Tehillim 29 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 29, V. 1. Das vorige Kap. hat die allen Widerwärtigkeiten und Widersachern obsiegende Zuversicht zum Ausdruck gebracht, welche das Bewußtsein unseres Zusammenhanges mit dem unter Cherubimfittig im Heiligthum geborgenen Gottesgesetze gewährt. Dieses Kap. will nun die Gesinnung der hingebungsvollsten Unterwerfung unter Gottes, aus diesem Gesetze zu uns über uns sprechende Stimme wecken, indem es uns zum Bewußtsein bringt, in welcher Machtherrlichkeit und alles Widersetzliche überwältigender Furchtbarkeit dieselbe Stimme und derselbe Gott, der aus diesem Gesetze zu uns spricht, in Natur und Geschichte sich offenbaren, Denen aber, die in treu gehorchender Unterordnung unter die Stimme seines Gesetzes sich als sein Volk bewähren, Gott eben durch dieses Gesetz Antheil an seiner Allem obsiegenden Machtewigkeit und den Segen des außer ihm nicht zu findenden Friedens gewähren will.
הבו וגו' בני אלים, da es Ps. 89, 7 heißt: כי מי בשחק יערך לד' ידמה לד' בבני אלים — es ist dies die einzige Parallelstelle für diesen Ausdruck — so kann wohl schwerlich bei dem Ausdruck בני אלים an von Kräften, Mächten 2c. „Erzeugte" gedacht werden. Die Frage nach einer Vergleichung Gottes mit Solchen wäre ja eine völlig unzulässige, vielmehr findet die Frage: כי מי וגו' ידמה לד' בבני אלים ihre Erläuterung in der ähnlichen: מי כמכה באלים ד' (2. B. M. 15, 11). Wir glauben daher בני אלים nur in dem Sinne wie בני חיל, בן חיל verstehen zu dürfen, wo בן, בני die Begabung ausdrückt. Vgl. den Ausdruck יש לאל ידי Pent. 1. B. M. 31, 29 und ebenso: גבורי חיל und גבורי חילים Chron: I. 7, 2. 5. חיל selbst ist lautverwandt mit איל, wovon אל. Es kann nun בני אלים Vocativ oder Accusativ sein. Es ist entweder Aufruf an alle mit Kräften Ausgestattete, Alle, die sich kraftbegabt fühlen, Gott die ihnen innewohnenden Kräfte ebenso wie alle die Kräfte, die im Weltall wirkend wahrgenommen werden zuzuschreiben, oder vielmehr: so wie sie das Bewußtsein in sich tragen, mit ihren Kräften doch von Gott abhängig, und wenn gleich בני אלים doch keine אלים zu sein, also auch in keinen בני אלים ringsum אלים zu erkennen, sondern הבו לד' כבוד ועוז! Oder es ist Accusativ: bringet Gott, führt auf Gott zurück, schreibet Gott zu Alles, was ihr kraftbegabt erblickt.
הבו לד' כבוד ועז ,כבוד: alles in Größe und Herrlichkeit, und עוז alles in unverwüstlicher, unwiderstehlicher Machtewigkeit Erscheinende, bringet Gott, schreibet Gott dem Einzigen wirklich Großen und Herrlichen und Machtewigen zu, dessen Werk und Wirken Alles ist, was sich uns als groß und herrlich und stark in Macht darstellt. Und zwar wird hier wie in allem Folgenden ד', nicht אלקי, vielmehr der Gottesname genannt, der Gottes besondere Beziehung zum Menschen bezeichnet (Pent. 1. B. M. 2, 4), mit welchem daher auch Gott seine besondere Offenbarung an Israel in Geschichte und Gesetz (2. B. M. 6, 4) angekündigt. Wir werden zu dem Bewußtsein aufgerufen, daß derselbe Gott, der uns in der Geschichte der Väter und gesetzgebend am Sinai in der ganzen Herrlichkeit und Größe seiner Gegenwart sich kund gethan, derselbe es ist, dessen Größe und Macht in allem Natur- und Geschichts-Sein und Walten noch jetzt uns gegenwärtig erscheint, nach dessen Willen allein die Kräfte und Mächte der Natur sich in den ihnen bei der Schöpfung angewiesenen Gesetzen fortentwickeln und der sie nach dem Bedürfniß seiner Menschen und Menschheit erziehenden Zielen leitet und lenkt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. הבו לד' כבוד שמו, vor Allem zollet Ihm die Ehre, die von euch seinem „Namen" gebührt; lasset die Erkenntniß, die euch mit diesem seinem Namen geworden, zuerst ihre Macht an euch bewähren; der Name, der ja wesentlich