Tehillim 19 תהילים

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1
לַמְנַצֵּ֗חַ מִזְמ֥וֹר לְדָוִֽד׃
BernfeldDem Sangmeister,Psalm Davids.
ZunzDem Sangmeister. Psalm von Dawid.
HirschDem Siegverleiher, Psalm David's.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 19, V. 1. Als seine große Lebensaufgabe, die Frucht seines prüfungsvollen Lebens, hatte am Schlusse des vorigen Kap. David die Verbreitung der Gotteserkenntniß und Gotteshuldigung durch seine Gesänge ausgesprochen. Hier folgt nun ein solcher, vielleicht der bedeutsamste Psalm, der eben die Quellen der Gotteserkenntniß und der Gotteshuldigung zum Inhalte hat. Es sind ihm dies das Buch der Natur und das Buch der תורה, jenes die Quelle der Gotteserkenntniß, dies der Gotteshuldigung. Er spricht die bedeutsame Wahrheit aus, wie für die Gottes-Erkenntniß, für die Erkenntniß eines allmächtigen Schöpfers, Ordners und Regierers der Welt, es nicht der sinaitischen Offenbarung bedurft hätte, wie diese schon aus dem gedankenvollen Anblick der Natur, insbesondere des Himmels zu schöpfen sei (V. 2—7). Allein für die Gottes-Huldigung, für die Menschen-Erkenntniß, für die Erkenntniß Dessen, was nun in dieser von Gottes Allmacht erfüllten, von Gottes Gesetz beherrschten Welt, der Mensch mit seinem freien Wollen und Vollbringen solle, wie und wodurch er mit seinem freien Wollen und Vollbringen in dieser Gotteswelt Gott seine Huldigung zu bethätigen habe, darüber bleibt ihm Himmel und Erde die Antwort schuldig, das Gottesgesetz für die Aufgabe seines Daseins auf Erden vermag er nicht aus dem Anblick des Himmels und der Erde zu schöpfen, die Antwort, die er von dort sich ermitteln wollte, führte ihn in trostlose Irre, und nur das Gottes-Wort, das Gottes-Gesetz, die vom Sinai Israel und der Menschheit gewordene תורה giebt ihm die beglückende, seinem Wesen harmonisch zustimmende, sein Einzeln- und Gesammt-Leben dem Gottes-Willen entsprechend gestaltende Lehre (V. 8—10). Sie sei daher das einzige Erstrebungswürdige, das, wenn es auch zuerst unserm Wollen beschränkend entgegentritt, doch bei treuer Wartung eine immer reichere Fülle von heilspendenden Folgen erschließt (V. 11. 12), und zu deren immer volleren Verwirklichung jedes treue Streben des göttlichen Beistandes ebenso gewiß sein kann, als es dessen nicht zu entbehren vermag (V. 13. 14). Daß diese Auffassung der göttlichen Doppeloffenbarung in Natur und Gesetz und deren für die Belehrung der Menschen bestimmter Ausdruck im Liedeswort dem göttlichen Wohlgefallen und dem göttlichen Zwecke entsprechen möge, dem Wohlgefallen und dem Zwecke Gottes, der sich ihm, wie dies der vorhergehende Psalm ausgesprochen, als „Hort und Erlöser" bewährt hat, mit diesem Wunsche (V. 15) schließt der Psalm.

2
הַשָּׁמַ֗יִם מְֽסַפְּרִ֥ים כְּבֽוֹד־אֵ֑ל וּֽמַעֲשֵׂ֥ה יָ֝דָ֗יו מַגִּ֥יד הָרָקִֽיעַ׃
BernfeldDer Himmel erzählt die Herrlichkeit Gottes, und seiner Hände Werk verkündet das Firmament.
ZunzDie Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und seiner Hände Werk thut die Wölbung kund.
HirschDie Himmel erzählen die Ehre Gottes, und seiner Hände Werk vergegenwärtigt die Wölbung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. השמים, siehe Pent. 1. B. M. S. 7, die ganze außerirdische Welt, der Himmel mit seinen in gemessenen Bahnen ziehenden Sternenheer. רקיע (das. 1, 6 und 16): der Erdhimmel, der überirdische Kreis, von welchem die Erde alle die Bedingungen ihrer Entwickelung, Licht und Wärme, Luft und Wasser herab erhält. כבוד: die geistige Schwere, der äußere Ausdruck der innern geistigen Größe eines Wesens, wie כבד, die Schwere, der Ausdruck des körperlichen Gehaltes eines Gegenstandes ist. (Pent. 2. B. M. 16, 7). ספר Pent. (1. B. M. S. 111) erzählen, ist vorzugsweise die einheitliche Darstellung von in der Vergangenheit Geschehenem, während הגיד das Vergegenwärtigen überhaupt bezeichnet, auch Dessen, was noch geschieht oder erst geschehen soll. (Vgl. 1. B. M. 3, 11. 31, 20. 41, 25 und sonst sehr häufig). Der Himmel mit seinen in unveränderlichen Bahnen sich bewegenden Sternenwelten erzählt dem denkenden Menschen das Schaffen des Einen großen Meisters, auf dessen „Werde" diese Himmelswelt geworden, und läßt ihn ahnen כבוד אל, die Allmacht und Weisheit, die Größe Dessen, von dessen Schöpfer-Kraft aus dieses ganze unermeßliche All Dasein und Ausgang genommen. Und הרקיע: die ganze wechselvolle Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, die durch die Himmelsspenden für die irdische Welt vermittelt werden, wo, im Gegensatz zur Himmelswelt, nicht das Sein sondern das Werden erscheint, vergegenwärtigt dem denkenden Menschen מעשה ידיו, das noch fortwährend, durch die von ihm geschaffene Naturordnung vermittelt, von seinen Händen ausgehende Gestalten, das bei aller Mannigfaltigkeit doch ein einheitliches Ganze, Ein Werk ist, מעשה, nicht מעשי.

