Tehillim 17 תהילים

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1
תְּפִלָּ֗ה לְדָ֫וִ֥ד שִׁמְעָ֤ה יְהֹוָ֨ה ׀ צֶ֗דֶק הַקְשִׁ֥יבָה רִנָּתִ֗י הַאֲזִ֥ינָה תְפִלָּתִ֑י בְּ֝לֹ֗א שִׂפְתֵ֥י מִרְמָֽה׃
BernfeldGebet von David. Höre mich, Herr mit Gerechtigkeit, horch auf meinen Ruf, vernimm mein Gebet, das nicht von falscher Lippe kommt.
ZunzGebet von Dawid. Höre, Ewiger, die Gerechtigkeit, horch auf meinen Ruf, vernimm mein Gebet, nicht von falscher Lippe.
HirschGebet David's. Höre, Gott, Rechtsgedanken, nimm meines Gemüthes Ergüsse auf, neige Dein Ohr meinem Gebete, das nicht mit Lippen der Täuschung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 17, V. 1. תפלה, wie bereits wiederholt bemerkt, nicht: Bitte, sondern: Selbstbeurtheilung, das Streben nach Gewinnung einer richtigen Erkenntniß vor Gott. Daher die hier beigefügte Bezeichnung möglich: בלא שפתי מרמה, eine תפלה, die nicht auf Täuschung beruht, sich nicht in Täuschung bewegt, ein Beisatz, der bei einer Bitte wenig Sinn hätte, bei einer Selbstbeurtheilung aber sehr wesentlich ist, da Niemanden der Mensch leichter und lieber täuscht als sich selbst über sich, indem er im Lichte der Wahrheit sich zu sehen sich scheut. Das vorige Kap. hatte V. 7 die Belehrungen gepriesen, die er in den dunkeln Nachtzeiten des Lebens gewonnen. Dieses Kap. bringt eine solche Belehrung zum Ausdruck. Es ist die Erkenntniß der prüfenden, stärkenden, läuternden und in allem Guten befestigenden Kraft der Leiden, die Erkenntniß, wie daher die Leiden bringenden Ausschreitungen der Schlechten selbst zur Mehrung des Guten, zur Heranbringung des Reiches Gottes auf Erden dienen, V. 3—6; — die Erkenntniß des großen Gegensatzes zu diesen Feinden und doch widerwilligen Förderu des Gottesreiches, deren ganze Glückseligkeit der sinnlichen Welt, der Vergänglichkeit angehört, während der Gute, dem sie sein irdisches Glück verkümmern, ja ihn dessen ganz berauben, den reichsten Ersatz in dem hienieden beginnenden und im Jenseits sich vollendenden geistigen Schauen Gottes und seiner Gestaltungen findet, V. 7—15. Auch mit diesem Ausspruch der im diesseitigen und jenseitigen Leben fortschreitend beglückenden Freude an der geistigen, Gott schauenden Erkenntniß schließt sich dieser Psalm dem vorigen an.

צדק ist das Rechts-Ideal der von dem Einzelnen zu lösenden Aufgabe, sowie der Gestaltungen der Menschenverhältnisse, deren endliche Verwirklichung das Ziel der göttlichen Waltungen bildet. Hier ist es die Auffassung, die sich von diesem Ideale der Menschenbestimmung und Gotteswaltung in Davids Geist bildet. Höre Gott wie ich die צדק-Erkenntniß anstrebe.

רנתי, eine Vergleichung der verschiedenen Bedeutungen, in welchen רנן und רנה vorkommt, ergiebt daß, רנן überhaupt die Aeußerung einer großen, starken, tiefen 2c. innern Erregung ist, sei diese durch ein freudiges, leidvolles, heiteres oder ernstes Erlebniß hervorgerufen. Es kommt daher רנה auch von einer Gott zugewandten Aeußerung vor und zwar in mit תפלה verwandter Bedeutung, daher auch mit diesem zusammengestellt: לשמע אל הרנה ואל התפלה (Kön. I. 8, 28), so auch Jerem. 7, 16. 11, 14 und scheint in diesem Sinne רנה eine Ergießung des Gemüths, Ausdruck von Empfindung zu sein, während תפלה mehr dem Geistesleben des Gedankens angehört.

