Tehillim 31 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 31. V. 1. 2. Der Gang dieses Psalms ist einfach, und läßt sich dessen Inhalt ebensowohl aus Israels allgemeinen als aus Davids besondern Leidenszuständen auffassen. בך וגו' אל אבושה וגו', wird mir auch nicht sogleich die volle Erlösung, so lasse mich doch nicht לעולם in meiner Hoffnung mich getäuscht finden. בצדקתך, צדקה siehe Pent. 1. B. M. S. 261. פלטני: lasse mich einmal allen mich jetzt umfangenden Leiden völlig entkommen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. הטה וגו'. Die besondere Gefahr jedoch, in der ich mich jetzt befinde, ist so dringend, daß nur dein rasches Eingreifen mich retten kann. Für das Leid und die Noth, die dann noch bleiben, היה לי וגו': werde mir dann לצור מעוז. צור bezeichnet den Felsen zunächst nach seiner Härte, daher ותקח צפרה צר (2. B. M. 4, 25). חרבות צורים (Josua 5, 2). כשמיר חזק מצר (Ezech. 3, 2). Es ist eben das Gedrungene, dessen Atome dicht aneinander gedrängt sind. צור wie צרר heißen beide zusammen drängen. סלע hingegen, verwandt mit סלה, das ebenso wie סלל (Vgl. ברר ברה, זכך זכה, המם המה, הלל הלה, דמם דמה, גדד גדה u. s. w) in die Höhe sich bewegen bedeutet, bezeichnet den Felsen zunächst nach seiner emporragenden Höhe. Beide Ausdrücke tauschen jedoch auch ihre Bedeutungen. Hier: den Leiden gegenüber, die ich noch zu bestehen habe, werde du mir zum צור מעוז, verleihe du mir die Felsen gleiche, Allem widerstehende Festigkeit. Wenn ich dich habe, macht nichts Anderes Eindruck auf mich. לבית מצודות ist ein eigenthümlicher Ausdruck. מצודה siehe Ps. 18, 3: der durch Umschränkung uns sicherstellende Raum. Wir sind darin gefangen, können nicht hinaus, allein wir sind ebenso dort vor Eindringlingen geborgen. בית ist der wohnliche Raum: das Haus. בית מצודות: wir sind nach allen Seiten hin von solchen uns Schutz gewährenden Umschränkungen umgeben, und innerhalb dieser Umschränkungen gewährt uns Gott ein wohnliches Heim. Indem Gott bei uns in dieser Umschränkung wohnt, wird jeder Raum in dieser מצודות-Umgebung zum בית. Es giebt vielleicht keinen treffendern Ausdruck für die Ghettis, für Alles was sie Jahrhunderte lang uns versagten und gewährten, als: בית מצודות. להושיעני: durch dieses צור מעוז und בית מצודות wird uns trotz aller Leiden und mitten in aller Umschränkung wirkliches wahrhaftiges Sein.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. כי סלעי וגו'. Denn „du,“ der Gedanke an dich hebt mich über Alles empor, schützt mich, indem er mich fest an sich hält, du bist meine Felshöhe und meine Burg, und למען שמך, deinem Namen entsprechend, der dich uns als den ewig zu neuer Zukunftsspende Bereiten verkündet, führst du mich zum Ziele meiner Bestimmung, und lässest mir auf dem Wege dahin eine meiner Schwäche und meinem Erziehungsbedürfniß Rücksicht schenkende Leitung angedeihen. נהל נחה, siehe Pent. zu 2. B. M. 15, 13.