Tehillim 36 תהילים

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1
לַמְנַצֵּ֬חַ ׀ לְעֶבֶד־יְהֹוָ֬ה לְדָוִֽד׃
BernfeldDem Sangmeister. Von David, dem Knecht des Herrn.
ZunzDem Sangmeister. Vom Knechte des Ewigen, von Dawid.
HirschDem Siegverleiher von Gottes Diener, von David.
2
נְאֻֽם־פֶּ֣שַׁע לָ֭רָשָׁע בְּקֶ֣רֶב לִבִּ֑י אֵֽין־פַּ֥חַד אֱ֝לֹהִ֗ים לְנֶ֣גֶד עֵינָֽיו׃
BernfeldDer freventliche Spruch des Bösewichts ist in meinem Herzen sich verstehe ihn wohl]: Es ist keine Gottesfurcht vor seinen Augen.
ZunzEin Spruch von der Missethat des Frevlers ist inmeinem Herzen: Keine Furcht Gottes ist ihm vor Augen.
HirschAls Gottesspruch spricht das Verbrechen zum Gesetzeslosen in meines Herzens Innern; keine Furcht daher vor Gott, dem Richter, vor seinen Augen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 36, V. 2—5 spricht die Weltanschauung des רשע aus, wie David diese aus den Gesinnungen und Handlungsweisen zeitgenössischer רשעים als die ihnen zu Grunde liegenden Motive erschlossen, und spricht sodann der Verfolg des Kap. die diese Motive vernichtenden entgegenstehenden Wahrheiten über Gottes Waltungen aus. Jene Einsicht und diese Erkenntniß hat David aus seinen Lebenserfahrungen als Mensch und als die Erfüllung seiner von Gott angewiesenen Aufgabe anstrebender Jude geschöpft. In beiden Beziehungen hatte er die Denkungsart der ihm entgegengesetzten Zeitgenossen, sowie die Menschen erziehenden Waltungen Gottes in ihrer Weise und ihrem Werthe kennen gelernt. Daher die Doppelbeziehung in der Ueberschrift: לעבד ד' לדוד.

V. 2. נאם פשע. נאם bezeichnet überall eine Gottes-Rede (Siehe Pent. 1. B. M. S. 120). Dem nach gesetzloser Willkühr lebenden Menschen erscheint das Unrecht als ein Gottesspruch. Wenn das Verbrechen ihn reizt, so sagt er sich, wenn Gott nicht wollte, daß das Unrecht geschehe, so würde er es ja durch seine Allmacht unmöglich machen, würde dem Unrecht keinen Reiz für den Menschen verliehen und dessen Ausführung dem Machtbereich des Menschen entzogen haben. Die Neigung, die er in sich zum Bösen fühlt, und der Weg, den er vor sich zu dessen Ausführung sieht, sind ihm נאם, sind ihm der Gottesspruch, der die Ausführung des Schlechten billigt.

בקרב לבי', so denkt sich David den Gedankengang des רשע. — אין פחד וגו', darum findet die Furcht vor einem richtenden Gott gar keine Stelle in seinen Berechnungen, tritt ihm nirgends bei seinen Entschlüssen und bei der Wahl seiner Lebenswege vor Augen.

3
כִּֽי־הֶחֱלִ֣יק אֵלָ֣יו בְּעֵינָ֑יו לִמְצֹ֖א עֲוֺנ֣וֹ לִשְׂנֹֽא׃
BernfeldMit seinen Blicken heuchelt er wohl [Gottesfurcht], aber in seiner Sünde findet er ihn, ihn zu hassen.
ZunzDenn er heuchelt ihm mit seinen Blicken, daß er finde seine Schuld, (ihn) hasse.
HirschDenn in seinen Augen hat Er ihm ja den Weg geebnet um seine Sünde zu erreichen zu hassen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. כי החליק, denn בעיניו: nach seinen Anschauungen und nach Dem, was er vor Augen sieht, החליק אליו: hat Gott ihm ja die Wege geebnet, למצא עונו לשנא, d. h. לשנא למצא עונו, seinen Haß an jedem Menschen ausüben zu können, der ihm in Erreichung seines Unrechts im Wege steht: Oder: nach seiner Meinung hat Gott ihm die Wege geebnet למצא עונו sein sündhaftes Ziel zu erreichen, לשנא, und alles das mit feindseligem Hasse zu verfolgen, was der Erreichung dieses Ziels im Wege steht. Die Accente sprechen für die erste Auffassung.

