Tehillim 2 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 2. V. 1. 2. למה רגשו. Dieses und das vorige Kapitel gehören enge zusammen, ja, nach Berachoth 9b bilden sie Einen Psalm. Von Dem, was das vorige Kapitel für das Einzelleben zum Ausdruck brachte, wird hier die Consequenz für das Völkerleben und die Gesammtzukunft gezogen. Es war ausgesprochen, daß nur dem pflichtgetreuen Gehorsam gegen das göttliche Sittengesetz die Zukunft blüht, weil nur dessen Wege, die Wege des sittlich Guten, des göttlichen Beistandes sicher sind, alle gegentheilige Wege aber, die der Ungehorsam oder Leichtsinn wandelt, hoffnungslos ihres Zieles verlustig gehen.
Was aber für das Einzelleben gilt, hat seine volle Geltung auch fürs Völker- und Staatenleben. Ein Gesetz gilt für beide, und auch Völker und Staaten gehen zu Grunde wenn sie ihre Vereinigung und ihre Macht nicht im Dienste des Sittengesetzes und für dasselbe, sondern im Gegensatz zu ihm verwerthen wollten.
Dieses Sittengesetz ist den Völkern durch ד' ומשיחו kundgeworden. Zur Zeit als die Völker auseinandergingen und den Vorsatz: נעשה לנו שם, den Thurmbau ihrer Macht und ihres Ruhmes begannen, führte Gott als seine Volksschöpfung Ein Volk in die Mitte der Völker ein, das, im Gegensatz zu ihnen Allen und als Wegweiser für sie Alle, nicht auf Macht und Ruhmesgröße, sondern ausschließlich auf pflichttreuen Gehorsam gegen Gottes Sittengesetz gestützt seinen Weg auf Erden vollenden soll, und dessen edelster, von der geistig sittlichen Hoheit einer solchen Sendung durchdrungener Sohn, David, von Gott für sich und den einstigen edelsten Sproß aus seinem Stamme zum Herold dieser geistig sittlichen Botschaft an die Völker geweiht worden, eine Aufgabe, deren Lösung David eben bewußtvoll mit seinen Psalmen, welche nun auch wundervoll nach so vielen Jahrhunderten vom Jordanstrande ihren Weg in die Hütten aller zu Gott emporgeweckten Gemüther gefunden, angestrebt (Siehe Einleitung), und deren Vollendung einst der im vorhinein geweihte Sproß aus Isai's Stamm (Jesaias 11, 1 f) vollbringen wird.
Gegen den Protest, welchen das in Freud und Leid die einzige Hoheit und die allein ausreichende, Allem obsiegende Macht des göttlichen Gesetzes zur Anschauung bringende Volk schon allein durch sein ausdauerndes Dasein und das begeisterte Wort seines Gesalbten gegen alle gegensätzliche Bestrebungen einlegen, sieht unser Psalm Völker und Volksführer sich erheben, und tritt ihnen mit der Frage entgegen:
למה warum denn, — nachdem nur dem Sittlichguten der Beistand und die Förderung der göttlichen Waltung gewiß ist, — warum u. s. w.
רגש heißt durch äußern Einfluß in Bewegung gesetzt sein (Siehe Pent. 1. B. M. 12, 5). גוי ist das nach Außen zu Einem Körper (גוה ,גו) geeinte Volk. לאום ist der Staat als die die Volksgesellschaft nach Innen (die עם heißt) gliedernde und regelnde Ordnung. (Siehe 1. B. M. 25, 23). מלכים sind vorzüglich מלכי גוים, die Vertreter und Führer der nach Außen geeinten Volksmächte. רוזנים — רזן verwandt mit רסן Zügel — sind die Leiter der staatlichen Ordnung. Vergl. ורוזנים יחוקקו צדק (Prov. 8, 15). נוסדו יסד, gründen, כי כן יִסַּד המלך, יסד (Esther 1, 8), Etwas als Grundsatz feststellen, הוסד יחד (Vergl. Ps. 31, 14) sich zusammen constituiren, sich ein gemeinsames Verhalten festzustellen. — על ד' ועל משיחו bezieht sich auf alle vier Aussagen der Verse 1 und 2. Die Thätigkeit der Völker als גוים als geschlossene Einheiten zeigt sich in רגש, in der von ihren Anführern angeregten Bewegung; die der Staaten, לאומים, in הגה, in dem Sinnen nach praktisch ausführbaren Gedanken für das innere Volksleben; die der Könige in התיצב, in Befestigung ihrer Machtstellung an der Spitze der Völker; die der רוזנים in הוסד יחד in der gemeinschaftlichen Berathung und Feststellung der Verfassungsgrundsätze; und alle diese Faktoren des Völkerlebens und alle deren Thätigkeiten sieht der Psalm על ד' ועל משיחו gerichtet, sie haben alle bewußt und unbewußt das gemeinsame Ziel, sich von der Herrschaft des einzigen Prinzips, des