3
י֣וֹם לְ֭יוֹם יַבִּ֣יעַֽ אֹ֑מֶר וְלַ֥יְלָה לְּ֝לַ֗יְלָה יְחַוֶּה־דָּֽעַת׃
BernfeldEin Tag verkündet dem andern das Wort, und eine Nacht bringt der andern Kenntnis.
ZunzTag für Tag quillt das Wort, und Nacht für Nacht spricht sich aus die Kunde.
HirschTag dem Tage strömt Rede zu, und Nacht der Nacht spricht Wissen aus.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. יום ליום וגו'. Und das Leben dieser durch den Himmel vermittelten irdischen Welt ist in zwei Hälften getheilt, in יום und לילה, in dem Tagesleben, in welchem alle Wesen, jedes in seiner Eigenartigkeit aufgerichtet (יום verw. mit קום. Siehe Pent. 1. B. M. S. 11) die Energie des ihm verliehenen Seins und Strebens entfaltet; und לילה von לול, in einander und mit einander Verschlungensein (das.), die Zeit, in welcher die Kinder der Erde erschlafft darniederliegen, und auch der Mensch, wie der jüdische Ausdruck ist, seinen Geist — Krone und Scepter seiner Tagesherrschaft — seinem Schöpfer zurückgegeben hat. יום ליום, ein Tag dem andern, יביע läßt hervorquillen, zuströmen, überliefert und bringt immer mehr zur Anschauung und zur Verwirklichung אומר, eine „Rede," einen Verwirklichung bewirkenden Ausspruch (Siehe Pent. 1. B. M. S. 28); es ist Ein Waltungsausspruch, den fortsetzend Tag nach Tag, das mit jedem Tage zu wiedergeschenkter Selbstständigkeit erstandene Einzeln- und Gesammtleben zur Verwirklichung bringt; jedes Tagesleben setzt Das fort, was das vorangegangene, durch die Nacht unterbrochene begonnen hatte, und das gesammte Tagesleben im Einzelnen und Ganzen bringt אומר zum Bewußtsein, daß aller dieser Mannigfaltigkeit der Tageserscheinungen Ein Schöpfungs- und Waltungsausspruch zu Grunde liegt, und Alles im Dienste dieses Einen Wortes lebt und strebt. Und לילה ללילה, und die Erfahrung der einen Nacht spricht für die andere aus, „belebt" und hält „lebendig" das Bewußtsein, daß דעת, daß über die ganze schlafend erschlaffte Welt ein „Wissen" wacht, das „nicht schläft und nicht schlummert", das das Ganze und in dem Ganzen jedes Einzelne „kennt" und fürsorgend bewacht und an dem Schlaf der Erschlaffung zu erneuter Selbstständigkeit des Lebens erstarken läßt. Ein Tag spricht zum andern: stehe auf und diene dem „Wort", eine Nacht sagt der andern: lege dich ruhig nieder, ein „Wissen" wacht. אמר ist überwiegend ein Gottes-Ausspruch. Vgl. (Ps. 68, 12. 77, 9. Habakuk 3, 8). דעה: wie יש דעה בעליו (Ps. 73, 11) כי אל דעות ד' (Sam. I. 2, 3). יחוה, Siehe Pent. zu 1. B. M. 3, 20.

4
אֵֽין־אֹ֭מֶר וְאֵ֣ין דְּבָרִ֑ים בְּ֝לִ֗י נִשְׁמָ֥ע קוֹלָֽם׃
BernfeldOhne Worte und ohne Reden; es wird keine Stimme vernommen.
ZunzNicht sind es Worte und nicht Reden, nicht gehört wird ihre Stimme.
HirschBedarf nicht der Rede, nicht der Worte, ohne sie wird ihre Stimme gehört.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. אין אמר וגו', zu dieser Erkenntniß, dem denkenden Menschen das Bewußtsein zu bringen und sicher zu stellen, daß es einen Gott giebt, dessen Allmacht und Weisheit die Welt geschaffen und geordnet, der sie noch regiert und überwacht, dazu bedarf es nicht einer besonderen Wortoffenbarung Gottes, wie sie uns am Sinai geworden, בלי, ohne sie ist die Stimme der שמים und רקיע vernehmbar.

5
בְּכׇל־הָאָ֨רֶץ ׀ יָ֘צָ֤א קַוָּ֗ם וּבִקְצֵ֣ה תֵ֭בֵל מִלֵּיהֶ֑ם לַ֝שֶּׁ֗מֶשׁ שָֽׂם־אֹ֥הֶל בָּהֶֽם׃
BernfeldÜber die ganze Erde erstreckt sich [des Himmels] Glanz, bis an das Ende der Welt seine Worte; dem Sonnenball richtet da [Gott] ein Zelt ein.
ZunzDurch die ganze Erde gehet aus ihre Schnur, und an das Ende des Erdenrunds ihre Worte. Dem Sonnenball hat er ein Zelt an ihnen gesetzt.
HirschAuf der ganzen Erde geht von ihnen das Maaß aus, wo aber die Menschenwelt endet sprechen ihre Worte: dem Sonnenball hat Er das Zelt in ihnen gesetzt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. בכל הארץ וגו'. קו: die Meßschnur, יצא קו: wie ויצא עוד קו המדה (Jerem. 31, 38) von dem Auslegen einer Meßschnur, für einen bestimmten Zweck ein bestimmtes Gebiet abzustecken. So hier: überall auf der ganzen Erde geht vom Himmel die Meßschnur aus, d. h. wird vom Himmel allem irdischen Wesen das Bereich ihrer Entwickelung ertheilt und begränzt, überall ist das vermittelst des Himmels auf Erden waltende Gottes-Gesetz zu erkennen, ובקצה תבל מליהם, und wo die „wirre" Menschenwelt endet, spricht der Himmel vernehmlich sein Wort: dem Sonnenball hat Er, Gott, in ihm, dem Himmel, das Zelt gebaut. In der Menschenwelt, wo mehr die Willkühr der Menschen waltet, und die daher תבל (von בלל) heißt, wird über das Schaffen der Menschen die Schöpfung Gottes übersehen. Aber wenn man aus der Menschenwelt hinaus in das Bereich des Naturwaltens tritt, spricht vernehmlich sich die Natur als Gottes Schöpfung aus. Diese Gott-Offenbarung in der Natur und durch die Natur wird an der Betrachtung Eines Naturkörpers, an der Sonne veranschaulicht, deren Bedeutsamkeit für die Erdwelt und das ganze Erdleben so groß und mächtig ist, daß das ganze antike so wie das moderne und modernste Heidenthum in ihr den eigentlichen Gott der Erde verehrt und erblickt, während der denkenden Betrachtung eben sie am lautesten ausspricht, daß ein Höherer sie in das Zelt des Himmels gesetzt. Der hebr. Sprachgedanke nennt sie daher sofort: שמש, eine Wurzel, die im Chald. die gewöhnlichste Bezeichnung für Bedienen ist, somit: Diener, erster, vornehmlichster Diener in Gottes Haushalt der physischen Schöpfung.

אהל, so heißt es vom Himmel: וימתחם כאהל לשבת (Jes. 40, 22). Es heißt aber hier שם אהל בהם: nicht der ganze Himmel ist der Sonne Zelt, in dem sie sich etwa nach Belieben ergeht, sondern innerhalb des Himmelszeltes ist ihr nur ein bestimmter Raum zum Bereich ihrer Bewegung angewiesen.

