Tehillim 22 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 22, V. 1. אילת, wie V. 21. אילותי: meine Kraft, in aktiver Pielform אילה: die Kraftgebung, Stärkung, השחר. Während לילה die Zeit des Ineinandergeschlungenseins (von ליל, לולאה), die Zeit bedeutet, in welcher die Gegenstände ununterscheidbar, ungeschieden für die Erkenntniß sind, dagegen בקר die Zeit der Unterscheidung (לא יבקר בין טוב לרע 3. B. M. 27, 33), ist שחר die Zeit des Tagesanbruchs, der Morgendämmerung, die Zeit des „Suchens" (שוחר טוב Prov. 11, 27), in welcher sich die Gegenstände noch nicht von selbst dem Blick klar geschieden darstellen, in welcher man sie jedoch bereits in Folge „suchenden" Bemühens erkennen kann. (Siehe Pent. 1. B. M. S. 312). Dieser Psalm spricht die Stärkung aus, die das Bewußtsein des bald anbrechenden Morgens dem noch von tiefer Nacht Umfangenen gewährt. Es ist Israel, Israel in tiefster Galuthnacht, dessen Gedanken und Gefühlen dieser Psalm Ausdruck verleiht. Die Leidensnacht umfängt es in tiefster, mitternächtlicher Schwärze des drohendsten Untergangs, V. 7—17. Es fühlt sich von Gott verlassen, V. 1—3; trägt gleichwohl das Bewußtsein in sich, daß seine Beziehung zu Gott nicht aufgehört, V. 4; und wie es sich V. 5. 6. des Beistands erinnert, den seine Väter in allen Nöthen von Gott gefunden, so pflegt es V. 18 mitten im Anblick seiner Feinde das Gedächtniß alles Dessen, was bis dahin seine Stärke und seine Stütze gebildet, und das giebt ihm, V. 19—22, die alle äußern Verluste verschmerzende Kraft und Zuversicht auf die kommende Rettung von Gott, und es feiert dann V. 23—32 die es erhebende Aussicht, wie es eben durch Gottes-Erfahrung in solchen Leiden befähigt wird, Gott-Verkünder für die Folgegeschlechter seines eignen engern Kreises, so wie für die Zukunft der Gesammtmenschheit zu werden, die, zur Huldigung der Gottesherrschaft gebracht, in dieser Selbstunterordnung unter Gottes Willen erst zu dem Genusse der auf Erden zu erreichenden Glückseligkeit und des wahren Lebens gelangen wird. Diese Ahnung der aus der jüdischen Galuthnacht sich entwickelnden lichtvollen Zukunft ist der שחר, ist die ahnungsreiche Morgendämmerung, welche die vorausgeworfenen Strahlen des kommenden jüdischen und Völker-Tages bewirken.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. אלי אלי, den ich als Quelle meiner Kraft (זה אלי ואנוהו), erkannt und der sich mir auch als solche bewährt hat. למה: zu welchem Zwecke, nicht למה: aus welchem Grunde (siehe Pent. 2. B. M. 32, 11. 12). Es ist nicht die Frage „Warum?" Israel's Pflichtvergessenheit ist hinreichender Grund. Allein Gottes Verheißung ואף גם זאת וגו' (3. B. M. 26, 44), daß demungeachtet Gottes Bund mit Israel und die darauf gegründeten Ziele nicht aufhören werden, rechtfertigt die Frage nach dem Zweck der gänzlichen Verlassenheit, in welcher Israel in gesteigertem Galuthleiden sich fühlt. רחוק וגו', das למה bezieht sich auch auf diesen zweiten Satz. Da das Prädikat רחוק vor dem Subjekt דברי steht, so ist die Einzahl nicht auffallend. Es kann auch מקור sein, und wäre dann soviel als ירחקו. Wozu bleiben die Worte meines Schreiens fern von der ersehnten Hilfe?
