Tehillim 25 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 25, V. 1. לדוד, es ist nicht מזמור לדוד, auch nicht לדוד מזמור, nicht eine erst auf den Flügeln des Gesanges gefundene, auch nicht eine sich in Gesangesworten ausströmende Begeisterung, es sind vielmehr Gedanken und Gefühle, die David's Seele erfüllen und denen er hier Ausdruck verleiht. Die alphabetische Folge der Verse läßt auf die Absicht schließen, diesen Psalm wiederholt und wiederholt aus dem Gedächtniß sich und Andern zu vergegenwärtigen, wie er ja auch durch den letzten Vers von David bei dessen Uebergabe in den Liederschatz der Nation von dem ursprünglich individuellen Standpunkt auf den nationalen übertragen worden.
Wie aus dem Schluß des Psalms, V. 15 und weiter erhellt, befindet sich David mitten in von Menschen bereiteten Gefahren. Gleichwohl liegt ihm zunächst nur seine unter Gottes Erleuchtung und Beistand zu suchende geistige und sittliche Vollendung am Herzen. Weiß er es doch, daß alle leid- und freudvollen Führungen, die Gott dem Menschen angedeihen läßt, eben nur diesen seinen geistigen und sittlichen Fortschritt bezwecken, die Selbstarbeit für die Erreichung dieses Zweckes der Leiden daher der einzige geeignete Weg ist, die Zeit herbeizuführen, in welcher auch das Leid sein Ende finden möge.
אליך ד' נפשי אשא. Im vorigen Kap V. 4 ward der Gegensatz zu der vom Menschen auf der Gottes-Erde in der Gotteswelt zu erreichenden Bestimmung durch: נשא לשוא נפשי, כתיב נפשו ausgedrückt, daß der Mensch seine Gott entstammende und Gott angehörige Seele dem Nichtigen und Vergänglichen zuwendet, oder wie es im vorangehenden Kap. V. 30 hieß: ונפשו לא חיה, daß er seine Seele nicht zum wahren Leben entfaltet. Dem gegenüber heißt es hier: אליך נפשי אשא: dir zu, Gott, erhebe ich meine Seele, wende sie ganz dir zu, dich, deine Nähe zu gewinnen, lasse ich das ganze Streben meiner Seele sein (Siehe Pent. 5. B. M. 24, 15).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. אלהי וגו'. אבושה siehe Ps. 6, 11. אלהי: Du, den ich als Lenker meiner Geschicke und als Leiter meiner Thaten anerkenne, und der sich mir als solcher bewährt hat. In dich habe ich mein Vertrauen gesetzt, lasse mich nicht in diesem Vertrauen mich getäuscht finden, stehe mir bei die Ziele zu erreichen, die du mir als meine Bestimmung gesetzt hast, lasse mich nicht zu Fehltritten kommen, über die meine Feinde jubeln würden. עלץ, daß stärkere עלז, verwandt mit חלץ: ungebunden, „ausgelassen" werden, ein sehr hoher Grad von Fröhlichkeit, oder wie Ps. 9, 3 bemerkt, ein Aufjubeln bei einem Freiwerden von einer bisherigen Furcht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. גם כל וגו'. קויך. Siehe Pent. 1. B. M. 1, 9. קוה im Kal: zu Etwas mit der Hingebung seines ganzen Wesens hinstreben, wie der Wassertropfen in allen Wandlungen wieder zu seinem Ursprung zurückkehrt. Siehe das. הבוגדים: die Gott die Treue brechen, wie Ps. 78, 57. Es ist dies der gerade Gegensatz von קויך, die mit ihrem ganzen Wesen sich zu Gott hingezogen fühlen und nie von ihm lassen. Diese finden sich nie getäuscht, selbst wenn in den äußern Ereignissen ihnen der Erfolg ausbleibt, die Gottesnähe, die sie mit ihrem treugehorsamen Streben gesucht, die ist unabhängig von dem Erfolg, die ist nur durch das reine Wollen bedingt und ist diesem sicher. Wenn aber Jemand Gott um anderer Interessen willen die Treue bricht, und diesen Treubruch ריקם: ohne Erfolg begeht, der findet sich getäuscht. Er hat die Gottesnähe eingebüßt und nichts dafür gewonnen. Ja, selbst bei zuerst erreichtem Ziele, tritt doch die Täuschung unfehlbar ein, ist jede בגידה בד': ריקם; denn kein in Widerspruch mit dem göttlichen Willen angestrebtes, kein um den Preis eines Treubruchs gegen Gott gewonnenes Ziel gewährt dauernd die Befriedigung, die man davon erwartet hat. ריקם: wie לא ישוב אלי ריקם (Jes. 55, 11) ohne das Ziel erreicht zu haben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. דרכיך וגו'. דרך ist die Bewegung zu einem Ziele hin, der Weg, daher ja auch das damit verwandte דרג: מדרגה (Hohel. 