Tehillim 48 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 48, V. 1. Schon das vorhergehende Kap. enthielt zum Schlusse den Gedanken, wie Israel nur als die נדיבי עמים den andern Völkern in der innigen Beziehung zu Gott vorangegangen sei, Israels Erwählung als עם אלקי אברהם nur ein Mittel sei, um im Laufe der Zeiten die Völker alle zur Erkenntniß und Huldigung Gottes zurückzuführen, und wie sehr auch Gott sich von der Menschenwelt zurückgezogen zu haben scheine, doch mit der Erwählung dieses Einen Volkes, Gott bereits wieder in den Kreis der Menschheit eingezogen sei, und seine Herrschaft über die Völker angetreten habe. Dieses Kap. zeigt nun, wie Gott auch bereits in Israel sich auch den Völkern zum Bewußtsein bringt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. גדול ונו'. Größe ist ein relativer Begriff und bezeichnet das alles Andere seiner Art Ueberragende. Man vergleiche eine große Fliege mit einem kleinen Pferd. „Groß ist Gott" heißt somit: Er überragt alles Andere, was die Menschen als Welt gestaltende und beherrschende Macht und Gottheit sich denken. Hier heißt es nun ר': Gott, wie er sich in Israel und durch Israel offenbart. מהלל: sichtbar in Thaten, die seine Strahlen, הלל, bilden und ihn dem denkenden Menschen offenbar machen, wie der Strahl und die Helle das Dasein, die Gegenwart und die Wirkung des Lichtes ankündigt. Zur Stätte der Offenbarung seiner Größe und seiner Thaten hat Gott unsere Gottesstadt — Jerusalem — erwählt, die eben nichts Anderes ist als הר קדשו, als Zion, der Berg seines Heiligthums, indem sie nur eine Verwirklichung Dessen sein soll, was das in diesem Heiligthum ruhende Gesetz als Gottes Willen für die Gestaltung des Einzelnund Gesammtlebens fordert. Durch die Erfüllung dieses Gotteswillens soll dieser Stadt — die ja nichts Anderes, als Vorbild für ganz Israel ist, wie Israel für die Menschheit, — שלום: der Zustand der höchsten, harmonisch beglückenden Vollkommenheit zu Theil, und in diesem שלום Gottes Wille und segnende Gegenwart יראה: sichtbar werden. Daher der Name ירושלם. ציון, Denkmal, zur Erhaltung des Andenkens eines Verstorbenen (Kön. II. 23, 17), ist als ציון der Name des Ortes des jüdischen Heiligthums, welches das Denkmal sein soll zur Erhaltung der Wahrheit in dem Bewußtsein der Menschheit, die Gott nicht aus ihrem Gedächtniß verschwinden lassen will.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. יפה נוף ונו', נוף, Wurzel von תנופה und הניף, bezeichnet die horizontale Richtung (Siehe Pent. 2. B. M. 29, 24), daher ja auch נוף: der Zweig, als das vom Stamm in seitlicher Richtung Ausgehende. Als Ortsbeschaffenheit bezeichnet es die Richtung, die Lage. Daher נפה: ein Landstrich, eine Gegend, נפות דור (Josua 11, 2). Schon die Lage und Richtung des Berges Zion ist so schön, daß schon sein Anblick ihn als den Ort erkennen läßt, auf welchen das ganze Land mit Freuden hinschaut. ירכתי צפון, JerusalemZion liegt nicht im Norden, sondern im Süden von Palästina, das ganze jüdische Land liegt von ihm nordwärts. ירכתים bezeichnet aber denjenigen Theil einer Räumlichkeit, der das eigentliche Strebeziel derselben bildet, zu welchem sich alles übrige als Vorraum verhält. So das Innerste eines Hauses, wo sich die Familie aufhält (Ps. 128, 3), so die Westseite des Heiligthums, wo im Allerheiligsten die Gesetzesbundeslade ruht (2. B. M. 26. 22). ירכתי צפון ist somit das Strebeziel des Nordens, wohin der ganze Norden blickt und wandert. Auch ירכתי לבנון heißt der Zionsberg, als letzte Berghöhe, in welcher der im Norden liegende Libanon ausläuft, und zu welcher man vom Gipfel des Libanons von Nord nach Süd herniedersteigt (Siehe Pent. 5. B. M. 3, 25). קריה siehe Pent. 5. B. M. 2, 36. — רב bezeichnet nicht nur eine Menge, sondern auch die quantitative Größe, die Größe an Vermögen und Macht eines Einzelnen. So רב הטבחים (Kön. II. 25, 8), רב ביתו (Esther 1, 8), רב להושיע (Jesaias 63, 1), רב מחולל כל (Prov. 26, 10). מלך רב bezieht sich wohl auf Gott, der von Jerusalem-Zion aus eine weite und mächtige Herrschaft übt, wie dies sogleich näher entwickelt wird.