Pflichtgehorsams gegen Gottes, durch die geschichtliche Thatsache seines Volkes und seines Gesalbten ihnen zum Bewußtsein gekommene Sittengesetz zu emancipiren, dem doch allein Gott seinen Beistand und seine Förderung zugesagt, auf welches allein Gott seine Weltordnung gerichtet, durch welches allein die innern und äußern Beziehungen der Völker zu dauerndem Heile zu gelangen vermögen. Eben weil diesem Princip des sittlichen Pflichtgehorsams als dem allein über Allen stehenden, von Allen gleich zu huldigenden Absoluten die absolute Huldigung versagt wird, und an dessen Stelle, ihm übergeordnet, Rücksichten des Interesses, der Macht, des Ruhmes, des Reichthums u s. w. gelten: darum fühlen sich die innern und äußern Beziehungen des Völkerlebens krank, und statt die Heilung auf dem einzigen zum Ziele führenden Wege zu suchen, sind alle Faktoren des Völkerlebens und deren Thätigkeiten in verkehrtester Weise gerade in Bekämpfung dieses einzigen Heilesprinzips begriffen; suchen die Krankheit da wo gerade die Heilung liegt, und suchen Heilung in Dem was nur noch das Siechthum mehrt. In bezeichnender Weise steht gerade bei הגה, dem sinnenden Nachdenken der mit Heilung der innern Schäden beschäftigten לאומים: ריק, das Vergebliche. Nirgends mehr als eben da fühlt man von Vorhinein das Vergebliche des Bemühens auf diesem Wege dauernde und allgemeine Abhilfe zu schaffen und bescheidet sich, nur zeitweilige und einseitige Besserung zu suchen.
משיחו, so nennt sich David in seinen „letzten Worten", in welchen er seine, seiner Gesänge und seines Hauses Bedeutung für die sittliche Heileszukunft der Gesammtmenschheit ausspricht: משיח אלדי יעקב (Sam. II 23, 1).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. ננתקה וגו'. נתק ein gewaltsames Trennen, Zerreißen, so Richter 16, 9. מוסרותימו von יסר ein beschränkendes Binden, מוסרות: Bande, die willkürliche Kraftäußerungen hemmen, daher auch מוסר: Zucht und יסר: züchtigen. — עבות ein Strick, womit man Kräfte einer Leistung dienstbar macht (verw. mit עבט, עבד), so Wagenseile (Jesaias 5, 18). Jochseil (Hiob 39, 13), mit welchen Zugthiere an einen Wagen, einen Pflug gebunden werden. Das von ד' ומשיחו gelehrte Sittengesetz, legt Beschränkungen (מוסרות) und Pflichten (עבות) auf, beide widerstehen den Völkern, in beiden finden sie Hinderungen und Schädigungen ihrer Interessen, daher ist der Inhalt ihrer Bestrebungen: ננתקה u. s. w.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. יושב וגו'. Gott läßt lange die Menschen sich in Ausführung ihrer Pläne und in Erprobung ihrer von ihnen überschätzten Einsichten und Kräfte versuchen. Ohne direkt einzuschreiten, scheinbar ruhend, thront er im Himmel, בשמים, in der außerirdischen Welt, dem doppelten oberen und unteren „Dort", von wo aus doch die Erde die ihre Entwickelung bedingenden Einflüsse erhält, sitzend בשמים „lächelt" Gott der Bestrebungen der Menschen, שחק das mildere צחק. אדנ', ja eigentlich: mein Herr, gewöhnliche Bezeichnung Gottes im Munde eines in seinem Dienste stehenden, für seine Zwecke wirkenden Menschen. Gott, der als יושב בשמים die Fäden alles irdischen Seins und Werdens in Händen hält und als אדנ' durch Israel und dessen Repräsentanten David die Völker auf die Huldigung des göttlichen Sittengesetzes als den alleinigen Weg zum Heile hingewiesen, יושב בשמים ישחק, seine Weltordnung ist für den endlichen Sieg des Sittlichen im Menschenkreise berechnet, er kann die Menschen gehen lassen, die letzte Summe ihrer Erfahrungen bereitet die endliche Erkenntniß vor, daß Unsittlichkeit und Unrecht nicht der Weg zum Gesammtheil ist, und אדנ' ילעג למו, seine Offenbarung, deren Träger Israel und David sind, spottet aller, Versuche sie aus dem Bewußtsein der Menschen zu tilgen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. אז ידבר u. s. w. Wenn erst Völker und Führer des Vergeblichen ihrer Versuche, dauerndes Heil ohne Huldigung des Sittengesetzes, ja im Gegensatz zu ihm zu finden, aus Erfahrung inne geworden sein werden, dann wird Gott aus seinem Schweigen hervortreten, dann trifft sie sein zürnendes Wort und das Bewußtwerden seines thatsächlichen Unwillens macht sie bestürzt. בהל, verwandt mit בעל, ist die Ueberwältigung des Innern, Bestürzung. Vergl. 1. B. M. 45, 3. Sie werden plötzlich inne, daß es über der von ihnen mechanisch und physisch geträumten Weltordnung einen sittlichfrei persönlichen Gebieter giebt, mit dessen absoluten Willen sie zu rechnen vergessen. Der zürnende Vorwurf aber lautet:
