Tehillim 136 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 136, V 1. הודו וגו'. Siehe Ps 107, 1. 118, 1. הלל הגדול, „das große Thatenlob" wird (Pesachim 118, a.) dieser Psalm genannt, und warum? מפני שהקב"ה יושב ברומו של עולם ומחלק מזונות לכל בריה, weil darin Gott in der Höhe des Weltalls thront und jeglichem Geschöpfe Nahrung zutheilt (das.). Offenbar wird demnach der vorletzte Vers dieses Psalms, נותן לחם לכל בשר, als derjenige Satz begriffen, in welchem die Tendenz des ganzen Psalms ausläuft, und zu welchem alle vorhergehenden Sätze hinleiten. In der That ist auch dieser V. 25 seiner grammatischen Form nach der einzige, der eine direkte Aussage enthält: נותן וגו'. Alle andern sind von der Aufforderung: הודו abhängig, beginnen daher mit der Präposition ל-, לעושה וגו' u. s. w., oder setzen den mit solcher begonnenen Satz durch Beifügung eines Objekts, את השמש וגו' u. s. w., oder eines Nebensatzes ויוצא וגו' u. s. w. fort In Wahrheit zeigen alle vorangehenden Sätze Gott יושב ברומו של עולם in der ganzen Größe und Machthöhe seiner Weltwaltung in Natur und Geschichte, um daran den Ausspruch נותן לחם לכל בשר zu knüpfen, und uns so die Wahrheit in der ganzen Fülle ihrer Bedeutsamkeit denken zu lehren, daß ein jedes Stückchen Brod, das ein Mensch in redlichem, gewissenstreuem Streben für sich und die Seinigen gewinnt, nur als das Produkt aller der großen Waltungsweisen Gottes zu begreifen ist, wie sie immer nur die großen Gottesthaten in Natur und Geschichte offenbaren, und die zusammen wirken müssen, wenn ein redlicher Mensch auf redlichem Wege sein tägliches Brod aus der Hand der liebend fürsorgenden Gotteshand empfangen soll. Daher der Satz der Weisen: קשין מזונותיו של אדם כקריעת ים סוף דכתיב נותן לחם לכל בשר וסמיך ליה לגזור ים סוף לגזרים (das.) „die Ernährung des Menschen erfolgt keineswegs nach blos physischen mechanischen Gesetzen, ist vielmehr ebenso wie das Spalten des Schilfmeeres die Wirkung eines freien, persönlichen Eingreifens Gottes in die Entwicklungsgänge der Erscheinungen." Nicht dem Zufall, auch nicht dem bloßen von selbst erfolgenden Ergebniß zusammen wirkender natürlicher und socialer Verhältnisse, sondern der über die natürlichen und socialen Mächte und Gewalten frei gebietenden und sie zu ihren Zwecken leitenden Gotteswaltung verdankt der Mensch seine täglichen Existenz. Danach ergiebt sich auch das rechte Verständniß des immer wiederkehrenden Refrains: כי לעולם חסדו. Es sagt, daß die allmächtige, Alles vermögende Liebe, wie sie die hier einzeln aufgeführten, besonders hervortretenden Gottesthaten offenbaren, לעולם, immerdar in den Erscheinungen des alltäglichen Lebens waltend sei.
Um diesen Gedanken in seiner ganzen Bedeutung denken zu lehren, sprechen zuerst V. 2. 3. Gott als die, über die von den Menschen vergötterten Naturgewalten, so wie über die von den Menschen als Herren geehrten und gefürchteten socialen Mächte, einzige absolut und frei gebietende Gewalt und Macht aus, er ist der wirkliche Gott aller vermeintlichen Götter, und der wirkliche Herr aller vermeintlichen Herren, und V. 4, er hat nicht nur diese Macht, er übt sie auch, überläßt keineswegs die Gänge der Natur und Geschichte lediglich den Wirkungen seiner bei der Schöpfung einmal der Welt eingepflanzten Gesetze der natürlichen Ordnung der Dinge, sondern greift mit seinem alleinigen freien persönlichen Willen lenkend und leitend und gestaltend ein. Er hat diese Macht; denn, V. 5—9, Himmel und Erde und die die natürliche Entwickelung der irdischen Dinge bedingenden Himmelskörper sind sein Werk; der in ihnen waltende Ziel- und Zweck-Gedanke (תבונה), sowie die das Spiel der Entwickelungen vorbereitende Gliederung der Erdwelt ist sein. Und er übt diese Macht richtend und rettend, wie er bei יציאת מצרים (V. 10—15), leitend, schützend, ernährend und erziehend, wie er bei der Wanderung durch die Wüste (V. 16), Geschicke stürzend und gründend wie er bei der Landesbesitzertheilung an Israel (V. 17—22) gezeigt. Daß er aber nicht nur bei der Gründung unseres Geschickes, daß er fortwährend unserm Geschicke in allem Wandel desselben nahe ist, das hat uns unsere ganze Folgegeschichte (V. 23. 24.) gelehrt. Diese ganze richtende und rettende, leitende, schützende, ernährende und erziehende, stürzende und gründende, durch alle Geschickeswandlung dauernd begleitende, fürsorgende Gotteswaltung aber, die sich so in großen Zügen in der Völkergeschichte ausgesprochen, die ist es auch, die bei der kleinsten, stillsten, augenblicklichen, bescheidensten Existenzgewährung eines einzelnen Menschen sich bewährt. Es ist die richtende und rettende, leitende, schützende, ernährende und erziehende, stürzende und begründende, ewig uns fürsorgende Gottes-Liebe, der wir jedes Stückchen Brod unserer Nahrung verdanken: נותן לחם לכל בשר כי לעולם חסדו.