2, 14. Ezech. 38, 20) die Stufe, Treppe. Daher bezeichnet דרך auch das blos individuelle persönliche Streben nach Befriedigung vom Sittengesetze gebilligter oder gemißbilligter Wünsche. אורח aber ist vorzugsweise der sociale Weg, den der Mensch in seinem Verhalten zum Nebenmenschen geht, es ist der Weg, der den Menschen zum Menschen führt. Daher ja auch אורח: der Gast, ארוחה: die Bewirthung, אורחה: die Karawane, die zu Handelszwecken Bewohner eines andern Landes aufsucht. Jes. 2, 3 heißt es daher: ויורנו מדרכיו ונלכה באורחותיו. Die Israelgelehrten „Wege der Sittlichkeit," wozu ja auch die מאכלות אסורות und עריות-Gesetze gehören, sind in ihrem ganzen Umfange nur für Israel als ממלכת כהנים וגוי קדוש bestimmt, sie werden nur zum Theil einst Gemeingut der Gesammtmenschheit, daher nicht ויורנו דרכיו, sondern: מדרכיו. Allein אורחותיו, die socialen Pflichtlehren des Rechts und der Wahrheit, der Billigkeit und Liebe sollen einst im Leben der Gesammtmenschheit ausnahmslos zur Verwirklichung kommen. Daher: ונלכה באורחותיו.
דרכיך וגו': Laß mich die Ziele erkennen, die du in deiner Waltung anstrebst, und laß mich die Ziele erkennen, die ich nach deinem Willen und in deiner Nachfolge anstreben soll. Beides heißt דרכי ד': die Wege, die Gott geht, und die er uns vorgeschrieben hat. Ebenso אורחתיך: dein Verhalten zu den Menschen, und wie deinem Willen gemäß mein Verhalten zu den Menschen sein soll. למדני spricht mehr für die Auffassung im letzten Sinn. למד ist nemlich nicht nur ein theoretisches Lehren, sondern hat ganz besonders auch die praktische Erfüllung im Auge. Es umfaßt auch: Uebung, Gewöhnung, Erziehung (Siehe Pent. 5. B. M. 4, 1). So כעגל לא למד (Jerem. 31, 17). מלמדי מלחמה (Hohel 3, 8) המלמד ידי לקרב (Ps. 144, 1). Davon ja auch מלמד הבקר (Richter 3, 31) der Treibstachel, und in der Sprache der Mischna (Kelim 5, 9) לימודין; Reife. Demgemäß würde die Erfüllung der socialen Pflichten, das Innehalten der ארחות ד', eine noch größere Uebung erfordern, als die Erfüllung der individuellen Pflichten, der Wandel בדרכי ד'. Man denke nur daran, wie schwer schon die gewissenhafte Erfüllung des Einen Verbots ist, des Verbots der לשון הרע, und man wird erkennen, daß die sittliche Pflichttreue des socialen Lebens eine Kunst ist, in welcher es bis zur Virtuosität zu bringen, mehr Uebung erfordert als irgend eine von Menschen angestaunte Kunstfertigkeit.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. הדריכני וגו'. דרכיך und ארחותיך zusammen sind: אמתך, die Wahrheit des Lebens, die den Menschen in der ganzen Mannigfaltigkeit seiner Beziehungen Das sein läßt, was jeder derselben gemäß ist. הדריכני: lehre mich gehen, oder: laß mich meinen Weg, mein ganzes Streben, in deiner Wahrheit finden, und übe mich in solchem Wandel, כי אתה אלהי ישעי, denn du bist durch deine Lenkung und Leitung der Schöpfer meines wirklichen, wahrhaftigen Seins. אותך קויתי. Wenn קוה im Kal das innigste Hinstreben zu Gott bedeutet, so ist קוה im Piel und mit dem Accusativ die innerste Sehnsucht und Erwartung, daß Gott zu uns komme, die Hoffnung, daß Er uns nahe werde. כל היום: bei allem meinen Thun und Lassen, bei jeder Lebensäußerung, die meinen Tag ausfüllt, war die Hoffnung, daß du mir nahe sein werdest, was mich leitete.