Tehillim 140 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 140, V. 1. למנצח וגו'. Durch das V. 4. 6. 9. wiederholte סלה schreitet der Psalm in vier Abtheilungen fort. V. 2—4 schildert Menschen von schlechtem Charakter im Allgemeinen, und bittet um Schutz vor deren gegen ihn gerichteten Thätlichkeiten. V. 7—9 drückt die Gesinnungen und Ueberzeugungen aus, mit welchen er sich solchen gegnerischen Feindseligkeiten gegenüber rüstet, und aus welchen er seine Zuversicht schöpft. V. 10—14 spricht den Untergang aus, den solche Menschen nach der göttlichen Weltordnung sich selber bereiten, und wie nur ein Leben in Gerechtigkeit und Geradheit auf eine Zukunft vor Gott zu rechnen hat.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2—4. חלצני וגו'. Halte mich frei und mache mich frei von jedem Einfluß, den schlechte Menschen im socialen Zusammenleben auf mein Geschick und meinen Charakter haben könnten. חמסים, חמס (siehe Pent. 1. B. M. 6, 11) ist besonders eine solche Rechtswidrigkeit, die sich der menschlichen Gerichtsbarkeit zu entziehen weiß, die daher das ganze menschengesellschaftliche Leben zu durchdringen und zu untergraben fähig ist. Daher auch hier im Plural. איש חמסים ist ein Mensch, dessen ganze Handlungsweise größtentheils den Charakter der Unrechtfertigkeit trägt. תנצרני', נצר (siehe Pent. 5. B. M.32,10) ist überwiegend ein Schützen vor innerer Verderbniß, und dürfte daher hier die Bitte ausgesprochen sein, Gott möge ihn davor schützen, daß er nicht durch das Beispiel eines איש חמסים, und durch die verderbliche Meinung חמס nur mit חמס begegnen zu können und daher auch zu dürfen, durch die verderbliche Meinung, in einer Welt voller חמס sei für Rechtschaffenheit keine Stätte, dazu komme, die Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit seines Charakters einzubüßen.
יגורו' wie Ps. 56, 7. intransj. sich zusammen rotten, daher מלחמות nicht Objekt, sondern Zweck, sie halten zusammen und verbinden sich, um gegen die auf Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit sich erbauende Welt Krieg zu führen. Vielleicht ist es auch aktiv, sie schüren Krieg zusammen, wie יגרהו בחרמו (Habak. 1, 15), wenn dieses nicht vielmehr von גרר ist. שננו, treffend bezeichnen wir Unrechtschaffenheit mit Unredlichkeit. Der Mißbrauch des Wortes, der menschlichen Rede ist das erste und wirksamste Werkzeug zu allem Schlechten. Verderbliche Gewandtheit in Mißbrauch der Rede tritt daher in dieser Charakterschilderung besonders hervor, und wird auch V. 12 der איש חמס zunächst als איש לשון bezeichnet. עכשוב kommt nicht wieder vor. Aus dem Zusammenhang versteht man eine Schlangenart darunter. Vergleicht man die Thiernamen עטלף, עכביש, עקרב, die alle aus טלף, כבש, קרב mit vorgesetztem ע' gebildet scheinen, und zwar עטלף von טלף, טלפים, chald. die Klaue, ein Thier, dessen charakteristisches Merkmal in der Fußbildung besteht (Fledermaus) ; עכביש von כבש, bezwingen, die Spinne nach ihrer charakteristischen Fang-Kunst, עקרב von קרב, Kampf, der immer zum Kampf gerüstete Skorpion (auch im Skorpion scheint die Stammwurzel krb zu sein): so dürfte auch עכשוב von כשב mit vorgesetztem ע' gebildet erscheinen. כשב, verwandt mit ישב', ruhen, קשב, aufmerken, כוב, täuschen. Somit vielleicht עכשוב, das mit lauernder Ruhe täuschende Thier, eine sehr sprechende Bezeichnung für die gefährlichste Schlangenlist. (Vgl. auch כשף und נחש). Vielleicht ist auch עכבר, die Maus, von כבר mit vorgesetztem ע'. כבר (verwandt mit קבר), wovon כבר: schon, und כברה: Sieb, ist Ausdruck für zeitliches und räumliches Beseitigen. (So auch קבר, Begraben). Daher כבר: schon, das Zurückliegende, der Gegenwart Entrückte, כבר: sieben, das Entfernen des Ungeeigneten. עכבר: ein dem Auge entschlüpfendes, sich verbergendes Thier: die Maus. Vielleicht ist כביר und מכבר (Sam. I. 19, 13. Kön. II. 8, 15), in gleicher Weise ein völlig zudeckendes Kissen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. 