בלא שפתי מרמה: siehe oben.

2
מִ֭לְּפָנֶיךָ מִשְׁפָּטִ֣י יֵצֵ֑א עֵ֝ינֶ֗יךָ תֶּחֱזֶ֥ינָה מֵישָׁרִֽים׃
BernfeldVon dir geht mein Urteil aus, deine Augen schauen Gnade.
ZunzVon dir geht aus mein Urtheil, deine Augen schauen gerade.
HirschVon dir gehe mein Urtheil aus, deine Augen schauen gerade.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. מלפניך וגו' das Urtheil, das ich in תפלה suche, sei ein solches, das mit deinem Urtheil über mich übereinstimmt. In der in תפלה anzustrebenden Selbsterkenntniß suche ich das Urtheil מלפניך, von deinem Standpunkte aus. Ich stehe mit meiner תפלה: לפניך. Ich suche keine Selbsttäuschung.

3
בָּ֘חַ֤נְתָּ לִבִּ֨י ׀ פָּ֘קַ֤דְתָּ לַּ֗יְלָה צְרַפְתַּ֥נִי בַל־תִּמְצָ֑א זַ֝מֹּתִ֗י בַּל־יַעֲבׇר־פִּֽי׃
BernfeldDu hast mein Herz geprüft, mich in der Nacht [in der Not] heimgesucht und mich geläutert, aber [sein Fehl] gefunden, weder habe ich solches gesonnen, noch ist es über meine Lippe gekommen.
ZunzPrüfst du mein Herz, musterst du mich bei Nacht, läuterst du mich, — daß du nichts fändest! Hab' ich Böses gesonnen, daß es nicht gehe über meinen Mund.
HirschGeprüft hast du mein Herz als du Nacht verhängtest, hast mich geläutert bis du nichts mehr findest. Ich hatte es zu denken gewagt, überschritt es auch nicht meinen Mund.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. בחנת וגו', die Leiden, die du über mich verhängtest, waren Prüfungs- und Läuterungsleiden, nicht Züchtigung wegen begangenen Unrechts, ich habe Das zu denken gewagt, obgleich ich es keinem Menschen gegenüber geäußert. זמם eigentlich: ein sich aus vielen kleinen Wahrnehmungen und Ueberlegungen zusammensetzender Gedanke. Vgl. 1. B. M. 11, 6. Es kommt durchaus nicht nur von schlechten oder Unheil bringenden Gedanken vor. Vgl. Secharja 8, 14, 15. Prov. 31, 16. 1, 4. 3, 21 2c. Hiob. 17, 12.

4
לִפְעֻלּ֣וֹת אָ֭דָם בִּדְבַ֣ר שְׂפָתֶ֑יךָ אֲנִ֥י שָׁ֝מַ֗רְתִּי אׇרְח֥וֹת פָּרִֽיץ׃
BernfeldWenn Menschen gegen deiner Lippen Spruch handelten, habe ich mich gehütet vor den Pfaden des Zügellosen.
ZunzWenn Menschen handelten gegen deiner Lippen Spruch, hab' ich mich gehütet vor den Pfaden des Zügellosen.
HirschUm die Handlungen des Menschen unter deiner Lippen Wort zu bringen, dienen, beobachte ich, die Pfade des Gesetz-Durchbrechers.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. לפעלות וגו' Constr.: אני שמרתי ארחות פריץ לפעלות אדם בדבר שפתיך, ich habe beobachtet, wie selbst die Wege des Gesetzdurchbrechers dazu dienen, die Handlungen der Menschen unter die Herrschaft deines Gesetzes zu bringen. Die Verbrechen, die der Gesetzverächter sich gegen seine Mitmenschen erlaubt, werden in Gottes Händen Mittel, um die besserungsfähigen, erziehungsbedürftigen Verehrer des göttlichen Gesetzes immer vollkommener in der Gesetzestreue, immer makelloser im Gehorsam zu machen. So steht das Böse selbst im Dienst des Guten, und der Verbrecher wird unbewußt ein Förderer der Herrschaft des Gottes-Gesetzes auf Erden. Das שמרתי, Das habe ich an mir selber erfahren. שמרתי וגו' Vgl. שמר תם וראה ישר כי אחרית לאיש שלום (Ps. 37, 37). Diese Wahrnehmung bildete einen Theil des צדק-Gedankens, der Vorstellung von dem gerechten Gottes-Walten die ich gewann. פריץ von פרץ durchbrechen, פרץ גדר (Pred. 10, 8) Schranken durchbrechen. פריץ der prinzipielle Gegensatz zu צדיק.