4
דִּבְרֵי־פִ֭יו אָ֣וֶן וּמִרְמָ֑ה חָדַ֖ל לְהַשְׂכִּ֣יל לְהֵיטִֽיב׃
BernfeldDie Worte seines Mundes sind Unheil und Trug; er unterlässt es, nachzudenken, um Gutes zu tun.
ZunzDie Worte seines Mundes sind Unheil und Trug, er unterläßt, verständig zu seyn, Gutes zu thun.
HirschDarum sind seines Mundes Worte Gewalt und Trug, aufgehört hat er seinen Verstand darauf zu richten, Gutes zu thun.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. דברי פיו. Darum steht jedes Wort, das er spricht, im Dienste der misbräuchlichen Verwendung aller Fähigkeit und Macht, die er hat, das ist און (siehe Pent. 1.B.M. S. 494) und מרמה: das Wort ist ihm nicht das Mittel zur Offenbarung, sondern zur Verschleierung seiner Gedanken und Absichten, חדל: er hat längst aufgehört seinen Verstand zur Ausführung des Guten zu gebrauchen.

5
אָ֤וֶן ׀ יַחְשֹׁ֗ב עַֽל־מִשְׁכָּ֫ב֥וֹ יִ֭תְיַצֵּב עַל־דֶּ֣רֶךְ לֹא־ט֑וֹב רָ֝֗ע לֹ֣א יִמְאָֽס׃
BernfeldEr sinnt Unheil auf seinem Lager, betritt einen bösen Weg, und das Böse verwirft er nicht.
ZunzUnheil sinnt er auf seinem Lager, stellt sich auf einen Weg, der nicht gut, verwirft das Böse nicht.
HirschGewalt sinnt er auf seinem Lager, stellt sich entschlossen auf den nichtguten Weg, verschmäht Böses nicht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. און יחשב: seine ganze Lebenszeit steht im Dienste des Schlechten. Auf seinem Lager sinnt er nur wie er seine geistigen und materiellen Fähigkeiten zum Schlechten verwenden kann, und am Tage, der Zeit des Wollens und Vollbringens, stellt er sich mit festem Entschluß auf den ersonnenen nicht guten Weg, und, bietet sich ihm in diesem Wege auch etwas Schlechtes dar, das nicht in seiner Berechnung lag, so verschmäht er auch dies nicht — und alles Dies, weil, wie es V. 2 heißt, אין פחד אלהים וגו', der Gedanke an ein Gottesgericht gar keine Bedeutung für ihn hat, er vielmehr in der Thatsache der Möglichkeit des Erreichens und Vollbringens des Schlechten den Beweis erblickt, daß die ganze Lehre von einer den Menschen richtenden Gotteswaltung nur eine von den Schwachen zum Schutze gegen den Starken erfundene Mähr sei, die Welt vielmehr der Stärke und und der Macht angehöre, vor deren rücksichtsloser, durch keine Gewissens-Einrede gehemmter Gewalt der Schwache und Machtlose zu Grunde gehen soll.

