Tehillim 144 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 144, V. 1. לדוד וגו'. Es ist dies der letzte Psalm aus David's Leben. Die unmittelbar vorhergehenden stammen aus seinen frühesten, trübsten Leidenstagen. Diesen Psalm spricht der König, dem die Siege über die äußern Feinde seines Volkes auch die innern Feinde unterworfen und die allgemeine Huldigung seines Volkes gewonnen hatten. Er gewährt uns aber einen Einblick in die Brust eines „Davids," in die Brust eines jüdischen, von Gott gesalbten Herrschers. Wohl ist er, V. 1. 2. sich kriegerischer Tapferkeit bewußt, würdigt auch sie als von Gott verliehene, im Dienste Gottes für Gottes Zwecke zu verwerthende Begabung, und gedenkt, wie Gott, und nur Gott in seiner kampfesvollen Vergangenheit ihm Sieg und Rettung und Schutz, und endlich auch die Huldigung seines Volkes gewährt habe. Allein er freut sich nicht des Kriegs-Ruhms, das Schwert ist ihm, V. 10, רעה, etwas bitter Böses, dessen Nothwendigkeit er tief beklagt und sehnsüchtig, V. 9, nach der Zeit ausblickt, wo es ihm vergönnt sein möge, Gott ein neues Lied, das Lied seiner Befreiung von der bösen Nothwendigkeit des Schwertes zu singen. Diese Nothwendigkeit sieht er aber, V. 8 und 11 in der Treubrüchigkeit der Völker, mit denen kein zuverlässiges Friedensbündniß zu schließen ist, und deren hinterlistige Politik ewige Kriegsbereitschaft zur Nothwendigkeit macht. Auf Grund der Unzulänglichkeit aller durch Menschenmacht vermittelten Erfolge. während zur völligen, dauernden Unschädlichmachung der feindlichen Mächte, es nur eines einmaligen göttlichen Einschreitens bedürfte, ruft er daher, V. 3—8, Gott auf, daß Gott ihn aus den treubrüchigen Völkerströmungen freimachend und rettend hinausheben möge, damit er V. 9. 10. das neue, einst die Gesammtmenschheit umfassende Lied „der Befreiung von dem Schwerte" singen könne, und, V. 11—15 in seinem Volke sich das friedliche Ideal eines unter Gottes Schutz und Segen aufblühenden Volkslebens verwirklichen werde.
ברוך וגו', ד', der צורי: der feste Halt meines Seins und Sollens (Pent. 5. B. M. 32, 4) ist, der mich mit Kraft und Fähigkeit zum Kriege ausrüstet, ברוך: der Vollbringung seines Willens sei diese Kraft und Fähigkeit geweiht. Eben nur für diesen Dienst und in diesem Dienst, nicht aus eitler Ruhmeslust pflege ich sie. קרב ist wohl mehr der Kampf in der Nähe, das Fechten mit dem Schwerte, daher ידי': die Muskelkraft und Gewandtheit der Hand und des Arms. Dem gegenüber מלחמה: der Kampf mit der Schießwaffe, Bogen und Pfeil, bei welchem wohl die Geschicklichkeit der Handglieder mitwirkt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. חסדי וגו', חסדי: was ich an Begabung und Errungenschaft mein nenne, das ist Spende seiner Liebe. מצודתי משגבי ומפלטי (Siehe Ps. 18, 3), und es ist dies Alles mir. Ich bin mir dessen bewußt, daß alles Dies nur Gottes Wirkung sei, mögen Menschen dies auch auf Anderes und Andere zurückführen. רדד, eigentlich das Dünnschlagen und Dehnen von Metallen zu Beleg-Blechen (Kön. I. 6, 32). Dann das Gefügigund Unterwürfigmachen von Völkern unter die Herrschaft eines Herrn לרד לפניו גוים (Jes. 45, 1). הרודד וגו': מלמד וגו', חסדי וגו' מגני ist, in den ich meine ganze Zuversicht gesetzt habe, Er ist הרודד וגו', durch seinen Beistand und seine Siegverleihung in den für sein Volk geführten Kriegen, hat er mir endlich dasselbe als mein Volk mir huldigen, sich mir mit hingebender Bereitwilligkeit unterordnen lassen. Bei dem zähen, oft feindlichen Widerstande, den er aus der Mitte seines Volkes heraus gefunden, ist die Bezeichnung רדד, das Gefügigmachen des harten, festen Metalls durch wiederholte Einwirkung, eine sehr entsprechende.