5
תָּמֹ֣ךְ אֲ֭שֻׁרַי בְּמַעְגְּלוֹתֶ֑יךָ בַּל־נָמ֥וֹטּוּ פְעָמָֽי׃
BernfeldMeine Schritte hielten fest an deinen Geleisen, meine Tritte wankten nicht.
ZunzFesthalten meine Schritte an deinen Gleisen, nicht wanken meine Tritte.
HirschEin Befestigen war es meiner Schritte in deinen Kreisen, daß meine Tritte nicht wankten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. תמוך וגו' Infinitiv: die über mich verhängten Leiden waren ein Befestigen, ein Festhalten meiner Schritte in den von Gottes Gesetz gezogenen Kreisen. אשר: Fortschreiten, אשור: Fortschritt (sieh. Pent. 1. B. M. 30, 13). מעגלותיך, עגל: rund, daher מעגל: der Kreis, מעגלותיך: die von Gottes Gesetz für unsern Wandel gezogenen Kreise, innerhalb deren wir uns fortschreitend zu halten haben, die wir aber nicht überschreiten sollen. פעם: der auftretende Fuß, der Tritt (siehe Pent. 2. B. M. 23, 14). Es galt, אשורי und פעמי, mein „Fortschreiten" zu allem Guten und mein „Stehenbleiben" in allem Guten, meine „Schritte und meine Tritte" zu befestigen.

6
אֲנִֽי־קְרָאתִ֣יךָ כִֽי־תַעֲנֵ֣נִי אֵ֑ל הַֽט־אׇזְנְךָ֥ לִ֝֗י שְׁמַ֣ע אִמְרָתִֽי׃
BernfeldIch rufe dich an, denn du wirst mich erhören o Gott; neige mir dein Ohr, höre meine Worte.
ZunzIch rufe dich an, denn du wirst mich erhören, o Gott; neige mir dein Ohr, höre meine Worte.
HirschIch rief dich, daß du mir antworten mögest, Gott, neige dein Ohr mir, höre meine Rede.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. אני קראתיך וגו'. Indem ich des Heilbringenden der dunkeln Leidenszeiten inne ward, habe ich dich nicht angerufen um Entfernung der Leiden, sondern קראתיך כי תענני, ich rief dich, damit du mir antworten mögest, wie das Kind in der Nacht die Mutter ruft, um sich zu vergewissern, daß die Mutter noch bei ihm ist, und sich beruhigt, sobald ihm nur die Mutter antwortet: שמע וגו', הט וגו', אמרתי, nicht: meinen Hilferuf, sondern den Ausspruch der Gedanken, die in den dunkeln Zeiten meiner Prüfungsleiden in mir lebendig geworden sind.