6
וְה֗וּא כְּ֭חָתָן יֹצֵ֣א מֵחֻפָּת֑וֹ יָשִׂ֥ישׂ כְּ֝גִבּ֗וֹר לָר֥וּץ אֹֽרַח׃
BernfeldEr gleicht einem Bräutigam, der aus seiner Kammer hervortritt; er freut sich wie ein Held die Bahn zu durchlaufen.
ZunzUnd der, wie ein Bräutigam hervorgehend aus seiner Kammer, frohlockt wie ein Held, die Bahn zu durchlaufen.
HirschEr, wie ein Bräutigam tritt er hinaus aus seiner Hülle, freut sich als wäre er allmächtig zu laufen die Bahn,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. 7. והוא וגו' מקצה וגו'. Wie ein Bräutigam am Hochzeitstage erwacht, so tritt an jedem Morgen heiter der Sonnenball aus seiner Horizontverhüllung hervor, (vgl. השמש יצא על הארץ 1. B. M. 19, 23), und dann in fortschreitender Strahlenmacht freut er sich wie ein Held, wie allmächtig, die Bahn zu laufen. Wer ihn in ewig gleicher Strahlenmacht und Stärke sieht, hält ihn für eine Selbstmacht — und doch kann er sich weder seinen Ausgang noch seine Laufbahn beliebig wählen, vielmehr sind beide auf bestimmte Himmelspunkte und Räume beschränkt, und diese, die Tages- und Jahresbahn dieses mächtigsten Gestirnes in durchaus bestimmte Gränzen umschränkende Regelmäßigkeit weist auf den höhern Einen hin, der selbst dieses in Licht- und Wärme-Spende mächtigste Gestirn „sein", חמתו: seine Sonne nennt und ihr die Bahn gewiesen, und der so selbst durch diese mächtigste und strahlendste, Welt beherrschende Macht nicht überstrahlt und verdunkelt wird, vielmehr eben durch sie אין נסתר: kein Verborgener ist, oder: nicht verborgen ist, vollständig אין אל oder אין כבוד אל נסתר. חמתו, חמה kommt nirgend als: Wärme, Hitze vor, heißt vielmehr überall nur: Sonne.

יצא, לרוץ, תקופתו: David, wie überhaupt das heil. Wort, spricht die Sprache der Menschen, דברה תורה כלשון בני אדם, spricht in der Sprache der Menschen zum Menschen, spricht, wie auch Kopernikus, Keppler und Newton sprachen, wie wir noch heute sprechen, und wahrscheinlich, so lange überhaupt Menschen sprechen, in allen Zungen gesprochen werden wird, selbst wenn im Gegensatz zum Augenschein der Stand der Sonne und der Gang der Erde über den Grad einer höchsten Wahrscheinlichkeit hinaus zu einer unumstößlichen Gewißheit geworden sein wird. Denn nicht astronomische, kosmogonische, physikalische Wissenschaft will das Wort der heiligen Schriften lehren, sondern den Menschen in dem Kreis seiner Lebensstellung für seine Lebenserfüllung orientiren will es, für welche Aufgabe es völlig gleich gilt, ob die Tages- und Jahres-Entwickelung seiner irdischen Welt durch den Wandel der Erde um die Sonne oder durch den Wandel der Sonne um die Erde sich vollzieht, wenn nur sein geistiges Ohr wach bleibt für das Verständniß der „Sprache des Himmels und der Erde", der Sprache, die aus der Gesetzmäßigkeit dieser Erscheinungen, aus dem Welt-Gesetz, das die Gänge der unermeßlichen Sternenwelten ebenso wie die mikroskopische Entwickelung des kleinsten Zellenthierchens beherrscht, zu dem denkenden Menschen spricht, und er sich die ebenso unumstößliche Gewißheit nicht wegdeuteln läßt, daß kein Gedanke ohne Denkenden, kein Gesetz ohne Gesetz Gebenden denkbar ist, und jemehr die in der Natur verwirklichten Gedanken und die in der Natur waltenden Gesetze sich ihm erschließen, um so offenbarer seinem geistigen Auge der Einzig Eine wird, der die in der Natur verwirklichten und sich verwirklichenden Gedanken gedacht und denkt, und die in der Natur waltenden und sich vollziehenden Gesetze gesetzt und erhält.

