Tehillim 50 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 50, V. 1. Die vorangegangenen Gesänge der Koraiden, waren vorzugsweise den Beziehungen Israels zu den übrigen Völkern gewidmet, das unmittelbar vorhergehende war allgemein menschlichen Inhaltes. Dieser Gesang Assaf's tritt in die innern Verhältnisse Israels ein, und hat dessen Verhalten zu Gottes ihm geoffenbarten Gesetze zum Gegenstand.
אל וגו'. Die Kraft, die in Allem, was athmet und lebt und webt und wechselt, gegenwärtig ist, die Kraft, die Jeder in sich fühlt: אל; der unsichtbare Schöpfer, Herr, Meister der ganzen Welt: אלקי; der für Israel besonders hervorgetreten und es als Boten Seines Waltens und Wollens in der Menschenwelt gebraucht: ד'; אל אלקי ד'; hat gesprochen, da er die ganze Erde aufrief, seiner Offenbarung gewärtig zu sein. Es war dies keine Thatoffenbarung, aus welcher man nur den Willen Gottes erschließen kann, es war eine Wort-Offenbarung, durch welche der Wille Gottes, zunächst für Israels Verhalten, klar und offenkundig darliegt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. מציון וגו'. הופיע, die Stellen Ps. 80, 2 und 94, 1 lassen die Bedeutung von הופיע vorzugsweise als eine Thatoffenbarung erkennen, und wäre demnach hier gesagt: nach der Wortoffenbarung am Sinai (V. 1) hat auch schon von Zion aus, das, als Wortstätte seines Gesetzes מכלל יפי, die vollendeten Vergegenwärtigung einer der sittlichen Vollkommenheit entsprechenden äußern Gestaltung ist, — das ist ja in Wahrheit יפי — hat auch schon von Zion aus Gott seine Gegenwart bekundet, und zwar der Bezeichnung מכלל יפי zufolge, scheint dies auf eine segnende, Gottes Wohlwollen an Israel bezeugende Bekundung hinzublicken.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. יבא וגו'. Jetzt wird aber Gott wieder in Wort hervortreten, und zwar für sein Gesetz, wie Er einst sein Gesetz zu geben hervorgetreten war. Aehnlich wie am Sinai kündigt Er sich als אש אוכלה an, und der Kreis, in welchen Er eintritt, fühlt bebend seine Nähe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. יקרא וגו'. Wie er einst Himmel und Erde zu Garantien und Zeugen für die Erfüllung seines Gesetzes durch Israel eingesetzt, so ruft Er Himmel und Erde jetzt, um Zeuge und Verkünder seines Gerichtes über sein Volk zu sein.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. אספו וגו'. Ziel des Gottesgerichtes ist aber nicht sowohl Verurtheilung und Bestrafung der Schlechten, als vielmehr Erhaltung und Festigung der Guten. Es thut Noth, daß die Pflichtgetreuen sich des Beifalles und der Billigung Gottes bewußt, und daß sie als solche von Andern erkannt werden. Es thut Noth, daß sie sich in dieser Gemeinsamkeit ihrer Beziehung zu Gott und seinem Gesetze zu einer Einheit sammeln sollen nicht die guten Elemente von den schlechten im Volkskörper des Gottesvolkes überwuchert werden, und so die Gesammtheit in dieser unterschiedlosen Durchmischung für den Gotteszweck verloren gehen. Darum faßt sich der Aufruf zum Gerichte in die Worte zusammen: אספו לי, (siehe Pent. 1. B. M. 49, 1). אסף ist mehr das von allem Gegentheiligen sich loslösende Sammeln in eine geistige Einheit. Diese geistige Einheit ist: לי, die Gotthörigkeit, die Beziehung zu Gott, und die Charakterbezeichnung der sich des Gottesbeifalls Erfreuenden lautet: חסידי, die in voller Selbstlosigkeit der Erfüllung des göttlichen Willens sich Hingebenden, כרתי בריתי עלי זבח, die die von Gott geordneten, eben diese Hingebung lehrenden Opferhandlungen üben, und deren Zweck gemäß durch jedes Opfer und mit jedem Opfer ihre Bundeshingebung an Gott auf's Neue schließen. Vielleicht sammelt Gott mit dem Aufruf אספו u. s. w. auch die חסידי als die Seinen um sich gleichsam als Beisassen und Zeugen seines Gerichtes über die Andern.
