Tehillim 35 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 35, V. 1. לדוד. Siehe zu Kap. 25, 1. Es sind dies Worte, wie sie unmittelbar dem bei Gott vor seinen Feinden und Gegnern Hilfe suchenden Gemüthe entquollen, und die ebenso aus der Stimmung der Nation, deren Liederschatz sie überantwortet worden, in ihren Jahrhunderte langen Leidensgängen unter Feinden und Gegnern gesprochen werden können, wie sie ursprünglich aus dem Einzelgeschick des Mannes entstanden, der, zum Gotteswerkzeug in seinem Volke berufen, in seinem prüfungsvollen Leben alle die Erfahrungen und die daraus sich erzeugende Gemüthes- und Geistesstimmungen durchzumachen hatte, die als Bildungs- und Läuterungsschule einst seines Volkes warteten.
יריב', nicht מריבי', womit auch nur zeitlich im Streit mit ihm Begriffene bezeichnet sein könnten, sondern 'יריב, eine Substantivform von ריב, gleichbedeutend mit רוב, wie טוב und 'טב: Gegner, denen die Gegnerschaft zur Charaktereigenthümlichkeit gehört, die ihm grundsätzlich entgegenstehen. Es heißt auch nicht את הנלחמים אתי', die gewöhnliche reciproke Nifalform, womit die Gegenseitigkeit des Kampfes sich ausdrückt, sondern die Kalform לוחמי'. Der Kampf ist nur einseitig. Sie führen Krieg gegen mich, ich aber nicht gegen sie. Ich erwiedere nicht den Kampf und vertheidige mich nicht durch Gegenkampf. Es ist aber die Gegnerschaft eine doppelte: ריב und לחם, ein Kampf mit Worten und mit thätlichen Verfolgungen. Sie greifen seine Ehre und seine Unschuld mit Anklagen und Verleumdungen an: ריב, und bereiten seiner Existenz und Sicherheit Gefahren: לחם. In Beidem möge Gott sich seiner annehmen, für ihn streiten und kämpfen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. החזק וגו', מגן von גנן einfriedigen, einhegen, ist ein Schild, der auch die aus der Ferne geschleuderten Geschosse abwährt. צנה, von צנן, (verwandt mit שנן scharf sein) wovon צנין, der Stachel, ist ein Stachelschirm, der den Anprall aus der Nähe abhält. Er bedarf des Schildes, מגן, gegen die aus der Ferne ihn befeindenden יריבים', sowie des Schirms, צנה, zur Abwehr der unmittelbaren Bekämpfungen seiner לוחמים.
V 3. והרק וגו'. סגר ist wahrscheinlich Substantiv und bedeutet eine Sperre, ein Vertheidigungsmittel, das den Zutritt des Feindes hindert. Eine solche Substantivform, wenn gleich in anderer Bedeutung, findet sich Hiob 28, 15. Dort heißt es: Ersatz, wie ויסגר בשר תחתנה (1. B. M. 2, 21), אמר לנפשי', lasse meine Seele es inne werden, du seiest meine Hilfe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4—6. יבשו וגו', siehe Ps. 6, 11. Sie werden hoffnungslos sich in ihren Erwartungen getäuscht finden. Während בוש das Gefühl der Beschämung wegen getäuschter Erwartung, חפר (siehe Ps. 34, 6) wegen an's Licht gekommener, gern verborgen gehaltener Vergangenheit ist, ist הכלם, das beschämende Innewerden gegenwärtiger Unwürdigkeit. Es ist verwandt mit גלם, formloser Körper, das Ungebildete. V. 4. 5. 6. setzt den V. 3. mit אמר וגו' begonnenen Gedanken fort. Gieb meiner Seele die Zuversicht, daß du meine Hilfe bist, daß die Erwartungen meiner Feinde sich nicht verwirklichen werden, sie vielmehr ihrer Unwürdigkeit inne und sich schämen werden, mein Unglück gewollt zu haben, daß, so mächtig und furchtgebietend sie äußerlich erscheinen, sie doch Spreu gleich (siehe Ps. 1, 4) allen innern Kerns entbehren und daher von Gottes Verhängniß verweht werden, daß der Weg, den sie betreten haben, lichtlos und schlüpfrig glatt ist, und Jeder, der auf einem solchen Wege wandelt, von Gottes Verhängniß ereilt wird.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. 