Tehillim 135 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 135, V. 1. הללו' וגו' (Siehe Ps. 106, 1). Aus V. 14 ist ersichtlich, daß dieser Psalm auf eine Zeit hinblickt, in welcher Israel bereits seine staatliche Selbständigkeit eingebüßt hat, und den Mißhandlungen der Völker erliegend, dem Gerichte Gottes und einer Umgestaltung seines Geschickes entgegen harrt. Für eine solche Zeit will der Psalm V. 5—14 die Waltungsgröße Gottes aus einem Hinblick auf Erscheinungen in der Natur und Thatsachen der Geschichte, so wie dem gegenüber V. 15—18 die völlige Nichtigkeit der von den Völkern vergötterten Mächte und die Zukunftlosigkeit ihrer Verehrer zu erneutem Bewußtsein bringen, und daran V. 19—21 die Aufforderung knüpfen, auf Grund der von Zion ausgehenden Lehre sich hingebungsvoll dem Dienste Gottes zu weihen.
הללו וגו'. Bringet aus seinen Thatoffenbarungen Das zur Erkenntniß, was der Name ה', des jeden Zukunfts-Moment Gestaltenden, von Gott aussagt. הללו עבדי ד': bringet dies zur Erkenntniß als „Diener Gottes," die mit solchem von Gott belehrenden Ausspruch einen Theil ihrer Aufgabe lösen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. שעמדים וגו', mit Hinblick auf V. 14 wäre dies eine Aufforderung an die noch im Gottesheiligthum Stehenden, die dort zu schöpfende Gotteserkenntniß und Gottesbegeisterung für die bevorstehenden Zeiten des Niedergangs und der Entfernung vom Gottesheiligthum zu verwerthen, damit diese kommenden Geschlechter an den noch auf geistigem, gottbegeistertem Höhepunkt erzeugten Gesängen, Stütze für Geist und Gemüth finden mögen, wie wir ja in der That in den Psalmen eine große Zahl von Gesängen vor uns haben, die den Geschlechtern der dunkelsten Zeit zu Lehre und Trost gewidmet sind.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. הללו' וגו'. Sprecht es aus, daß Gott gut, nur gut ist, daß auch das Trübste, das er uns sendet, nur Ausfluß seiner reinsten Güte ist. זמר זמרו וגו', die Melodie an sich ohne das Wort (Pent. 1. B. M. 43, 11), spricht vorzugsweise die Gefühle aus, welche die im Worte ausgeprägten Gedanken im Gemüthe erzeugen, oder welche sich zur Klarheit des Gedankens entwickeln. Lasset es in euren Melodien zum Ausdruck kommen, wie süß, wie wohlthuend und erhebend eurem Gemüthe die Gedanken sind, die ihr aus der Erkenntniß seines Namens schöpfet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. כי יעקב וגו'. Denn das schwache Jaakob hat sich der starke Gott (Pent. 2. B. M. 15, 2) erwählt, um eben in dem durchdauernden Geschicke dieses von allen Gewalten angefeindeten schwachen Volkes Seine Stärke zu zeigen, und er hat dem von Ihm siegreich erhaltenen Jisrael die Bestimmung ertheilt, mit seinem ganzen Sein und Wollen Ihm anzugehören, sein ausschließliches Eigenthum zu sein und zu bleiben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. כי אני וגו'. Es ist dies aus der Seele Israels gesprochen, das aus den Erfahrungen, die es bis dahin gemacht hatte, die Größe Gottes, des Erziehers der Gesammtmenschheit überhaupt, und insbesondere in seinen Waltungen über Jsrael und für Jsrael erkannt hatte, das er sich als „unser Herr" zum Diener für sein Werk in Mitte der Menschen erwählt hat. ואדנינו מכל אלהים, was Gott für uns gethan hat, das setzt Alles in Schatten, wessen sich die andern Völker als von ihren Göttern ihnen gewährt, zu rühmen pflegen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. כל אשר וגו'. Von dieser Gotteserkenntniß werden einige Sätze aus dem Gebiete der Natur und Geschichte hervorgehoben. Zuerst der Fundamentalsatz aller Gotteserkenntniß: Gott ist der freie Schöpfer des Weltalls. Aus seinem חפץ, aus seinem freien, durch Nichts bedingten, durch Nichts behinderten Willen ist Alles in Himmel, Erde und Meer hervorgegangen. Darum ist noch jetzt Alles seinem allmächtigen Willen für die von Ihm bestimmten Ziele unterthan.