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. תוציאני וגו', darum wirst du mich auch sicher aus dieser drohenden Gefahr, die man mir in so schlauer Weise bereitet hat, hinausführen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. בידך וגו', רוח ist die das ganze geistige und leibliche Leben des Menschen bedingende und bewegende Kraft, das ganze Seelische im Menschen. פדה ist überwiegend das Freimachen eines Gegenstandes aus einer denselben mit einiger Berechtigung umfassenden Macht, so, daß dadurch dem Befreier ein Anrecht an dem Befreiten erwächst. So die gesetzlichen Auslösungen von Heiligthümern, so Israels Erlösung aus Mizrajim, so auch das Freimachen vom Tode und von physischen Leiden, denen der Mensch naturgemäß erliegt. Der Zusammenhang unseres V. בידך וגו' פדית וגו' dürfte sagen: durch meinen Antheil an Geschichte und Bestimmung der jüdischen Gesammtheit, durch deine Lehren, so wie durch Alles was du mir in Besonderm hast angedeihen lassen, hast du mich aus der Macht aller sonst über menschliche und irdische Dinge gebietenden Gewalten zu deiner סגולה (siehe Pent. 2. B. M. 19, 5) ausgelöst, ich gehöre ausschließlich dir an und soll dir ausschließlich angehörig bleiben. Darum übergebe ich mein ganzes Wesen mit Allem, was sein physisches und geistiges Leben bedingt und bewegt, in deine Hand, und weiß, du wirst dich als אל אמת bewähren, wirst es wahr machen, was du mit solcher Forderung unsrer gänzlichen Hingebung uns zugesichert, und wirst dich als alleinigen, wirklichen und wahrhaftigen Gott allen vermeintlich vergötterten Mächten gegenüber erweisen, die die Menschen fürchten und denen sie vertrauen. אל אמת kann das Eine oder Andere bedeuten. Der Gedanke des folgenden Verses spricht für die zweite Auffassung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. שנאתי וגו'. Ebenso, wie אהבתי, z. B. אהבתי את ארני (2. B. M. 21, 8). אהבתי כי ישמע ד' (Ps. 116, 1). מה אהבתי תורתך (Ps. 119, 97) und sonst nicht heißt: ich habe geliebt, sondern ich habe lieb gewonnen, ich liebe, ebenso heißt שנא in der vergangenen Zeit nicht gerade ich habe gehaßt, sondern ich habe Haß gegen Etwas gefaßt, habe Hassen gelernt, ich hasse. So אהב חמס שנאה נפשו (Ps. 11, 5), שנאתי כל אורח שקר (Ps. 119, 128) und sonst. הבלים: Dinge, die an sich nichtig sind, und die daher Diejenigen täuschen und sich ihnen als שוא erweisen, die sie vertrauend verehren, und sie als etwas Wirkliches und Mächtiges achten. בטח אל ד' vertrauensvoll auf Gott hinblicken, selbst wenn sich seine Hilfe noch nicht gezeigt, und Er fern zu sein scheint. Zu unterscheiden von בטח בד'.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. 9. אגילה וגו'. Nicht Hilfe, Rettung, Heil an sich gewähren mir Freude, sondern nur wenn ich sie als dein Werk begrüßen und mich ihrer als Zeichen deiner Nähe und Fürsorge freuen darf.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. חנני ist in der Regel die Bitte um Gewährung geistiger Kraft (Vgl. Pent. zu 4. B. M. 6, 25). עששה siehe Ps. 6, 8. נפשי ובטני: nicht nur בטני, sondern auch נפשי mein ganzes seelisches Wesen; oder vielmehr נפשי in erster Linie und dadurch בטני, wie im folgenden V. כשל בעוני כחי.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. מכל צורי וגו'. Es sind so viele mich befeindende Gegner gegen mich aufgestanden, daß mein Charakter und sittlicher Werth der Welt verdächtig geworden und man sich meines Umgangs, meiner Bekanntschaft schämt, ja davon Nachtheil für sich fürchtet und mich meidet. ולשכני מאד: ganz besonders meinen Nachbarn, die eine Berührung mit mir nicht ganz vermeiden können
