Tehillim 49 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 49, V. 1. Die bisherigen Gesänge der Söhne Korah's waren alle jüdischnationalen Inhalts. Der Inhalt dieses Kap. mit welchem diese Gruppe der Gesänge der Koraiden schließt, ist von allgemein menschlicher Bedeutung. Das Verhältniß der materiellen Güter zu der geistigen und sittlichen Aufgabe des Menschen bildet seinen Gegenstand. Nur indem der Mensch in seinem irdischen Hiersein diese geistigen und sittlichen Ziele erreicht, und ihnen all sein leiblich-irdisches Vermögen als Mittel zum Zwecke zuwendet, rettet er sein seelisches Wesen über die irdische Vergänglichkeit hinaus, und geht mit dem Tode in die ewige Unsterblichkeit ein. Verkennt er aber diese seine Bestimmung und sieht vielmehr in der Errungenschaft materieller Güter den Selbstzweck und Hauptzweck seines irdischen Hierseins, so geht er sowohl der jenseitigen als hieniedigen Fortdauer verlustig, und sein Dasein reicht nicht über das Grab hinaus. Zur Beherzigung dieser Wahrheit ruft er sowohl die menschlichen Gesammtheiten als die Einzelnen jeden Standes und jeder Glücksstellung auf. Es kann ihrer Keiner entrathen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. שמעו ונו'. Während שמעו die Aufforderung enthält, unser Ohr Dem nicht zu verschließen, was dieser Gesang zu beherzigen geben will, fordert האזינו, aus dem Gefühle des Bedürfnisses durch Hinneigen des Ohres der Aufnahme der dargebotenen Lehre entgegen zu kommen. Die rechte, von aller Ueberschätzung freie Würdigung der materiellen Güter ist auch für menschengesellschaftliche Volksvereine von hoher Bedeutung, allein für die rechte Erfüllung seiner Lebensbestimmung ist sie für den Einzelnen geradezu unerläßlich. Die Einzelnen sind ja ganz eigentlich ישבי חלד, wörtlich: Bewohner einer dem „Rost" hinfälligen Welt. Die ganze irdische Welt, in welcher, durch welche und an welcher sich ihr Leben entwickelt, ist ja unaufhörlich dem Zahne der Vergänglichkeit erliegend. Ihnen thut ja vor Allem die Erkenntniß Noth, welchen Werth denn die Güter haben, deren Errungenschaft ihren Antheil an dieser Welt der Vergänglichkeit bildet (חלד siehe Ps. 39, 6). Und zwar:
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. גם בני ונו'. בני איש sind Menschen, denen ihre Abstammung von einem ausgezeichneten Manne zu Gute kommt, die nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen des Verdienstes eines Ahn's sich achten und geachtet werden. בני אדם sind die große Menge, denen eine solche Abstammung nicht zur Seite steht. Für diese sowohl wie für jene, und ebenso für Arme wie für Reiche ist Das, was dieser Gesang aussprechen will, von hoher Wichtigkeit. Denn nicht nur Diejenigen, welche Macht und Reichthum haben, sondern ebenso sehr und vielleicht noch in höherem Maaße überschätzen und vergöttern Die Macht und Reichthum, die sie entbehren. Und gerade Diesen, in dieser Hinsicht die richtige Erkenntniß zu bringen, ist die Absicht dieses Psalms.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. פי ונו'. Nicht חכמה und תבונה, das wäre anmaßend, wäre חכמה und תבונה in ihrer idealen Ganzheit. חכמות und תבונות sind, (wie so häufig der weibliche Plural, נדיבות, גדולות, צדקות u. s. w.). Dinge, an welchen sich der Begriff חכמה und תבונה zeigt, die ihnen gemäß, von ihnen erzeugt sind. Und zwar ist ein solcher weiblicher Plural ein einheitlicher Begriff. Es ist die Weisheit in einer Vielheit ihrer concreten Anwendung. So Prov. 1, 20. 9, 1. חכמות sind die gegebenen Weisheitslehren, תבונות die aus ihnen zu schließenden Folgerungen (Siehe 1. B. M. S. 538.).