Tehillim 16 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 16. V. 1. מכתם לדוד. Die Auffassung dieses Psalms, ihrem Grundgedanken nach, verdanke ich einem Vortrage meines unvergeßlichen Lehrers Bernays נ"ע.
מכתם, כתם als Subst. bezeichnet eine vorzügliche Art Gold. Als Zeitwort kommt es Jerem. 2, 22. נכתם עונך לפני in der Bedeutung eines nicht auszuwaschenden Fleckens vor. Im rabbinischen heißen כתמים: blutrothe Flecken. Es ist nicht unmöglich, daß כתם gleichbedeutend mit זהב פרוים Chron. II. 3, 6 ist, das nach Joma 4-5, a, ein Gold von blutrother Farbe bedeutet, und scheint מכתם als Psalmüberschrift einen Psalm zu bedeuten, den sich David zum immerwährenden Gedächtniß aufgezeichnet hat. K. 56-60 haben noch fünf aufeinanderfolgende Psalmen die Ueberschrift: מכתם, wovon vier: באחוז, בברחו מפני שאול במערה, בשלח שאול וישמרו את הבית להמיתו, בהצתו את ארם וגו', אותו פלשתים בגת, seine Stimmung und Gedanken aus verhängnißvoll hervorragenden Lebensmomenten festhalten, das letztere, von nationaler Bedeutung, mit dem Beisatze ללמד, daß es eine nicht nur für David, sondern für die Nation bleiben sollende Aufzeichnung sei. Das dritte, K. 58, ohne Bezeichnung eines solchen geschichtlichen Momentes, bezeichnet jedoch durch die Worte אל תשחת den Moment ebenfalls als einen solchen, in welchem nur die Zuversicht in Gott die Gewißheit gewährt, daß es nicht bis zur gänzlichen Verderbniß kommen werde. Auch unser Psalm zeichnet David zum ewigen Gedächtniß einen Moment auf, in welchem er aus drohendster Gefahr gerettet hervorgegangen war, und zwar war dies keine Gefahr des äußern Geschickes, sondern eine Verirrung des innern Gedankenlebens, die ihn fast aus seinen reinen Beziehungen zu Gott abgeführt hätte, ein Moment, der wie kein anderer verdiente, David ewig gegenwärtig zu bleiben, daher: מכתם. — שמרני וגו' bezieht sich entweder auf die Gefahr der Verirrung, von welcher der Psalm in Folgendem berichtet, oder — und dies ist das Wahrscheinlichere — es ist der Wahlspruch, den sich David im Gegensatz zu der einstmaligen Verirrung nun für's Leben festgestellt hat. In dieser Verirrung hatte er, wie wir sehen werden, dem Wahne Raum gegeben, als ob Gott in seiner hohen Erhabenheit über den irdischen Dingen deren Obhut und Waltung erdnähern Mächten überlassen habe. Dem gegenüber stellt er sich mit dem Wahlspruch שמרני וגו' ganz und zuversichtlich unter die alleinige unmittelbare Obhut Gottes.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. אמרה וגו' ist die Anrede David's an sich selber. Es ist Dies eben die Aufzeichnung, die David sich zum ewigen Gedächtniß niedergeschrieben. אמרת ist die Anrede in weiblicher Form. Sie bezeichnet eine Schwäche des Angeredeten. Vgl. Pent. 4. B. M. 11, 15. 5. B M. 5, 24. Du hast einmal in einem schwachen Augenblick zu Gott gesagt: mein Herr bist du, ich stehe mit meinem ganzen Thatenleben in deinem Dienste und habe deine uns geoffenbarten Gebote zu erfüllen; allein טובתי, mein zeitlich Glück, mein Geschickesleben, כל עליך, ruht nicht auf dir, ruht nicht bei dir, wörtlich vielleicht: reicht nicht hinauf zu dir, wie והיא עלתה עליהם (Josua 2, 8) ותתפלל על ד' (Sam. I. 1, 10) על ד' ולא ענם (Ps. 18, 42) und sonst. טובתי, טובה ist das zeitliche Glück, das Wohl. So: לראת בטובת בחירך (Ps. 106 5) נשיתי טובה (Klagel. 3, 16).