כי לעולם חסדו, חסד „Liebe," schöpferisch das Heil des Ganzen und Einzelnen gestaltende thätige Liebe, wie sie ja zum Grundgedanken des Gottesnamens ה' gehört, bildet das Grundgepräge von Gottes Welten-Werk und Welten-Wirken in jedem einzelnen Zuge wie im Gesammtziele des Ganzen. טוב, Güte ist ja das innerste Wesen seines Wesens, aus welchem das Liebesgepräge seines Waltens fließt. Und diesen Charakter seines Wesens, und dieses ewige Gepräge seines Waltens zu bekennen, das ist die Aufforderung הודו לד' וגו', die von V. 2—20 bei jeder einzelnen Betrachtung seiner Machtstellung in Natur und Geschichte (V. 2. 3.), seines frei eingreifenden Waltens (V. 4), seines in der Schöpfung vorliegenden Werkes (V. 5—9), seiner in Israels Gründungsgeschichte vorliegenden Thatoffenbarung (V. 10—22) wiederholt wird, und wäre es die Aufgabe, sich die eigenthümlichen Seiten zu vergegenwärtigen, welche sich in jedem einzelnen, hier vorgeführten Momente göttlichen Seins und Waltens sich ausprägen, und das dauernde Walten der göttlichen Liebe zu beherzigen geben. Daran knüpft sich dann als Resultat V. 23—26 die Aussage, daß sich dieselbe Liebe uns auch in der ganzen Vergangenheit unserer Folgegeschichte bewährt hat, und sich in jedem gegenwärtigen Moment der Existenz jedes Einzelnen bewährt. In diesen Sätzen ist כי לעולם חסדו der Grund: er hat unser in aller Vergangenheit gedacht, weil seine Liebe sich immerdar bewährt, und Er giebt Jedem sein tägliches Brod, denn seine Liebe bewährt sich immerdar.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. 3. הודו וגו', Daß göttergleiche, und darum von Menschen vergötterte Kräfte des Wirkens und Gestaltens dem Reiche der Natur, daß zum gebieten und ordnen befähigende Herrscherkräfte hervorragenden Gliedern der Menschengesellschaft vom Schöpfer verliehen sind, ist Gesammt- und Einzel-Leben und Gedeihen bezweckende חסד. Aber diese חסד-Ziele werden nur erreicht, weil der Schöpfer אלהי האלהים und אדוני האדונים geblieben, und sein allmächtiger Wille das Wirken der Kräfte der Natur und das Herrschen der Herren der Menschengesellschaft auf seine letzten חסד-Ziele hinlenkt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. לעשה וגו'. אלהים und אדונים hat Gott einen Theil des Vollbringens seines Willens übertragen. Jedoch nur innerhalb der von Seinen Weltgesetzen gezogenen Gränzen vermögen sie eine Wirkung und eine Gestaltung zu üben. Aber über diese Gesetze selbst frei zu gebieten, in ihre Gänge schöpferisch frei hemmend und neugestaltend einzugreifen, und alle Wirkungen mit unbedingter freien Allmacht in die Bahn der Erreichung seiner Ziele der Menschen- und Menschheitserziehung zum Heile mit zwingender Nöthigung zu weisen — נפלאות — vermag nur Er allein. גדולות. Nicht zerstörende Gewalt, neuschaffende, belebende, zum Heil erziehende Liebeswaltung wird als Gottes גדולה gedacht (Siehe Pent. 4. B. M. 14, 17. 19. Ps. 145).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5—9. לעשה וגו'. Wie תבונה, בינה die logische Folgerung, insbesondere aus dem gegenseitigen Verhalten mehrerer Momente ist (Siehe Pent. 1. B. M. 41, 33), so ist es auch ganz besonders die praktische Einsicht in das Ergebniß mehrerer zusammenwirkenden Verhältnisse. So Ps. 78, 72 vom Königswirken Davids: ובתבונות כפיו ינחם, er gebraucht den Herrscherstab und die Zügel, die er in Händen hat, um sein Volk mit Einsicht und berechnender Voraussicht in die aus dem Zusammenwirken aller Volksbeziehungen sich ergebenden Folgen zu leiten. Es dürfte sich daher begreifen, warum bei der Schöpfung des Himmels hier und auch sonst vorzugweise תבונה genannt wird (So Prov. 3, 19. Jerem. 