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. ואני וגו'. Im Gegensatz zu ihren Bestrebungen und zu den Wegen und Weisen, in denen sie die Gestaltung und Feststellung des Völker- und Staatenheils gesucht, hatte ich doch schon längst für ihr Bewußtsein thatsächlich gezeigt: was Ich meinen König nenne. Durch die Einsetzung und Salbung der Davidischen Dynastie auf dem Berge des göttlichen Gesetzesheiligthumes zu Zion, hat Gott die Thatsache in das Buch der Völkergeschichte eingeschrieben, daß Er nur die Staaten- und Völkerführung die seine nennt, die auf der Huldigung seines Gesetzes basirt, dem er zu Zion sein Heiligthum gestiftet. Zion, dessen Name ציון״, selbst sich als Wahrzeichen und Denkmal, ציון, für die Menschheit ausspricht. (Siehe Jirmij. 31, 20 Kön. II 23, 17. Ezech. 39, 15. Vergl. Jesaias 2, 4 Jirm. 30, 17). Ihr ganzes bisheriges Vers 1—3 geschildertes Vorgehen war daher offen Nichtbeachtung dieser Thatsache, ja offenes Auflehnen gegen den damit bekundeten Gotteswillen. — נסך: überdecken, ausgießen einer Flüssigkeit über Etwas, daher: Salben, verwandt mit סוך, speciell: salben, wie נמל und מול, קוש נקש, צור נצר, זוד נוד u. s. w.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. אספרה אל חוק. ספר vorzugsweise ja nur Erzählen von Thatsachen, nicht aber verkünden von Gesetzen. אל eine Hinbewegung zu einem Ziele. Also: Darum möchte ich es so lange erzählen, bis sich daraus ein Lebensgrundsatz der Völker gestaltet. Weil die Thatsache meiner Bestimmung zu „Gottes König auf Zion" die Grundlage des sittlichen Verhaltens der Völker und ihrer Führer werden soll, darum möchte ich diese Thatsache so oft und so lange erzählen, bis sie zum Lebensgrundsatze werde.
בני אתה, wie Gott Israel Pharao gegenüber בני nannte (2. B. M. 4, 22) und damit Israel als besondere völkergeschichtliche Gottesschöpfung bezeichnet, als nicht wie die andern Völker hervorgegangen aus einem Zusammenwirken geschichtlicher Einflüsse und Ereignisse: so nennt Gott auch David als König unter Königen: בני. Er war nicht durch Vererbung König geworden, hat sich nicht selbst zum König gemacht, war auch nicht in erster Linie aus Menschenwahl zum König hervorgegangen; Gott hatte ihn zum König gewählt und bestimmt, sein Königthum ist ein unmittelbares Gotteserzeugniß, eine Verkündung des Gotteswillens, אני היום ילדתיך, ich habe dich heute erzeugt: Dein KönigsSein ist nicht ein wie alle andere Geschehnisse in Folge der von mir zugelassenen, als Ergebniß aus von mir geschaffenen und geordneten Weltverhältnissen auf mich als letzte Ursache zurückzuführendes Ereigniß: heute habe Ich dich erzeugt. Dein Königthum ist eine neue Gottesthat zur Verkündung seines Willens für die Führer der Völker, wie Israels gegeschichtliches Eintreten eine neue Gottesthat war zur Verkündung seines Willens für die Bestimmung der Völker.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. שאל ממני ואתנה וגו'. Daß hier unter Erbe und Besitz nicht Eroberung und Unterjochung der Völker unter die Hoheit der Herrschergewalt verstanden sein kann, das ist aus V. 10—12 völlig klar, indem dort die Huldigung Gottes und seines Sittengesetzes, die freudige Hingebung an Gott und seinen Willen, das Sichrüsten mit Lauterkeit als die Anforderung ausgesprochen ist, die durch die Thatsache des Davidischen Königthums an die Lenker der Völker ergeht. נחלה und אחוזה bedeutet daher nur die geistige und sittliche Eroberung, das Zufallen der Völkergedanken und der Völkergesinnung an Davids Geist und Belehrung und das Beharren in ihnen. So: ונחלתנו siehe Pent. 2. B. M. 34, 9.
