Tehillim 18 תהילים

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1
לַמְנַצֵּ֤חַ ׀ לְעֶ֥בֶד יְהֹוָ֗ה לְדָ֫וִ֥ד אֲשֶׁ֤ר דִּבֶּ֨ר ׀ לַיהֹוָ֗ה אֶת־דִּ֭בְרֵי הַשִּׁירָ֣ה הַזֹּ֑את בְּי֤וֹם הִֽצִּיל־יְהֹוָ֘ה־אוֹת֥וֹ מִכַּ֥ף כׇּל־אֹ֝יְבָ֗יו וּמִיַּ֥ד שָׁאֽוּל׃
BernfeldDem Sangmeister. Von David, dem Knecht des Herrn, der vor dem Herrn die Worte dieses Gesanges redete, an dem Tage, da der Herr ihn gerettet aus der Hand all seiner Feinde, auch aus der Hand Sauls.
ZunzDem Sangmeister. Vom Knechte des Ewigen, von Dawid, der zu dem Ewigen redete die Worte dieses Gesanges an dem Tage, da der Ewige ihn gerettet aus der Hand all seiner Feinde, und aus der Hand Schaül's.
HirschDem Siegverleiher vom Diener Gottes, von David, der Gott die Worte dieses Gesanges sprach zur Zeit als Gott ihn gerettet hatte aus der Hand aller seiner Feinde und aus der Macht Sauls.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 18. V. 1. Es ist dieser Psalm eine שירה, ein Gott in den Ereignissen schauender Gesang (Siehe Pent. 2. B. M. 15, 1), und zwar ist es David, der die Gottesoffenbarungen besingt, wie sie in der Geschichte seines Lebens hervortreten in dem ganzen prüfungsvollen Wege, der ihn vom schwerverfolgten Einzelnen bis zum sieggekrönten Führer seines Volkes und Träger der Zukunft desselben geführt, und durch diese Erfahrungen zum Gottes-Sänger für die Menschheit aller Zeiten befähigt. Dieser Psalm ist bereits in dem historischen Buche Sam. II. K. 22 als zur Geschichte Davids gehörig niedergelegt und hat bei seiner Uebergabe an die Nation als Nationalgesang einige dem entsprechende Aenderungen von David's Hand erhalten.

לעבד ד' ist ein solcher Zusatz. Erst später, als David auf ein ganzes wirkungsreiches Leben zurückblicken konnte, in welchem eben seine Gesänge, die er als für Gott in alle Zukunft wirkenden Geistesschatz seiner Nation übergab, als die bedeutendste Frucht seiner Lebensarbeit hervorleuchten, wagte er sich עבד ד' zu nennen.

מכף כל אויביו ומיד שאול, כף: die gebogene, fassende Hand, יד: die gestreckte bewegende Hand, seine Feinde boten sich Saul zum Werkzeug aller Unternehmungen gegen ihn. Seine Feinde faßten ihn auf Sauls Machtgebot.

2
וַיֹּאמַ֡ר אֶרְחׇמְךָ֖ יְהֹוָ֣ה חִזְקִֽי׃
BernfeldEr sprach: Ich liebe dich, Herr, meine Macht!
ZunzUnd er sprach: Ich liebe dich, Ewiger, meine Stärke.
HirschEr sprach: kindlich liebe ich Dich, Gott meine Stärke!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. ויאמר וגו'. ארחמך, es ist dies der einzige Fall, daß רחם im Kal vorkommt. Wie רחם (von רחם: der Mutterschooß) die Bethätigung der Liebe bedeutet, die der Erzeuger dem Erzeugten zuwendet, weil es sein Kind ist, so dürfte רחם im Kal die Liebe des Erzeugten zum Erzeuger ausdrücken, die Liebe des Kindes zum Vater, in welchem es die Quelle seines Daseins erkennt. In diesem ersten an die Spitze dieser שירה gestellten Satze, drängt David alle Gedanken und Gefühle, die der Rückblick auf sein vergangenes Leben in ihm hervorruft, in das Eine zusammen: ארחמך ד' חזקי, Gott ist die Quelle alles Dessen, was ich bin, und ihm verdanke ich, daß ich noch bin, daß ich alles Das glücklich bestanden, was ich durchzumachen hatte; er ist mein Vater und meine Kraft, die sich in der ungebeugten Ausdauer, חזקי, meiner Festigkeit bewährt.

3
יְהֹוָ֤ה ׀ סַ֥לְעִ֥י וּמְצוּדָתִ֗י וּמְפַ֫לְטִ֥י אֵלִ֣י צ֭וּרִי אֶֽחֱסֶה־בּ֑וֹ מָֽגִנִּ֥י וְקֶֽרֶן־יִ֝שְׁעִ֗י מִשְׂגַּבִּֽי׃
BernfeldHerr, mein Fels und meine Burg und mein Erretter bist du! Mein Gott, mein Hort, bei dem ich mich berge, mein Schild, Horn meines Heils, meine Feste.
ZunzEwiger, mein Fels und meine Burg und mein Erretter, mein Gott, mein Hort, bei dem ich mich berge, mein Schild und Horn meines Heils, meine Veste.
HirschGott, mein Fels und meine Burg, und mein Retter! Mein Gott mein Hort, in den ich Zuversicht habe; mein Schild und meines Heiles Horn, meine Emporhöhe!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. ד' סלעי וגו' spricht nun die verschiedenen Weisen aus, in welchen sich Gottes Liebe ihm in dem Leben bewährt hat, auf das er zurück schaut. Es ist Dies dreitheilig: a. סלעי ומצודתי ומפלטי, dann b. אלי צורי אחסה בו, endlich c. מגני וקרן ישעי משגבי. a. schützend und rettend, b. begabend und bildend, c. zur siegreichen Höhe seines öffentlichen Lebensberufes geleitend. Gott hat Alles von ihm abgewendet, was ihn zu verderben gedroht, bald, indem er ihn über alles Niedrige eine solche Höhe ersteigen ließ, daß ihn das Gemeine, das Feindliche aus der Tiefe nicht erreichen konnte, er war ihm סלעו, eine Felsenhöhe; oder, indem er ihn wohlthuend beschränkte und umschränkte, ihn zum Nichtvorgehen gegen das ihn drohende Feindliche nöthigte und dessen Vorhaben vereitelte, er war ihm מצודה, eine ihn einschließende Burg; oder, er ließ ihn von der Gefahr ergriffen werden, aber aus derselben glücklich entkommen, er war ihm מפלט. פליט 1. B. M. 14, 13 ist der aus der Gefahr Entkommene, der Flüchtling. Daher פלט Jemanden aus der Gefahr entkommen lassen, retten. Daher auch von der Geburt: תפלט פרתו ולא תשכל (Hiob 21, 10). Gott hat ihn immer mehr leiblich, geistig und sittlich für die Lösung der Lebensaufgaben befähigt und gebildet, er hat sich ihm als אל bewährt, als Den, von dem alle Kraft und Fähigkeit und Bewegung ausgeht und zugleich als צור, als das absolut Bestimmende für alles Sein und Wollen (siehe Pent. zu 5. B. M. 32, 4) bewährt. Er war ihm אלי צורי, er verlieh ihm Kraft und Fähigkeit und war ihm zugleich das unveränderliche Maßgebende für alles Sein und Vollbringen mit dem Verliehenen אחסה בו, auf den ich mit Zuversicht bei allem Sein und Vollbringen, für alles Sein und Vollbringen hinaufschauen konnte und hinschaute. Gott hat ihm Schutz und Beistand und Förderung angedeihen lassen bei Allem, was er auf der Höhe seines Lebensberufes für das Gesammtheil seines Volkes zu vollbringen hatte. Er war ihm מגן, Schild in seinen Vertheidigungskämpfen für sein Volk, und קרן ישעי, das Siegeshorn, das ihm zum Sieg in diesen Kämpfen verhalf, war ihm: משגב, ließ ihn eine die Andern überragende Höhe erreichen (Siehe Pent. 1. B. M. S. 690).

Diese drei Weisen, in welchen sich Gottes Waltungen an ihm in seinem Leben offenbart, werden nun im Einzelnen geschildert. V. 4—20 zeigen Gott rettend, entsprechend dem סלעי ומצודתי ומפלטי; V. 21—36 bildend, entsprechend dem אלי צורי אחסה בו; V. 36—49 siegverleihend in den Kämpfen für sein Volk, entsprechend dem מגני וקרן ישעי משגבי.

