Tehillim 37 תהילים

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1
לְדָוִ֨ד ׀ אַל־תִּתְחַ֥ר בַּמְּרֵעִ֑ים אַל־תְּ֝קַנֵּ֗א בְּעֹשֵׂ֥י עַוְלָֽה׃
BernfeldVon David. Erhitze dich nicht über die Bösewichter, ereifere dich nicht über die, welche Unrecht tun.
ZunzVon Dawid. Werde nicht unmuthig ob den Bösewichtern, ereifere dich nicht über die, so unrecht thun.
HirschVon David. Ereifere dich nicht über die Übelthäter, beneide nicht Vollbringer von Gewalt;
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 37, V. 1. Dieses Kap. schließt sich seinem Inhalte nach enge dem vorigen an. Die Wahrheiten, die in diesem über Gottes Waltungsweisen dem guten und schlechten Menschen gegenüber zum Ausdruck kamen, werden hier in Lehrsätzen verwerthet, die den Pflicht-Anstrebenden zum treuen Ausharren und zu heiterer Ruhe mitten in bescheidenster, ja von Kümmernissen getrübter Lebenslage ermuntern, und ihn davor schützen sollen, sich durch das dem Pflichtvergessenen, ja Pflicht-Verachtenden oft zu Theil werdende Glück in dem ruhigen Gange seines geraden Wandels nicht irre machen zu lassen. V. 1—4 spricht diesen Gedanken zuerst allgemein aus, es folgen sodann besondere Lehren, V. 5. 6. für Lagen von großen Schwierigkeiten, V. 7—11 von Prüfungen, 12—15 von Gefahren. V. 16—20 schildert sodann das beglückende Bewußtsein der Gottesnähe im bescheidenen Glücke, V. 21—26 die Seligkeit der Geschickesselbstlosigkeit, V. 27—29 zeigt die Consequenz aus dem Vorhergehenden für das sittliche Verhalten, V. 30—40 schildert den Gerechten und den Pflichtvergessenen in ihren gegensätzlichen äußern Erscheinungen.

Ueber die einfache Ueberschrift לדוד, sowie über die alphabetische Folge der Verse, siehe zu Kap. 25, 1

V. 1. אל תתחר heißt nicht: zürne nicht über die Handlungsweisen des Bösen, eifere nicht wider die Bösen — es heißt ja auch nicht: אל יחר אפך במרעים — sondern; ereifere dich nicht, ärgere dich nicht über das Glück der Bösen. So Berachoth 7, b: מותר להתגרות ברשעים בעה"ז, wohl ist es gestattet, wider die Gesetzlosen zu streiten, selbst in den gegenwärtigen Zeiten, denn es heißt (Prov. 28, 4) עזבי תורה יהללו רשע שומרי תורה יתגרו בם, nur die selbst vom Gesetze lassen, rühmen den Gesetzlosen, Gesetzeshüther streiten wider sie, ואם לחשך אדם לומר, flüstert dir aber Jemand in's Ohr: והא כתיב אל תתחר במרעים וגו', es steht doch geschrieben: אל תתחר וגו', so sage ihm: מי שלבו נוקפו אימר כן, wer selbst Herzklopfen über die eigenen Vergehen hat, faßt dies so auf, vielmehr ist damit gesagt: אל תתחר במרעים להיות כמרעים ואל תקנא בעושי עולה להיות כעשי עולה, ereifere dich nicht über das Glück der Schlechten und beneide sie nicht, so daß du selbst in ihren Wegen wandeln möchtest.

אל תתחר, Hithpael von חרה. Laß dich das Glück der Uebelthäter nicht verdrießen, daß du in ihrem Glücke die Waltung der göttlichen Gerechtigkeit vermissest, ja, אל תקנא בעשי עולה, beneide nicht einmal das Glück Derer, die ihre höhere Glückesstellung zur Ausübung von Gewalt mißbrauchen. עול ist der Mißbrauch der Macht, wie און der Mißbrauch der און, der Kraft.

2
כִּ֣י כֶ֭חָצִיר מְהֵרָ֣ה יִמָּ֑לוּ וּכְיֶ֥רֶק דֶּ֝֗שֶׁא יִבּוֹלֽוּן׃
BernfeldDenn wie Gras werden sie schnell abgemäht und wie grünes Kraut verdorren sie.
ZunzDenn flugs wie Gras werden sie abgemähet, und wie grünes Kraut verdorren sie.
Hirschdenn wie Gras — werden sie bald geschnitten, und wie Kräutergrün — welken sie dahin.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. כי כחציר וגו', חציר und דשא sind durch die Accente von dem Folgenden getrennt. Siehst du sie wie Gras, so leicht und mühelos aufsprießen wie Gras, das überall aufwächst, wo auch nur eine Handvoll Erde sich darbietet: so denke, es dauert nicht lange, so werden sie geschnitten. ימלו Kal von נמל, wie יבראש שבלת ימלו (Hiob 24, 24) siehe Pent. 1. B. M. 17, 10. Siehst du sie wie Kräutergrün, das, wenn gleich gepflanzt, doch in kurzer Zeit zur Reife der Vollendung gedeiht, und weder tiefe noch starke Wurzeln in die Erde zu treiben braucht: so denke, sie welken auch so dahin. ימלו oder יבולו. Vernichtung durch äußere Ereignisse oder durch innere Verkommenheit, das ist das endliche Loos der Schlechten auf Erden.

3
בְּטַ֣ח בַּ֭יהֹוָה וַעֲשֵׂה־ט֑וֹב שְׁכׇן־אֶ֝֗רֶץ וּרְעֵ֥ה אֱמוּנָֽה׃
BernfeldVertraue dem Herrn und tue Gutes, wohne im Lande und pflege Treue.
ZunzVertraue dem Ewigen und thue Gutes, wohne im Lande und pflege Treue.
HirschVerlasse dich auf Gott und übe Gutes, ruhe auf Erden und weide Vertrauen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. בטח בד', בטה, ja verwandt mit פתח, ohne Schloß und Mauern sein, bezeichnet jene Zuversicht in Gott, die, selbst ohne allen Schutz und Halt, in dem Bewußtsein der Gottes-Obhut und Waltung sich sicher fühlt, und ihr ganzes Geschick Gott überläßt. Im Gegensatz zu den מרעים und עושי עולה, die nur in der Erde ihre Wurzel haben, wurzele du ganz in Gott, in Gott, ד', der, wie sein Name sagt, die ganze Zukunft in Händen hat und gestaltet, dessen die Ewigkeit ist; und auch dein ist die Ewigkeit, wenn du sein, wenn du Gottes bist. בטח בד': dein Geschick und den ganzen Erfolg all deines Strebens und Wirkens stelle Gott anheim, und עשה טוב, habe nur die eine Sorge: Gutes zu üben wo und wie du kannst. Ob die Menschen dein Streben anerkennen oder verlachen, fördern oder hemmen, das kümmere dich nicht, so du nur weißt, daß es „gut" ist, daß es Gott wohlgefällig ist. — שכן ארץ, ein Ausdruck, dem wir fortan häufiger begegnen, ebenso wie dem ירש ארץ V. 11. שכן, vorzugsweise der Ausdruck für: eine ungestörte, ruhige, bleibende Stätte haben — daher ja auch absolut, wie בני עבדיך ישכונו (Ps. 102, 29) — heißt andererseits zugleich: anwohnen, Nachbarsein, daher שכן: der Nachbar, somit seine Stelle neben etwas Anderm haben, so daß die Beiden sich friedlich berühren, ohne in einander aufzugehen (Vgl. Pent. 1. B. M. S. 183. 184). Im Gegensatz zu שכן ist ארץ: die in stetem Wandel Begriffene. שכן ארץ: Mitten in diesem Wandel alles Irdischen gewinne du ein ruhiges stetiges Sein, und, wenn gleich von ihm getragen, mit ihm befreundet, ja in ihm Boden und Bedingung deines ganzen hieniedigen Seins und Vollbringens habend, gehe doch nicht in das Irdische auf, sei nur sein „Anwohner" und wahre dein eignes selbstständiges Sein, wenn auch Alles unter dir und neben dir wankt und wandelt. Damit bildest du den vollendeten Gegensatz zu den vorhin gezeichneten Menschen, die, wie Gras und Kräutergrün im Irdischen wurzelnd, mit ihrem ganzen Sein und Wollen allen Wechselfällen und Wandlungen des irdisch Vergänglichen hingegeben sind. — ורעה אמונה: und „weide" dein Vertrauen, d. h. führe deine אמונה, ja, das innigste, hingebungsvollste Festhalten an Gottes uns führende und erziehende Hand, führe deine אמונה auf die Weide deiner Lebenserfahrungen, „nähre und stärke" sie durch Alles, was du erlebst. (רעה siehe Pent. 1. B. M. S. 91). Durch בטח בד' gewinnest du שכן ארץ, und im עשה טוב, in dem Gelingen und Mißlingen Dessen, was du nach deiner besten Einsicht als das dem göttlichen Willen Entsprechende anstrebst und unternimmst, und aus allen Erfahrungen, die du dabei machst, lerne immer klarer die dich väterlich führende und erziehende Gotteshand kennen, und werde immer stärker an אמונה.

