Tehillim 14 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 14, V. 1. למנצח וגו'. Der vorige Psalm sprach in seinen Schlußworten die Zuversicht aus, die Israel durch alle Zeiten völliger Verlassenheit begleitet hat, es werde ihm der göttliche Beistand doch nicht entgehen, und es werde den Gott in der Geschichte schauenden Geist nicht einbüßen einst im Liede es auszusprechen wie Gott alle ihm auferlegten Geschicke zum heilvollen Ziele habe reifen lassen. Die Rechtfertigung dieses Vertrauens, das seine Gegner lächerlich finden, bildet den Inhalt dieses Psalms. V. 1—5 ist alles im Präteritum gesprochen. Erst V. 6 und 7 tritt das Futurum ein, und zwar ist V. 6 die Anrede an die, welche Israels, wie ihnen scheint, thörichtes Vertrauen verspotten, und denen gegenüber es sein Vertrauen rechtfertigt. Die Begründung dieser Rechtfertigung durch Hinweis auf Thatsachen menschengesellschaftlicher Erfahrung enthalten die fünf ersten Verse.
אמר נבל בלבו אין אלדים, es hat sonst schon der welk gewordene Mensch gesprochen: es giebt keinen Gott. Die Gottesleugnung ist nichts Neues. Sie ist immer hervorgetreten wenn die Menschen „welk" d. i. geistig, vor Allem sittlich entartet geworden waren. Daß unter נבל hier nicht nur ein Einzelner, sondern die Mehrheit eines zeitlichen Menschengeschlechts verstanden wird, ist durch das sofort folgende השחיתו u. s. w., ja: אין עושה טוב das sogar die Gesammtheit in die Charakterzeichnung נבל mitbegreift, klar. — נבל, von נבל welken, (siehe Pent. 1. B. M. 34, 7. 2. B. M. 18, 17), bezeichnet das Entschwundensein der freien sittlichen Kraft. Nicht mehr aus der Wurzel des Pflichtgefühls schöpft der Mensch die Meisterschaft über Triebe und Reize und die freie Selbstbestimmung zur sittlichen That. Wie ein welk gewordenes Blatt ist er Spielball aller äußern und innern Einflüsse, hat mit der sittlich freien Selbstbestimmung das Göttliche aus seinem Innern verloren und ist mit all seinem Denken und Wollen einer rein physischen Unfreiheit verfallen. Denn nicht der Verstand ist es, der den Menschen über die ganze übrige geschaffene Welt zu Gott naher Ebenbildlichkeit erhebt. Verstand theilt er mit dem Thiere. Aber die sittlich freie Selbstbestimmung, mit welcher er all seine geistigen und leiblichen Kräfte und Triebe beherrscht, dem Schlechten „Nein!" sagt trotz seiner verlockenden Reize, sich mit freudigem „Ja!" zum Guten entschließt, welche Entsagungen und Opfer es auch verlange, diese persönliche freie Herrschaft über seinen physischen Weltantheil macht ihn Gott ähnlich, und läßt ihn in der eigenen Brust seiner als eines Ebenbildes Gottes, des persönlich freien Einen, bewußt sein, dessen Wirken und Walten ihm in Natur und Geschichte entgegenleuchtet. Mit dem Schwinden des sich selbstbewußten sittlich freien Göttlichen aus der eignen Brust, geht dem Menschen auch das — ohnehin dann unbequeme — Gottesbewußtsein aus der Welt verloren, und eine „נבל" gewordene Welt hat noch immer gesprochen: אין אלדי'! Und die Folge war davon, daß
השחיתו התעיבו עלילה, daß sie ohne Rückhalt ihre Handlungsweise sittlich verderbt und zum Abscheu d. i. zum vollendeten Gegensatz Gott gegenüber werden lassen. עלילה, wie schon bemerkt, ist nicht eine einzelne That, sondern das ganze Wirken, die Handlungsweise. השחית ist der bezeichnendste Ausdruck für sittliche Gesunkenheit, Sittenverderbniß (Siehe Pent. 1. B. M. 6, 12). השחתה ist der vollendete Gegensatz der Schlechtigkeit zu der sittlichen Bestimmung des Menschen, wie die Tiefe, die Gesunkenheit zur Höhe; תועבה der vollendete Gegensatz des Schlechten zu Gottes Willen, wie Abscheu zum Wohlgefallen. אין עשה־טוב. Nicht אין עושה טוב, daß Keiner mehr etwas Gutes thut. Das wäre ein Zustand, der wohl in der