Tehillim 38 תהילים

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1
מִזְמ֖וֹר לְדָוִ֣ד לְהַזְכִּֽיר׃
BernfeldEin Psalm Davids beim Opfern.
ZunzPsalm von Dawid, für das Duft-Opfer.
HirschPsalm Davids zur Erinnerung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 38, V. 1. להזכיר: Zur Erinnerung. Die in diesem Kap. zum Ausdruck gekommenen Gedanken und Gefühle einer einst schwer gedrückten Lage und Stimmung will David in bessern, heitern Tagen nie vergessen, und hat sie sich daher für solche Erinnerung bewährt. Unter diesen Gedanken und Gefühlen steht das Geständniß in dem Vordergrund, daß nicht sowohl die mannigfältigen Leiden, welche Krankheit und Feinde ihm bereiteten, sondern das Schuldbewußtsein das Niederdrückende war, die Leiden durch seine Verirrungen gegen Gott verdient zu haben. Vor Allem die Erinnerung an diese Thatsache dürfte wohl von David haben bewahrt werden sollen; denn Nichts ist wohl so geeignet, uns in guten Tagen vor Verirrungen zu schützen, als die Erinnerung an die Erfahrung, wie drückend und niederschlagend ein jedes Schuldbewußtsein ist, und wie unglücklich es uns macht.

2
יְֽהֹוָ֗ה אַל־בְּקֶצְפְּךָ֥ תוֹכִיחֵ֑נִי וּֽבַחֲמָתְךָ֥ תְיַסְּרֵֽנִי׃
BernfeldHerr, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm.
ZunzEwiger, nicht in deinem Zorn strafe mich, und nicht in deinem Grimm züchtige mich.
HirschGott! Nicht mit deinem Zorne wolle mich zurecht weisen und mit deinem Unwillen mich zur Zucht bringen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. 3. ד' אל בקצפך. Siehe Ps. 6. 2. קצף: siehe Pent. 5. B. M. 9, 7. Es bedarf nicht heftig zürnender Zurechtweisung und Züchtigung, um mich zur Erkenntniß und zur Besserung zu bringen. Denn deine Pfeile sind schon tief in mich gedrungen, sobald sich nur deine strafende Hand auf mich niedersenkt. Das Bewußtsein Strafe zu verdienen, ist mir schon die schmerzlichste Strafe.

3
כִּֽי־חִ֭צֶּיךָ נִ֣חֲתוּ בִ֑י וַתִּנְחַ֖ת עָלַ֣י יָדֶֽךָ׃
BernfeldDenn deine Pfeile sind in mich eingedrungen und deine Hand lastet auf mir.
ZunzDenn deine Pfeile sind in mich eingedrungen, und deine Hand dringt auf mich ein.
HirschDenn deine Pfeile sind schon in mich gedrungen wenn deine Hand sich auf mich niedersenkt.
4
אֵין־מְתֹ֣ם בִּ֭בְשָׂרִי מִפְּנֵ֣י זַעְמֶ֑ךָ אֵין־שָׁל֥וֹם בַּ֝עֲצָמַ֗י מִפְּנֵ֥י חַטָּאתִֽי׃
BernfeldAn meinem Körper ist nichts Heiles ob deinem Grollen, kein Frieden in meinen Gebeinen wegen meiner Sünde.
ZunzNichts Heiles ist an meinem Fleisch ob deinem Grollen, kein Frieden in meinen Gebeinen ob meiner Sünde.
HirschNichts Gesundes ist an meinem Leibe wegen deines mir fühlbaren Zürnens, kein Friede in meinem Gebein wegen meiner Sünde.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. אין מתם וגו', מתם Substantiv von תמם: ganz, unverletzt sein. זעם Siehe Ps. 7, 12. Das Bewußtsein meiner Schuld — nicht die Krankheit — macht mich krank. אין שלום בעצמי: alle meine Glieder sind aus dem Gefuge.

