Tehillim 139 תהילים

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1
לַ֭מְנַצֵּחַ לְדָוִ֣ד מִזְמ֑וֹר יְהֹוָ֥ה חֲ֝קַרְתַּ֗נִי וַתֵּדָֽע׃
BernfeldDem Sangmeister. ein Psalm Davids. Herr, du hast mich erforscht und kennst mich.
ZunzDem Sangmeister. Von Dawid. Ein Psalm. Ewiger, du hast mich erforscht und erkannt.
HirschDem Siegverleiher, von David ein Psalm. Gott, du hast mich ergründet, darum kennst du mich.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 139, V. 1. למנצח וגו'. Eine aufmerksame Prüfung des Inhalts dieses Psalms, läßt V. 2—18 als eine Einleitung zu dem in V. 19—24 Ausgesprochenen begreifen. V. 2—18 ist offenbar die eingehende Entwicklung eines einzigen Gedankens, zu welchem die V. 19 mit אם תקטול וגו' beginnende Aussage zuerst in gar keinem Zusammenhange zu stehen scheint. Allein die V. 23 und 24 enthaltene Bitte: חקרני וגו', mit welcher diese Aussage schließt, und welche offenbar sich dem Gedanken חקרתני וגו', womit der Psalm beginnt, und dessen eingehende Ausführung alles Folgende bis V. 19 bildet, nicht nur anfügt, sondern diesen ganz eigentlich voraussetzt, läßt uns in dieser V. 19—24 enthaltenen Aussage eben den Gedanken erkennen, dessen Ausspruch die eigentliche Tendenz des Psalms bildet und die denselben einleitende Gedankenreihe, V. 2—18 veranlaßt.

David hatte vielen Kampf, viele Anfeindung in seinem Leben zu bestehen gehabt, und wenn nun — wie er noch in seinen דברי דוד האחרונים (Sam. II. 23) zurückblickend andeutet — das Aufblühen des Guten und der Untergang des Schlechten und der Schlechten auf Erden zum wesentlichen Inhalt seiner Gesänge gehört, mit welchen er einen so bedeutenden Theil seiner geistigen Wirksamkeit in seinem Volke zu lösen hatte, so lag es sehr nahe, daß Kurzsichtigkeit und Böswilligkeit diesem seinem Auftreten gegen das in den Schlechten verkörperte Schlechte, lediglich persönliche Motive unterzulegen geneigt sein mochten, damit aber die Wirkung seiner Liedesworte auf's Tiefste gefährdeten. Kein dringenderes Bedürfniß konnte aber eben darum David fühlen, als unter Gottes Herz und Nieren prüfendem Auge die Wahrheit niederzulegen, wie ihn selbst bei seinen herbsten Aeußerungen nie persönliche Motive geleitet, er nicht für die eigene, sondern für Gottes Sache in die Schranken getreten, und sein Gemüth frei von jedem persönlichen Feindschaftsund Rachegefühl geblieben war, wie dies Bekenntniß V. 19—22 zum Ausdruck kam. Selbstverständlich hat aber ein solches Bekenntniß nur Werth, wenn zugleich die Ueberzeugung darliegt, der Bekennende sei von der Wahrheit und Wirklichkeit der Allgegenwart und Allwissenheit Gottes, unter dessen Augen er dies Bekenntniß ablegt, und den er zur Prüfung seiner Wahrhaftigkeit aufruft, sowie davon auf's Tiefste und Innigste durchdrungen, daß der Allgegenwärtige und Allwissende auch jedem Gedanken und Worte eines Menschen ein erkennendes Aufmerken zuwende. Ohne eine solche Ueberzeugung könnte auch ein solches Bekenntniß der Verdächtigung leerer Phrase erliegen. Daher, wie wir glauben, geht dem Bekenntniß אם תקטל u. s. w. V. 19 die ganze Gedankenreihe V. 2—18 voran. Die Ueberzeugung von Gottes Allgegenwart, Allwissenheit und von seinem Nahesein jedem menschlichen Gedanken und Worte hat aber wohl kaum ein menschlicher Geist tiefer gedacht, ein menschlich Gemüth inniger empfunden, eine menschliche Zunge tiefsinniger ausgesprochen, als dies in diesen Versen unseres Psalms vorliegt.

ד' חקרתני ותדע. Du kennst die Ursachen meines Seins und die Gründe meines Wollens, daher kennst du mein ganzes Ich aus seinen Ursprüngen.