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. זכר רחמיך וגו'. Einem Menschen gegenüber würden wir sagen: vergiß was du Alles bereits für mich gethan hast, und hilf mir jetzt als ob du mir noch nichts Gutes erwiesen hättest. Gott zugewandt heißt aber die Bitte: gedenke, wie dein Vater-Erbarmen und deine Liebeswohlthaten für mich bereits begonnen haben zu einer Zeit, wo ich ihrer noch gar nicht bewußt werden konnte, כי מעולם המה, gedenke, wie viel du bereits für mich gethan, ja, wie alles was ich bin, nur das Werk deiner רחמים und deiner חסדים ist, und darum lasse mich nicht zu Grunde gehen, weil ich ja eben dein Werk bin. So wächst ja die Zärtlichkeit der Mutter, das buchstäbliche רחמים, für ihr Kind in dem Maaße, als dessen Wartung und Pflege ihre hingebende und opfervolle Fürsorge in immer größerm Maßstabe in Anspruch genommen hat, und jemehr sie um ein Kind entbehrt und geduldet hat, jemehr sein Nochdasein und sein Gedeihen das Werk ihrer fürsorgenden Leistungen ist, um so mehr ist es ihr an's Herz gewachsen. Je mehr sie bereits für es gethan hat, um so mehr wird sie für es thun. Diese Gesinnung erfüllt auch jeden reinen Menschen in seinem Liebesstreben für den Mitmenschen. Sie ist nur ein Abglanz des göttlichen Erbarmens und der göttlichen Liebe, die den unerschöpflichen Born ihrer Liebe, ihr רב חסד, in solcher Weise bethätigt, und an diese appellirt David.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. חטאות וגו'. Mit dem Gedanken: כי מעולם המה tritt ihm die Erinnerung an die Zeit seiner Kindheit und Jugend in die Seele und legt ihm die Bitte nahe, Gott möge ihm die Vergehungen der Jahre seiner Unreife nicht gedenken, möge vielmehr auch dieser Zeit der Liebe entsprechend gedenken, die Er ihm auch da schon zugewandt. למען טובך ד': nicht etwa um einer mir innewohnenden Würdigkeit willen, sondern um deiner „Güte" willen, die du als ד' in deiner den Menschen zur reinen glücklichen Zukunft erziehenden Waltung Jedem angedeihen lässest, wie dies die folgenden Verse zu näherem Ausdruck bringen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. טוב וישר ד'. Gott ist so gerade als gütig, so gütig als gerade, er will dem Menschen Gutes thun, allein er will auch, daß der Mensch sich des Guten würdig mache, er will den Menschen seiner sittlichen Bestimmung nahe führen, allein er will dies um des Menschen willen, ihm dann die Spenden seiner „Güte" zuwenden zu können. על כן וגו', darum weist er selbst חטאים, selbst in Sünden ergraute Sünder (Siehe Ps. 1, 1. 104, 38) in den rechten Weg, oder den Accenten gemäß richtiger: belehrt und erzieht er selbst חטאים בדרך: im Lebensweg ergraute Sünder. Er verläßt Keinen, der noch lehr- und erziehungsfähig ist, und das ist Jeder, wenn er selbst in langer Gewohnheit die Widerstandskraft gegen die Leidenschaft verloren, so lange er, wenn auch מויד, mit Bewußtsein das sittlich Schlechte übend, nicht להכעים, nicht stolzirt mit der Sünde, nicht als לץ und חצוף das Sittliche verlacht, dem Sittlichen nicht Trotz und Frechheit entgegenkehrt, so lange selbst seine Sündengewohnheit nur sittliche Schwäche bleibt, er sich dieser Schwäche bewußt ist und noch nicht alle ענוה: Bescheidenheit, Schwäche-Bewußtsein eingebüßt hat.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. ידרך וגו', Bescheidene, noch Leitungs- und Erziehungsfähige, führt er במשפט durch das „Gericht," durch die Prüfungs- und Erziehungsleiden, die seine Rechtswaltung über sie verhängt, in den rechten Weg, und lehrt und übt sie durch die ihnen zu Theil werdenden Erfahrungen in dem Wege, der Seinem Willen gemäß ist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. כל ארחות וגו', so, indem selbst המשפט, die Gerichte Gottes, nur des Menschen wahres Heil bezwecken, sind alle ארחות ד', alle Weisen der göttlichen Waltung mit Menschen — siehe zu V. 4. — חסד ואמת, sie sind nicht einseitig, sein חסד ist אמת, und sein אמת ist חסד, wenn Er dem Menschen hingebende Liebe übt, so übt er sie nur in dem Maaße und in der Weise, daß deren Gewährungen nicht sein wahres, sein geistiges und sittliches Heil gefährden, und wenn er ihm die „Wahrheit" seines Lebens zumißt, ihn das seinem Wandel entsprechende Schicksal finden läßt, so ist dies selbst „Liebe," indem es ihn zur gerechten Würdigung seines Wandels führt. Siehe Pent. 1. B. M. 47, 29.