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. אטה ונו'. Diese Erkenntnisse sind aber nicht ursprünglich meine eigenen. Von Begeisterung gehoben ist es eine höhere Eingebung, der ich lausche, und was mir in gewöhnlicher Stimmung ein Räthsel ist, dafür wird mir die Lösung, wenn mich die Harfe zu höherer Anschauung bringt. Das Räthsel ist verschlossen, die Lösung öffnet es, daher: פתח. Für welches Räthsel er mit der Harfe die Lösung gesucht und gefunden, sagt der folgende Vers.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. למה אירא ונו'. V. 17. אל תירא כי יעשר איש zeigt, daß hier nicht die Furcht vor einer Gefahr gemeint sei, vielmehr ist es die Besorgniß, seine eigentliche Lebensbestimmung zu verfehlen, die ihm durch die Wahrnehmung angeregt war, daß von den äußern materiellen Gütern, in deren Erstreben und Erringen Andere ihr ganzes Lebensziel und ihren ganzen Lebenswerth erblicken, ihm nur ein so verkümmerter Antheil zugemessen war. Auf dem Standpunkt dieser gewöhnlichen Lebensanschauung ist allerdings die Bestimmung des Menschen auf Erden ein Räthsel. Liegt die Bestimmung und mit ihr der Werth des irdischen Daseins in dem größern oder geringern Maaß der Errungenschaft äußerer, irdischer Güter, so liegt die Erreichung der Lebensbestimmung nur zu einem sehr geringen Theil in der Hand des Menschen, nur ein äußerst kleiner Bruchtheil aller Menschen erreicht dann diese Bestimmung, und Derjenige, dem, wie man spricht, das Glück den Rücken kehrt, dürfte der Befürchtung Raum geben, mit dem Verluste äußerer Lebensgüter, gehe ihm auch der eigentliche Lebenswerth verloren. Dem gegenüber aber heißt es hier: Warum soll in Tagen äußern Unglücks eine solche Befürchtung bei mir einkehren, wenn עון עקבי יסבני. Es heißt nicht עון אשורי, פעמי, רגלי, welches eine Sünde bezeichnen würde, die bei unseren Lebensgängen vor uns liegt, die wir mit Bewußtsein und Absicht üben. Es heißt vielmehr: עון עקבי, Sünden, die hinter unsern Fersen liegen, die wir bei unsern Lebensgängen übersehen, die wir aus Unachtsamkeit, aus Mangel an Pflichternst uns zu Schulden kommen lassen (Vgl. Pent. 5. B. 7, 12). Auf dem Standpunkt der mit der Harfe gewonnenen höhern Anschauung ist dem Sänger die Einsicht geworden, daß ימי רע, daß „böse Tage," Tage der Glücksverkümmerung gerade Denen werden, die nicht grundsätzlich, mit Bewußtsein und Absicht sündigen, sondern aus Mangel an dem rechten, jeden Schritt wohl erwägenden Pflicht-Ernst zu Sünden kommen. Diesen sendet Gott trübe Tage, um sie zur ernsten Einkehr zu mahnen und zu größerer Pflichttreue zu erziehen, weil sie noch erziehungsfähig sind, denn, „wen Gott liebt, den weist er zurecht, und will ihn wie ein Vater seinen Sohn seines Wohlwollens würdig machen" (Prov. 3, 12), während gerade die Unverbesserlichen oft einem ungetrübten äußern Glücksgang überlassen bleiben. Daß, wenn ihm so in Vergleich mit Andern ein an äußern Gütern beschränktes Loos beschieden wird, er an seiner Bestimmung, an dem wahren Lebenswerth Etwas einbüße, fürchtet der Sänger nicht. Denn
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. 8. 9. הבטחים ונו', die deshalb keine Furcht kennen, weil sie auf ihr Vermögen vertrauen und in der Fülle ihres Reichthums den ganzen Werth ihres Wesens, eigentlich die „Ausstrahlung" ihrer Persönlichkeit setzen, dies ihr Vermögen und ihren Reichthum nur selbstsüchtig gebrauchen, nicht als Mittel zur umfassendern Pflichterfüllung verwenden, nicht damit den Nebenmenschen aus seinen Nöthen und Sorgen frei machen, nicht mit dieser liebesthätigen Spende das Gott schuldige eigene Lösegeld zahlen — (Siehe Pent. 2. B. M. 30, 12), — denen ist nicht des Nächsten, denen ist das eigene Heil zu theuer, die haben ihr Geld lieber als ihre Seele, die können es nicht über sich gewinnen, ihre Seele aus der Vernichtung auszulösen, der eine jede verfällt, deren Hiersein nur in selbstsüchtiges Gewinnen und Genießen aufgegangen, ohne durch, dem Vermögen, dem Können entsprechende Förderung des Nächstenheils den Tribut des Daseins zu zollen; und weil sie das verabsäumen וחדל נפשם לעולם: hört ihre Seele auf, haben sie für die Fortdauer ihrer Seele in der Ewigkeit nichts gethan. חדל, siehe Ps. 39, 6.