2
אַתָּ֣ה יָ֭דַעְתָּ שִׁבְתִּ֣י וְקוּמִ֑י בַּ֥נְתָּה לְ֝רֵעִ֗י מֵרָחֽוֹק׃
BernfeldDu kennst mein Sitzen und mein Aufstehen du weißt mein Sinnen seit jeher.
ZunzDu kennst mein Sitzen und mein Aufstehen, achtest auf mein Sinnen von Ferne.
HirschDu kennst mein Sitzen und mein Aufstehen, siehest meinem Gedanken schon entgegen aus der Ferne.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. אתה וגו', שבתי: wo ich unthätig bin, קומי': wo ich zu Handeln mich entschließe. רע' von רעה, wovon רעיון לבו (Pred. 2, 22). רעה, ursprünglich Das suchen oder gewähren, was sich zur ergänzenden Aufnahme und Aneignung für das leibliche Wesen eignet, daher Nahrung suchen, Weiden und Nahrung gewähren von der Weide. Sodann derselbe Begriff für die Ergänzung des menschengesellschaftlichen Daseins, רע: der Genosse und Freund (Siehe Pent. 3. B. M. 19, 18). So heißt nun auch רע diejenige Vorstellung, die wir als Ergänzung unseres geistigen Wesens für die Aufnahme und Aneignung in den Kreis unseres Denkens geeignet erachten, die unsere geistige Nahrung bildet, mit der wir uns befreunden. (So bezeichnet auch ידע' Erkennen, Wissen und zugleich die innigste körperliche Aneignung). בין (siehe Ps. 136, 5), das folgernde Erkennen. מרחוק, aus der Ferne, noch bevor ein Gedanke sich in mir wirklich gestaltet hat, siehst du ihm schon aus der Kenntniß meines ganzen Wesens und des Zusammenwirkens aller meiner Eigenthümlichkeiten folgernd entgegen.

3
אׇרְחִ֣י וְרִבְעִ֣י זֵרִ֑יתָ וְֽכׇל־דְּרָכַ֥י הִסְכַּֽנְתָּה׃
BernfeldMein Gehen und mein Liegen sichtest du, mit all meinen Wegen bist du vertraut.
ZunzMein Gehen und mein Liegen sichtest du, mit all meinen Wegen bist du vertraut.
HirschMein menschengesellschaftlich Wandeln und mein sinnlich Ruhen hast du auseinander gesichtet und allen meinen Wegen hast Du fürgesorgt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. ארחי וגו'. ארח, vorzugsweise der Weg, der den Menschen zum Menschen führt (Siehe Pent.1.B.M.S.553). רבע chald.: wie hebr.: רבץ, das Ruhen des Thieres (vielleicht verwandt mit ארבע, הולך על ארבע). Vgl. רבע ישראל (Pent. 4. B. M. 23, 10). זרית kann nicht mit זר, dem abgränzenden Reif zusammenhängen. זר, das mit Suff. זרו heißt, ist von זור (Siehe Pent. 2. B. M. 25, 11). זרית ist vielmehr Piel von זרה, wie וזריתי אותם בארצות (Ezech. 12, 15). זרה heißt aber wie in der angeführten Stelle und sonst: zerstreuen, auseinanderlegen, wie חנם מזורה הרשת (Prov. 1, 17), und auch: sichten, אשר זורה ברחת ובמזרה (Jes. 30, 24). ארחי ורבעי bezeichnen die beiden im Menschenwesen vereinigten Elemente: das sittlich Menschliche, und das leiblich Thierische. Diese beiden im Menschen vereinigten Gegensätze bekämpfen sich nicht einander, sondern Gott hat sie so durch Scheidung gesichtet, daß sie nicht in einander störend übergreifen, und der Mensch, ungeachtet der thierähnlichen Gebundenheit seiner sinnlichen Leiblichkeit, in geistiger und sittlicher Freiheit seine Menschenaufgabe lösen kann, und allen seinen Wegen, d. i. allem seinem Vollbringen zum Erreichen der durch diese beiden Elemente bedingten leiblichen und geistig sittlichen Ziele hat Gott fürgesorgt, hat ihn dafür mit Mitteln und Einsicht versehen. הסכנתה (siehe Pent. 4. B. M. 22, 30).

4
כִּ֤י אֵ֣ין מִ֭לָּה בִּלְשׁוֹנִ֑י הֵ֥ן יְ֝הֹוָ֗ה יָדַ֥עְתָּ כֻלָּֽהּ׃
BernfeldDenn kein Wort ist auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht wüsstest
ZunzDenn kein Wort ist auf meiner Zunge, siehe, Ewiger, du weißt es ganz.
HirschDenn noch ist kein Wort auf meiner Zunge, siehe, Gott, du weißt es schon ganz.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. כי אין וגו'. מלה von מלל, eigentlich abrupfen (siehe Pent. 1. B. M. 21, 7), bezeichnet jedes einzelne Wort, auch ein solches, das für sich allein noch keinen Gedanken ausdrückt.