Menschengesellschaft nie vorhanden war. Zu jeder Zeit, auch zur Zeit der größten Sittenverderbniß, geschieht auch Gutes auf Erden, und das Leben des verderbtesten Menschen wird auch eine gute That aufzuweisen haben. Aber das Gute, das geschieht, geschieht nicht aus Grundsatz, nicht aus Pflichtgefühl, nicht um des Guten willen. Das Thun des Guten bildet nicht den Charakter, das Grundgepräge des Menschen. Menschen thun wohl Gutes, aber Keiner ist ein „Gut-Thäter," ein Wesen, das seine Bestimmung und sein Streben darin findet, das Gute und nur das Gute zu thun. עושה טוב aber nicht עשה־טוב im stat. constr. und noch dazu durch מקף zu einem Begriff verbunden. Wo nicht Gott und der sittlich freie Gehorsam gegen seinen Willen die Beweggründe unserer Handlungen bilden, da ist das Gute, die Nächstenliebe, die wir üben, wie der Prophet es nennt, nur eine Feldesblume, וחסדו כציץ השדה (Jes. 40, 6), die nicht gesäet und nicht gepflanzt, die ihr Entstehen dem Zufall verdankt, da muß das Gute selbst betteln gehen an den Thüren des Interesses, und das Sittliche, das Rechtschaffene, das Wohlthuende bedarf des Geleitbriefes selbstsüchtiger Vortheilsberechnung; Klugheit wird der herrschende Gott, aber wie Gott schwindet auch die Gut-That von der Welt, אין עושה־טוב.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. ד' משמים וגו'. In solcher Zeit allgemeiner Verderbniß hat dann Gott, ד', in seiner die Erziehung des Menschengeschlechtes zum sittlichen Heile bezweckenden Liebe, lange oft „prüfend" vom Himmel herab geschaut. השקיף. Siehe Pent. 1. B. M. 18, 16.
לראות וגו'. Gott harrt in seiner erziehenden Liebe der Besinnung des Menschen von Innen heraus. Es kann und es soll der Mensch an der Hand seines ruhig und folgerichtig denkenden Verstandes zur Gotteserkenntniß gelangen. Es heißt nicht היש מאמין, es heißt: היש משכיל. Ueberall appellirt das heilige Schriftthum für die Erkenntniß Gottes, nicht an einen Glauben, sondern an den Verstand. Man braucht nur משכיל zu sein, seinen Verstand recht zu gebrauchen um דורש את אלקי' zu sein. Des Menschen innere und äußere Welt läßt den von leidenschaftlicher Voreingenommenheit freien Verstand mit unabweisbarer Gewißheit Gott suchen und finden. Es ist נבל, der der Sinnlichkeit bereits verfallene welke Mensch, der, wie das Wort der Weisen bedeutsam anmerkt, immer בלבו, in der Gewalt seines begehrenden Herzens, nicht אל לבו, nicht als freier Meister zu seinen Begehrungen spricht: (— הרשעים ברשות לבן והצדיקים לבן ברשותן, ויאמר עשו בלבו, ויאמר המן בלבו, ויאמר ירבעם בלבו —) es ist der נבל der, mit „אין אלדים" sich den Freibrief für seine Gesetzlosigkeit ausstellt. Wo der Verstand noch nicht ganz in den Dienst der Sinnlichkeit getreten, da findet er den Weg zu Gott. Denn nicht, weil Gott unsichtbar, nicht sehend und tastend, sondern nur denkend wahrzunehmen ist, wird Gott geleugnet, sondern weil der Gottesgedanke dem sinnlichen Begehrungsvermögen unbequem ist, findet der Verstand Gott nicht mehr weil er ihn nicht sucht. Ist doch in Wahrheit Alles, was der Mensch weiß oder zu wissen sich rühmt, gerade das Unsichtbare, das dem sinnlich Wahrnehmbaren zu Grunde Liegende, nicht von Sinnen Faßbare, nur denkend zu Erschließende. „Kraft" und „Gesetz," Kräfte und Gesetze, welche die Wissenschaft aus den Erscheinungen zu ermitteln strebt, gehören ja nicht dem Kreise der Sinneswahrnehmung an, sind ja auch „unsichtbar" wie Gott, und haben ihre Gewißheit, ihre Ueberzeugungskraft nur im Bereiche des Gedankens. Wären die Annahmen der Kräfte und Gesetze der Welt der physischen Erscheinungen dem sinnlichen Begehrungsvermögen so unbequeme Gedanken wie „Gott und sein Sittengesetz," sie fänden ebenso viele Leugnung in der sinnlich begehrenden Welt.