4
מְ֭הֻלָּל אֶקְרָ֣א יְהֹוָ֑ה וּמִן־אֹ֝יְבַ֗י אִוָּשֵֽׁעַ׃
BernfeldIch rufe den ruhmesreichen Gott an und werde von meinen Feinden gerettet.
ZunzRuhmwürdiger! Ich rufe an den Ewigen, und bin vor meinen Feinden gerettet.
HirschWie in den Thatenliedern verkündet rufe ich Gott, und finde gegen meine Feinde Hilfe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. מהלל וגו'. Bei dem Antritte der ernsten Gänge seines Lebens hatte er nicht erst Thatoffenbarungen Gottes zu erwarten; in der ganzen nationalen Vergangenheit seines Volkes leuchteten bereits die Thatoffenbarungen Gottes in allen Ereignissen; alle die geschichtlichen Ereignisse seines Volkes waren ja nichts als Gottesstrahlen, תהלות, die Gottes Walten und Gott in seinem Walten und durch sein Walten verkündeten (Siehe Pent. 2. B. M. 15, 11). An diesen תהלות der jüdischen Ueberlieferungen hatte sich Davids Geist genährt, sie hatten bereits, als er seine Geschichte antrat, sein Gemüth mit den Gottesanschauungen erfüllt. Wie er dort Gott erkannt, so vergegenwärtigte er sich Ihn in der Stunde der eigenen Gefahr, rief Ihn für seine Gegenwart wie Er ihm in den Thatoffenbarungen seiner Volksgeschichte dastand, מהלל אקרא ד', und damit war ihm Hilfe von allem Feindlichen gesichert. Wie sich Gott den Vätern rettend bewährt, so erwartete auch er Ihn als Retter und fand sich nicht getäuscht.

5
אֲפָפ֥וּנִי חֶבְלֵי־מָ֑וֶת וְֽנַחֲלֵ֖י בְלִיַּ֣עַל יְבַֽעֲתֽוּנִי׃
BernfeldDenn mich umringten Todesbrandungen, Ströme des Verderbens ängstigten mich.
ZunzEs umringten mich Todesbande, und Ströme des Verderbens ängstigten mich;
HirschDrangen auf mich Todes Wehen, und wollten Nichtswürdiger Strömungen mich schrecken,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. אפפוני, אפף auf Etwas mit starkem Verlangen zudringen (Siehe Pent. 2. B. M. S. 168). חבלי (unterschieden von חבלי Stricke, Bande): Schmerzen, Wehen. נחלי בליעל, בליעל, Nichtswürdigkeit (Siehe Pent 5. B. M. 13, 14.) נחלי, vgl. נחלה עבר על נפשנו (Ps. 124, 4,) wie denn überhaupt tobendes, verheerendes Gewässer ein gewöhnliches Bild für leidenschaftlich bewegte, Verderben drohende Bestrebungen feindlicher Gewalten ist. חבלי מות sind gefahrdrohende physische Leiden, נחלי בליעל von nichtswürdigen Menschen drohende Gefahren. Vergleiche den folgenden Vers.

6
חֶבְלֵ֣י שְׁא֣וֹל סְבָב֑וּנִי קִ֝דְּמ֗וּנִי מ֣וֹקְשֵׁי מָֽוֶת׃
BernfeldBande der Unterwelt umgaben mich, Todesschlingen umfingen mich.
ZunzBande der Unterwelt umgaben mich, Todesschlingen umfingen mich.
Hirschja, umgaben mich schon Grabes Wehen, waren Todes Schlingen für mich bereit:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. חבלי וגו'. חבלי שאול: physische tödtliche Leiden, מוקשי מות: von Menschen gelegte todbringende Schlingen. קדמוני: sie waren für mich bereit, vgl. מדוע קדמוני ברכים (Hiob 3, 11). V. 6 ist eine Steigerung von V. 5. V. 5 אפפוני, יבעתוני, war physisches und sociales Verderben noch erst in drohendem Anzuge, V. 6: סבבוני, קדמוני, war er schon fast in der Gewalt des Verderbens.

7
בַּצַּר־לִ֤י ׀ אֶ֥קְרָ֣א יְהֹוָה֮ וְאֶל־אֱלֹהַ֢י אֲשַׁ֫וֵּ֥עַ יִשְׁמַ֣ע מֵהֵיכָל֣וֹ קוֹלִ֑י וְ֝שַׁוְעָתִ֗י לְפָנָ֤יו ׀ תָּב֬וֹא בְאׇזְנָֽיו׃
BernfeldIn meiner Bedrängnis rufe ich den Herrn, zu meinem Gotte flehe ich; er erhört aus seinem Palast meine Stimme, und mein Flehen kommt zu seinem Ohr.
ZunzIn meiner Bedrängniß ruf' ich den Ewigen, und zu meinem Gotte fleh' ich, er erhört aus seinem Palaste meine Stimme, und mein Flehen vor ihm kommt zu seinen Ohren.
Hirschin solcher Noth mir rufe ich Gott und zu meinem Gotte flehe ich — er hört von seiner Macht-Stätte aus meine Stimme, und mein Flehen, vor seinem Angesichte, kommt in seine Ohren.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. בצר, בצר לי: in solcher Noth, אקרא ד': rufe ich Gott an, den zur neuen Lebens- und Heilesspende ewig Bereiten, ואל אלדי אשוע, da flehe ich nicht zu einem Gott, dessen Blick nur auf das große Ganze, das Allgemeine gerichtet ist, sondern von dem ich es weiß, daß ich ihn „meinen Gott“ nennen darf, daß er ebenso Lenker meiner Geschicke ist, wie ich ihn Leiter meiner Thaten sein lasse, und daß ich ihn daher anrufen könne, sich mir zuzuwenden (שוע, siehe Pent. 2. B. M. 2, 23). ישמע מהיכלו קולי, von der Machtstätte seines Gesetzesheiligthums aus hört er meine Stimme, es ist meine Beziehung zu seinem Gesetze, dessen Macht ich huldige, wie diese Anforderung in seinem היכל ausgesprochen ist, die meiner Stimme Gehör bei ihm bringt. Es ist ja der היכל, das קדש vor dem קדש הקדשים, wo dem dort ruhenden Gottesgesetze alle unsere geistigen und leiblichen Vermögen bereit gestellt sind und die Anforderung sich ausspricht, unser geistigleibliches Sein und Wollen vereint ganz in das göttliche Wohlgefallen aufgehen zu lassen, מזבח הקטרת, שולחן, מנורה (Siehe Pent. 2. B. M. 25, 23 f. 30, 1 f.). ושועתי, לפניו תבא, באזניו: bei meinem Flehen ist Gott mir gegenwärtig, wo ich mich auch befinde, da fühle ich mich in Gottes Gegenwart, und ich suche und finde Erhörung vor ihm aus seinem היכל.

8
וַתִּגְעַ֬שׁ וַתִּרְעַ֨שׁ ׀ הָאָ֗רֶץ וּמוֹסְדֵ֣י הָרִ֣ים יִרְגָּ֑זוּ וַ֝יִּתְגָּֽעֲשׁ֗וּ כִּי־חָ֥רָה לֽוֹ׃
BernfeldEs wankt und bebt die Erde, des Himmels Grundfesten erzittern; sie wanken, denn er zürnt.
ZunzUnd es wankt und bebt die Erde, und die Grundfesten der Berge erzittern; sie wanken, denn er ist entbrannt.
HirschWann immer bebte, stürmte die Erde, und der Berge Gründe erzitterten: so erbebten sie weil Er zürnte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. ותגעש וגו'. V. 8—16 folgt die Schilderung einer Erderschütterung und eines sich über die Erde entladenden Unwetters als Folge göttlichen Unwillens. Ueber den Ereignissen schwebt unsichtbar, jedoch für den Denkenden erkennbar, Gott als Lenker und Leiter, und was im scheinbaren Gewirre der Erscheinungen Verderben bringt, ist von seiner Lenkung auf bestimmte Ziele geleitet. Die Schilderung trüber erschütternder Ereignisse in der socialen Menschengeschichte unter dem Bilde von Vorgängen in der physischen Welt ist dem heiligen Schriftthum, insbesondere auch den Psalmen nicht fremd. So oben Ps. 11, 6. ימטר על רשעים פחים. 40, 3. ויעלני מבור שאון וגו'. 42, 8. תהום אל תהום קורא וגו' כל משבריך וגליך עלי עברו. 46, 3. על כן לא נירא בהמיר ארץ וגו' ירעשו הרים בגאותו סלה. 50, 3. יבא אלדינו ואל יחרש אש לפניו תאכל וסביביו נשערה מאוד. 60, 4. הרעשת ארץ פצמתה וגו'. 65, 8. משביח שאון ימים וגו' והמון לאומים. 69, 2 f. באו מים עד נפש, טבעתי ביון מצולה וגו' הצילני מטיט ואל אטבעה אנצלה משנאי וממעמקי מים, אל תשטפני וגו'. 88, 7. שתני בבור תחתיות וגו' וכל משבריך וגו'. 93, 3. נשאו נהרות וגו'. 97, 2—5. ענן וערפל סביביו וגו'. 99, 1. ישב כרובים תנוט הארץ. 124, 4. אזי המים שטפונו וגו'. 144, 4. ד' הט שמיך וגו' ברוק וגו' שלח ידיך וגו'. Auch hier ist es die Gottoffenbarung in menschengeschichtlichen Vorgängen, die unter dem Bilde seiner Offenbarung in verheerenden Vorgängen in der Natur geschildert wird. Ja es scheint als ob ihr Gegenstand nicht speciell die Vorgänge aus Davids Leidensgeschichte bilden, sondern allgemein darauf hingewiesen wird, wie, wo immer große erschütternde Weltereignisse die Menschenwelt in Bewegung setzen, da Gott die bewegende Ursache ist und die Ereignisse von ihm geleitet sich vollziehen, wie dies ja die ganze jüdische Vergangenheit, in welcher Gott מהולל ist (V. 4.), David bereits bekundet hatte.