5
כִּ֣י עֲ֭וֺנֹתַי עָבְר֣וּ רֹאשִׁ֑י כְּמַשָּׂ֥א כָ֝בֵ֗ד יִכְבְּד֥וּ מִמֶּֽנִּי׃
BernfeldDenn meine Missetaten übersteigen mein Haupt, wie schwere Last drücken sie mich nieder.
ZunzDenn meine Missethaten übersteigen mein Haupt, wie schwere Last werden sie mir zu schwer.
HirschDenn meine Sünden sind mir über mein Haupt gestiegen, wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. כי עונתי וגו'. Denn mit der Einen gegenwärtigen Sünde, (חטאתי) des vorigen V.), treten mir alle Verirrungen meiner ganzen Vergangenheit wieder in's Bewußtsein, עברו ראשי: summiren sich mir zu einer Riesengröße zusammen.

6
הִבְאִ֣ישׁוּ נָ֭מַקּוּ חַבּוּרֹתָ֑י מִ֝פְּנֵ֗י אִוַּלְתִּֽי׃
BernfeldEs faulen, modern meine Wunden ob meiner Torheit.
ZunzEs faulen, modern meine Wunden, ob meiner Thorheit.
HirschFaul bis zum Vermodern sind meine Beulen wegen meiner Thorheit.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. הבאישו וגו', מקק: (verw. mit מכך, מגג, מ") zergehen, aufgelöst und Moder werden. Meine Beulen werden nur darum bis zur Auflösung faul, weil ihnen die zur Gesundung führende Reaktion von Innen heraus fehlt, und diese fehlt, weil mir das Bewußtsein meiner Verirrungen alle geistige und sittliche Kraft geraubt. Diese Verirrungen werden hier sehr bezeichnend אולת genannt. Schon an sich ist אויל und אולת durchaus nicht nur ein geistiger, theoretischer, sondern vorzugsweise ein sittlicher, praktischer Charaktermangel. Von אול, Wurzel von אולי: vielleicht, verwandt mit אפל (Siehe Pent. 1. B. M. S. 292), bezeichnet es die Schwäche der Unklarheit, die sich nicht mit entschiedenem Sinn für das allein Wahre und Gute entscheidet. So ist ja auch שטה: das Abweichen vom Pfade der Sittlichkeit, mit שטה, dem Abweichen vom Pfade des Verstandes verwandt, woher der Satz der Weisen: אין אדם עובר עבירה אא"כ נכנס בו רוח שטות (Siehe Pent. 4. B. M. 5, 12). Jede Sünde ist Thorheit, und die einzige wahre Klugheit ist Rechtschaffenheit und Pflichttreue. In den quälenden Folgen der Sünde zeigt sich, welche Thorheit die Sünde war. Daher hier ganz besonders: אולתי.

7
נַעֲוֵ֣יתִי שַׁחֹ֣תִי עַד־מְאֹ֑ד כׇּל־הַ֝יּ֗וֹם קֹדֵ֥ר הִלָּֽכְתִּי׃
BernfeldIch winde mich, senke gar sehr das Haupt, alle Tage gehe ich betrübt umher.
ZunzIch winde mich, senke gar sehr das Haupt, den ganzen Tag geh' ich betrübt umher.
HirschDarum krümmte ich mich und war maßlos gebückt, ging den ganzen Tag trüb einher.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. נעויתי וגו'. Nicht meine körperliche Schwäche, das Bewußtsein meiner sittlichen Thorheit krümmte und beugte mich nieder und machte, daß ich betrübt einherging. קדר, ja auch Ausdruck für die Trübung der Himmelsklarheit durch Wolken, והשמים התקדרו עבים ורוח (Kön. I. 18, 45), verwandt mit קטר, wovon קיטור: Rauch und Nebel.

8
כִּֽי־כְ֭סָלַי מָלְא֣וּ נִקְלֶ֑ה וְאֵ֥ין מְ֝תֹ֗ם בִּבְשָׂרִֽי׃
BernfeldDenn meine Schenkel sind voll Brandes, und nichts Heiles ist an meinem Leibe.
ZunzDenn meine Schenkel sind voll Brandes, und nichts Heiles ist anmeinem Fleische.
HirschDenn meine Lenden waren voller Brand, und nichts Gesundes war an meinem Leibe.
9
נְפוּג֣וֹתִי וְנִדְכֵּ֣יתִי עַד־מְאֹ֑ד שָׁ֝אַ֗גְתִּי מִֽנַּהֲמַ֥ת לִבִּֽי׃
BernfeldOhnmächtig bin ich und zerknirscht gar sehr, ich jammere unter meines Herzens Stöhnen.
ZunzOhnmächtig bin ich und zerknirscht gar sehr, ich jammere unter meines Herzens Stöhnen.
HirschIch schwand dahin und war ungemein gedrückt, ich schrie aus HerzensJammer:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. נפוגתי וגו'. פוג: aufhören, schwachwerden (verwandt mit פוק: פיק ברכים Nachum 2, 11. Siehe Ps. 140, 9).