Zeiten solcher Gott leugnenden Verderbniß, meint nun unser Psalm, hat es auch sonst schon gegeben, und lange hat dann oft Gott vom Himmel herab prüfend zugesehen, ob denn nicht doch Menschen an der Hand eines noch unbestochenen, verständigen Denkens „Gott suchen und finden" werden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. הכל סר וגו', da war denn schon die Verirrung eine so allgemeine, daß הכל סר, Jeder, als Einzelner, aus der Richtung des Wahren und Guten gewichen war. סור, insbesondere סר kommt nicht nur als räumliches Weichen aus einem bestimmten Wege, somit, auf den sittlichen Wandel übertragen, als Weichen aus dem Geleise des pflichtbewußten Lebensweges vor, sondern auch als innere Entfernung von einem Zustand des Gedeihens, so: סר סבאם (Hosea 4, 18) von dem Abstehen, Faul werden eines Getränkes. רוחך סרה, סר ויעף (Kön. I. 21, 4. 5) von dem Gestörtsein im Gemüthe. הכל סר heißt daher wohl: Jeder, als Einzelner, war im innern und äußern Leben von dem sittlich Guten und Reinen gewichen, und יחדיו, zusammen, als Gesellschaft, נאלחו. אלח kommt nur hier so wie Ps. 53, 4 und nur noch Hiob. 15, 16 vor. Nach der Analogie von גלה (enthüllen) und גלח, דלה und דלח, כלה (vollenden) und כלח (das höchste Alter), פלה (theilen) und פלח u. s. w. steht wohl auch אלח der Bedeutung אלה, Fluch, nahe, und נאלח heißt: vom Fluch betroffen sein. Jeder Einzelne ist entartet und im Zusammenleben wird daher Einer der Fluch des Andern. Zu strafen braucht Gott eine solche Gesellschaft nicht, Einer ist die Strafe des Andern, und schon das Verderbenbringende, in welchen sich die Folgen der gottvergessenen Entartung einer Gesellschaft zeigen, sollte Manchen, der noch halbwegs verständiger Ueberlegung fähig ist, zur Besinnung bringen. Es ist vielleicht mit großer Feinheit hier der an das ja selbst von אלה stammende אלח anklingende Ausdruck für den socialen Fluch gebraucht. In dieser Thatsache selbst, daß eine menschliche Gesellschaft bei allgemeiner Sittenverderbniß nicht bestehen kann, wo Einer der Fluch des Andern wird und daher von selbst entweder zu Grunde geht oder zur Umkehr genöthigt ist, in dieser Thatsache selbst kündigt sich dem denkenden Menschen die Gottes-Ordnung und Waltung in der Geschichte an.
