Tehillim 130 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 130, V. 1. שיר המעלות וגו'. Von der Heiterkeit im Leid, von dem Glück im Unglück, von der stillen Seligkeit, die in jüdischen Herzen und Hütten mitten in den dunkelsten Galuthnächten wohnen könne, davon haben bereits vorangehende Lieder gesungen. Von Einem haben sie bis jetzt geschwiegen, von Dem, das selbst dem glänzendsten Glücke die beglückende Kraft entreißt, das aber Unglück und Elend erst zum wahren, hoffnungslosen Elend gestaltet, und dieses Eine ist: das Schuldbewußtsein. Welche Emporwege nun das jüdische Gemüth selbst aus schuldbelastetem Unglück, dieser tiefsten Elendstiefe, unverlierbar findet, das singt dieses Lied.
ממעמקים, aus der doppelten Tiefe, des Unglücks und der Schuld, habe ich Dich, und nur Dich gerufen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. אדני וגו', daß ich dich „meinen Herrn" nennen kann, daß ich meine Vergangenheit nur an dem Maaß deines Willens zu messen, und Gegenwart und Zukunft nur für das Maaß deines Willens bereit zu stellen habe, — das Bewußtsein, daß, wie du ewig mein Herr, so ich ewig dein Diener, zu deinem Dienste berufen bleibe — eben dies Bewußtsein giebt mir die Zuversicht, daß selbst das tiefste Elend, in welches du in Folge meiner Versündigungen mich hast gerathen lassen, nur Anlaß und Mittel sein soll, mich aus meiner Verirrung wieder in den treuen Chor deiner Diener emporzuarbeiten, du nicht nur meinen Hilferuf hörst, sondern gleichsam dein Ohr immer zu mir hinhorchen lässest, ob und wie ich mich wieder deines Wohlwollens würdig zu machen — das ist ja wesentlich התחנן, — bestrebt bin —
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. אם וגו'. Wenn du die eiserne Nothwendigkeit des Causalitätsgesetzes, die du in deiner ganzen übrigen Weltregierung, auf welche der Name יי hinweist, walten lässest, auch für die Verirrungen der Menschen zur Geltung bringen wolltest, daß Böses immer Böses und Schuld immer Schuld fortwährend erzeugen müßte, und es keine Erlösung aus der Schuld und aus verschuldetem Uebel gäbe, „Herr," Wer stände vor dir! Wo wäre schon längst die sündenfähige und sündigende Menschheit hingerathen, zu welchem nichtigen Traume wäre schon längst der bloße Gedanke an eine zum Dienste Gottes berufene Menschheit, an Einen, zum Dienste Gottes, zum Gottes-Diener berufenen Menschen verflogen! Eben daß du den Menschen, dessen ganzer Adel in der Sündenfähigkeit, in der Möglichkeit des Abweichens von dem Guten, in dem Reiz, den auch das Schlechte für ihn hat, besteht, auf daß unter allen geschaffenen Wesen er allein mit freier Selbstbestimmung sich dem Dienste Gottes weihe, dem alle übrigen Wesen mit unabirrbarer Nothwendigkeit dienen, daß du den Menschen, den Sündenfähigen, eben an die Spitze aller deiner geschaffenen Wesen, als deinen ersten Diener berufen, das giebt die Gewißheit, daß du selbst über die Sünde hinaus für deine Menschen den Weg zu ihrer hohen, ewigen Bestimmung gebahnt hast, daß du deinem gebietenden Gesetze die Liebe der Vergebung zugesellt, und dein sündenfähiges Geschöpf mit der jederzeit möglichen Selbsterhebungsfähigkeit ausgestattet, und ihm deine Verzeihung und deinen Beistand in diesem Streben nach Erlösung aus den Banden der Sünde zugesichert hast.