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. מעלה וגו', und wie sein Wille die Welt geschaffen hat, so ist noch sein Wille in den Entwickelungsgängen und den Erscheinungen der Natur gegenwärtig. Aus diesen Gängen und Erscheinungen der Natur wird das Phänomen des Regens als hervorragendes Beispiel vorgeführt. Ist doch das Phänomen des Regens diejenige Erscheinung, von deren rechtzeitigem, in rechtem Maaß sich einstellendem Eintreten das ganze Gedeihen des Naturlebens, so wie der darauf gegründeten, menschlich socialen Zustände bedingt ist. So gewiß nun die Bildung des Regens nach physikalischen, allen Naturwesen und Naturgruppen eingeschaffenen Gesetzen und Ordnungen vor sich geht, so steht doch Zeit und Ort und Art des Eintretens dieser Bildung unter Gottes besonderer Leitung und gehört nicht nur zu seiner natürlichen, sondern auch in erster Linie zu seiner sittlichen Weltordnung (Siehe Pent. 1. B. M. 2, 5). Gott führt Wolken herbei von ErdenEnde. Oder: Gott läßt Wolken aufsteigen von Einem Theil der Erde. קצה heißt nicht immer Ende, sondern auch ein Theil, auch ein bestimmter Ort. So ומקצה אחיו לקח (1. B. M. 47, 2), וירא משם קצה העם (4. B. M. 22, 41), מקצה השמים מוצאו (Ps. 97, 7). ברקים למטר עשה מוצא רוח מאוצרותיו ist eine ungemein kurz zusammengefaßte Schilderung des Vorgangs eines Gewitterregens. Der Vorgang stellt sich in drei Momenten dar, die gewiß in einem bestimmten Causalverhältniß zu einander stehen: Wind geht voran, ihm folgt Gewitter, dem Gewitter Regen. מוצא wie מוציא ist Gegenwart, עשה Vergangenheit. In dem Moment, in welchem Gott Wind sendet, hat er bereits Blitze für den nachfolgenden Regen gebildet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. 9. שהכה וגו'. Und wie in der Natur, so sehen wir Gott auch in der Geschichte, in Gestaltung der Geschicke der Völker walten, und hier wie dort hat sein Walten ein bestimmtes Ziel im Auge, das, ähnlich dem eben geschilderten Vorgang der Regenspende, in einer Reihenfolge geschichtlicher Ereignisse erreicht wird. Israels Befreiung war das Ziel, das zuletzt durch das von Vorhinein (2. B. M. 4, 23) angekündigte Sterben der Erstgebornen bewirkt wurde. Ihm voran gingen אתות ומפתים, die מצרים für dieses letzte Ziel vorbereiten sollten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10—12. שהכה וגו'. Wie Israels Freiheit, so war auch Israels nationale Selbständigkeit durch Ertheilung eines eigenen Landbesitzes ein lange im Voraus bestimmtes, und durch eine Reihe geschichtlicher, von Gott geleiteter Ereignisse herbeigeführtes Ziel. לסיחון וגו'. Wir finden allerdings Einmal הרג mit ל-, הרגו לאבנר (Sam II. 3, 30). Allein dies selbst bedarf noch der Erklärung, und dürfte vielleicht die listige Weise dieses Todschlags bezeichnen. הרג את wäre eine Tödtung im offenen Kampf. Das war es aber nicht. הרגו ל-: sie bereiteten in listiger Weise einen Todschlag für Abner. Ebenso: לאיל יהרג כעס (Hiob 5, 2). Dem Unvernünftigen wird Verdruß oder Zorn zu etwas Tödtlichem. Es heißt auch ונתן ארצם נחלה נחלה לישראל עמו, worin doch zunächst eine wiederholte Besitzveränderung des Landes liegen dürfte. Nun wissen wir hinsichtlich Sichons Land es geradezu, daß es zuvor Moab gehörte, durch Sichon erobert wurde, und erst aus Sichon's Händen in Israels Besitz kam und kommen konnte (Siehe Pent. 4. B. M. 21, 26—30). Hier liegt somit offenbar die Thatsache vor, daß ein Land durch Besiegung seines Königs eines andern Herrschers wurde, um sodann durch dessen Besiegung נחלה לישראל נחלה עמו zu werden. Es ist nun nicht unmöglich, daß auch alle die andern Ländertheile, welche für Israels Besitz bestimmt waren, zuvor ihre ursprünglichen Eigenthümer eingebüßt hatten, um schließlich Israel zur נחלה zu werden (Siehe Raschi zu והכנעני אז בארץ 1. B. M. 12, 6). Demgemäß hieße es dann hier: der viele Völker schlug und mächtige Könige tödtete für Sichon, Og und alle die kanaanitischen Königreiche und ihnen davon Land zum Erbe gab, um es schließlich Erbe seines Volkes Israel werden zu lassen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. ד' שמך וגו'. Was von deinen Waltungsweisen in deinem Namen ד' seinen Ausdruck findet, gehört in seiner ganzen Fülle der Ewigkeit an, wird erst in seiner vollen Wahrheit am Ende der Zeiten zur Erkenntniß kommen; das Gedenken dieses Namens aber, das jeder Zeit zugängliche Bewußtsein davon, ist Leuchte und Führer, Stütze und Trost eines jeden Geschlechtes; denn die Menschheit erziehende, Zukunft bildende Waltung dieses Namens geht durch alle Zeiten (Siehe Pent. 1. B. M. 2, 4. 