Tehillim 28 תהילים

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1
לְדָוִ֡ד אֵ֘לֶ֤יךָ יְהֹוָ֨ה ׀ אֶקְרָ֗א צוּרִי֮ אַֽל־תֶּחֱרַ֢שׁ מִ֫מֶּ֥נִּי פֶּן־תֶּחֱשֶׁ֥ה מִמֶּ֑נִּי וְ֝נִמְשַׁ֗לְתִּי עִם־י֥וֹרְדֵי בֽוֹר׃
BernfeldVon Daivd. Zu dir, Herr, rufe ich. Mein Hort, lass mich nicht ungehört; denn wenn du dich schweigend [gegen mein Flehen] verhältst, würde ich gleich denen, die in die Grube sinken.
ZunzVon Dawid. Zu dir, Ewiger, rufe ich. Mein Hort, wende dich nicht taub von mir, daß du nicht schweigend dich von mir wendest, und ich würde gleich denen, die in die Grube sinken.
HirschVon David. Zu Dir, Gott, rufe ich, mein Hort, versage mir nicht dein Gehör! Entzögest du dich mir schweigend, ich wäre einzureihen mit Denen, die in das Grab hinabsteigen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 28, V. 1. לדוד. Dieses Kap. schließt die mit K. 24 begonnene, לדוד überschriebene Gruppe, welche einfache Gemüthsstimmungen und Richtungen aus Davids viel bewegtem Leben zum Ausdruck bringen, und zwar faßt dieses Kap. die beiden K. 26 und 27 gesondert sich äußernden Momente zusammen und zeigt in einem kurzen Erguß, welche Kraft, und welche, mitten in trübster, ja Gefahr drohendster Lage sich erhebend und beseligend bewährende Macht dem Bewußtsein einer innigen Beziehung zu Gott und seinem Gesetze innewohne, eine Kraft und eine Macht, die in der nationalen Berufsstellung Davids für Beide noch eine natürliche Steigerung finden mußten.

אליך וגו', ich rufe zu dir als Dem, von dem ja überall und für Jeden jeder kommende Moment bedingt und der immer bereit ist, Jedem die Pforte einer neuen Zukunft zu öffnen, wie diese Gedanken dem Namen ד' innewohnen, und ich rufe dich als צורי, als einzigen Halt meines Seins und einzigen Gestalter meines Wollens. (Siehe Pent. 5. B. M. 32, 4). אל תחרש ממני, פן תחשה ממני, חרש und חשה, beides bedeutet Schweigen. Wie aber חרש die Taubheit bezeichnet, so ist חרש eigentlich: einer Aufforderung zum Reden oder zum Handeln gegenüber sich „taub" verhalten, ihr kein Gehör gewähren. חשה heißt aber: einem Gedanken, einer Empfindung keinen Ausdruck geben, עת לחשות ועת לדבר Koheleth 3, 7. החשיתי מטוב Ps. 39, 3; eine Bewegung innehalten, ויחשו גליהם Ps. 107, 29; einer Wahrnehmung keine Folge geben, ואנחנו מחשים ואתם מחשים Richter 18, 9, Kön. II. 7, 9 und sonst. Insofern ist es verwandt mit חזה schauen: etwas objektiv anschauen ohne darin einzugehen. (Lautverwandt ist es ferner mit הסה, ebenfalls schweigen, stillsein, mit עשה, den ע-ח-Lauten (Pent. 2. B. M. S. 120) gemäß, das Gegentheil von עשה, unthätig bleiben, vielleicht auch mit חצה: nicht vollenden, nur zur Hälfte bringen). Das ממני bezeichnet bei Beidem das Sich ferne halten. Der Sinn wäre: Du, von dem allein alle Zukunft abhängt, in dem ich allen Halt meines Seins und jede Bestimmung für mein Wollen erblicke, entziehe dich mir nicht ohne Gehör! Würde ich dich auch nicht rufen, würdest du auch nur meinen Zustand anschauen ohne dich meiner von selbst anzunehmen, ohne dich um mich zu kümmern, so hätte ja mein ferneres Leben keine Bedeutung, und ich gehörte zu Denen, deren Weg nur noch ein Grabesgang ist. משל, siehe Pent. zu 1. B. M. 4, 7.