„Jeder für sich entartet, zusammen gegenseitig sich Fluch bringend, Keiner mehr aus Grundsatz das Gute thuend, Keiner, auch nicht Einer" — eine solche Zeit, meint unser Psalm, ist schon gewesen,
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. הלא ידעו וגו', in Mitten einer solchen Entartung und Gottvergessenheit war dann Ein menschengesellschaftlicher Verein, den Gott „עמי„ sein Volk nannte, der nicht Gott vergessen hatte, der mit seinem ganzen menschengesellschaftlichen Sein und Wollen sich Gott und seinem Gesetze unterordnete und sein Geschick ihm anheimstellte — dieses Volk des göttlichen Gesetzes, das in Mitte der Gottvergessenheit und Gesetzeshöhnung die Standarte Gottes und seines Gesetzes hochzuhalten hatte, dem aber damit und dafür alle die Wege und Mittel versperrt waren, mit welchen die Anderen Selbsterhaltung und Selbstvergrößerung und Selbstvertheidigung suchten und fanden — das Volk war dann immer das völlig verlorene in der Welt, es hatte nur seinen Gott — und diesen Gott verlachte die Gewalt und sah in diesen macht- und wehrlosesten aller Menschen, nichts als einen preisgegebenen Bissen für jedes gewaltthätige, übermüthige Gelüste — und dieses wehrlos unter alle Mächte dahin zerstreute Volk, war doch das historische Ausrufungszeichen, der weltgeschichtliche Gottesfinger, der mitten in aller Gottvergessenheit ein Bewußtsein von „Gott dem Einzig Einen" nicht völlig untergehen ließ, und dessen unbesiegbares und völkergeschichtlich unsterbliches Dasein doch die Gegenwart Gottes in der Geschichte demonstrirte. Denn, fragt unser Psalm, haben nicht immer, wenn gewaltthätige Mächte dieses Volk wie einen wehrlosen Bissen zu verspeisen gedachten, haben sie nicht da immer „Gott" kennen gelernt, den sie zu ihrem Völkerverspeisungsmahl „nicht eingeladen hatten" dessen Dasein, Gegenwart, Willen und Macht sie vergessen hatten mit in Berechnung zu bringen?!
קראו, wie וקרא לך ואכלת מזבחו (2. B. M. 34, 15) וקראת לישי בזבח (Sam. I. 16, 3) אחרי כן יאכלו הקרואים (Sam. I. 9, 13) und sonst.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. שם פחדו וגו'. Da lernten sie eine unsichtbare Macht fürchten, כי אלהי' בדור צדיק. צדיק ist der vollendete Gegensatz zu נבל: der נבל hat alle sittlich freie Kraft im Frohndienste der sinnlichen Begehrungen eingebüßt. Der צדיק stellt mit freier sittlicher Energie sich und all sein Denken und Wollen in den Dienst Gottes und seines Gesetzes. צדיק ist der Mann der Pflicht. דור, allgemein die Reihe einer gleichzeitig lebenden Zeitgenossenschaft (Pent. 1. B. M. S. 28 und 138) kommt auch als eine Reihe geschichtlicher Ereignisse vor. So קורא הדורות מראש (Jes. 41. 4). So heißt namentlich Israels ganze Geschichte דור: ואת דורו מי ישוחח (Jes. 53, 8.: wer vermag Israels Geschichte denkend auszusprechen! (eigentlich: genetisch — שיח von der Wurzel an wie ein Gewächs — zu erzählen). So wird ja auch עת, Zeit, zur Bezeichnung der Zeitereignisse, des Geschickes gebraucht. והיה אמונת עתיך (Jes. 33, 6) בידך עתותי (Ps. 31, 16) und sonst. Es ist nicht unmöglich daß auch hier דור in diesem Sinne steht. Wenn eben das Macht- und Wehrloseste, das nichts als Gott hat und seinen Gehorsam gegen Gott, das Einzige ist, das aus allen Vernichtungsversuchen gewaltthätiger Jahrhunderte siegreich hervorgeht, so findet die Menschheit, die überall, von dem Schein irdischer Macht und Hoheit geblendet, Gott nicht mehr sieht, Gott in Israels Geschichte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. 7. עצת וגו' מי יתן וגו'. Aus allem Bisherigen wird nun in diesen Schlußsätzen die Consequenz für jede Gegenwart des in seinen Leidensgängen lediglich auf Gott hingewiesenen jüdischen Volkes gezogen. עצה ist nicht nur der Rath, der einem Andern ertheilt wird, sondern auch ein Plan, Beschluß, Vorsatz, den man zur eigenen Beachtung und Ausführung faßt. So heißt ja auch יעץ überhaupt beschließen זאת העצה היעוצה על כל הארץ וגו' כי ד' צבאו' יעץ ומי יפר (Jes. 14, 26, 27). So ja auch (Ps. 13. 3.) עצת ד' לעולם תעמוד (Ps. 33, 11) und sonst. — בוש heißt das durch eine getäuschte Erwartung hervorgerufene Schamgefühl (Siehe Pent. 1. B. M. 2, 25). תבישו, Hifil, also: Etwas als eine getäuscht werdende Erwartung schmähen. ציון (verwandt mit צי̈ון Denkmal) ist in תנך immer die Bezeichnung der Tempelstätte als Gesetzesheiligthum כי מציון תצא תורה (Jes. 2, 3). שוב mit dem Accusativ, שוב שבות, siehe hierüber Pent. 5. B. M. 30, 3.
