Tehillim 35 תהילים

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1
לְדָוִ֨ד ׀ רִיבָ֣ה יְ֭הֹוָה אֶת־יְרִיבַ֑י לְ֝חַ֗ם אֶת־לֹחֲמָֽי׃
BernfeldVon David. Streite, o Herr, gegen meine Feinde; führe Krieg gegen solche, die mich bekriegen.
ZunzVon Dawid. Hadre, o Ewiger, mitmeinen Haderern, bekriege, die mich bekriegen.
HirschVon David. Streite, Gott, mit meinen Gegnern, bekämpfe Die, die mich bekämpfen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 35, V. 1. לדוד. Siehe zu Kap. 25, 1. Es sind dies Worte, wie sie unmittelbar dem bei Gott vor seinen Feinden und Gegnern Hilfe suchenden Gemüthe entquollen, und die ebenso aus der Stimmung der Nation, deren Liederschatz sie überantwortet worden, in ihren Jahrhunderte langen Leidensgängen unter Feinden und Gegnern gesprochen werden können, wie sie ursprünglich aus dem Einzelgeschick des Mannes entstanden, der, zum Gotteswerkzeug in seinem Volke berufen, in seinem prüfungsvollen Leben alle die Erfahrungen und die daraus sich erzeugende Gemüthes- und Geistesstimmungen durchzumachen hatte, die als Bildungs- und Läuterungsschule einst seines Volkes warteten.

יריב', nicht מריבי', womit auch nur zeitlich im Streit mit ihm Begriffene bezeichnet sein könnten, sondern 'יריב, eine Substantivform von ריב, gleichbedeutend mit רוב, wie טוב und 'טב: Gegner, denen die Gegnerschaft zur Charaktereigenthümlichkeit gehört, die ihm grundsätzlich entgegenstehen. Es heißt auch nicht את הנלחמים אתי', die gewöhnliche reciproke Nifalform, womit die Gegenseitigkeit des Kampfes sich ausdrückt, sondern die Kalform לוחמי'. Der Kampf ist nur einseitig. Sie führen Krieg gegen mich, ich aber nicht gegen sie. Ich erwiedere nicht den Kampf und vertheidige mich nicht durch Gegenkampf. Es ist aber die Gegnerschaft eine doppelte: ריב und לחם, ein Kampf mit Worten und mit thätlichen Verfolgungen. Sie greifen seine Ehre und seine Unschuld mit Anklagen und Verleumdungen an: ריב, und bereiten seiner Existenz und Sicherheit Gefahren: לחם. In Beidem möge Gott sich seiner annehmen, für ihn streiten und kämpfen.

2
הַחֲזֵ֣ק מָגֵ֣ן וְצִנָּ֑ה וְ֝ק֗וּמָה בְּעֶזְרָתִֽי׃
BernfeldErgreife Schild und Tartsche und erhebe dich zu meinem Beistand.
ZunzErgreife Schild und Tartsche, und erhebe dich zu meinem Beistand,
HirschFasse Schild und Stachelschirm, und erhebe dich in meinem Beistand,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. החזק וגו', מגן von גנן einfriedigen, einhegen, ist ein Schild, der auch die aus der Ferne geschleuderten Geschosse abwährt. צנה, von צנן, (verwandt mit שנן scharf sein) wovon צנין, der Stachel, ist ein Stachelschirm, der den Anprall aus der Nähe abhält. Er bedarf des Schildes, מגן, gegen die aus der Ferne ihn befeindenden יריבים', sowie des Schirms, צנה, zur Abwehr der unmittelbaren Bekämpfungen seiner לוחמים.

V 3. והרק וגו'. סגר ist wahrscheinlich Substantiv und bedeutet eine Sperre, ein Vertheidigungsmittel, das den Zutritt des Feindes hindert. Eine solche Substantivform, wenn gleich in anderer Bedeutung, findet sich Hiob 28, 15. Dort heißt es: Ersatz, wie ויסגר בשר תחתנה (1. B. M. 2, 21), אמר לנפשי', lasse meine Seele es inne werden, du seiest meine Hilfe.