לנצרי וגו'. Denen sind alle Waltungen Gottes, selbst die herbsten, widerwärtigsten Schickungen nichts als חסד ואמת, die in בריתו ועדתיו ihre höchsten Schätze erkennen, deren Einbuße durch nichts anderes Ersatz finden kann. בריתו: der stete Wandel mit Gott, die durch reine Sittlichkeit zu wahrende Bundesnähe Gottes; עדתיו: die durch seine „Zeugnisse" und aus ihnen zu schöpfende geistige Erkenntniß. Während שמר vorzugsweise den Schutz vor äußerer Gefährdung bedeutet, liegt in נצר mehr die innere Erhaltung, das Wahren, daß Etwas nicht verderbe, uns nicht verloren gehe (Siehe Pent. 5. B. M. 32, 10).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. למען וגו'. Indem dein Name ה' ist, der dich als Den ausspricht, der in jedem Augenblick bereit ist, eine ganz neue Zukunft, ein ganz neues Leben zu gewähren, darf ich diese Gnadenspende der Wundermacht deiner Liebe mit Zuversicht erhoffen, eben weil meine Sünde, mein עון, meine „Verirrung in die Krümme," mit ihren Folgen so weit reicht, ich bereits durch meine Sünde alle Kraft der Wiedererhebung aus mir selbst eingebüßt habe und verloren wäre, wenn du mit deiner ה': מדה nicht einträtest, die sich eben einem solchen verlornen Menschen gegenüber in ihrer wahrsten Wundermacht bewährt. סלח, verwandt mit שלח, צלח, ist ganz eigentlich das Gewähren eines Fortschreitens zu besserer, reinerer Zukunft, wo dieses Fortschreiten durch Vergehen gehemmt war (Siehe Pent. 1. B. M. 24, 21. 4. B. M. 14, 20).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. 13. מי זה האיש. V. 8–11 war zum Ausdruck gebracht, wie Gottes Waltungen den Menschen belehren und erziehen. Hier, V. 12 und 13 heißt es nun: der Gottesfürchtige, der in solcher Weise Gottes Waltungen zu seiner geistigen und sittlichen Vollendung gereichen läßt, dessen irdische Wallfahrt somit an Gottes Hand ein steter Fortschritt zum Guten ist, dessen Seele geht einst nach Vollendung der irdischen Wallfahrt durch die Pforte des Todes in das ewige wahre Heil ein, und seine Nachkommen gehören zu Denen, die einst, wenn die Geschichtsentwickelungen auf Erden ihr Menschheit erziehendes Ziel erreicht haben werden, die Erbschaft aller irdischen Vergangenheiten auf Erden antreten. So ist die jenseitige und diesseitige Unsterblichkeit sein Loos.
יורנו בדרך יבחר: Gott bringt durch seine Waltungen dem Menschen zur Erkenntniß, daß die Wege, die dem göttlichen Willen entsprechen, die einzigen, wirklichen, wahren und guten sind, so daß er diese Wege, die er zuerst vielleicht mit widerwilligem Gehorsam betreten, nunmehr mit freier freudiger Hingebung wandelt, und Gottes Willen seinen Willen sein läßt. Siehe das zu Pent. 4. B. M. 10, 36 Bemerkte.
נפשו בטוב תלין. Die Grundbedeutung von לין ist: vor Ungemach Schutz suchen, daher irgendwo übernachten. Siehe Pent. 2. B. M. 15, 24, und auch in Stellen wie: אתי תלין משוגתי (Hiob 19, 4), בצוארו ילין עוז (Hiob 41, 14), בקרב חכמים תלין (Prov. 16, 31), תלין בקרבך מחשבות אונך (Jerem 4, 14), ולנה בתוך ביתו (Secharja 5, 4) heißt es: irgendwo unangetastet, vor Angriff und Störung sicher, seinen Platz finden und ruhen. Hier: während der Körper im Grabe von Nacht umfangen ist, entgeht die Seele dieser Grabesnacht und weilt, von ihr unangetastet, im einzigen, wahren, „Guten," in der ungestörten Glückseligkeit, deren sie erst nach vollbrachter mühe- und prüfungsvoller Arbeit des irdischen Lebens theilhaftig wird.