6
יְ֭הֹוָה בְּהַשָּׁמַ֣יִם חַסְדֶּ֑ךָ אֱ֝מ֥וּנָתְךָ֗ עַד־שְׁחָקִֽים׃
BernfeldHerr, an den Himmel reicht deine Gnade, und deine Treue bis zu den Wolken.
ZunzEwiger, an den Himmel reicht deine Huld, deine Treue bis zu den Wolken.
HirschGott, in den Himmeln deine Liebe, deine Erziehungstreue bis zu den Wolken,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. ד' בהשמים. Allem Dem tritt David mit dem Ausspruch des Namens ד', der Bezeichnung der den Menschen zu seiner sittlichen Vollendung und der durch sie bedingten Heileszukunft erziehenden Gotteswaltung, von welcher der רשע keine Ahnung hat, in deren Dienst aber David sich begreift (V. 1), entgegen. Der רשע weiß nicht, daß der Erguß von Gottes reiner, trübungsloser Liebe nur den Himmeln angehöre, wo von Gott geschaffene Wesen, von denen es heißt, daß לא יסבו בלכתן (Ezech. 1, 9), daß sie aus dem Geleise der angewiesenen Bahnen nicht zu weichen vermögen, im ewigen Glanze verliehener Vollkommenheiten strahlen; daß aber עד שחקים, die bis zu den Wolken reichende und unter dem Wolkenhimmel sich entwickelnde irdische Welt, in welcher der zum freien Gottes-Diener geschaffene, und eben darum mit der Möglichkeit zum Abweichen aus dem Geleise des von Gott gewollten Guten und Rechten ausgestattete Mensch den Schauplatz seines Waltens gefunden, der אמונה, der erziehenden Gottes-Treue angehöre (חסד und אמונה siehe Pent. 1. B. M. 15, 6. 47, 29. 2. B. M. S, 559).

Er weiß nicht, daß dem Bösen nur darum ein Reiz für den Menschen verliehen und ihm die Möglichkeit geöffnet ist, das Böse zu erreichen und zu üben, weil frei das Schlechte meiden und das Gute üben soll (Siehe Pent. 1.B.M 4,7). Er weiß es nicht, daß die Möglichkeit, daß das Sittengesetz im Kreise der Menschen mit Füßen getreten werde, und bessere Menschen unter den Gewaltthätigkeiten der Schlechten leiden, daß diese Möglichkeit unzertrennlich von der Bestimmung des Menschengeschlechtes ist, daß auf Erden Gottes Sittengesetz seine freie Huldigung finde, und unter dessen Herrschaft einst auf Erden das Reich der Pflichttreue, und mit ihm das Reich des ungetrübten Friedens und Segens walte. Er weiß es nicht, daß die dem bessern Menschen durch die Gewaltthätigkeit der Schlechten bereiteten Leiden selbst mit im Dienste der Herbeiführung jenes Reiches des Guten und Heilvollen stehen, indem sie der Erziehungs- und PrüfungsSchule angehören, welche Gottes „erziehende Liebe" jeden Menschen durchmachen läßt, der noch für den Fortschritt zum Guten und für eine dem Menschen mögliche sittliche Vollendung nicht verloren ist. Wie die Erde nicht das reine Sonnenlicht, sondern das durch ihren Wolkenhimmel gebrochene und gemilderte empfängt, wie zu ihrem Gedeihen die Wolke nicht minder als das Licht unentbehrlich ist, so gestaltet sich für das sittliche Gedeihen des Menschen Gottes חסד zur אמונה, zu jener väterlich erziehenden Liebe und Treue, die den noch erziehungsfähigen Menschen begleitet, ihn durch einen ihm heilsamen Wechsel von Sonnenschein und Wolkendunkel seiner sittlichen Vollendung entgegen zu führen, ebenso aber das Unverbesserliche den sichern Untergang finden läßt.