4
וְהִתְעַנַּ֥ג עַל־יְהֹוָ֑ה וְיִֽתֶּן־לְ֝ךָ֗ מִשְׁאֲלֹ֥ת לִבֶּֽךָ׃
BernfeldDu wirst deine Lust am Herrn haben, und er wird dir deines Herzens Wünsche erfüllen.
ZunzUnd habe deine Lust am Ewigen, und er wird dir geben deines Herzens Wünsche.
HirschSuche dir Wonne bei Gott, so giebt er dir deines Herzens Wünsche.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. והתענג על ד'. ענג ist der Genuß eines in stiller Begränzung zu findenden Behagens (Siehe Pent. 1. B. M. S. 244). התענג על ד': Suche und finde dein höchstes Wohlbehagen bei Gott, wolle nur solche Freuden, finde nur an solchen Freuden Freude, mit denen du nicht vor Gott zu erröthen brauchst, ja, die eigentliche Freude deiner Freuden bilde das Bewußtsein, daß du mit ihnen in der Gottesnähe zu bleiben vermagst, daß sie dir von Gott stammen, daß sein Wohlgefallen bei deinen Freuden weilt, daß du mit deiner Freude bei Gott bleibst. התענג על ד': suche die Freuden, die nur bei Gott zu finden sind, ויתן לך משאלות לבך, so wird die Erfüllung deiner Wünsche nicht ausbleiben. (Vgl. voriges Kap. V. 9). Ehe wir mit unsern Wünschen zu Gott hintreten, läutern wir erst unser Herz, daß es nur solche Wünsche hege, die der Erhörung Gottes würdig sind.

5
גּ֣וֹל עַל־יְהֹוָ֣ה דַּרְכֶּ֑ךָ וּבְטַ֥ח עָ֝לָ֗יו וְה֣וּא יַעֲשֶֽׂה׃
BernfeldBefiehl dem Herrn deinen Weg, vertraue ihm und er wird es vollbringen.
ZunzBefiehl dem Ewigen deinen Weg, und vertraue ihm und er wird es vollbringen.
HirschWälze auf Gott die Last deines Weges, vertraue auf ihn, Er vollbringt es,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. גול וגו'. V. 1—4 hat uns die Anschauungen, Gesinnungen und Grundsätze im Allgemeinen vorgeführt, in welchen der Gott zugewandte Mensch die Reinheit und das Glück seines Lebens findet. Es folgt nun Belehrung für einzelne besondere Lebensmomente. Zuerst: גול על ד' דרכך, גלל: das Fortbringen eines Gegenstandes, der zu heben zu schwer ist, rollen, wälzen. Also: was dir in deinem Lebenswege zu schwer ist, Lasten, die zu heben deine Kraft nicht ausreicht, die überlasse Gott zu tragen. Immer thue das Deine, so weit deine Kraft reicht. Wo aber deine Kraft zu Ende ist, da verlasse dich für das Weitere auf Gott, er wird, was heilsam an deinem Beginnen ist, schon zu Ende führen. Nie darf das Bewußtsein von der Unzulänglichkeit unserer Kraft uns zu einer Unthätigkeit führen, die das Unternehmen des Guten unterläßt, weil ihm Schwierigkeiten in dem Weg stehen, deren Ueberwindung uns zu schwer fällt. Für alles Gute haben wir einen mächtigen Mitträger in Gott. Thun wir das Unsrige, Gott wird das Seine thun. בטח ב-: Vertrauen in Jemanden haben, daß er das von ihm zu Erwartende thun werde. בטח על-: sein Vertrauen auf Jemandem ruhen lassen. Sich von Jemandem getragen wissen und darin Ruhe und Zuversicht finden.

6
וְהוֹצִ֣יא כָא֣וֹר צִדְקֶ֑ךָ וּ֝מִשְׁפָּטֶ֗ךָ כַּֽצׇּהֳרָֽיִם׃
BernfeldEr wird hervorgehen lassen wie das Licht deine Gerechtigkeit, und dein Recht wie Mittagshelle.
ZunzUnd wird hervorgehen lassen wie das Licht deine Gerechtigkeit, und dein Recht wie Mittagshelle.
Hirschführt wie Licht dein Recht hervor, und deine Gerechtsame wie den Mittag.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. והוציא וגו'. Eine Widerwärtigkeit giebt es, zu deren Beseitigung der Mensch kaum Etwas selbst zu thun vermag, die gleichwohl der Förderung seines Wollens und Strebens im Kreise seiner Mitmenschen sehr im Wege steht, und die unter allen widrigen Erfahrungen selbst dem besten Menschen schmerzlich wehe thut, — es ist dies die Verkennung, ja Verlästerung seiner Rechtschaffenheit und der Reinheit seiner Absichten. Auch dafür lasse Gott sorgen. Es geht kein rechtschaffener Mensch aus der Welt, ohne daß zuletzt die Welt ihm gerecht wird, und die ihm gebührende Anerkennung zollt. והוציא כאור צדק, צדקך: deine Rechtschaffenheit, deine Rechtsidee, die all dein Thun leitet, mag lange durch Gegner und Neider verdunkelt bleiben. Zuletzt zerstreut Gott doch dies dich verdunkelnde Gewölk, und läßt dein Recht hervorleuchten, und משפטך, das dir Gebührende, deine Gerechtsame, wie משפט הכהנים (5. B. M. 18, 3), משפט הנער (Richter 13, 12), oder: das deinem צדק entsprechende Urtheil der Menschen, unzweideutig wie der helle Mittag dir werden. משפטך, in der Rödelheimer Ausgabe von תקפה steht משפטיך im Plural, eine Lesart, die schwierig wäre, da der Plural sonst nicht von Menschen vorkommt. Die mir zugänglichen ältern Ausgaben, haben auch in der That משפטך im Singular.

7
דּ֤וֹם ׀ לַיהֹוָה֮ וְהִתְח֢וֹלֵֽ֫ל ל֥וֹ אַל־תִּ֭תְחַר בְּמַצְלִ֣יחַ דַּרְכּ֑וֹ בְּ֝אִ֗ישׁ עֹשֶׂ֥ה מְזִמּֽוֹת׃
BernfeldErgib dich dem Herrn und harre sein, erhitze dich nicht über den Glücklichen, über den Mann, der seine Entwürfe ausführt.
ZunzErgieb dich dem Ewigen und harre sein, werde nicht unmuthig, ob dem Glücklichen, ob dem Manne, der seine Entwürfe ausführt.
HirschSchweige Gott gegenüber, und gieb dich Ihm zur Bildung hin. Ereifere dich nicht über Den, der selbst seinen Weg zum Ziele führt, über den Mann, der selbstersonnene Pläne vollbringt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. דום לד' והתחולל לו ist vielleicht die an Bedeutung tiefste Lehre des Kapitels. דום, von דמם, schweigen, wie וידם אהרן (3. B. M. 10, 3), sich jeden Wortes, jeder Klage, jeder Einrede &c. enthalten. Wie dir unbegreiflich auch die Geschicke sein mögen, die dir von Gottes Hand beschieden werden, דום לד', Gott gegenüber, das Bewußtsein, daß Alles dir von Ihm kommt, bringe in dir alles Klagen, alles Fragen zum Schweigen. והתחולל לו, חולל (von חלל, siehe Jeschurun VIII. 169, 170.) Etwas zur Geburt bringen, kreißen lassen, (eigentlich: Etwas zum Anfang bringen, machen daß Etwas entstehe). So יחולל אילות (Ps. 29, 9), ותשכח אל מחוללך (5. B. M. 32, 18), התחולל ל- (ähnlich wie התחנן אל siehe Pent. 5. B. M, 3, 23), buchstäblich: gieb dich der göttlichen Gestaltungsund Bildungsarbeit hin, laß dich von Gott zur Geburtsreife führen. An jedem Menschen arbeitet Gott, ihn zum möglichst vollendeten Menschen zu machen. Alles, was Gott uns angedeihen läßt, die guten und die bösen Stunden, wirken zu diesem Ziele. Während des ganzen hieniedigen Lebens ist der Mensch gleichsam wie ein Kind im Mutterleibe. Stunde dieser Geburt ist die Stunde seines Todes, er ist dann „geworden," was er hier werden konnte, geht in der Vollendung, die er hienieden erreichen konnte, die er hienieden erreicht hat, in ein neues Dasein über — auch die Geburtswehen fehlen nicht —

Schweige daher Gott gegenüber, gieb dich willig und ruhig seiner dich geistig und sittlich gestaltenden und bildenden Waltung hin, und lasse Alles, was Er dir sendet, zu deiner geistigen und sittlichen Vollendung dienen. In der reflexiven Form: התחולל liegt die Wahrheit, daß diese Bildungsarbeit, welche Gott mit seinen Schickungen an uns üben will, nicht ohne unsere Mitarbeit ihr Ziel erreicht. Wir müssen jeden neuen Lebensmoment als Uebungsaufgabe begreifen, und als solche hingebungsvoll benutzen — Gott allein weiß, welche Bildungsaufgaben nach den Eigenthümlichkeiten eines Jeden für seine endliche Geburt zum wirklichen wahrhaftigen Juden und Menschen am zielentsprechendsten sind — So Hiob 36, 22: הן אל ישגיב בכחו מי כמהו מורה. „Siehe, zu einer immer höhern Höhe führt Gott mit seiner Kraft, wer ist ein Lehrmeister wie Er!" —

אל תתחר במצליח דרכו. Den größten Gegensatz zu einer solchen Lebensanschauung bildet Der, der seinen Lebensweg nur selbst gestalten und nur zu selbst gewählten Zielen führen will. Gelingt ihm dies auch zeitweilig, so ereifere dich darüber nicht, nach deiner Lebensanschauung kannst du darin kein Glück erblicken, nach deiner Lebensanschauung geht ein Solcher seines eigentlichen Lebenszweckes verlustig.