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. כי שמעתי וגו'. Nirgends fand ich Theilnahme, nirgends Vertheidigung, Keiner wagt es für mich einzuschreiten, ja die Menge stimmte noch bösredend zu, wenn man selbst das Aergste wider mich plante.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16. בידך וגו'. Während זמן die Zeit im Allgemeinen bezeichnet, ist עת, von עתת, (verwandt mit אתת wovon את: ein Schneidewerkzeug, und עדד, wovon עד: ein Lappen, ebenso עט: ein Grabstichel), ein Zeitabschnitt, daher עתים: die besonders charakterisirten Zeiten, die Geschicke.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. יבשו רשעים וגו' ד' וגו', nicht ich, der ich, V. 16, dich als „meinen Gott,“ als Lenker meiner Geschicke und Leiter meiner Thaten verehre, dürfte darauf gefaßt sein, mich in meinen Hoffnungen getäuscht zu sehen. Täuschung haben die zu erwarten, die als רשעים gesetz- und zuchtlos leben, die ידמו לשאול: דמה im Kal ähnlich sein, gleichen, heißt im Nifal, נדמה: einem schmerzlichen Ereigniß, einer schmerzlichen Erfahrung gegenüber verstummen, nichts dagegen zu sagen wagen, oder nichts dagegen zu sagen wissen, eigentlich: widerwillen darin das nur uns Entsprechende, Gleichende erkennen. Das Dagesch im ד weist auf den Nifal hin, es hieße gewöhnlich ידמו, und ist vielleicht diese Form gewählt, um darin zugleich mehr die Kal-Bedeutung hervortreten zu lassen. Das Grabes-Ende, das sie endlich finden, ist eigentlich Das, dem sie bereits im Leben geglichen haben, אפי' בחי"הם קרוים מתים.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 19. תאלמנה וגו'. So weit geht die V. 11 begonnene Schilderung der äußerlich völlig verlassenen und daher von Menschen so lieblos beurtheilten Leidenszustände, aus denen David sich gleichwohl hoffend und vertrauend zu Gott hinauf gewandt. Mit diesem und den folgenden V. V. berichtigt David selbst seine Klage und deckt zugleich den Ungrund Derer auf, die wie seine Gegner aus den gehäuften Leiden und Anfeindungen eines Menschen auf dessen Schlechtigkeit des Wandels und Verlassenheit von Gott — bösredend (V. 14) — schließen; sie wissen nicht, wie nahe Gott gerade Dem ist, den sie von Gott verlassen wähnen, wissen nicht, welch stilles Glück und welch verborgener Friede dem Gerechten mitten in allem Leid aus der Gottes-Nähe erblüht, deren Gott ihn würdigt. „Es haben zu verstummen die Lippen der Lüge, die über einen Gerechten — weil sie ihn ausdauernd leiden sehen — Ungebühr reden in Hochmuth und Verachtung,“ Hochmuth: daß sie sich für unendlich glücklicher und besser, Verachtung: daß sie ihn für um so viel unglücklicher und schlechter halten. Sie wissen nicht
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 20. מה וגו', wie reich, wie mannigfach und unerschöpflich, — siehe Pent. 2. B. M. 34, 7 — deine Güte ist, die du im Verborgenen deinen יראים übst, d. h. die du ihnen angedeihen lässest, ohne daß andere Menschen es wissen, weil es beglückende Segnungen sind, die nur ihr Inneres empfindet. Vielleicht auch, wie — צפון ל gewöhnlich heißt, die du ihnen aufbewahrst, die du keinem Andern übst, die auch kein Anderer kennt, zu genießen und zu schätzen weiß, der nicht ירא ד' ist. Viel öfter als man meint ist das: צדיק ורע לו zu rasch geurtheilt, weil der Segen und das Glück des Braven nach ganz anderm Maaßstab zu beurtheilen sind, und es für den צדיק ein Glück und einen Segen giebt, die nur ein צדיק zu genießen und zu schätzen weiß, die durch kein äußeres Leid zu trüben sind, ja vielfach gerade in Leid sich bewähren.