7
מִקְצֵ֤ה הַשָּׁמַ֨יִם ׀ מֽוֹצָא֗וֹ וּתְקוּפָת֥וֹ עַל־קְצוֹתָ֑ם וְאֵ֥ין נִ֝סְתָּ֗ר מֵחַמָּתֽוֹ׃
BernfeldVon dem einen Ende des Himmels ist sein Anfang, und sein Kreislauf ist über dessen anderem Ende, nichts ist verhüllt seiner Glut. —
ZunzAm Ende der Himmel ist sein Aufgang, und sein Kreislauf über ihre Grenzen, und Nichts ist verhüllt seiner Glut. —
Hirschund doch bleibt ein bestimmter Punkt des Himmels sein Ausgang und sein Kreislauf an dessen bestimmten Grenzen; und so ist Er selbst vor Seiner Sonne kein Verborgener!
8
תּ֘וֹרַ֤ת יְהֹוָ֣ה תְּ֭מִימָה מְשִׁ֣יבַת נָ֑פֶשׁ עֵד֥וּת יְהֹוָ֥ה נֶ֝אֱמָנָ֗ה מַחְכִּ֥ימַת פֶּֽתִי׃
BernfeldDie Lehre des Herrn ist untadelig, sie erquickt die Seele; des Herrn Zeugnis bewährt, sie macht Toren weise.
ZunzDie Lehre des Ewigen ist untadelig, seelenerquickend, des Ewigen Zeugniß bewährt, macht Thoren weise.
HirschDie Lehre Gottes aber, allumfassend, giebt der Seele Antwort; das Zeugniß Gottes, treu, macht Erfahrungslosen weise.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. תורת ד' וגו'. Je mehr er aber die Sprache des Himmels und der Erde versteht, je mehr er sich in einer Gottes-Welt lebend begreift, je mehr er das Gottes-Gesetz erkennt, das vom unermeßlich Größten bis zum unendlich Kleinsten Alles beherrscht, in Allem sich vollzieht, dem Alles untersteht und eben durch diese widerspruchlose Unterordnung Das ist und wird, was es sein und werden soll, und die Bestimmung löst, die seinem Dasein Bedeutung giebt: um so mehr wird in seiner Brust eine Frage wach werden, für welche Himmel und Erde ihm keine Antwort geben, die Frage nach dem Gesetz, dem auch er sich mit seinem ganzen Sein und Vollbringen zu unterstellen hat, auf, daß auch sein Dasein Werth und Bedeutung gewinne, und auch er Das sei und werde, was er nach seines und des Weltall's Schöpfers Willen sein und werden soll. Ist er doch unter den Geschöpfen der Erde das einzige, das wohl mit der physischen und geistigen Entwickelung seines leiblichen und seelischen Wesens höhern, von ihm unabhängigen Gesetzen unterliegt, sich aber mit dem Gebrauch und der Verwendung seiner leiblichen und geistigen Kräfte und Fähigkeiten an eine Selbstbestimmung überwiesen fühlt, mit welcher er sich in jedem Augenblick für und gegen zu entschließen weiß, und wofür ihm die Weisung fehlt, die ihn den einzigen Weg eines dem Willen seines Schöpfers gemäßen Verhaltens führe. In allen übrigen geschaffenen Wesen, vom Sonnenball bis hinab zum kleinsten der von seinem Strahl geweckten Pflänzchen, und hinauf zu den größten der lebendigen Organismen, — mit Ausnahme des Menschen — vollzieht sich dieser Wille von selbst, ist eben dieser Wille das Gesetz, dem Alle und Alles wandellos folgen, לא יסבו בלכתן איש אל עבר פניו ילכו, sie weichen nicht ab in ihrem Gange, Jedes geht nach der Richtung seines Angesichtes, in seiner Entwickelungsthätigkeit giebt es nicht den Gegensatz zwischen Gut und Bös, die Befriedigung jedes seines Verlangens ist gut, entspricht dem Willen seines Schöpfers, der eben für diese Befriedigung dieses Verlangen ihm eingeschaffen. Anders der Mensch. Ihn hat eben der Wille seines Schöpfers damit geadelt, daß er ihm einen Funken von seinem eignen freien persönlichen Wesen eingehaucht, für die Verwendung und den Gebrauch seiner Kräfte und Fähigkeiten die zwingende Macht seines Gesetzeswillens aufgehoben; er soll diesen Gesetzeswillen seines Schöpfers erkennen und frei erfüllen, aber er soll ihm auch zuwiderhandeln können; für ihn tritt der Gegensatz des Guten und Bösen ein, für ihn darf das Gute nicht immer das seiner sinnlichen Natur Süße, das Böse nicht immer das seiner sinnlichen Natur Bittere sein, sonst stünde er wie alle andern lebendigen Wesen nur unter der zwingenden Herrschaft seiner sinnlichen Natur und wäre nicht der freie Diener seines Schöpfers, nicht der freie Vollbringer des Gesetzes. Wie diese fundamentale Lehre über die Erkenntniß des Guten und Bösen am Eingange der Bildungsgeschichte der Menschheit im Buche der Bücher gezeichnet steht (Siehe Pent. 1. B. M. K. 3). So klar und deutlich und bis zur Gewißheit entschieden Himmel und Erde ihm auch „Gott" offenbaren, und es zu dieser Erkenntniß außer der Werk=Offenbarung in der Natur, keiner besondern Wortoffenbarung Gottes an den Menschen bedurfte, so rathlos und trostlos stünde doch der Mensch hinsichtlich seiner Selbst=Erkenntniß, hinsichtlich seiner Beziehung zu Himmel und Erde und zu Gott, seinem und des Himmels und der Erde Schöpfer, und hinsichtlich Dessen, womit und wie er, der Mensch, in Mitten einer Gott dienenden Welt, nun auch seinen Lebensdienst Gott, seinem Schöpfer und Herrn, zu lösen habe, wenn ihm Gott zu dieser Erkenntniß nicht sein „Wort" gesandt hätte.

Während in dem ganzen übrigen Schöpfungskreise, dessen Ganzem und Einzelnem nur die Eine Richtung auf das dem Schöpferswillen Gemäße innewohnt, Entschiedenheit, schwankenlose Klarheit, Daseinsfreude, täuschungslose Beurtheilung der Dinge, reines Ausleben der Bestimmung im Einzelnen und harmonisches Zusammenwirken im Ganzen waltet, bliebe ohne Gottes Wort, das ihm die Einheit seines zwieseitigen Wesens deutet und ihm das Gesetz für seine Lebensaufgaben offenbart, das Loos des Menschen: trostloser Zweifel, ewig zu gängelndes Schwanken, freudeleeres Dasein, getäuschte Hoffnungen, verlornes Einzelleben und ewiger Kriegszustand der Gesammtheit. Gottes Wort aber giebt ihm:

תורת ד' תמימה, eine alle Seiten seines Wesens umfassende Lehre Gottes, die für sein ganzes leiblich=geistiges, irdisch=himmlisches Wesen die Keime der Erkenntniß des Wahren und Guten und der Erschließung für das Wahre und Gute in Geist und Herz pflanzt, (תורה von הרה: einen zu immer größerem Leben sich entwickelnden Keim in Jemanden legen). Diese Lehre „Gottes", des „die Menschheit zu ihrem Ziele Führenden," sagt ihm תמימה: einheitlich allumfassend, was sein ganzes leiblich=geistiges Wesen, mit seiner physischen Gebundenheit und seiner sittlichen Freiheit, im Gottesreiche und für das Gottesreich der die Welt gestaltend beherrschenden Gesetzlichkeit bedeute, und ist damit משיבת נפש, führt ihn hinaus aus allem seine Seele quälenden Zweifel. השיב את- mit dem Accusativ der Person kommt in der Bedeutung: antworten vor שעפי ישיבוני (Hiob 20, 2), וישיבו אותם דבר (4. B. M. 13, 27 und sonst). Mit נפש auch speciell: beruhigen, erquicken: והיה לך למשיב נפש (Ruth 4, 15), וישיבו את נפשם (Klagel. 1, 19). Beidem liegt derselbe Begriff zu Grunde: die Aufschluß oder Befriedigung suchende Seele strebt nach Außen, dort hin, wo sie das Vermißte zu finden hofft. Die Antwort oder die Befriedigung führt die Seele wieder in sich zurück, hebt ihre nach Außen gerichtete Bewegung auf. (Ist doch חפץ selbst lautverwandt mit חוץ.) Hier kann es Beides bedeuten. תורת ד' beruhigt durch ihre Antworten die von Zweifeln gequälte Seele.

עדות ד' וגו'. Die תורה begnügt sich aber nicht damit, ihre Wahrheiten für Geist und Herz nur in Worten lehrend auszusprechen, sie hat für ihre bedeutsamsten Wahrheiten einen That=Ausdruck, sinnvolle Zeichen und Uebungen gestiftet, die als עדים, (siehe Pent. 1 B. M. S. 344) erinnernde, warnende und mahnende Zeugen uns durch's Leben begleiten um in Augenblicken, wo wir dem פתוי, der verführenden Beredung zugänglich werden könnten, oder geworden sind (siehe Pent. 1. B. M. S. 179), uns die göttlichen Wahrheiten, welche die einzige Lebensweisheit bilden, zu vergegenwärtigen, und damit uns vor unweiser Verirrung zu warnen, oder nach geschehener Verirrung zur Wiederbesinnung zu mahnen.