Auf Grund der in Vorhergehendem niedergelegten geschichtlichen Thatsache, daß die schützende und erhaltende Gottes-Allmacht sich in der jüdischen Leidensgeschichte zu allen Zeiten der drohendsten Gefahr bekundet hat, richtet nun der Psalm die Frage an Israels Umgebung: Und da wollet ihr nun den Lebensvorsatz des Armen, der von allen äußern Stützen der Macht und des Ansehens entblößt, auf Gott und nur auf Gott sein zuversichtliches Vertrauen setzt, als eine Selbsttäuschung, als eine Erwartung verlachen und schmähen, die auf keine Erfüllung zu hoffen hätte? Wer ist es denn, der Israel in aller Gegenwart und aller Zukunft aus Zion, von Zion, durch Zion, durch den geistigen Schatz den תורה, der dort niedergelegt war, dem Zion selbst in der Verödung für alle Zukunft geweiht und geheiligt bleibt, wohin aus West und Ost, aus Nord und Süd die Allzerstreuten betend den Blick der Hoffnung wie zum Quell ihrer ausharrenden Begeisterung und mitten im Leiden beglückend aufrichtenden Begeistigung wenden, wer ist es denn, der durch den von Zion aus uns gebliebenen geistigen Schatz das ganze große geschichtliche Wunder des jüdischen Fortdaseins und innern beglückenden Fortblühens in aller Vergangenheit bewirkt hat und einst zur verheißenen Vollblüthe verwirklichen wird? מי יתן מציון ישועת ישראל? Das ist ja eben kein Anderer, als derselbe Gott, der in der ganzen jüdischen Leidensvergangenheit Israel und — der Welt sich bekundet hat, in den daher Israel — trotz seiner äußern „Armuth" und socialen „Unselbstständigkeit" — mit vollster Berechtigung seine Zuversicht setzt, und sich durch die bittersten Erfahrungen, durch Schmähungen und Verlockungen in seinen Grundsätzen und Lebensvorsätzen nicht irre machen läßt. Nur in dem treuen Verharren bei dem Gesetze, das uns Gott von Zion aus mit hinausgegeben, ruht unsere Kraft in jeder Zeit und unsere Hoffnung für alle Zukunft, und בשוב ד' שבות עמו, wenn Gott einst zu der Gesammtverbannung seines Volkes sich zurückwendet und wieder in ihre Mitte als in die Mitte „seines" Volkes einzieht, dann wird „Jaakob," das weltgeschichtliche Leidensvolk, aufjauchzen über die Erfüllung der Erwartung, der es in allen den Prüfungszeiten der Leiden irrelos entgegengeharrt, und dann wird für es als „Jisrael," als das die Gottesherrschaft in Geschick, Lehre und Leben verkündende Volk, die Zeit der dauernden Freude beginnen.
גיל, גול ist der laute Ausbruch der Freude, wohl verwandt mit קול, dem Lautwerden von Gedanken und Empfindungen überhaupt. שמח, verwandt mit צמח, (wie שוש mit ציץ blühen), ist das Gefühl des innern Wachsens, des innern ungehemmten Gedeihens, die Heiterkeit. Während גיל ein stärkeres Freudegefühl ausdrückt, hat שמח die Dauer voraus. Man kann wohl in besonders freudig gehobenen Momenten in גילה laut werden, aber שמחה ist das dauernde Freudengefühl, die Heiterkeit, die als Stimmung uns eigentlich durch's ganze Leben begleiten soll. Daher erklärt sich, daß häufig שמח als Steigerung dem גיל nachfolgt. אגילה ואשמחה בחסדך (Ps. 31, 8): ich werde jauchzen, ja ich werde zu dauernder Freude durch deine Güte gelangen, und sonst. So auch hier. Wenn die Erlösung kommt jauchzt Jakob auf und Israel gelangt zu dauernder Freude.