6. שמרני וגו'. Allein nicht nur wie jeder Rechtschaffene hatte David von dem Zusammenleben mit schlechten Menschen im Allgemeinen zu fürchten. Er war eine besondere Zielscheibe ihrer Feindseligkeiten, und ruft Gottes besondern Schutz gegen sie an. מידי רשע, ihre Thätlichkeiten sind gegen ihn gerichtet. חשבו לדחות פעמי', sie sannen darauf ihn zum sittlichen Falle zu bringen. טמנו וגו'. פח und חבלים gehört zusammen. פח von פחח, verwandt mit פה, Mund, von פהה, ist eine sich öffnende und schließende Höhlung. Sie scheint harmlos geöffnet, und schließt sich, sobald Einer arglos oder verlockt hineingerathen: Falle. Solche Verhältnisse טמנו, suchen sie mir listig zu bereiten, suchen mich hineinzulocken, daß ich, wenn ich arglos hineingerathen, mich darin gefangen finden möge, und haben sie schon חבלים bereit, mich dann durch solche Verbindlichkeiten zu fesseln, daß ich meine freie Selbstbestimmung einbüße und ihnen zu Willen leben müsse. Das ist ihr hochmüthigster Plan, den sie in ihrem Hochmuth ersonnen und ausführen zu können vermeinen. טמני גאים u. s. w. פרשו רשת וגו'. מעגל, eigentlich Kreis, ist der nach Grundsätzen abgemessene, gewissenhaft erwogene Pfad. So מעגל צדיק תפלס (Jes. 26, 7). פלס מעגל רגליך (Prov. 4, 26). Ihm zur Seite bereiten sie mir ganz offen Netze, deren Nähe ich nicht vermeiden kann, eben weil mein Pflichtpfad dahin reicht, denen daher zu entgehen, meine ganze Behutsamkeit und Selbstbeherrschung herausfordert. מקשים וגו'. מקש ist der gewöhnliche Ausdruck für Veranstaltungen jeder Art zum Verderben des Andern. Alle die Versuche, ihn zum sittlichen Falle zu bringen, haben nur den Einen Zweck, ihm Verderben zu bereiten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7—9. אמרתי וגו'. Ich aber habe allen diesen feindlichen Versuchen gegenüber nur den Gelobungsvorsatz: Gott bleibt mein Gott! und Ihm wage ich mein Inneres offen zu legen. ד', א', darin wurzelt die durch Nichts zu besiegende Macht, die mir immer ישועה' gewährt, die mich zu immer erneutem frischen Dasein führt. Das ist ja im eigentlichen Sinne ישועה'. ישועה' ist die Wirkung der durch den שם ד' ausgedrückten Weise der göttlichen Waltung, der zur Gewährung neuen Seins ewig bereiten göttlichen Liebe. Es ist das Bewußtsein, das sich in dem als אלק' gesprochenen Namen ד' ausspricht, das Bewußtsein, daß auch der ernstesten, Leiden verhängenden אלק'ים-Waltung nichts als die unveränderte Liebe Gottes zu Grunde liegt, und daß dieser, auch in prüfungsvollstem Ernst seine Liebe übende Gott „mein Herr“ ist, ich ihn „meinen Herrn“ nennen darf, dessen Dienst ich mit jeder Faser meines Wesens angehöre. Mit diesem mich gelehrten Bewußtsein hast Du meinem Haupte Schutz gewährt in jeder Lage, die sonst die Menschen zu נשק, zu Kampfesrüstung auffordert. Wenn Andere sich nach äußern Mitteln umsehen, sich für die Kämpfe, die sie zu bestehen haben, zu rüsten, finde ich Schutz und Waffe in meinem Bewußtsein von Gott und meinen Beziehungen zu Ihm. אל תתן וגו'. Dies Bewußtsein sagt mir, ich dürfe den Wunsch aussprechen, du mögest Das, was der Gesetzlose auf dem Wege der Gesetzlosigkeit zu erlangen strebt, ihm nicht ganz gewähren, und, was er zu vollbringen denkt, nicht ganz zur Verwirklichung gelangen lassen, schon aus dem Grunde nicht, weil ירומו', weil er und seine Genossen sonst sich Wunder wie hoch, sich als die wirklichen Beherrscher der Dinge betrachten würden. תפק von פוק. פוק bezeichnet ein die bisherigen, natürlichen, geeigneten, zurückhaltenden Schranken überschreitendes Hinausgehen. So פקו פליליה, sie schritten hinaus zur ungehörigen Selbstentscheidung (Jes. 28, 7). מפיקים מזן אל זן, unsere Vorrathsräume sind so überfüllt, daß sie die für jede Art gesonderten Räume überschreiten und schwer von einander zu halten sind (Ps. 144, 12). יחזקום ולא יפיק', sie befestigen sie, so daß es nicht wieder aus seinem Halt geht (Jerem. 