Sie sind נאמנים, sie sind uns treu, sie verlassen uns nicht. Während die blos in Wort gefaßten Wahrheiten uns leicht im Leben entschwinden, bleiben die in Symbol und in symbolischer Handlung gefaßten, die treuen Begleiter durch's Leben und treten uns mit ihren Erinnerungen, Warnungen und Mahnungen gerade in Momenten des Lebens entgegen, wo wir ihrer am meisten bedürfen. Solche treue „Zeugen" der göttlichen Wahrheiten sind die uns täglich begleitenden מילה, ציצת, תפלין, מזוזה, קרבנות, טומאה und שעטנז, ערלה, טהרה u. s. w., oder die von Zeit zu Zeit bei uns einkehrenden wie שבת, רגלים, פסח, מצה, שופר, סוכה, לולב, שביעית u. s. w.

9
פִּקּ֘וּדֵ֤י יְהֹוָ֣ה יְ֭שָׁרִים מְשַׂמְּחֵי־לֵ֑ב מִצְוַ֥ת יְהֹוָ֥ה בָּ֝רָ֗ה מְאִירַ֥ת עֵינָֽיִם׃
BernfeldDie Befehle des Herrn sind recht, sie erfreuen das Herz; des Herrn Gebot ist lauter, es erleuchtet die Augen.
ZunzDie Befehle des Ewigen sind recht, herzenerfreuend, des Ewigen Gebot ist lauter, erleuchtet die Augen.
HirschDie Aufträge Gottes, gerade, erfreuen das Herz; das Gebot Gottes, hell, erleuchtet die Augen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. פקודי ד' וגו'. פקודים sind Gebote, begriffen vom Standpunkte der Gegenstände, auf welche sie sich beziehen, die uns פקדון und מופקדים, von ihrem und unserm Schöpfer anvertraute Güter, und hinsichtlich deren wir פקודים, von ihrem und unserm Schöpfer beauftragt und verpflichtet sind, der den Menschen in seine Erdwelt gesetzt hat לעבדה ולשמרה, sie ihrem Zwecke zu dienend zu fördern und zu hüthen, zu welcher Erdwelt wir auch selber gehören mit allen uns innewohnenden Kräften und Vermögen, für deren Zweckförderung und Erhaltung wir nicht minder verantwortlich sind. Alle unsere innere und äußere Thätigkeit regelnden Gebote sind nichts als eine Anweisung, wie wir diese „Dienerund Hüther"=Aufgabe zu lösen haben, mögen sich diese Gebote, wie לא תשחית, vernichte Nichts, auf alle Erdwesen, wie כלאים auf die Gattungsordnung aller Organismen, oder wie צער בעלי חיים, פריקה, לא תחסום, auf die Empfindungen aller Lebendigen, oder wie לפני עור, עשית מעקה, השבת אבדה, ענוי גר יתום ואלמנה, חבול בגד אלמנה, כבוש, שכר שכיר, פועל בכרם u. s. w. auf die allen leidenden und gedrückten Menschen=Gemüthern zu zollende Rücksicht sich beziehen, oder in העבט תעביטנו, פתוח תפתח, ואהבת לרעך u. s. w. die allweite große in צדקה und גמילות חסדים sich bethätigende Pflicht der Menschenliebe pflanzen und pflegen, oder in כבוד אב ואם die Kindespflicht gegen Eltern, in למוד והגית בו וחנוך בנים die geistige und sittliche Bildung und Erziehung unserer Kinder, in יומם ולילה und והלכת בדרכיו unsere eigene, stets fortschreitende, geistige und sittliche Selbsterziehung und Bildung uns an's Herz legen u. s. w. u. s. w.: immer sind es פקודי ד', פקודים, sind es Aufgaben, Aufträge Gottes hinsichtlich von ihm unserer Pflege und Wartung anvertrauter Güter und Wesen, für deren Wohlfahrt und bestimmungsgemäße Förderung wir Ihm verantwortlich sind. Und von diesen פקודים heißt es nun, daß sie ישרים sind, daß sie ebenso der Natur und Bestimmung der Wesen entsprechen, hinsichtlich deren sie uns verpflichten, als der eigenen Natur und Bestimmung unserer selbst, die sie verpflichten, und darum sind sie משמחי לב, schaffen sie die Herzensfreude, die nie und durch Nichts zu trübende Lebensheiterkeit, die ewig und für Jeden aus dem Bewußtsein erfüllter Pflicht, gelöster Lebensaufgabe fließt, wie klein und beschränkt und unscheinbar auch der Kreis sein möge, in welchem er sein Dasein verlebt, und die durch kein anderes Gefühl zu ersetzen ist. Denn es giebt nur Eine wahrhaftige, ewig untrübbare Freude, es ist die Freude, die uns aus jedem Pflänzchen wie aus jedem wunderherrlichen Mitgeschöpfe vorbildlich entgegen lächelt: die Freude pflichttreuen Seins, Wollens und Vollbringens vor Gott. (Vgl. Pent. 5. B. M. 10, 12).

מצות ד' ברה וגו'. Wie sehr aber auch diese Aufgaben ישרים sind, unserm und dem Wesen aller Dinge, hinsichtlich deren sie uns verpflichten, entsprechen, so würden sie doch ohne מצות ד', wenn sie uns nicht von Gott geboten und zu unserer Pflicht gemacht werden, durch eigenes Klügeln und Speculiren von uns nicht gefunden, jedenfalls nicht also weit und umschrieben gefunden werden, wie sie uns durch Gottes Gebot ertheilt sind, und würden wir ohne Gottes Gebot, nur unsern eigenen Gefühlen und Einsichten überwiesen, allen Irrungen ausgesetzt bleiben, mit welchen Kurzsichtigkeit, Leidenschaftlichkeit, augenblickliche Stimmung, Erregtheit, Abspannung zc. das Urtheil über uns selbst, über die Personen und Dinge die uns umgeben, trüben. Nur מצות ד', nur das Gebot Gottes ist ברה, ist von untrübbarer Klarheit, weist uns zu jeder Zeit und Stunde auf unsere Pflicht hin, und ist damit מאירת עינים, hält uns den klaren Blick offen zur richtigen Erkenntniß, läßt uns unsere Pflicht gegen Menschen und Dinge erfüllen, weil es unsere Pflicht, weil es מצות ד', weil es unseres Gottes Wille ist, gleichgiltig wie sich die Menschen und Dinge gegen uns verhalten; wir erleben keine Täuschungen, weil wir Nichts von ihnen erwarten, jedenfalls nichts aus dem Motiv irgend einer Erwartung von ihnen geleistet. שומר מצוה, heißt es an anderer Stelle, wer seine Pflicht und nur seine Pflicht thut und thun will, לא ידע דבר רע, der erlebt keine trüben niederschlagenden Erfahrungen.