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. לקדושים d. h. טובתי לקדושים, קדושים: heilige, Gott nahe, überirdische Wesen. So בסוד קדושים רבה (Ps. 89, 8), הן בקדשיו לא יאמין (Hiob 15, 15 im Gegensatz zu אף כי וגו' איש וגו' V. 16.) ובא ד' אלהי כל קדושים עמך (Secharja 14, 5). עיר וקדיש (Daniel 4, 10) u. s. — אשר בארץ המה im Gegensatz zu der — vermeintlich — über allem Irdischen fernen Erhabenheit Gottes. Vgl. von dem die irdischen Dinge beherrschend gestaltenden Einfluß der Himmelskörper auf Erden אם תשים משטרו בארץ (Hiob. 38, 33). אשר בארץ המה: die in die Erdwelt hineingehören, oder: die die Erdwelt beherrschen, die über die Erde walten. ואדירי כל חפצי בם, אדירי stat. constr: die dadurch machtherrlich sind, daß Alles, was ich verlange, wessen ich bedarf, durch sie mir vermittelt wird, durch sie gewährt, verwirklicht wird. Faktum ist es ja, daß כל חפצנו, daß alle unsere Bedürfnisse auf Erden, unser ganzes irdisches Geschick, uns vermittelst der physischen Welt angehörender Kräfte und Wirkungen gestaltet wird. Die Frage ist nur, ob alle diese physischen Weltmächte selbst nur als der freien göttlichen Waltung und Lenkung völlig untergeordnete Vollbringer und Boten des göttlichen Willens unserm irdischen Wollen Gewährung und Versagung bringen, oder sie in allem Diesen nur der eignen, von Höherem unbeeinflußten Machtherrlichkeit folgen. David hatte einmal in einem schwachen Augenblick dem Gedanken Raum gegeben: mit unserm Thatenleben, unserm Pflichtgehorsam, stünden wir wohl unter Gottes Herrschaft, allein unser Wohl und Weh, unser Schicksal entziehe sich der göttlichen Fürsorge und sei lediglich von den Gewalten abhängig, die den irdischen Dingen näher stehen und deren Einfluß auf die Erscheinungen der irdischen Welt, in welcher die Erfüllung oder Versagung unserer Wünsche sich vollzieht, sichtbar zu erkennen ist. Jedoch
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. ירבו עצבותם וגו'. עצבותם, עצב das schmerzliche Gefühl der Entsagung. Siehe Pent. 1. B. M. 3, 16. מהרו, מהר: die engste Aneignung einer Person, die eheliche Verbindung erstreben. Die reine Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, erscheint am Häufigsten unter dem Bilde der Ehe. Daher hier אחר מהרו, die die Verbindung mit einem andern Gott gesucht. (Siehe Pent. 2. B. M. 22, 16.) ירבו עצבותם, mit diesen Worten sagt sich David von der V. 2, 3. ausgesprochenen Verirrung mit Entschiedenheit los. Diejenigen, die für die Beglückung ihres Geschickeslebens die Verbindung mit irgend einer anderen Macht außer Gott, dem Einzig-Einen, suchen, und in dieser Verbindung die Erfüllung ihrer Wünsche hoffen, deren Entsagungsleiden vermehren sich vielmehr, ja, die empfinden erst recht den Schmerz der Entsagung. Für Den, der wie mit seinem Thatenleben, so auch mit seinem Geschicke sich ausschließlich unter Gott fühlt, der jeden leidwie freudvollen Moment aus des Einzig-Einen ihn für die Höhenziele seiner Pflichtbestimmung erziehenden Hand empfängt, für Den wird durch dieses Bewußtsein jeder Schmerz der Entsagung aufgehoben, er kennt kein עצב, es ist ihm Alles Segen, auch die herbsten Verluste im äußern Geschick sind ihm Bereicherungen seines Gott zugewandten innern Lebens — ברכת ד' היא תעשיר ולא יוסיף עצב עמה (Prov. 10, 22). — Erst wenn wir unser Wohl und Weh, die Erfüllung oder Versagung unserer Wünsche von אחר, von andern Potenzen abhängig glauben, denen wir mit unserm sittlichen Verhalten völlig fern sind, und die, wie die unfreien Mächte einer bewußtlosen Naturnothwendigkeit, unserm ganzen denkenden und wollenden Wesen und Streben blind und kalt gegenüberstehen, — erst dann fühlen wir uns elend bei der so völligen Unzulänglichkeit unseres Könnens für die Verwirklichung unseres Wollens.
