Tehillim 26 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 26, V. 1. לדוד, Siehe zu Kap. 25, 1. Auch dies sind einfache Aussprüche der in David's Seele lebenden Gedanken und Gefühle. Es kommen die Grundsätze, Gesinnungen und Vorsätze zum Ausdruck, die David's Wandel und Streben bestimmten.
שפטני וגו': Beurtheile mich Gott, wie weit ich bis jetzt in meinem sittlichen Streben gelangt, ob ich auf dem rechten Weg zum Rechten und Guten bin, כי אני בתמי וגו', denn ich bin bis jetzt nicht בתם, in der sittlichen Ganzheit, sondern בתמי, in meiner sittlichen Ganzheit gewandelt, so weit ich sie verstanden und mit der Hingebung meines ganzen Wesens zu verwirklichen bemüht war, ich habe mich bis jetzt dabei nur von meinem guten Willen leiten lassen und dabei auf Gott vertraut, daß ich nicht zu Fehltritten komme.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. בחנני וגו', ich fühle es aber, ich bedarf deines Beistandes und deiner Mithilfe wenn ich zum sittlichen Ziele gelangen soll, darum: בחנני, prüfe mich, erkenne die Größe oder Kleinheit meines bereits erlangten sittlichen Werthes, ונסני, und erprobe mich was ich noch ferner zu leisten fähig wäre, erkenne was ich bereits bin und übe mich im Fortschritt, (siehe Ps. 7, 10), und nach Maßgabe dieser Prüfung und Erprobung, צרפה: läutere meine sinnlichen Antriebe (כליותי) und mein höheres Sinnen und Wollen (לבי siehe Ps. 73, 21). צרף, lautverwandt mit שרף, drückt dem צ-Laut gemäß die Ueberwindung der widerstrebenden Schlacken durch Feuer aus. Und zwar צרופה, in unverkürzter Schreibung, schone mich nicht, wenn es meine sittliche Veredlung erfordert.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. כי חסדך וגו', denn nicht der Beifall und das Wohlwollen der Menschen, חסדך deiner Liebe würdig zu werden, war und ist das Ziel, das ich vor Augen habe, und um dieses Ziel zu erreichen, habe ich mich mit Ernst in der von dir geoffenbarten Wahrheit, in den Wegen deiner תורה geführt. והתהלך, Siehe 1. B. M. S. 287.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. לא ישבתי וגו'. שוא ist das Gegentheil von dem im vorigen V. genannten אמתך: das in seinem Werthe und seinem Bestande Nichtige. מתי: Menschen, die für die Gegenwart völlig bedeutungslos sind und nur als Ueberleiter zu vielleicht kommenden bessern Geschlechtern Werth haben. (Siehe Ps. 17, 14). מתי שוא sind Leute die, dem Ernste des Lebens abgewandt, nur für Nichtiges und Vergängliches Sinn haben. Das Zusammentreffen mit Solchen ist nicht zu vermeiden, allein Platz habe ich nie neben ihnen genommen, habe in ihrer Gesellschaft nicht geweilt. ועם נעלמים, und die Gemeinschaft mit Menschen, die nicht Gott, wohl aber die Menschen fürchten und ihr Sein und Thun vor Menschenaugen verbergen, habe ich stets gemieden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. שנאתי וגו'. Es giebt nichts sittlich und sociales Schlechtes, das nicht durch Verbreitung in große Kreise in den Augen der Welt im mildern Lichte erscheint. Was ein Einzelner sich nicht erlauben würde, das erscheint ihm untadelhaft sobald dessen Uebung allgemein wird und durch ein קהל, durch eine „Gemeinschaft," vertreten ist. Ich aber, bekennt David von sich, hasse das Schlechte, selbst wenn ihm von einem קהל gehuldigt wird, und leiste Verzicht auf Sitz und Stimme, wo dem Gottesgesetze die Huldigung versagt wird, ועם רשעים לא אשב.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. ארחץ וגו'. V. 3–5 spricht das Bekenntniß aus, wie das Ziel, das er vor Augen halte, der göttlichen Liebe würdig zu werden, würdig zu bleiben, ihn in die Wege der gottgeoffenbarten Wahrheit führte und ihn von jeder Gesellschaft und Gemeinschaft mit Menschen zurückhielt, die durch ihre Grundsätze und Handlungsweisen ihn von dem rechten Wege abführen konnten. Im Gegensatz zu dieser Gemeinschaft, die er meidet, flüchtet er sich vielmehr zu dem Kreise, der sich im Gottesheiligthum um Gottes Gesetz sammelt. Die Annäherung zu diesem Heiligthum, der Anschluß an die Gemeinschaft, die sich um Gottes Altar vereinigt, setzt das Streben nach „Reinheit," nach Unsträflichkeit des Lebens im Menschenverkehr voraus; nicht mit von Eigennutz, von sträflichem Erwerben und Versagen „beschmutzten Händen," darf man in Gottes Haus gehen und sich der den Altar umgebenden Versammlung anschließen; „ich wasche erst in Reinheit meine Hände," כפי: die Besitz fassenden Hände, ehe ich Gottes Altar mit umkreisen will. Nichts von Dem was ich „mein" nenne, darf mich anklagen, daß ich es nur besitze oder noch besitze, weil ich den Geboten des Rechtes und der Liebe den Gehorsam versagt.