Wenn in dem Folgenden die irrige Auffassung des Werthes der Opfer eingehend getadelt wird, und eine gedankenlose Zeit dies so gerne als ein Verwerfen des von Gott geordneten Opfergottesdienstes überhaupt darstellen möchte, so ist es wohl nicht überflüssig darauf hinzuweisen, wie gleich durch diese einleitenden Worte eine solche Darstellung in ihrer nackten Wahrheitswidrigkeit erwiesen wird. Es heißt nicht: כרתי בריתי בלי זבח, sondern עלי זבח. Gott fordert die Erfüllung seiner Opfervorschriften, ja er erblickt in deren Vollziehung den lehrenden Ausdruck erneuter Bundesschließung mit Ihm. Aber er erwartet die gleichzeitige Beherzigung und Bewahrheitung dieser Lehre.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. ויגידו וגו'. Darauf verkündeten die Himmel den Richterspruch Gottes, der in Folgendem wiedergegeben ist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. שמעה וגו'. Als mein Volk hast du überhaupt meinen Worten zu lauschen wenn ich sprechen will, mein jetziges Wort hat aber noch eine ganz besonders ernste Beziehung zu dir, ישראל וגו', ich will wider dich als „Israel," als das meine Herrschaft zu bekunden und meiner Herrschaft zu huldigen Berufene zeugen, oder vielmehr: mahnend und warnend bezeugen, was ich von dir erwarte (Siehe Pent. 5. B. M. 30, 19).
אלהים אלהיך אנכי, bin ich Gott, so bin ich vor Allem dein Gott, habe vor Allem zu erwarten, daß du mich als Leiter deiner Thaten und Lenker deiner Geschicke verehrest.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8—12. לא וגו'. Wenn ich dich daran erinnere, daß du vor Allem mich als „deinen Gott," als den Leiter deiner Thaten und den Lenker deiner Geschicke anerkennen und verehren sollst, geschieht dies nicht, weil du es etwa an der Vollziehung der Handlungen fehlen ließest, die ich mir zum Ausdruck dieser Anerkennung und Verehrung gestiftet. Zu dieser Klage giebst du keinen Anlaß. Diese Handlungen an sich, die Opfer, vollziehst du pünktlich. זבחים (שלמים) und עולות sind diejenigen Opfer, die nicht in äußerer, verpflichtender Veranlassung wie חטאת und אשם dargebracht werden, deren freiwillige Darbringung somit ganz besonders das Bedürfniß bekunden, seinen Beziehungen zu Gott einen äußern Ausdruck zu geben. An diesen läſsest du es nicht fehlen Allein du vergegenwärtigst dir nicht genug, daß, wenn ich diese Opfer von dir erwarte, nicht die Opfer an sich und deren äußere vorschriftsmäßige Darbringung als solche es ist, was ich mit denselben erziele und woran mein Wohlgefallen haftet, daß mit der äußern Darbringung und Vollziehung der Opfer bereits mir willfahrt und die Huldigung vollbracht wäre, die ich erwarte. Wäre dies, hätte ich — wie dies der heidnische Wahn von seinen Göttern glaubt — an den dargebrachten Thieren meine Freude, und an deren Opfervollziehung ein sinnliches Wohlbehagen, so brauchte ich doch wahrlich für die Befriedigung jener Freude und dieses Wohlbehagens nicht auf deine Habe und deine Hand zu warten. Mein ist ja Alles, was sich regt und lebt im weiten Gebiete der freien Natur, und mein ja auch Alles, was schon der Mensch als das Seine mit dem Gehege seiner Macht umfriedigt hat.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. האוכל וגו', wenn ich in meiner Opfergesetzgebung (Pent. 5. B. M. 12, 27) die Darbringung von „Fleisch und Blut" auf meinem Altar geboten, so ist doch dafür ein ganz anderer Zweck, als sinnlicher Fleisch- und Blut-Genuß vorhanden, so soll doch mit dem Fleisch alle Thatkraft deiner Muskeln in mein Gesetzesfeuer zur Verwirklichung des mir Wohlgefälligen aufgehen, und in dem Blute dein ganzes seelisches Wesen an das Hinanstreben zur Höhe meines Wohlgefallens sich hingeben!