3
וְהָ֘רֵ֤ק חֲנִ֣ית וּ֭סְגֹר לִקְרַ֣את רֹדְפָ֑י אֱמֹ֥ר לְ֝נַפְשִׁ֗י יְֽשֻׁעָתֵ֥ךְ אָֽנִי׃
BernfeldZücke den Speer und tritt dazwischen, meinen Verfolgern entgegen; sprich zu mir: Deine Hilfe bin ich.
ZunzUnd zücke den Speer, und tritt dazwischen, meinen Verfolgern entgegen; sprich zu meiner Seele: Deine Hülfe bin ich.
Hirschund zücke Speer und Sperre entgegen meinen Verfolgern, sage meiner Seele: deine Hilfe bin Ich;
4
יֵבֹ֣שׁוּ וְיִכָּלְמוּ֮ מְבַקְשֵׁ֢י נַ֫פְשִׁ֥י יִסֹּ֣גוּ אָח֣וֹר וְיַחְפְּר֑וּ חֹ֝שְׁבֵ֗י רָעָתִֽי׃
BernfeldMögen zu Schanden und zur Schmach werden alle, die mir nach dem Leben trachten; mögen zurückweichen und erröten alle, die mein Unglück sinnen.
ZunzMögen zu Schanden und zur Schmach werden, die mir nach dem Leben trachten, mögen zurückweichen und erröthen, die mein Unglück sinnen.
Hirschdaß in ihrer Erwartung getäuscht, ihrer Unwürdigkeit inne werden die meine Seele suchen, zurückweichen und sich entlarvt fühlen, die mein Unglück sinnen,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4—6. יבשו וגו', siehe Ps. 6, 11. Sie werden hoffnungslos sich in ihren Erwartungen getäuscht finden. Während בוש das Gefühl der Beschämung wegen getäuschter Erwartung, חפר (siehe Ps. 34, 6) wegen an's Licht gekommener, gern verborgen gehaltener Vergangenheit ist, ist הכלם, das beschämende Innewerden gegenwärtiger Unwürdigkeit. Es ist verwandt mit גלם, formloser Körper, das Ungebildete. V. 4. 5. 6. setzt den V. 3. mit אמר וגו' begonnenen Gedanken fort. Gieb meiner Seele die Zuversicht, daß du meine Hilfe bist, daß die Erwartungen meiner Feinde sich nicht verwirklichen werden, sie vielmehr ihrer Unwürdigkeit inne und sich schämen werden, mein Unglück gewollt zu haben, daß, so mächtig und furchtgebietend sie äußerlich erscheinen, sie doch Spreu gleich (siehe Ps. 1, 4) allen innern Kerns entbehren und daher von Gottes Verhängniß verweht werden, daß der Weg, den sie betreten haben, lichtlos und schlüpfrig glatt ist, und Jeder, der auf einem solchen Wege wandelt, von Gottes Verhängniß ereilt wird.