7
צִדְקָתְךָ֨ ׀ כְּֽהַרְרֵי־אֵ֗ל מִ֭שְׁפָּטֶיךָ תְּה֣וֹם רַבָּ֑ה אָ֤דָֽם־וּבְהֵמָ֖ה תוֹשִׁ֣יעַ יְהֹוָֽה׃
BernfeldDeine Gerechtigkeit gleicht den mächtigen Bergen, deine Gerichte einer unermesslichen Tiefe. Menschen und Vieh hilfst du, Herr.
ZunzDeine Gerechtigkeit gleicht den Bergen Gottes, deine Gerichte einer unermeßlichen Tiefe. Menschen und Vieh hilfst du, Ewiger.
Hirschdeine Milde wie die Allmachtsberge, deine Gerichte die große Fluth, Menschen und Viehe willst, Gott, du helfen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. צדקתך כהררי אל. Während so die reine חסד für das bereits Vollendete bewahrt bleibt, bethätigt sich für das noch der Erziehung bedürftige Menschengeschlecht, אמונה, diese väterlich erziehende Gottesliebe, als צדקה und משפט, צדקה: die dem Menschen so viel Gutes spendende Milde, als ihm nach seiner von Gott erkannten Eigenthümlichkeit zum Heile gereicht (siehe Ps. 33, 5), und משפט: jenes Walten der Gottesgerechtigkeit, in welchem das Ausschreiten des Unrechts Ziel und Gränze findet. Wie die Erde aus dem Continent und der sie umgebenden großen Fluth besteht, und das irdische Leben nur durch das Wechselwirken Beider erblüht — nur aus dem Ocean stammt der Wolkenhimmel, ohne den die Erde zu einem unfruchtbaren Gestein verglühen würde: — so gedeiht das sittliche Erblühen des Menschen nur unter dem Zusammenwirken der צדקת ד' und משפט' ד'. צדקת ד' gewährt wie הררי אל dem sittlichen Menschenerblühen den festen Boden mit allen sein Wirken bedingenden Keimen und Gütern, משפט' ד' aber mit ihren eindringenden und auflockernden Leidensverhängnissen sind die תהום רבה, ohne die der Mensch in Genuß und Fülle zu Grunde gehen und die in ihn gelegten geistigen und sittlichen Keime und Kräfte unbethätigt lassen würde. אדם ובהמה תושיע ד', Menschen und Thiere will Gott auf Erden das wahre beglückte Sein finden lassen. Wäre die Erde nur zum Wohnplatz der Thierwelt bestimmt, so könnte ebenso wie in den Himmeln Gottes חסד rein auf Erden walten. Denn wie die Engel, kennt auch das Thier keine Ausschreitungen, übt seine Kräfte nur in der ihm vom Schöpfer eingeschaffenen Richtung, hat, wie das Wort der Weisen lautet, nur einen יצר, den auf das von Gott gewollte Ziel gerichteten Trieb. Für das Thier könnte die reine חסד walten, und fänden משפטי ד' auch auf Erden keine Stätte. Allein אדם ובהמה, der abweichungsfähige, erziehungbedürftige Mensch soll auch auf Erden den Boden zur Erreichung seiner Bestimmung finden. Darum muß für die Menschenerde Gottes חסד sich zu צדקה herabstimmen, und neben der gewährenden צדקה das versagende und beschränkende Walten der משפטי ד' in die Erscheinung treten.

הררי אל: wie השמים מספרים כבוד אל (Ps. 19, 2), so heißen Bäume und Berge, die durch ihre imponirende Größe von der Allmacht ihres Schöpfers zeugen: ארזי אל (Ps. 80, 11), הררי אל. Der ganze Continent ist ein aus dem Ocean hinansteigendes Gebirge, dessen höchstliegenden Theile den größten Gegensatz zu dem die Erde umfluthenden Ocean bilden, daher צדקתך כהררי אל. Das, was Gottes gewährende Milde spendet und dem Menschen bleibend erhalten will, bleibt unerreichbar von Gottes משפטים, wie die Bergeshöhen vom Ocean nicht erreicht werden.