10, 4). So auch פיק ברכים, die Knie verlieren den festen Halt im Gelenke, schlottern (Nahum 2, 11). ותפק לרעב נפשך. Du lässest dein Gemüth durch keine zur Kargheit mahnende Selbstrücksicht zurückhalten (Jes. 58, 10). Daher sehen auch die Weisen in dem Spruche (Prov. 18, 22) מצא אשה מצא טוב ויפק רצון מד' gesagt, daß selbst, wenn ihm bis jetzt, seiner Verirrungen wegen, das göttliche Wohlgefallen vorenthalten geblieben, er mit diesem Schritte das göttliche Wohlgefallen veranlaßt hat, sich aus seinem bisherigen Rückhalt ihm wieder zuzuwenden. So auch hier: זממו אל תפק, seine schlechten Absichten lasse nicht aus den Schranken des bloßen Vorsatzes hinaus zur Verwirklichung gelangen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. ראש וגו'. ראש מסבי ist Objekt von יכסימו und steht voran, um es im Gegensatz zu לראשי des V. 8 hervorzuheben. Mein Haupt schützest Du. Das Haupt meiner Gegner aber, das Unheil, das sie mit ihren Lippen mir und Andern bereiten möchten, wird es ihnen bedecken (oder wird es bedecken, מו als Singular, siehe Ps. 11, 7). Das Unheil, das sie Andern bereiten wollen, wird auf ihr eigenes Haupt kommen. Und zwar nach dem כתיב: יכסומו, sie sind es selbst, die das Unheil auf ihr eigenes Haupt bringen. Das ' im קרי: יכסימו ist schwer zu erklären.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. ימוטו וגו', Glühende Kohlen senken sich auf sie hinab, im Grunde aber nach dem כתיב: ימיטו, sind sie es selbst, die sie auf sich herabbringen. Denn באש יפילם, Subjekt von יפילם ist עמל שפתימו. Das Unheil, das sie Andern bereiten wollen, wird für sie zu einem noch viel größern, zu einem völlig vernichtenden Verderben, gleichsam zu einem Feuer, in das es sie stürzt, zu מהמרות, aus denen sie sich nicht wieder emporarbeiten können. מהמרות kommt nicht wieder vor. Möglich, daß המר in Verwandtschaft mit חמר, Lehm steht, und מהמרות soviel wie בארות חמר (1. B. M. 14, 10) bedeutet. Vielleicht ist es ein aus dem Hifil von מור, המר, gebildetes Substantiv, wie מהתלות aus dem Hifil von חלל, החל (Siehe Pent. 1. B. M. 31, 7), und hieße es dann: Wechselfälle, Geschickeswechsel, ähnlich wie חליפות (Ps. 55, 20).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. איש לשון וגו', siehe V. 4. רע ist durch den Accent mit איש חמס verbunden und von dem Folgenden getrennt. Es kann daher nur Attribut zu איש חמס sein, und Subjekt zu יצודנו ist חמס. דחף, ein eiliges Drängen und Stoßen (Esther 3, 15. 6, 12).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. ידעת וגו', דין עני ist die einzelne Streitsache eines existenzlosen Armen. משפט אבינים, das dem machtlosen, darum sich willenlos fügenden Menschen gebührende menschengesellschaftliche Recht. Die V. 10—12 ausgesprochene Zuversicht in die schließliche Erfolglosigkeit der Bestrebungen der Schlechten und in deren Untergang, den sie sich selber bereiten, wurzelt in der Ueberzeugung, daß Gott die in seiner die Menschen zu ihrem Heile erziehenden Waltung das Recht der existenz- und machtlos der Willkür der Stärkern Preisgegebenen zur endlichen Geltung bringen werde. Das כתיב: ידעת sagte, auf das Vorhergehende sich beziehend: Das weißt Du! Du weißt, wie nach deiner Weltordnung das Vorhaben der Schlechten keine Aussicht auf endliches Gelingen hat und schließlich nur ihnen selbst den Untergang bereitet, darum lässest du es zeitlich ohne Einzugreifen geschehen (Vgl. Ps. 94, 11. 92, 8—10). Dieses ידעת, die Ueberzeugung, daß auch ohne sichtliches Eingreifen, Gottes Auge doch auf jedes Vorgehen der Menschen auf Erden gerichtet ist, und seinem Bewußtsein Nichts entgeht (Vgl. Ps. 10, 14), bildet die stille Voraussetzung des ידעתי u. s. w.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. אך וגו'. Nicht das preisende Wort, die pflichtgetreue gerechte That ist die wahre Gotteshuldigung, und nur die der ihnen von Gott angewiesenen Bestimmung unentwegt Lebenden finden ein Bleiben vor Gottes Alles überwachendem, Allem fürsorgendem Angesicht.