5
יִֽהְי֗וּ כְּמֹ֥ץ לִפְנֵי־ר֑וּחַ וּמַלְאַ֖ךְ יְהֹוָ֣ה דּוֹחֶֽה׃
BernfeldMögen sie wie Spreu vor dem Wind sein, dass der Engel des Herrn sie wegstoße.
ZunzSeien sie gleich Spreu vor dem Winde, und der Engel des Ewigen stoße sie weg.
Hirschwie Spreu werden vor dem Winde, und die Gottes-Schickung sie fortstößt,
6
יְֽהִי־דַרְכָּ֗ם חֹ֥שֶׁךְ וַחֲלַקְלַקֹּ֑ת וּמַלְאַ֥ךְ יְ֝הֹוָ֗ה רֹדְפָֽם׃
BernfeldEs sei ihr Weg finster und schlüpfrig, und der Engel des Herrn verfolge sie.
ZunzSei ihr Weg finster und schlüpfrig, und der Engel des Ewigen verfolge sie.
HirschFinsterniß ihr Weg werden wird und schlüpfrigglatt, und die Gottes-Schickung sie ereilt.
7
כִּֽי־חִנָּ֣ם טָֽמְנוּ־לִ֭י שַׁ֣חַת רִשְׁתָּ֑ם חִ֝נָּ֗ם חָפְר֥וּ לְנַפְשִֽׁי׃
BernfeldDenn ohne Ursache legten sie mir ihr Netz, ohne Ursache gruben sie mir eine Grube.
ZunzDenn ohne Ursache legten sie mir ihr Retz, eine Grube ohne Ursache gruben sie meiner Seele.
HirschDenn grundlos haben sie verborgen ihres Netzes Verderben mir gelegt, grundlos meiner Seele Gruben gegraben:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. 8. כי חנם וגו'. Diese Zuversicht darf ich haben. Denn ich habe ihnen keinen Grund zu solchem feindlichen Vorhaben gegeben, mit welchem sie beabsichtigen mich plötzlich mit ungeahntem Verderben zu treffen, und damit — angeblich — nur meinem schlechten gegen sie beabsichtigten Vorhaben zuvorzukommen. Das war schon zu Davids Zeiten das gewöhnliche Manöver gemeiner Bosheit, dem Gegenstand ihrer Feindseligkeit die eigene Schlechtigkeit anzudichten und ihr Vorgehen in den Augen der Welt als eine berechtigte Nothwehr darzustellen. תבואהו u. s. w. drückt die Absicht aus, die sie von ihrem gegen mich gerichteten Vorhaben aussprechen.

8
תְּבוֹאֵ֣הוּ שׁוֹאָה֮ לֹֽא־יֵ֫דָ֥ע וְרִשְׁתּ֣וֹ אֲשֶׁר־טָמַ֣ן תִּלְכְּד֑וֹ בְּ֝שׁוֹאָ֗ה יִפׇּל־בָּֽהּ׃
BernfeldMöge ihn ungeahnt Verderben treffen, und sein Netz, das er gelegt, fange ihn selber, im Sturmwetter stürze er hinein.
ZunzSo treffe ihn Verderben ungeahnet, und sein Retz, das er gelegt, fange ihn, im Sturmwetter stürze er hinein.
Hirsch„Verödung soll ihn unvermerkt überkommen, sein eigen Netz, das er verborgen gelegt, ihn fangen, in Verödung er darin hineinfallen!"
9
וְ֭נַפְשִׁי תָּגִ֣יל בַּיהֹוָ֑ה תָּ֝שִׂ֗ישׂ בִּישׁוּעָתֽוֹ׃
BernfeldMeine Seele aber frohlocke des Herrn, sie freue sich seiner Hilfe.
ZunzMeine Seele aber frohlocke des Ewigen, freue sich seiner Hülfe.
HirschMeine Seele wird dann laut sich Gottes freuen, wonnig aufblühen in seiner Hülfe,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. 10. ונפשי וגו'. נפשי, meine von den Verleumdungen meiner יריבי' gerettete Persönlichkeit wird dann so in Wonne aufblühen, wie כל עצמותי, jedes Glied meines leiblichen Daseins, die Gottesrettung aus dem von לוחמי' mir zugedachten Verderben fühlen und aussprechen wird. עני ואביון, siehe Ps. 10, 2