וזרעו יירש ארץ. Nachdem alle menschengesellschaftlichen Gestaltungen, die sich auf Gott verleugnender Gewalt und Sinnlichkeit erbauen, in dem von Gott überwachten und geleiteten Entwickelungsgange auf Erden geschwunden sein werden, zeigt uns das Wort der Propheten als letztes Ziel der Geschichte ein Gott und seinem Sittengesetze huldigendes Menschengeschlecht, welchem zuletzt die Erde zur Entfaltung eines Einzeln- und Gesammtlebens zufallen wird, in welchem mit freier Pflichthuldigung des von Gott gelehrten Rechts und der Liebe und eines sittlich geheiligten sinnlichen Daseins endlich ungetrübte hieniedige Glückseligkeit und ungestörter Frieden auf Erden eine bleibende Stätte finden werden. Dieses Geschlecht יירש ארץ, erbt die Erde, ihm fällt die Erde zu, nachdem unwürdige, einer solchen, nur in sittlichem Pflichtleben zu verwirklichenden Zukunft unfähige Geschlechter ihren Untergang auf Erden gefunden. Zur endlichen Gewinnung eines solchen für die einstige Heileszukunft auf Erden reiferen Geschlechtes spendet aber Jeder schon in der jetzigen Zeitlichkeit seinen unverlierbaren Beitrag, der in seinen Kindern durch Beispiel und Lehre die Keime eines geistigen, Gott erkennenden und sittlicher Pflicht huldigenden Lebens säet und pflegt und zeitigt und ihnen damit das göttliche Vermächtniß zur Weiterüberlieferung an ihre Nachkommen und in ihren Nachkommen übermittelt, das einst in jener Menschheitzukunft seine volle Verwirklichung finden wird. Durch die geistigen und sittlichen Güter, die er auf seine Kinder vererbt, und zu deren Fortträgern er sie erzieht, geht sein Geschlecht in aller Wandlung der Zeiten nicht zu Grunde, werden Nachkommen von ihm jene Heileszukunft auf Erden mit antreten, „sein Same gehört mit zu den einstigen Erben der Erde," זרעו יירש ארץ, und, während seine Seele der jenseitigen Seligkeit theilhaftig wird, נפשו בטוב תלין, erreicht er auch die Unsterblichkeit in hieniediger leiblicher Fortdauer, indem er mit seinem Wirken in dem leiblichen, geistigen und sittlichen Leben seiner Kinder und Kindeskinder fortlebt und זרעו יירש ארץ — Vgl. Pent. 2. B. M. S. 230. 560.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. סוד ד' ליראיו. Dieser „Gottes-Plan," der ein Verständniß der Gottes-Gänge durch die Geschichte ahnen läßt, ist nur für יראיו faßbar; nur, wer das Gott-Bewußtsein in sich trägt und sein eigenes Leben in steter „Vergegenwärtigung Gottes und seines Willens" — (das ist ja in Wahrheit יראת ד', siehe Pent. 1. B. M. S. 66. 2. B. M. 20. 17.) vollbringt, nur ein ירא ד' hat Sinn und Verständniß für diesen סוד ד', und בריתו, sein Bund, den er mit יראיו geschlossen, enthält auch die lohnende Verheißung, daß Gott sie mit der Offenbarung dieses seines סוד und mit dem Verständniß und erkennenden Schauen desselben beglückt. — (סוד siehe Pent. 1. B. M. 10, 9. 49, 6.)