V. 8. 9. ותגעש וגו'. געש kommt hier und wiederholt in Jeremias als heftige Bewegung vor. Es scheint in Lautverwandtschaft mit כעס zu stehen und wie Dies eine heftige innere so געש eine heftige äußere Bewegung zu bezeichnen. ויתגעשו: Erde und Berge, weil aber die erschütternde Kraft nicht sichtbar war, so erschien es als ob sie sich selbst bewegten, daher der Hithpael. Also: Wann immer die Welt in stürmischer Erschütterung erschien und selbst als hoch und fest dastehende irdische Größen in ihren Gründen erbebten, so war es immer Gottes Wille, seine Unzufriedenheit mit dem Verhalten der Menschen, worin die Ursache der Erschütterung lag. עשן und אש, der Verderben kündende Dampf und das Verderben wirkende Feuer, wovon die Welt erfüllt war, war die Ankündigung seines Zornes und die Wirkung einer von seinem Munde ergangenen Entscheidung. גחלים alles in Kohlen Verwandelte, worin das Feuer noch mit seiner verzehrenden Kraft fortglüht, also alles vom Verderben Ergriffene ist Ihm, dem Feuer seines Verhängnisses erlegen.

9
עָ֘לָ֤ה עָשָׁ֨ן ׀ בְּאַפּ֗וֹ וְאֵשׁ־מִפִּ֥יו תֹּאכֵ֑ל גֶּ֝חָלִ֗ים בָּעֲר֥וּ מִמֶּֽנּוּ׃
BernfeldRauch steigt auf in seinem Zorn, und Feuer zehrt aus seinem Munde; Kohlen flammen von ihm aus.
ZunzAufsteigt Rauch in seinem Zorn, und Feuer zehrt aus seinem Munde; Kohlen flammen von ihm aus.
HirschDampf stieg in seinem Zorne auf, Feuer aus seinem Munde zehrt; Kohlen glühten von Ihm.
10
וַיֵּ֣ט שָׁ֭מַיִם וַיֵּרַ֑ד וַ֝עֲרָפֶ֗ל תַּ֣חַת רַגְלָֽיו׃
BernfeldUnd er neigte den Himmel und kam herab, eine Wetterwolke unter seinen Füßen.
ZunzUnd er neigte den Himmel und kam herab, und Wetterwolke unter seinen Füßen.
HirschEr neigte die Himmel, ließ sich herab, und Wolken-Düster unter seinen Füßen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. 11. ויט וגו'. Gott war in die irdischen Verhältnisse eingeschritten, וערפל וגו' aber die Menschen sahen ihn nicht. וירכב וגו'. Die Ereignisse waren der Cherub, auf welchem er in die irdischen Verhältnisse einzog, und seine Gegenwart schwebte auf den Fittigen des durch die Welt ziehenden bewegenden Hauchs. כרוב (siehe Pent. 1. B. M. 3, 24. 2. B. M. 25, 17). דאה von dem Herbeifliegen des Adlers כאשר ידאה הנשר 5. B. M. 28, 49.

11
וַיִּרְכַּ֣ב עַל־כְּ֭רוּב וַיָּעֹ֑ף וַ֝יֵּ֗דֶא עַל־כַּנְפֵי־רֽוּחַ׃
BernfeldEr fuhr einher auf einem Cherub und flog und schwebte auf den Fittichen des Windes.
ZunzUnd fuhr einher auf einem Cherub und flog, und schwebt auf den Fittigen des Windes.
HirschIhn trug der Cherub, der herbeieilte; Er nahete rasch auf Fittigen des Windes.
12
יָ֤שֶׁת־חֹ֨שֶׁךְ ׀ סִתְר֗וֹ סְבִֽיבוֹתָ֥יו סֻכָּת֑וֹ חֶשְׁכַת־מַ֝֗יִם עָבֵ֥י שְׁחָקִֽים׃
BernfeldEr machte Finsternis rings um sich zur Umhüllung, Wasserflut aus dichtem Gewölk.
ZunzEr macht Finsterniß zu seiner Hülle, rings um sich zu seinem Zelte, Wasserdunkel aus dichtem Gewölk.
HirschMacht er aber Dunkel zu seinem Schleier, seine nächste Umgebung zu seiner Verhüllung, Wasser-Dunkel Wolken-Gewölk:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12. 13. ישת חשך וגו'. Die Ereignisse treten in solcher Wucht auf, daß die Menschen betäubt nur diese Wucht fühlen ohne Dessen zu denken, der das Verhängniß sendet, und gerade Das, worin die Gegenwart Gottes sich am greifbarsten bemerkbar machen sollte, das Ereigniß, hinter dem Er gleichsam am unmittelbarsten steht, סביבותיו, wird סכתו, verschleiert ihn dem Blick der Menschen. Wie sie über das Geschöpf des Schöpfers vergessen, bleibt ihr Blick und ihr Gedanke an dem Uebermächtigen der Ereignisse hangen und erhebt sich nicht zu Dem, dessen Wirkungen sie sind. חשכת מים וגו'. Die dunkeln Gewitterwolken tragen das segenreichste, befruchtende Element in sich: so sind die trübsten, schwersten, angstvollsten Ereignisse heilbringend in ihren Folgen, und der sonnige Frühlingstag wird in dunkelster Gewitterstunde geboren. מנגה נגדו. Wie dunkles Gewölk die Sonne verhüllt, der kundige Blick aber sie doch hinter einem lichteren Punkt auffindet: so bleibt mitten im Dunkel der Zeiten für den Gott denkenden Menschen ein Lichtpunkt, der ihm die Gottes-Nähe und Gegenwart verkündet. עביו עברו ברד וגחלי אש, zuerst entladet sich das Gewölk zerstörender Schickungen. Hagel und Feuerkohlen fahren durch das Gewölk, oder: Wolken lösen sich auf in Hagel und Feuerkohlen. Das erste ist wahrscheinlicher, da erst noch Donner und Blitz folgen, welches die Anwesenheit der Wolken noch voraussetzt. Erwägt man jedoch, daß im folgenden Vers nochmals ברד וגחלי אש vorkommen, und erst dort von diesem Niederschlag die Rede zu sein scheint, so dürfte man vielleicht einer andern Auffassung des עביו עברו Raum geben. Hiob 21, 10 kommt die Wurzel עבר in der Bedeutung: Schwangersein vor, einer Bedeutung, die im Rabbinischen sehr gewöhnlich ist. שורו עבר ולא יגעיל d. i. sein Stier macht trächtig und erzeugt keine Fehlgeburt. Diese Bedeutung liegt wohl in dem Begriff עבר, über etwas hinausgehen, wovon עבר das über den Körper Hinausgehende, die Außenseite, die äußere Fläche כתובים משני עבריהם (2. B. M. 32, 15). Daher ja auch עברה, eigentlich: das Außer-sich-werden, eine heftige Erregung, die hinaus drängt, die sich nicht im Innern zurückhalten läßt. עיבור daher: die Schwangerschaft, einen nach Außen drängenden für das Hinaustreten bestimmten Körper in sich tragen. So ja auch עיבורה של עיר: das noch zur Stadt zu rechnende Gebiet, mit welchem eigentlich die Stadt über sich selbst hinausschreitet. Nicht unmöglich wäre es daher, daß עביו עברו heiße: seine Wolken sind mit Hagel und Feuerkohlen schwanger. Vielleicht: sie sind in Hagel und Feuerkohlen übergegangen, sie haben sie in sich erzeugt und tragen sie in sich bis zur Entladung. Zusammen: in der tiefsten, dem gewöhnlichen Blick Gott verhüllenden Dunkelheit der Zeiten bleibt für den Denkenden Gott erkennbar gegenwärtig, und das Dunkle sind „seine“ Zerstörung drohenden Wolken. Es ist zweifelhaft, was unter גחלי אש zu verstehen sei. Es scheint, daß damit „glühende Schlacken“ nach Art der Meteorsteine bezeichnet seien.

