Tehillim 20 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 20. V. 1. Kap. 18 hatte David im Rückblick auf sein ganzes Leben es ausgesprochen, wie er nur der Treue gegen Gottes Gesetz Gottes Beistand verdankte und hatte im Kap. 19 zum Ausdruck gebracht, was ihm dieses Gottes=Gesetz war und ist. Der hier folgende, an David gerichtete Psalm spricht nun aus, wie auch sein Volk diese seine Beziehung zu Gott begriffen, und in diesem Bewußtsein ihm die Gesinnungen der Treue und Anhänglichkeit entgegen gebracht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. יענך ד' וגו'. ביום צרה am Tage der Noth, nach Auffassung der Weisen, eben wenn die Noth am drohendsten ist, wenn alle Umstände das unvermeidliche Unglück ankündigen. Wie, fügen sie hinzu, einem von langer Reise ermüdeten, sich nach endlicher Ruhe sehnenden Kinde ein Vater die Frage: wann kommen wir denn zur Stadt, mit den Worten erwiedert: בני סימן זה יהא בידך אם ראית בית הקברות לפניך דע כי המדינה קרובה לך, „merke dir, mein Sohn, du siehst die Stadt nicht ehe du den Begräbnißplatz siehst, erst wenn du Gräber vor Augen hast, ist die Stadt dir nahe." ישגבך וגו': die äußere Hilfe gewährt dir Gott, wenn die Noth am dringendsten geworden, die innere Erhebung, die zur Ausdauer bis zur endlichen Hilfe gehört, gewährt dir שם: die Erkenntniß, das Bewußtsein, das vertrauende Anklammern an אלהי יעקב, an Gott, wie Er Jaakob in seinen prüfungsvollen Lebensgängen offenbar geworden. Ist doch Jaakob eben Der unter den Vätern des jüdischen Volkes, dessen ganzes Leben Eine prüfungsvolle Leidenskette gewesen, und der mit seinem Namen dem von ihm stammenden Volke zugleich das erhebende Vorbild für ihre Leidensgänge durch die Geschichte vererbte. Weist doch Jaakob sein Haus auf Gott hin העונה אתי ביום צרתי (1. B. M. 35, 3), und blieb doch der Name „Jaakob" für immer seinem Volke für alle Galuthzeiten seines Geschickes. שגב (Siehe Ps. 9, 10).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. ישלח וגו'. Gott sendet deine Hilfe aus dem Heiligthum, d. h. er hilft dir wegen deiner Beziehung zu seinem Heiligthum, weil du für sein Heiligthum lebst und strebst, und deine Rettung der heiligen Sache seiner Gesetzesinstitutionen zu Gute kommt. ומציון יסעדך: aus dem geistigen Born, der zu Zion quillt, läßt er dir geistige Erquickung und Stärkung zuströmen. ציון (Siehe K. 14, 7), סעד: erquicken, kräftigen, stützen. Damit verwandt סהד, שהד, der Etwas stützende, bekräftigende Zeuge.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. יזכר וגו'. מנחה ist die Huldigungsgabe, mit welcher der Darbringende sein „Mehl, Oel und Weihrauch," seine Nahrung, seinen Wohlstand und seine Lebens=Befriedigung, somit sein „Geschick" Gott huldigend zu Füßen legt, wovon eine Handvoll herausgegriffen, קומץ, als אזכרה, als Ausdruck der Bitte dem Altarfeuer übergeben wird, es möge Gott, in dessen Händen unsere Nahrung, unser Wohlstand, unsere Zufriedenheit ruht, dieser unser ganzes äußeres Lebensglück ausmachenden Güter segnend „gedenken". Siehe Pent. 3. B. M. S. 44 und S. 50. Daher hier: יזכר כל מנחתיך.
עולה ist das Emporopfer, mit welchem der Darbringende ein stetes „Hinanschreiten" zu der von dem Gottesaltar des Gesetzesheiligthums gewiesenen Höhe mit der Hinangebung seiner נפש (דם), seiner ganzen „Persönlichkeit," und der Hingebung aller seiner „Thatvermögen" (איברים) an die Feuersmacht des göttlichen Gesetzes zur göttlichen Willens=Willfahrung (לריח ניחוח לד') gelobt. Siehe Pent. 3. B. M. S. 3. 19. 20. 32.