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. אלדי וגו'. Ich rufe Tages und sehe keine Spur der Erhörung in den Ereignissen des Tages, ich rufe Nachts und gewahre keine Wirkung meines Emporrichtens zu dir in einer dadurch zu erlangenden Beruhigung. דומיה zusammengesetzt aus דום: die innere Stille, und דמה: das äußere Schweigen. Mir wird keine Beruhigung im Herzen, und nicht einmal abgeschwächt wird meine Unruhe zum Schweigen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. ואתה קדוש, קדוש drückt das von keinem Gegensatz erreichbare Absolute des Seins und des Wollens aus, eine קדושה, die vollkommen nur Gottes ist, und von welcher die dem Menschen mögliche und von ihm anzustrebende nur einen Ausfluß bildet, (Siehe Pent. 1. B. M. S. 46, 47. 3. B. M. S. 439). „Und du bist doch unwandelbar in deinem Sein und Wollen," hast weder dein Wesen noch deinen Willen verändert, und bist noch: יושב תהלות ישראל, wie יושב הכרובים, thronst noch auf Israels, deine That-Offenbarungen verkündenden Gesängen. Israel ist doch noch der einzige geistige Träger deiner für die Menschheit bestimmten Offenbarung; was von deiner Erkenntniß und Anerkennung bereits Gemeingut der Völker auf Erden geworden ist, ist doch von תהלות ישראל, von „Israels Psalmen" in die Hütten und Gemüther der Menschen getragen worden, und die von Israel gepflegte Gotteserkenntniß und Gottesanerkennung sind doch der einzige noch fortdauernde geistige Thron deines herbeizuführenden Reiches auf Erden, תהלות ישראל deine geistige Cherubim während der Galuthzeit deines Volkes!
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. בך וגו'. Die Väter vertrauten auf dich und fanden ihr Vertrauen gerechtfertigt, indem du sie der Gefahr entrinnen ließest (ויבא הפליט 1. B. M. 14, 13), ja, indem sie schrien ונמלטו, fanden sie sich schon der Gefahr enthoben, fühlten sie sich schon zu neuem Dasein geboren (והמליטה זכר Jes. 66, 7), בך בטחו ולא בשו, so fanden sie sich in ihren Erwartungen für die äußere Gestaltung ihres Geschickes, so wie für die Kräftigung und Erhebung ihres Innern, im Gegensatz zu den mir beschiedenen Erfahrungen, nicht getäuscht, — (siehe בוש Pent. 1. B. M. 2, 25) — ein Gegensatz, der nun im Weitern, V. 7 u. f. f. in seinen einzelnen Zügen geschildert wird.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. ואנכי וגו', und ich, im Gegensatz zu den Vätern der Vergangenheit, bin ein Wurm, kein Mann und kein Mensch mehr. חרפת אדם וגו': von „Menschen" geschmäht, von „Völkern" verachtet, unter Menschen nicht als Mensch, unter Völkern nicht als Volk geachtet. Man spricht mir die Menschen-Würde und die Volkes-Ehre ab, ich bin human und politisch geächtet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. כל ראי וגו'. Wer mich noch eines Blickes würdigt, thut dies nur, um über mich zu spotten, יפטירו: sie heißen mich gehen, weisen mich ab. פטר, wie: ויפטר ממנו שאול (Sam. I. 19, 10) von Jemandem weg gehen, auch aktiv: לא פטר יהוידע (Chron. II. 23, 8) Jemanden entlassen. Im Munde der חז"ל, der ganz gewöhnliche Ausdruck für das Fortgehen des Einen vom Andern. לא יפטור אדם מחברו אלא מתוך דבר הלכה (Berachoth 31, a) und sonst. Habe ich ein Anliegen, so weisen sie mich ab, und zwar nicht mit Worten, sondern בשפה mit verächtlichem Verziehen der Lippe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. גל וגו'. גל ist מקור, nicht צווי, soviel als: יגול. Seine Lasten wälze es Gott zu, der hat ja Freude an ihm, es ist ja, nennt sich ja „sein" Volk! sprechen sie höhnend.