13
מִנֹּ֗גַהּ נֶ֫גְדּ֥וֹ עָבָ֥יו עָבְר֑וּ בָּ֝רָ֗ד וְגַֽחֲלֵי־אֵֽשׁ׃
BernfeldVom Glanz um ihn fuhren einher die Wolken, Hagel und Blitze.
ZunzVom Glanze vor ihm floh sein Gewölk, Hagel und Feuerkohlen.
Hirschetwas Schein bleibt vor ihm; seine Wolken sind es, die in Hagel und Feuers Kohlen übergegangen.
14
וַיַּרְעֵ֬ם בַּשָּׁמַ֨יִם ׀ יְֽהֹוָ֗ה וְ֭עֶלְיוֹן יִתֵּ֣ן קֹל֑וֹ בָּ֝רָ֗ד וְגַֽחֲלֵי־אֵֽשׁ׃
BernfeldDer Herr donnert vom Himmel herab, und der Höchste lässt seine Stimme erschallen; Hagel und Blitze.
ZunzUnd er donnert im Himmel, der Ewige, und der Höchste läßt seine Stimme erschallen, Hagel und Feuerkohlen.
HirschUnd es war Gott, der im Himmel donnerte, der Höchste war's, der seine Stimme hören ließ in Hagel und Feuers Kohlen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 14. וירעם וגו'. Es war die, eine neue verjüngte Zukunft verkündende „Liebe“ und Herrschafts-„Hoheit“ Gottes, die in den erschütternden Vorgängen sich kund gab.

15
וַיִּשְׁלַ֣ח חִ֭צָּיו וַיְפִיצֵ֑ם וּבְרָקִ֥ים רָ֝֗ב וַיְהֻמֵּֽם׃
BernfeldEr sandte Pfeile und zerstreute, [die Wolken] — einen Blitz und verwirrte sie.
ZunzUnd sandte seine Pfeile, und zerstreute sie, und Blitze schoß er und verwirrte sie.
HirschEr sandte seine Pfeile, da er sie umherstreute, Blitze schoß er, da er sie regellos zu geben schien.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 15. וישלח וגו'. Die Pfeile und Blitze scheinen „umhergestreut“ und „regellos“ zu fliegen, und sie sind doch mit bestimmtem Ziele gesandt und geschossen von ihm. רב von רבב, das in רבים (Jerem. 50, 29) und רביו (Hiob 16, 13) von Pfeilschützen vorkommt. Vielleicht ja auch davon וימררהו ורבו (1. B. M. 42, 23) nach der פעול-Form, wie רמו מעט (Hiob 24, 24).

16
וַיֵּ֤רָא֨וּ ׀ אֲפִ֥יקֵי מַ֗יִם וַֽיִּגָּלוּ֮ מוֹסְד֢וֹת תֵּ֫בֵ֥ל מִגַּעֲרָ֣תְךָ֣ יְהֹוָ֑ה מִ֝נִּשְׁמַ֗ת ר֣וּחַ אַפֶּֽךָ׃
BernfeldDa wurden sichtbar die Meeresquellen, aufgedeckt die Grundfesten des Erdenrunds, durch das Dräuen des Herrn, vom Odem seines Zornhauches.
ZunzDa wurden sichtbar die Wasserquellen, und aufgedeckt die Grundfesten des Erdenrunds, durch dein Dräuen, Ewiger, vom Odem deines Zornhauchs.
HirschDa wurden sichtbar des Wassers Ursprünge, da wurden offenbar der Menschenwelt Gründe, von deinem Drohen Gott, vom Hauch des Geistes deines Zürnens.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 16. ויראו וגו'. Bei solchen die irdischen Verhältnisse erschütternden Ereignissen zeigt es sich, bei Wem die segnenden und verderbenden Strömungen beruhen, und was die eigentlichen Stützen der Menschenwelt sind, es zeigt sich Dies, wenn Gottes, die bessere Zukunft wollende Liebe dem Bestehenden droht, und der Gotteshauch zürnend durch die Erdwelt schreitet —

אפיק, von אפק zurückhalten, Behälter, Born, in welchem das Wasser seine Urstätte hat. V. 17. ישלח וגו', solche, wie V. 8—16 geschildert, erschütternde Ereignisse waren es, aus welchen heraus V. 7. David zu Gott rief, und er rief nicht vergebens. Er sendet (seine Waltungen) aus der Höhe zc.

17
יִשְׁלַ֣ח מִ֭מָּרוֹם יִקָּחֵ֑נִי יַֽ֝מְשֵׁ֗נִי מִמַּ֥יִם רַבִּֽים׃
BernfeldEr langt aus der Höhe und fasset mich, er zieht mich aus mächtigem Gewässer.
ZunzEr langet aus der Höhe, fasset mich, zieht mich aus mächtigem Gewässer.
HirschEr sendet aus der Höhe, nimmt mich auf, läßt aus mächtigen Fluthen mich heraus ziehen,
18
יַצִּילֵ֗נִי מֵאֹיְבִ֥י עָ֑ז וּ֝מִשֹּׂנְאַ֗י כִּֽי־אָמְצ֥וּ מִמֶּֽנִּי׃
BernfeldEr rettet mich von meinem mächtigen Feind, von meinen Hassern, wenn sie mich überwältigen.
ZunzEr rettet mich von meinem Feinde, dem trotzigen, und von meinen Hassern, wenn sie mich überwältigen.
Hirschrettet mich von meinem Feinde, wie stark er auch war, und von meinen Hassern; denn mir wären sie zu mächtig gewesen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 18. יצילני וגו', מאיבי עז, soviel als אשר עז.

19
יְקַדְּמ֥וּנִי בְיוֹם־אֵידִ֑י וַֽיְהִי־יְהֹוָ֖ה לְמִשְׁעָ֣ן לִֽי׃
BernfeldSie überfielen mich am Tage meines Sturzes; doch der Herr war meine Stütze.
ZunzSie überfielen mich am Tage meines Sturzes; doch der Ewige ward zur Stütze mir,
HirschWaren sie gegen mich bereit an meines Unglücks Tage, so ward Gott mir zur Stütze.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 19. יקדמוני וגו'. Siehe zu V. 6. אד: der zur Wolkenbildung von der Erde aufsteigende Wasserdunst (1. B. M. 2, 6 verwandt mit der Bedeutung der Wurzel אוד als Vermittelung, siehe Pent. 1 B. M. S. 6) wird als איד eine häufige Bezeichnung eines getrübten Geschickes, aus welchem alle lichtige Helle des Glückes geschwunden ist. So כי קרוב יום אידם (5. B. M. 32, 35 und sonst). Sehr gedankenvoll dürfte diese Bezeichnung des Unglücks durch איד sein. Wie sich über die Erde nur das entladet, was von ihr aufgestiegen ist, so ist das durch איד bezeichnete Unglück nur die aus unserer eigenen Schuld über uns aufsteigende Gewitterwolke. Hier heißt es nun: sie waren immer am Tage, da Gott über mich Unglück verhängen wollte, zum Werkzeuge bereit. Vgl. K. 17, 13. 14.

20
וַיּוֹצִיאֵ֥נִי לַמֶּרְחָ֑ב יְ֝חַלְּצֵ֗נִי כִּ֘י־חָ֥פֵֽץ־בִּֽי׃
BernfeldEr führte mich ins Freie, er befreiet mich, denn er will mir wohl.
ZunzUnd führte mich hinaus ins Geräumige, befreite mich, denn er will mir wohl.
Hirschführte mich hinaus in die Weite, machte mich frei, weil er seinen Willen in mir fand.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 20. ויוצאני למרחב: er führte mich hinaus aus der Enge in die Weite, d. i. räumte die äußern beschränkenden Hindernisse aus meinem Lebensweg. יחלצני, חלץ nach seiner Grundbedeutung: aus Banden befreien, daher ja auch rüstig machen, und חלוץ gerüstet, rüstig, bezeichnet wohl ויוצאני למרחב zur Seite die persönliche Befreiung von Allem, was Kraft, Rüstigkeit und Leben beeinträchtigt, ähnlich wie חלצת נפשי ממות (Ps. 116, 8). Mit den beiden Sätzen ויוצאני וגו', יחלצני ist der erste Grundgedanke dieser שירה, wie sich Gott ihm als Schützer und Retter erwiesen (siehe zu V. 3) geschlossen, und zwar ist damit dieser Gedanke, wie V. 5 eingeleitet, nach seinen beiden Seiten ausgesprochen: Rettung aus den das sociale, und Rettung aus den, das physische Leben bedrohenden Gefahren, ויוצאני und יחלצני.