8
מַה־יָּקָ֥ר חַסְדְּךָ֗ אֱלֹ֫הִ֥ים וּבְנֵ֥י אָדָ֑ם בְּצֵ֥ל כְּ֝נָפֶ֗יךָ יֶחֱסָיֽוּן׃
BernfeldWie köstlich ist deine Gnade, Gott, den Menschenkindern, die in deiner Fittiche Schatten sich bergen.
ZunzWie köstlich ist deine Huld, Gott! und Menschenkinder, die in deiner Fittige Schatten sich bergen,
HirschWie theuer ist deine Liebe, die du als richtender Gott übst! Menschenkinder finden in dem Schatten deiner Flügel Zuversicht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. מה יקר חסדך, wie theuer, wie werthvoll, wie bedeutsam und folgereich ist für das Menschenheil die Liebe, die Gott als אלק', als Richter der Menschenhandlungen übt. Es ist dies eben jene aus צדקה und משפט zusammen gewobene Liebeswaltung, in welcher sich Gottes אמונה, Gottes Erziehungstreue dem Menschen bewährt, und die nicht weniger Liebe ist, wenn sie als משפט nimmt und versagt, als wenn sie als צדקה erhält und gewährt, und die daher (Ps.69,7. u.f.) so tief bezeichnend durch den mit den Vokalen von אלדים versehenen, und als solchen auszusprechenden vierbuchstabigen Gottesnamen: ידוד ausgedrückt wird. Es ist immer derselbe Gott, immer dieselbe Liebe, es ist מדת הרחמים, die als מדת הדין erscheint, ובני אדם, Menschenkinder können eben nur unter den Fittigen dieser aus צדקה und משפט zusammen gewobenen Liebe Zukunfts-Zuversicht finden.

9
יִ֭רְוְיֻן מִדֶּ֣שֶׁן בֵּיתֶ֑ךָ וְנַ֖חַל עֲדָנֶ֣יךָ תַשְׁקֵֽם׃
BernfeldSie schwelgen in deines Hauses Fülle, und mit dem Strom deiner Süßigkeiten tränkst du sie.
ZunzSchwelgen von deines Hauses Fülle, und mit dem Strom deiner Süßigkeiten tränkest du sie.
HirschAn der Fülle deines Hauses sättigen sie sich, und mit dem Strome deiner Wonnen tränkst du sie.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. 10. ירוין וגו': für sie reift und blüht schon hienieden eine Glückseligkeit heran, von welcher der רשע keine Ahnung hat, und die er kaum durch das von ihm ihnen bereitete Leid zu trüben vermag, sie sättigen sich an der Fülle von Befriedigungen, die Gottes „Haus" durch das dort bewahrte Gottes-Gesetz und die dort gelernte und gewonnene Lebensheiligung gewährt, ונחל עדניך וגו' und ganz unmittelbar spendet jedem von ihnen Gott seine besondern, nur geistig zu empfindenden und zu genießenden Wonnen. כי עמך וגו', denn nur bei Gott ist die Quelle des Lebens und der Erleuchtung zu finden, und bei dieser Leben und Licht gewährenden Gottesnähe werden sie durch die צדקה ומשפט-Liebeswaltung Gottes erhalten. באורך נראה אור: das Licht ist für den Menschen vorhanden, ist überall und immer in jeder Lebenslage vorhanden — אור זרוע לצדיק (Ps. 97, 11) — aber nur durch die bei Gott gesuchte und von Gott gewährte Erleuchtung sehen wir das Licht, ohne sie wandeln wir im Dunkeln —