ידשנה, דשן heißt nicht: zu Asche machen, zu Asche werden lassen, sondern entaschen, Asche fortnehmen, ודשנו את המזבח (4. B. M. 4, 13). Von der Asche des מזבח העולה, des Opfer=Altars, hatte der Priester jeden Morgen, zur Eröffnung der täglichen Opfer=Diensthandlungen, einen קומץ, eine Handvoll aus dem Opferbrande des vorangegangenen nun geschlossenen Tages herauszugreifen und neben den Altar zum bleibenden Gedächtniß niederzulegen, והרים את הדשן אשר תאכל האש את העולה על המזבח ושמו אצל המזבח (3. B. M. 6, 3. Siehe Pent. daf.) Mit dieser תרומת הדשן wird die Thathingebung eines jeden Tages an die Thathingebung des vorhergehenden angeknüpft und damit zum Bewußtsein gebracht, wie im jüdischen Kreise jeder neue Tag nur die wiederholte fortschreitende Lösung derselben Aufgabe zur Erfüllung stellt, die auch der Vergangenheit zur Lösung gestellt war, und von ihr jeder Gegenwart zur fortschreitenden Verwirklichung überliefert wird (Siehe Pent. 3. B. M. S. 151). Insbesondere für das Emporopfer, עולה, ist תרומת הדשן von prägnanter Bedeutung, da ja עולה aus dem zum ewigen Fortschritt ladenden Bewußtsein bisheriger Unzulänglichkeit hervorgeht. (Siehe Pent. 3. B. M. S. 9). Die Verwandtschaft des קומץ המנחה und קומץ der תרומת הדשן haben wir bereits Pent. 3. B. M. S. 151 angedeutet, und den Sinn unserer Stelle, als Wunsch aufgefaßt, dahin ausgesprochen: er nehme (oder positiv: er nimmt) die אזכרה von allen deinen מנחות und die תרומת הדשן (d. h. ja wörtlich דשן) von deinem עולה d. h. es möge das Gedächtniß aller deiner Huldigungsgaben und deines Hinaufstrebens zu ihm Gott stets gegenwärtig sein (oder positiv: es ist ihm dies Gedächtniß stets gegenwärtig).
Es ist nun aber die Form ידשנה eine völlig alleinstehende, die sich aus den normalen Wortbildungen nicht erklären läßt. Als ה' נוסף müßte ihm ָ vorangehen, wie ימהר יחישה מעשהו (Jes. 5, 19). Nur noch ein einziges Mal kommt eine ähnliche Form vor: ואקראה לך (Sam. I. 28, 15). Bei der völligen Unerklärbarkeit dieser beiden Formen, glauben wir wagen zu dürfen, sie als Zusammenverbindung zweier Wurzeln aufzufassen. ידשנה aus דשן und שנה und ואקראה aus קרא und ראה. ידשנה wäre soviel als ידשן וישנה (Vgl. רבה צבאך Richter 9, 29): entaschen zur Wiederholung, ein Gedanke, der vollkommen dem oben entwickelten Begriffe der תרומת הדשן entspräche. Es wäre dann damit der Gedanke ausgesprochen: Gott billigt dein fortschreitendes Tagewerk jedes zurückgelegten Tages und ermuntert dich zu gleich fortschreitendem Streben an jedem neuen Tage.