8. כי חנם וגו'. Diese Zuversicht darf ich haben. Denn ich habe ihnen keinen Grund zu solchem feindlichen Vorhaben gegeben, mit welchem sie beabsichtigen mich plötzlich mit ungeahntem Verderben zu treffen, und damit — angeblich — nur meinem schlechten gegen sie beabsichtigten Vorhaben zuvorzukommen. Das war schon zu Davids Zeiten das gewöhnliche Manöver gemeiner Bosheit, dem Gegenstand ihrer Feindseligkeit die eigene Schlechtigkeit anzudichten und ihr Vorgehen in den Augen der Welt als eine berechtigte Nothwehr darzustellen. תבואהו u. s. w. drückt die Absicht aus, die sie von ihrem gegen mich gerichteten Vorhaben aussprechen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. 10. ונפשי וגו'. נפשי, meine von den Verleumdungen meiner יריבי' gerettete Persönlichkeit wird dann so in Wonne aufblühen, wie כל עצמותי, jedes Glied meines leiblichen Daseins, die Gottesrettung aus dem von לוחמי' mir zugedachten Verderben fühlen und aussprechen wird. עני ואביון, siehe Ps. 10, 2
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. 12. יקומון וגו'. עדי חמס Vgl. עד חמס 5. B. M. 19, 16. יקומון, sie, meine Feinde, stehen als falsche Zeugen gegen mich auf, und fordern Rechenschaft von mir über Dinge, die mir völlig fremd sind. Sie entstellen mir gegenüber nicht nur die Wahrheit von Thatsachen, sondern erdichten Dinge, die alles Grundes entbehren, und statt, daß ich Wohlwollen von ihnen zu erwarten berechtigt gewesen wäre — wie dies im Folgenden begründet wird — üben sie eine Schlechtigkeit gegen mich, die das Herbste ist, das ein Mensch erfahren kann, wie dies eben שכול לנפש ausdrückt. Wie, wenn man einer Mutter ihre leiblichen Kinder vor ihren Augen tödtete, so morden sie meiner Seele ihre geistigen und sittlichen Erzeugnisse. Charakter und Ehre, das sind die ersten Erzeugnisse, welche jede sich ihrer Aufgabe bewußte Persönlichkeit durch unablässige Arbeit an sich selber schafft. Wer die einem reinen Menschen raubt, der bringt ihm einen so tiefen Schmerz, wie der leibliche Kinderraub einer Mutter. Vgl. Pent. 1. B. M. 6, 9.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. 14. ואני וגו'. Nicht במותם, nicht בחלים, בחלותם: wenn sie nur erkrankten, trauerte ich und fastete ich für ihre Genesung, und es war dies nichts erheucheltes Aeußeres, was ich in solchen Zeiten von Gott für sie erbetete, das möge mir selbst zu Gute kommen. קדר wie שמש וירח קדרו (Joel 2, 10), השמים התקדרו עבים (Kön. I. 18, 45) und sonst, heißt dunkel werden. Dann auch von Trübung der Gemüthsheiterkeit. הלכנו קדורנית (Maleachi 3, 14). Es dürfte קדר lautverw. mit קטר sein, wovon קיטור: Rauch, Nebel.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. 16. 17. ובצלעי וגו', צלוע von צלע hinken, ist noch nicht der eigentliche Fall sondern das Fall drohende Schwanken. Wenn ich nur zu fallen schien, freuten sie sich schon und liefen zusammen. נכים von נכה, wie נכה רגלים (Sam. II. 4), Geschlagene, Menschen, die selbst von Unglück betroffen sind, die daher mit jedem Unglücklichen Mitgefühl haben sollten (— Vgl. Pent. zu 1. B. M. 19, 4. —) und ולא ידעתי, die mir ganz unbekannt sind, an deren Unglück ich daher nicht die geringste Schuld trage. קרעו daß dies bildlich ein Zerreißen der Persönlichkeit mit Verlästerungen und Schmähungen bedeutet, ist aus dem Beisatz ולא דמו klar, das, von דמם, still sein und still werden, ja ein Aufhören mit Reden bedeutet. בחנפי וגו', מעוג: עוגה heißt Kuchen, מעוג kann daher ein Kuchengelag heißen, eine Gesellschaft, die zusammen kommt, Kuchen zu essen, wie משתה ein Trinkgelag. Kön. I. 17, 12 scheint מעוג ein Kuchengericht zu bedeuten. Ebenso wie משתה den Trank (Esra 3. 7) und auch das Gelage bezeichnet. Hier heißt es nun: wie bei pöbelhaften Zusammenläufen von נכים, so auch in Gesellschaft, wo man bei Kuchenbewirthung sich mit gegenseitigen Heucheleien und Bespöttelung Abwesender vergnügt, legt man seinen wüthigen Haß gegen mich an den Tag.