כי חפץ בי, חפץ ist das verstärkte חפש, suchen. Es bezeichnet ein nachdrückliches Streben nach Etwas. חפץ בו: sein Streben in Etwas finden, hier: er fand in mir einen für seine Zwecke Geeigneten. Hiermit leitet der Gedanke zu dem zweiten Theil über, in welchem David Gott als Denjenigen ausspricht, der ihn für die Erfüllung der ihm zugedachten Aufgabe tüchtig gemacht.

21
יִגְמְלֵ֣נִי יְהֹוָ֣ה כְּצִדְקִ֑י כְּבֹ֥ר יָ֝דַ֗י יָשִׁ֥יב לִֽי׃
BernfeldDer Herr vergilt mir nach meiner Gerechtigkeit, nach meiner Hände Lauterkeit erstattet er mir.
ZunzEs vergilt mir der Ewige nach meiner Gerechtigkeit, nach meiner Hände Lauterkeit erstattet er mir.
HirschErweist mir aber Gott nach meiner Gerechtigkeit, vergilt nach meiner Hände Reinheit er mir,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 21. יגמלני וגו'. גמל. Siehe zu Ps. 13, 6. Gott ließ mir aus meinen Handlungen immer die Frucht reifen, die dem Maße meiner Pflichttreue entsprach, je nachdem ich dem צדק-Ideale gemäß mich verhielt. בר von ברר reinigen, läutern, die Lauterkeit.

22
כִּֽי־שָׁ֭מַרְתִּי דַּרְכֵ֣י יְהֹוָ֑ה וְלֹֽא־רָ֝שַׁ֗עְתִּי מֵאֱלֹהָֽי׃
BernfeldDenn gewahrt habe ich der Wege des Herrn und frevelte nicht gegen meinen Gott.
ZunzDenn gewahrt habe ich der Wege des Ewigen, und wich nicht freventlich von meinem Gott.
Hirschweil ich Gottes Wege gehütet und nicht gesetzlos von meinem Gott gewichen,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 22. כי שמרתי וגו': mein Augenmerk war auf die von Gott uns gezeichneten Wege gerichtet, und nicht in absichtlicher Gesetzlosigkeit entfernte ich mich von Gott, mein Streben war, meiner Pflicht gerecht zu werden.

23
כִּ֣י כׇל־מִשְׁפָּטָ֣יו לְנֶגְדִּ֑י וְ֝חֻקֹּתָ֗יו לֹא־אָסִ֥יר מֶֽנִּי׃
BernfeldDenn alle seine Vorschriften sind mir vor Augen, und von seinen Satzungen weiche ich nicht. [Vergl.2. Samuel, Kap.22]
ZunzDenn all seine Vorschriften sind mir vor Augen, und seine Satzungen thue ich nicht von mir.
Hirschweil alle seine Rechtsordnungen mir vorschwebten und ich seine Gesetze nicht von mir wies:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 23. כי כל וגו', seine unser sociales Verhalten regelnden משפטים hielt ich mir gegenwärtig, und seine unser individuelles sittliches Leben umschränkenden חיקות wies ich nicht als Verkümmerung unserer irdischen Freuden von mir, ließ sie vielmehr als meine steten Mentoren nie von mir weichen.

24
וָאֱהִ֣י תָמִ֣ים עִמּ֑וֹ וָ֝אֶשְׁתַּמֵּ֗ר מֵעֲוֺנִֽי׃
BernfeldIch war schuldlos vor ihm und hütete mich vor Sünde.
ZunzUnd ich bin untadelig vor ihm, und hüte mich vor meiner Sünde.
Hirschso konnte ich doch nur da ich ganz mit ihm war, mich schützen vor meiner Sünde.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 24. ואהי תמים וגו' ואשתמר וגו'. Es gelang mir jedoch nur, mich vor Sünden zu hüten, indem ich mich mit meinem ganzen Wesen an Gott hielt, keine Seite meines geistigen und sittlichen Wesens außer Verbindung mit Gott setzte, in Allem und mit Allem Gottes Nähe suchte; so blieb mir Gott immer nahe und half mir, Herr meiner Sünde zu werden. מעוני: die Sünde die mir nach meinen Anlagen am schwersten zu besiegen gewesen wäre. Jeder Mensch hat nach seiner Eigenartigkeit besondere Versuchungen zu bestehen. Das sittliche Verhalten, das dem Einen schwer fällt, wird dem Andern leicht und umgekehrt, daher מעוני, nicht מעון.

25
וַיָּֽשֶׁב־יְהֹוָ֣ה לִ֣י כְצִדְקִ֑י כְּבֹ֥ר יָ֝דַ֗י לְנֶ֣גֶד עֵינָֽיו׃
BernfeldDa erstattete der Herr mir nach Gebühr, nach meiner Lauterkeit, die ihm gegenwärtig war.
ZunzDa erstattete der Ewige mir nach meiner Gerechtigkeit, nach der Lauterkeit meiner Hände, die ihm vor Augen.
HirschUnd Gott vergalt mir als wäre es meine Gerechtigkeit, als wäre meiner Hände Reinheit vor seinen Augen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 25, וישב וגו'. Obgleich das Maaß meiner Pflichttreue nicht mein Verdienst war, ich dasselbe nur durch Gottes Beistand erreichte, so lohnte mir Gott doch als ob es mein Verdienst gewesen wäre.

26
עִם־חָסִ֥יד תִּתְחַסָּ֑ד עִם־גְּבַ֥ר תָּ֝מִ֗ים תִּתַּמָּֽם׃
BernfeldDem Guten erweisest du dich gütig, dem untadeligen Mann untadelig.
ZunzMit dem Guten erweisest du dich gütig, mit dem untadeligen Manne untadelig.
HirschMit dem in Liebe Hingegebenen zeigst du dich in Liebeshingebung, mit dem sittlich ganzen Mann zeigst du in Ganzheit dich,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 26. 27. עם חסיד וגו'. חסיד, תמים, נבר: drei Charakterstufen, חסיד: die vollendete positive, die völlig selbstlose Hingebung in den Dienst Gottes für das Heil seiner Welt; תמים: die vollendete negative, die Unterstellung seines ganzen Wesens unter die Herrschaft des göttlichen Gesetzes. נבר ist der noch in Vollendung Begriffene. Er ist noch nicht בר lauter, aber er arbeitet noch fortwährend an seiner Läuterung. Es ist Nifal von ברר, wie הברו נושאי כלי ד' (Jes. 52, 11). Es heißt nun עם חסיד תתחסד u. s. w. Gott zeigt sich in seiner Waltung immer dem Charakter des von ihr betroffenen Menschen entsprechend. Dem in selbstloser Liebe seinem Dienst Geweihten, dem חסיד, zeigt sich Gott in seiner spendendsten, hingebendsten Liebe; wird ja vom חסיד jedes חסר von Gott wieder in חסד, in Liebesförderung des Weltenheils verwendet (Vgl. Ps. 4, 4). Nur der תמים begreift Gottes Waltung, wie תמים פעלו. Nur wer all sein Sein und Wollen dem Gebote des göttlichen Gesetzes unterstellt, wer sich selbst Wünsche und Begehren um des höhern Zweckes seiner von Gott gewiesenen sittlichen Bestimmung willen mit heiterm Muthe zu versagen weiß, weiß die göttliche Liebe auch da zu würdigen, wo sie sich im Versagen und Nehmen bekundet. Es steht aber hier die seltene Form גבר תמים, nicht גבור und nicht גבר (Heidenheim hat גבר. Für die Lesart der meisten übrigen Ausgaben: גבר scheint die מסורה zu sprechen, die bemerkt, daß das Wort dreimal vorkommt, hier und Daniel 2, 25. 5, 11; es dürften daher wohl alle drei gleiche Punktation haben). גבר ist eigentlich die chaldäische Form. Hebräisch erscheint sie gekürzt. Erwägen wir daß der תמים-Charakter eben derjenige ist, den David V. 24 von sich prädicirt, so dürfte ihn wohl Bescheidenheit zur Kürzung dieses Ausdrucks veranlaßt haben; nicht גבור תמים, wie es ursprünglich Sam. II. 22, 26 lautete, nicht einmal גבר תמים, sondern גבר תמים, gleichsam nur dem תמיםKreise angehörig. עם נבר תתברר. Dem an seiner Läuterung Arbeitenden, sich seiner noch anhaftenden Mängel Bewußten, wird deine erziehende und bessernde Leitung immer klarer, und je lauterer er wird, je heller leuchtet ihm, je klarer wird ihm deine väterliche Waltung. Vgl. ברה כחמה (Hohel 6, 10) ועם עקש תתפתל (Siehe Pent. 5. B. M. 32, 5). Dem in seiner Krümme Verharrenden, nimmer sich Bessernden, zeigt sich deine Waltung in stetem Ringkampf, deine Waltung läßt ihn nicht fahren, bis er endlich überwunden wird