8
הֶ֣רֶף מֵ֭אַף וַעֲזֹ֣ב חֵמָ֑ה אַל־תִּ֝תְחַ֗ר אַךְ־לְהָרֵֽעַ׃
BernfeldLass ab vom Zorn und gib auf den Grimm. Erhitze dich nicht, zu deinem Schaden nur wäre es.
ZunzLaß ab vom Zorn und gieb auf den Grimm, werde nicht unmuthig, nur zum Bösen ist es.
HirschLass' ab von Zorn, bleib fern von Hitze, ereifere dich nicht, es ist doch nur zu Mißgeschick.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. הרף מאף וגו'. אף ist die zornige Aeußerung, חמה der innere Unwille (siehe Pent. 1. B. M. 49, 7). הרף ist: nachlassen, somit weniger als עזב, das ein völliges Verlassen, eine gänzliche Entfernung von Etwas bedeutet. Aeußere dich nicht viel über das Glück von Gott abgewandter Menschen, einen Unwillen darüber lasse gar nicht aufkommen, אך להרע: dies Gelingen Gott mißfälliger Unternehmungen der Menschen ist doch nur zu ihrem hieniedigen Unglück.

9
כִּֽי־מְ֭רֵעִים יִכָּרֵת֑וּן וְקֹוֵ֥י יְ֝הֹוָ֗ה הֵ֣מָּה יִֽירְשׁוּ־אָֽרֶץ׃
BernfeldDenn die Bösewichter werden ausgerottet, aber die auf den Herrn hoffen, werden das Land besitzen.
ZunzDenn die Bösewichter werden ausgerottet, aber die auf den Ewigen hoffen, sie werden das Land besitzen.
HirschDenn Übelthäter werden entwurzelt, die aber zu Gott hinstreben, denen wird die Erde zum Erbe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. כי מרעים וגו'. Dies Gelingen selbst trägt zu ihrem Untergange bei. Denn מרעים, Diejenigen, die das ihnen vergönnte Hiersein zur Verwirklichung des רע, zur Verwirklichung dessen verwenden, was der göttlichen Weltbestimmung widerspricht, und das Gott mit Nichten zur Herrschaft in seiner Welt gelangen lassen will, schneiden sich damit ihre Zukunft ab; וקוי ד' (siehe Ps. 25, 3), Die aber, die mit ihrem ganzen Sein und Wollen nur zu Gott hinstreben, die daher Alles meiden, was sie von Gott entfernt, vielmehr mit allen ihren innern und äußern Lebensthätigkeiten Gott näher kommen wollen, המה "ירשו ארץ (siehe zu Ps. 25, 13), ihnen fällt die Erde in ihrer endlichen Heileszukunft zu, mit jedem Theile ihres die Gottes-Nähe anstrebenden Lebens liefern sie einen Beitrag zur Näherbringung dieser Zukunft, ja „erobern" die „Erde," ihre Erde, was von dem Irdischen in ihr Machtbereich gelangt, für diese Zukunft, in welcher mit dem endlich allgemeinen Pflichtleben der Menschen die Gottesherrlichkeit wieder eingekehrt sein wird auf Erden.

10
וְע֣וֹד מְ֭עַט וְאֵ֣ין רָשָׁ֑ע וְהִתְבּוֹנַ֖נְתָּ עַל־מְקוֹמ֣וֹ וְאֵינֶֽנּוּ׃
BernfeldNur noch ein wenig und der Frevler ist nicht mehr; du siehst dich um nach seiner Stelle und er ist nicht da.
ZunzUnd noch ein Weniges, und der Frevler ist nicht mehr, und du siehest dich um nach seiner Stelle, und er ist nicht da.
HirschNur ein Weniges noch, und es ist der Gesetzlose hin; du stehst sinnend bei seiner Stelle, und er ist nicht mehr.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. ועוד מעט וגו'. Sehr oft schon nach dem Maaß der gegenwärtigen Zeitlichkeit, immer aber im Vergleich mit dem weiten Zukunftsbereich, in welchem der vorige V. die folgereiche Wirkungsdauer der Gott zugewandten Menschen erblickt, ist die Dauer des Gesetzlosen verschwindend klein. והתבוננת על מקומו ואיננו. Sein Sein geht nicht über die kurze Spanne seines Gewesenseins hinaus. Vergebens suchst du eine Spur von ihm an der Stelle, die er eingenommen hatte. Er hat Nichts gethan, was ihn überlebt und ihm eine Fortdauer in der ganzen Folgezeit sichert.

11
וַעֲנָוִ֥ים יִֽירְשׁוּ־אָ֑רֶץ וְ֝הִֽתְעַנְּג֗וּ עַל־רֹ֥ב שָׁלֽוֹם׃
BernfeldAber die Demütigen werden das Land besitzen, sich ergötzen an der Fülle des Friedens.
ZunzAber die Demüthigen werden besitzen das Land, und ergötzen sich an der Fülle des Friedens.
HirschBescheidene aber erben die Erde und fühlen sich wonnig ob der Fülle des Friedens.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11. וענוים וגו', die aber im Gegensatz zu dem מצליח דרכו עשה מזמות (V. 7), der Unzulänglichkeit der menschlichen Kraft und Einsicht bewußt, sich ganz Gott unterordnen, „nichts Anderes sein wollten, als was Gott sie sein lassen wollte," die daher auch, so lange eine gottabgewandte Menschenherrlichkeit das Heft der Verhältnisse in Händen hatte, bescheiden zurückzustehen hatten, ihrer ist — wenn einst die Herrschaft der Gesetzlosigkeit von der Erde geschwunden ist, — die ganze Heileszukunft der Erde, und sie werden dann die Fülle des Friedens zu genießen haben, von dem dann die Erde voll sein wird, — ja, selbst die ענוים der gegenwärtigen Zeitlichkeit, sind trotz ihrer bescheidenen Stellung und in ihrer bescheidenen Stellung die wirklichen יורשי ארץ, die wirklichen Eroberer und Besitzer der Erde, so weit ihr bescheidener Antheil reicht, indem sie an ihren irdischen Kräften und Gütern ihre Meisterschaft üben, sie für die Pflanzung des Göttlichen im Irdischen, für die Anbahnung des Gottesreichs auf Erden verwenden, und dem Vergänglichsten Gepräge und Werth für die Ewigkeit aufdrücken. Ein solches Leben und Streben gewährt aber bei allen von der gegenwärtigen Zeitlichkeit unzertrennlichen Widerwärtigkeiten selbst in der bescheidensten Stellung einen solchen innern Frieden, von dessen Seligkeit die übrige Welt keine Ahnung hat. —

12
זֹמֵ֣ם רָ֭שָׁע לַצַּדִּ֑יק וְחֹרֵ֖ק עָלָ֣יו שִׁנָּֽיו׃
BernfeldDer Frevler sinnt wider den Gerechten, er knirscht gegen ihn mit den Zähnen.
ZunzEs trachtet der Frevler wider den Gerechten, und knirschet gegen ihn mit den Zähnen.
HirschPlant auch ein Gesetzloser gegen den Gerechten und knirscht die Zähne über ihn:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12—15. זמם וגו'. Nach allem Vorigen bildet der צדיק zum רשע einen solchen Gegensatz, daß dieser in dem bloßen Vorhandensein des צדיק einen ewigen Vorwurf, eine stete Verurtheilung seiner eigenen Lebensweise erblickt, und ihm das bloße Vorhandensein eines צדיק im Wege steht. Kein צדיק geht daher ohne Gefahr und Kampf durch's Leben. זומם רשע לצדיק, jeder רשע ist sein geborener Gegner, möchte ihm Unheil bringen, sein gegensätzlicher, wenn gleich still bescheidener Wandel bringt ihn in Wuth. Allein אדנ', Gott, der in dem Ihm als Herrn gehorchenden צדיק seinen Diener erblickt, lacht über die Ohnmacht des רשע; denn Gott sieht, über den gegenwärtigen Augenblick der Größe des רשע hinaus, den Tag seines Untergangs kommen. Dieser Tag kommt nach der Ordnung der göttlichen Waltung, darum läßt er den רשע gewähren. Und חרב וגו', selbst wenn רשעים sich zum Untergange wehrloser Rechtschaffner verbündet haben, so wird ihre Waffe das Werkzeug des eigenen Untergangs, und ihre erprobtesten Geschosse brechen. קשתותם das Dagesch im ש und das dageschlose erste ת weist darauf hin, daß es nicht Plural von קשת, Bogen, sondern von קשת, Bogenschütze gebildet ist. Von קשת würde es קשתותם heißen. קשתות scheint Plural von קשתה zu sein, und dies nicht Bogen überhaupt, sondern Schützenbogen, Schützenwaffe, somit nach Schützenkunst erprobte Bogen zu bedeuten.