10
יִרְאַ֤ת יְהֹוָ֨ה ׀ טְהוֹרָה֮ עוֹמֶ֢דֶת לָ֫עַ֥ד מִֽשְׁפְּטֵי־יְהֹוָ֥ה אֱמֶ֑ת צָֽדְק֥וּ יַחְדָּֽו׃
BernfeldDie Furcht des Herrn ist rein, sie bestehet ewig; des Herrn Aussprüche sind wahr und gerecht allzumal.
ZunzDie Furcht des Ewigen ist rein, bestehet ewig, des Ewigen Aussprüche sind wahr, sind gerecht allzumal.
HirschGottes=Furcht, rein, ist bleibend für die Ewigkeit; die Rechtsordnungen Gottes, Wahrheit, sind allseitig gerecht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. יראת ד' וגו'. Aus dem Vergleich mit den vier vorhergehenden Sätzen und dem einen nachfolgenden Satz läßt sich schließen, daß auch mit diesem Satze יראת ד' וגו' nicht die unsere ganze Beziehung zu Gott und unser ganzes Pflichtleben tragende Grundgesinnung unseres Innern, sondern ebenfalls ein bestimmter Theil unseres durch Gottes Gesetz geregelten Pflichtlebens bezeichnet sein werde, und zwar dürfen wir folgern, daß dies die Kategorie חוקים sei, die ja sonst in dieser Schilderung des Gesetzesinhaltes nach seinen verschiedenen Gruppen fehlen würde, und ohnehin im göttlichen Gesetze am gewöhnlichsten wie hier mit משפטים zusammen, und zwar vor ihnen genannt werden: חוקים ומשפטים. Dem entspräche dann auch die Beifügung: טהורה; ist ja טהרה, die sittliche, durch die freie Herrschaft über unsere Sinnlichkeit zu erlangende und zu wahrende Reinheit unseres Wesens, dasjenige hohe Gut, dessen Erstrebung und Erhaltung durch die den wesentlichsten Theil der חוקים bildenden עריותund מאכלות אסורות=Gesetze sicher gestellt sind. Diese unser leiblich sinnliches Leben umschränkenden Heiligungsgesetze sind nun aber eben diejenigen, gegen welche, nach dem Ausdruck der Weisen, יצר הרע ואומות העולם משיבין עליהם, unsere Sinnlichkeit und die nichtjüdischen Anschauungen am meisten remonstriren, und zugleich diejenigen sind, bei welchen zunächst die sociale Mitwelt nicht betheiligt erscheint, mit deren Erfüllung oder Nichterfüllung vielmehr wir nur mit unserm Gewissen vor Gott stehen, in deren Erfüllung oder Nichterfüllung sich daher ganz besonders unsere יראת ד' zu bekunden hat, weshalb eben dieser Theil der göttlichen Gesetze durch יראת ד' im engeren Sinne bezeichnet werden konnte. Dazu kommt, daß יראת ד' — das stete Schauen und sich Vergegenwärtigen Gottes in der ganzen Größe seiner Erhabenheit und Nähe (Siehe Pent. a. a. O.) — selbst seine reinste Nahrung und seine immer fortschreitende Vollendung aus der טהרה, aus der Lauterkeit unseres ganzen Wesens zieht, die eben durch die Beachtung der חוקים ihre eigenste Pflege findet.

Von dieser unser ganzes Wesen zur sittlichen Reinheit erhebenden יראת ד' heißt es nun: עומדת לעד, daß sie das für die Ewigkeit Bleibende, Unsterbliche sei. Irren wir nicht, so ist dies das gerade Gegentheil des כרת, des Verlustes der Daseins=Zukunft, das eben nach göttlichem Ausspruch die Nichtachtung von חוקים=Gesetzen in ihrem Gefolge hat. In der durch Bethätigung der יראת ד' erlangten טהרה wird ja das Göttliche, der eigentliche Mensch im Menschen, schon hienieden frei von den Banden sinnlichen Zwanges, welchem die physische Leiblichkeit erliegt, ja hebt in sittlich freier Energie sein physisch Leibliches selbst mit hinauf in das Gott nahe Bereich sittlich freien Vollbringens. Das durch יראת ד' zur טהרה Emporgerungene ist damit der Vergänglichkeit enthoben, dem alles טמא Gebliebene und טמא Gewordene, alles dem Bereiche physischer Gebundenheit Anheimgebliebene und Anheimgefallene erliegt.

יראת ד' טהורה erringt die Unsterblichkeit, עומדת לעד, während alles physisch Gebliebene des Menschen den Weg der Verwesung geht, wie dies die große טהרה=Institution der פרת חטאת als Grundwahrheit der jüdischen Ueberzeugungen proklamirt (Siehe Pent. 4 B. M. K. 19 insbesondere S. 315).

Es ist aber hier der abstrakte Substantivbegriff יראת ד' für die concrete Adjektivbezeichnung ירא ד', die sich bethätigende geistige Energie für das dieselbe bethätigende geistige Wesen genommen, ebenso wie ואני תפלה (Ps. 109, 4) statt: ואני מתפלל, אני שלום (Ps. 20, 7) statt: אני שלם, in welchen beiden Fällen durch diesen Substantivausdruck die Thätigkeit des Betens, die Gesinnung des Friedens eben als eine solche bezeichnet wird, die nicht nur zeitweilig, nicht nur theilweise, sondern immer und ganz das Wesen charakterisirt: ich bin ganz Gebet, ganz Frieden. So auch ויהי ידיו אמונה (2. B. M. 17, 12). Hier: יראת ד' zur Bezeichnung des Wesens, das durch ganzes Aufgehen in יראה, als durch und durch ירא ד' zur טהרה gelangt, טהור wird. Ja, es wäre nicht unmöglich, daß hier יראת ד' nicht Substantiv, sondern Adjectiv femin. stat. const. wie אשה יראת ד' (Prov. 31, 30) wäre, und es das durch Gottesfurcht reine Wesen, die durch Gottesfurcht reine Seele hieße, wie נפש יראת ד' טהורה.

משפטי ד' וגו'. Was חוקים für das Individuum sind, indem sie allen individuellen Beziehungen des Einzelmenschen die gottgewiesenen Normen vorzeichnen, innerhalb deren alledem Menschen innewohnenden, auch die leiblich sinnlichen Bestrebungen das sittlich reine Bereich ihrer Verwirklichung finden, über die hinaus aber das Reich der טומאה beginnt, in welchem das zur sittlich reinen Freiheit berufene Menschenwesen dem Untergang in sinnliche Gebundenheit verfällt: das sind משפטים, die göttlichen Rechtsordnungen, für das sociale Zusammenleben. טהרה: sittliche Reinheit ist das Prinzip des Einzellebens, צדק, Recht, wovon משפט die Verwirklichung bildet, ist das Prinzip der Gesellschaft. Von den משפטי ד' heißt es nun, daß sie אמת, „Wahrheit" seien, daß sie aus der objektiven Wahrheit der Dinge und Personen fließen, und diese in ihnen zum Ausspruch kommt. Ist doch צדק, „Recht," nichts als der in der Wahrheit der Dinge und Personen liegende gegenseitige Anspruch. צדק selbst ist lautverwandt mit שתק, schweigen, שדך, chald.: befriedigen, Genüge leisten (Siehe Pent. 1. B. M. 261). Mit der Verwirklichung des צדק erhält Jedes das nach der Wahrheit seines Wesens und Verhaltens ihm Gebührende. Es „schweigt," hat nach dem ihm Gewordenen und gegen das ihm Gewordene Nichts zu äußern, keinen Anspruch und keine Einsprache zu erheben. Daher die Verwirklichung des צדק: שפט, lautverwandt mit שפת: Etwas an seine Stelle setzen, ordnen. משפט ist die Ordnung der Sachen und Personen nach dem Maßstabe des צדק, durch משפט erhält Jeder und Jedes die ihm zukommende Stellung und Stelle. (Siehe Pent. 1. B. M. S. 46. 260).