27
עִם־נָבָ֥ר תִּתְבָּרָ֑ר וְעִם־עִ֝קֵּ֗שׁ תִּתְפַּתָּֽל׃
BernfeldDem Lautern erweisest du dich lauter, und dem Krummen nach seiner Verkehrtheit.
ZunzMit dem Lautern erweisest du dich lauter, und mit dem Krummen windest du dich.
Hirschmit dem sich Läuternden zeigst du dich in immer lauterer Klarheit, und mit dem in Krümme Verharrenden zeigst du im Ringkampfe dich.
28
כִּֽי־אַ֭תָּה עַם־עָנִ֣י תוֹשִׁ֑יעַ וְעֵינַ֖יִם רָמ֣וֹת תַּשְׁפִּֽיל׃
BernfeldDem bedrückten Volke stehst du bei, aber die Blicke der Hochmütigen lässt du sinken.
ZunzDenn du siehest bedrücktem Volke bei, und die hohen Blicke machst du sinken.
HirschDenn du, machtlosem Volke willst du Hilfe senden und stolze Augen nieder beugen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 28. כי אתה. Die in V. 26, 27 ausgesprochene Charakteristik der verschiedenen Weisen, in welchen die göttliche Waltung dem Menschen erscheint, hatte David aus eigener Erfahrung geschöpft. Gott hatte ihm in solchen Weisen seine Waltung zugewandt. Hier folgt nun der Grund, weßhalb ihm Gott in solcher Weise seine besondere Erziehung angedeihen ließ. כי אתה עם וגו'. Israel lag machtlos zu Boden, da wollte Gott in mir einen Retter und siegreichen Vertreter seines Volkes heranbilden, und ועינים רמות וגו' und zugleich durch die Prüfungsschulen, die er mich durchmachen ließ, mich vor Hochmuth schützen, daß ich nicht durch das von mir für Israel Vollbrachte übermüthig würde. Dieser doppelte Zweck ist der Schlüssel zu David's Geschichte.

29
כִּֽי־אַ֭תָּה תָּאִ֣יר נֵרִ֑י יְהֹוָ֥ה אֱ֝לֹהַ֗י יַגִּ֥יהַּ חׇשְׁכִּֽי׃
BernfeldDenn du bringst mir Licht, o Herr, und der Herr erhellt mein Dunkel.
ZunzDenn du lässest leuchten mein Licht, der Ewige mein Gott erhellet mein Dunkel.
HirschDenn Du, verleihst meiner Leuchte das Licht, „Gott mein Gott", das macht mir auch mein Dunkel helle.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 29. כי אתה תאיר וגו'. Man kann zweifelhaft sein ob Licht hier in der Bedeutung geistiger Erleuchtung, oder heitern Glücks zu verstehen sei. Stellen wie ערכתי נר למשיחי (Ps. 132, 17), נר רשעים ידעך (Prov. 13, 9, 24, 20), ונרו עליו ידעך (Hiob 18, 6) und sonst, wo das נר eines Menschen sein Glück bedeutet, sprechen auch hier für eine solche Auffassung: Wenn mir mein Glück leuchtete, so war Gott es, der ihm das Licht verlieh, und das Bewußtsein, daß ד' אלדי, daß derselbe alliebende Gott auch der mich durch Leiden erziehende ist, machte mir auch meine dunkeln Leidensstunden helle.

30
כִּֽי־בְ֭ךָ אָרֻ֣ץ גְּד֑וּד וּ֝בֵֽאלֹהַ֗י אֲדַלֶּג־שֽׁוּר׃
BernfeldDurch dich renne ich Scharen nieder, mit meines Gottes Hilfe überspringe ich Mauern.
ZunzDenn durch dich renn' ich Schaaren nieder, und durch meinen Gott überspringe ich Mauern.
HirschDenn durch dich renne ich wider eine Schaar, durch meinen Gott überspringe ich eine Mauer.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 30. כי בך וגו'. Der Muth, mit dem ich Feinden entgegeneilte, so wie die Kraft, mit welcher ich Schwierigkeiten überwand, stammten mir nur von Dir.

31
הָאֵל֮ תָּמִ֢ים דַּ֫רְכּ֥וֹ אִמְרַֽת־יְהֹוָ֥ה צְרוּפָ֑ה מָגֵ֥ן ה֝֗וּא לְכֹ֤ל ׀ הַחֹסִ֬ים בּֽוֹ׃
BernfeldGott — untadelig ist sein Weg, des Herrn Wort ist geläutert: ein Schild ist er allen, die sich bei ihm bergen.
ZunzGott, — untadelig ist sein Weg, des Ewigen Wort ist geläutert, ein Schild ist er allen, die sich bei ihm bergen.
HirschDer Gott, sein Weg ist ganz, Läuterung ist Gottes Spruch, Schild ist Er Allen, die in ihn ihre Zuversicht haben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 31. האל וגו', האל: Gott, wie ihn mir seine Waltung bekundet hat, תמים דרכו, ein einheitliches Ganze bildet sein Verhalten gegen den Menschen. Es ist immer unveränderlich dasselbe, immer liegt ihm derselbe Grund unter und hat es denselben Zweck. Nur die Verschiedenheit des Menschenverhaltens und die daraus hervorgehende Verschiedenheit der Erziehungsbedürftigkeit und Fähigkeit giebt der einheitlichen Gotteswaltung die Mannigfaltigkeit in der Erscheinung. אמרת ד' צרופה, wie bereits bemerkt, ist אמרת ד' vorzugsweise der Verhängniß bestimmende Gottesspruch. צרופה nach der Auffassung der Weisen (Joma 72 b. Thanchuma שמיני פ' זאת החיה): Subst. wie ישועה, גבורה, מלוכה, nicht geläutert, sondern: Läuterung. So von Josef (Ps. 105, 19) אמרת ד' צרפתהו: nachdem ihn das Verhängniß Gottes geläutert hatte.

מגן הוא וגו', weil aber Gottes Schickungen nur Läuterung bezwecken, schützt er Die, die sich ihm anvertrauen, selbst, daß sie durch die von ihm geschickten Leiden nicht zu Grunde gehen.

32
כִּ֤י מִ֣י אֱ֭לוֹהַּ מִבַּלְעֲדֵ֣י יְהֹוָ֑ה וּמִ֥י צ֝֗וּר זוּלָתִ֥י אֱלֹהֵֽינוּ׃
BernfeldDenn wer ist noch Gott außer dem Herrn? Wer ein Hort außer unserm Gott?
ZunzDenn wer ist Gott noch außer dem Ewigen? und wer ein Hort außer unserm Gott?
HirschDenn wer ist eine Gottesmacht außer Gott, wer ein gestaltender Hort wenn nicht unser Gott!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 32. כי מי וגו'. Denn nur derselbe Gott, der die Leiden sendet, kann auch vor verderblicher Ueberwucht der Leiden schützen, weil ja eben außer Ihm kein Gott und kein Hort ist.

33
הָ֭אֵל הַמְאַזְּרֵ֣נִי חָ֑יִל וַיִּתֵּ֖ן תָּמִ֣ים דַּרְכִּֽי׃
BernfeldGott umgürtet mich mit Macht und frei und gerade macht er meinen Weg.
ZunzDer Gott, der mich umgürtet mit Kraft, und macht ohne Anstoß meinen Weg,
HirschDer Gott ist's, der mit Tapferkeit mich gürtet, indem er meinen Wandel sittlich ganz sein ließ.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 33. האל וגו'. Derselbe Gott, der mich mit Tapferkeit nach Außen gegürtet, das ist derselbe Gott, der meinen Lebenswandel zur sittlichen Ganzheit führt, ja, er rüstete mich zum Kampfe nach Außen indem er mir zum innern Siege verhalf. Nur auf innerm sittlichen Boden ruhte meine Tapferkeit.

34
מְשַׁוֶּ֣ה רַ֭גְלַי כָּאַיָּל֑וֹת וְעַ֥ל בָּ֝מֹתַ֗י יַעֲמִידֵֽנִי׃
BernfeldEr macht gleich den Hirschkühen meine Füße und stellt mich hin auf meinen Hohen,
ZunzMacht gleich den Hindinnen meine Füße, und stellt mich hin auf meine Höhen,
HirschEr macht meine Füße den Rehen gleich, und auf meinen Höhen läßt Er mich stehen,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 34. 35. משוה וגו'. Er lenkt und befähigt meine ganze Thätigkeit im äußern Kampfe; er beflügelt meine Schritte zum Erreichen, er giebt mir die Festigkeit des Ausharrens auf den bereits erlangten Höhen; er übt meine Hände zum Kriege, er lehrt auch meine Arme zum Frieden gesenkt halten den ehernen Bogen. נחת: sich hinab begeben, sich senken. ותנחת עלי ידך (Ps. 38, 3), deine Hand senkte sich auf mich. נחת גדודיה (65, 11) ihre Unebenheiten senken, ebnen. ונחתה so viel als: וננחתה, Nifal, wie וחציך נחתו בי (Ps. 38, 3), deine Pfeile wurden in mich gesenkt. Du lehrst meine Arme auch wie der Bogen gesenkt wird, wie man ihn im Frieden unerhoben hält. Du übst mich im Kampfe, du übst mich auch im Nichtkämpfen, übst mich Provokationen zum Kampf und der Kampfeslust zu widerstehen.

