Tehillim 121 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 121, V. 1. 2. שיר למעלות, ein Lied für die Emporgänge, ein Lied, welches die Gedanken ausspricht, aus welchen wir die Kraft und die Zuversicht zum Emporschwung in aller Zeit und aus aller Zeit zu schöpfen haben.
אשא וגו' ist eine Verneinung in Form einer Frage. ההרים, Vgl. Ezech. 18, 6. אל ההרים לא אכל ועיניו לא נשא אל גלולי בית ישראל. Nicht zu den irdischen Größen hebe ich meine Augen hin, woher mir Beistand werde. Ich leiste Verzicht auf die Gunst und den Beistand, den mir die Erde mit allen ihren Größen versagt. Es giebt einen Höhern und Sichern, von dem ich Beistand erwarte, Gott, der nicht nur Einmal Himmel und Erde geschaffen hat, der noch Himmel und Erde gestaltet, von dessen Walten daher jeder gegenwärtige und kommende Augenblick bedingt ist, dessen Willen Nichts entgegensteht, dessen Wink Alles gehorcht. Von Ihm erwarte ich עזר, Beistand für mein Sein und Wollen, da mein Sein und Wollen seinem Willen und den Zielen seines Waltens gemäß ist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. אל יתן וגו'. Alle die den Menschen überragenden Größen und Mächte vermögen dem Menschen nur physischen und mechanischen Schutz zu gewähren. Selber unfrei gebunden, haben sie Nichts für den sittlich freien Gang des Menschen, und der physische und mechanische Schutz den sie gewähren, reicht weder aus, noch ist er zu jeder Zeit zu finden. Als dem Irrthum und Fehltritt ausgesetzter Mensch und Jude bedarfst du aber eines Hüters, der vor Allem dir Stütze zu gewähren vermag, wenn du schwankst und dem sittlichen Falle nahe bist, und bedarfst eines Hüters, der ganz wach ist und immer wach ist, dich in allen deinen Beziehungen und zu jeder Zeit zu überwachen. Kein Anderer als Gott vermag dir einen solchen steten und ausreichenden Schutz zu gewähren. Er, der Hüter Israels ist immer ganz wach, und immer wach.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. 6. ד' שמרך וגו'. Ist aber Gott dein Hüter, Gott zugleich dir Schatten wenn dir die Glückessonne zur Rechten steht, also daß der Glanz des Glückes dich nicht blende und übermüthig mache: so wird die Sonne des Glückstages dir nicht schaden, und in den Nächten des Unglücks wird dir dein Gottbewußtsein und dein Gottvertrauen wie ein Mond jedes Dunkel milde erhellen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. 8. ד' ישמרך וגו'. Gott gewährt dir nicht einen nur einseitigen Schutz, Gott schützt dich vor allem physischen, socialen und sittlichem Uebel, hütet vor Allem deine Seele, daß dein seelisches Wesen nicht die Reinheit verliere und seiner schützenden und segnenden Nähe würdig bleibe. So mögest du denn getrost in Mitte einer gegensätzlichen Welt hinausziehen und deine Wanderungen in einer solchen vollenden. Gott läßt dich in ihr nicht zu Grunde und nicht verloren gehen, führt dich vielmehr einst, durch alle die Prüfungen und Erfahrungen gestählt und bereichert, in die ureigene Heimath zurück.