10
כׇּ֥ל־עַצְמוֹתַ֨י ׀ תֹּאמַרְנָה֮ יְהֹוָ֗ה מִ֥י־כָ֫מ֥וֹךָ מַצִּ֣יל עָ֭נִי מֵחָזָ֣ק מִמֶּ֑נּוּ וְעָנִ֥י וְ֝אֶבְי֗וֹן מִגֹּֽזְלֽוֹ׃
BernfeldAll meine Gebeine werden sprechen: Herr, wer ist gleich dir? Der du den Armen von dem Mächtigen rettest und den Armen und Dürftigen von seinem Räuber.
ZunzAll meine Gebeine werden sprechen: Ewiger, wer ist gleich dir? der du rettest den Armen von dem Mächtigern, und den Armen und Dürftigen von seinem Räuber.
Hirschjedes Glied an mir sagen: Gott, wer ist wie Du, ein Retter des Armen von dem ihm zu Starken, des Armen und Wehrlosen von seinem Räuber.
11
יְ֭קוּמוּן עֵדֵ֣י חָמָ֑ס אֲשֶׁ֥ר לֹֽא־יָ֝דַ֗עְתִּי יִשְׁאָלֽוּנִי׃
BernfeldEs traten ruchlose Zeugen auf; was ich nicht weiß, danach fragten sie mich.
ZunzAufstehen Zeugen der Gewalt; was ich nicht weiß, fragen sie mich.
HirschStehen sie doch als Gewaltzeugen auf, fordern Rechenschaft von mir über Dinge, von denen ich gar nichts weiß,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11. 12. יקומון וגו'. עדי חמס Vgl. עד חמס 5. B. M. 19, 16. יקומון, sie, meine Feinde, stehen als falsche Zeugen gegen mich auf, und fordern Rechenschaft von mir über Dinge, die mir völlig fremd sind. Sie entstellen mir gegenüber nicht nur die Wahrheit von Thatsachen, sondern erdichten Dinge, die alles Grundes entbehren, und statt, daß ich Wohlwollen von ihnen zu erwarten berechtigt gewesen wäre — wie dies im Folgenden begründet wird — üben sie eine Schlechtigkeit gegen mich, die das Herbste ist, das ein Mensch erfahren kann, wie dies eben שכול לנפש ausdrückt. Wie, wenn man einer Mutter ihre leiblichen Kinder vor ihren Augen tödtete, so morden sie meiner Seele ihre geistigen und sittlichen Erzeugnisse. Charakter und Ehre, das sind die ersten Erzeugnisse, welche jede sich ihrer Aufgabe bewußte Persönlichkeit durch unablässige Arbeit an sich selber schafft. Wer die einem reinen Menschen raubt, der bringt ihm einen so tiefen Schmerz, wie der leibliche Kinderraub einer Mutter. Vgl. Pent. 1. B. M. 6, 9.

12
יְשַׁלְּמ֣וּנִי רָ֭עָה תַּ֥חַת טוֹבָ֗ה שְׁכ֣וֹל לְנַפְשִֽׁי׃
BernfeldSie vergelten mir Böses für Gutes; welche Verlassenheit meiner Seele!
ZunzSie vergelten mir Böses für Gutes Verwaisung meiner Seele.
Hirschvergelten mir Böses für Gutes, begehen Kinderraub an meiner Seele.
13
וַאֲנִ֤י ׀ בַּחֲלוֹתָ֡ם לְב֬וּשִׁי שָׂ֗ק עִנֵּ֣יתִי בַצּ֣וֹם נַפְשִׁ֑י וּ֝תְפִלָּתִ֗י עַל־חֵיקִ֥י תָשֽׁוּב׃
BernfeldWo ich doch, wenn sie litten, einen Sack anlegte, in Fasten mich kasteite, möge mein Gebet in meinen Busen [auf mich selbst] zurückkehren.
ZunzUnd ich, wenn sie litten, legte einen Sack an, kasteiete mit Fasten meine Seele, und mein Gebet kehrte in meinen Busen zurück.
HirschIch — wenn sie nur erkrankten, war Sack mein Gewand, kasteiete ich fastend meine Seele, und was da mein Gebet war, möge in meinen eigenen Schooß zurückkehren.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 13. 14. ואני וגו'. Nicht במותם, nicht בחלים, בחלותם: wenn sie nur erkrankten, trauerte ich und fastete ich für ihre Genesung, und es war dies nichts erheucheltes Aeußeres, was ich in solchen Zeiten von Gott für sie erbetete, das möge mir selbst zu Gute kommen. קדר wie שמש וירח קדרו (Joel 2, 10), השמים התקדרו עבים (Kön. I. 18, 45) und sonst, heißt dunkel werden. Dann auch von Trübung der Gemüthsheiterkeit. הלכנו קדורנית (Maleachi 3, 14). Es dürfte קדר lautverw. mit קטר sein, wovon קיטור: Rauch, Nebel.