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. ויחי עוד ונו', und es ist ihm doch die Fortdauer nach dem Tode keineswegs gleichgültig, er liebt das Leben, und schaudert bei dem Gedanken der Verwesung im Grabe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. 12. כי יראה ונו'. כסיל ובער. Siehe Pent. 1. B. M. 45, 17. Ja er träumt sogar von einem hieniedigen Fortleben. Und wenn er es vor Augen hat, daß weder Weisheit noch Thorheit gegen den Tod zu schützen vermag, Jeder einmal fortgeht von hier, und sein Vermögen Andern hinterlassen muß, so wähnen er und seine Genossen im Innern doch, daß wenn sie auch fort müssen und ihr Vermögen Andern hinterlassen, dennoch ihr Vermögen selbst, ihre Häuser die sie gebaut und gegründet, die ihnen nur zu משכנותם, zu zeitlichem Aufenthalt gewährt waren, ihren Nachruhm, ihren Namen auf die Nachwelt bringen und verewigen werden. קראו בשמותם עלי אדמות: einen Namen laut nennen, verkünden, wird mit קרא בשם ausgedrückt, so namentlich ja קרא בשם אלקי'. So auch hier: sie haben doch ihre Namen weithin über die Erde hin verbreitet! Ueberall auf Erden nennt man sie ja als die Reichen, die Großen, die Mächtigen 2c., und so, meinen sie, werde es auch nach ihrem Ableben bleiben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. ואדם ונו'. Aber der Mensch mit seiner äußern Würde, wie viel er auch an Reichthum, Macht und Größe erworben haben mag, überdauert die Nacht des Todes nicht, wenn er mit allem Dem nur ein unvernünftiges Thier gewesen, nur ein Thierleben geführt hat, nur den Thieren gleich gewesen, die ja auch nur für sich leben, Genuß suchen, genießen, sich fortpflanzen, sterben und dann verstummen, eigentlich: Allem „ähnlich" gemacht werden, d. h. in eine Ununterscheidbarkeit aufgelöst werden, in welcher sie, stofflich in verwandte Elemente aufgehend, jedes gegensätzliche für sich Sein verlieren. Siehe Pent. 1. B. M. S. 31. 2. B. M. S. 230. Weder die jenseitige noch die diesseitige Fortdauer nach dem Tode, wird durch ein in bloßem Egoismus verlaufendes Leben erworben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. זה דרכם ונו'. כסל: die trotz aller gegentheiligen Erfahrung von ihnen festgehaltene Thorheit. Siehe Pent. 1. B. M. 45, 7. ואחריהם בפיהם ירצו: ihre Nachkommen billigen ihn laut, oder, wie wir glauben, bezieht sich das Suffix הם auf die Väter. פה heißt häufig nicht der Mund, sondern das mit dem Munde Gesprochene, so ונשאלה את פיה 1. B. M. 24, 57. פי ד' wie ותמרו את פי ד' (5. B. M. 1, 26) u. s. So auch hier: sie billigen den Weg ganz mit den Aeußerungen ihrer Väter.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. כצאן ונו'. שתו ist aktiv, שתו בשמים פיהם (Ps. 73, 22). Auch ohne beigefügtes Objekt שות שתו השערה (Jesaias 19, 7): ihre Richtung irgend wohin nehmen. Nicht durch ihre ursprüngliche Bestimmung ist ihnen das Grab als letztes Ziel gegeben. Sie haben es durch ihr verfehltes Leben dazu gemacht. מות ירעם: alle Die, die hienieden in Ueberfluß schwelgend nur ein genußreiches Leben führen, hinter denen steht der Tod als Hirt, er läßt sie auf der Lebensweide grasen, bis sie gemästet ihm zur Beute fallen.