2. B. M. 3,13—15).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. כי ידין וגו'. Und wenn auch Zeiten kommen, in welchen die Freiheit und Selbständigkeit, die Israel durch יציאת מצרים und נחלת הארץ erlangt hat, fast wieder geschwunden scheinen, und es verbannt von seinem Lande den Mißhandlungen der Völker preisgegeben scheint, so hat Gott doch bereits durch Moses (5. B. M. 32, 36) die Zusicherung כי ידין וגו' gegeben, die hier wörtlich wiederholt wird, daß er die Völker zur Rechenschaft ziehen werde, wie sie sein in ihre Mitte hilflos und zerstreut verwiesenes Volk behandelt, und selbst in der Zerstreuung den Weg zur Wiedersammlung seines Volkes anbahnen werde, das auch in der Zerstreuung nie aufgehört hat עבדיו zu sein, mit Geschick und Leben der Erfüllung seines Gesetzes, dem Dienste für sein Wirken im Schooße der Menschheit geweiht zu bleiben (Siehe Pent. das.).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15—18. עצבי וגו' (Siehe zu Ps. 115, 4—8). Es ist vielleicht kein größerer Gegensatz denkbar, als zwischen der ewig zu neuer Zukunftsgewährung bereiten Liebe, welche der Name ה' ausdrückt, dessen in Natur und Geschichte ewig gegenwärtigem Walten, welches die bisherigen Verse besungen haben, und dem neidischen, dem menschlichen Gedeihen abholden Versagen, das die Grundanschauung des heidnischen Wahns von seinen Göttern bildet, und in deren Benennung עצבים seinen Ausdruck gefunden (Siehe Pent. 1. B. M. S. 80. 3. B. M. 19, 4). Wenn Israel in Mitte von solchem Wahn umfangener Völker seine Sendung auf Erden zu vollbringen hat, soll es sich daher nicht irre machen lassen, soll sich der völligen Nichtigkeit dieser Götter des Wahns und der Zukunftlosigkeit aller Verehrung derselben bewußt bleiben. אף וגו'. Es ist zweifelhaft, wie dieses אף zu nehmen wäre, ob als Partikel: auch, oder als: Nase. Aus dem Vergleiche mit Ps. 115, 6., und da schon von der Täuschung gesprochen ist, die den Göttern einen Mund andichtet, dürfte man geneigt sein, es für Nase zu nehmen, so viel als אף להם, und wäre dann אין יש רוח בפיהם gesagt, weil der mit der Nase geschöpfte Athem sich besonders beim Ausathmen mit dem Munde spürbar macht. Es kann aber auch die Partikel: Auch sein, und wäre dann gesagt, daß ihnen nicht nur die höheren Funktionen der Rede und der Sinneswahrnehmung fälschlich angedichtet werden, sondern daß ihnen nicht einmal der Athem innewohnt, den doch selbst das Leben auf der niedrigsten Stufe nicht entbehrt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 19—21. בית ישראל וגו'. (Vgl. zu Ps. 115, 9—13). Vielmehr hat Israel in jeder Zeit und in jeder Lage seiner Aufgabe לברך את ד', der Erfüllung des göttlichen Willens in treuem Lebensdienste sich hinzugeben, und ergeht diese Anforderung an Israel als בית ישראל, als eine unter den Völkern gesondert dastehende Menschenfamilie, innerhalb deren ein Jeder mit der Geburt der der Gesammtheit von Gott ertheilten menschheitpriesterlichen Bestimmung zuwächst, wie innerhalb Israels die Aharoniden als בית אהרן, und die Leviten als בית הלוי für den besondern Beruf des Priesterwirkens und der Gesetzesvertretung im Volke geboren werden. Sie Alle, Israel unter den Völkern, die Aharoniden und Leviten in Israel werden aufgefordert, den ihnen von Gott ertheilten besondern Beruf in thätiger Förderung des göttlichen Werkes auf Erden treu zu lösen. Ebenso ergeht aber auch an jeden Einzelnen — innerhalb und außerhalb Israels — in dessen Brust יראת ד' aufgegangen, die Aufforderung, diese „Gottesfurcht" als Jude und als Mensch in „segnender" Mitarbeit am großen Gotteswerke zu bethätigen. Denn ברוך ד' מציון, denn Das, was Gott in Zion für Israel und die Menschheit niedergelegt hat, was von dort in Israel und der Menschheit bereits ausgegangen ist und ausgehen wird (Jes. 2, 4), das bleibt in jeder Zeit und für alle Zeit Segnung des Gotteswerkes auf Erden, und auch über die Zeit der Trümmer hinaus bleibt die Bestimmung Jerusalems Stätte der GottesGegenwart auf Erden zu sein für immer —