14
כְּרֵעַ־כְּאָ֣ח לִ֭י הִתְהַלָּ֑כְתִּי כַּאֲבֶל־אֵ֝֗ם קֹדֵ֥ר שַׁחֽוֹתִי׃
BernfeldAls wäre er Freund, ein Bruder, ging ich [bei seiner Krankheit] einher, wie um die Mutter trauernd senkte ich betrübt das Haupt.
ZunzAls wär' er Freund, Bruder mir, ging ich einher, wie um die Mutter trauernd senkte ich betrübt das Haupt.
HirschAls wäre es Freund, als wäre es Bruder mir ging ich daher, wie ein um Mutter Trauernder war ich umdüstert gebeugt —
15
וּבְצַלְעִי֮ שָׂמְח֢וּ וְֽנֶ֫אֱסָ֥פוּ נֶאֶסְפ֬וּ עָלַ֣י נֵ֭כִים וְלֹ֣א יָדַ֑עְתִּי קָרְע֥וּ וְלֹא־דָֽמּוּ׃
BernfeldAber bei meinem Sturze freuen sie sich und versammeln sich; es versammeln sich gegen mich Wichte, die ich nicht kenne, sie möchten mich zerreißen und ruhen nicht.
ZunzAber bei meinem Sturze freuen sie sich und versammeln sich, versammeln sich gegen mich Wichte, die ich nicht kenne, zerreißen (mich) und ruhen nicht.
HirschUnd bei meinem Falle freuten sie sich und liefen zusammen, versammelten Geschlagene sich wider mich, von denen ich gar nichts wußte, zerrissen und hörten nicht auf.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 15. 16. 17. ובצלעי וגו', צלוע von צלע hinken, ist noch nicht der eigentliche Fall sondern das Fall drohende Schwanken. Wenn ich nur zu fallen schien, freuten sie sich schon und liefen zusammen. נכים von נכה, wie נכה רגלים (Sam. II. 4), Geschlagene, Menschen, die selbst von Unglück betroffen sind, die daher mit jedem Unglücklichen Mitgefühl haben sollten (— Vgl. Pent. zu 1. B. M. 19, 4. —) und ולא ידעתי, die mir ganz unbekannt sind, an deren Unglück ich daher nicht die geringste Schuld trage. קרעו daß dies bildlich ein Zerreißen der Persönlichkeit mit Verlästerungen und Schmähungen bedeutet, ist aus dem Beisatz ולא דמו klar, das, von דמם, still sein und still werden, ja ein Aufhören mit Reden bedeutet. בחנפי וגו', מעוג: עוגה heißt Kuchen, מעוג kann daher ein Kuchengelag heißen, eine Gesellschaft, die zusammen kommt, Kuchen zu essen, wie משתה ein Trinkgelag. Kön. I. 17, 12 scheint מעוג ein Kuchengericht zu bedeuten. Ebenso wie משתה den Trank (Esra 3. 7) und auch das Gelage bezeichnet. Hier heißt es nun: wie bei pöbelhaften Zusammenläufen von נכים, so auch in Gesellschaft, wo man bei Kuchenbewirthung sich mit gegenseitigen Heucheleien und Bespöttelung Abwesender vergnügt, legt man seinen wüthigen Haß gegen mich an den Tag.

יחידתי' ד' כמה וגו'. Vgl. Ps. 22, 21. Wie dort יחידה Israels Sendung als das einzige, geistig sittliche Gut bezeichnet, das Israel anvertraut ist, und seine Eigenthümlichkeit bildet, so ist hier Davids Charakter und die durch denselben bedingte Bedeutung seines Lebens und Wirkens יחידתו' sein einziges, seine ganze Persönlichkeit bildendes Gut, das unter den Angriffen und Verlästerungen seiner Feinde Gefahr läuft, zu Grunde zu gehen.