שאל ממני wie שאלו מד' מטר בעת מלקוש (Secharja 10, 1): Mache die Erleuchtung und Sittigung der Völker zum Gegenstand deiner Wünsche und zum Inhalt deiner Gebete. Indem aber diese Erleuchtung und Sittigung der Völker als deren Hingebung an Davids Geist und Einfluß gefaßt wird, so liegt darin zugleich die Anforderung an David, durch sein Leben und sein Wort also die Anforderung des göttlichen Willens für die sittliche Gestaltung des Menschen- und Völkerlebens zur Anschauung zu bringen, daß deren Verständniß und Beherzigung Verständniß und Beherzigung des göttlichen Willens bewirke.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. תרעם וגו' kann keine positive Aussage sein, du wirst sie u. s. w. Was Einem zu Erbe und Besitz gegeben ist, zerbricht und zertrümmert man nicht. Vielmehr ist תרעם u. s. w. bedingender Vordersatz, und ככלי u. s. w. Nachsatz: „Wirst du sie mit eisernem Stabe brechen müssen, wirst du sie wie Töpfergeräthe zertrümmern." Gegenstand und Inhalt deiner Gebete soll sein, daß die Völker auf dem Wege stillen, friedlichen Einflusses zur Unterwerfung unter die durch dich ihnen kundwerdende geistige und sittliche Anforderung gelangen mögen. Bleiben sie aber der Verwirklichung des Menschheitszieles auf diesem Wege unzugänglich, wird ihre Gott widerstrebende Macht mit Macht gebrochen werden müssen, so werden sie ohnmächtig wie irden Geräth unter eisernem Stabe in Trümmer gehen. תרעם Futurum Kal von רעע, brechen mit Suffixum.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. ועתה, und nun, da dies die ausgesprochene, nicht zu beseitigende Gottesbestimmung ist, השכילו: richtet hierauf euern Verstand, bringt euch dies zum Verständniß. הוסרו: unterwerft euch selbst dem מוסר, der Belehrung und Zucht, unterwerft euch selbst dem Sittengesetze. Ihr, die ihr als שופטי ארץ die irdischen Verhältnisse „ordnen" wollt, erkennt erst das von Gott geoffenbarte Sittengesetz als das über euch und Allen stehende Absolute an und macht es zum Maßstabe und leitenden Prinzipe eures Lebens und des durch euch zu gestaltenden Lebens der Völker.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. עבדו וגו'. Weihet euch dem Dienste Gottes, dienet Gott mit eurem Wirken als Fürsten und Ordner des Völkerlebens; die Förderung seines Willens, die Verwirklichung seiner Zwecke, die Herbeiführung seines Reiches auf Erden sei das Ziel eurer Wirksamkeit; ביראה: in steter Vergegenwärtigung seiner Größe und der Absolutheit seines Willens, denen gegenüber euer etwa gegensätzliches Meinen und Wollen, zu völliger Bedeutungslosigkeit gebeugt, zusammenschrumpft, — das ist ja die Wirkung von יראה, ירא, גרע כרע. Siehe Pent. 1. B. M. S. 66).