7
הַפְלֵ֣ה חֲ֭סָדֶיךָ מוֹשִׁ֣יעַ חוֹסִ֑ים מִ֝מִּתְקוֹמְמִ֗ים בִּֽימִינֶֽךָ׃
BernfeldErweise mir deine wunderbare Gnade, der du jene rettest, die sich vor Widersachern in deiner Rechten bergen wollten.
ZunzErweise wunderbar deine Gnade, der du rettest, die sich bergen wollen vor Widersachern, mit deiner Rechten.
HirschLasse deine Liebeswaltungen hell hervortreten, den Zuversichtlichen helfend, vor Denen, die wider Deine Rechte sich erheben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. הפלה וגו', פלה, verwandt mit פלא, פלח, ist das scharf, von allen Andern gesonderte Hervortreten einer Thatsache. Siehe Pent. zu 3. B. M. 22, 21.

Die Prüfungsleiden, die du über erziehungsfähige Menschen zu deren Besserung und sittlichen Vervollkommnung verhängst, wie sie ihre heilsame Wirkung auf diese üben, haben noch eine für das Allgemeine heilbringende Seite: sie lassen die stärkende, aufrechthaltende, helfende und vor Untergang bewahrende Macht der göttlichen Liebeswaltungen hell erkennbar hervorleuchten, in der beseeligenden Kraft, die der Geprüfte aus der Gottesnähe während der Prüfungszeiten schöpft, und in dem erhaltenden Schutz, der ihn aufrecht hält und nicht erliegen läßt. ממתקוממים בימינך. Es ist nicht sowohl ein Interessenkampf als vielmehr ein Prinzipienkampf, den die פריצים gegen die צדיקים führen. Jeder durch sein zuversichtliches Gottvertrauen aufrecht gehaltene Gerechte ist ein Dokument der Göttlichkeit des Sittengesetzes, dem er folgt, und des schützenden Beistandes, den Gott ihm gewährt, ein Dokument der ימין ד', der Gottes-Rechte, die uns das Gesetz ertheilt hat und in dessen Erfüllung uns beisteht (5. B. M. 33, 2. 2. B. M. 15, 6). In jedem aufrecht stehenden Gerechten erblickt der פריץ einen Vorwurf, die Bekundung eines Prinzips, das er leugnet und bekämpfend als nichtig erweisen will. In seinem Kampf wider den Gerechten bekämpft er ימינך, die sich in diesem und an ihm offenbart.

8
שׇׁ֭מְרֵנִי כְּאִישׁ֣וֹן בַּת־עָ֑יִן בְּצֵ֥ל כְּ֝נָפֶ֗יךָ תַּסְתִּירֵֽנִי׃
BernfeldBewahre mich wie die Pupille im Auge, im Schatten deiner Fittiche birg mich.
ZunzBewahre mich wie das Männlein, des Auges Kind; im Schatten deiner Fittige verbirg mich,
HirschHüthe mich wie den Augapfel das Augenlid, birg mich im Schatten Deiner Flügel,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. שמרני וגו'. אישון von ישן (wie אגרף von גרף) alt, glanzlos, schwarz, dunkel, das Dunkle, daher אישון לילה, die Dunkelheit der Nacht, אישון עין: das Schwarze im Auge, der Augapfel. בת עין wahrscheinlich dasselbe wie בבת עין (Secharja 2, 12) und möchten wir dies nicht als Augapfel, sondern als Augenlid verstehen. So auch Raschi בכורות 38b, בבא ist chald. die Pforte, die Thüre, und entspricht somit dem das Oeffnen und Schließen des Auges vermittelnden Lid. Dazu kommt Klagel. 2, 12. אל תדום בת עינך, wo vom בת עין Weinen ausgesagt wird. Nun ist es ja nicht der Augapfel, sondern sind es die Augenlider, an welchen die Thränen erscheinen, die Thränendrüse liegt an der äußern Seite der Augenhöhle und am untern Augenlidsrand ist eine feine Oeffnung zum Abfluß der Thränen in die Nasenhöhle. So auch Jerem. 9, 17: ועפעפיו יזלו מים. Die Bitte wäre daher: Hüthe mich wie das Augenlid den Augapfel Wie das Augenlid vom Augapfel Alles fern hält, was der Gesundheit des Augapfels schädlich sein könnte, so halte von mir Alles fern, was meine sittliche Gesundheit zu schädigen vermöchte, und wenn dazu Leiden erforderlich sind, so erspare diese mir nicht. בצל וגו' und gewähre mir den Schutz, daß ich im Leiden nicht zu Grunde gehe.