יחידתי' ד' כמה וגו'. Vgl. Ps. 22, 21. Wie dort יחידה Israels Sendung als das einzige, geistig sittliche Gut bezeichnet, das Israel anvertraut ist, und seine Eigenthümlichkeit bildet, so ist hier Davids Charakter und die durch denselben bedingte Bedeutung seines Lebens und Wirkens יחידתו' sein einziges, seine ganze Persönlichkeit bildendes Gut, das unter den Angriffen und Verlästerungen seiner Feinde Gefahr läuft, zu Grunde zu gehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. 19. אודך וגו'. Was ich von deinem Wirken und deiner Gegenwart auf Erden in dem Geschicke der Menschen erfahre, das soll und werde ich doch für die Förderung deiner Erkenntniß und Huldigung im Gesammtkreise deines Volkes, ja weit darüber hinaus im Kreise der Menschheit verwerthen; diese meine Bestimmung und Sendung lasse nicht durch das Vorgehen meiner Feinde gefährdet werden. קרץ, das verstärkte גרז, schneiden, hier: schneidig machen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 20. כי וגו'. Angeblich ist es das allgemeine Heil und sind es die רגעי ארץ, die Zeitmomente, d. i. die einzelnen Geschicke des Landes, in deren Interesse sie als meine Gegner auftreten. Aber dies ihr Vorgeben ist Lug und Trug. רגעי', so wie עת (Ps. 31, 16) das Geschick im Ganzen bezeichnet, so ist רגע, der Augenblick, Ausdruck für einzelne, besonders zu beachtende Theile des Geschickes. Aehnlich wie unser: Moment.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 21. וירחיבו וגו'. האח kommt größtentheils als Ausruf einer Schadenfreude vor. Es ist entweder eine Interjektion, etwa wie: Ha!, oder, wie wir glauben, ein Vokativ von אח, der Schadenfrohe ruft Genossen herbei zum Anblicke des von ihm ersehnten Unglücks eines Gehaßten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 22. ראיתה וגו'. Die durch das ה' parag. hervorgehobene Anrede steht in Beziehung zu dem vorhergehenden ראתה עינינו: früher noch als ihr Auge, hat es Gottes Auge gesehen, oder vielmehr: Gott, ד', der keine Freude an dem Untergange eines Menschen hat, der hat ihre Schadenfreude gesehen und wird nicht schweigen, und wird, als ארני als mein Herr, der mich zu seinem Diener berufen, eben um dieser meiner Aufgabe willen, mich nicht verlassen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 23. העירה וגו'. Der Hifil העיר ist aktiv, wecken, העיר ד' את רוח כורש (Esra 1, 1), הקיץ ist intransitiv: aufwachen, הקיצותי כי ד' יסמכני (Ps. 3, 6). Wecke die Gemüther und die Gewissen der Menschen, und durch dein Einschreiten zeige dich wach, zeige den Menschen, daß deine Waltung nicht, wie sie meinen, schläft.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 24—27. שפטני וגו'. Es ist nicht blos die allgemeine göttliche Gerechtigkeit, an welche David appellirt, er ist durchdrungen von der Bedeutung seiner Sendung für die großen Zwecke der Menschenzukunft und von der besondern Waltung und Führung, die Gott ihm, eben um dieser seiner Bestimmung willen, angedeihen läßt. Daher ד' אלקי, und ירנו' u. s. w. החפץ שלום עבדו. In der endlichen heilvollen Gestaltung seines Geschickes werden die Bessern das sichtbare Walten der Gottesfürsorge für die Zwecke erkennen, zu deren Werkzeug Gott David erwählt hat. יבשו ויחפרו' siehe Ps. 34, 6.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 28. ולשוני וגו' siehe V. 18. הגה siehe Ps. 1, 2.