וגילו ברעדה, גילה die höchste Freude, die lautwerdende Freude, (wohl verwandt mit קול), die freudigste Stimmung. Nicht רעדה, nicht das zitternde Sichgebrochenfühlen, ist die Stimmung, in welcher der Gottesdienst unserer Lebenswirksamkeit gelöst werden soll, gelöst werden kann. Nur in der heitern Freudigkeit blüht der ganze Mensch auf und werden alle Kräfte frei, deren der Mensch zur Lösung seiner Aufgabe bedarf. Aber diese ungetrübte Heiterkeit wird eben nur ברעדה, nur in dem völligen Verschwinden jeder Gegensätzlichkeit vor Gott, in dem Gefühle und in dem Bewußtsein gefunden, daß wir ohne Gott Nichts sind, unser Sein und Wollen nur anfängt Etwas zu sein und zu bedeuten, wenn wir es ganz in Gott und seinen Willen aufgehen lassen und mit unserm kleinsten und größten Vollbringen uns dem großen Waltungszwecke Gottes anschließen. Dann ist das kleinste Scherflein nicht verloren, und wir dürfen uns seiner freuen wenn es eben das Ganze ist, was wir im treuen Dienste Gottes zu vollbringen vermögen. וגילו ברעדה, die aus רעדה erwachsene, von רעדה getragene גילה ist die höchste Glückseligkeit, deren ein mit Bewußtsein begabtes Geschöpf vor seinem Schöpfer, deren ein Mensch vor seinem Gotte fähig ist. — הוסרו, V. 11 steht im Gegensatz zu ננתקה את מוסרותימו des V. 2, so wie עבדו V. 12 zu ונשליכה ממנו וגו' des V. 2, siehe das.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. נשקו וגו'. נשקו bis דרך ist nach den Accenten ein zusammenhängendes Satzgefüge. פן יאנף ist nicht eine Drohung, wenn der Anforderung נשקו בר nicht entsprochen werde, sondern פן יאנף ist der Zweck des נשקו, es bezeichnet Das, dem sie durch נשקו entgehen würden. Um seinem Zorne und dem Verluste eures Lebenszieles zu entgehen נשקו בר. נשק sich rüsten. (Siehe Pent. 1. B. M. 41, 40). So נושקי רומי קשת (Ps. 78, 9). נשקו Imperativ Kal ungewöhnlich mit Pathach statt Chirek, oder Piel mit ausgefallenem Dagesch wie שלחו באש מקדשך (Ps. 74, 7) u. s. בר, von ברר, das Lautere, wie בר הייתי בעיניך (Hiob 11, 4). מצות ד' ברה (Ps. 19, 9), oder Substantiv: Lauterkeit, wie הר גַל, גַן, טַל von הרר, גלל, גנן, טלל.
Nicht mit Gewalt und Unrecht, mit Sittlich-Reinem habt ihr euch zu rüsten, wenn ihr der Gefahr (V. 5) begegnen wollt, daß euch sein zürnender Vorwurf treffe und ihr durch seinen Unwillen zu Grunde geht, und ihr solltet euch gar nicht zur Umkehr besinnen, כי יבער וגו', denn ihr könnt gar nicht wissen, wie bald euch sein Strafgericht treffe.
Mit dem ותאבדו דרך ist das Geschick der Gesammtheiten ganz parallel mit dem des Einzelnen Kap. 1, 6. gezeichnet. Auch für Völker wie für den einzelnen Menschen blüht das Heil, giebt es überhaupt eine Zukunft nur auf dem von Gott gewollten, mit dem Ziele seiner Waltung übereinstimmenden Wege seines Sittengesetzes. Während es aber für den Einzelnen heißt דרך רשעים תאבד, daß der Weg der Gesetzlosen in den Abgrund führt, die Wege der Gesetzlosigkeit werden verschwinden, Menschen werden jedoch immer auf Erden bleiben, um auf neuen, reinen Wegen das heitere Ziel eines unter Gott aufblühenden irdischen Lebens zu erreichen, heißt es von auf Gewalt und Unrecht sich constituirenden Völkergesammtheiten: ותאבדו דרך, daß sie auf ihrem Wege und durch ihren Weg dem Verschwinden von der Erde entgegen gehen wie schon so manche Volksgesammtheit auf diesem Wege zu völligem Verschwinden von der Schaubühne der Geschichte gelangt ist.
אשרי כל חוסי בו schließt dieser zweite Theil des Psalms wie der erste begonnen, und faßt mit כל den Einzelnen und die Gesammtheiten zusammen: Fortschritt zum Heil giebt es für Alle, für Menschen und Völker nur, wenn sie ihre Zuversicht allein in Gott und nicht in Bestrebungen setzen, für welche sie nicht auf Gottes Billigung, somit nicht auf Gottes Beistand rechnen können. חוסי von חסה, dem gesteigerten חזה, schauen: das innigste, erwartungsvollste Hinschauen auf Etwas, die Zuversicht.