5
אָח֣וֹר וָקֶ֣דֶם צַרְתָּ֑נִי וַתָּ֖שֶׁת עָלַ֣י כַּפֶּֽכָה׃
Bernfeld[Von allen Seiten] hinten und vorn hast du mich eingeschlossen und auf mich deine Hand gelegt.
ZunzRückwärts und vorwärts engst du mich ein, und legst auf mich deine Hand.
HirschIn Vergangenheit und Zukunft hast du mich eingegränzt, und hast auf mich deine Hand gelegt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. אחור וגו'. V. 1—4 sind zunächst dem Ausdruck der Allwissenheit Gottes geweiht. Mit V. 5 wird zur Allgegenwart Gottes übergeleitet. Der in ihm sich aussprechende Gedanke steht zu Beidem in tiefsinniger Beziehung. אחור, das räumlich Zurückliegende, heißt auch das zeitlich Zurückliegende, die Vergangenheit. So Jesaias (41, 23) הגידו האתיות לאחור. Zuvor heißt es: הבאות השמיענו, verkündet uns die kommenden Ereignisse, darauf dann הגידו וגו', oder: sagt uns die eingetretenen rückwärts, d. h. erklärt uns die eingetretenen Ereignisse aus ihren in der Vergangenheit liegenden Ursachen. Ebenso (das. 42, 23). יקשיב וישמע לאחור: er merke auf und verstehe es in seinem Zusammenhange mit der Vergangenheit. קדם wäre dann das noch Bevorstehende, die Zukunft. Vielleicht auch ist קדם, wie sonst häufig, die Vergangenheit, und wäre dann אחור, nicht das Rückwärtsliegende, sondern: das „Nach"folgende, die Zukunft. צור, einengen, daher ja: belagern. Zwischen Vergangenheit und Zukunft hast du mich eingegränzt. In jedem Augenblick ist für mich eine Vergangenheit zurückgelegt und trete ich eine neue Zukunft an, und nur das zwischen einem gegangenen und einem kommenden Augenblick liegende, verschwindende Sekundentheilchen ist mein, ist die Gegenwart, die kaum für mich hinreicht zu sagen: ich bin! So wäre ich haltlos, ein stetes „Vergehen und Werden," käme nie zum „Sein," wenn Du nicht deine „fassende, haltende Hand" auf mich legtest! Dir verdanke ich, daß ich „bin!". Daher bin ich immer und überall bei dir, daher bist du überall und immer bei mir, — „bin" immer und überall nur durch dich, — und wie mich und mir, so jegliches und jeglichem deiner Geschöpfe: schon dies ein Tiefgrund deiner Allwissenheit und Allgegenwart!

6
(פלאיה) [פְּלִ֣יאָֽה] דַ֣עַת מִמֶּ֑נִּי נִ֝שְׂגְּבָ֗ה לֹא־א֥וּכַֽל לָֽהּ׃
BernfeldZu wunderbar ist mir solch Wissen, erhaben, ich erreiche es nicht.
ZunzVerborgen ist mir solch Wissen, erhaben, ich erreiche es nicht.
HirschWunderbar ist die Erkenntniß mir, zu hoch, nicht fähig bin ich ihrer.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. פליאה וגו'. Ich weiß, daß es so ist, aber diesen Gedanken auszudenken, übersteigt meine menschliche Kraft. Vgl. לא נפלאת היא ממך (5. B. M. 30, 11). כתיב ist: פלאיה. Es wäre dies femin. von פלאי (Richter 13, 18). פליאה ist einfaches Adjektivum wie נקיה, von נקי, נדיבה von נדיב, so פליאה von פליא und sagt nur: diese Erkenntniß ist ihm zu wunderbar, unerfaßbar wie ein Wunder. פלאי mit dem י des Charakters, wie עברי, תחתי, ערירי, אכזרי, spräche aber diese Unerfaßbarkeit als Charakter dieser Erkenntniß aus, sie übersteigt nicht nur seine, sondern überhaupt das menschliche Fassungsvermögen, und bescheiden deutet er dies nur an.

7
אָ֭נָֽה אֵלֵ֣ךְ מֵרוּחֶ֑ךָ וְ֝אָ֗נָה מִפָּנֶ֥יךָ אֶבְרָֽח׃
BernfeldWohin soll ich gehen vor deinem Geiste und wohin vor deinem Antlitz fliehen?
ZunzWohin soll ich gehen vor deinem Geiste, und wohin entfliehen vor deinem Antlitz
HirschWo könnte ich hingehen vor deinem Geiste, wohin vor deinem Angesichte fliehen!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. אנה אלך וגו', wohin könnte ich vor deinem „Geiste" gehen, daß dein Geist mich nicht anrege, mich nicht bewege, mich nicht erfülle, mich nicht in meinem eigenen Innern vor deinen Richterstuhl lade? Wohin könnte ich vor deinem „Angesichte" fliehen, daß ich dort von dir nicht geschaut, von deiner Waltung nicht erreicht würde?