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. זבח וגו'. Die Darbringung des בשר ודם im Opfer ist somit תודה, ein Gott huldigendes Bekenntniß Dessen, was du Gott schuldest und was Gott von dir erwartet, und jedes Opfer ist ein נדר, ist ein Gelübde, Das in der That zu vollbringen, was die bedeutsamen Opferhandlungen ausdrücken (Siehe Pent. 3. B. M. S. 560). Darum bringe im Opfer ein solches Gott huldigendes Bekenntniß, und erfülle dem Höchsten was du ihm mit jedem Opfer angelobest.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. וקראני וגו' und wie du im Opfer und Thatenleben als dem Leiter deiner Thaten mir huldigst, so huldige mir auch als dem Lenker deiner Geschicke, und wende dich an Mich und nur an Mich zur Zeit der Noth, dann wird sich der Bund, den du in jedem Opfer erneuest, nach seinen beiden Seiten bewähren: Ich mache dich frei, und du ehrest mich.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16. ולרשע וגו'. Von lehrreichster Bedeutsamkeit ist die Schilderung des רשעCharakters, den hier die schärfste Verurtheilung des Gottes-Gerichtes trifft. Er steht — wie wir dies nennen würden — mit dem von ihm zur Schau getragenen Bekenntniß und Prinzipe ganz auf dem jüdischen gesetzlichen Boden. Er ist sogar ein בן תורה, ein למדן, er ist mit der Gesetzeskunde vertraut, er weiß ganz genau und ausführlich die göttlichen Gesetze darzulegen, und er thut es auch, er spricht viel davon und giebt Bescheid darüber, welche Pflichten dem gesetzeshuldigenden Juden obliegen, und hat die אמונה, den „Gottesbund" gar viel im Munde; und doch ist diese ganze Gesetzeskunde und Gesetzesrede, nichts als ספור חקי ד', als ein bloßes, äußeres, objektives „Erzählen" der Gesetze; Thatsachen, die ihn persönlich gar nicht berühren, sind ihm die דינים; ihr Studium, ihr Wissen nur ein Geistesspiel, eine Geistesbeschäftigung, sein Herz ist nicht dabei, und nur „auf dem Munde," auf den Lippen trägt er den Gottesbund, sein Inneres weiß nichts davon.
(— Sanhedrin 106, b. blicken die Weisen bei dieser Stelle auf דואג und אחיתופל hin, die im Besitze einer immensen תורה-Gelehrsamkeit waren, und doch für das jüdische zeitliche und ewige Heil verloren gingen. אין תורתו של דואג, heißt es dort, אלא מן השפה ולחוץ, דואג's ganze Gelehrsamkeit war nur von den Lippen nach Außen. הב"ה ליבא בעי, Gott verlangt in aller erster Linie das Herz, ד' יראה ללבב. Ja, heißt es daselbst, selbst die Wissenschaft solcher Männer gelangte nicht zu den rechten, richtigen Resultaten, לא הוה סלקא להו שמעתא אליבא דהלכתא, denn סוד ד' ליראיו, auch für die richtige, wissenschaftliche Erkenntniß ist Gottesfurcht die Vorbedingung. —)
Nach den Schlußversen 22. 23. unterläßt der hier gezeichnete רשע auch die Darbringung von Opfern nicht; allein, während die V. 8—15 Angeredeten es nur an positiver, vollkommener Lösung der im Opfer zum Ausdruck kommenden Lebensaufgabe fehlen ließen, steht sein Leben im geraden Widerspruch mit Dem, was sein symbolischer Opferausdruck, noch mehr, was sein gesprochenes Wort als die Pflichtaufgabe des jüdischen Menschen zur Schau trägt. Daher an ihn die Frage: מה לך וגו', und zwar scheint diese Frage sein Sprechen von Gottes Gesetzen und vom Gottes-Bund nicht nur als etwas Werthloses, sondern ihn als unwürdig zu bezeichnen, von diesen Dingen zu reden. Wie kommt es dir zu u. s. w. Wir haben schon bemerkt, wie in dem Ausdruck ספר חקי die völlige Gleichgiltigkeit gegen die Gesetze liegt, die er im Munde führt und die er Andern zur Kunde bringt. ותשא בריתי וגו', der Inbegriff des ברית ist ja, daß die theoretisch von uns erkannten Gottesgesetze von uns im praktischen Leben zur gewissenhaften Erfüllung gebracht werden sollen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. ואתה וגו'. Jedes Wort der תורה, deren Aussprüche er kennt und im Munde führt, setzt eine bestimmt gemessene Anforderung an unser Begehren und Wollen, Reden und Handeln und bannt die Willkühr aus unserm Bereich. Diese Beschränkung, das eigentliche יסר, binden, ist dir verhaßt, und im schroffen Gegensatz zu dem ברית, den du im Munde führst, wirfst du daher meine Worte, die du ja so gut kennst, hinter dich, statt sie dir voranleuchten zu lassen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. אם ראית וגו'. Du bist nicht selbst ein Dieb und Ehebrecher, aber deine Grundsätze billigen ebenso Diebstahl und Ehebruch, wie sie überhaupt der sich nicht vom Gesetze binden lassenden Willkühr huldigen, und du dir alles Das ungescheut erlaubst, was deinem Begehren gemäß ist, obwohl du sehr wohl weißt, daß es vom göttlichen Gesetze verworfen ist. Siehst du einen Dieb ותרץ עמו, wörtlich so vereinigst du deinen Willen, besser: dein Wohlgefallen, deine Befriedigung mit ihm (Siehe Pent. 3. B. M. 26, 34). Du hast deine Freude daran, wenn du siehst, daß das Gesetz, das du im Munde führst, nicht stark genug ist, die Leidenschaften der Menschen zu überwinden, und siehst in der Zuchtlosigkeit Anderer eine Genugthuung und Entschuldigung für den eigenen Zuchtmangel.
