wenn du mich so innerlich und äußerlich Reinheit wieder gewinnen lässest, so wirst du mich auch wieder im רוח הקדש Gedankenworte vernehmen lassen können, deren Vernehmen die höchste Wonne und Freude des Geistes (— wörtlich: das Blühen und Wachsen des Geistes —) bildet, und dann, durch dies geistige Wiederaufblühen, wird auch mein leibliches Wesen wieder auferstehen, das jetzt kraftlos zerschlagen ist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. הסתר פניך וגו': gieb den bewiesenen Fehltritten des Leichtsinnes keine Folge in deinen fernern Beziehungen zu mir, würdige mich ungeachtet ihrer wieder deines Angesichtes, d. i. deiner mich wieder geistig und sittlich erhebenden Zuwendung, und tilge durch äußere Leiden meine Versündigungen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. לב טהור: ein für das Reine und Gute empfängliches Herz, die Erneuung der sittlichen Willenskraft, und ihr zur Seite, obgleich רוח sonst auch Wille bezeichnet, hier רוח נכון: einen auf Erkenntniß des Wahren und Guten irrelos gerichteten Geist. Bezeichnend heißt es von לב: ברא, von רוח: חדש. Nach Anschauung der jüdischen Wahrheit liegt das Charakteristische des Menschen nicht sowohl im Geiste als in der sittlichen Freiheit. Hinsichtlich des Geistes unterscheidet sich der Mensch vom Thiere nur dem Grade nach, die Willensfreiheit bildet den Artunterschied. Die Wundermacht der durch תשובה zu gewinnenden göttlichen Gnade, schafft dem reuig zurück sich Sehnenden ein von dem Begangenen unbeflecktes reines Herz. Dem irre gegangenen Geist giebt sie auf's neue die Richtung auf Erkenntniß des Wahren und Guten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. אל תשליכני וגו'. Du hast mich einmal der Bestimmung zum Boten und Diener für dein Werk in Mitte der jüdischen und allgemeinen Menschheit gewürdigt; verwirf mich nicht als nutzlos gewordenes Werkzeug: ורוח קדשך und deinen heiligen Geist, den du mir bisher zur Erfüllung dieser meiner Bestimmung gesandt hast, nimm ihn nicht von mir.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. השיבה וגו'. ששון ישעך ist die hohe geistige Freude an dem Gedanken des durch Gottes Walten und das Mitwirken der Menschen herbeizuführenden Heileszieles auf Erden, und an dem Bewußtsein der Mitarbeit für dasselbe. ורוח נדיבה: und mein dieser Aufgabe frei sich weihender Geist, möge mich in diesem Streben und Wirken stützen. Vielleicht ist auch תסמכני die zweite Person, und רוח נדיבה so viel als: ברוח נדיבה, wie ודגן ותירוש סמכתיו (1. B. M. 27, 37): mit einem wieder frei dieser Bestimmung sich weihenden Geist unterstütze mich, stehe mir bei, mich wieder zur Höhe eines solchen Geistes zu erheben, einen solchen Geist wieder zu gewinnen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. אלמדה וגו'. Dann kann ich selbst diese schwere Verirrung, in die ich gerathen, und aus der ich mit deinem Beistand mich wieder emporgerungen, für die Zwecke einer solchen Heilesbestimmung verwerthen, indem ich Verbrecher lehre, wie du selbst für Menschen auf der Stufe solcher Gesunkenheit noch deine Gnade und dein wiederzugewinnendes Wohlwollen bereit hältst — (Vgl. דרכיך 2. B. M. 33, 13. 34, 6. 7) — und חטאים, nicht blos חוטאים, sondern: חטאים, denen חטא zu Charakter geworden, wie חרש, סבל, גנב u. s. w., die in Sünden ergraut sind, wie auch die noch den Weg wieder zurück zu dir betreten können.