Tehillim 3 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 3. V. 1. מזמור לדוד. Gewiß nicht ohne tiefen Grund hat dieser Psalm seine Stelle unmittelbar nach dem vorhergehenden erhalten, in welchem David in der idealen Hoheit seines Berufes der Gewinnung der Menschheit für die Huldigung des göttlichen Sittengesetzes erscheint. Scheint doch dieser Psalm im entschiedensten Gegensatz zu solcher Hoheit zu stehen, indem er uns David in der tiefsten Erniedrigung einer durch herbstes Familien- und Herrscher-Unglück zu büßenden Versündigung gegen dieses Sittengesetz zeigt. Allein eben diese Zusammenordnung lehrt, wie von einer mit übermenschlicher Fehllosigkeit vergötternden Idealisirung unserer großen Männer weitab die jüdische Wahrheit ist, unter deren Lichtstrahl die Schwächen und Vergehen derselben nicht minder als deren Tugenden die lauteste Heroldschaft für die Huldigung des Sittengesetzes üben. Sie übertüncht kein Vergehen, zeigt die unbestechliche Gottesgerechtigkeit an ihren theuersten Werkzeugen die büßendste Sühne üben, und lehrt in deren Beispiel sittenschwache Sterbliche nicht in ihren Verirrungen zu Grunde gehen, vielmehr aus tiefster Gesunkenheit wieder den Weg zur lichten Höhe der Gottes-Nähe finden. Soll die dem Sittengesetz entfremdete Menschheit zu dessen hingebungsvoller Huldigung geführt werden, nur durch in innern und äußern Kämpfen zu erstreitende Selbstsiege kann sie dahin gelangen, und nur die Leiertöne eines Davids können ihr den Weg dahin weisen. (Siehe Einleitung). Der belehrendste, belebendste Ton seiner Leier tönt wohl in diesem einfach großen Psalm. David, der König, hat von leidenschaftlicher Sinnlichkeit hingerissen, das Sittengesetz und das häusliche Glück eines Unterthanen gebrochen und büßt es jetzt auf der Flucht vor dem eigenen Sohne, der ihn um Thron und Haus gebracht. Empörung und Vorwurf und Urtheil seines Volkes überweist ihn der Hoffnungslosigkeit der Verzweiflung, und er — in der einfachen Thatsache, daß er sich niedergelegt, geschlafen und wieder erwacht sei, findet er die Bürgschaft, daß Gott ihn noch nicht verloren gebe und jubelt damit allen in Schuld und Leid Versunkenen den nimmer zu raubenden Trost und Lebensmuth ins Herz: Wen Gott zu einem neuen Tage erwachen läßt, dem sichert Gott damit seinen Beistand zu immer noch wiederzugewinnenden Lebens-Reinheit und Lebensheiterkeit —
מזמור. זמר ist die Melodie ohne Wort: der Gesang, שיר das gesungene Wort, das Lied. Ueber den Zusammenhang der Bedeutung זמורה: Rebe und זמר: Gesang, so wie das Verhältniß von זמר zu שיר, siehe Pent. 1. B. M. 43, 11.
Pesachim 107 a ist die Regel niedergelegt: לדוד מזמור מלמד ששרתה עליו שכינה ואחר כך אמר שירה, מזמור לדוד מלמד שאמר שירה ואחר כך שרתה עליו שכינה, d. h., wo in den Psalm-Ueberschriften der Name David dem Worte Gesang voransteht, da ist die Begeisterung vorangegangen und der Gesang ihr Erguß; wo aber das Wort Gesang voransteht, da hat sich David erst auf den Flügeln des Gesanges zur Begeisterung erhoben, eine Regel, die sich durchgreifend in den Psalmen erprobt. Auch unser Psalm, in dessen Ueberschrift מזמור voransteht, beginnt V. 2, 3 in völlig gedrückter Stimmung und hebt sich erst V. 4, 5 im Laufe des Gesanges bis die V. 6 zum Bewußtsein gebrachte Thatsache V. 7 und weiter die ungebeugte Zuversicht begeisterungsvoll aufrichtet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. ד' מה וגו'. צרי von צור, auch צרר, einengen, beschränken, dürfte die Häupter des wider David ausgebrochenen Aufstandes bezeichnen, die Feinde seiner Macht sind und diese durch Einschränkung aufzuheben bestrebt sind. קמים עלי dürfte aber das von ihnen zum Aufstand verleitete Volk bedeuten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. רבים וגו' לנפשי, nicht blos לי, sie sprechen von meiner Persönlichkeit, meinem Charakter, meiner Seele, d. i. von meinem ganzen leiblichen, geistigen und sittlichen Wesen: אין ישועתה לו באלדי'. Es ist in den Psalmen sehr auf den Wechsel der Gottesnamen zu achten. Er hat sich an Gott als ד' gewandt, die immer zu neuer Lebensspende bereitzufindende Liebe. Die Menge sieht ihn aber nur vor Gott, als dem strengen Handhaber des Rechts dessen Strafgericht sich eben in dem über David ausgebrochenen Unglück, wie es ihm vorher, ja (Sam. II. 12, 9—12) angekündigt war, vollzieht, bei dem daher nach dem Urtheil der Menge für David kein Heil mehr zu finden wäre. Nicht umsonst ist der Gedankenausdruck ישועה in ישועתה verlängert, um eben den Gedanken mit Nachdruck auf ihm weilen zu lassen. ישועה und אלדים sind dem unerleuchteten Urtheil zwei unvereinbare Gegensätze. Hilfe bei dem im Strafvollzug begriffenen Richter zu finden, darf doch kein Verbrecher hoffen!
