Tehillim 129 תהילים

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1
שִׁ֗יר הַֽמַּ֫עֲל֥וֹת רַ֭בַּת צְרָר֣וּנִי מִנְּעוּרַ֑י יֹאמַר־נָ֝֗א יִשְׂרָאֵֽל׃
BernfeldStufenlied. Viel haben sie mich bedrängt seit meiner Jugend — spricht Israel —,
ZunzStufenlied. Gar sehr haben sie mich bedrängt seit meiner Jugend — spreche Jisraél —,
HirschLied der Emporgänge. Viel haben sie mich angefeindet von meiner Jugend an, sage es nur Jisrael,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 129, V. 1. Der vorige Psalm hat das Glück Derjenigen besungen, die aus dem zu Zion ruhenden Geistesschatz und dem in Jerusalem verkörperten Ideale ihre Kraft und ihre Hoffnung schöpfen, und in Gottesfurcht und redlichem Fleiß ein bescheidenes, aber durch Nichts zu trübendes Loos erreichen. Dieser Psalm zeichnet im Gegensatz hierzu das zukunftlose und segenlose, nur vorübergehend blendende Glück Derer, die Zion hassen und im Ankampf gegen die von Zion ausgehende Menschheitslehre und deren Träger die Aufgabe ihres Lebens finden.

רבת וגו', viel und in vielfacher, man kann sagen: allseitiger Beziehung (— dies liegt in dem סמיכות ohne נסמך —), haben die Menschen mich von meiner Jugend an angefeindet, יאמר נא ישראל, das möge Israel nicht scheuen auszusprechen! Wohl pflegten die Feinde des jüdischen Volkes gern zu ihrer Rechtfertigung und Entschuldigung darauf hinzuweisen, daß dieses Volk von Anfang an, seit seinem Eintritte in die Geschichte keine Sympathie unter den Völkern, vielmehr nichts als Feindschaft gefunden, Grund, wie sie meinen, genug für jedes spätere Geschlecht um den von jeher gepflegten Völkerhaß gegen die Juden weiter zu pflegen und zu vererben. Aber eben in dieser Thatsache, daß das jüdische Volk von Anfang an, von seiner Jugend an, wie unser Psalm sich ausdrückt, Feindschaft gefunden, somit, ehe es noch als Volk unter Völkern sich erprobt und bewährt haben konnte, liegt ja der Beweis, daß es sich diese Völkerfeindschaft nicht irgend wie durch sein etwaiges Verhalten zu den Völkern zugezogen, daß vielmehr diese Feindschaft in buchstäblichem Sinne ein Vor-Urtheil gewesen, und nicht sowohl einem Verschulden desselben, als vielmehr dem Prinzipe ihren Ursprung verdankte, mit dessen Vertretung und zu dessen Vertretung Israel in die Mitte der Völker eingetreten war. Nicht Israel, Zion galt der Haß von Anfang an (V. 5), und die Zionshasser wurden consequent die Judenfeinde. Darum scheue sich Israel nicht es auszusprechen, daß man es von seiner Jugend an angefeindet; in diesem altersgrauen Datum der Feindschaft gegen Israel liegt zugleich ihre Verurtheilung.

2
רַ֭בַּת צְרָר֣וּנִי מִנְּעוּרָ֑י גַּ֝֗ם לֹא־יָ֥כְלוּ לִֽי׃
BernfeldViel mich bedrängt seit meiner Jugend, doch überwältigt haben sie mich nicht.
ZunzGar sehr mich bedrängt seit meiner Jugend; doch überwältigt haben sie mich nicht.
Hirschviel haben sie mich angefeindet von meiner Jugend an; aber auch: sie haben an mich nichts vermocht!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. רבת וגו', גם, aber es scheue sich ebenso Israel nicht es auszusprechen, daß alle Anfeindung, die es gefunden, ohnmächtig geblieben und ihr Ziel nicht erreicht hat. לא יכלו לי Vgl. וירא כי לא יכול לו 1. B. M. 32, 26.

3
עַל־גַּ֭בִּי חָרְשׁ֣וּ חֹרְשִׁ֑ים הֶ֝אֱרִ֗יכוּ (למענותם) [לְמַעֲנִיתָֽם]׃
BernfeldAuf meinem Rücken haben Pflüger gepflügt, lang gezogen ihre Furchen.
ZunzAuf meinem Rücken haben Pflüger gepflügt, lang gezogen ihre Furchen.
HirschAuf meinem Rücken pflügten Pflüger, wollten lange ziehen ihre Furche:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. על גבי וגו'. Nicht auch für Israel ward Jahrhunderte herab der Acker der Menschheit bestellt, auf seinem Rücken pflügten die Pflüger für die Saat und Erndte der Völker, und meinten, האריכו למעניתם. sie hätten ihrer Furche lange Dauer gegeben, hätten sie auf lange Zeit hinaus gezogen. מענותם כתיב, מעניתם. מענית ist die einzelne Furche, מענות wäre Plural von מענה, eine andere Form für Furche, Sam. I. 14, 14. So vielfach auch die Furchen der Zion-Hasser erscheinen, es war immer nur die Eine Furche des sich immer wiederholenden Hasses. מענות wäre, wie שפלות, סכלות u. s. w. der abstrakte Begriff. Jede einzelne Gewaltthat war nur eine Offenbarung des zu Grunde liegenden Gewaltsystems. Eine Furche heißt aber מענה oder מענית, von ענה, entsprechen, nach dem parallelen Zuge, in welchem die eine Furche der andern in ihrer Richtung entspricht, und so liegt schon in dem Ausdruck מענה oder מענית der Begriff eines Systems zu Grunde. Nicht also als mitberechtigter Theilhaber, als werthvolles Fiscalgut fand Israel seine Stelle im Inventar der Nationen. Für die Saat und Erndte ihres Vortheils mußte Israel dem rücksichtslos einschneidenden staatsmännischen Pflug-Messer seinen Rücken preisgeben, und sie meinten auf immer damit Israels Geschick besiegelt zu haben,