פעלת וגו'. Da die אתנחתא nach einem עולה ויורד an trennender Kraft verliert, so ist es zweifelhaft, wie dieser Satz zu construiren wäre, ob das נגד בני אדם als Umstandsbestimmung zu פעלת oder zu חוסים בך, und ebenso ob das נגד: in Gegenwart, vor, oder: entgegen, wider bedeutet, wie נגד einigemal vorkommt, so: להלך נגד החיים (Pred. 6, 8), תחדש עדיך נגדי (Hiob 10, 17), נגד פני עליון (Klagel. 3, 35), אין חכמה וגו' לנגד ד' (Prov. 21, 30). Entweder: du, der du auch vor Menschen-Augen, in offner That für die gewirkt hast, die ihre Zuversicht in dich setzen. Oder: die Güte, die du in Gegenwart von Menschen den חוסים בך, doch nur verborgen übst; die Menschen sind gegenwärtig und gewahren es nicht. Oder: die du Denen übst, die vor allen Menschen nur auf dich ihre Zuversicht setzen, das Bekenntniß nicht scheuen und es auch die Menschen erkennen lassen, daß sie nur auf Gott vertrauen. Oder: die von Menschen angefeindet und in ihrem Kampfe gegen Menschen nur auf Gott vertrauen. Da jedoch der folgende V. die Wohlthaten näher beschreibt, die Gottes Güte den יראים וחוסים בו im Verborgenen angedeihen läßt, so setzt auch wohl das פעלת וגו' nur den Gedanken der ersten Vershälfte fort und ist טוב auch hiervon das Objekt. Wie reich ist deine Güte, die du, von Menschen unerkannt, Denen die dich fürchten aufbewahrst, die du an Denen, die ihre Zuversicht in dich setzen, den Menschen gegenüber übst (Vgl Ps. 23, 5).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 21. תסתירם וגו'. Vgl. Ps. 27, 5: רכס'. Siehe Pent. 1. B. M. S. 216. So wie die verschlungensten Pläne der Menschen nichts gegen dein Angesicht, d. i. gegen die Zwecke und Ziele deiner Waltung vermögen, so vermögen sie auch nichts gegen Die, deren Erhaltung mit zu diesen Zwecken gehört. תצפנם וגו', wo sie auch sein mögen, baust du ihnen eine unsichtbare Hütte, in welcher sie vor aller Verleumdung und allem Zungenhader (V. 14) geborgen sind. Das Bewußtsein, von dir nicht verworfen zu sein, macht auch den bittersten Pfeil, der einen braven Menschen treffen kann, den Pfeil der Verleumdung, stumpf.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 22. ברוך וגו'. עיר מצור ist nicht eine belagerte Stadt, sondern eine nur durch Belagerung einzunehmende, somit eine feste Stadt. So מי יובלני עיר מצור (Ps. 60, 11) ערי מצור דלתים ובריח (Chron. II 8, 5). Für David während der ganzen Zeit seiner vor Saul flüchtigen Lage waren feste Städte die gefährlichsten. Er hatte dort den Verrath der Bewohner innerhalb der Stadt und die feindliche Macht außerhalb zu fürchten, welcher er gerade aus einer festen Stadt nicht entgehen konnte. So freut sich Saul Sam. I. 23, 7 als er hörte, daß David in Keila war, ויאמר שאול נכר אתו אלדים בידי כי נסגר לבוא בעיר דלתים ובריח. Vielleicht blickt gerade auf diesen Moment unser V. hin.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 23. גרז, wovon גרזן, wie גזר: trennen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 24. אהבו וגו'. אמונים kommt sowohl als die Treue, eigentlich: die Vertrauenswürdigkeit, die Zuverlässigkeit vor, die geübt wird, wie עד אמונים, ציר אמונים (Prov. 13, 17. 14, 5), als auch als Charakterbezeichnung des Menschen, der אמונה bewährt, so: שלומי אמוני ישראל (Sam. II. 20, 19). Es ist nicht unmöglich, daß in dieser letzten Bedeutung die passive Form אמונים ebenso wie die Nifalform נאמן den Vertrauenswürdigen, Den bedeutet, dem man מאמין sein kann. Wahrscheinlicher aber bezeichnet אמונים, ebenso wie האמונים עלי תולע (Klagel. 4, 5), Diejenigen, die sich von Gott leiten, von Gottes Leitung tragen lassen, in Gott ihren einzigen Halt setzen. Siehe 1. B. M. S. 259. שלם mit dem Accus. der Person: bezahlen. So: ושלמי את נשיך (Kön. II. 4, 7). ואת צדיקים ישלם טוב (Prov. 13, 21). Ebenso: הן צדיק בארץ ישלם (Prov. 11, 31). יתר wie: לא נאוה לנבל שפת יתר (Prov. 17, 7). על כן יתרה עשה (Jes. 15, 7). das sich Ueberheben über Andere, sich mehr dünken als Andere und in diesem Dünkel handeln.