8
אִם־אֶסַּ֣ק שָׁ֭מַיִם שָׁ֣ם אָ֑תָּה וְאַצִּ֖יעָה שְּׁא֣וֹל הִנֶּֽךָּ׃
BernfeldWenn ich in den Himmel stiege, dort bist du, und machte ich die Unterwelt zum Lager, da bist du auch.
ZunzWenn ich in den Himmel steige, dort bist du, und mach' ich die Unterwelt zum Lager, bist du da.
HirschErstiege ich den Himmel, dort bist du, und bettete ich mir die Grabestiefe, siehe du bist da.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. אם אסק וגו', נסק, chald. in die Höhesteigen, אמר להנסקה מן גבא, והסק דניאל מן גבא (Daniel 6, 24), kommt hebr. nur hier vor. אציעה, יצע, wovon יצוע, das Bette, Lager (1. B. M. 49, 4). Beim Himmel heißt es: שם אתה, es überrascht nicht Gott dort zu finden. Seine Gegenwart denken wir doch vorzugsweise im Himmel. Bei שאול heißt es aber הנך, und in הן, הנה, liegt der Ausdruck des Unerwarteten.

9
אֶשָּׂ֥א כַנְפֵי־שָׁ֑חַר אֶ֝שְׁכְּנָ֗ה בְּאַחֲרִ֥ית יָֽם׃
BernfeldErhöbe ich mich auf des Morgenrotes Flügeln und ruhte im Äußersten des Meeres,
ZunzSchwänge ich des Morgenrothes Flügel, ruhete im Aeußersten des Meeres;
HirschErhübe ich des Morgens Flügel, ruhete im äußersten West:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. אשא וגו'. Der im Osten aufgehende Morgenstrahl macht seine Tageswanderung bis zum äußersten Westen. Hätte ich nun seine Flügel und flöge mit ihm von Ost nach West.

10
גַּם־שָׁ֭ם יָדְךָ֣ תַנְחֵ֑נִי וְֽתֹאחֲזֵ֥נִי יְמִינֶֽךָ׃
BernfeldAuch dort würde deine Hand mich leiten, deine Rechte mich fassen.
ZunzAuch dort würde deine Hand mich führen, und mich fassen deine Rechte.
Hirschauch dort leitete deine Linke mich und hielte mich deine Rechte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. גם שם וגו'. Gott weist dem Menschen mit der „Linken" den Weg, den er gehen soll. „Leitend" übt er nicht seine ganze Macht. Die freie Willenskraft des Menschen muß hinzukommen. Aber seine „Rechte" hält ihn fest und aufrecht.

11
וָ֭אֹמַר אַךְ־חֹ֣שֶׁךְ יְשׁוּפֵ֑נִי וְ֝לַ֗יְלָה א֣וֹר בַּעֲדֵֽנִי׃
BernfeldUnd glaubte ich, die Finsternis werde mich gewiss aufnehmen, so würde die Nacht licht um mich.
ZunzUnd spräche ich: ja die Finsterniß wird mich umfahen, so wird die Nacht licht um mich.
HirschSpräche ich nun: Dunkel wird mich doch entrücken, so würde Nacht Licht um mich.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11. 12. ואמר וגו', חשך, vielleicht im Gegensatz zu der V. 9. 10. angenommenen Lichtbahn. שוף, rabb. von der Stelle rücken, intrans. hier trans. Finsterniß wird mich deinem Blick entrücken.

12
גַּם־חֹשֶׁךְ֮ לֹא־יַחְשִׁ֢יךְ מִ֫מֶּ֥ךָּ וְ֭לַיְלָה כַּיּ֣וֹם יָאִ֑יר כַּ֝חֲשֵׁיכָ֗ה כָּאוֹרָֽה׃
BernfeldSelbst die Finsternis verbirgt nichts vor dir, die Nacht leuchtet wie der Tag, das Dunkel gleicht der Helle.
ZunzSelbst die Finsterniß verfinstert nicht vor dir, und Nacht leuchtet wie der Tag, das Dunkel gleich der Helle.
HirschAuch Dunkel verdunkelt dir nichts, Nacht leuchtet wie Tag, Finsterniß, Licht, sind gleich.
13
כִּֽי־אַ֭תָּה קָנִ֣יתָ כִלְיֹתָ֑י תְּ֝סֻכֵּ֗נִי בְּבֶ֣טֶן אִמִּֽי׃
BernfeldDenn du hast meine Nieren gebildet, wobst mich in dem Schoße meiner Mutter.
ZunzDenn du hast dir geeignet meine Nieren, hast mich überwölbt in dem Schoße meiner Mutter.
HirschDenn du hast meine Nieren dir zu eigen gemacht als du mich decktest in meiner Mutter Schooß.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 13. כי אתה וגו' spricht eine Ursache zu allem Vorangehenden aus. Ich kann dir nicht entrinnen, weil deine Beziehung zu mir keine blos äußerlich räumliche, vielmehr eine tiefinnerliche, mein Wesen von seinem Ursprunge her fassende und haltende ist.

Vgl. קנה שמים וארץ קנית (Pent. 1. B. M. 14, 19). כליותי, das Organ der niedern, schon durch den Anfang eines jeden Lebens bedingten Triebe (Siehe Ps. 73, 21). תסכני entweder schützen, wie (באברתו יסך לך Ps. 91, 4), oder verhüllen, als du mich noch im Mutterschooße verborgen sein ließest. Vielleicht auch wie ובעצמות וגדים תשככני (Hiob 10, 11), wo es die Bildung des festen, und daher schützenden Knochenund Sehnen-Gerüstes bedeutet, ähnlich wie שוכה und שוך Ast heißt (Richter 9, 48. 49).