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3—8. ד' מה וגו'. Jedoch, die Besiegung der seinem Volke feindlichen Mächte durch seine, wenn gleich durch Gott geschützte und gestärkte Hand bleibt, zumal bei dem entarteten Charakter der feindlichen Völker, immer eine unzulängliche und nur vorübergehend Frieden gewährende. Daher der Hinweis auf die Nichtigkeit und Vergänglichkeit jeder, somit ja auch seiner Persönlichkeit (V. 3. 4.), und die Bitte um göttlichen, nicht durch Menschen vermittelten, und an die Lebensdauer eines Menschen geknüpften Einschreitens gegen die feindlichen Mächte, deren Vernichtung allein einen wahrhaften dauernden Friedenszustand herbeiführen würde, für welchen der treubruchsvolle Charakter derselben keine Aussicht gewährt (V. 5-8). מה אדם ותדעהו, was ist ein Mensch, auch wenn in ihm das reine Menschthum noch ungetrübt wäre, ותדעהו, daß du auf ihn für die Erreichung deiner Zwecke dein besonderes Augenmerk gerichtet hättest (Vgl. 1. B. M. 18, 19. 2. B. M. 33, 12), und nun gar בן אנוש, ein der gesunkenen, erst des eigenen Emporarbeitens bedürftigen Menschheit Angehöriger, ותחשבהו, daß du ihn für deine Zwecke in Mitberechnung gezogen hättest (Vgl. 3. B. M. 25, 27). אדם להבל וגו'. Das ganze Sein des Menschen ist Schwäche, und schon die unvermeidliche Kürze seines Daseins vereitelt jede Aussicht auf dauernden Erfolg. Dagegen הט שמים וגו', bedarf's ja deinerseits nur eines einmaligen Einschreitens, nur Eines Berührens mit dem Finger deiner Macht, und הרים, die irdischen Größen gehen in Dampf auf, ja auch nur ein Blitz von dir aus der Ferne, und sie stieben auseinander, ein Wurf deiner Pfeile, und sie geben verwirrt ihre Pläne auf. שלח ידיך וגו': nur durch dein Eingreifen und Walten kann ich (— David spricht dies aus der Seele seines Volkes —) für immer von den Völkerströmungen, in deren Mitte ich mich befinde, und von den Mächten des Heidenthums frei werden, אשר פיהם וגו', mit denen sich kein verlässiges Friedensbündniß schließen läßt. Ihr Wort ist eine Täuschung und ihr Handschlag eine Lüge.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9–11. אלק' וגו'. שיר חדש ist immer ein Lied von der einstigen Heileszukunft Israels und der Menschheit auf Erden (Siehe Ps. 33, 3). נבל עשור, das zehnsaitige Instrument ist dem Ideale des allgemeinen Vollkommenheitzieles geweiht (Siehe Ps. 92, 4 und Ps. 33, 2). Zu jener Heileszukunft und diesem Ideale gehört ja die Entthronung des Schwertes, das וכתתו חרבותם לאתים וגו' (Jes. 2, 4), und ein verjüngtes Vorbild dieser idealen Zukunft sollte doch mit Israel in die Wirklichkeit treten (Siehe Pent. 3. B. M. 26, 6). Jenes Zukunftlied möchte ich in der Wirklichkeit meiner Gegenwart dir singen, es würde lauten: הנותן וגו', der, der überall siegenden Königen den Sieg verleiht, gewährt David als seinem Diener das noch Höhere: „er macht ihn frei vom bösen Schwert," er enthebt ihn der Nothwendigkeit, das Schwert, dieses Uebel in den Völkergestaltungen, zu handhaben. Darum leiste ich Verzicht auf blutbefleckten