das Schaffen und Gestalten der Zukunft, das Werdenlassen des Künftigen bedeutet, ihn lasset seine neuschaffende umgestaltende Kraft an euch bewähren, והשתחוו לד' בהדרת קדש, und zu allererst ordnet Euch Ihm ganz unter, gebet Euch Ihm ganz ihn, „werfet" Euch Ihm ganz hin בהדרת קדש, indem ihr die Anforderungen seines Heiligthums zur völlig umgestaltenden Herrschaft an euch gelangen lasset, und unter seinem Diktat alles „Unschöne," alles eurer und eurer Beziehung zu Gott Unwürdige aus eurem ganzen innern und äußern, Einzel- und Gesammtleben entfernt, und euch selbst zu einem Ausdruck seiner כבד ועוז machet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. קול ד' וגו'. קול ד' kommt immer nur als die an den Menschen oder für den Menschen sprechende Stimme Gottes vor, nie aber als ein etwa gewaltiger Naturlaut, wie Donner 2c., der indirekt auf Gott, als durch ihn hervorgerufen, bezogen würde. Wir glauben daher auch hier קול ד' als die aus seinem im Heiligthume ruhenden Gesetze zu uns redende Gottesstimme verstehen zu dürfen, ähnlich wie כי תשמע בקול ד' אלדיך לשמר מצותיו וחקתיו הכתובה בספר התורה הזה (5. B. M. 30, 10), wo offenbar der Singular הכתובה sich auf קול ד' א' zurückbezieht, obgleich sonst קול in der Regel masc. ist: die dich seine Gebote und Gesetze zu hüthen lehrende Stimme Gottes, welche in dieses Buch der Lehre niedergeschrieben ist. Dieselbe Gottesstimme, die aus seinem Gesetze unser Leben gestaltend zu uns spricht, das ist dieselbe Stimme, die einst bei der Schöpfung über den Wassern schwebte und ihr schaffendes, gestaltendes, scheidendes und ordnendes „Werde" sprach und rief. Und wenn noch der Donner von der in der Natur sich verkündenden Allmacht zeugt, so ist es Gott, der Gott unseres Gesetzes, der noch über reiche Wasserspenden gebietet und sie nach dem Erziehungsbedürfniß der Menschen spendet. Vgl. כל אשר חפץ ד' עשה וגו' מעלה נשיאים וגו' ברקים למטר עשה וגו' (Ps. 135, 7) und לקול תתו המון מים בשמים ויעלה נשאים מקצה הארץ ברקים למטר עשה ויוצא רוח מאצרתיו (Jerem. 10, 12, 13), wo die von Gewittern eingeleitete Regenspende durch die Regelmäßigkeit des Verlaufs ihrer Erscheinung Den verkündet, der noch עשה ארץ בכחו מכין תבל בחכמתו ובתבונתו נטה שמים. Wie der erste Regentropfen auf den ersten Menschen wartete (1. B. M. 2, 5. Siehe Pent. daf.), so ist noch jeder Regentropfen das doppelte Erzeugniß der göttlichen physischen Weltordnung und sittlichen Weltleitung. Er wird erzeugt nach Gottes bei der Schöpfung gegebenen Naturgesetzen, und wird gespendet oder versagt nach Gottes menschenerziehender Leitung, wie dies Secharja 10, 1 in dem kurzen Satze שאלו מאת ד' מטר בעת מלקוש ausgesprochen. Es ist עת מלקוש, nach dem regelmäßigen, von Gott geordneten Gange ist עת מלקוש, ist Regen zu erwarten, gleichwohl שאלו מעת ד' מטר, es hängt gleichwohl von Seiner Bestimmung ab, ob er euch werden oder nicht werden, ob er euch לברכה oder לקללה kommen soll, denn ד' עשה חזיזים ומטר גשם יתן להם לאיש עשב בשדה. Wir haben diese Wahrheit in unserer Programmschrift des Jahres 1873 veranschaulicht (Siehe daf.). Daher, wenn אל הכבוד הרעים, so ist es ד', der על מים רבים, der über die Wasserfülle gebietet. אל הכבוד, die Allmacht, deren Dasein und Wirken in allem Großen und Herrlichen sichtbar ist. Siehe Pent. 2. B. M. 16, 7. Vgl. Ps. 19, 2.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. קול ד' בכח וגו'. Und dieselbe Gottesstimme, die durch sein Gesetz zu sittlicher Kraftentfaltung und zur harmonischen Vollendung aller eurer Kräfte und Anlagen euch ladet, sie ist es auch, die euch überall entgegentritt, wo ihr in der Natur Kraftentfaltung und harmonische Gestaltungsschöne gewahret. Das Gesetz, das im Naturgebiete durch Gottes Willensallmacht Kraft entfaltend und Schöne gestaltend in allen andern Wesen unwandelbar von selbst sich vollzieht, das ist dasselbe Gesetz, das Gott an euch zur freien Entfaltung und Gestaltung durch seine aus seinem Gesetze zu euch redende Stimme gesandt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. 