14
אוֹדְךָ֗ עַ֤ל כִּ֥י נוֹרָא֗וֹת נִ֫פְלֵ֥יתִי נִפְלָאִ֥ים מַעֲשֶׂ֑יךָ וְ֝נַפְשִׁ֗י יֹדַ֥עַת מְאֹֽד׃
BernfeldIch preise dich, dass mir Wunder erwiesen wurden: wunderbar sind deine Werke, und ich erkenne es wohl an.
ZunzIch preise dich, daß ich so wundervoll ausgezeichnet bin; wunderbar sind deine Werke, und meine Seele erkennt es wohl.
HirschDir huldige ich darob, daß ich in so überwältigend wundervoller Weise geworden bin. Wundervoll sind deine Werke, und meine Seele ist sich Des sehr bewußt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 14. אודך וגו', ich huldige dir als meinem ewigen Eigener, Meister und Herrn, weil ich nicht Himmel und Erde anzuschauen brauche, um die Spur deiner überwältigenden Wunder-Größe und Macht zu schauen. Ich brauche nur mich selber anzublicken, brauche nur mein Werden und Sein zu denken, um von dem Bewußtsein deiner Wundergröße überwältigt zu werden. נוראות, vgl. Ps. 45, 6. מעשיך vielleicht: alle deine Werke, nicht nur ich. Wahrscheinlich aber: alle die einzelnen Bildungen, welche mein Körper von dir aufweist. ונפשי יודעת מאוד, dieser wunderbaren Bildung des Leibes wird Nichts so sehr als die in ihm wohnende und sich seiner mit wunderbarer Wirkungsschnelle und Sicherheit bedienende Seele inne. Für jede leiseste wie stärkste Operation ihres Denkens und Wollens findet sie die entsprechenden Organe, Glieder, Nerven und Muskeln mit selbst ihrem Denken und Wollen zuvorkommender Raschheit und Genauigkeit in ausführender Bereitschaft, und ist der Wunder größtes Wunder, daß ihr die Art und Weise, wie diese ihre Meisterschaft über den Leib und seine Organe sich vollzieht, ihr selbst ein ewiges Geheimniß bleibt.

15
לֹֽא־נִכְחַ֥ד עׇצְמִ֗י מִ֫מֶּ֥ךָּ אֲשֶׁר־עֻשֵּׂ֥יתִי בַסֵּ֑תֶר רֻ֝קַּ֗מְתִּי בְּֽתַחְתִּיּ֥וֹת אָֽרֶץ׃
BernfeldNicht verhohlen war mein Gebein vor dir, da ich im Verborgenen gepresst wurde, gewirkt wurde in der Erde Tiefen.
ZunzNicht verhohlen war mein Wesen vor dir, da ich entstand im Verborgenen, gewirkt ward in den Tiefen der Erde.
HirschDir war mein Wesen nicht verhohlen als ich in Verborgenem gestaltet ward, gewebt wurde in der Erdenniedere.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 15. לא נכחד וגו'. עצם, der eigentliche Kern der Mächtigkeit, das Wesen. Als ich noch erst im Werden begriffen war, war dir schon die ganze Eigenartigkeit meines Wesens bekannt. אשר וגו', da ich noch erst im Verborgenen gestaltet wurde, רקמתי, eigentlich: gestickt wurde (מעשה רוקם, Pent. 2. B. M. 26, 36), meine letzte äußere Formbildung erhielt. בתחתיות הארץ, die Stätte, in welcher die allerersten Anfänge eines irdischen Daseins vorgehen, wird hier bildlich: irdischer Untergrund, Erdenniedere genannt. Es ist die unterste Stufe, von der auf ein zu geistiger Höhe bestimmtes Wesen sich emporbildet.