16
בְּ֭חַנְפֵי לַעֲגֵ֣י מָע֑וֹג חָרֹ֖ק עָלַ֣י שִׁנֵּֽימוֹ׃
BernfeldUnter heuchlerischem Gespött im Kreise knirschen sie wider mich mit ihren Zähnen.
ZunzUnter heuchlerischem Gespött im Kreise knirschen sie wider mich mit ihren Zähnen.
HirschAuch bei heuchlerischen, spöttischen Kuchenmahlen knirschten sie wider mich ihre Zähne.
17
אֲדֹנָי֮ כַּמָּ֢ה תִ֫רְאֶ֥ה הָשִׁ֣יבָה נַ֭פְשִׁי מִשֹּׁאֵיהֶ֑ם מִ֝כְּפִירִ֗ים יְחִידָתִֽי׃
BernfeldHerr, wie lange willst du es ansehen? Erquicke meine Seele [und befreie sie] von ihrem Verderben, von den jungen Löwen meine Einzige.
ZunzHerr, wie lange willst du es ansehen? Entführe meine Seele ihrem Verderben, den jungen Leuen mein Einziges.
HirschMein Herr! wie lange willst du zusehen! Führe doch meine Seele zurück aus ihren Mißhandlungen, aus Löwen mein Einziges.
18
א֭וֹדְךָ בְּקָהָ֣ל רָ֑ב בְּעַ֖ם עָצ֣וּם אֲהַלְלֶֽךָּ׃
BernfeldIch will dich preisen in großer Versammlung, unter zahlreichem Volk dich rühmen.
ZunzPreisen will ich dich in großer Versammlung, unter mächtigem Volke dich rühmen.
HirschDich soll ich ja bekennen in großer Gemeinde, unter mächtigem Volke dich in Thatenlob verkünden!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 18. 19. אודך וגו'. Was ich von deinem Wirken und deiner Gegenwart auf Erden in dem Geschicke der Menschen erfahre, das soll und werde ich doch für die Förderung deiner Erkenntniß und Huldigung im Gesammtkreise deines Volkes, ja weit darüber hinaus im Kreise der Menschheit verwerthen; diese meine Bestimmung und Sendung lasse nicht durch das Vorgehen meiner Feinde gefährdet werden. קרץ, das verstärkte גרז, schneiden, hier: schneidig machen.

19
אַֽל־יִשְׂמְחוּ־לִ֣י אֹיְבַ֣י שֶׁ֑קֶר שֹׂנְאַ֥י חִ֝נָּ֗ם יִקְרְצוּ־עָֽיִן׃
BernfeldEs sollen nicht jene frohlocken, die mich grundlos anfeinden, nicht mit den Augen blinzeln, die mich ohne Ursache hassen.
ZunzNicht sollen über mich frohlocken meine Feinde um Nichts, die mich hassen ohne Ursach, mit den Augen zucken.
HirschLaß mein sich nicht freuen, die aus erlogenem Grunde mir Feinde sind, nicht Augendolche blicken, die mich grundlos hassen.
20
כִּ֤י לֹ֥א שָׁל֗וֹם יְדַ֫בֵּ֥רוּ וְעַ֥ל רִגְעֵי־אֶ֑רֶץ דִּבְרֵ֥י מִ֝רְמ֗וֹת יַחֲשֹׁבֽוּן׃
BernfeldDenn Unfrieden reden sie und gegen die Ruhigen im Lande sinnen sie Werke des Trugs.
ZunzDenn Unfrieden reden sie, und gegen die Ruhigen im Lande sinnen sie Werke des Trugs.
HirschDenn es ist nicht Friede, was sie sprechen, und über die Zeitmomente des Landes sinnen sie Truges-Reden,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 20. כי וגו'. Angeblich ist es das allgemeine Heil und sind es die רגעי ארץ, die Zeitmomente, d. i. die einzelnen Geschicke des Landes, in deren Interesse sie als meine Gegner auftreten. Aber dies ihr Vorgeben ist Lug und Trug. רגעי', so wie עת (Ps. 31, 16) das Geschick im Ganzen bezeichnet, so ist רגע, der Augenblick, Ausdruck für einzelne, besonders zu beachtende Theile des Geschickes. Aehnlich wie unser: Moment.