6. 7. קול ד' שובר וגו'. Und diese Gottesstimme, wie sie ihre schaffende, gestaltende und ordnende Kraft gleich der in der Natur waltenden an euch bewährt, so ist sie auch eine von Denen zu fürchtende, zerstörende Macht, die sich ihr Zedern gleich ungebeugt entgegen stämmen, ganz so wie im Naturgebiete vor Gottes Macht Zedern zersplittern und Berge erschüttert sich heben und senken. Auch Gottes Gesetzesstimme schlägt Donner gleich Feuerflammen, zündet und leuchtet wie der Blitz. Oder: schlägt mi[?] Feuerflammen wie: חצבתי בנביאים (Hosea 6, 5).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. קול ד' וגו' יחיל ד' מדבר קדש. Nach Sabbath 98, a. תוספו' daf. trägt die ganze sinaitische Wüste den Namen קדש, sowie auch die Namen פארן, צין u. s. w., die auch zunächst bestimmte Oertlichkeiten innerhalb der Wüste bezeichnen, auf die ganze Wüste übertragen werden. Es ist eben die Wüste, die קדש, קדמות, פארן, צין, סיני umfaßt.
קדש war der Gränzort der Wüste, von wo aus die Kundschafter in's Land gesandt wurden, von wo aus Israel in kürzester Frist hätte in das Land einziehen können, wo aber in Folge der Kundschafter-Versündigung das Verhängniß eines vierzigjährigen Aufenthaltes in der Wüste über sie erging, von denen bereits 2 Jahre zurückgelegt waren. Von diesen achtunddreißig Bußejahren blieben sie volle 19 Jahre in קדש, dem Orte ihrer Versündigung, im Anblick des gelobten Landes, das für das ganze damals herangewachsene Geschlecht durch seine Versündigung verloren gegangen war. Siehe Pent. 5. B. M. 1, 46. 2, 1. An keinem sonstigen Orte der Wüste waren sie so lange geblieben, und war קדש ganz eigentlich der Ort, wo das für die bessere Zukunft zu erwartende neue Geschlecht für diese Bestimmung von den büßenden Eltern herangebildet und erzogen wurde. מדבר קדש ist daher die Bezeichnung, welche die Erinnerung an die Wüste und deren Bedeutung für Israels sittliches Ermannen und Reifen für seine Bestimmung am lebhaftesten in die Seele ruft. Diese Bedeutung der מדבר קדש reicht bis in unsere Gegenwart hinein und darüber hinaus. Unsere Zerstreuung und Wanderung in der מדבר העמים, in der „Völker-Wüste," wie der Prophet sie nennt, ward in demselben Augenblicke eingeleitet, als in קדש der Verlust des Landes für das damalige Geschlecht und das Heranreifen seiner Kinder in der Wüste für den Landes-Besitz beschlossen wurde. Siehe Ps. 106, 24—27. Pent. 4. B. M. S. 194.
חיל die Geburtswehen, das Kreißen. יחיל hier Hifil. Also: die aus dem Gesetze zu uns redende Gottesstimme macht noch für uns einen jeden מדבר-Zustand, einen jeden Zustand der Entbehrungen, der Isolirung und Gefahr, zu einer Geburtsstätte bessern, wahreren Lebens, wie Gott noch jetzt das in der Kadesch-Wüste begonnene Kreißen fortwirken läßt. Werkzeug dieser fortgesetzten, Leben gebährenden Wirkung ist eben die aus dem Gesetze zu uns redende Gottesstimme, wie das Mißachten dieser Stimme, das ולא שמעו בקול ד', die Ursache des Kadesch-Verhängnisses war, und wie das endliche volle Hingeben an das Gehorchen dieser Stimme, ואתה תשוב ושמעת בקול ד', das letzte Ziel der Verwirklichung dieses Verhängnisses bleibt (5. B. M. 30, 1—10).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. קול ד' יחולל וגו'. Wie ein Gewittersturm in einem und demselben Augenblick, da er Wälder entblättert, Rehmüttern durch den Schreck zur Geburt verhilft und Menschen in Tempeln zur Gottanbetung stimmt, so bewirkt auch die Gottesstimme aus dem Gesetze zerstörend neues Leben und erneute Gottes-Erkenntniß.