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. 11. כי אתה וגו', und sie haben ja einige Berechtigung zu solchem Wort, meine ganze völkergeschichtliche Erscheinung weist ja auf Dich hin, ohne Dich, wäre ich kein Volk geworden und wäre selbst nach meiner Entstehung zum Volke gleich wieder zu Grunde gegangen. גוחי, praes. wie הקומים עלי (Kön. II. 16, 7). גוח: Etwas mit Schwierigkeit von seiner Stelle ziehen. Vielleicht verwandt mit כח: Kraft und קוח: nehmen, gleichbedeutend mit לקח, קח על מים רבים (Ezech. 17, 5), קחם על זרועותיו (Hosea 11, 3). Gleich meiner Geburt standen die natürlichen Bedingungen entgegen, und bei den ersten Anfängen meines Seins, flößtest du allein mit deinen Verheißungen mir Zuversicht ein. עליך השלכתי מבטן, השלכתי: von allen Verhältnissen, die sonst das Heranwachsen eines Familienstammes zum Volke begünstigen, war mir im Gegentheil die vollendete Ungunst zu Theil geworden. Nichts förderte mich, alles verwarf mich — man denke an die Zeiten von Abraham bis Moses — so daß ich lediglich auf dich „geworfen" war von der ersten Stunde meines Seins, und dich als die einzige Quelle meiner Kraft erkannte und erfuhr.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. אל תרחק וגו'. So fern du bist, so nahe ist die Noth, und auf Erden habe ich keinen Beistand.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. 14. סבבוני וגו'. פרים: gewöhnliches Bild für Völker-Größen. כתר, verwandt mit גדר und Wurzel von כתר: eng umschließender Reif, Krone: eng umschließen. Es ist nicht Ein Volk, das gegen mich ist, da ist ja keine völkergeschichtliche Größe auf der Bühne der Geschichte erschienen, die nicht Feindschaft gegen Juden geübt, und gerade die mächtigsten, אבירי בשן, haben mich in den engsten Kreis eingeschlossen. פצו עלי פיהם אריה וגו'. Während sonst die Völker uneinig sind, in Bezug auf Juden bilden sie alle eine Einheit. Alle diese vielen פרים und die אבירי בשן, reichen sich in dieser Beziehung die Hand und bilden zusammen Einen reißenden und brüllenden Löwen. Vgl. Ps. 83, 6.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. 16. כמים וגו', und diesem feindlichen Andrang der Völkergewalten gegenüber, bin ich völlig kraftlos geworden, bin wie Wasser hingegossen, das in sich keinerlei Halt hat und sich jedem dargebotenen Boden anfügt, und Alles, was sonst mich trug und meine Stütze war, כל עצמתי, ist außer Zusammenhang unter einander und außer Zusammenhang mit mir geworden. Im Bilde: Muskel, Sehnen und Nerven sind aufgelöst, die Glieder haben daher keine Haft mehr und keinen Leib, den sie tragen und von dem sie bewegt werden könnten. Zur That habe ich keine Kraft, meine Kraft ist marklos, zum Wort keine Zunge mehr, meine Zunge ist gelähmt — ולעפר מות וגו', sollte es denn in Wirklichkeit deine Absicht sein, mich für den Todesstaub bereit zu machen, mich als völlig gestorben aus den lebenden Völkerexistenzen verschwinden zu lassen?