10
אֲֽדֹנָ֗י נֶגְדְּךָ֥ כׇל־תַּאֲוָתִ֑י וְ֝אַנְחָתִ֗י מִמְּךָ֥ לֹֽא־נִסְתָּֽרָה׃
BernfeldHerr, dir ist gegenwärtig all mein Verlangen, und mein Seufzen ist dir nicht verborgen.
ZunzHerr, dir ist gegenwärtig all mein Begehr, und mein Seufzen war dir nicht verborgen.
HirschMein Herr, dir ist gegenwärtig all mein Sehnen, und mein Seufzen ist dir nicht verborgen,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. אדני נגדך וגו'. Trotz seiner Verirrungen, ja eben im Bewußtsein derselben, nennt er Gott „seinen Herrn," eine Gottesbenennung, die ja vorzugsweise das Verhältniß der Dienstwirksamkeit bezeichnet, in welchem sich Jemand zu Gott fühlt, eben ein עבד ד' nennt Gott: אדני. Waren es doch nicht sociale Vergehen und Versündigungen gegen Menschen, die David drückten, sondern Unzulänglichkeiten und Verirrungen in Beziehung zu Gott. Daher kennt nur Gott seinen Gemüthszustand. תאותי: was ich wünsche, אנחתי: welchen Verlust ich beseufze.

11
לִבִּ֣י סְ֭חַרְחַר עֲזָבַ֣נִי כֹחִ֑י וְֽאוֹר־עֵינַ֥י גַּם־הֵ֝֗ם אֵ֣ין אִתִּֽי׃
BernfeldMein Herz ist ruhelos, meine Kraft verlässt mich, und auch meiner Augen Licht ist mir nicht geblieben.
ZunzMein Herz ist ruhelos, mich verläßt meine Kraft, und meiner Augen Licht, auch das ist nicht bei mir.
Hirschmein Herz irrt hin und her, meine Kraft hat mich verlassen, selbst meiner Augen Licht ist nicht bei mir.
12
אֹֽהֲבַ֨י ׀ וְרֵעַ֗י מִנֶּ֣גֶד נִגְעִ֣י יַעֲמֹ֑דוּ וּ֝קְרוֹבַ֗י מֵרָחֹ֥ק עָמָֽדוּ׃
BernfeldMeine Freunde und meine Genossen stehen fern von meiner Pflege, und meine Nächsten stehen von weitem.
ZunzMeine Freunde und meine Genossen stehen fern ab von meiner Plage, und meine Nächsten stehen von weitem.
HirschMeine Freunde und Genossen stehen fern von meinem Leiden, und meine Verwandten bleiben aus der Ferne stehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12. 13. אהבי וגו'. Indem meine Freunde und Verwandte mich verließen, bekamen meine Feinde Muth zu Verleumdungen und Verlästerungen. הוות, Substantiv in Pielform von היה, הוה: Dingen, die nicht sind, Dasein geben: ersinnen, ausbrüten.