10, 12. 51, 15). Bezeichnet שמים die ganze Welt der Himmelskörper, so dürfte doch Stellung und Bahn eines jeden derselben vorzugsweise durch das Zusammenwirken seiner und aller übrigen Masse und Entfernung bedingt sein, und gäbe es für die das Ergebniß eines solchen Zusammenwirkens für jeden Einzelnen berechnende Schöpferweisheit wohl keinen zutreffenderen Ausdruck als תבונה. (Auch in Hiob 26, 7 heißt es: תולה ארץ על בלימה, und drückt wohl בלימה, von בלם, sperren, hemmen, zügeln, den Begriff der sich gegenseitig beschränkenden, bis zu einem gewissen Maaße aufhebenden Wirkung der Kräfte aus). Ist aber unter שמים hier die ganze außerirdische Welt nur in ihren Beziehungen zur Erde als dasjenige Bereich begriffen, aus welchem der Erde alle die Bedingungen ihres Bestehens und Entwickelns zukommen, so ist es ja wieder die Schöpfer-תבונה, die mit berechnender Weisheit dem Erdhimmel alle die für das Erdenleben zusammenwirkenden Kräfte und Einflüsse übergeben.
לרוקע וגו'. Wie Pent. 1. B. M. 1, 6 bemerkt, dürfte רקע zunächst festtreten, platttreten bedeuten, davon קרקע, der Fußboden. In diesem Sinne wäre hier רוקע הארץ: er festet, macht den festen Erdboden, den Continent, an den Gewässern. Vgl. כי הוא על ימים יסדה (Ps. 24, 2). Wie mit der Vertheilung von Land und Wasser die physische und geschichtliche Entwicklung der Erde und Menschenwelt angebahnt und eingeleitet ist, haben wir (das.) anzudeuten versucht.
לעשה אורים וגו' u. s. w. Es wird erst die Schöpfung der leuchtenden Himmelskörper und deren Ausstattung mit „großer" Leuchtkraft an sich, und dann ihre Hinordnung für das in Tag und Nacht getheilte Erdleben gedacht.
ממשלות ist סמיכות, der mit fehlendem נסמך das Allgemeine einer großen Mannigfaltigkeit bedeutet. Die Wirkung der Sonne ist eine einheitliche ממשלה, die von Mond und Sternen eine mannigfaltige, ממשלות.
Die V. 5—9 gegebenen wenigen Züge aus der Weltschöpfung zeigen uns Gott als אלקי האלהים. Seine aber durch die Himmel- und Erdschöpfung Gedeihen und Entwickelung physischen und sittlichen Lebens auf Erden anbahnende Schöpferliebe dauert fort, und wir sollen es ihm bekennen כי לעולם חסדו.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10—15. למכה וגו'. Zugleich als אדני האדנים zeigen uns diese Verse den אלקי האלהים in seiner Völker richtenden und rettenden Waltung aus Israels Befreiungsgeschichte. Die Menschen und Völker erziehende Waltungs-חסד verhängt nicht sofort Vernichtung über die Empörer gegen den göttlichen Willen. Sie trifft den Menschen mit dem Verlust seines Theuersten, sie „schlägt Mizrajim an ihren Erstgeborenen," und hat damit ihr nächstes Ziel erreicht, die in ihre Gewalt Untergangenen „aus ihnen heraus" zur Freiheit zu führen, und dabei zugleich die „starke Hand" zu zeigen, die sich keinen ihrer Menschen rauben läßt, und den „gestreckten Arm," der über die Mächtigsten der Mächte und die Gewaltigsten der Gewalten gebietet, und Alles, was sie „ihr" nennen, zu erreichen weiß. Wenn aber die empfindlichsten Züchtigungen und die offenbarsten Machtentfaltungen den Menschentrotz nicht dauernd gebrochen und eine Umwandlung der Gemüther zu aufrichtiger Gotteshuldigung nicht herbeizuführen vermocht, dann erst schreitet die Waltungs=חסד zum Untergange der Menschen jochenden Gottesempörer, und damit zugleich zur ewigen Freimachung der von ihnen immer wieder und wieder bedrohten Menschen. Erst מכה מצרים בבכוריהם u. s. w. schließlich aber נער פרעה u. s. w. גזר, theilen, גזרו את הילד (Kön. I. 3, 25), ויגזרו העצים (Kön. II. 2. 