Tehillim 13 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 13. V. 1. למנצח וגו'. Dieser Psalm schließt sich eng dem folgenden an, zu dem er gleichsam die Einleitung bildet. Er zeigt uns Israel in völliger Verlassenheit in Mitte einer ihm feindlichen Völkerumgebung. Es drohen ihm seine Kräfte zur Ausdauer zu schwinden, es fürchtet sein volksgeschichtliches Ende, weil ihm die geistige Kraft gebricht in dem Jammer seiner Zustände Gott zu sehen, weil auf sich selbst hingewiesen es in seinem Herzen nur Kummer und nicht Kraft zum Aufschwung findet. Es fürchtet, zum Triumph seiner Feinde wankend in seinem Berufe zu werden, und bittet daher nur um einen Lichtblick, damit es sich geistig ermanne auszudauern und einst noch besinge, wie Gott Alles, was es zu tragen hatte, zu heiterer Blüthe hat reifen lassen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. עד אנה. Die Fragepartikel אן hat räumliche Bedeutung, es ist die Frage nach einem Orte: wo? Daher אנה soviel als לאן: wohin? אנה kommt aber auch als Frage nach einem zeitlichen Ziele vor: wie lange? und zwar gewöhnlich mit עד verbunden: bis wie lange? Es kann hier beide Bedeutungen haben; nämlich: bis zu welchem Zustande des Elends hin? zeitlich: wie lange noch? Dem Accente zufolge sind עד אנה ד' und תשכחני נצח zwei Fragen. Bis wie lange hin, oder bis zu welchem Ziele hin soll mein jetziger Zustand dauern? — תשכחני נצח. Israel fühlt sich als ein Spielball der Ereignisse, denen Gott es völlig überlassen hätte. Ein Zustand, der in der תוכחה, der Galuthverkündigung in der תורה: קרי, die scheinbare Zufalls-Führung genannt wird. תסתיר את פניך ממני ist der trostloseste Zustand. Das Entziehen des göttlichen Angesichts von uns hat immer doppelte Bedeutung: Gott sieht nicht auf uns und darum sehen wir auch ihn nicht, gewahren wir sein Angesicht, seine Gegenwart, seine Einwirkung nicht. Es bedarf der jüdische Mensch eben nur des Schauens des göttlichen Angesichts, mag ihm nun diese Einwirkung Gottes in Gestaltung seiner äußeren Verhältnisse oder in Regung seiner innern Gedanken und Gefühle sich kundthun. So lange er Gottes Angesicht in seinem äußern oder innern Leben gewahrt, so lange fühlt er Gott mit sich und sich mit Gott, so lange lebt er Gott nahe und hat Kraft zu Allem. Sobald ihm aber dieses Bewußtsein der Gottesnähe im äußern und innern Leben schwindet, sobald „Gott sein Angesicht ihm birgt," sinkt er zusammen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. עד אנה אשית וגו'. Auf mich selbst allein hingewiesen muß ich in mir selbst Rath suchen, und יומם, am Tage, wo die Zeit zur That, zur Ausführung eines Entschlusses und Beschlusses wäre, habe ich nur יגון Kummer im Herzen, das rückwärts gewandte Schmerz- und Trauergefühl über verlornes Glück, keinen Funken aber hoffenden, vorwärts strebenden Muthes. עד אנה ירום וגו', ist es ein Wunder, daß, von außen gedrückt und innen geknickt, mein Feind, der Feind des Prinzips, das ich vertrete, mich so tief unter sich, sich so hoch über mir erblickt? עד אנה, bis zu welchem Ziele hin soll, und wie lange kann dies Alles noch dauern?
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. הביטה ענני gehört nach den Accenten zusammen und bildet einen Gedanken, ähnlich wie אל תרבו תדברו גבוה וגו' (Sam. I. 2, 3): Schaue und erhöre mich damit, erhöre mich durch Schauen. Laß mich nur gewahren, nur inne werden, daß du ein Auge auf mich hast, daß du siehst wie es mir geht. האירה עיני. Gieb mir nur einen geistig erleuchtenden, weckenden Lichtblick, sonst laufe ich Gefahr in geistiger Erschlaffung dem Völker-Tode zu verfallen und von der Bühne der Geschichte zu verschwinden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. פן יאמר וגו'. יכלתיו, gewöhnlich mit ל- וירא כי לא יכל לו (1. B. M. 32, 25) durch seine Kraft an Jemandem das Beabsichtigte ausführen, ihn bewältigen. Wenn ich mich nicht geistig aufrecht halte, so triumphiren meine Feinde, sie hätten mich doch endlich zum Abfall von meiner geistigen Bestimmung gebracht, ja Diejenigen, denen das durch mich in der Geschichte zur Anschauung kommende Prinzip ein Dorn im Auge ist, jauchzen schon, wenn sie mich nur einmal schwanken sehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. ואני וגו'. Im Gegensatz zu diesem Allen, zu meinen äußern und vor Allem meinen innern Zuständen und zu den Erwartungen meiner Feinde, habe ich in deine Liebe meine Zuversicht, mein Herz werde noch deiner neu belebenden Hilfe sich freuen und ich dann „Gott" im schauenden Liebe singen, wie er Alles, was mich überkommen, was עלי geworden, zur Frucht bringenden Reife geführt hat. גמל und גמל על siehe Pent. 1. B. M. 21, 8.