13
אֲדֹנָ֥י יִשְׂחַק־ל֑וֹ כִּי־רָ֝אָ֗ה כִּֽי־יָבֹ֥א יוֹמֽוֹ׃
BernfeldAber der Herr spottet seiner, denn er sieht, dass sein Tag kommt.
ZunzDer Herr spottet seiner, denn er sieht, daß sein Tag kommt.
HirschGott lacht seiner, denn Er sieht daß sein Tag herbei kommt.
14
חֶ֤רֶב ׀ פָּ֥תְח֣וּ רְשָׁעִים֮ וְדָרְכ֢וּ קַ֫שְׁתָּ֥ם לְ֭הַפִּיל עָנִ֣י וְאֶבְי֑וֹן לִ֝טְב֗וֹחַ יִשְׁרֵי־דָֽרֶךְ׃
BernfeldDie Frevler ziehen das Schwert und spannen ihren Bogen, zu stürzen den Armen und Dürftigen, zu schlachten, die graden Wandels sind.
ZunzDas Schwert ziehen die Frevler, und spannen ihren Bogen, zu stürzen den Armen und Dürftigen, zu schlachten, die geraden Wandels sind.
HirschHaben Gesetzlose das Schwert gezückt, haben ihren Bogen gespannt, einen Armen und Wehrlosen zu stürzen, zu schlachten die geraden Weges wandeln:
15
חַ֭רְבָּם תָּב֣וֹא בְלִבָּ֑ם וְ֝קַשְּׁתוֹתָ֗ם תִּשָּׁבַֽרְנָה׃
BernfeldIhr Schwert dringt jedoch in ihr eigenes Herz, und ihre Bogen werden zerbrochen.
ZunzIhr Schwert dringt in ihr eigenes Herz, und ihre Bogen werden zerbrochen.
Hirschin ihr eigen Herz kommt ihr Schwert und ihre besten Bogen zerbrechen.
16
טוֹב־מְ֭עַט לַצַּדִּ֑יק מֵ֝הֲמ֗וֹן רְשָׁעִ֥ים רַבִּֽים׃
BernfeldBesser die kleine Zahl der Gerechten, als die Menge vieler Frevler.
ZunzBesser das Wenige, das der Gerechte hat, als die Fülle vieler Frevler.
HirschBesser auch ein Weniges dem Gerechten als das Geräusch Machende vieler Gesetzloser,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 16. טוב מעט וגו'. Es ist aber auch überhaupt das Glück der Menschen nicht nach dem äußern Schein zu beurtheilen. Ein bescheidenes Wenige, das der Gerechte hat, ist beglückender, als eine geräuschvolle Gütermenge, deren sich viele רשעים erfreuen. המון von המה, lärmen, Geräusch machen, bezeichnet allerdings gewöhnlich eine Menschenmenge, allein es kommt auch von leblosen Dingen, die sich geräuschvoll bemerkbar machen vor, wie המון מים (Jerem. 51, 16), insbesondere aber auch von einer Gütermenge, die viel von sich reden macht. So ההמון הזה אשר הכינונו (Chron. I. 29, 16). Vielleicht auch ומי' אהב בהמון (Pred. 5, 9). Dies ist's auch hier. Der צדיק hat nur ein Weniges, von dem nicht viel gesprochen wird, allein dies Wenige ist beglückender als das große Vermögen vieler רשעים, von dem so viel Aufhebens gemacht wird.

17
כִּ֤י זְרוֹע֣וֹת רְ֭שָׁעִים תִּשָּׁבַ֑רְנָה וְסוֹמֵ֖ךְ צַדִּיקִ֣ים יְהֹוָֽה׃
BernfeldDenn der Frevler Arme werden zerbrochen, aber die Gerechten stützt der Herr.
ZunzDenn der Frevler Arme werden zerbrochen, und es stützet die Gerechten der Ewige.
Hirschdenn die Arme Gesetzloser brechen, es stützt aber Gerechte Gott.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 17. כי זרועות וגו', זרוע: das, was Etwas trägt und hält. So זרוע בית אביך (Sam. I. 2, 31), ושם בשר זרועו (Jerem. 17, 5). Denk' einmal, wie vieles hat der רשע zu seinem Glücke nöthig, wie viele Stützen tragen sein Glück! Und alle diese Stützen sind gebrechlich, und er kommt nicht aus der Sorge heraus, sie sich zu erhalten und Stützen für seine Stützen zu suchen. Der Gerechte hat freilich nur Eine Stütze, aber diese Stütze ist — Gott!

18
יוֹדֵ֣עַ יְ֭הֹוָה יְמֵ֣י תְמִימִ֑ם וְ֝נַחֲלָתָ֗ם לְעוֹלָ֥ם תִּהְיֶֽה׃
BernfeldDer Herr hat acht auf die Tage der Unschuldigen und ihr Besitz wird ewig dauern.
ZunzAcht hat der Ewige auf die Tage der Unschuldigen, und ihr Besitz wird ewig dauern.
HirschEs kennt Gott die Tage sittlich ganzer Menschen, und ihr Erbe bleibt für die Ewigkeit.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 18. ידע ד' וגו'. תמימים, „ganze" Menschen, Menschen, die ausnahmlos alle ihre Beziehungen Gott unterordnen, nur von einem Gedanken, dem Gedanken an ihre Pflicht erfüllt sind (siehe Pent. 1.B.M.S.129.279.5.B.M.S.302), wie bescheiden auch ihr Glück, ja wie bekümmert oft ihre Lebenstage, Gott ist jedem ihrer Tage nahe, jeder ihrer Tage steht unter seiner besondern Obhut, und keiner ist bedeutungslos (ידע' siehe Pent. 1.B.M.S.203); allein נחלתם, ihre eigentliche Errungenschaft, Das, was sie durch ihre ganze irdische Wallfahrt von Gott erringen — (Vgl. זאת נחלת עבדי ד' Jes. 54, 17) — das läßt sich nicht nach der äußern Erscheinung ihrer irdischen Tage ermessen, das reicht über die kurze Spanne ihres irdischen Hierseins weit hinüber, das לעולם תהיה, das gehört der Ewigkeit an, das geht mit ihnen in die Ewigkeit und von ihnen auf ihre Kinder über. Ist doch überhaupt das im irdischen Hiersein erscheinende Glück und Unglück keineswegs lediglich als Vergeltung des geübten Guten oder Bösen zu begreifen, שכר מצוה בהאי' עלמא ליכא: der Thaten Lohn wird in diesem Leben nicht geerndtet, Beides gehört vielmehr zu großem Theile zu der Aufgabe unseres Lebens, die vollkommen nur in wechselndem Geschicke, in Glück und Unglück gelöst werden kann. —

19
לֹֽא־יֵ֭בֹשׁוּ בְּעֵ֣ת רָעָ֑ה וּבִימֵ֖י רְעָב֣וֹן יִשְׂבָּֽעוּ׃
BernfeldSie werden nicht zu Schanden zur Zeit des Unglücks und in den Tagen der Hungersnot werden sie satt.
ZunzSie werden nicht zu Schanden zur Zeit des Unglücks, und in den Tagen der Hungersnoth werden sie satt.
HirschIn böser Zeit finden sie sich nicht getäuscht, und in Hungertagen werden sie gesättigt,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 19. לא יבשו וגו'. Selbst bei allgemeinen Kalamitäten stehen sie unter besonderer Obhut. Wie sie ihrer Vergangenheit sich nicht zu schämen haben, so finden sie auch in böser Zeit in ihren Hoffnungen sich nicht getäuscht, und in allgemeinen Hungertagen finden sie doch Sättigung,