16
גׇּלְמִ֤י ׀ רָ֘א֤וּ עֵינֶ֗יךָ וְעַֽל־סִפְרְךָ֮ כֻּלָּ֢ם יִכָּ֫תֵ֥בוּ יָמִ֥ים יֻצָּ֑רוּ (ולא) [וְל֖וֹ] אֶחָ֣ד בָּהֶֽם׃
BernfeldMeine Körperteile sahen deine Augen, und in dein Buch wurden sie alle verzeichnet, auch die künftig gebildet werden, von denen noch kein Einziger da ist.
ZunzMeine Masse sahen deine Augen, und in dein Buch wurden sie alle verzeichnet, die künftig gebildet werden, und unter denen kein Einziger da ist.
HirschMein noch formloses Wesen sahen schon deine Augen; in dein Buch werden sie ja alle verzeichnet! Tage sind da vorgebildet, und ihm ward auch Einer unter ihnen bestimmt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 16. גלמי וגו'. גלם, ein noch formloser Körper (damit verwandt im geistigen Sinn כלם, siehe Ps. 35, 4). Als ich noch ein formloser Körper war, waren schon deine Augen auf mich gerichtet. ועל ספרך וגו'. Wie Alles, was ist und Alles, was wird, durch Gottes „Wort“ geschieht, so werden alle Schöpfungen und Waltungen Gottes zusammen als Ein einheitliches, Einen Plan verfolgendes „Buch“ begriffen, das schon in Vorhinein geschrieben ist, und nach welchem die einzelnen Schöpfungen und Waltungen nach und nach in die Wirklichkeit der Erscheinung treten (Siehe Pent. 2. B. M. 3[?], 32). כלם, nicht nur mein גלם, alle noch ungeformte גלמים sind, oder werden bei ihrem Entstehen in Gottes Weltwaltungsbuch verzeichnet. (Der daf. von unserer Stelle gegebenen Uebersetzung, nach welcher ימים das Subjekt von יכתבו wäre, widerspricht der עולה ויורדAccent auf יכתבו.) ימים יצרו, Tage waren da, in deinem Buche, vorgebildet, und auch ihm, meinem noch formlosen Wesen, ward Einer dieser Tage bestimmt. Entweder der Tag, an welchem es durch die Geburt in's wirkliche Hiersein hinaustreten sollte, oder es ist hier יום (und dann auf das vorangehende ימים), nicht als einzelner Lebenstag, sondern als die ganze Lebenszeit und das Lebensgeschick begriffen (Vgl. יום קשה Hiob 30, 25), על יומו נשמו אחרונים (daf. 18, 20), חדש ימינו כקדם (Klagel. 5, 21). כתיב ist ולא, und demnach hieße es: Tage, d. h. die einem Menschen beschiedenen Lebenstage waren in deinem Buche bereits vorgebildet, als noch nicht Einer von ihnen wirklich war.

Alles V. 13—16 Gesagte ist zugleich eine nähere Ausführung des Gedankens חקרתני, mit welchem der Psalm begonnen. Gott kennt ihn von dem allerersten Anfang seines Ursprungs her. darum kennt er ihn und seine Gedanken.

17
וְלִ֗י מַה־יָּקְר֣וּ רֵעֶ֣יךָ אֵ֑ל מֶ֥ה עָ֝צְמ֗וּ רָאשֵׁיהֶֽם׃
BernfeldUnd wie schwer sind mir deine Gedanken! Gott, wie mächtig ihre Zahl!
ZunzUnd mir wie theuer sind mir deine Gedanken, Gott! wie mächtig ihre Zahl!
HirschUnd mir, wie theuer sind mir deine Gedanken, Gott, wie übermächtig schon ihre Eingänge,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 17. 18. ולי וגו'. רעיך, deine Gedanken, d. h. Gedanken, die dir zugewendet sind, sich mit dir beschäftigen, ähnlich wie יראתך. ראשיהם, ihre Anfänge, wie ראש השנה, vielleicht so auch ראש דברך (Ps. 119, 160). עצמו wie עצמה ממנו (1. B. M. 26, 16). אספרם wie לא ידעתי ספורות (Ps. 71, 15), מספר החלום (Richter 7, 15). הקיצתי wie Ps. 3, 6. Wie wir bereits Eingangs bemerkt, ist das erst V. 19 folgende אם תקטול u. s. w. der eigentliche Gedanke, den über sich vor Gott auszusprechen sich David gedrungen fühlte. Daß dieser Ausspruch ungeheuchelte Wahrheit sei, dafür appellirt er an Gottes Allwissenheit, und begann daher: ד' חקרתני ותדע, ebenso wie er V. 23 mit dem Aufruf schließt: חקרני אל ודע לבבי. Seine Absicht war daher dem Satze ד' חקרתני וגו' unmittelbar das nicht von Gott, sondern von sich sprechende Bekenntniß אם תקטול u. s. w. folgen zu lassen. Allein der Gedanke an Gott, die Gedanken an seine Allwissenheit und Allgegenwart fesselten ihn so sehr, daß er, seinen eigentlichen Gedankenvorsatz ganz vergessend, sich dem Verfolgen dieser Gedanken ganz hingab, und erst jetzt, gleichsam wie aus einem Traume erwachend, zu seinem eigentlichen Gegenstande, d. i. zu Sich zurück kommt. Er sagt daher, wie sind, Gott, die Gedanken über dich mir theuer, wie übermächtig ihre Eingänge, d. h. Gedanken über dich haben für mich einen so Alles überbietenden Reiz, daß ich mich nicht von ihnen trennen kann, und bin ich einmal in sie eingegangen, so bemächtigen sie sich meines ganzen Innern. Ich will sie im Einzelnen verfolgen, allein ich komme damit nicht zu Ende, wie Sandkörner mehren sie sich. Ich bin nun aus meinem unwillkührlichen, träumenden Mich Hingeben an die Gedanken erwacht und — statt von mir zu reden — bin ich noch bei dir!