Diese Charakteristik der משפטי ד' steht im Gegensatz zu den sonstigen menschengesetzlichen Rechtsordnungen, die zugestandenermaßen nicht אמת, nicht lediglich aus der Wahrheit der Personen und Sachen fließen, bei deren Feststellung vielmehr Zweckmäßigkeitsrücksichten das Maßgebende waren und sind, weshalb ja auch zwischen „Naturrecht" und „positivem Recht" unterschieden wird, wovon Jenes Dasjenige lehrt, was sich der menschlichen Einsicht aus der „Natur," das ist ja eben der „Wahrheit" der Dinge ergeben würde, dieses aber Dasjenige enthält, was die Menschen nach ihren verschiedenen menschengesellschaftlichen Verhältnissen zur Geltung festzustellen für zweckdienlich erachtet haben. Es liegt daher in der Natur der Sache, daß diese positiven Rechtssatzungen nicht צדקו יחדיו, nicht den wahren beiderseitigen Rechtsanspruch zur Geltung bringen, sondern das Eine auf Kosten des Andern befriedigen, oder Beiden nicht voll genügen, sondern nur einen festgesetzten Ausgleich zur Verwirklichung bringen, während משפטי ד', weil sie אמת und nur אמת sind, darum auch צדקו יחדיו, und sowohl der Geschützte wie der Abgewiesene, der Empfangende wie der Leistende kommen Beide zu ihrem „Recht," und zu Nichts als ihrem Recht.

11
הַֽנֶּחֱמָדִ֗ים מִ֭זָּהָב וּמִפַּ֣ז רָ֑ב וּמְתוּקִ֥ים מִ֝דְּבַ֗שׁ וְנֹ֣פֶת צוּפִֽים׃
BernfeldSie ist köstlicher denn Gold und feines Gold in Menge, und süßer denn Honig und Honigseim. —
ZunzSie, die köstlicher denn Gold und feines Gold in Menge, und süßer denn Honig und Honigseim, —
HirschSie sind die Erstrebungswürdigen, mehr als Gold und Geschmeide viel, und süßer als Honig und feinster Seim.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11. הנחמדים (חמד siehe Pent. 2. B. M. 20, 14). Sie, die Lehren und Gesetze Gottes, die uns vom Sinai geworden, deren Erkenntniß und Verwirklichung, sie sind die einzigen wahrhaft erstrebenswürdigen Güter, מזהב וגו' sie sind dies mehr als die materiellen Schätze, die sonst den Menschen als die erstrebenswürdigen erscheinen, ומתוקים וגו' und sie sind beglückender und gewähren einen höhern Genuß als alle sinnlichen Genüsse. Die Bedeutung von פז, so wie deren Zusammenhang mit פזז, das (Sam. II. 6, 16) eine außerordentliche Kraftanstrengung bedeutet, ist, (wie bereits Pent. 1. B. M. 49, 24 bemerkt) dunkel. Joma 44, b. werden sieben Arten Gold aufgezählt, darunter: זהב מופז, und wird dies erklärt: שרומה לפז, demgemäß kann פז nicht eine Art Gold sein. Raschi daf. erklärt es als מרגלית: Perle. Aboda Sara 11, b. erklärt es Raschi als einen höchst seltenen Edelstein. In der That wird Gittin 58, a die außerordentliche Seltenheit des פז bezeugt. Vielleicht ist פז von פוז oder פזז, verwandt mit פוץ, פצץ, das in וכפטיש יפוצץ סלע (Jerem. 23, 29): sprengen, und zwar die Sprengkraft einer solchen Felsenhärte bezeichnet, die beim Hammerschlag den Hammer zersplittert ohne selbst zu leiden. Siehe Sabbath 88, b. תוספ' daf. und רבות zu Klagel. 4, 7 wo diese Eigenschaft vom Sapphir, einem dem Diamant an Härte nächsten Edelstein ausgesagt wird. Vielleicht wäre daher פז: der Diamant. Auch die Bedeutung von נפת צופים ist zweifelhaft. Nach Sota 48, b. das feinste, nach wiederholtem Sieben (נפה) oben auf (צפה) bleibende Kernmehl (siehe Pent. zu 2. B. M. 16, 31), das sich durch eine natürliche Süße auszeichnet. סולת שצפה על גבי נפה ודומה לעיסה שגילושה בדבש ושמן. Nach Andern (daf.) wäre es eine feine Honigart, die von den Bienen aus auf Bergeshöhen wachsenden Kräutern gesammelt wurde. Jedenfalls wird hier von den Lehren und Gesetzen der תורה ausgesagt, daß deren theoretische und praktische Aneignung das höchste und beglückendste Gut ist, das von uns angestrebt werden kann.

12
גַּֽם־עַ֭בְדְּךָ נִזְהָ֣ר בָּהֶ֑ם בְּ֝שׇׁמְרָ֗ם עֵ֣קֶב רָֽב׃
BernfeldDein Knecht achtet auch treu auf sie, er übt sie mit großer Treue.
ZunzAuch dein Knecht wird durch sie belehrt, in ihrer Bewahrung ist großer Lohn.
HirschAuch dein Diener fand sich zuerst gewarnt durch sie; als er sie aber hüthete, erkannte er die reiche Folge.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12. גם עבדך וגו'. נזהר, Siehe Pent. 2. B. M. 18, 20: gewarnt werden, sich warnen lassen. Im Anfang meiner sittlichen Entwickelung waren mir die göttlichen Aussprüche überwiegend „Warnungen," sie hielten mich von Dem zurück, worauf ohne ihre Einsprache mein Wollen gerichtet gewesen wäre. Darin liegt stillschweigend das Geständniß, daß sie ihm zuerst in einer beschränkenden, zurückhaltenden, nicht immer beglückenden, vielmehr Opfer fordernden Bedeutung erschienen. Erst בשמרם, in gewissenhafter Beachtung und Erfüllung derselben, trat עקב רב, die in den vorhergehenden V. 8—11 geschilderte reiche, beglückende Wirkung derselben hervor. עקב, Siehe Pent. 1. B. M. 22, 18 und 5. B. M. 7, 12. Vgl. Ps. 111, 10.