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. עיני וגו'. Im Vorhergehenden war die Ueberzeugung ausgesprochen, daß alle Waltungen und Führungen Gottes mit dem Menschen nur dessen geistige Belehrung und sittliche Besserung im Auge haben. Darum, spricht David, sind meine Augen stets zu Gott hin gerichtet, erwarte ich jeden Augenblick, daß Er mich aus den Schwierigkeiten, in denen ich mich befangen finde, und die jeden meiner Fortschritte hemmen, erlösen werde.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16. פנה וגו', חנן siehe Pent. zu 1. B. M. 7, 8. 2. B. M. 33, 19. 34, 6. Wende du dich zu mir und schenke mir Gewährung, statte mich mit den geistigen und leiblichen Mitteln zum Fortleben aus, denn ohne dich bin ich „verlassen" und „arm," fehlen mir alle Bedingungen zum Fortleben; Menschenhilfe wird mir nicht und in mir selber fehlen mir Kräfte und Mittel, ich bin יחיד und עני.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. צרות לבבי הרחיבו. צרות ist Subjekt und לבבי Objekt. Die äußern Beengungen und Beschränkungen (צרות von צור: einengen), in welche Gott den Menschen führt, haben die Absicht להרחיב לבבו, sein Inneres zu „weiten." So lange wir nur äußere „Weite" haben, werden wir oft nur um so „engherziger," hat unser Herz keinen Raum für die großen geistigen Gedanken und Gesinnungen. Je mehr aber der Mensch sich gewöhnen muß auf Beifall und Gemeinschaft von Genossen (יחיד), auf Genüsse und Annehmlichkeiten (עני), Verzicht zu leisten, um so mehr, wenn ein starker gesunder Geist im Menschen wohnt, wird der Sinn in ihm wach, der andere Güter kennt und schätzt -- ist ja auch bilden und „beschränken" hebräisch Ein Begriff צור. Vgl. ויצר אותו בחרט (2. B. M. 32,) צורת הבית (Ezech. 43, 11). — Es heißt daher hier: die Nöthen, die du mir gesandt hast, haben bereits mein Herz geweitet, haben die von dir beabsichtigte Wirkung an mir erreicht, in der äußern Bedrängniß ist mein innerer Sinn „weit" geworden, darum führe mich nun hinaus aus meinen Bedrängnissen. Beschränkung und verkümmernde Enge sind ja nicht die eigentliche Bestimmung, in welcher der Mensch seine Aufgabe lösen soll. Sie sind Arznei, nicht aber die gewöhnliche Nahrung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. ראה וגו'. Siehe, wie ich bereits עני (עניי) und יחיד (עמלי) geworden, und wolltest du das Maaß meines Unglücks als hinreichend zur Sühne meiner Vergehungen erkennen, deren Größe und Umfang ich mir keineswegs verhehle. Der Plural, somit die Vielheit seiner חטאת, ist durch das ו besonders hervorgehoben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 19. ראה איבי וגו'. Ich erliege der Feindschaft der Menschen um meiner Sünden willen. Allein meine Sünden sind nicht der Grund ihrer Anfeindungen. Ihr Haß ist ein שנאת חמס, sie sind noch größere Verbrecher als ich ein Sünder bin.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 20. שמרה נפשי וגו'. Das Maaß meiner Sünden ist so groß, daß, wenn sie länger dauern, ich zu Grunde gehe — באו מים עד נפש wie es Ps. 69, 2 heißt — und das wolltest du zuversichtlich nicht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 21. תם וישר וגו'. Fortan werde ich nicht wieder in solche Verirrungen verfallen; תם: das Streben nach sittlicher Vollendung, und ישר: die rechtschaffene Geradheit im socialen Leben, werden fortan mich vor Verderbniß wahren, כי קויתיך: denn ich habe durch meine Leidenserfahrungen gelernt „nur die Nähe Gottes anzustreben," so in jedem Augenblick über mich, über mein inneres und äußeres Leben zu wachen, daß ich der Gottes-Nähe nicht unwürdig werde, daß nicht — wie es 5. B. M. 23, 15 heißt — יראה בך ערות דבר ושב מאחריך. קוה im Piel drückt ja das Streben nach Gewinnung der Gottes-Nähe aus (Siehe V. 5).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 22. פדה וגו'. Indem David als נעים זמירות ישראל — Sam. II, 23, 1. — diesen Psalm den Nationalgesängen Israels einverleibte, übertrug er durch Beifügung dieses Verses Das, was er zunächst aus den Erfahrungen seines prüfungsvollen Einzellebens heraus gesprochen hatte, auf den Standpunkt der nationalen Gänge seines Volkes. Sind doch die Erziehungsführungen, welche Gott seinem Volke angedeihen läßt, ganz derselben Weise wie Er den Einzelmenschen erzieht. Hier wie dort erlöst er aus Leiden durch Leiden, indem auch die über sein Volk verhängten Leidensgeschicke nur dessen geistige und sittliche Besserung und Erhebung im Auge haben und ihr Ende finden, sobald ihr Ziel erreicht ist —