10
כִּֽי־עִ֭מְּךָ מְק֣וֹר חַיִּ֑ים בְּ֝אוֹרְךָ֗ נִרְאֶה־אֽוֹר׃
BernfeldDenn bei dir ist Quell des Lebens, in deinem Lichte schauen wir Helle.
ZunzDenn bei dir ist Quell des Lebens, in deinem Lichte schauen wir Licht.
HirschDenn bei dir ist der Quell des Lebens, durch dein Licht sehen wir Licht.
11
מְשֹׁ֣ךְ חַ֭סְדְּךָ לְיֹדְעֶ֑יךָ וְ֝צִדְקָתְךָ֗ לְיִשְׁרֵי־לֵֽב׃
BernfeldLenke deine Gnade denen zu, die dich erkennen, und dein Heil denen, die geraden Herzens sind.
ZunzLenke deine Huld deinen Vertrauten zu, und deine Gnade denen, die geraden Herzens sind.
HirschVerzögere deine Liebe Denen, die dich kennen, und gewähre Denen deine Milde, die geraden Herzens sind.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11. משך חסדך. Wie תוחלת ממשכה (Prov. 13, 12) das lange Ausbleiben einer Erwartung bedeutet, so wird überhaupt mit משך das sich lange hinziehende, lange ausbleibende Eintreffen einer Verheißung, Bestimmung &c. ausgedrückt. So: כי אני ד' אדבר את אשר אדבר דבר ויעשה לא תמשך עוד (Ezech. 12, 25), לא תמשך עוד כל דברי (daſ. 28). Ebenso hier משך חסדך לידעיך: Halte denen, die dich kennen, deine חסד lange zurück, gieb ihnen den vollen Erguß deiner Liebe nicht gleich, nicht früh, nicht hier. Die Fülle des Glücks und des Segens ist nicht immer Segen; aber nur יודעיך, die dich kennen, vertragen das lange Ausbleiben einer Segensfülle, ihnen ist dies Vorenthalten ein segenvolles Erziehungsmittel zur Erlangung größerer, sittlicher Vollendung, während רשעים, die Gott und seine Waltungsweise nicht kennen, durch leidensvolle Versagungen nur zu größern Ausschreitungen sich hinreißen lassen. Vgl. Pent. 5. B. M. 7, 9. 10.

וצדקתך לישרי לב, nur צדקה, das besondere Bedürfniß jedes Einzelnen berücksichtigende Milde gewähre Denen, „deren Sinn noch gerade ist," deren Sinn noch auf das sittlich Gute und Rechte gerichtet ist.

12
אַל־תְּ֭בוֹאֵנִי רֶ֣גֶל גַּאֲוָ֑ה וְיַד־רְ֝שָׁעִ֗ים אַל־תְּנִדֵֽנִי׃
BernfeldDass der Hoffart Fuß nicht über mich schreite, und die Hand der Frevler mich nicht scheuche.
ZunzNicht trete mich der Hoffart Fuß, und die Hand der Frevler scheuche mich nicht.
HirschDer Schritt des Hochmuths soll mich nicht überkommen und die Macht Gesetzloser mich nicht wankend machen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12. אל תבאני וגו'. Ich wünsche mir nicht eine Fülle des Glückes, damit ich nicht hochmüthig werde, ויד רשעים וגו', und daß ich die Größe und Macht von רשעים vor Augen habe, das soll mich nicht in meinen Grundsätzen wankend machen. Denn

13
שָׁ֣ם נָ֭פְלוּ פֹּ֣עֲלֵי אָ֑וֶן דֹּ֝ח֗וּ וְלֹא־יָ֥כְלוּ קֽוּם׃ {פ}
BernfeldDie Übeltäter mögen bald stürzen und nicht wieder aufstehen.
ZunzDort fallen die Uebelthäter, werden gestürzt und können nicht wieder aufstehen.
HirschEben da sind Vollbringer von Gewalt zum Fall gekommen, wurden hinabgestoßen, und konnten nicht mehr auf.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 13. שם נפלו וגו'. Die Fülle von Glück und Macht, deren רשעים sich erfreuen, erscheint ihnen als Glück, und es ist eben der Weg zu ihrem Falle und hoffnungslosen Untergang. Vgl. Pent. 5.B.M. 7,10. ומשלם לשנאיו אל פניו להאבידו לא יאחר לשנאו אל פניו ישלם לו. שם: Eben da, wo sie ihr höchstes Glück zu haben träumen, dort ist die Grube ihres Falles und Untergangs. שם ist nicht nur der Hinweis auf einen bestimmten Ort, sondern auch auf eine bestimmte Zeit, auf ein bestimmtes Ereigniß &c. So משם רועה אבן ישראל (1. B. M. 49, 24), שם פחדו פחד (Ps. 14, 5 u. f.)