כלו: Gottes All, das All als Gottes Schöpfung und Gottes Waltung spricht sich als Ausdruck der Gottes-Größe aus, als Verkündung seiner Ehre, als כבוד: als Ankündigung der Gottes-Gegenwart, als Offenbarung Gottes in der sichtbaren Welt (Vgl. 2. B. M. 16, 7. Siehe Pent. daf.).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. ד' למבול וגו'. ישב ל- heißt entweder räumlich: in der Nähe von Etwas sitzen: אשר ישב לחוף ימים (Richter 5, 17), וישבה לפתח ביתה (Prov. 9, 14), oder zielbezüglich: in Erwartung von Etwas, oder von Jemandem sitzen: על דרכים ישבת להם (Jerem. 3, 2), ימים רבים תשבי לי (Hosea 3, 3). Wie Gott bei dem Kadesch-Verhängniß ungeachtet des Ungehorsams des damaligen Volkes seine Bestimmungen und Ziele für Israel weder aufgab noch änderte, vielmehr ein ganzes zeitgenössisches Geschlecht verloren gehen ließ und des neu heranwachsenden Geschlechtes für seine Zwecke wartete: also war ja bereits dem entarteten ganzen Menschengeschlechte zur Zeit der Sündfluth gegenüber Gott auf dem Thron seiner Waltung unerschüttert und unverändert geblieben. Die Entarteten gingen zu Grunde, Gott in seinen Waltungszielen blieb. Er ließ das ganze sündige Menschengeschlecht durch die Fluth verschwinden, um die Ziele seiner Waltung von einem einzigen, ihm rein und treu gebliebenen Manne und dessen Hause forttragen und für die Zukunft eines von ihm zu erstehenden neuen Menschengeschlechtes gerettet sein zu lassen; וישב ד' מלך לעולם: da schon zeigte sich Gott in seiner für ewig unveränderten Waltung über den Menschen und mit den Menschen. Gottes Willen kann kein Volk, kann die ganze Menschheit nicht ändern. Die Menschen haben nur Eine Wahl. Sie fügen sich dem Willen Gottes und weihen sich frei und freudig in Sittenreinheit und Rechtsachtung Seinem Dienste, oder sie gehen an den die Verwirklichung seines Willens in der Menschheit unentwegt herbeiführenden Gängen seiner Waltung unrettbar verloren.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. ד' עז וגו'. Aber derselbe Gott, der bei der Sündfluth der Menschheit, bei Kadesch Israel „עז," die unveränderliche und unwiderstehliche Festigkeit und Macht seines Willens und seiner Anforderungen — (heißt daher ja auch sein Gesetz עז Ps. 78, 61. 132, 8) — in dem Untergange der Ihm widerstehenden Geschlechter gezeigt, derselbe Gott verleiht Denen einen Antheil an dieser seiner ewigen, Allem obsiegenden Festigkeit und Hoheit, die sich Ihm in Befolgung seines ihnen offenbar gewordenen Willens als עמו seiner Herrschaft und Leitung unterstellen. Indem sie den einzigen Zielen dienen, denen der endliche Sieg über alles Widerstrebende gewiß ist, werden sie selber dieser obsiegenden Ausdauer theilhaftig, und, indem eben durch die völlige Unterordnung ihres ganzen Seins und Wollens unter Gottes ihnen in seinem Gesetze geoffenbarten Willen ihr ganzes Wesen und Streben, Wollen und Vollbringen im Einklang steht mit derjenigen Gestaltung der menschlichen Verhältnisse, für welche Gott dem Menschen seine Erdenwelt zu Füßen gelegt, und die, als endliches bleibendes Gepräge aller Einzel- und Gesammtbeziehungen der Menschen und Völker zur Herrschaft zu bringen, das Ziel ist, auf welches Gottes Waltung alle Gänge der Zeiten hinleitet: so stehen sie selbst und all ihr Wollen und Vollbringen, wie gegensätzlich sich auch noch eine Welt ihnen gegenüber verhält, allein unter dem wahrhaftigen Segen des Friedens: ד' יברך את עמו בשלום.