6, 4). Er „theilte" das Meer zu „Theilen." Statt zu fließen thürmte sich das Wasser, in die Mitte gespalten, mauergleich zu beiden Seiten auf und gewährte damit in der Mitte eine trockene geebnete Bahn. Diese mit augenblicklicher Aufhebung seiner Naturgesetze einschreitende einzige Gottesthat zeigt zugleich den אלקי האלהים und אדני האדנים, den die Naturgewalten im Dienste seiner Menschen=Waltung mit Einem Wink richtend und rettend meisternden Gebieter. In demselben Wege, auf welchem er seine Geretteten ihrer ewigen Bestimmung entgegen führte, ließ er Pharao und sein Heer den Untergang finden. Vielleicht ist hier absichtlich der Ausdruck גזר für dieses Theilen des Meeres, statt des sonst üblichen בקע, (rabb קרע) gewählt, weil גזר auch entscheiden, verhängen bedeutet, ותגזר אמר (Hiob 22, 28), אשר נגזר עליה (Esther 2, 1). Er theilte das Meer zu zwei verschiedenen Verhängnissen für Israel und Pharao.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16. למוליך וגו'. Durch diese Erlösung war Israel עמו „sein Volk" geworden — עם זו קנית — „עמו במדבר," die vierzigjährige Führung aber dieses seines „Volkes" in die „Wüste," in der Wüste, durch die Wüste, ist die großartigste Bekundung der über die Natur im Dienste seiner Menschenführung frei gebietenden Gottes=חסד.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17—22. למכה וגו'. יציאת מצרים offenbart die Gotteswaltung mit Vernichtung gegen eine Völkermacht zur Rettung der Menschen einschreitend, an denen sie sich versündigt. Die Landverleihung an Israel zeigt Gottes Waltung Untergang verhängend über entartete Könige und Länder wann und weil das Maaß ihrer Sünden voll geworden — שלם עון אמורי — und in ihr Land einen andern Menschenstamm einweisend, der für seinen Dienst reif, und auf dem Boden untergegangener Entartung ein im Dienste Gottes aufblühendes Leben zu entfalten berufen worden war.
Alle diese, das Menschenheil in den mannigfachsten Waltungsweisen herbeiführende חסד, wie sie Israels Gründungsgeschichte offenbart, gehört nicht nur der Vergangenheit an, sie ist die alle Zeiten tragende, alle Zeiten durchdauernde Waltungs=חסד Gottes, und bekennen sollen wir es Ihm: כי לעולם חסדו.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 23 - 25. שבשפלנו וגו'. Daß diese חסד nicht nur unserer Vergangenheit, nicht nur dem Aufbau unserer Volkesstellung und Volkesbestimmung angehört, daß sie alle Zeiten, auch die Zeiten unserer Gesunkenheit überdauert und durchdauert, das hat sich in der ganzen, unserer Gründungsgeschichte folgenden Zeit bis auf den heutigen Tag bewährt. Auch בשפלנו, auch in unserm Niedergang, in unserer Gesunkenheit, hat er uns nicht vergessen, und hat das Joch unserer Feinde von uns gelüftet (— das ist ja zunächst פרק —). Er aber, der seine in so mannigfacher Weise die Naturund Menschenwelt zur Menschen=Führung und Erziehung als Gott und Herr meisternde Fürsorge in unserer ganzen Volksgeschichte bis auf den heutigen Tag bewährt hat, weil לעולם חסדו: der ist auch נתן לחם לכל בשר, der ist auch ganz in der gleichen Weise jedem Einzelnen in seinem Einzelgeschicke nahe, und in jedem Stückchen Brod offenbart sich ihm die, die ganze Natur und Menschenwelt in mannigfachsten Führungsweisen meisternde Fürsorge Gottes, der ישב ברומו של עולם ומחלק מזונות לכל בריה, denn לעולם חסדו!
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 26. הודו וגו'. Darum bekennet es Ihm, dem אל השמים, der das ganze Weltall meisternden Allmacht — wie Ihn uns unsere ganze Geschichte verbürgt — bekennt es Ihm, כי לעולם חסדו, daß immerdar seine Liebe walte.