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. כי עמך וגו'. Denn bei dir ist die Verzeihung damit du gefürchtest werdest, — keines Mittlers, keines Fürsprechers, keines stellvertretenden Opfers bedarf das Geschöpf, um sich mit seinem Schöpfer, seinem Vater und Herrn wieder zurecht zu finden; unmittelbar aus der tiefsten Tiefe sucht er selber sein verlorenes Kind auf, um es wieder in die Nähe seiner Liebe und seines Erbarmens emporzuheben, seine Vergangenheit auszulöschen, und ihm eine neue, von allen Folgen der Vergangenheit unberührte reine Zukunft zu schenken, in welcher er ferner „gefürchtet" werde, fortan die gewissenhafte Treue und den seinen Willen frei erfüllenden Gehorsam finde, die sein Kind in der Vergangenheit aus den Augen verloren. Nur bei Gott ist die Verzeihung, nur Er kann verzeihen; keines Sterblichen, selber ja der Vergebung Bedürftigen, Mund kann den Sünder rein sprechen, und noch viel weniger rein machen. Nur Er, der so allmächtig als gnadvoll ist, kann in der Fülle seiner Allmacht und Gnade für den Menschen das Wunder aller Wunder, die Tilgung der Folgen aus der Vergangenheit vollbringen, die Saaten der Schuld und des Unsegens, mit denen die Sünde des Menschen den Acker seiner Zukunft bestellt, nicht aufgehen, und den in Sünden Ergrauten die Reinheit und den Frieden wieder gewinnen lassen. Nur Er kann verzeihen, und er hat es dem jüdischen Bewußtsein verbürgt, daß Er verzeihe. Das ganze Dasein des jüdischen Volkes steht auf der Thatsache dieses unmittelbaren göttlichen Verzeihens, und giebt ihm bis in die tiefste Tiefe unverlierbar das Bewußtsein von dieser stets zu findenden göttlichen Vergebung mit hinab (Vgl. Pent. 2. B. M. S. 573. 3. B. M. zu K. 16, 30).
Darum ist auch die von gewisser Seite geflissentlich genährte Vorstellung irrig, und so tendenziösschlau als irrig, als hätte das Galuth=Israel mit seinem Tempel auch seine Schulderlösungshoffnung verloren, und wandere nun erlösungsarm und trostesbar auf Erden. Seinen Tempel hat es verloren, sein Gott und dessen Gesetz ist ihm geblieben, und harrt in jedem Augenblick sein, ihm für eine volle Zukunft seines alten Gesetzes auch die Fülle seiner alten Gnade zuzuwenden, „denn bei Ihm ist die Verzeihung, auf daß er fortan gefürchtet werde" —
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. 6. קוית' וגו'. „Gott war meine Hoffnung, wenn ich gehofft," spricht daher das Lied aus Israels Brust, „und seines Wortes war ich gewärtig." Auch aus der Last der Schuld kenne ich keine andere Erlösung als Ihn, und harre bis sein Mund das „סלחתי" spricht. נפשי לאדני, „meine Seele ist meines Herrn!" darin liegt aller Ernst und alles Beseligende meines Innern, liegt mit dem Bewußtsein der Schuld zugleich die Hoffnung und die Zuversicht der Vergebung. „Meine Seele ist meines Herrn!" In der ganzen ausgesprochenen Voraussicht meiner Mangelhaftigkeit hat er doch mich für den ewigen Dienst seines Erziehungswerkes an der Menschheit erwählt und sich angeeignet, und ich bleibe sein, auch in meiner selbstverschuldeten Erniedrigung sein, und in dem unverlierbaren Kern meiner Seele liegt der Zug, der mich ewig wieder zu meinem Herrn emporzieht, der mich mitten in meiner Nacht und mitten in der Nacht der Zeiten den Lichtpunkt, der seine kommende Nähe ankündigt, finden läßt, und meine Zuversicht in den Morgen seines Kommens ist größer und zuversichtlicher noch als die des nach Osten harrenden Blickes in der Nacht —
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. 8. יחל וגו'. Darum hofft nicht nur, darum wartet Israel auf Gott, seinen Herrn hin. Bei seinem „Herrn" wohnt zugleich die „Liebe," die nicht müde wird zu erlösen. Seine ganze Galuthleitung ist ja nichts als eine Erlösung seines Volkes von seinen Verirrungen, als ein Freimachen seines Volkes von der Schuld —