9
מִפְּנֵ֣י רְ֭שָׁעִים ז֣וּ שַׁדּ֑וּנִי אֹיְבַ֥י בְּ֝נֶ֗פֶשׁ יַקִּ֥יפוּ עָלָֽי׃
BernfeldVor den Frevlern, die mich vergewaltigen, vor meinen Feinden, die gierig mich umzingeln.
ZunzVor den Frevlern, die mich überfallen, meinen Feinden, die gierig mich umzingeln.
Hirschvor den Gesetzlosen, die mich beraubt haben und nun als meine SeelenFeinde mich umringen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. מפני וגו', Schutz vor den Gesetzeslosen, die mich bereits beraubt haben, die mich bereits arm gemacht haben, so daß ihre fortgesetzte Befehdung nicht noch die Erlangung irgend eines äußern Vortheils im Auge haben kann, die vielmehr als אויבי בנפש als mir in ihrer Seele Feind, mich feindlich umgeben. Nicht ein äußeres Interesse ist jetzt mehr Grund ihrer Feindschaft, sondern der Seelen-Gegensatz, die Feindschaft gegen das Prinzip, das mich beseelt und das zu dem Ihrigen im gegensätzlichen Widerspruch steht.

10
חֶלְבָּ֥מוֹ סָּגְר֑וּ פִּ֝֗ימוֹ דִּבְּר֥וּ בְגֵאֽוּת׃
BernfeldIhr feistes Herz verschließen sie, mit ihrem Munde sprechen sie hoffärtig.
ZunzIhr feistes Herz verschließen sie, mit ihrem Munde sprechen sie hoffärtig.
HirschIhr Bestes haben sie wohl geborgen, sprechen sie mit ihrem Munde stolz;
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. חלבמו סגרו וגו', es kann auch nicht Furcht vor Repressalien, die sie von mir zu erwarten hätten, Das sein, was sie zu fortwährender Feindschaft treibt; denn ihr „Fett" d. i. ihre reichen Besitzthümer haben sie wohl verschlossen und geborgen, sie haben Beraubung nicht zu fürchten und fürchten sie nicht, Das sprechen sie stolz mit ihrem Munde aus.

11
אַ֭שֻּׁרֵינוּ עַתָּ֣ה (סבבוני) [סְבָב֑וּנוּ] עֵינֵיהֶ֥ם יָ֝שִׁ֗יתוּ לִנְט֥וֹת בָּאָֽרֶץ׃
BernfeldBei jedem Schritte umringen sie uns jetzt; ihre Augen richten sie darauf, uns zu Boden zu strecken.
ZunzBei jedem Schritte jetzt umringen sie uns, richten ihre Augen, zu Boden zu strecken.
Hirschunsern geraden Schritt, da sie uns jetzt umgeben, auf Erden vom Rechten abzulenken, darauf richten sie ihr Auge.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11. אשרנו וגו', was sie zur Feindschaft treibt, das ist unser gerader Wandel. Unsern geraden Schritt, auf den haben sie, da sie uns jetzt umgeben, ihre Augen gerichtet ihn vom rechten Wege auf Erden abzulenken. Zuerst galt es meiner Macht, meinen äußern Glückstand mir zu entreißen, aber jetzt, ihre jetzige Feindschaft ist dahin gerichtet, mich aus der Bahn der Pflichttreue abzulenken. אשורנו לנטות Vgl. ותט אשורנו מני ארחך (Ps. 44, 19) אם תטה אשרי מני הדרך (Hiob 31, 7) נטה kömmt aktiv und intransitiv vor: סבבונו, כת'ב: סבבוני. In mir bekämpfen sie Alle, die dem Prinzip der Gesetzestreue huldigen. Sie bekämpfen uns, weil wir in diesem Punkte eins sind.