2
שְׁמַ֤ע ק֣וֹל תַּ֭חֲנוּנַי בְּשַׁוְּעִ֣י אֵלֶ֑יךָ בְּנׇשְׂאִ֥י יָ֝דַ֗י אֶל־דְּבִ֥יר קׇדְשֶֽׁךָ׃
BernfeldHöre meines Flehens Stimme, wenn ich zu dir schreie, wenn ich meine Hände zu deiner heiligen Stätte aufhebe.
ZunzHöre meines Flehens Stimme, wenn ich zu dir schreie, wenn ich meine Hände aufhebe zu deiner heiligen Redestätte.
HirschHöre die Stimme meiner flehenden Bitten wenn ich mich um Hilfe zu dir wende, wenn ich meine Hände zu der Wortstätte deines Heiligthums hin erhebe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. שמע וגו', בנשאי ידי וגו'. נשא יד heißt sonst: schwören, wie אשר נשאתי את ידי וגו' 2. B. M. 6, 8 und sonst. Die Hand als Werkzeug der That für Etwas einsetzen, daher insbesondere beim gelobenden Eide. Die Bitte wird vielmehr durch נשא כפים, die sonst fassende Hand leer zur Höhe strecken, bezeichnet, als Ausdruck der mittellosen Hilfsbedürftigkeit. Der gewöhnlichen Bedeutung nach würde es auch hier heißen: indem ich der Wortstätte deines Heiligthums Treue angelobe. Soll es hier auch eine betende Stellung ausdrücken, so sagte es: indem ich meine machtlosen Hände zu der Wortstätte deines Heiligthums hinauf hebe, von dort aus Stärkung und Thatkraft erwarte. Jedenfalls spricht es den Gedanken aus, wie David Gottes Beistand nur vermittelst seiner Hingebung an Gottes Gesetz erhofft. Ganz so wie sein Sohn Salomo uns lehrte, im Gebete zu Gott unsern Blick und unsere Seele dem Gesetzesheiligthum zuzuwenden, והתפללו אל המקום הזה (Kön. I. 8, 35), das ist ja: אל דביר קדשך.

3
אַל־תִּמְשְׁכֵ֣נִי עִם־רְשָׁעִים֮ וְעִם־פֹּ֢עֲלֵ֫י אָ֥וֶן דֹּבְרֵ֣י שָׁ֭לוֹם עִם־רֵעֵיהֶ֑ם וְ֝רָעָ֗ה בִּלְבָבָֽם׃
BernfeldRaffe mich nicht hin mit den Frevlern und mit den Übeltätern, die mit ihrem Nächsten friedlich sprechen, aber Bosheit im Herzen hegen.
ZunzRaffe mich nicht hin mit den Frevlern und mit den Uebelthätern, die mit ihrem Rächsten Frieden sprechen und Bosheit haben im Herzen.
HirschZiehe mich nicht hin mit Gesetzlosen und mit Vollbringern von Gewalt, die Frieden reden mit ihren Genossen und Böses in ihrem Herzen bergen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. אל תמשכני, wie בחבלי אדם אמשכם (Hosea 11, 14), משך אבירים בכחו (Hiob 24, 22), Jemanden zu sich, oder zu seiner Bestimmung heranziehen. Also: nicht in der Weise wie du רשעים zu dir oder zu ihrer Bestimmung wider ihren Willen heranbringst, d. i. nicht auf dem Wege deine Gewalt bekundender Schicksalsschläge wollest du mich zu dir oder zu meiner Bestimmung bringen, ich suche ja meine Zukunft nur in den Wegen deines Gesetzes. Oder: du wollest mich nicht zu der Bestimmung, zu der Zukunft hinführen, die du רשעים als letztes Ziel bewahrst. Nicht unmöglich wäre es auch daß משך den Akt des Erwerbens ausdrückte wie ומשך חכמה מפנינים (Hiob 28, 18), entsprechend der משיכה im jüdischen Civilrecht. אל תמשכני עם וגו' hieße dann: Halte mich nicht gleichwerthig mit רשעים. דבר im קל siehe דברי וגו', (Pent. 4. B. M. 27, 7).