In ähnlicher Weise erklärte sich die Form: ואקראה לך als Zusammensetzung aus קרא und ראה und zwar so viel als: ואקרא הראה d. h. ich rief dich zum Erscheinen, ich rief: „erscheine!" dir. Es ist dort nemlich Saul, der die Frage des auf seinen Ruf aus dem Grabe erstandenen Samuel: למה הרגזתני להעלות אתי mit den Worten beantwortet: in seiner bedrängten völlig rathund auskunftslosen Lage ואקראה לך להודיעני מה אעשה, habe er sich nicht begnügt ihn blos anzurufen, sondern habe er ihn zur Erscheinung gerufen, damit er von ihm persönlich Rath und Aufschluß erhalte, wie er ihm im Leben gegenüber gestanden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. יתן לך וגו'. Wir schließen uns mit unsern Wünschen, Vorsätzen und deren Ausführungen ganz Dem an, was du im Herzen wünschest und im Geiste beschließest: לבבך und עצתך. Das erste entspricht dem מנחה, das zweite dem עולה. Weil du deine Wünsche und deine Unternehmungen Gott zu Füßen legst, sie nur der Erfüllung seines Willens weihst und daher von Ihm Gewährung und Beistand zu erwarten hast, schließen wir uns mit allem unsern Wollen und Thun dir an und gehen so in deinen Willen auf, wie du all dein Wollen in den göttlichen Willen aufgehen lässest, wie dies noch im folgenden V. weiter ausgeführt wird. Es ist dies die reinste Huldigung des מלכות בית דוד und die Würdigung seiner Bedeutung für die Lösung der nationalen Bestimmung und Aufgaben des jüdischen Volkes.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. נרננה וגו'. Wir wollen uns mit dem Siege jubelnd freuen, den du erringst, und בשם א' נדגל. דגל: Fahne, siehe Pent. 4. B. M. 2, 52. Als Zeitwort heißt דגל aber nicht: Fahne erheben, sondern sich um die Fahne eines Andern sammeln. So Hohel 5, 10: דודי צח ואדום דגול מרבבה, mein Freund ist das „Licht" und das „Leben," umschaart von Zehntausenden. Zehntausende sammeln sich um seine Fahne, oder sammeln sich um Ihn als ihre Fahne. Ebenso (daf. 6, 4. 11.) איומה כנדגלות: Achtung gebietend wie die, um deren Fahne man sich sammelt. So auch hier: im Namen Gottes sammeln wir uns um deine Fahne, weil wir wissen, daß wir damit uns um Gottes Fahne sammeln. ימלא ד' וגו': wir sprechen damit aus, daß wir keinen anderen Wunsch kennen, als daß Gott alles Das erfüllen möge, was du wünschest.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. עתה ידעתי וגו'. Es sind dies keine leeren Träume und Vermuthungen, wir haben es aus deiner ganzen bisherigen Vergangenheit erfahren, haben es gesehen, wie Gott dir als seinem Gesalbten rettend und helfend beigestanden; wir leben der Zuversicht, daß er dir aus den Waltungshöhen seines Heiligthums auch ferner mit Allmachtsthaten des von seiner Rechten zu fördernden Heiles, d. h. mit Allmachtsthaten zum Zwecke des allgemeinen von Ihm beabsichtigten und herbeigeführt werdenden Heiles Erhörung gewähren wird. Deine Unternehmungen stehen im Dienste dieses Heiles, darum bleibt ihr Gelingen durch Gottes Beistand nicht aus. ימינו, siehe Pent. 2. B. M. S. 167.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. אלה וגו'. Die Accentuation von בשם ד' אלהינו נזכיר trennt ד' von אלהינו und verbindet dieses eng mit נזכיר: in dem Namen Gott gedenken wir unsern Gott. Daher ist auch zu אלה ברכב ואלה בסוסים der Gedanke zu suppliren: יזכירו אלהיהם. Andere Völker sehen ihren Gott in Wagen und Roß, wir aber sehen unsern Gott nur in Gott. Das hat dann auch immer zur Folge gehabt, daß
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. המה כרעו וגו': sie sind immer bis zum gänzlichen Falle unterlegen, wir aber, wenn wir auch einmal geschwankt, haben uns immer wieder emporgerichtet und haben uns dauernd erhalten. Von עוד, dem Begriffe der Dauer, (ja, wie anderweit bemerkt, auch dem Begriff: Zeuge,) ist עוד die Partikel der Dauer: noch.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. ד' הושיעה וגו'. Von Gott erwarten wir jetzt und in aller Zukunft unsere Hilfe. Unsere Zuversicht aber in diese Hilfe wurzelt darin, daß wir Gott als unserm „König" huldigen. Sich von Gott helfen zu lassen, dazu sind alle Menschen gern bereit. Allein ihm als „König" mit Gehorsam zu huldigen, ihn Gebieter über unser Wollen und Thun sein zu lassen, dagegen sträubt sich ihr Sinn. Wenn wir Gott um Hilfe anrufen so erwarten wir Erhörung weil wir Ihn als „König" anerkennen. Der „König" ist's, als welcher er uns erhört, wenn wir zu ihm rufen.