20
כִּ֤י רְשָׁעִ֨ים ׀ יֹאבֵ֗דוּ וְאֹיְבֵ֣י יְ֭הֹוָה כִּיקַ֣ר כָּרִ֑ים כָּל֖וּ בֶעָשָׁ֣ן כָּֽלוּ׃
BernfeldDenn die Frevler kommen um, und die Feinde des Herrn schwinden wie die Pracht der Anger, wie der Rauch schwinden sie.
ZunzDenn die Frevler kommen um, und die Feinde des Ewigen, wie die Pracht der Anger schwinden sie, gleich dem Rauche schwinden sie.
Hirschwenn Gesetzlose zu Grunde gehen, und Gottes Feinde wie Widderfett aufgegangen sind, aufgegangen in Rauch.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 20. כי רשעים וגו': wenn; also zu einer Zeit, die ganz eigentlich eine Vernichtungszeit von רשעים ist, in welcher רשעים zu Grunde gehen, und אויבי ד', die dem Göttlichen auf Erden feind sind, wie das Beste, d. i. das Fett von Widdern in Rauch aufgehen. Von allem Andern bleibt noch wenigstens Asche zurück, Fett geht aber in Feuer völlig auf, so auch רשעים ואויבי ד'; gehen sie zu Grunde, so bleibt nichts von ihnen übrig, weil sie eben nur Das waren, was unter dem Zahn der Vergänglichkeit verschwindet —

21
לֹוֶ֣ה רָ֭שָׁע וְלֹ֣א יְשַׁלֵּ֑ם וְ֝צַדִּ֗יק חוֹנֵ֥ן וְנוֹתֵֽן׃
BernfeldEs borgt der Frevler und bezahlt nicht, aber der Gerechte ist mildtätig und freigebig.
ZunzEs borgt der Frevler und bezahlt nicht, aber der Gerechte ist mildthätig und verschenket.
HirschEin Gesetzloser macht immer Schulden und zahlet nie, ein Gerechter aber ist ein Gewährer und Geber.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 21. לוה רשע וגו'. Alles, was wir von der Welt empfangen, ist uns nur ein geliehenes Gut, um damit diejenigen Zwecke zu verwirklichen und diejenigen Ziele anzustreben, womit nach dem von Gott in seinem Gesetze geoffenbarten Willen von uns das Heil seiner Welt gefördert und vermehrt werden soll. Keiner ist für sich da, und jemehr Jemandem verliehen worden, um so größer ist seine Verpflichtung, um so größer die Summe der Leistungen, die von ihm erwartet werden. Der רשע daher, der von keinem Gesetz, von keiner Pflicht wissen will, der nur sich kennt, nur der Befriedigung seiner Bedürfnisse, seiner Wünsche, seiner Neigungen lebt, nur auf Kosten seiner Mitwelt sein Glück bauen will, der leiht nur immer von der Welt ohne je die Gegenleistung zu zahlen, die von ihm erwartet wird, der wird mit jedem Athemzug ein immer größerer Weltschuldner, und je mehr er hat und jemehr er genießt, je größer die Summe der Güter und Genüsse ist, die er aus dem Inventar der Welt eingenommen, um so größer ist der Bankrott, mit dem er einst aus der Welt scheidet.

Der צדיק aber, der seine Pflicht, und nur seine Pflicht kennt, der seiner Pflicht und nur seiner Pflicht lebt, der nur daran denkt, Gott und seiner Welt, wie ja sein Charakter lautet, „gerecht" zu werden, ihnen alles Das zu leisten, was in seinen Kräften steht, je bescheidener seine Glücksstellung ist, je weniger er an Gütern und Freuden aus der Welt empfangen und empfängt, — und von einem solchen im Gegensatz zu dem an Glücksgütern reichen רשע ist ja in diesem ganzen Kapitel die Rede — um so mehr bleibt ihm die Welt schuldig, und als anspruchreichster Weltgläubiger scheidet er einst aus der Welt. So heißt es (Berachoth 17, b) von ר' חנינא בן דוסא, dem verwirklichten Ideale eines solchen צדיק. בכל יום ויום בת קול יוצאת מהר חורב ואומרת כל העולם כולו נזונין בשביל חנינא בני וחנינא בני די לו בקב חרובין מערב שבת לערב שבת „jeden Tag ergeht der Ruf vom Horeb: die ganze Welt genießt das Leistungsverdienst meines Sohnes Chanina, und mein Sohn Chanina begnügt sich mit einem Maaß wilder Bohnen von einem ערב שבת zum andern."

Während daher רשע לוה ולא משלם, fortwährend Schulden macht, die er nie bezahlt, ist der צדיק fortwährend חונן ונותן, ist sein ganzes Leben eine חנינה ונתינה, eine מתנת חנם an die Welt, er leistet und fördert, spendet und schafft Segen wo und wie er kann, ohne an einen שכר, ohne an eine Gegenleistung zu denken. Und zu dieser selbstlosen Hingebung an das Wohl seiner Mitwelt ist ja, wie auch seine Glücksstellung sein mag, ein Jeder befähigt. Ist ja nicht צדקה, nicht die nur mit Geld zu lösende Liebespflichtthat, die der wenig Bemittelte nur in kleinem Maaßstab zu leisten vermag, ist ja גמילות חסד, das Heileswirken mit unserer Persönlichkeit, mit unsern geistigen, sittlichen und leiblichen Kräften, mit unserm Wort und unserer That, das Höhere, und zu dieser höhern Leistung trägt Jeder in reichem Maaße das Vermögen in sich. —

22
כִּ֣י מְ֭בֹרָכָיו יִ֣ירְשׁוּ אָ֑רֶץ וּ֝מְקֻלָּלָ֗יו יִכָּרֵֽתוּ׃
BernfeldDenn die von ihm Gesegneten besitzen das Land, und die von ihm Verfluchten werden ausgerottet.
ZunzDenn seine Gesegneten besitzen das Land, und seine Verfluchten werden ausgerottet.
HirschDenn die von Ihm Gesegneten erben die Erde, und die von Ihm mit Fluch Getroffenen werden entwurzelt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 22. כי מבורכיו וגו'. Es war im Vorstehenden die Betrachtung zu Grunde gelegt, wie ein רשע einen großen Antheil an irdischen Gütern erringt, ohne diese Errungenschaft durch Leistung eines Pflichtlebens zu vergüten, und dem gegenüber ein צדיק ein ganzes Leben voller Pflichtleistungen lebt und dagegegen nur einen geringen Antheil an irdischen Gütern und Freuden zu Genuß erhält. Für diese gegensätzliche Erscheinung des רשע und des צדיק in ihrer irdischen Glücksstellung giebt dieser Vers das Motiv: der durch ein Pflichtleben zu gewinnende, und durch ein Pflicht höhnendes Leben zu verscherzende göttliche Segen ermißt sich nicht nach Gewährung und Versagung größern oder geringern Antheils an Gütern und Genüssen der irdischen Welt in der Gegenwart; vielmehr מברכיו "ירשו ארץ und מקללי יכרתו. Wir haben schon bemerkt, wie die Verheißung 'ירש ארץ über die Dauer der gegenwärtigen Zeitlichkeit hinaus, auf jene Zukunft hinblickt, in welcher das Menschheits-Ziel erreicht und die ganze Erde für die Verwirklichung des Gottes-Reiches durch das Pflichtleben der Menschen gewonnen sein wird. Für die Herbeiführung dieser Heileszukunft auf Erden ist der צדיק mit seinem ganzen Leben thätig, ja, er erweckt bereits einen Anbeginn derselben, indem er sich, seinen Kindern, seinen Angehörigen, der ganzen kleinen Welt, die er die Seine nennt, und auf die er Einfluß übt, den Stempel der Gotteshuldigung aufdrückt, ihnen eine Saat dieser Gotteshuldigung einstreut, die sie als seine Fortträger in gleichem Geiste weitersäen, bis sie in Verein mit dem von allen andern צדיקים hinterlassenen Wirken als die große Aussaat des Lichts und der Wahrheit, der Liebe und des Rechts und der Heiligung des Lebens endlich zur Begründung des ewigen Heiles auf Erden aufgeht, und so jeder צדיק, der je in pflichtgetreuer Lösung seiner Aufgabe sein Leben gelebt, in dem immer reinern Pflichtleben und dem immer vollern Segen seiner leiblichen und geistigen Nachkommenschaft, fortlebt und darin schon einer hieniedigen Unsterblichkeit theilhaft wird, und in dem spätesten Geschlecht, von dem es oben (Ps.25,13) וזרעו "ירש ארץ heißt, noch gegenwärtig ist. Nach einer Auffassung umfaßte der Ausdruck 'ירש ארץ, z. B. ועמך כלם צדיקים לעולם "ירשו ארץ — siehe die Commentare zu Sanhedrin 90, a — auch die durch ein rechtschaffenes pflichtgetreues hieniediges Leben zu erwerbende jenseitige Unsterblichkeit. Es wäre dies dann zugleich die persönliche ewige Errungenschaft, die jeder צדיק durch sein Leben auf Erden erobert, seine wahrhaftige 'ירושת ארץ, seine „irdische Errungenschaft." Zu Beidem bildet כרת den geraden Gegensatz (siehe Pent. zu 1. B. M. 17, 14 und 3. B. M. 20, 20). Es heißt somit hier: „מברכיו, die von Gott Gesegneten erben die hieniedige und jenseitige Unsterblichkeit, מקללי, die von Gottes Unsegen Betroffenen gehen Beider verlustig." Je weniger dem צדיק auf Erden in seiner irdischen Gegenwart Das, was die Menschen irdisches Glück nennen, erblüht, um so reicher winkt ihm seine Segens-Erndte in der hieniedigen und jenseitigen ewigen Zukunft. War ja sein hieniediges Pflichtleben um so reiner und selbstloser. Je reicher der Antheil des רשע an Gütern und Genüssen der gegenwärtigen irdischen Welt gewesen, um so mehr hat er den Fruchtsegen des wenigen Guten, das auch von ihm hienieden vollbracht worden, bereits eingeerndtet. Den unvergänglichen Segen einer über die irdische Gegenwart hinausliegenden Zukunft hat er ja nicht zu gewinnen verstanden, er lag gar nicht in seinem Gesichtskreise. Jedem lohnt Gott das Gute, das er übt, in die Richtung seiner Anschauungen und Bestrebungen, אל פניו ישלם לו wie es 5. B. M. 7, 11 heißt, wo diese Weise der göttlichen Waltung bereits angedeutet ist (Siehe Pent. daf. und 2. B. M.34,7).