35
מְלַמֵּ֣ד יָ֭דַי לַמִּלְחָמָ֑ה וְֽנִחֲתָ֥ה קֶֽשֶׁת־נְ֝חוּשָׁ֗ה זְרוֹעֹתָֽי׃
BernfeldÜbt meine Hände zum Kriege, und eherne Bogen drücken meine Arme nieder.
ZunzUebt meine Hände zum Kriege, und den ehernen Bogen drücken meine Arme nieder.
Hirschlehrt meine Hände zum Krieg, und auch gesenkt den ehernen Bogen meine Arme.
36
וַתִּתֶּן־לִי֮ מָגֵ֢ן יִ֫שְׁעֶ֥ךָ וִֽימִינְךָ֥ תִסְעָדֵ֑נִי וְֽעַנְוַתְךָ֥ תַרְבֵּֽנִי׃
BernfeldDu verleihst mir den Schild deines Heils, deine Rechte stützt mich und dein Siegesmut macht mich groß.
ZunzUnd du verleihest mir den Schild deines Heiles, und deine Rechte stützet mich, und deine Milde macht mich groß.
HirschUnd nun gabst du mir selbst den Schild deines Heils, und dabei stützt mich deine Rechte und deine Herablassung macht mich groß!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 36. ותתן לי וגו'. Und nun — nachdem du mich so zu innern und äußern Siegen geübt und gebildet hattest, übergabst du mir den Schild deines Heiles d. h. machtest du mich zum Träger und Vollbringer des Schutzes und des Heils, die du Israel augedeihen lassen wolltest, וימינך וגו' und bei Uebernahme und Erfüllung eines so großen Berufes halfst du mir mit deiner Unterstützung, und ענותך תרבני deine Herablassung machte mich groß. Mein Verdienst war ein so unendlich geringes, und in meiner Unwürdigkeit erhobst du mich zu einer solchen Größe, oder: ließest du das Geringe, das in mir lag, als ein ausreichendes Vieles gelten. רב (von רבב) kommt als Größe der Stellung und der Zahl vor. קרית מלך רב (Ps. 48, 3) eines großen Königs, und רבו משערות ראשי (Ps. 69, 5) mehr als die Haare meines Hauptes. Auch der Wurzel רבה dürften beide Bedeutungen innewohnen.

37
תַּרְחִ֣יב צַעֲדִ֣י תַחְתָּ֑י וְלֹ֥א מָ֝עֲד֗וּ קַרְסֻלָּֽי׃
BernfeldDu weitest meinen Schritt unter mir und meine Gelenke wanken nicht.
ZunzDu weitest meinen Schritt unter mir, und nicht wanken meine Gelenke.
HirschDu weitest meinen Schritt unter mir und meine Knöchel wankten nicht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 37. תרחיב צעדי תחתי. Du lässest mich große Schritte thun, größere Schritte als solche, die dem Berufe des Privatlebens angehören, du berufest mich zu Schritten des öffentlichen, den Interessen der Gesammtheit angehörenden Lebens, und durch deinen Beistand לא מעדו קרסלי, erhielten meine Fußgelenke die Kraft und Stärke diese großen Schritte ohne Schwanken und Wanken zu vollbringen. קרסל, wie ברזל von ברז, ערפל von ערף, so קרסל von קרם zummenkrümmen, קרם נבו (Jes. 46, 1) und קרסים (2. B. M. 26, 11) die die Teppiche zusammenhaltenden Spangen. Davon קרסל die Gelenkverbindung des Fußes, die Knöchel, worauf die Festigkeit des Schrittes und Standes beruht. —

38
אֶרְדּ֣וֹף א֭וֹיְבַי וְאַשִּׂיגֵ֑ם וְלֹֽא־אָ֝שׁ֗וּב עַד־כַּלּוֹתָֽם׃
BernfeldIch jage meinen Feinden nach und vertilge sie und wende nicht um, bis ich sie aufgerieben.
ZunzIch jage meinen Feinden nach, und hole sie ein, und wende nicht um, bis ich sie aufgerieben.
HirschVerfolge ich meine Feinde nun, erreiche sie, und kehre nicht um bis sie vernichtet sind,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 38—40. ארדף וגו' אמצחם וגו' ותאזרני וגו'. Bin ich, der früher Verfolgte, zum Angriffskämpfer gegen die Feinde meines Volkes erstanden und habe siegreich diese Kämpfe durchgeführt, so war es Gott, der mich zum Krieg mit Tapferkeit rüstete, und vor dessen allmächtigem Willen die Feinde sich beugten.

39
אֶ֭מְחָצֵם וְלֹא־יֻ֣כְלוּ ק֑וּם יִ֝פְּל֗וּ תַּ֣חַת רַגְלָֽי׃
BernfeldIch reibe sie auf und zerschmettere sie, dass sie nicht aufstehen; sie fallen unter meine Füße.
ZunzIch zerschmettere sie, daß sie nicht aufstehen können. Sie fallen unter meinen Füßen.
Hirschschlage ich sie, daß sie nicht aufkönnen, fallen sie unter meine Füße:
40
וַתְּאַזְּרֵ֣נִי חַ֭יִל לַמִּלְחָמָ֑ה תַּכְרִ֖יעַ קָמַ֣י תַּחְתָּֽי׃
BernfeldDu umgürtest mich mit Macht zum Kriege, beugst meine Widersacher unter mich.
ZunzUnd mit Macht umgürtest du mich zum Kriege, beugst meine Widersacher unter mich.
Hirschso hast Du mich mit Tapferkeit zum Krieg gegürtet, Du lässest meine Gegner unter mir knieen,
41
וְֽאֹיְבַ֗י נָתַ֣תָּה לִּ֣י עֹ֑רֶף וּ֝מְשַׂנְאַ֗י אַצְמִיתֵֽם׃
BernfeldUnd meiner Feinde Nacken kehrest du mir zu; meine Hasser vernichte ich.
ZunzUnd meiner Feinde Nacken kehrest du mir zu, und meine Hasser, ich vernichte sie.
Hirschmeine Feinde hast du mir den Nacken zuwenden lassen, und meine Hasser, daß ich sie erstarren mache.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 41—43. ואיבי וגו' ומשנאי וגו' ישועו וגו'. על ד': hinauf zu Gott, wie ותתפלל על ד' (Sam. I. 1, 10) ישועו על ד' kann wohl nur von jüdischen Feinden zu verstehen sein und dürften daher hier sowohl innere als äußere Feinde besprochen werden. Es scheint daher daß קמי V. 40, und ebenso משנאי V. 41 sich auf Davids jüdische Gegner und Hasser bezieht, während איבי die äußern Feinde begreift, und ebenso ישועו וגו' von den אויבים ausgesagt ist, על ד' וגו' aber von den משנאים. Von diesen heißt es daher auch אצמיתם, das, seiner Grundbedeutung nach, nicht so wohl ein Vernichten, als ein Starrmachen, Lähmen bedeutet (Siehe Pent. 3. B. M. 25, 23). Und so dürfte sich auch V. 43 die erste Vershälfte auf die אויבים, die zweite auf die משנאים beziehen. Jene, die äußern Feinde, werden aufgerieben, diese, die innern, in ihrer Unwürdigkeit blosgelegt.