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16. הצילני וגו'. דמים: die Blutschuld, die mich drückt, das Verbrechen, durch welches ich vor Dir den Tod verdient hatte. Du hast mir bereits zugesichert, daß ich nicht sterben solle. Rette durch die Leiden, die du über mich verhängst, mich von dem Drückenden ungesühnter Schuld. אלהי אלהי תשועתי: Gott, der du gleichzeitig mein Richter bist und mir zum Siege über die innern und äußern Folgen meiner Versündigung verhilfst. חרנן לשוני צדקתך. Siehe Ps. 71, 15. 16.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. אדני וגו': wenn ich dich dann wieder „meinen Herrn" nennen, mich als deinen Diener begreifen darf, dann wirst du mir wieder die Lippe geöffnet haben, und ich werde dann wieder meinem Wirken durch תהלות ד' leben können.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. כי לא וגו'. Denn Opfer sind für Menschen in meiner Lage nicht geeignet. חטאת haben nur שגג nicht מזיד, nicht mit Bewußtsein geübtes Unrecht zu sühnen, und andere Opfer, die als נדבה dargebracht werden, kann man nur darbringen, wenn man nicht gesunken ist wie ich. שלמים setzen das Gefühl des שלם-Seins עם ד' voraus, nicht aber ein gebrochenes Gemüth wie das meine jetzt, und עולת נדבה, das Opfer des Emporstrebens zu größerer sittlicher Vollkommenheit, hat nur Unterlassungen von עשה, nicht aber Versündigungen gegen Gottes Verbote zur Voraussetzung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 19. זבחי וגו': die Opfer, die der uns richtende Gott erwartet, sind ein durch Schuldbewußtsein gebrochenes Gemüth, das gebrochene und zerknirschte Herz, mit welchem ich jetzt vor dir erscheine, wirst du Gott, vor dessen Richterstuhl ich stehe, nicht verschmähen, es ist ja der Anfang der Besserung, die du mit deinen Gerichten herbeiführen willst.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 20. 21. היטיבה וגו' אז וגו'. Gott hat in der תורה Opfer angeordnet, a, עולה מנחה ושלמים, b, חטאת ואשם. חטאת ואשם sind Opfer, die aus Verschuldungen des Menschen hervorgehen; sie sind daher nicht Das, was Gott will, sie sind nur Wege und Mittel, um wieder auf die Stufe einer des göttlichen Wohlwollens würdigen Pflichttreue zu gelangen. עולה מנחה ושלמים haben nur dann Werth, wenn sie זבחי צדק sind, wenn sie ein gerechtes, pflichttreues Leben und Streben zur Voraussetzung haben, das sie erhalten, und in welchem sie es zu immer größerem Emporschritt bringen wollen. Nicht werden durch קרבנות Zion und Jeruschalaim gebaut, sondern umgekehrt: erst muß die in Zion deponirte Gotteswahrheit und das in Jeruschalaim gelobte Leben in harmonischem Zusammenklang sich des göttlichen Wohlgefallens (רצונך), und des göttlichen Schutzes (חומות), würdig zeigen, erst dann erhalten קרבנות ihren vollen Werth und kommen um auszudrücken, daß wir die durch Gott gewährten Kräfte und Glücksgüter nur als Mittel zu fernerem, immer vollendeterem Gottesdienst im Leben verwenden wollen (— עולה: die Emporweihe der That, כליל in מנחות: Weihe des Besitzes —), erst dann können wir uns als פרים, als „Arbeiter im Dienste Gottes" aussprechen und auf Seinem Altar den Ausdruck unserer völligen Hingebung an die leuchtende, belebende, läuternde und gestaltende Feuermacht seines Gesetzes zum göttlichen Wohlgefallen zum Ausdruck bringen — Zu Davids Zeit war der Tempel auf Zion noch nicht „gebaut," und dadurch Jerusalem noch nicht als die Gottesstadt bleibend gekennzeichnet —