21
וַיַּרְחִ֥יבוּ עָלַ֗י פִּ֫יהֶ֥ם אָ֭מְרוּ הֶאָ֣ח ׀ הֶאָ֑ח רָאֲתָ֥ה עֵינֵֽנוּ׃
BernfeldSie reißen gegen mich ihren Mund auf und sprechen: Haha! nun sieht es unser Auge!
ZunzUnd aufsperren sie gegen mich ihren Mund, sprechen: Ha, ha! Nun sieht es unser Auge!
Hirschindem sie so weit ihren Mund über mich ergehen lassen, sagen: Bruder! Bruder! da hat's endlich unser Auge gesehen!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 21. וירחיבו וגו'. האח kommt größtentheils als Ausruf einer Schadenfreude vor. Es ist entweder eine Interjektion, etwa wie: Ha!, oder, wie wir glauben, ein Vokativ von אח, der Schadenfrohe ruft Genossen herbei zum Anblicke des von ihm ersehnten Unglücks eines Gehaßten.

22
רָאִ֣יתָה יְ֭הֹוָה אַֽל־תֶּחֱרַ֑שׁ אֲ֝דֹנָ֗י אַל־תִּרְחַ֥ק מִמֶּֽנִּי׃
BernfeldDu siehst es, Herr! schweige nicht; Herr, entferne dich nicht von mir.
ZunzDu siehst es, Ewiger! schweige nicht, Herr, entferne dich nicht von mir.
HirschDu hast's gesehen, Gott, schweige nicht, mein Herr, bleibe nicht fern von mir.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 22. ראיתה וגו'. Die durch das ה' parag. hervorgehobene Anrede steht in Beziehung zu dem vorhergehenden ראתה עינינו: früher noch als ihr Auge, hat es Gottes Auge gesehen, oder vielmehr: Gott, ד', der keine Freude an dem Untergange eines Menschen hat, der hat ihre Schadenfreude gesehen und wird nicht schweigen, und wird, als ארני als mein Herr, der mich zu seinem Diener berufen, eben um dieser meiner Aufgabe willen, mich nicht verlassen.

23
הָעִ֣ירָה וְ֭הָקִיצָה לְמִשְׁפָּטִ֑י אֱלֹהַ֖י וַאדֹנָ֣י לְרִיבִֽי׃
BernfeldErmuntere dich und erwache zu meinem Rechte, mein Gott und mein Herr, zu meiner Streitsache.
ZunzErmuntere dich und erwache zu meinem Rechte, mein Gott und mein Herr, zu meiner Streitsache.
HirschWecke und sei wach für mein Recht, mein Gott und mein Herr, für meinen Streit.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 23. העירה וגו'. Der Hifil העיר ist aktiv, wecken, העיר ד' את רוח כורש (Esra 1, 1), הקיץ ist intransitiv: aufwachen, הקיצותי כי ד' יסמכני (Ps. 3, 6). Wecke die Gemüther und die Gewissen der Menschen, und durch dein Einschreiten zeige dich wach, zeige den Menschen, daß deine Waltung nicht, wie sie meinen, schläft.