4
תֶּן־לָהֶ֣ם כְּפׇעֳלָם֮ וּכְרֹ֢עַ מַעַלְלֵ֫יהֶ֥ם כְּמַעֲשֵׂ֣ה יְ֭דֵיהֶם תֵּ֣ן לָהֶ֑ם הָשֵׁ֖ב גְּמוּלָ֣ם לָהֶֽם׃
BernfeldGib ihnen nach ihrem Thun und nach ihren bösen Werken; nach dem Thun ihrer Hände gib ihnen, erstatte ihnen ihren Lohn.
ZunzGieb ihnen nach ihrem Thun und nach der Bosheit ihrer Werke, nach dem Thun ihrer Hände gieb ihnen, erstatte ihnen ihren Lohn.
HirschDenen gieb nach ihrem Werk und nach der Schlechtigkeit ihrer Handlungen; nach dem Thun ihrer Hände gieb ihnen, laß' ihr Streben ihnen zurückkommen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. תן להם. פעל ist das durch eine fortgesetzte Thätigkeit erwirkte oder angestrebte Ziel (— Letzteres z. B. in פעולת שכיר, 3. B. M. 19, 13—): das Werk. פעל ist lautverwandt mit בעל: Bewältigen. בעלינו אדונים זולתך (Jes. 26, 13). פעל also eigentlich Stoffe oder Verhältnisse bis zur beabsichtigten Gestaltung bewältigen. עלל, wovon מעלל, nicht ein einzelnes Thun, welches עשה und מעשה wäre, sondern eine Entwickelungsreihe von Thaten und Thätigkeiten (Siehe Pent. zu 2. B. M. 10, 2). מעלליהם sind daher die fortgesetzten Handlungen, die das פועל zum Ziele haben. Ihr Gesammtziel ist ein schlechtes, und die Wege auf welchen sie es erstreben, sind es nicht minder, und auch מעשה ידיהם, jedes sonstige einzelne Thun steht im Widerspruch mit deinem in דביר קדשך ruhenden Gesetze. השב גמולם להם: Lasse ihnen Das zukommen, was als Frucht ihrer ganzen Lebensweise für sie reifen muß (siehe Pent. zu 1. B. M. 21, 8), oder: Lasse Das, was sie Andern zur Reife bringen wollen, auf sie zurückkehren. Wie: והשב ישיב לנו את כל הרעה אשר גמלנו אתו (1. B. M. 50, 15).

5
כִּ֤י לֹ֪א יָבִ֡ינוּ אֶל־פְּעֻלֹּ֣ת יְ֭הֹוָה וְאֶל־מַעֲשֵׂ֣ה יָדָ֑יו יֶ֝הֶרְסֵ֗ם וְלֹ֣א יִבְנֵֽם׃
BernfeldWenn sie nicht merken auf die Werke des Herrn und auf die Tat seiner Hände, reiße er sie nieder und baue sie nicht auf.
ZunzWenn sie nicht merken auf die Werke des Ewigen und auf die That seiner Hände, reiß' er sie nieder und baue sie nicht auf.
HirschDenn sie merken nicht auf die Wirkungen Gottes und auf das Thun seiner Hände, daß er sie niederreiße und nicht sie baue. —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. כי לא יבינו וגו'. הבין אל־ auf Etwas hinmerken, wie המבין אל כל מעשיהם (Ps. 33, 15). Sie sind nur von פעלם und מעשה ידיהם erfüllt und haben keinen Sinn für פעלת ד' und מעשה ידיו, und merken nicht, daß alle Gotteswirkungen, alle GottesZiele und alles Gottes-Walten ihrem Ziele und ihrem Thun entgegenstehen, und ihrer Zukunft und allen ihren Plänen durch Gott der Boden versagt ist.