23
מֵ֭יְהֹוָה מִֽצְעֲדֵי־גֶ֥בֶר כּוֹנָ֗נוּ וְדַרְכּ֥וֹ יֶחְפָּֽץ׃
BernfeldVom Herrn werden des Mannes Schritte festgestellt, und er ist seinem Wege günstig.
ZunzVom Ewigen werden des Mannes Schritte festgestellt, und er ist seinem Wege hold.
HirschHaben doch von Gott die Schritte des Mannes ihre Richtung erhalten, und es ist Sein Weg, den er wollen soll.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 23. 24. מד' וגו'. Dieser Gegensatz von צדיק und רשע ist ja kein willkührlicher; es ist ja nicht gleichgiltig wie ein Mensch das ihm von Gott angewiesene Hiersein verwendet, und welche Ziele seine Schritte anstreben. Ist ja von Gott den Schritten des Mannes die Richtung vorgeschrieben — so כונן vom Pfeil, Ps. 11, 2. 21, 13. — und nicht den ersonnenen eigenen, seinen, Gottes Weg soll er wollen. Wenn ein Solcher in diesem Gott zugewandten Wege auch fällt, so wird und bleibt er doch nicht hingeworfen, denn Gott hält ihn an der Hand, oder vielmehr: Gott stützt seine Hand, daß er sich wieder aufrichten kann. יוטל: Hofal von טול. So שאוני והטילוני אל הים (Jona 1, 12), בחיק יוטל את הגורל (Prov. 16, 33).

24
כִּֽי־יִפֹּ֥ל לֹֽא־יוּטָ֑ל כִּֽי־יְ֝הֹוָ֗ה סוֹמֵ֥ךְ יָדֽוֹ׃
BernfeldAuch wenn er wankt, stürzt er nicht, denn der Herr stützt seine Hand.
ZunzSo er fällt, stürzt er nicht, denn der Ewige stützt seine Hand.
HirschFällt ein Solcher auch, so wird er nicht hingeworfen; denn Gott stützt seine Hand.
25
נַ֤עַר ׀ הָיִ֗יתִי גַּם־זָ֫קַ֥נְתִּי וְֽלֹא־רָ֭אִיתִי צַדִּ֣יק נֶעֱזָ֑ב וְ֝זַרְע֗וֹ מְבַקֶּשׁ־לָֽחֶם׃
BernfeldJung war ich und bin auch alt geworden, aber nie sah ich einen Gerechten verlassen, oder dass seine Nachkommen nach Brot gehen.
ZunzJung war ich, bin auch alt geworden, und nie sah ich einen Gerechten verlassen, und seinen Samen nach Brod gehen.
HirschJung war ich und bin auch alt geworden, habe aber noch keinen Gerechten verlassen gesehen, dessen Nachkommen um Brod zu betteln hatten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 25. נער הייתי וגו'. Es ist entweder Ausspruch der allgemeinen Welt-Erfahrung, nach dem Ausdruck der Weisen: der Ausspruch des שרו של עולם, des Genius der Weltwaltung, oder, wenn David auch in buchstäblichem Sinne noch kein hohes Alter erreicht hatte, so machen ja, nach dem andern Ausspruche der Weisen, nicht die Jahre, sondern es macht der Erwerb der Weisheit und Erfahrung den זקן, זקן זה שקנה חכמה (Siehe Pent. 1. B. M. 24, 1), und wenige Menschen hatten wohl so viel Erfahrung als David in seinem prüfungs- und wechselvollen Leben, so daß er wohl, wie das הרי אני כבן שבעים שנה des ר' אלעזר בן עזר", von sich sagen konnte, wenn gleich noch jung an Jahren, so bin ich doch bereits an Erfahrung zum זקן gereift.

ולא ראיתי וגו', Es heißt nicht: ולא ראיתי צדיק מבקש לחם, Gott behüte! Dann wäre jeder Bettler durch seine Armuth sittlich gebrandmarkt, und man braucht doch nur unbefangen sich in der Welt umzuschauen, um zu erkennen, wie unter'm ärmlichsten Kleid nicht minder ein rechtschaffenes edles Herz schlagen kann, als unter'm Purpurgewand.

ולא ראיתי צדיק נעזב heißt es: verlassen habe ich keinen צדיק gesehen. Wenn ein צדיק pflichtgetreu das Seinige gethan hat, so weit seine Kräfte reichen, so sendet Gott ihm Beistand, sei es unmittelbar oder vermittelt durch die Pflichtthat pflichtgetreuer Menschen. Solcher Menschenbeistand schändet im jüdischen Kreise nicht und erniedrigt nicht. Es ist das durch Gottes Gesetz angebahnte Pflichtleben, auf welches von vorhinein Gott die Zukunft seines Volkes gegründet hat (siehe Pent. 5. B. M. 15, 11), und in welchem die einzige Lösung aller socialen Räthsel liegt.

Und was ich ferner nicht gesehen, das ist: צדיק נעזב וזרעו מבקש לחם, daß, wenn ein צדיק sein Lebenlang hilfsbedürftig gewesen, somit den Lohn seiner Pflichttreue nicht selbst hienieden genossen, sein זכות nicht seinen in seinen Wegen wandelnden Kindern zu Gute gekommen wäre und sie nicht zum Segen der Selbstständigkeit gebracht hätte.

26
כׇּל־הַ֭יּוֹם חוֹנֵ֣ן וּמַלְוֶ֑ה וְ֝זַרְע֗וֹ לִבְרָכָֽה׃
BernfeldAlle Tage ist er mildtätig und leihet, und seinen Nachkommen wird es zum Segen.
ZunzDen ganzen Tag ist er mildthätig und leihet, und sein Same wird zum Segen.
HirschEr ist den ganzen Tag ein Gewährer und Leiher und seine Nachkommen gelangen zum Segen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 26. כל היום וגו': so ist das ganze Pflichtleben eines solchen צדיק die vollendete Selbstlosigkeit; er leistet freudig Verzicht auf jedes irdische Glück, auf daß es seinen Kindern einst um seinetwillen wohlergehe (Siehe Pent. zu 2. B. M. 34, 7 und 5. B. M. 7, 11). Ist doch auch die Hütte eines unbemittelten aber rechtschaffenen Vaters eine für die sittliche Ertüchtigung der Kinder viel gesündere Stätte, als das Haus reicher Wohlhabenheit, und bewährt sich auch in dieser Beziehung das Wort der Weisen: „achtet auf die Kinder der Armen, von ihnen geht die תורה aus!" הזהרו בבני עניים שמהם תצא תורה.