ואסבבה מזבחך wie ועדת לאמים תסובבך (Ps. 7, 8), ein Umgeben des Altars, das selbstverständlich nur in Gemeinschaft mit Andern vollzogen werden kann. Es kann auch das Umschreiten des Altars bezeichnen, ein Umgang, der, wie unsere הקפות mit dem לולב das Bekenntniß ausdrücken würde, sich mit seinen Lebensgängen auf Erden nur in dem von dem Gottes-Altar gewiesenen Kreise bewegen zu wollen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. לשמיע וגו', השמיע ohne Objekt heißt überhaupt: laut werden, so Chron. I. 15, 16. 19, 28. 16, 42. Die doppelt gekürzte Form: ohne ה und ohne י, soll wohl dieses „Lautwerden" mildern, daß nicht an ein überlautes Schreien, מגביה קולו בתפלתו, zu denken sei, es heißt nur: Hörbar zu werden, den Dank nicht innerlich zu verschließen. Der Zweck des Betretens des Gotteshauses wird hier in Zwiefachem ausgesprochen: לשמע בקול תודה und לספר כל נפלאותיך, in Gemeinschaft mit Andern zu bekennen, was man Gott schulde, es ist dies das eigentliche תודה, und daß hier an einen gemeinschaftlichen Ausspruch eines solchen Bekenntnisses gedacht wird, liegt schon in dem לשמיע, das ja die Mitanwesenheit Anderer voraussetzt. Man hört gegenseitig, daß man sich dem gemeinsamen Bekenntniß anschließt. Und לספר כל נפלאותיך: Durch Aussprechen aller der Großthaten, in welchen sich Gott offenbart, die Gotteserkenntniß erneut zu kräftigen. Bekenntniß und Erkenntniß sind die im Gotteshause zu pflegenden Früchte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. ד' אהבתי וגו'. Im Gegensatz zu V. 5 שנאתי קהל מרעים heißt es: ich liebe das zeitliche Weilen, den Aufenthalt in deinem Hause. מעון: der Raum (מ) des Zeitlichen (עון) Siehe Pent. 5. B. M. 33, 27. Ich liebe durch Weilen in deinem Hause den Gedanken zu bethätigen, daß mir dort eigentlich, bei dir, der Boden meiner Zeitlichkeit gegeben ist, ich die Stätte betreten darf, wo auf Erden deine Herrlichkeit bei uns ruht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. 10. אל תאסף וגו', da erneue ich den Vorsatz so zu leben, daß meine Seele nicht in sinnlichen Leichtsinn und mein Leben nicht in Verbrechen gegen meine Mitmenschen aufgehen, das Ende finden soll, daß Gott meiner Seele und meines Lebens Zukunft nicht in Gemeinschaft mit חטאים und אנשי דמים enden, nicht zu einem solchen Ende übergehen lassen möge, wie diese sich durch ihre Lebens- und Handlungsweise bereiten. In Stellen wie אנשי דמים ישנאו תם וישרים יבקשו נפשו (Prov. 29, 10), wo אנשי דמים nur den Gegensatz zu ישרים bilden, und ebenso אטם אזנו משמע דמים (Jes. 33, 15), כלם לדמים יארבו (Micha 7, 2), lehrt der Zusammenhang, daß unter דמים nicht nothwendig Mord und Todtschlag zu verstehen sei, sondern es überhaupt Leben und Wohlfahrt des Nebenmenschen gefährdende und zerstörende Verbrechen begreift. So auch hier. Der nächste Vers giebt eine nähere Schilderung der חטאים und אנשי דמים, als חטאים: בידיהם זמה, als אנשי דמים: ימינם מלאה שוחד. זמה bezeichnet überwiegend unzüchtige Sinnlichkeit. Siehe Pent. zu 3. B. M. 18, 17. חטאים strecken ihre Hände nach זמה, sinnliche Ausschweifung ist ihr Ideal, und אנשי דמים geben Leben und Wohlfahrt des Nächsten für eigennützige Interessen preis. Beide Charaktere in Einem Bilde vereinigt, greift die Linke nach זמה und hält die Rechte שוחד.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. ואני בתמי אלך, wie bis jetzt בתמי הלכתי (V. 1), so will ich in ganzer Hingebung an das Eine sittliche Ziel fortwandeln, erlöse mich von allen Hindernissen auf diesem Wege und gewähre mir Begabung für solchen Wandel.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. רגלי וגו', habe ich dann einst das angestrebte Ziel erreicht, hat mich Gott, wie ich (V. 1) vertraut, vor Schwanken und Fehltritt bewahrt, und hat mein Fuß in gerader Ebne Stand gewonnen, dann will ich — wie Andere nach Rettung aus Gefahren — Gott in öffentlicher Gemeinde segnen.