12
דִּמְיֹנ֗וֹ כְּ֭אַרְיֵה יִכְס֣וֹף לִטְרֹ֑ף וְ֝כִכְפִ֗יר יֹשֵׁ֥ב בְּמִסְתָּרִֽים׃
BernfeldEr gleicht einem Löwen, der nach Beute lechzt, und dem Junglöwe, der im Versteck sitzt.
ZunzEr gleicht einem Löwen, der zu zerreißen lechzt, und dem Junglöwen, der im Versteck sitzet.
HirschLöwen gleich dünkt er sich, möchte zerreißen und sitzt wie ein angehender Leu im Versteck.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12. דמיונו וגו'. Der Singular hat etwas Schwierigkeit. Dem Gedanken ist bereits der erst im folgenden Verse genannte רשע gegenwärtig. דמיונו: seine äußere Erscheinung vielleicht auch seine Vorstellung, seine Einbildung wie אל מי דמית בגדלך (Ezech. 31, 2). Er erscheint, oder er dünkt sich wie ein Löwe voller Raublust, noch sitzt er wie ein angehender Löwe im Versteck. כפיר ist der jüngere Löwe. Siehe Ezech. 19, 3. 5. (Siehe Pent. 1. B. M. 6, 14). Hierauf bezieht sich das קדמה פניו des folgenden Verses.

13
קוּמָ֤ה יְהֹוָ֗ה קַדְּמָ֣ה פָ֭נָיו הַכְרִיעֵ֑הוּ פַּלְּטָ֥ה נַ֝פְשִׁ֗י מֵרָשָׁ֥ע חַרְבֶּֽךָ׃
BernfeldAuf, Herr, stelle dich ihm entgegen, strecke ihn nieder, rette mich mit deinem Schwerte vor dem Frevler.
ZunzAuf, Ewiger! stelle dich ihm entgegen, strecke ihn nieder, rette mein Leben vor dem Frevler mit deinem Schwerte,
HirschStehe auf Gott, komme seiner Absicht zuvor, beuge ihn, rette meine Seele vor dem Gesetzlosen, deinem Schwerte,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 13. קומה וגו' קדמה פניו. Komme ihm zuvor ehe er אריה wird. הכרעהו: lasse ihn nicht אריה werden. מרשע חרבך, er ist ja nur dein Schwert, nur Werkzeug in deiner Hand, lasse ihn nicht weiter kommen, als es deine Absicht ist. Du willst ja nur durch Leiden erziehen, nicht verderben.