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. כי סבבוני כלבים וגו', daß schon nicht mehr פרים und אבירי בשן, sondern Aas witternde Hunde mich umstehen, Pöbel-Rotten, der niedrigste Abschaum der Völkerklassen, mich umgeben, und mir, als wären sie eine löwengleich zu fürchtende Macht, Hände und Füße lähmen, daß ich weder zur Vertheidigung noch zur Flucht mich zu ermannen weiß?! Daß ich schon selbst den niedrigsten Pöbel fürchte, erscheint mir als Vorbote des Todes. Da das אתנח auf הקיפוני nach einem עולה ויורד auf כלבים folgt, so hat es nicht die Satz theilende Kraft, und הקיפוני bildet mit dem folgenden כארי וגו' Einen Satz. Es kann daher das ני in הקיפוני füglich nicht den Accusativ, sondern den Dativ bedeuten: הקיפו לי כארי ידי ורגלי, wie: והשיבני דבר (1. B. M. 37, 14) so viel als: והשיב לי דבר, ארץ הנגב נתתני (Jos. 15, 19) soviel als: נתת לי und sonst.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. אספר וגו'. Mit diesem Vers richtet sich das Galuth-Israel wieder auf. Mitten in solchen Untergang drohenden Leiden und Gefahren pflegt es, wie bereits V. 4. 5. hervorgetreten, die Erinnerung seiner gottdurchdrungenen und gottgetragenen Vergangenheit. Es feiert die Erinnerungsfeste seiner Gotteserlösung, seiner Gottesoffenbarung und seiner Gotteserhaltung, pflegt das Gedächtniß alles Dessen, was ihm Stütze gewesen, und ihm Erhaltung und Stütze für alle Zukunft verheißen. המה יביטו יראו בי, sie schauen verwundert auf mich hin, sehen mich an und begreifen mich nicht, wie ich, statt der Gegenwart und der drohenden Zukunft zu gedenken und auf Auskunftsmittel zur Rettung Bedacht zu nehmen, die Erinnerung alter vergangener Zeiten, wie in völliger Ruhe, pflege und mich daran begeistere und erhebe (Vgl Ps. 34, 21).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 19. יחלקו וגו'. All' mein Aeußeres, Alles, was zu meiner bürgerlichen, ja menschlichen Existenz und Erscheinung gehört, gebe ich ihnen preis; עצמתי, was mich innen trägt und tragen soll, wie sehr auch zeitweilig, V. 15, meine Schwäche dessen volle Wirksamkeit nicht zur Geltung kommen läßt, was ich im Innern berge, können sie mir nicht rauben. לבוש gegenüber bezeichnen בגדים die mehr der äußern bürgerlichen Stellung angehörenden Kleider, (siehe die Verwandtschaft von בגד mit פקד und בית. Pent. 1. B. M. S. 210. 632), während לבוש dann mehr das die Blöße „bekleidende" (לבש) Gewand, vielleicht: das Hemd bedeutet, wie Hiob 24, 7. 10. Daher בגדים im Plural, לבוש im Singular. Dort יחלקו, hier גורל.
V 21. הצילה וגו'. מיד כלב יחידתי. Schärfster Contrast. כלב: die niedrigste, sittlich gemeinste Menschenklasse, und יחידה: Das, was du nicht noch einmal auf Erden hast, was meine Einzigkeit, meine Eigenthümlichkeit bildet. Das ganze sittliche Heiligthum, das du in mich gelegt, mir anvertraut hast, befindet sich jetzt in der Gewalt von „Hunden," läuft Gefahr mit mir zu Grunde zu gehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 22. הושיעני וגו'. Es hatten mich schon größere, gewaltigere, Reem gleiche Mächte auf ihre Hörner gespießt. Ich befand mich schon auf ihren Hörnern, und du hast mich von dort erhört und gerettet. Hilf mir jetzt מפי אריה.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 23. אספרה וגו'. Ich sehne mich darnach, deinen „Namen," wie ich dich in meinen Leidenszeiten kennen gelernt, לאחי, zunächst meinem zeitgenössischen und nachfolgenden Geschlechte und darüber hinaus בתוך קהל, in größter Allmenschen-Versammlung, preisend zu verkünden, und zwar