42
יְשַׁוְּע֥וּ וְאֵין־מוֹשִׁ֑יעַ עַל־יְ֝הֹוָ֗ה וְלֹ֣א עָנָֽם׃
BernfeldSie flehen, aber niemand hilft ihnen; [sie rufen] zu dem Herrn, er erhört sie nicht.
ZunzSie schreien, aber Niemand hilft, zu dem Ewigen, der erhört sie nicht.
HirschSie flehen, niemand hilft, zu Gott hinauf, der antwortete ihnen nicht,
43
וְֽאֶשְׁחָקֵ֗ם כְּעָפָ֥ר עַל־פְּנֵי־ר֑וּחַ כְּטִ֖יט חוּצ֣וֹת אֲרִיקֵֽם׃
BernfeldIch zerreibe sie wie Staub der Erde, wie Gassenkot räume ich sie hinweg.
ZunzUnd ich zerreibe sie wie Staub gegen den Wind, wie Gassenkoth schütt' ich sie aus.
Hirschich reibe sie auf, wie Staub auf Windes Fittigen, ich gieße sie hin, wie Schlamm der Gassen.
44
תְּפַלְּטֵנִי֮ מֵרִ֢יבֵ֫י עָ֥ם תְּ֭שִׂימֵנִי לְרֹ֣אשׁ גּוֹיִ֑ם עַ֖ם לֹא־יָדַ֣עְתִּי יַֽעַבְדֽוּנִי׃
BernfeldDu rettest mich aus den Fehden der Völker, bewahrst mich auf zum Haupte der Völkerschaften; ein Volk, dass ich nicht kannte, dient mir.
ZunzDu rettest mich aus den Fehden des Volks, setzest mich ein zum Haupte der Völker, ein Volk, das ich nicht kannte, dienet mir.
HirschDu rettest mich vor Volkeshadern indem du mich zum Völkerhaupte machst, eine Bevölkerung, die ich gar nicht kenne, mir dienstbar wird,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 44—45. תפלטני וגו' תשימני וגו': mit den Siegen, der Herrschaft und dem gefürchteten Ansehen, die du mir über die äußern Feinde, über die „Söhne der Fremde" verleihst befestigst du auch meine Herrschaft und mein Ansehen im Innern, und תפלטני מריבי עם die wiederholten Empörungen und Gegnerschaften abseiten meines Volkes bringst du damit zu Ende. ישמעו לי, Nifal. שמע in Piel und Hifil heißt: entbieten, zur Nachfolge auffordern. Davon scheint hier Nifal entweder passiv: zur Nachfolge gebracht werden, oder reflexiv: sich zur Nachfolge, zum Gehorsam anbieten. לשמע אזן, blos in Folge Dessen, was sie von mir gehört, entbieten sie sich mir, suchen sie sich in Abhängigkeit und Unterthänigkeit zu mir zu stellen.

45
לְשֵׁ֣מַֽע אֹ֭זֶן יִשָּׁ֣מְעוּ לִ֑י בְּנֵֽי־נֵ֝כָ֗ר יְכַחֲשׁוּ־לִֽי׃
BernfeldAuf jeden Befehl gehorchen sie mir; die Fremden werden vor mir verringert.
ZunzDie nur auf des Ohres Kunde mir kund geworden, die Fremden heucheln mir.
Hirschauf blos gehörtem Ruf sie sich mir zum Gehorsam bieten, Söhne der Fremde mir heuchlen.
46
בְּנֵי־נֵכָ֥ר יִבֹּ֑לוּ וְ֝יַחְרְג֗וּ מִֽמִּסְגְּרֽוֹתֵיהֶֽם׃
BernfeldDie Fremden werden schlaff und wanken hervor aus ihren Schlössern.
ZunzDie Fremden werden schlaff, und knirschen aus ihren Schlössern.
HirschSöhne der Fremde erlahmen, und knirschen leise aus ihren Zwingern.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 46. בני נכר וגו', Fortan brauche ich keine Kriege mehr zu führen, mein Volk ist sicher gestellt, und keines der fremden Völker wagt es, dasselbe anzugreifen. יבלו, wie נבל תבול (2. B. M. 18, 17) kraftlos werden, erlahmen. חרג das gemilderte חרק: knirschen; sie sind unwillig darüber, daß sie die bisherigen Kriege gegen Israel aufgeben müssen, aber sie schließen sich mit ihrem Unwillen „still knirschend" in ihre Schlösser ein. Sie knirschen still aus ihren Schlössern hervor, aus welchen sie sich nicht herauswagen.

47
חַי־יְ֭הֹוָה וּבָר֣וּךְ צוּרִ֑י וְ֝יָר֗וּם אֱלוֹהֵ֥י יִשְׁעִֽי׃
BernfeldEs lebt der Herr und gepriesen ist mein Hort, und erhöhet der Gott, der Hort meines Heils
ZunzEr lebt, der Ewige, und gepriesen sei mein Hort, und erhöhet der Gott meines Heiles!
HirschLebendig ist Gott und gesegnet mein Hort, und immer höher hebt sich meines Heiles Gott.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 47. חי ד' וגו'. Gott, der sich in dieser meiner ganzen Vergangenheit gezeigt, der waltet in lebendiger Persönlichkeit weiter, ja, der ist der einzige absolut Lebendige, von dem Alles, was leben soll, Leben empfängt, und nur so lange lebt, als ihm von dem, „Lebendigen" Leben zuströmt, וברוך צורי und der sich mir als erhaltender und bildender „Hort" erwiesen, dessen Wille reift im Schooße der Menschheit einer immer vollern Erfüllung entgegen, und אלורי ישעי, der Schöpfer, Lenker und Leiter meines Heils, der wird immer mehr und mehr als Schöpfer, Lenker und Leiter alles Heils in Waltungshoheit erkannt werden.

48—49. האל וגו' מפלטי וגו'. Der Gott, der mir, dem früher von meinen eigenen Volksgenossen Angegriffenen und Verfolgten, die Genugthuung gewährte, daß selbst fremde Völker mir unterthänig wurden, der wird, wie er mich von fremden Feinden rettet, so auch über meine innern Gegner fortan mich hoch emporhalten und vor Gewaltstreichen einzelner schlechter Menschen mich retten.

48
הָאֵ֗ל הַנּוֹתֵ֣ן נְקָמ֣וֹת לִ֑י וַיַּדְבֵּ֖ר עַמִּ֣ים תַּחְתָּֽי׃
BernfeldGott, der mir Rache verleiht und Völker unter mich stürzt;
ZunzGott, der mir Rache verleiht und Völker mir unterwirft,
HirschDer Gott, der mir Genugthuungen giebt, indem er Völker unter mich führte,
49
מְפַלְּטִ֗י מֵאֹ֫יְבָ֥י אַ֣ף מִן־קָ֭מַי תְּרוֹמְמֵ֑נִי מֵאִ֥ישׁ חָ֝מָ֗ס תַּצִּילֵֽנִי׃
BernfeldUnd mich herausführt aus meinen Feinden und über meine Widersacher mich erhebt, vom gewalttätigen Manne mich rettet.
ZunzMich rettet von meinen Feinden, auch über meine Widersacher erhebst du mich, befreiest mich vom Manne der Gewalt.
Hirschder du von meinen Feinden mich rettest, wirst auch über meine Gegner mich erheben, von jedem Manne der Gewalt mich retten.
50
עַל־כֵּ֤ן ׀ אוֹדְךָ֖ בַגּוֹיִ֥ם ׀ יְהֹוָ֑ה וּלְשִׁמְךָ֥ אֲזַמֵּֽרָה׃
BernfeldDarum preise ich dich unter den Völkern, o Herr, und deinen Namen rühm ich im Saitenspiel.
ZunzDarum preise ich dich unter Völkern, Ewiger, und deinem Namen saitenspiele ich.
HirschDarum bekenne ich dich unter Völkern Gott, und singe deinem Namen,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 50. על כן. Die mir also bevorstehende ruhige Zukunft soll aber ganz dem großen Dienste Gottes in der Menschheit geweiht sein. Nicht mir soll aus meinen Erlebnissen der Lorbeer erblühen, sondern weit hinaus über den engen Kreis meines Volkes will ich die Gottes-Erkenntniß und die Gotteshuldigung tragen. Keiner hat so wie ich Gottes Walten in den Gängen des eigenen Lebens erfahren. Darum ist Keiner so wie ich fähig dem Reiche der Gotteserkenntniß und der Gotteshuldigung auf Erden zu dienen, und darum will ich hinaus unter die Völker seine Huldigung tragen und die Erkenntniß seines Namens in Liedern verbreiten.

51
מַגְדִּל֮ יְשׁוּע֢וֹת מַ֫לְכּ֥וֹ וְעֹ֤שֶׂה חֶ֨סֶד ׀ לִמְשִׁיח֗וֹ לְדָוִ֥ד וּלְזַרְע֗וֹ עַד־עוֹלָֽם׃ {פ}
BernfeldEr erhöht das Heil seines Königs und erweist Gnade seinem Gesalbten, dem David und seinen Nachkommen in Ewigkeit.
ZunzDer groß macht seines Königs Siege, und Gnade erweiset seinem Gesalbten, dem Dawid und seinem Samen in Ewigkeit.
Hirschdir, der seines Königs Siege steigert, seinem Gesalbten Liebe übt, David und seinen Nachkommen in alle Zukunft hin.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 51. מגדל וגו'. Diese geistigen Siege seines Königs endigen nicht mit meinem Dasein, immer weiter steigen dessen Siege, was er einmal seinem Dienste geweiht hat, dem wendet er ununterbrochen sein Liebeswirken zu, und bis in die Ewigkeit hin bleibt dieses sein Liebeswirken mir und meinen Nachkommen, den für seinen Dienst an der Menschheit geweihten, auf immer.