14
מִ֥מְתִֽים־יָדְךָ֨ ׀ יְהֹוָ֡ה מִֽמְתִ֬ים מֵחֶ֗לֶד חֶלְקָ֥ם בַּֽחַיִּים֮ (וצפינך) [וּֽצְפוּנְךָ֮] תְּמַלֵּ֢א בִ֫טְנָ֥ם יִשְׂבְּע֥וּ בָנִ֑ים וְהִנִּ֥יחוּ יִ֝תְרָ֗ם לְעוֹלְלֵיהֶֽם׃
BernfeldDenen, die deinetwegen gepeinigt werden, o Herr, von Krankheit gepeinigt, gib Anteil am Leben. Mit deinem Schatze sättige ihren Leib, dass daran auch ihre Kinder satt werden und ihr Vermögen ihren Nachkommen hinterlassen.
ZunzVor den Leuten — deine Hand —, o Ewiger, vor den Leuten von der Zeitlichkeit, deren Antheil ist das Leben, und mit deinen Schätzen füllest du ihren Leib; es schwelgen die Söhne und lassen ihren Ueberschuß ihren Kindern.
Hirschvor den Leuten deinem Werkzeug Gott, vor den Leuten aus der Vergänglichkeit, deren Antheil in diesem Leben, und denen du mit dem bei dir geborgenen Verborgenen den Magen füllst — mögen sie satt werden an Kindern und ihren Ueberfluß ihren Jungen hint erlassen!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 14. ממתים וגו'. מתים ist ein entwürdigender Name für Menschen. Menschen die nur vorübergehende Bedeutung haben. (Siehe Pent. 1. B. M. S. 116. 117). ידך, die deine Hand sind, d. h. die du als dein Werkzeug gebrauchst. מחלד. חלד vielleicht gleichbedeutend mit חדל, aufhören, wie כבש und כשב. Rabbinisch heißt חלודה: Rost. Jedenfalls heißt חלד die Welt der Vergänglichkeit. (Vgl. Ps. 39, 6. 89, 47). Es sind Menschen, die nur aus der Welt der Vergänglichkeit heraus wachsen, die ihren Boden und ihre Wurzel nur im Vergänglichen haben. חלקם בחים, deren ganzer Antheil in diesem Leben, dem diesseitigen liegt. וצפונך תמלא בטנם. צפונך ist die bei Gott geborgene Zukunftseligkeit der Braven. Vgl. מה רב טובך אשר צפנת ליראיך (Ps. 31, 20). Es ist כת'ב: צפינך, קרי: צפונך. צפון ist verbale, צפין adjektivisch. צפון ist das was verborgen wird, צפין was verborgen ist, was seiner Natur nach nicht sinnlich erkennbar ist.

Die dem Gerechten beschiedene Seligkeit ist etwas Geistiges, ist צפין, seiner Natur nach in der sinnlichen Gegenwart nichts sichtbar Hervortretendes es ist aber צפונך bei Gott geborgen und aufgehoben. Es ist צפון weil es צפין ist. Vgl. Pent. 4. B. M. 1, 16. Das, was dem Gerechten nicht in diesem Leben wird, was er auch in diesem Leben nicht erwartet weil es seiner Natur nach nicht der hieniedigen Sinnlichkeit angehört, ihre ganze Seligkeit, erblicken und erwarten sie — im Magen! Es ist nicht unmöglich, daß תמלא die zweite Person ist. Mit dem bei dir Geborgenen füllst du ihren Bauch. Ihre ganze Glückseligkeit giebst du ihnen im Magen, oder: erwarten sie von dir in der Fülle ihres Leibes. ישבעו בנים u. s. w. Ich beneide sie nicht darum. Möge ihnen ein volles hieniediges Glück werden. Mögen sie selbst zahlreiche Kinder bekommen, und ihren Reichthum sogar auf ihre Nachkommen vererben: ich

15
אֲנִ֗י בְּ֭צֶדֶק אֶחֱזֶ֣ה פָנֶ֑יךָ אֶשְׂבְּעָ֥ה בְ֝הָקִ֗יץ תְּמוּנָתֶֽךָ׃ {פ}
BernfeldIch werde um meiner Frömmigkeit willen dein Antlitz schauen, erwachend an deiner Gestalt schwelgen.
ZunzIch aber schaue durch Frömmigkeit dein Antlitz, schwelge erwachend an deiner Gestalt.
HirschIch, ich schaue in Rechts-Gedanken Dein Angesicht und sättige bei einstigem Erwachen mich an Deiner Gestaltung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 15. אני וגו', ich kenne eine andere Glückseligkeit, sie heißt in diesem Leben: Gottes Angesicht in der Erkenntniß seiner Rechtswaltung schauen, und בהקיץ, und beim Erwachen zum jenseitigen Leben, zu dessen Klarheit und Lichthelle alles dießseitige Erkennen nur wie Schlaf und Traum sich verhält: der vollen Gotteserkenntniß, der vollen GottesAnschauung theilhaftig werden, die in den Banden der irdischen Leiblichkeit versagt ist, תמונתך. Siehe Pent. 1. B. M. S. 17 und 4. B. M. 12, 8. בצדק. Vgl. V. 1.