24
שׇׁפְטֵ֣נִי כְ֭צִדְקְךָ יְהֹוָ֥ה אֱלֹהָ֗י וְאַל־יִשְׂמְחוּ־לִֽי׃
BernfeldRichte mich nach deiner Gerechtigkeit, Herr, mein Gott, sie sollen über mich nicht frohlocken.
ZunzRichte mich nach deiner Gerechtigkeit, Ewiger, mein Gott, und nicht sollen sie über mich frohlocken.
HirschRichte mich nach deiner Gerechtigkeit, Gott mein Gott, lasse sie mein sich nicht freuen,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 24—27. שפטני וגו'. Es ist nicht blos die allgemeine göttliche Gerechtigkeit, an welche David appellirt, er ist durchdrungen von der Bedeutung seiner Sendung für die großen Zwecke der Menschenzukunft und von der besondern Waltung und Führung, die Gott ihm, eben um dieser seiner Bestimmung willen, angedeihen läßt. Daher ד' אלקי, und ירנו' u. s. w. החפץ שלום עבדו. In der endlichen heilvollen Gestaltung seines Geschickes werden die Bessern das sichtbare Walten der Gottesfürsorge für die Zwecke erkennen, zu deren Werkzeug Gott David erwählt hat. יבשו ויחפרו' siehe Ps. 34, 6.

25
אַל־יֹאמְר֣וּ בְ֭לִבָּם הֶאָ֣ח נַפְשֵׁ֑נוּ אַל־יֹ֝אמְר֗וּ בִּֽלַּעֲנֽוּהוּ׃
BernfeldSie sollen nicht denken, ha, unsere Lust! Nicht glauben, nun haben wir ihn vernichtet!
ZunzNicht sollen sie sprechen in ihrem Herzen: Ha, unsere Lust! nicht sprechen: Wir haben ihn vernichtet!
Hirschnicht in ihrem Herzen sagen: Bruder! da unser Verlangen! nicht sagen: wir haben ihn verschlungen.
26
יֵ֘בֹ֤שׁוּ וְיַחְפְּר֨וּ ׀ יַחְדָּו֮ שְׂמֵחֵ֢י רָעָ֫תִ֥י יִֽלְבְּשׁוּ־בֹ֥שֶׁת וּכְלִמָּ֑ה הַֽמַּגְדִּילִ֥ים עָלָֽי׃
BernfeldMögen alle zu Schanden werden und erröten, die sich meines Unglücks freuen, sich in Schande und Schmach hüllen, die sich über mich erheben.
ZunzMögen zu Schanden werden und erröthen zumal, die sich meines Unglücks freuen, sich hüllen in Schande und Schmach, die sich erheben über mich.
HirschVielmehr lasse sie sich getäuscht und entlarvt fühlen allesammt die meines Unglücks sich freuen, sich in Scham und Beschämung kleiden, die so groß über mich thun.
27
יָרֹ֣נּוּ וְיִשְׂמְחוּ֮ חֲפֵצֵ֢י צִ֫דְקִ֥י וְיֹאמְר֣וּ תָ֭מִיד יִגְדַּ֣ל יְהֹוָ֑ה הֶ֝חָפֵ֗ץ שְׁל֣וֹם עַבְדּֽוֹ׃
BernfeldJauchzen sollen alle und sich freuen, die mein Recht wünschen, und beständig sprechen: Groß ist der Herr, der seines Knechtes Wohl begehrt.
ZunzJauchzen sollen und sich freuen, die mein Recht wünschen, und beständig sprechen: Groß ist der Ewige, der seines Knechtes Wohl begehrt.
HirschHingegen jauchzen und sich freuen, die meine Unschuldsrettung wollen, und dauernd sagen: groß bleibt doch Gott, der seines Dieners Frieden will.
28
וּ֭לְשׁוֹנִי תֶּהְגֶּ֣ה צִדְקֶ֑ךָ כׇּל־הַ֝יּ֗וֹם תְּהִלָּתֶֽךָ׃ {פ}
BernfeldMeine Zunge wird reden von deiner Gerechtigkeit, den ganzen Tag von deinem Ruhme.
ZunzUnd meine Zunge soll reden von deiner Gerechtigkeit, den ganzen Tag von deinem Ruhme.
HirschMeine Zunge aber wird auf den Ausdruck deiner Gerechtigkeit sinnen, auf Ausdruck deines Thatenlobes den ganzen Tag.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 28. ולשוני וגו' siehe V. 18. הגה siehe Ps. 1, 2.