(Vielleicht ist auch eine andere Auffassung dieser beiden Verse möglich: יקרו, wie ודבר ד' היה יקר בימים ההם, selten (Samuel I. 3, 1), אבנים יקרות, schwer (Kön. I. 5, 31), wie chald. für כבד. רעיך, deine Gedanken, die sich in deinem Schaffen und Walten verwirklichen. עצמו, entweder kraftmächtig wie Oben, oder mächtig an Zahl, wie עצמו לי אלמנותיו מחול ימים (Jerem. 15, 8), ראשיהם wie כי תשא את ראש (2. B. M. 30, 11) ושלם אתו בראשו (3. B. M. 5, 24). Hier von Gedanken: Hauptinhalt, gleichsam Titel, Kategorie. הקיצתי wie אשבעה בהקיץ תמונתך (Ps. 17, 15). Das Erwachen zum jenseitigen Schauen, welchem gegenüber all unsere hieniedige Erkenntniß nur dämmernder Traum ist. Es wäre zu übersetzen: Mir aber wie unerreichbar sind deine Gedanken, Gott, wie mächtig sind schon ihre Hauptbegriffe. Wollte ich sie zählen, mehr als Sand wären sie. Ich werde einst jenseits erwacht sein und bin noch bei Dir! Und der Gedanke wäre: Meine Gedanken kennst du so durch und durch, denn du kennst mich, kennst mich aus den leisesten Anfängen meines Seins. Allein deine Gedanken sind für mich unerreichbar. Auch schon die Hauptbegriffe, unter welchen wir Menschen sie anschauen, wie Barmherzigkeit, Gnade u. s. w., Größe, Macht, Herrlichkeit u. s. w., Schöpfung, Waltung, u. s. w. Allgegenwart, Allwissenheit u. s. w. u. s. w. sind unerschöpflich. Denn ich kenne dich nicht, und wenn ich einst zum jenseitigen Schauen erwacht sein werde, bin ich noch erst bei dir, d. h. werde ich noch erst am Anfange eines hellern Erkennens Deiner Selbst stehen).

Wir ziehen die erste Auffassung vor, weil durch sie eine Ueberleitung zu dem sonst äußerlich ganz unvermittelt dastehenden Folgenden gegeben ist.

18
אֶ֭סְפְּרֵם מֵח֣וֹל יִרְבּ֑וּן הֱ֝קִיצֹ֗תִי וְעוֹדִ֥י עִמָּֽךְ׃
BernfeldWollte ich sie zählen, sie sind ja zahlreicher als Sand. Ich erwache und noch bin ich bei dir.
ZunzWollt' ich sie zählen, sie wären zahlreicher denn Sand. Ich erwache und noch bin ich bei dir.
Hirschich will sie zählen, mehr als Sand mehren sie sich, ich bin erwacht, und bin noch bei dir!
19
אִם־תִּקְטֹ֖ל אֱל֥וֹהַּ ׀ רָשָׁ֑ע וְאַנְשֵׁ֥י דָ֝מִ֗ים ס֣וּרוּ מֶֽנִּי׃
BernfeldWenn du doch, o Gott, den Frevler töten wolltest, dann werdet ihr Blutmänner von mir weichen.
ZunzMöchtest du tödten, o Gott, den Frevler, und ihr, Blutmänner, weichet von mir.
HirschWenn, Gott, du den Gesetzlosen tödten mögest — und, blutschuldige Männer, weichet von mir! —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 19. אם תקטול וגו' (Siehe zu V. 1). Wenn ich in meinen Gesängen selbst das Härteste ausgesprochen habe, daß du den Gesetzverächter tödten mögest, tödten werdest; oder selbst wenn ich mit Mordgedanken sich tragenden Menschen zugerufen: weichet von mir!

20
אֲשֶׁ֣ר יֹ֭מְרוּךָ לִמְזִמָּ֑ה נָשׂ֖וּא לַשָּׁ֣וְא עָרֶֽיךָ׃
BernfeldDie dich zur Falschheit aussprechen, bei dir falsch schwören, sind deine Feinde.
ZunzDie dich aussprechen zu Schändlichkeit, dich genannt zur Lüge, deine Feinde sind.
Hirschdie, zum Nichtigkeits-Eide ausgesprochen, dich einem Bubenplane zusagen, sie, die deine Gegner sind:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 20. אשר וגו'. ערך kommt Sam. I. 28, 16 in der Bedeutung: dein Feind, vor. Nach der Maßora wäre auch והשמדתי עריך (Micha 5, 13) in diesem Sinne. Vielleicht ist ער von ערר, der Wurzel von ערירי (Siehe Pent. 3. B. M. 20, 21), und bezeichnet eine Gegnerschaft, die vor Allem auf das Gedeihen, auf die Zukunft des Andern gerichtet ist, ihn ערירי, ihn zukunftlos machen will. Vielleicht ist auch das ערו ערו (Ps. 137, 7.) Imperativ Kal von ערר. Von Menschen gegen Gott wären ערי ד' die Entgegengesetzten von מברכי ד', Menschen, die dem Werke Gottes, seinem Reiche auf Erden feind sind und seinem Können entgegen wirken wollen. ימרוך' wie ולעמשא תמרו (Sam. II. 19, 14), soviel als אמרוך'. נשוא partic. pass. von נשא, wie לא תשא וגו' לשוא (2. B. M. 20, 7), עריך ist Subjekt zu ימרו', נשוא לשוא ist Attribut zu ך: Sie, die in demselben Augenblick, in welchem sie deine Gegner sind, dich, zum Nichtigkeitseide ausgesprochen, ihrem Verbrecherplan zusagen. Sie schwören bei Gott in dem Augenblick, in welchem sie in Gegnerschaft gegen Gottes Willen ein Bubenstück auszuführen im Begriffe sind, ja, sie benutzen den Eid bei Gott zur Ausführung eines gegen das von Gott auf Erden gewollte Gute gerichteten Bubenplans.