בל אסיך נסכיהם מדם. נסכים sind eben diejenige Opfer-Institution, durch welche gerade einer solchen Scheidung unseres Geschickesstrebens von unserm Pflichtleben entgegen gewirkt werden soll, indem mit jedem Opfer der Pflichtweihe, עולה und שלמים, zugleich ein מנחה aus Mehl und Oel und נסך von Wein als Ausdruck der Gotteshuldigung mit allen Gütern der Nahrung, des Wohlstandes und der Lebensfreude verbunden sein muß (Siehe Pent. zu 4. B. M. 15, 16). 3. B. M. 17, 4 wird die Darbringung eines Opfers an die in dem physischen Naturleben sich offenbarenden Mächte als Begehung eines geistigen Menschen-Mordes an sich selbst, als Leugnung der den Menschen über alle physischen Naturmächte hoch hinaus erhebenden sittlich freien Gottebenbildlichkeit begriffen, — דם יחשב לאיש ההוא דם שפך — (Siehe Pent. das. V. 7). Hier heißt es daher: Deren Entsagungs-Leiden mehren sich nur, die mit Anderem sich vermählen, mehr als Blutvergießen scheue ich ihre Gußopfer, ein geistiger Selbstmord erschien es mir, wenn ich andern Mächten als Gott die Huldigung meiner Lebensfreuden brächte. ובל אשא וגו', ein solcher Wahn ist mir nicht weniger als wahre עבודה זרה, von der es 2. B. M. 23, 13 heißt: ושם אלהים אחרים לא תזכירו לא ישמע על פיך. Siehe Pent. das.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. ד' מנת חלקי וגו'. חלקי: mein Antheil an den Gütern der Erde, כוסי: mein Antheil an Genüssen und Freuden. Es heißt nun nicht: Gott bestimmt meinen Antheil und meinen Kelch, von Gott kommt die Bestimmung meines Antheils und meines Kelches, sondern: Gott ist מנת חלקי וכוסי, d. h. was von חלקי וכוסי eigentlich מנתי ist, was von den Gütern und Freuden, die mir auf Erden werden, eigentlich mein ist, was ihnen eigentlich Werth für mich verleiht, das ist nicht das Gut und der Genuß an sich, sondern das ist Gott, der mir eben in dem größern oder geringern Maaß von Gütern und Freuden mein Gott, der Lenker meines Geschickes ist, und das Bewußtsein, daß dieses Geschick mir von Ihm wird, macht mir חלקי וכוסי theuer.
אתה תומיך גורלי. תומיך entweder Präs. Kal von תמך in der seltenern Form wie הנני יוסיף על ימיך (Jes. 38, 5), du stützest mein Loos, gewährst meinem Geschicke Festigkeit, Halt; oder es ist Futur Hifil von ימך, gleichbedeutend mit מוך, niedrig sein, wie טוב und יטב, בוש und יבש, סוך und יסך 2c. und hieße es dann im geraden Gegensatz zu der vorhergegangenen Verirrung: du giebst mir in die tiefste Niedere mein Loos herab, d. h. an meinem irdischen Geschicke ist dir nichts zu gering und niedrig, daß du ihm nicht deine Fürsorge zuwendetest und es mir nicht unmittelbar von dir käme.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. חבלים וגו'. Das Geschick des Menschen gestaltet sich aus חבלים אשר יפלו לו, aus Dem, was erstrebt, oder unerstrebt, erwartet oder unerwartet, ihm in seinem Leben zu Theil wird, und aus נחלת, aus der ganzen Lebensstellung und deren Inhalt, die er als Hinterlassenschaft seiner Vorfahren mit seiner Geburt antritt, und die den Boden bildet, auf welchem sich sein eigenes Lebensgeschick erbaut. Der Mensch, der sein Werden und Sein, seinen Eintritt und seine Wanderung durch's Leben als Augenmerk einer unmittelbaren השגחה פרטית begreift, dem sind alle Geschicke, die ihm im Leben werden, im Gegensatz zu den עצבות Derer, die ihr Geschick aus „Anderer" Händen hinnehmen, beglückend, und auch der Platz, die Lebensstellung und Ueberlieferungen, die Gott ihn mit seiner Geburt antreten ließ und ihm damit das Eigenartige seines Lebensberufes ertheilte, ist ihm harmonisch zusagend. Es wird ihm keine Aufgabe, für welche ihm nicht Gott Kraft und Fähigkeit ertheilt, und die treue Lösung jeder Aufgabe beglückt. שפר bezeichnet die harmonische Gestaltung eines Ganzen in allen seinen Theilen, worin das Wesen der Schönheit besteht. Siehe Pent. 1. B. M. 49, 21.