סלה, ein Wort, das in den Psalmen häufig vorkommt, dessen Bedeutung jedoch dunkel ist. Die gewöhnliche Annahme, daß es so viel als לעולם: ewig bedeute, reicht nicht aus, da es auch bei Rückblicken auf einmalige Geschehnisse vorkommt. So בצערך בישימון סלה (Ps. 68, 8). ותתעטף רוחי סלה (Ps. 77, 4). אבחנך על מי מריבה סלה (Ps. 81, 8). היו זרוע לבני לוט סלה (Ps. 83, 9). Ebenso (Habakuk 3, 2): וקדוש מהר פארן סלה. (Habakuk daf. 13: ערות יסוד עד צואר סלה. Vergleichen wir alle Stellen, in welchen סלה vorkommt, so scheint es ein unserem Gedankenstrich: — gleichbedeutender Ausdruck zu sein, am Schlusse eines Satzes ladet es zur Sammlung der Gedanken, sei es, das Ausgesprochene nochmals voll oder in seinen unausgesprochen bleibenden Folgen selbst weiter zu erwägen.
Sprachlich wäre es nach שרשים לרד"ק, סל von סלל mit ה נוסף wie הרה נסו (1. B. M. 14, 10) zum Gebirge, הר von הרר mit ה, so viel als להר. Demgemäß wäre סלה so viel als לסל. Nun heißt סל: Korb, von סלל, in die Höhe heben, und zwar, wie wir zu 2 B. M. 29, 3 zu bemerken hatten, ist dabei die Vertiefung nicht wesentlich, es kann eben eine Platte bedeuten, auf welcher Etwas getragen wird. סלה hieße somit wörtlich: zum Korb hin, in den Korb, und dürfte es vielleicht nicht fern liegen, zu glauben, es sei damit gesagt: nimm Dies einmal erst hin, ehe du Neues hörst, sammele Dies einmal erst in Gedanken, das Gesagte ist des Bewahrens, des Nachdenkens, des Erwägens, des „mit Fortnehmens" im Gedanken werth, ganz so wie wir das durch einen Gedankenstrich ausdrücken.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. ואתה ד'. Obgleich du jetzt als Richter, אלדי', deine Waltung über mich ergehen lässest, bleibst du ja doch ה', ist dein Richten selbst nichts als mich aus Verirrung und deren Folgen zu neuem reinem Leben führende Liebe, und darum, weil du mich züchtigend zu einer bessern Zukunft führen willst, bist du מגן בעדי, selbst Schild um mich daß die Gegner, deren Auftreten du zu meiner Züchtigung zulässest, nicht bis zu meinem gänzlichen Verderben vorschreiten können.
כבודי der Accent רביע מוגרש hebt überall das Wort, auf dem es steht, mit besonderem Nachdruck hervor: ja sogar, meine Ehre! In dem Bewußtsein, daß du mich läuternd zu besserer Zukunft führst, darf ich sogar meine Selbstachtung wieder gewinnen, und darf selbst in diesem tiefen Fall mein Haupt emporheben. ומרים ראשי
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. קולי, ist ein verkürzter Ausdruck: hört man meine Stimme, d. h., wenn ich weine, so ist es ja eben zu Gott, zu dem ich rufe, eben Gott von dem meine Feinde mir jede Hoffnung absprechen, ויענני וגו' und er hat mich schon erhört, obgleich äußerlich meine Lage noch gar nicht geändert ist, hat er mich bereits erhört, und zwar מהר קדשו, von der Stätte seines Gesetzesheiligthums aus, zu welchem ja eben תשובה und כפרה mich wieder in Beziehung setzen —
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. אני שכבתי, die Bürgschaft dafür, daß mich Gott erhört und mich zu neuer Zukunft führt, schöpfe ich aus dieser einfachen, stillen nur von mir empfundenen Thatsache. Siehe zu V. 1.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. לא אירא. Nach solchem Erwachen und der damit wiedergewonnenen Zuversicht fürchte ich nichts mehr, selbst nicht מרבבות עם, spreche ich nicht mehr: מה רבו צרי רבים קמים עלי.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. קומה. Ja ich darf dich noch אלהי, meinen Gott nennen, den Lenker meiner Geschicke, den Leiter meiner Thaten, den Gott, den ich verkünde, und darf rechnen auf deine Hilfe gegen meine Feinde; denn, wenn ich auch deine Züchtigung verdiene, sie, die sich zu deinen Werkzeugen darbieten, sie sind doch unberechtigte Bösewichter, sie hast du ja längst im Vorhinein gerichtet, hast in der Verkündigung deines Wortes, in den Aussprüchen deines Gesetzes meinen Feinden den beschämenden verurtheilenden Wangenstreich gegeben und in den Verheißungen deiner Gerechtigkeit die Zähne, d. h., die boshafte Macht der Gesetzlosen gebrochen, ihnen die Aussicht auf Gelingen genommen. הכה לחי ist vorwurfsvoll beschimpfender Schlag. So Kön. I. 22, 24.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. לד' הישועה. Ist sich besinnende Zurücknahme des V. 8 geäußerten Aufrufs zum Gerichte über seine Feinde. Ob Gott helfen wolle, stellt er Gott anheim, betet nur, daß Gott seinem Volke seinen Segen geben wolle. Nicht von dem Standpunkt seines Interesses, was seinem Volke frommt und zum Segen gereicht, Das wolle Gott geschehen lassen —