Kriegslorbeer, und bitte: פצני וגו'. Ohne dieses dein Eingreifen müßte selbst „dein Diener," und eben auch er zur Vertheidigung deines Volkes bei der Eidesbrüchigkeit seiner Nachbarn immer zum Schwert bereit sein und die Künste des Krieges üben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. אשר וגו'. אשר: so daß (Vgl. 5. B. M. 6, 3). V. 12–14 schildert den Glückszustand, wie er dann, von Kriegsunruhen ungestört, unter Gottes Schutz und Leitung im Segen der Familien, des Landbau's und Viehstandes und des socialen Lebens in die Erscheinung tritt. Unsere Söhne sind נטיעים: gepflanzte, nicht wild, ohne Wartung und Zucht aufwachsende Pflanzen. מגדלים בנעוריהם: sie sind schon in ihrer Jugend an Geist und Körper männlich herangebildet. בנותינו וגו', זויות: Winkel, nicht dem ersten Anblick sich darbietende, bescheiden zurücktretende Theile des Gebäudes. Die Wurzel זוה scheint verwandt mit סוה, wovon מסוה, Schleier, Verhüllung (2. B. M. 34, 34). חטב: hauen, auch behauen, aushauen vom Bildhauer. So חטבות אטון מצרים (Prov. 7, 16). Unsere Töchter sind wie bescheiden zurückstehende Theile eines Gebäudes, die, obgleich sie nicht für das beschauende Auge bestimmt sind, doch mit aller bildenden Kunst und Sorgfalt, wie dem Auge imponirende, das Auge fesselnde Paläste ausgearbeitet sind, von deren sorgfältig gepflegten Bildung der Beschauer um so mehr überrascht und angezogen wird, als er sie da findet, wo er sie nicht erwartet. So sind unsere Töchter nicht für die Oeffentlichkeit und das öffentliche Leben, vielmehr für das zurückgezogene häusliche Stilleben bestimmt und erzogen, und haben doch in demselben und für dasselbe eine nicht minder sorgfältig gepflegte körperliche und geistige Bildung. In diesen Sinne hat mir mein Großonkel, ר' ליב פ"פ נ"ע, der Verfasser des הרכסים לבקעה, dies בנותינו וגו' erklärt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. מזוינו וגו' ist auch von זוה, und zwar, wie es scheint, aktive Form, daher wohl: bergende Räume, Vorrathskammern. מפיקים, siehe Ps. 140, 9. זן, entweder von זון, wovon מזון, Nahrung, Speise, oder wie das chald. זן, gleichbedeutend mit dem hebr. מין, למינו: לזנוהי, Art, so auch בשמים וזנים (Chron. II. 16, 14). בחוצותינו, wie ישולח מים על פני חוצות (Hiob 5, 10), nicht die Plätze außerhalb der Häuser: Gassen, sondern die Plätze außerhalb der Städte: das freie Feld. Vielleicht liegt auch in diesem Ausdruck: Sie brauchen keine גדרית, keine schützenden Hürden. Sie gedeihen im Freien, haben nicht Raub durch Menschen und Thiere zu fürchten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. אלופינו וגו'. Siehe Pent. 1. B. M. S. 394. Unsere Großen absorbiren nicht die Kraft des Volkes, sie tragen die höchsten Staatslasten. Indem somit unsere höchsten Schichten mit größter Pflichtleistung vorangehen, so hat dies die Folge, daß אין פרץ וגו'. פרץ: Durchbruch der Schranken von Recht und Sitte. יוצאת ist weiblich, eine sittlich Ausgeartete. Aehnlich wie das chald. נפקת ברא für זונה. Vielleicht ist dies auch יוצאת לחוץ. Kelim 24, 16. Siehe ראש das. פרץ bezeichnet die Ausartung der männlichen, יוצאת, die der weiblichen Klasse der Bevölkerung. ואין צוחה: kein Geschrei über Gewalt oder Unglück.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. אשרי וגו', שד' אלדיו, das sich mit seinem Geschicke und Thatenleben der Lenkung und Leitung Gottes, ד', unterstellt.