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. אברך וגו', אשר יעצני: der mich nicht in der Verirrung gelassen. אף לילות: segne ihn auch für die trüben Zeiten, in welchen יסרוני כליותי. Wir haben bereits zu K. 7, 11 bemerkt, daß כליות zunächst als Organe des sinnlichen Begehrungsvermögens begriffen werden. Als solche stehen sie ganz eigentlich mit den Verlangen in Beziehung, deren Befriedigung David in seiner Verirrung von andern Mächten außer Gott erwarten zu müssen geglaubt, jedoch zu dem Bewußtsein gelangte, wie eben ein von Gott losgesagtes Güter- und Genüsse-Streben nur die Bitterkeiten von Entsagungen kennen lernt. Solche entsagungsvolle Zeiten waren die „Nächte," in welchen כליות, unbefriedigte Begehrungen, David auf den rechten Weg der Erkenntniß leiteten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. שויתי וגו'. שוה: gleich sein, שוה: gleichmachen, ebenen, שוה פניה: eine Ackerfläche eben machen, alle Erhebungen daraus beseitigen (Jes. 28, 25). Davon hier: Im Gegensatz zu der Wahnvorstellung, die Gott nur in einer über alles Irdische hinaus ragenden, alles Irdische tief unter sich erblickenden Höhe denken zu dürfen meint, habe ich nunmehr Gottes Gegenwart ganz in der Ebene meines irdischen Daseins und aller Anliegen desselben erkannt, suche Gott nicht mehr in der Höhe, sondern habe ihn immer in meinem ganzen irdischen Wandel überall mir gegenüber vor Augen. Ihm ist nichts Irdisches zu klein und niedrig. All mein Sein und Wollen vollzieht sich vor Ihm. Und תמיד: an dieser Ueberzeugung halte ich nunmehr fest und werde mir keinen Augenblick der Schwäche wieder zu Schulden kommen lassen.
כי מימיני בל אמוט, ich habe Gott jetzt als ימיני, als die mich haltende Rechte erkannt, von der lasse ich nimmermehr, schwanke nie mehr von ihr ab.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. לכן שמח וגו', darum, erst seitdem ich nunmehr die Gewißheit in mir trage, daß Kleinstes und Größtes mir unmittelbar von Gott beschieden ist, kann mir selbst der Gipfel äußerer Glücksstellung Freude gewähren. Ohne Gott kann man wohl jubeln, aber sich nicht freuen. כבודי: meine königliche Lebensstellung, mit allem äußern Jubel, ließe mein Herz freudeleer, wenn ich sie nicht als Gottbeschiedenes fühlte (Vgl. K. 14, 7). אף בשרי וגו', und auch der Gedanke an mein Ende, wo all diese כבוד, all diese geistig große Lebensentfaltung auf Erden zu Ende sein wird, und auf Erden nur noch בשרי, mein irdischer Leib sein wird, läßt mich ruhig. Wie im Leben, so auch im Tode ist Gott ימיני, die mich haltende Rechte, von der ich selbst im Tode mich nicht entferne.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. כי לא תעזב וגו', denn mit בשרי, mit meinem Leibe lässest du נפשי, meine Seele nicht einbetten, חסידך, das eigentliche Menschenwesen, das im Leben in hingebender Liebe dir gelebt, das in dieser hingebenden Liebe im hieniedigen Leben dir nahe gewesen, „dein" geworden ist, das lässest du nicht Verwesung erfahren. חסידך, כתיב: חסידיך, in welchen verschiedenen leiblichen Erscheinungen, in welchen verschiedenen äußern Lebensstellungen Menschen sich als חסידי ד' bewähren, Das, was in ihnen diesen חסד-Charakter verwirklicht, der חסיד in allen חסידים ist nur das Eine, in Allen gleiche Gott-Ebenbildliche, Gott-Verwandte, zu Gott Hinstrebende, das nur für den irdischen Lebensberuf mit der leiblichen Hülle vereint ist. Diese irdische Hülle bettet sich im Grabe der ferneren Gottesbestimmung wartend לבטח hin, und den „חסיד", der in ihr gelebt, erhebt Gott zu sich über die Verwesung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. תודיעני וגו'. So lehrst du mich einen Pfad, der nichts als Leben ist, der keinen Verlust, keinen Schmerz, nicht Tod und Verwesung kennt, der von Leben zu Leben schreitet, der in jedem Momente des jetzigen und einstigen Seins dein Angesicht schaut und in diesem Schauen die höchste Befriedigung, die „Sättigung der Freuden," die nichts entbehrt, für nichts Anderes Sinn hat, findet, und aus Gottes Hand Nichts als Glückseligkeiten empfängt.