21
הֲלֽוֹא־מְשַׂנְאֶ֖יךָ יְהֹוָ֥ה ׀ אֶשְׂנָ֑א וּ֝בִתְקוֹמְמֶ֗יךָ אֶתְקוֹטָֽט׃
BernfeldDeine Hasser, Herr, hasse ich gewiss, und mit deinen Widersachern hadere ich.
ZunzSollte ich deine Hasser, Ewiger, nicht hassen, und nicht mit deinen Widersachern hadern?
Hirschso sind es doch nur deine Hasser, die ich hasse, und mit den Auflehnungen gegen dich gehe ich ein in Streit,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 21. הלוא משנאיך וגו'. So habe ich dies doch nicht aus persönlicher Feindschaft ausgesprochen, als deine Hasser, ja, wie ja vielleicht das Wort heißt (siehe Pent. 4. B. M. 10, 35), als die Verbreiter deines Hasses, die Haß gegen dich in die Brust der Menschen säen wollen, nur als solche traf und trifft sie mein Haß. ובתקוממיך וגו'. Man hätte במקוממיך wie Ps. 17, 7. erwarten sollen. Allein mit großer Bedeutsamkeit ist das ה' ausgelassen, und ist es nun soviel als ובהתקוממיך, so ובכשלו אל יגל לבך für ובהכשלו (Prov. 24, 17), לראות für להראות (5. B. M. 31, 11) u. s. Es kommt aber auch der מקיר im Plural vor, so: בבנותיך גבך וגו' (Ezech. 16, 31), בהזרותיכם בארצות (daf. 6, 8). Nicht also gegen die Menschen, die sich wider dich auflehnen, gegen die wiederholten Auflehnungen gegen dich gehe ich ein in Streit.

22
תַּכְלִ֣ית שִׂנְאָ֣ה שְׂנֵאתִ֑ים לְ֝אוֹיְבִ֗ים הָ֣יוּ לִֽי׃
BernfeldMit dem größten Hasse verabscheue ich sie, Feinde sind sie mir geworden.
ZunzDes äußersten Hasses hasse ich sie, Feinde gelten sie mir.
Hirschmit äußerstem Haß hasse ich sie, so wurden sie mir zu Feinden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 22. תכלית שנאה וגו', sie, diese Empörungen wider dich, hasse ich mit äußerstem Haß, und dadurch wurde nicht ich ihnen, sondern sie wurden mir zu Feinden.

23
חׇקְרֵ֣נִי אֵ֭ל וְדַ֣ע לְבָבִ֑י בְּ֝חָנֵ֗נִי וְדַ֣ע שַׂרְעַפָּֽי׃
BernfeldErforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken.
ZunzErforsche mich Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken.
HirschErgründe mich Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 23. 24. חקרני וגו' schließt sich dem Ausgangsgedanken חקרתני an. שרעפי (Vgl. Ps. 94, 19). עצב, siehe Pent. 1. B. M. 3, 16 Entsagung. דרך עצב, ein Weg, dem ich entsagen, den ich verlassen müßte. Vor dir, Allwissender, spreche ich dieses Bekenntniß aus. Prüfe Du meine Gesinnungen und meine Gedanken, ob in ihnen Etwas Dir Mißfälliges, von mir zu Lassendes ist, und führe mich den Weg der Wahrheit, der in die Ewigkeit führt —

24
וּרְאֵ֗ה אִם־דֶּֽרֶךְ־עֹ֥צֶב בִּ֑י וּ֝נְחֵ֗נִי בְּדֶ֣רֶךְ עוֹלָֽם׃ {פ}
BernfeldSiehe zu, ob an mir nicht die Art der Sünde sei. O, führe mich auf dem Wege der Ewigkeit.
ZunzUnd sieh, ob an mir ein Weg des Jammers, und führe mich auf dem Wege der Ewigkeit.
Hirschund siehe, ob ein zu entsagender Weg in mir ist, und leite mich in den Weg der Ewigkeit.