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 24. יראי וגו', הללוהו: preist ihn in Thatenliedern, verbreitet seine Erkenntniß und Anerkenntniß, indem ihr die Ereignisse zum Verständniß bringt, in welchen sich sein Walten zeigt, יראי ד': ihr, die ihr im jüdischen und allgemeinen Menschenkreise gottesfürchtig seid. Speciell an den jüdischen Kreis lautet aber die Aufforderung: כל זרע וגו' וגורו וגו'. זרע יעקב: so lange ihr als Galuthvolk „Ferse haltend" unter den Völkern wandelt, כבדוהו: laßt euch nicht blenden durch erfolg- und siegreiche Menschengrößen, vertauschet כבודו nicht mit כבוד של הבל, bleibet selbst als יעקב die ausschließlichen Gottesverehrer! Und זרע ישראל: wenn das Galuth zu Ende geht, und ihr wieder als ישראל, als das „die Gottesherrschaft durch sein Geschick verkündende" Israel erstehet, וגורו ממנו: fürchtet euch vor Ihm, verliert nicht in glücklichern Zeiten die Scheu vor seiner Macht und seinem Richterblick, hüthet euch vor Gott vergessendem Leichtsinn! Nachdem ihr die Probe im Unglück bestanden, bestehet endlich auch die Probe im Glücke, daß euer Glück dauernd bleibe, und ihr es nicht wieder durch sündhaften Abfall von Seinem Gesetze verscherzet! Bleibet Gottesverehrer im Unglück und Gott gehorsam im Glück.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 25. כי לא וגו'. Denn sehet, das soll jedes künftige „Jaakob" und „Israel" als Erfahrung aus dem bisherigen Galuth beherzigen: das tiefste Galuth hatte sich der Gottes-Nähe zu erfreuen. Wie arm an allem äußern Glanze wir waren, wie verlassen wir schienen, und wie sehr wir die Nichtachtung, ja die Verachtung der Welt in dieser unsrer äußern unscheinbaren Stellung trugen, Gott hat unsrer Armuth keine Nichtachtung, geschweige denn Verachtung zugewendet. Während wir die נבזים und משוקצים unter den Menschen waren, לא בזה ולא שקץ ענות עני, waren wir es in Gottes Augen nicht. ענות, wie פרות von פרה, ist der innere und äußere gedrückte Zustand des Armen, die Wirkung, welche die Armuth auf den innern Gemüthszustand und die äußere Erscheinung des Armen übt. ובשועו: אליו שמע, Gott horchte auf ihn hin, wenn er um Hilfe rief; nicht nur בשוע אליו, sondern auch בשועו, wann immer sich ihm in der Noth ein Hilferuf entwand.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 26. מאתך וגו', wenn immer im großen Menschenkreise ich Etwas rühme, so bist du es, von dem mein Thatenpreis spricht, נדרי וגו': meine wiederholten Gelobungen Gottesverkünder unter den Menschen zu werden, löse ich נגד יראיו: in Gegenwart aller Derer, die gottesfürchtig auf Erden sind. Alle Diejenigen, in deren Brust der Gedanke „Gott" noch nicht geschwunden ist, lernen von Israel wie, worin und wodurch diese Gottesfurcht sich zu bethätigen hat. Sie lernen durch Israel die wahren Beziehungen Gottes zum Menschen und des Menschen zu Gott.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 27. יאכלו וגו'. Die innige Aufnahme einer Wahrheit, einer Verkündung, einer Lehre zur geistigen Nahrung finden wir durch אכילה ausgedrückt. So: נמצאו דבריך ואכלם ויהי דבריך לי לששון ולשמחת לבבי (Jerem. 15, 16) ויאמר אלי בן אדם את אשר תמצא אכול אכול את המגלה הזאת u. s. w. (Ezech. 3, 1. 2. 3. siehe das.). Ebenso: לעשות רצונך א' חפצתי ותורתך בתוך מעי (Ps. 40, 9). Vgl. Pent. 2. B. M. S. 150. Alle, die in Mitte einer Macht und Größe anstrebenden, auf Macht und Größe stolzen Welt ענוים, bescheiden geblieben und als solche „zurückstehen," ihnen kommt die durch Israels weltgeschichtliche Erhebung aus dem Galuth Gemeingut der Menschheit werdende Gottes-Erfahrung in aller erster Linie zu Gute, sie nehmen sie in sich auf und finden an ihr endlich die bis dahin vermißte Befriedigung und Aussöhnung mit ihrem Geschicke. יהללו ד' דרשיו Alle, die Gott in Natur und Geschichte suchten und nach „Gott" bewahrheitenden Thatsachen forschten, finden in dieser Bekundung Gottes in Israels Geschichte, was sie längst gesucht, und sie sprechen diese gewonnene Erkenntniß in Gott in seinem Walten preisenden Liedern aus. Darum יחי לבבכם לעד. Darum, in Hinblick auf diese einstige Heroldschaft durch das Galuth ergeht an jedes Galuthgeschlecht die Mahnung, sich nie durch die Wucht der Leiden niederbeugen zu lassen und sein Herz zur Ausdauer bis zum endlichen Ziele „lebendig" zu erhalten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 28. זכרו וגו'. Weder der individuelle, noch der menschengeschichtliche Abfall von Gott ist der ursprüngliche. Das Kindes-Innere des einzelnen Menschen war Gott nahe, und der Urstand des Menschengeschlechtes befand sich in der Gottes-Nähe. Die Gottentfremdung ist eine gewordene. Daher: זכרו: durch die von Israel ausgehende Anregung werden wieder zur „Besinnung" kommen, wird das „alte" Gott-Bewußtsein wieder aufleben, und ישובו und „zurückkehren" werden sie zu Gott. לפניך: vor Israel. Vgl. Jesaias 45, 14. 49, 23.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 29. כי לד' וגו', denn Gottes wird die Herrschaft, ihm huldigen einst alle Menschen, und er waltet auch jetzt unter den Völkern; durch die dunkelsten Zeiten geht der hellste Gottesplan.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 30. אכלו וישתחוו וגו'. כל דשני ארץ ist Objekt von אכלו, דשני Plural von דשן, die Fettigkeit: erst da sie sich Gott unterworfen, da genossen sie erst alle Glückseligkeiten der Erde. So lange sie nur die Selbstherrlichkeiten kannten, boten ihnen alle Köstlichkeiten der Erde kein wirkliches Glück, keine wahre, dauernde Freude. Erst durch den freien, freudigen Eintritt in die Gotteshuldigung und die Lösung der irdischen Lebensaufgabe als Gottes-Dienst, tritt das irdische Dasein in seine wahre ewige Bedeutung, und es wird die Erde zum Paradies, in welchem die Stimme Gottes mit den Menschen wandelt. לפניו יכרעו u. s. w.: darum knien dann vor ihm alle Die, die bis dahin auf Erden nur einen in Staub endenden Weg der Vergänglichkeit wandelten, und Jeder, der bis dahin seine Seele nicht zum wahren wirklichen Leben hat gelangen lassen. Nach Einigen wäre קרי לא und כתיב, und wäre als לו zu lesen. Der Sinn bliebe derselbe: der bis dahin seine Seele nur für sich hat leben lassen. In Wahrheit war aber dieses egoistische Leben kein Leben. Möglich auch, daß, wie allerdings in seltenen Fällen, נפש hier in männlichem Geschlechte gedacht und ונפשו Subjekt wäre: und der, den seine Seele nicht zum wahren Leben gebracht hat, oder: den seine Seele nur für sich hat leben lassen. Der Sinn wäre immer derselbe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 31. זרע יעבדנו. Die Nachkommen der heutigen Menschheit werden einst in den Lebensdienst Gottes treten, werden Ihm, der jetzt nur „mein Herr" ist, den jetzt erst Israel als seinen Herrn begreift und als dessen „Diener" auf Erden wandelt, zum Geschlecht „geschichtlich gezählt" werden, das ist: ספר. Sie werden weltgeschichtlich Gottes Geschlecht, beginnen fortan als Gottes Geschlecht auf Erden zu wirken und zu handeln, mit ihnen beginnt die Geschichte der Gottes-Menschheit auf Erden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 32. יבאו וגו', werden zunächst die Ueberlieferer der Gottesthaten an ihre Kinder werden, und ihnen die צדקת ד' klar machen, die Gott in dem ganzen bisherigen Verlauf der Geschichte für die Gewinnung und Erlösung der Menschheit geübt, werden dem nunmehr Ihm zugebornen Volke zum Bewußtsein bringen, daß Er es gebildet, daß es das Ziel aller bisherigen Gotteswaltungen in der Geschichte gewesen —