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. אלקי' ונו'. Nicht Gott in dem Tempel, sondern Gott in den Palästen der von diesem Tempel aus sich gestaltenden Stadt, hat als über alles Andere emporhebende Höhe sich erwiesen. Weil Gott nicht nur in dem Tempel, sondern in der Stadt, und nicht nur in den Hütten und Häusern, sondern in den Palästen herrscht und gegenwärtig ist, das hebt die Stadt zu einer von Nichts erreichbaren Höhe empor. Sobald Stadt und Tempel sich scheiden, in dem Tempel Gott, in der Stadt die Menschengröße wohnt, in dem Tempel die Gotteshuldigung, in der Stadt die Menschenwillkühr gepflegt wird, gehen Stadt und Tempel zu Grunde. Nur אלקי' בארמנותיה נודע למשגב. נודע: das ist durch ein großes Ereigniß erkannt worden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5—8. כי'. Könige hatten sich zusammen zur Eroberung Jerusalems verbündet, waren aber ebenso zusammen wieder fortgezogen. Das ganze Land hatten sie erobert, kamen vor Jerusalem, zu sehen bekamen sie es, aber dort machten sie stutzig Halt, wurden von einer Angst überwältigt und liefen davon. Bis vor Jerusalem zogen sie muthig heran, d o r t ergriff sie Zittern. ברוח קדים u. s. w. Dies scheint das Ereigniß zu sein, durch welches Gott ihren Muth gebrochen hatte. Sie waren, scheint es, vorangerückt, und hatten Hilfstruppen erwartet, die zur See in Palästina landen sollten. תרשיש war ein bedeutender Seehafen am mittelländischen Meere, wohin z. B. der Prophet Jona von Jaffa zu Schiff flüchten wollte. So steht es auch Ps. 72, 10 mit den Inseln zusammen genannt: מלכי תרשיש ואיים. Um auf dem Mittelländischen Meere zu Schiff nach Palästina zu fahren, bedarf man des Westwindes. Gott ließ aber einen Sturm aus Osten kommen und durch ihn die Schiffe der Könige zu Grunde gehen. Dies brach den Königen vor Jerusalem den Muth und sie eilten bestürzt von dannen. So scheint es, obgleich uns kein Ereigniß aus der jüdischen Geschichte bekannt ist, auf welches die hier gegebene Schilderung sich beziehen könnte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. כאשר ונו'. Wie wir von offenbarem Einschreiten Gottes zu unserer Rettung aus den Ueberlieferungen der Väter gehört, so haben wir jetzt selbst erlebt, in der Stadt, die den doppelten Charakter trägt: עיר ד' צבאו', die Stadt, die Gott als ד' צבאו' für die Anbahnung seiner einstigen Beherrschung und Leitung aller Menschenkreise erwählt hat, und die עיר אלקינו ist, in welcher schon jetzt wir von Ihm uns als אלקינו, als Leiter unserer Thaten und Lenker unserer Geschicke regieren lassen. Und Gott hat mit diesem Ereigniß ausgesprochen, daß אלקי' יכוננה עד עולם, daß Gott sie für immer auf dem von Ihm gegebenen Grunde und für die von Ihm beabsichtigten Ziele erhalten werde.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. 12. דמינו ונו'. דמה: das Bild, das Gleichniß von Etwas sein. Im Piel: mit Etwas vergleichen, oder sich ein Gleichniß, eine Vorstellung von Etwas machen, sich Etwas vorstellen. Bisher haben wir in den stillen Betrachtungsräumen des Tempels uns eine Vorstellung von deinen Liebes-Großthaten gemacht, wie dein Name ד' uns verheißt und die Geschichte unsrer Vergangenheit uns erzählt. Jetzt aber ist ganz der Verheißung dieses deines Namens entsprechend, über die weite Erde hin deine Thatoffenbarung strahlend sichtbar geworden, und diese lautet: צדק מלאה ימינך, dieselbe Rechte, die dem Braven hilft, hat der Schlechte zu fürchten. Es ist dieselbe Gottesliebe, die gleichzeitig das Recht handhabt. Vgl. Pent. 2. B. M. 15, 6. — ישמח ונו', die Rechtswaltungen Gottes, welche die uns drohenden Mächte zurückgescheucht, kleiden Zions Berg und Juda's um ihn sich schaarende Tochterstädte in Freude. Es ist Gottes helfende Rechte, die hier des Rechts gewaltet hat.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13—15 zieht nun als nächstes Resultat aus diesem Erlebniß: die einzig hohe Bedeutung Jerusalem-Zions für die Nation, und die Anforderung an diese, durch vereinigte Sorgfalt aller nationalen Kräfte für die Thürme, Mauern und Paläste auch äußerlich an den Tag zu legen und der Nachwelt zu verkünden, wie die geistige, sittliche und politische Seele der Nation in Jerusalem-Zion als deren Mittelpunkt lebe, und der Gott, dessen Gesetzeswille in Zion thront und dem in Jerusalem die Gehorsamshuldigung gezollt wird, eben Der sei, der für alle Zeiten unser Gott bleibt und uns als solcher über die Völkersterblichkeit hinüber führt.