6
בָּר֥וּךְ יְהֹוָ֑ה כִּי־שָׁ֝מַ֗ע ק֣וֹל תַּחֲנוּנָֽי׃
BernfeldGepriesen sei der Herr, dass er die Stimme meines Flehens erhört hat.
ZunzGepriesen sei der Ewige, daß er gehört die Stimme meines Flehens.
HirschGesegnet Gott, denn er hat schon die Stimme meiner flehenden Bitten gehört.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. 7. ברוך ד' וגו'. Mit dieser David gewordenen Klarheit und Einsicht in die völlig verschiedene Stellung seiner Feinde zu Gott und dessen Gesetz und seiner Stellung zu Beidem ist ihm bereits Erhörung geworden. Mit dem Bewußtsein, daß Gott für ihn und sein Wollen dem Wollen seiner Gegner Widerstand leistet und ihm Schutz gewährt, mit dem Bewußtsein, daß sein Sein und Wollen innerhalb der von Gott vertheidigten und geschützten Ziele ihre Stelle haben, findet er die Zuversicht, und damit ist ihm bereits geholfen, fühlt er sich bereits zum heitern, Gott schauenden und besingenden Liede begeistert, und gerade aus solchem in den drohendsten Gefahren aus dem Gott-Bewußtsein quillenden Liede erwächst für die Gottes-Erkenntniß in weitem Menschenkreise Gott die reinste Huldigung. אהודנו, für אודנו wie על כן עמים יהודוך (Ps. 45, 18) für יודוך.

7
יְהֹוָ֤ה ׀ עֻזִּ֥י וּמָגִנִּי֮ בּ֤וֹ בָטַ֥ח לִבִּ֗י וְֽנֶ֫עֱזָ֥רְתִּי וַיַּעֲלֹ֥ז לִבִּ֑י וּֽמִשִּׁירִ֥י אֲהוֹדֶֽנּוּ׃
BernfeldDer Herr ist meine Macht und mein Schild, auf ihn vertraute mein Herz und mir ist geholfen worden, und es jauchzt mein Herz; so will ich mit meinem Gesang ihm danken.
ZunzDer Ewige ist meine Macht und mein Schild, auf ihn vertraute mein Herz und mir ist geholfen worden, und es jauchzet mein Herz; so will ich mit meinem Gesang ihm danken.
HirschGott, meine Widerstandskraft und mein Schild, in ihm fand mein Herz seine Zuversicht und da war mir bereits geholfen. Freudig gehoben ward mein Herz und aus meinem Liede bereite ich Huldigung ihm.
8
יְהֹוָ֥ה עֹֽז־לָ֑מוֹ וּמָ֘ע֤וֹז יְשׁוּע֖וֹת מְשִׁיח֣וֹ הֽוּא׃
BernfeldDer Herr ist ihnen Macht und die Siegesfeste seines Gesalbten.
ZunzDer Ewige ist ihnen Macht, und die Siegesveste seines Gesalbten ist er.
HirschGott ist ihnen die widerstehende Macht, und Widerstandsmachtquelle der Heilesfülle seines Gesalbten ist Er.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. ד' עז למו. Wenn hier, wie sonst immer, למו der Dativ Pluralis ist, so wäre dieser Plural nur auf die vorhergenannten רשעים zu beziehen und es hieße: Gott ist ihnen eine zu starke unüberwindliche Macht, an ihm scheitern ihre wider mich geschmiedeten Pläne. Wir haben jedoch bereits Ps. 11, 7 zu ישר יחזו פנימו angemerkt, wie dort das Suffix מו Singular zu sein scheint, und auch in unserer Stelle dürfte es Singular sein und hieße dann: Gott, sein ist die Allem wiederstehende Macht.

9
הוֹשִׁ֤יעָה ׀ אֶת־עַמֶּ֗ךָ וּבָרֵ֥ךְ אֶת־נַחֲלָתֶ֑ךָ וּֽרְעֵ֥ם וְ֝נַשְּׂאֵ֗ם עַד־הָעוֹלָֽם׃ {פ}
BernfeldHilf deinem Volke und segne dein Erbe und weide und trage sie bis in Ewigkeit.
ZunzHilf deinem Volke und segne dein Erbe, und weide und trage sie bis in Ewigkeit.
HirschVerleihe deinem Volke Heil und segne dein Erbe und weide sie und trage sie hoch bis in die Ewigkeit.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. Wie bereits Eingangs bemerkt, fühlt David seine Zuversicht in Gottes Beistand noch ganz besonders durch seine nationale Stellung und das Bewußtsein erhöht, daß seines Volkes Wohlfahrt eng mit der seinigen verknüpft ist, und die seinem Volke ewig gewisse Hilfe, Führung und Erhebung auch ihm zu Gute kommen. —