וירדו בם ונו'. רדה (siehe Pent. 1. B. M. S. 31), heißt: sich Etwas unterthänig machen, Etwas in seine Macht bringen, in seiner Macht halten, beherrschen. Es kann daher das בם nicht wohl auf die in dem ganzen Bisherigen geschilderten בוטחים על חילם u. s. w. sich beziehen. Das Verhältniß der ישרים zu ihnen ist keineswegs ein solches, daß man sagen könne, sie seien von ihnen beherrscht worden. Selbst wollte man in dem letzten Resultate des Lebenswettlaufs die ישרים als Sieger bezeichnen, so würde dies doch schwerlich durch רדה auszudrücken sein. Wir glauben vielmehr das בם auf die vorangenannten שאול und מות beziehen zu sollen, deren Macht jene erliegen, während Diejenigen, welche als ישרים dem ihnen von ihrem Schöpfer gesteckten Ziele in geradem Lebenswege ohne Abweichung zugewandelt sind, Grab und Tod überwinden, und zwar haben sie diese überwunden לבקר: für Jene ist der Tod die Nacht des Lebenstages. Für die ישרים ist der Tod der anbrechende Morgen eines neuen Tages. וצורם, צור, das Bild des Festen, Unveränderlichen, ist hier Ausdruck für das der Verwesung nicht verfallende seelische Wesen des Menschen. בלה im Piel heißt: Etwas überdauern, מעשה ידיהם יבלו בחירי (Jes. 65, 22). Also: während die Andern dem Grabe und dem Tode verfallen, haben Diejenigen, welche „unentwegt" ihrer Pflicht gelebt haben, wenn mit ihrem Sterben für sie der Morgen eines neuen Tages anbricht, Grab und Tod überwunden, und i h r Wesen ist bestimmt, das Grab zu überdauern, daß dieses ihm keine Stätte bleibe. מובל לו, so viel als מהיות זבול לו. Diese Auffassung des מובל לו glaube ich von meinem Lehrer Bernays נ"ע gehört zu haben. — וצורם ist כתיב: וצירם, ציר: Bote. Nur dann ist unser Wesen צור, der ewigen Unvergänglichkeit theilhaft, wenn es sich als ציר, als Bote eines Höhern, als von Gott zur Erde gesandt begreift, um dort Seinen Willen zu erfüllen. Dem ציר auf Erden ist es gleich, in welcher Stellung und mit welcher Ausstattung an Mitteln und Gaben der Sender die Erfüllung seines Willens verlangt. Stellung, Mittel, Gaben überläßt er seinem Sender, sein ist lediglich die Pflichttreue in Lösung der angewiesenen Aufgabe, הכל בידי שמים חוץ מיראת שמים.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16. כי יקחני ונו', vgl. כי לקח אתו אלקי' (1. B. M. 5, 24).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. 18. אל תירא ונו'. Siehe V. 6. Da somit der eigentliche Werth und das eigentliche Ziel des Lebens auf einem ganz andern Gebiete liegt, so sorge nicht, wenn du einen Andern in begüterterer und glänzenderer Glückslage erblickst, als ob du mit deinem bescheidenern Loose eine Einbuße an dem Werthe deines Lebens erlittest. Von seinem Reichthum und seinem Glanze begleitet ihn nichts im Tode.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 19. כי נפשו ונו'. So lange er lebt freilich segnet er sich selbst und beredet sich, man werde es ihm Dank wissen, oder werde ihm den Kranz der Huldigung reichen, weil er es verstanden, s i c h im Leben gütlich zu thun und er nie der Thor gewesen, für das Wohl Anderer sich den geringsten Abbruch zuzumuthen. ויודך ונו' ist die Anrede an seine Seele, mit welcher er sich im Leben segnet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 20. אבא ונו'. Siehst du aber den Zustand seiner Väter, die ganz so wie er gelebt, und von denen er diese egoistische Lebensphilosophie geerbt hat (V. 14), so findest du, daß nach einem kurzen, im Scheinglanz hellen Leben, ihnen in der langen Todesnacht kein Licht aufdämmert, und das gleiche Loos erwartet den in gleicher Bahn fortwandelnden Sohn, dessen Reichthum und Glanz du beneiden möchtest.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 21. אדם ונו'. ולא יבין: wenn er an dem äußern Schein haften bleibt und nicht bis zur rechten Lebenseinsicht durchdringt. נמשל ונו', siehe V. 13.