סבו ציון והקיפוה: schaart euch um Zion und schließt euch in engem Kreis ihm an (Siehe Pent. 3. B. M. 19, 27). ספר מגדלים scheint die amtliche Sorgfalt für die Festungs-Thürme zu bedeuten. So wird Jesaias 33, 18 unter den Dingen, in welchen eine geregelte Staatsverwaltung in die Erscheinung tritt, die aber das jüdische Volk in seiner äußern Verkümmerung nicht mehr hat, auch der סופר את המגדלים genannt. Vielleicht heißt ספר auch: Buch über Etwas führen, und würde es dann die Sorgfalt für die Instandhaltung der Festungen bedeuten können.
שיתו לבבכם ונו'. Nach Pesachim 86, a. ist חיל eine niedrige Mauer innerhalb einer höhern Hauptmauer, חיל וחומה (Klagel. 2, 8). Nach Kelim I. 8 hieß der erste innerhalb der Tempelberg-Mauer zur größeren Fernhaltung von טמאי מת, die gesetzlich bis zu der עזרת ישראל kommen durften (Siehe Pent. 4. B. M. 5, 2. 3.), abgegränzte Raum: חיל. Sollte hier an diese Umgränzung gedacht sein, so würde dies zusammen mit dem folgenden פסגו ארמנותיה einen bedeutsamen Gedanken enthalten. שיתו לבבכם לחילה würde die Sorgfalt empfehlen, durch Aufrechthaltung dieser Abgränzung der Verpflichtung Ausdruck zu geben, das Heiligthum gegen jede Entheiligung abseiten der Stadt zu schützen. פסגו ארמנותיה spräche aber dem zur Seite gleichzeitig die Wahrheit aus. daß das in der Stadt sich vollziehende reale Leben wesentlich zum Heiligthum gehöre, dessen Bestimmung ja eben nur dann erreicht ist, wenn das im Heiligthum und durch das Heiligthum vergegenwärtigte Gesetz in dem Leben der Stadt seine Verwirklichung findet. Es wäre ganz derselbe Gedanke, der in der ersten Anordnung für die Lagerung der jüdischen Stämme ringsum das Heiligthum durch die beiden Begriffe: מנגד סביב ausgedrückt ist (Siehe Pent. 4. B. M. 2, 2).
פסגו, פסגה 5. B. M. 3, 27: Anhöhe. פסג, daher erhöhen, hervorragend machen. פסג heißt chald. ebenso wie פסק: theilen, trennen, und heißt daher פסגו wohl: erhöht die Paläste so, daß sie sich von den übrigen Gebäuden abheben. שיתו, ספרו, פסגו spricht zusammen den Gedanken aus: Verwendet eine solche Sorgfalt und einen solchen Kraftaufwand auf die Baulichkeiten von Jerusalem-Zion, daß es dem bloßen Anblick klar wird, es sei dies nicht Stadt und Tempel eines einzelnen Stammes, sondern Metropole und Heiligthum der ganzen Nation, die in einmüthigem Zusammenwirken sie geschaffen und erhält, damit ihr damit jedem kommenden Geschlechte das Bekenntniß aussprechet: V. 15. כי זה ונו', daß d i e s e r Gott, d. h. Gott, dessen Wollen und Walten in diesem Heiligthum und dieser Stadt sich bekundet, für alle Zeit u n s e r Gott, Gott der jüdischen Gesammtheit ist, und Er ינהגנו על־מות führt uns über die Sterblichkeit hinaus, die sonst das Loos aller Nationen ist, macht uns zu dem unsterblichen Volke unter den Völkern. מות: Infinitiv. Oder: als Ein Wort עלמות begriffen: führt uns in ewiger Jugend. Der Sinn ist derselbe. Siehe Ps. 9, 1.