13
וַיְנַקְשׁ֤וּ ׀ מְבַקְשֵׁ֬י נַפְשִׁ֗י וְדֹרְשֵׁ֣י רָ֭עָתִי דִּבְּר֣וּ הַוּ֑וֹת וּ֝מִרְמ֗וֹת כׇּל־הַיּ֥וֹם יֶהְגּֽוּ׃
BernfeldDie mir nach dem Leben trachten legen Schlingen, und die mein Unglück wünschen reden Verderben, und Trug sinnen sie alle Tage.
ZunzUnd Schlingen legen, die mir nach dem Leben trachten, und die mein Unglück wünschen, reden Verderben, und Trug sinnen sie den ganzen Tag.
HirschDa suchten denn, die auf meine Seele fahnden, Schlingen zu legen, und die mein Unglück wollen, sprechen was sie ausgebrütet und sinnen den ganzen Tag auf Trug.
14
וַאֲנִ֣י כְ֭חֵרֵשׁ לֹ֣א אֶשְׁמָ֑ע וּ֝כְאִלֵּ֗ם לֹ֣א יִפְתַּח־פִּֽיו׃
BernfeldIch höre es nicht, als wäre ich taub; ich bin wie ein Stummer, der seinen Mund nicht öffnet.
ZunzUnd ich, wie ein Tauber höre nicht, und bin wie ein Stummer, der seinen Mund nicht öffnet.
HirschIch aber, als wär' ich taub, höre nichts, und wie ein Stummer, der seinen Mund nicht öffnen kann.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 14—17. ואני וגו'. Allen diesen Verleumdungen und Verlästerungen gegenüber verhielt ich mich völlig schweigend, und hoffte, daß Gott, in dessen Dienst ich stehe und den ich als Lenker meiner Geschicke und Leiter meiner Thaten verehre, für mich antworten, d. h. die Unwahrheit aller dieser Verlästerungen an den Tag bringen werde. Denn ich fürchtete, wenn ich antwortete leicht gereizt zu werden, und mich zu von Gott nicht gebilligten Aeußerungen hinreißen zu lassen. Solche Aeußerungen wären meinen Feinden recht gewesen; denn über jede Schwäche, die sie an mir je wahrgenommen, triumphirten sie.

15
וָאֱהִ֗י כְּ֭אִישׁ אֲשֶׁ֣ר לֹֽא־שֹׁמֵ֑עַ וְאֵ֥ין בְּ֝פִ֗יו תּוֹכָחֽוֹת׃
BernfeldIch bin geworden wie einer, der nicht merkt und in dessen Mund keine Verteidigung ist.
ZunzSo bin ich gleich einem Manne, der nicht hört, und in dessen Munde keine Vertheidigung ist.
HirschSo ward ich wie ein Nichts hörender Mann, in dessen Mund keine Zurechtweisungen sind.
16
כִּֽי־לְךָ֣ יְהֹוָ֣ה הוֹחָ֑לְתִּי אַתָּ֥ה תַ֝עֲנֶ֗ה אֲדֹנָ֥י אֱלֹהָֽי׃
BernfeldDenn auf dich, Herr, harre ich; du wirst mich erhören, Herr mein Gott!
ZunzDenn auf dich, Ewiger, harre ich, du wirst antworten, Herr, mein Gott!
HirschDenn deiner, Gott, harrte ich, Du werdest antworten, mein Herr mein Gott!
17
כִּֽי־אָ֭מַרְתִּי פֶּן־יִשְׂמְחוּ־לִ֑י בְּמ֥וֹט רַ֝גְלִ֗י עָלַ֥י הִגְדִּֽילוּ׃
BernfeldDenn ich besorge, dass sie über mich nicht frohlocken, dass sie sich über mich nicht erheben, wenn mein Fuß wankt.
ZunzDenn ich sprach: Daß sie nicht frohlokken über mich, wenn mein Fuß wankt, sich über mich erheben.
HirschDenn ich dachte, sie könnten sich über mich freuen, sie, die, wenn je mein Fuß gewankt, über mich groß gethan.
18
כִּֽי־אֲ֭נִי לְצֶ֣לַע נָכ֑וֹן וּמַכְאוֹבִ֖י נֶגְדִּ֣י תָמִֽיד׃
BernfeldDenn zum Sturze bin ich vorbereitet, und mein Schmerz ist stets mir gegenwärtig.
ZunzDenn zum Sturze bin ich vorbereitet, und mein Schmerz ist stets mir gegenwärtig.
HirschDenn ich, auf einen Unfall war ich gefasst, und mein Leid mir stets gegenwärtig,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 18. 19. כי אני וגו' צלע, siehe oben Ps. 35, 15. Denn das Leid, das mich betraf, kam mir nicht unerwartet, ich war mir meines Vergehens bewußt, verhehlte mir meine Sünde nicht, und es schwebte mir immer vor, daß mich Leid treffen würde.

