Tehillim 143 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 143, V. 1. Auch dieser Psalm ist ein Erzeugniß einer ähnlichen, vielleicht derselben Nothlage wie der vorige. Verfolgt und ausgeschieden von der ganzen Welt, findet er (V. 5), in dem Gedächtniß der geschichtlichen, Gott offenbarenden Vergangenheit und in dem Bewußtsein seines eigenen einzelnen gegenwärtigen Selbst's als nicht minder Gott offenbarendes Geschöpf, den Halt, sich mit seinem Innern zu Gott zu erheben, und den Anbruch einer lichtvolleren Zukunft von Gott geleiteten, Gott dienenden Lebens zu erhoffen.
באמנתך, בצדקתך: er bittet nicht um gänzliche Beseitigung von Leiden, er bittet um treue Erziehung für seine sittliche Bestimmung, zu gleicher Zeit aber auch um jene durch Liebe gemilderte Rechtswalttung, צדקה, die neben der Abwägung unserer Vergangenheit zugleich lie Rücksicht auf eine uns noch immer wieder zu gewährende Zukunft vorwalten läßt (Siehe Pent. 1. B. M. 15, 6).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. אל תבוא וגו' משפט: hier der ungemilderte Gegensatz zu der im vorigen V. gedachten צדקה. יצדק', צדוק ist hier das Erlangen des Freispruchs im Urtheil (Vgl. Jes. 43, 26. Hiob 25, 4 u. s.). כל חי', vielleicht über den Menschen hinaus alle Wesen einschließend, denen mit dem Leben immerhin eine mit mehr und minderer Selbstbestimmung verbundene Kraftäußerung eingeräumt ist (Vgl. 1. B. M. 9, 5).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. כי וגו' חיתי', das Lebendige in mir, die Lebensseele (Siehe Hiob. 33, 20. 36, 14).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. ותתעטף וגו' בתוכי, steht wohl im Zusammenhang mit dem vorhergehenden התעטף רוח ותתעטף. bezeichnet ja den Zustand, in welchem der Geist sich von Beherrschung des Leibes in sich zurückzieht, das Vermögen einbüßt, durch den Leib auf die Außenwelt zu wirken, sowie durch denselben Eindrücke von Außen in sich aufzunehmen (Siehe Ps. 61, 3. 102, 1). Daher בתוכי': ganz in mich zurückgeworfen. ישתומם', שמם, öde sein bezeichnet, auf den Geist übertragen, den Zustand, dem klare Vorstellungen und deutliche Gedanken fehlen. So שממו עליך (Jes. 52, 14). Auch im Hithpael ואשתומם על המראה (Daniel 8, 27). Ganz ähnlich von שאה: והאיש משתאה לה (1. B. M. 24, 21).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. זכרתי וגו'. So, jeden klaren Gedankens über die vorhandene Gegenwart wie zu erwartende Zukunft beraubt, erwacht das Gedächtniß der Gottes Waltungen zeigenden Vergangenheit, dies Gedächtniß weckt Nachdenken über Alles, was Gott gewirkt, und es tritt das Bewußtsein in die Seele, das doch auch in Sich ein Werk, ein von Gott geschaffenes, gebildetes, heranerzogenes Wesen erkennt, und wagt als solches über sich zu sinnen, und die Gedanken auszusprechen. במעשה ידיך, Vgl. מעשי ידיך אל תרף (Ps. 138, 8). ואת דורו מי ישוחח wie אשוחח (Jes. 53, 8).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. פרשתי וגו'. כארץ עיפה, wie ein aus Regenmangel kraftlos gewordenes Land nach Regen schmachtet. Vgl. Ps. 63, 2. עיף בלי מים.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. מהר וגו'. כלתה רוחי, geht zu Ende, wie כד הקמח לא חכלה (Kön. I. 17, 14), oder schmachtet danach, wie וכלות אליהם (5. B. M. 28, 32).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. השמיעני וגו'. בבקר, בקר wie häufig die wiederkommende glückliche Zeit nach zu Ende gehender Nacht des Leidens. Und השמיעני', nicht הראני', nicht so sehr der Anblick eines bereits im Aeußern sich zeigenden bessern Zustandes, als vielmehr das geistige innere Wahrnehmen wiederkehrender Liebe Gottes.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. הצילני וגו', כסיתי': אליך כסיתי', wie (על כל פשעים תכסה אהבה), Prov. 10, 12), ich habe über Alles, was ich von Menschen zu leiden hatte, einen Schleier gedeckt, habe es für mein Bewußtsein zu verhüllen, es zu vergessen gesucht, אליך: indem ich Alles Dir anheim stellte. Oder: indem ich alle meine Beziehungen zu Menschen in den Schatten treten ließ, und mich nur mit dem Gedanken meiner Beziehung zu dir, und mit dem Streben zu dir erfüllte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. למדני וגו'. Erkenntniß des göttlichen Willens und die von Gott zu verleihende Begeistigung und Begeisterung für alles auf Erden zu verwirklichende Gute, das ist die חסד, die er von Gott erbittet; denn Gott ist „voll" sein Gott (es ist nicht bedeutungslos מלא geschrieben), ihm ist Gott nicht nur der Lenker der Geschicke, er erkennt ihn auch vor Allem als den Leiter seiner Thaten an. רוחך טובה, Siehe Ps. 111, 10. בארץ מישור: für den von Gottes Geist Erfüllten werden die Schwierigkeiten des irdischen Lebens zur Ebene, und keine Versuchung bringt ihn zum Falle.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. למען שמך וגו', „Leben," und „Rettung" aus der drängenden Noth, das sind nächst der innern Begabung die Gewährungen, die er von Gott erbittet und erhofft; „Leben" nach der mit seinem Namen ד' verheißenen, zu neuer Lebensspende ewig bereiten Liebe; „Rettung" nach der Milde, die nur so weit משפט walten läßt, als das Besserungsziel der zu erziehenden Menschen heischt (siehe Ps. 33, 5).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. ובחסדך וגו'. Diese deine an mir sich wieder bewährende Liebe wird genügen, um meine Feinde in ihrem meine Vernichtung anstrebenden Vorgehen zu hemmen, und damit werden alle die Noth und Bedrängniß gegen mich planenden Menschen aufhören; denn sie werden erkennen, daß „ich dein Diener bin," und der in deinem Dienste Stehende, deinem Dienste Lebende auch unter deiner besondern Obhut steht.