4
יְהֹוָ֥ה צַדִּ֑יק קִ֝צֵּ֗ץ עֲב֣וֹת רְשָׁעִֽים׃
BernfeldDer Herr ist gerecht, er zerschnitt das Seil der Frevler.
ZunzDer Ewige ist gerecht, er zerschnitt das Seil der Frevler.
HirschGott aber ist gerecht, Er zerschnitt der Gesetzlosen Stricke.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. ד' צדיק וגו', allein „Gott" ist „gerecht" — nicht ein auf Kosten verkümmerten Menschenrechts und Menschenglücks eines Theils seiner Menschheit erbautes Menschenglück ist das Glück, das seine Liebe und seine Gerechtigkeit seiner Menschheit bestimmte; das Staaten-Pflug-System, das einen Theil der Menschen zum Acker für den Andern erniedrigt, wie fest und dauernd es auch seine Grundlagen in den Anschauungen und Einrichtungen des Herkommens gesichert wähnt, Gott läßt es ein rasches Ende nehmen; denn Gott ist gerecht.

5
יֵ֭בֹשׁוּ וְיִסֹּ֣גוּ אָח֑וֹר כֹּ֝֗ל שֹׂנְאֵ֥י צִיּֽוֹן׃
BernfeldMögen zu Schanden werden und zurückweichen alle Feinde Zijons;
ZunzMögen zu Schanden werden und zurückweichen alle Feinde Zijon's;
HirschGetäuscht finden sich, werden zurück weichen alle Zions Hasser,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. יבשו וגו'. Die der von Zion ausgehenden Lehre von dem nur auf Gott verehrende Pflichthuldigung seines Sittengesetzes zu erbauenden Menschen- und VölkerGlück ihren Haß zuwenden, und ihr Glück auf Vergewaltigung und Bedrückung Anderer erbauen zu können vermeinen, finden sich in ihren Erwartungen getäuscht, und in Gottes Gerechtigkeit eine Mauer, an welcher sich ihr Fortschritt bricht.

6
יִ֭הְיוּ כַּחֲצִ֣יר גַּגּ֑וֹת שֶׁקַּדְמַ֖ת שָׁלַ֣ף יָבֵֽשׁ׃
BernfeldMögen sie wie das Gras der Dächer werden, das, bevor es noch aufschießt, verdorrt.
ZunzWerden wie das Gras der Dächer, das noch, bevor man es auszieht, vertrocknet.
Hirschwerden wie Dächergras, das bevor man's auszieht dorrt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. יהיו וגו'. „Dächergras" ist ihr Glück, luftig hoch scheint es zu stehen, empfängt Sonnenschein und Regen aus der ersten Hand, und ist doch schon dürr, selbst bevor die ordnende Hand es ausreutet. Warum? weil ihm der berechtigte, geeignete Boden fehlt, weil es schmarotzerartig auf fremdem Hüttendach gedeihen will, und weil Gott gerecht ist und das Menschenherz den Segen heiterer Lebensfreude selber nur auf dem Wege des Rechts und der Liebe finden läßt.

7
שֶׁלֹּ֤א מִלֵּ֖א כַפּ֥וֹ קוֹצֵ֗ר וְחִצְנ֥וֹ מְעַמֵּֽר׃
BernfeldWomit der Schnitter nicht die Hand gefüllt und nicht seinen Schoß der Garbenbinder;
ZunzWomit nicht die Hand gefüllt der Schnitter, und nicht seinen Schoß der Garbenbinder,
HirschDeß nimmer der Schnitter seine Hand, der Garbner nie seinen Arm gefüllt,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. 8. שלא וגו'. Kein Schnitter hat damit je seine Hand, kein Garbensammler damit je seinen Arm gefüllt. Nie hat es dem Besitzer selbst wahre Befriedigung gewährt, karg war jeder einzelne Erfolg geblieben, und zusammengenommen ließ sich nichts Befriedigendes aufweisen, und immer hat ihm der Beifall Gottes und der Menschen gefehlt. Keinen Segensgruß haben ihm die עוברים, die unbetheiligten, vorübergehenden Beobachter zugerufen, haben es nicht gewagt, ihm den Segen im Namen Gottes zu verheißen, und es kann doch der Mensch des Beifalls Gottes und der Menschen selbst zum eigenen Glücke nicht entbehren. Der Glücklichste bleibt arm in seinem Glücke, wenn ihn die Beifall versagende Stimme Gottes und der Welt einsam läßt —

8
וְלֹ֤א אָמְר֨וּ ׀ הָעֹבְרִ֗ים בִּרְכַּֽת־יְהֹוָ֥ה אֲלֵיכֶ֑ם בֵּרַ֥כְנוּ אֶ֝תְכֶ֗ם בְּשֵׁ֣ם יְהֹוָֽה׃ {פ}
BernfeldWobei die Vorüberziehenden nicht sprechen: Der Segen des Herrn über euch! [Und diese nicht erwidern]: Wir segnen euch im Namen des Herrn!
ZunzUnd nicht sprechen die Vorüberziehenden: der Segen des Ewigen über euch. Wir segnen euch im Namen des Ewigen!
Hirschund nimmer die Vorübergehenden gesprochen: „Segen Gottes euch, wir segnen euch im Namen Gottes!"