27
ס֣וּר מֵ֭רָע וַעֲשֵׂה־ט֗וֹב וּשְׁכֹ֥ן לְעוֹלָֽם׃
BernfeldHalte dich fern vom Bösen und tue Gutes und ruhe ewiglich.
ZunzWeiche vom Bösen, und thue Gutes, und wohne ewiglich.
HirschWeiche darum von Bösem und übe Gutes, und behalte für immer die Ruhe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 27—29. סור וגו'. Darum meide stets das Schlechte, übe stets das Gute, und bleibe dir immer gleich, lasse dich nicht durch den Wandel und Wechsel alles Irdischen zum Wandel und Wechsel deines Seins und Wollens hinreißen, sondern gewinne die Ruhe und Stätigkeit für immer. Denn du weißt es ja: Recht, und nicht das Unrecht liebt Gott, dessen die Gänge der Zeiten für alle Zukunft, in alle Zukunft sind. Er verläßt Die nicht, die sich ihm in Selbstlosigkeit hingeben, die für die Ewigkeit aufbewahrt bleiben, während die Nachkommenschaft Gesetzesloser abgeschnitten ist. Gerechten fällt einst die Erde zum Erbe zu, und sie haben dann bleibende Stätte auf ihr für immer —

28
כִּ֤י יְהֹוָ֨ה ׀ אֹ֘הֵ֤ב מִשְׁפָּ֗ט וְלֹא־יַעֲזֹ֣ב אֶת־חֲ֭סִידָיו לְעוֹלָ֣ם נִשְׁמָ֑רוּ וְזֶ֖רַע רְשָׁעִ֣ים נִכְרָֽת׃
BernfeldDenn der Herr liebt das Recht und verlässt nicht seine Frommen, ewiglich sind sie geschützt; aber der Frevler Nachkommenschaft wird ausgerottet.
ZunzDenn der Ewige liebt das Recht und verläßt nicht seine Frommen, ewiglich sind sie geschützt; aber der Frevler Same wird ausgerottet.
HirschDenn Gott liebt Recht und verläßt die Ihm in Liebe Hingegebenen nicht, die für die Ewigkeit bewahrt bleiben; Gesetzloser Nachkommenschaft wird entwurzelt.
29
צַדִּיקִ֥ים יִֽירְשׁוּ־אָ֑רֶץ וְיִשְׁכְּנ֖וּ לָעַ֣ד עָלֶֽיהָ׃
BernfeldDie Gerechten werden das Land besitzen und immer darin wohnen.
ZunzDie Gerechten werden das Land besitzen, und beständig darauf wohnen.
HirschGerechte erben die Erde und ruhen für immer auf ihr.
30
פִּֽי־צַ֭דִּיק יֶהְגֶּ֣ה חׇכְמָ֑ה וּ֝לְשׁוֹנ֗וֹ תְּדַבֵּ֥ר מִשְׁפָּֽט׃
BernfeldDes Gerechten Mund spricht Weisheit, und seine Zunge redet Recht.
ZunzDes Gerechten Mund spricht Weisheit und seine Zunge redet, was sich gebührt
HirschEines Gerechten Mund bringt Weisheit zum Ausspruch, und seine Zunge spricht das Recht aus.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 30. פי' צדיק וגו'. Bis hierher war die praktische Größe des צדיק geschildert. Aber auch die wahre geistige Größe, die Erkenntniß und Lehre des Wahren, Rechten und Guten ist nur beim צדיק zu finden. Nur eines Gerechten Mund bringt חכמה zum Ausdruck; denn es giebt nur Eine חכמה: nicht חכם sondern צדיק sein zu wollen, und nur des צדיק Wort spricht das Recht aus, das der unwandelbare Maaßstab aller Verhältnisse und Beziehungen sein soll. Warum? Warum ist die wahre und rechte Erkenntniß und Lehre unabweislich durch den rechten Wandel bedingt? Weil

31
תּוֹרַ֣ת אֱלֹהָ֣יו בְּלִבּ֑וֹ לֹ֖א תִמְעַ֣ד אֲשֻׁרָֽיו׃
BernfeldDie Lehre seines Gottes ist in seinem Herzen, seine Schritte wanken nicht.
ZunzDie Lehre seines Gottes ist in seinem Herzen, nicht wanken seine Schritte.
HirschSeines Gottes Lehre trägt er im Herzen, die wird nicht durch seine Schritte schwankend.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 31. תורת וגו', weil dem צדיק Gott sein Gott ist, er sich Gottes Willen unbedingt unterordnet, Gottes Lehre ihm Gesetz ist, er Gottes Lehre und nur Gottes Lehre, das ist ja die höchste Weisheit wie sie die Weisheit des Höchsten ist, in sein Inneres aufnimmt, sie unverfälscht und unverkümmert den Gegenstand seines erkennenden und wollenden Wesens sein läßt, und sie nicht schwankend wird durch seinen Wandel. Weil die Wissenschaft des göttlichen Gesetzes die Wissenschaft des praktischen Lebens ist, so kann sie nicht blos theoretisch erkannt werden, so erschließt sie sich in ihrer Tiefe, Wahrheit und Geradheit nur Dem, der sie auch im Leben zur Wahrheit machen will. Kein רשע ist ein wahrer למד, noch weniger ein wahrer מלמד. Seine תורה wird ja durch אשוריו, durch die Schritte seines Wandels erschüttert und widerlegt. Seine Erkenntniß und sein lehrendes Wort wird erschüttert und schwankend durch seinen Wandel. Er kann Das nicht in der Schärfe der Wahrheit erkennen und aussprechen, was seinen eigenen Wandel verurtheilt, er muß sich היתרים suchen, muß suchen die Gottes-Lehre mit seinem Wandel auszugleichen, da es sein Wille nicht ist, seinen Wandel mit Gottes Lehre in Einklang zu bringen. Er ist bestochen durch die Gesetzlosigkeit seines Wandels, und unausweichlich erzeugt die praktische Versündigung auch die theoretische. שכל טוב heißt es (Ps. 111, 10) לכל עושיהם, die Erkenntniß des Guten wird nur Denen, die die göttlichen Gesetze erfüllen, ללומדיהם לא נאמר, bemerkt das Wort der Weisen (Berachoth 17, a): Denen, die sie studiren, heißt es nicht, sondern: לעושיהם, Denen, die sie erfüllen, und zwar לעושים לשמה, die sie in reiner Absicht, ולא לעושים שלא לשמה, nicht aber Denen, die sie in unlauterer Absicht erfüllen —

32
צוֹפֶ֣ה רָ֭שָׁע לַצַּדִּ֑יק וּ֝מְבַקֵּ֗שׁ לַהֲמִיתֽוֹ׃
BernfeldDer Gottlose lauert dem Gerechten auf und sucht ihn zu töten.
ZunzEs lauert der Gottlose dem Gerechten auf, und sucht ihn zu tödten.
HirschDarum späht ein Gesetzloser nach dem Gerechten aus und sucht ihn zu tödten,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 32. צופה רשע לצדיק, und nicht sowohl der praktische Gegensatz, vielmehr eben der theoretische Gegensatz des Wandels, und in Folge dessen auch des Wortes des צדיק zu allen Lebensanschauungen und sogenannten Grundsätzen des רשע, macht diesen zu dem unversöhnlichen Feinde des צדיק. Die praktische Gesetzestreue des צדיק würde ihn nicht geniren, würde ihm vielleicht sogar willkommen sein, da diese ihm die Concurrenz in so manchen seiner Bestrebungen vermindert. Allein weil er durch das Beispiel, noch mehr unvermeidlich durch das Wort des צדיק den Stab gebrochen sieht über seinen Lebenswandel, und so das Dasein und die der Mitwelt zum Bewußtsein kommenden Lebensanschauungen des צדיק ihm, dem רשע, zum steten Vorwurf gereichen, darum ist ihm der צדיק im Wege, und wenn er es vermöchte, möchte er ihm den Garaus bereiten. Allein

33
יְ֭הֹוָה לֹא־יַעַזְבֶ֣נּוּ בְיָד֑וֹ וְלֹ֥א יַ֝רְשִׁיעֶ֗נּוּ בְּהִשָּׁפְטֽוֹ׃
BernfeldDer Herr aber lässt ihn nicht in seiner Hand und verdammt ihn nicht, wenn er gerichtet wird.
ZunzDer Ewige läßt ihn nicht in seiner Hand, und verdammt ihn nicht, wenn er vor Gericht stehet.
HirschGott aber läßt ihn nicht in seine Hand und läßt ihn nicht als schuldig erscheinen wenn er gerichtet wird.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 33. ד' לא וגו', wenn er auch zeitweilig in die Gewalt des Bösen geräth, Gott überläßt ihn nicht seiner Macht, und wird ihn nicht als den Schuldigen erscheinen lassen, wenn Er über ihn das endliche Waltungsurtheil spricht.

34
קַוֵּ֤ה אֶל־יְהֹוָ֨ה ׀ וּשְׁמֹ֬ר דַּרְכּ֗וֹ וִֽ֭ירוֹמִמְךָ לָרֶ֣שֶׁת אָ֑רֶץ בְּהִכָּרֵ֖ת רְשָׁעִ֣ים תִּרְאֶֽה׃
BernfeldHoffe auf den Herrn und beobachte seinen Weg, so wird er dich erhöhen, das Land in Besitz zu nehmen; die Ausrottung der Frevler siehst du mit an.
ZunzHoffe auf den Ewigen und beobachte seinen Weg, so wird er dich erhöhen, das Land zu besitzen; die Ausrottung der Frevler siehest du mit an.
HirschStrebe zu Gott hin und hüthe seinen Weg, so wird er dich emporheben die Erde zu erben, und wirst du die Entwurzelung Gesetzloser sehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 34. קוה וגו'. Darum lasse du dein ganzes Wesen mit allen seinen Neigungen, Wünschen und Bestrebungen zu Gott hinströmen — das ist ja eigentlich קוה אל־ (siehe Pent. 1. B. M. 1, 9) — und dein äußeres Leben sei Nichts als gewissenhaftes Innehalten des von Gott vorgezeichneten Weges, so wird Er dich zu der geistigen und sittlichen Höhe emporheben, daß du die Erde, d. i. dein ganzes irdisches Leben in deine Hand bekommst, die Meisterschaft über deine irdische Welt erhältst, und wenn du diese Stufe innehast, wirst du sehen wie die Gesetzeslosen entwurzelt sind. So lange wir noch schwanken in der richtigen Schätzung der uns durch das irdische Leben gegebenen Ziele, erscheint es uns wohl, als ob das Lebensglück nicht recht vertheilt wäre. Allein wenn wir die Höhe erreichen, die hier gezeichnet ist, daß wir nicht in Irdisches aufgehen, sondern die höhern Schätze zu erreichen suchen, dann werden wir sehen, wie vergänglich das Glück des רשע ist.