19
כִּֽי־עֲוֺנִ֥י אַגִּ֑יד אֶ֝דְאַ֗ג מֵ֖חַטָּאתִֽי׃
BernfeldDenn meine Missetat gestehe ich ein, ich verzage über meine Sünde.
ZunzDenn meine Missethat mache ich kund, verzage ob meiner Sünde.
Hirschweil ich meine Sünde vergegenwärtigte, Sorge trug wegen meines Vergehens.
20
וְֽ֭אֹיְבַי חַיִּ֣ים עָצֵ֑מוּ וְרַבּ֖וּ שֹׂנְאַ֣י שָֽׁקֶר׃
BernfeldMeines Lebens Feinde sind mächtig, und zahlreich, die mich in ihrer Falschheit hassen.
ZunzUnd meines Lebens Feinde sind mächtig, und zahlreich, die mich hassen um Nichts;
HirschMeine Feinde hingegen strotzten von Leben, und zahlreich wurden die mich aus erlogenem Grunde hassen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 20. 21. ואיבי וגו', meine Feinde aber sind so ergraut in Sünden, daß sie das Bewußtsein gar nicht drückt, und sie daher in ungetrübter Heiterkeit gleichsam strotzen von Leben; darum treten so viele auf ihre Seite und hassen mich aus völlig erlogenem Grunde, und Menschen, denen nichts drückender ist, als das Bewußtsein, Jemandem Dank schuldig zu sein — wie das der gewöhnliche Charakterzug gemeiner Seelen ist — und die darum sich gewöhnlich Gründe erdichten, weshalb sie dem, dem sie zu Dank verpflichtet sind, eigentlich zu gar nichts verpflichtet, ja vielmehr zum Gegentheil berechtigt wären, die treten als die größten Hinderer in meinen Weg, dafür, daß ich nur Gutes gewollt. — In der Schreibart רדופי tritt die unverbundene מקור-Form: רדוף mehr hervor und ist damit die Verbindung mit der Persönlichkeit Etwas gelockert, vielleicht um — da in diesem ganzen Kap. mehr das Schuldbewußtsein vorherrscht, — auch die Aussage von dem guten Streben nicht mit solcher Entschiedenheit von der eigenen Persönlichkeit auszusprechen,

21
וּמְשַׁלְּמֵ֣י רָ֭עָה תַּ֣חַת טוֹבָ֑ה יִ֝שְׂטְנ֗וּנִי תַּ֣חַת (רדופי) [רׇֽדְפִי־]טֽוֹב׃
BernfeldDie nur Böses vergelten für Gutes, die mich befeinden darum, dass ich nach dem Guten strebe.
ZunzUnd die Böses vergelten für Gutes, die mich befeinden darum, daß ich nach dem Guten strebe.
HirschDie Böses für Gutes vergelten, treten mir hindernd in den Weg dafür, daß ich nach Gutem strebe.
22
אַל־תַּעַזְבֵ֥נִי יְהֹוָ֑ה אֱ֝לֹהַ֗י אַל־תִּרְחַ֥ק מִמֶּֽנִּי׃
BernfeldVerlasse mich nicht, Herr, mein Gott, entferne dich nicht von mir.
ZunzVerlasse mich nicht, Ewiger, mein Gott, entferne dich nicht von mir.
HirschVerlasse mich nicht, Gott, mein Gott, bleibe nicht fern von mir.
23
ח֥וּשָׁה לְעֶזְרָתִ֑י אֲ֝דֹנָ֗י תְּשׁוּעָתִֽי׃ {פ}
BernfeldEile zu meinem Beistand, Herr, meine Hilfe!
ZunzEile zu meinem Beistand, Herr, meine Hülfe!
HirschEile zu meiner Hilfe; du bist mein Herr, das ist mein Sieg.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 23. חושה וגו' אדני תשועתי: daß ich dich als meinen Herrn anerkenne, dem trotz meiner Verirrung ich doch mit meinem Sein und Wollen mich unterordne, darin liegt meine Zuversicht auf endlichen Sieg über Alles, was mir feindlich gegenüber steht.