13
שְׁגִיא֥וֹת מִֽי־יָבִ֑ין מִֽנִּסְתָּר֥וֹת נַקֵּֽנִי׃
BernfeldVerirrungen, wer merkt sie alle? Von verborgenen [Sünden] sprich mich frei.
ZunzVerirrungen, wer merkt sie? Von verborgenen (Sünden) reinige mich.
HirschIrrthümer, wer merkt sie! Vor Verborgenem halte mich rein.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 13. שגיאות וגו', שגה: nicht ein Irren aus Leichtsinn und sträflicher Gedankenlosigkeit, das vielmehr שגג heißt, sondern ein Irren aus unrichtiger Erkenntniß und Gedankenfolgerung, ein geistiges Irregehen, vor dem kein Mensch geschützt ist, und das ihm oft gar nicht zum Bewußtsein kommt. (Siehe Pent. 1. B. M. S. 146. 562. 3. B. M. S. 98). Daher sind sie oft נסתרות, sie waren unerkannt als sie begangen wurden, und kommen ihrer Natur nach auch nachher nicht zum Bewußtsein, so daß man sie in vielen Fällen noch vielleicht berichtigen könnte. Daher die Bitte: נקני, vor solchen unwissentlichen und vom Menschen nicht zu vermeidenden Verirrungen möge Gott ihn schützen, möge ihn von ihnen rein halten.

14
גַּ֤ם מִזֵּדִ֨ים ׀ חֲשֹׂ֬ךְ עַבְדֶּ֗ךָ אַֽל־יִמְשְׁלוּ־בִ֣י אָ֣ז אֵיתָ֑ם וְ֝נִקֵּ֗יתִי מִפֶּ֥שַֽׁע רָֽב׃
BernfeldAber auch von bösen Trieben halte deinen Knecht fern, dass sie mich nicht beherrschen. Dann bleibe ich ohne Tadel und rein von schweren Vergehen.
ZunzAber auch vom Muthwillen halte deinen Knecht zurück, daß er mich nicht beherrsche. Dann bin ich ohne Tadel und rein von schweren Vergehen.
HirschAuch von Muthwilligen halte deinen Diener zurück, daß sie keine Herrschaft über mich gewinnen wann ich schwach bin: so werde ich von großem Unrecht mich rein erhalten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 14. גם מזדים. זדים heißen nie und nimmer muthwillige Handlungen, sondern: muthwillige Menschen, die Freude am Schlechten haben, es selbst zu üben und auch Andere dazu zu verleiten. אז איתם steht nach den Accenten in engster Verbindung mit אל ימשלו בי; es kann daher kein Nachsatz von diesem sein, bildet vielmehr mit אל ימשלו בי Einen Satz. אז kommt in relativer Bedeutung vor: zur Zeit als, oder: zur Zeit wenn. So Ps. 56, 10. אז ישובו אויבי אחור ביום אקרא זה ידעתי כי אלקי' לי: zur Zeit, wenn meine Feinde am Tage wenn ich rufe zurückweichen, weiß ich Dies, daß Gott mir ist. ויהי מאז הפקיד (1. B. M. 39, 5) von der Zeit an daß er ihn in sein Haus eingesetzt hatte. גם מאז דברך (2. B. M. 4, 10) von der Zeit an, daß du gesprochen, und sonst. איתם ist der Form nach Futur Kal von תם: verwaist sein, unmündig sein. חשך wie ולא חשך ממני (1. B. M. 39, 9), ולא חשכת את בנך וגו' ממני (daf. 22, 16) Etwas dem Verlangen, der Verfügung eines Andern vorenthalten, es ihm nicht übergeben, ihm nicht zukommen lassen. (Siehe die Verwandtschaft mit חושך Pent. S. 9). Also: um zwei Dinge bittet David: a. um Schutz vor unwissentlichen Irrthümern der Erkenntniß, b. um Schutz vor dem verführerischen Einfluß schlechten Beispiels und schlechter Grundsätze verderbter Menschen in Schwäche=Stunden. Solche Stunden sittlicher Schwäche, in welchen uns die „leitende" Kraft besserer Grundsätze verläßt, und wir sittlich verderbten Einflüssen gegenüber „verwaist", das ist: „leitungslos", — (Siehe Pent. 2. B. M. S. 327), — dastehen, können den besten Menschen überkommen. Vor Beiden möge Gott ihn schützen, ונקיתי, dann hofft er sich rein erhalten zu können, und zwar, wie er bescheiden hinzufügt, מפשע רב: von großer Versündigung.

15
יִ֥הְיֽוּ־לְרָצ֨וֹן ׀ אִמְרֵי־פִ֡י וְהֶגְי֣וֹן לִבִּ֣י לְפָנֶ֑יךָ יְ֝הֹוָ֗ה צוּרִ֥י וְגֹאֲלִֽי׃ {פ}
BernfeldMögen meines Mundes Worte und meines Herzens Sinnen dir wohlgefällig sein, Herr, mein Hort und mein Erlöser.
ZunzSeien wohlgefällig meines Mundes Worte und meines Herzens Sinnen vor dir, Ewiger, mein Hort und mein Erlöser.
HirschSeien zum Wohlgefallen die Reden meines Mundes und das Sinnen meines Herzens vor deinem Angesichte, Gott mein Hort und mein Erlöser!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 15. יהיו לרצון וגו'. Möge sein Reden und Sinnen dem göttlichen Willen entsprechen und würdig werden, daß Gottes Augenmerk auf sie gerichtet sei, nach Erläuterung der Weisen, daß seine Worte Förderung bleiben mögen für die geistige und sittliche Entwickelung seines Volkes יהיו לרצון אמרי פי שיעשו ויחקקו לדורות ואל יהיו קורין בהם כקורין בספרי מירום אלא יהיו קורין בהן והוגין בהן ונוטלין שכר עליהם כנגעים ואהלות (מדרש) d. i. mögen meine Gesänge für die kommenden Geschlechter verfaßt und erhalten bleiben, und mögen sie nicht wie andere Dichtungen gelesen, sondern studirt und mit solchem lohnenden Nachdenken gelesen werden, wie die ernstesten Theile des religiösen Gesetzes, ד': Gott, dem die ganze Zukunft angehört, צורי וגואלי: der sich ihm als bestimmender und bildender Hort und Erlöser bewährt hat und — wie er dies am Schlusse des vorigen Kap. ausgesprochen — mit dieser Offenbarung im eigenen Leben ihm für den Sängerberuf an Israel und die Menschheit die Befähigung und Weihe gegeben.