35
רָ֭אִיתִי רָשָׁ֣ע עָרִ֑יץ וּ֝מִתְעָרֶ֗ה כְּאֶזְרָ֥ח רַעֲנָֽן׃
BernfeldIch sah einen trotzigen Frevler, der sich spreizte wie ein belaubter tiefwurzelnder Baum.
ZunzIch sah einen trotzigen Frevler, der sich spreizte wie ein belaubter tiefwurzelnder Baum.
HirschIch habe einen kecken Gesetzlosen gesehen, der sich schamlos entfaltete wie heimisches Immergrün;
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 35. ראיתי וגו', ich habe schon manchen kecken Bösewicht gesehen — ערץ: gewaltiges gerades Hinstreben auf ein Ziel, siehe Jesch. VIII. S. 277. — מתערה von ערה bloß sein, sich entblößen, sich ganz schamlos entfaltend, der alle Hüllen abgeworfen hatte, und mit seinem Kerne ganz rückhaltlos hervortrat, כאזרח רענן: אזרח von זרח: aufgehen, das sich an seinem Aufgangsorte befindet, das Heimische, von Pflanzen: die nicht exotische Pflanze, die sich im Boden und Klima ihrer Entstehung, somit auf dem günstigsten Boden befindet, deren Gedeihen die ganze Umgebung zusagt; רענן: nur von Pflanzen, das immer Frische, immer Grüne, vielleicht verwandt mit dem rabb. רהן: etwas bleibend verpfänden, also von der Pflanze, die keiner Veränderung ausgesetzt ist.

36
וַֽ֭יַּעֲבֹר וְהִנֵּ֣ה אֵינֶ֑נּוּ וָ֝אֲבַקְשֵׁ֗הוּ וְלֹ֣א נִמְצָֽא׃
BernfeldAber kaum ging man vorbei, da war er nicht mehr; ich suchte ihn und er war nicht zu finden.
ZunzUnd man ging vorbei, siehe da, er war nicht mehr, und ich suchte ihn, und er war nicht zu finden.
Hirscher ging vorüber, und siehe er war nicht mehr, ich suchte ihn, er war nicht mehr zu finden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 36. ויעבר וגו', wie er aber vorüber war, war er in keiner Weise mehr da, suchte ich ihn, so fand ich nichts mehr von ihm. Das ist die Probe, ob ein Mensch wirklich seine Bestimmung hienieden erfüllt hat. Hat ein Mensch seiner Pflicht gelebt, so ist er auch nach seinem Tode in Allem noch vorhanden, wofür er fördernd und beglückend gelebt. Allein der Mensch, und wäre er der עריץ שבעריצים, der nur selbstsüchtig sich gelebt, der ist fort von der Erde, sobald dieses sein Ich fort ist, mit dessen Hiersein hat auch sein Dasein ein Ende.

37
שְׁמׇר־תָּ֭ם וּרְאֵ֣ה יָשָׁ֑ר כִּֽי־אַחֲרִ֖ית לְאִ֣ישׁ שָׁלֽוֹם׃
BernfeldBeobachte Rechtschaffenheit und sieh auf Redlichkeit, denn für den Mann des Friedens ist eine Zukunft.
ZunzBeobachte den Unschuldigen und sieh auf den Redlichen; denn eine Zukunft hat der Mann des Friedens.
HirschBeobachte dagegen einen Pflichtergebenen, siehe einen Geraden, wie ist eine Zukunft einem Manne des Friedens!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 37. שמר תם, dagegen achte auf einen seiner Pflicht und nur seiner Pflicht lebenden Menschen, „warte" dessen Zukunft ab, und siehe den seiner Bestimmung „unentwegt" Zugewandten: präge dir seine Verhältnisse, seine Beziehungen, seine Bestrebungen und Handlungen ein, so wirst du finden, daß אחרית, eine Zukunft, wörtlich: ein Hinterlassen, Etwas, was אחריו, was von ihm nach ihm bleibt, לאיש שלום, der Mann hat, dessen ganzes Leben שלום gewesen, harmonischer Einklang mit seinem Gotte, seiner Welt und seiner Bestimmung gewesen. איש שלום ist der volle Gegensatz zum איש רע und רשע: sein Leben ist nicht nur nirgends ein störender Bruch und keine verletzende Willkühr, sondern es bringt überall „Ergänzung und Vollendung" und fördert das „Heil" aller mit ihm in Berührung kommenden Wesen.

38
וּֽ֭פֹשְׁעִים נִשְׁמְד֣וּ יַחְדָּ֑ו אַחֲרִ֖ית רְשָׁעִ֣ים נִכְרָֽתָה׃
BernfeldDie Abtrünnigen werden insgesamt vertilgt; der Gottlosen Zukunft wird ausgerottet.
ZunzUnd die Abtrünnigen werden vertilgt zumal; der Gottlosen Zukunft wird ausgerottet.
HirschVerbrecher aber sind bereits allesammt vernichtet, die Zukunft Gesetzloser ist abgeschnitten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 38. ופשעים וגו', und in demselben Maaße, wie du durch Beobachtung des תם וישר erkennst, daß אחרית לאיש שלום, in demselben Maaße wirst du erkennen, daß פשעים, alle die, die gegen Gottes Gesetz freveln, nicht nur vernichtet sein werden, sondern נשמדו, bereits vernichtet sind, trotz ihres noch anscheinend zeitlichen Gedeihens bereits den Boden verloren haben, auf welchem das wahre, dauernde Heil der Menschen erblüht, und zwar יחדו: insgesammt, ohne Unterschied in welcher Stellung, in welcher Weise und gegen welche Seite des göttlichen Gesetzes sie freveln, אחרית רשעים נכרתה, die Zukunft aller Willkühr ist abgeschnitten.

39
וּתְשׁוּעַ֣ת צַ֭דִּיקִים מֵיְהֹוָ֑ה מָ֝עוּזָּ֗ם בְּעֵ֣ת צָרָֽה׃
BernfeldAber der Gerechten Hilfe ist vom Herrn; ihre Schutzwehr zur Zeit der Not.
ZunzAber der Gerechten Hülfe ist vom Ewigen, ihre Schutzwehr zur Zeit der Noth.
HirschAber der Sieg Gerechter kommt von Gott, dem Quell ihrer ausdauernden Stärke in der Zeit der Noth.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 39. 40. ותשועת וגו'. Der Sieg aber der Gerechten ist von Gott gesichert, der ja auch die Quelle ihrer Widerstandskraft in Zeiten der Noth gewesen. Wie er ihnen beigestanden, daß sie überhaupt צדיקים geworden sind — jeder Mensch hat ja zu allem Möglichen Anlage, und es kann Einer viel leichter ohne Gottes Beistand ein reicher Mann als ein צדיק werden, der צדיק weiß selbst am besten, wie viel er dem göttlichen Beistand in dem Kampf mit allen Versuchungen verdankt — wie also Gott ihnen bereits das Größere geleistet, ihnen beigestanden und sie aus allen Versuchungen gerettet: so wird Gott ihnen gewiß auch das Geringere und Leichtere, die Rettung von רשעים gewähren, wird ihnen zum vollen ungeknickten Sein verhelfen, weil sie in Ihn ihre Zuversicht gehabt.

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וַ֥יַּעְזְרֵ֥ם יְהֹוָ֗ה וַֽיְפַ֫לְּטֵ֥ם יְפַלְּטֵ֣ם מֵ֭רְשָׁעִים וְיוֹשִׁיעֵ֑ם כִּי־חָ֥סוּ בֽוֹ׃ {פ}
BernfeldDer Herr steht ihnen bei und rettet sie; er rettet sie von Frevlern und hilft ihnen, denn sie bargen sich bei ihm.
ZunzUnd der Ewige steht ihnen bei und rettet sie, rettet sie von Frevlern und hilft ihnen, denn sie bargen sich bei ihm.
HirschGott stand ihnen bereits bei und errettete sie, Er wird sie auch von Gesetzlosen erretten und ihnen heilerfülltes Dasein verleihen, weil sie in Ihn ihre Zuversicht gehabt.