ועם מנאפים חלקך. Du glaubst ebenso wenig an eine einstige Vergeltung der Ehebrecher, wie du an deine eigene Straflosigkeit für deine Gesetzlosigkeit glaubst. Das göttliche Gesetz ist ja nur Eins mit allen seinen Anforderungen, und sind hier wohl nur Diebstahl und Ehebruch hervorgehoben, weil deren Widerspruch mit dem göttlichen Gesetze Jedem so bekannt ist, wie der gesetzkundige רשע sich sehr wohl aller der Gesetzwidrigkeit bewußt ist, die er sich erlaubt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 19. 20. פיך וגו' תשב וגו'. Wie wenig deine תורה-Gelehrsamkeit bedeutet, ja, wie sie im eigentlichen Sinne eine Herabwürdigung der תורה ist, erkennt man daran, daß du denselben Mund, mit dem du die göttlichen Gesetze vorträgst und die göttliche Bundespflicht hervorhebst, zu dem von diesem Gesetze verworfensten Verbrechen der Verläſterung und des Betruges mißbrauchest. צמד: Etwas fest mit einander verbinden. Siehe Pent. 4. B. M. 19, 15. Vielleicht: deine Zunge schmiedet die einzelnen Theile des Betruges so fest zusammen, daß man nicht eindringen kann, somit der innere trügerische Kern unentdeckt bleibt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 21. אלה עשית. So ist schon lange deine Lebensweise, und da ich bis jetzt geschwiegen, und dir deine Gesetzlosigkeiten ungerügt dahingingen, so glaubst du היות: in Wirklichkeit wäre ich wie du, stimmte mit dir überein, wie dir sei auch mir mein Gesetz nur ein gar nicht ernst gemeintes Spiel; darum reiße ich dich jetzt aus diesem deinem Wahne, indem ich dich zurechtweise, eigentlich: indem ich dir zeige wie du bist, und dir vor Augen lege, was du zu erwarten hast.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 22. בינו וגו' זאת: das im folgenden V Auszusprechende. בינו: nehmt dies nicht nur in euch auf, sondern denket darüber nach, und zieht die rechten Folgerungen daraus für euch, שכחי אלד: Alle, die ihr Gottes im Leben vergesset, und nur an ihn denket, so lange ihr in seinem Tempel mit eurem Opfer weilt. Ihr habt jetzt noch Zeit zur Umkehr und zur Bethätigung Dessen, was ich euch gleich sagen werde. Denn wenn erst das von mir über euch zu verhängende Strafgeschick da ist, so giebt es für euch keine Rettung mehr.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 23. זבח וגו'. Nicht wer blos Opfer bringt, wer, indem er Opfer bringt, in seinem Gemüthe die durch das Opfer gelehrte Huldigung mir zollt, der zollt mir die Ehre die mir gebührt, und nur wer diese Huldigung nicht auf den Raum und die Zeit und die Handlung des Tempels beschränkt, sondern: ושם דרך, der auf die im Tempel auf's Neue gewonnene und zum Ausdruck gebrachte Gotteshuldigung seinen ganzen Lebenswandel gründet, und Das außerhalb des Tempels durch einen gotttreuen Wandel verwirklicht, was er im Tempel während seiner Anwesenheit und mit seiner Anwesenheit gelobt hat, nur Den lasse ich das von Gott und nur von Gott zu erwartende, wahrhaftiges und wirkliches Sein gewährende Heil erleben. יכבדנני, mit verstärktem Suffixum: ehrt in Wahrheit mich.