Tehillim 120 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 120, V. 1. שיר המעלות. Es folgen fünfzehn Psalmen, die alle dem Aufwärtsstreben, dem Emporsteigen aus niederer, getrübter Lage dienen, die in der Kraft dieses Aufwärtsstrebens die darin sich offenbarende Gotteswirkung schauen und sie zum Ausdruck bringen; darum: שיר, ein Gott schauendes Lied. Nach Sukah 51, b, entsprachen diesen fünfzehn nationalen Aufwärts-Liedern die fünfzehn Stufen, welche zu עזרת ישראל zu der nationalen Tempel-Vorhalle führten, und auf denen die Leviten-Chöre der Tempelgesänge standen. Sind sie doch eine Stufenleiter, welche Israel zur geistigen Höhe seiner im Gesetzesheiligthum vergegenwärtigten Bestimmung aus seiner Galutherniedrigung geleiten. Israel befindet sich in der Mitte von Kulturvölkern. Aber es ist die Wahrheit und die Wahrhaftigkeit aus der Rede, weil aus dem Leben geschwunden. Es darf die Wahrheit nicht zum Ausspruch und zur Erkenntniß gebracht werden, weil dies ein Protest gegen den Fortbestand des Bestehenden wäre. Israel, das durch Wort und mehr noch durch sein Leben die von Gott geoffenbarte Wahrheit zu verkünden und zu vertreten unter die Völker gesandt worden, findet eben als Vertreter der Wahrheit die allgemeine Feindschaft, und wird als Störenfried aus der Völkergemeinsamkeit gewiesen und angefeindet. Aus dieser Lage heraus spricht es:
אל ד' וגו', von Menschen zurückgewiesen, habe ich nur zu Gott meine Zuflucht, und diese Lage ist mir nicht neu, ich habe sonst schon in ganz gleicher Nothlage zu Gott gerufen, und Gott hat mich inne werden lassen, daß er meinen Nothruf vernommen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. ד' הצילה וגו'. Dies war und ist wieder der Ruf. שפה, die Lippe, der „Rand“ des Sprachorgans, umfaßt das ganze Sprachvermögen: לשון, die Zunge, gestaltet das einzelne Wort. Das ganze Sprachvermögen steht im Dienste der Lüge; nicht zum Ausdruck der Wahrheit der Dinge und der Gedanken und Gesinnungen, zu deren Verschleierung dient die Rede; und jedes gesprochene Wort dient der Täuschung. Weh dem, der ihm vertraut! רמיה ist Adjektiv, wie עניה סוערה (Jes. 54, 11). רמה Siehe Pent. 1. B. M. S. 440.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. 4. מה יתן לך וגו'. Was erreichst du mit deiner Täuschung? Es wird dir damit Nichts „gegeben,“ du erreichst nichts Neues damit; und Nichts „gemehrt,“ das Bestehende erhält keine dauernde Förderung. Eines Mächtigen, Gottes, Pfeile sind schon geschärft und er hält zugleich גחלי רתמים für dich bereit. Nach B. B. 74, b. bleiben die Kohlen vom Rotham-Baum sehr lange glühend. Nach Raschi z. St. bleibt die Gluth im Innern, wenn sie gleich von Außen schon taub zu sein scheinen. Vielleicht ist demnach רתם mit רדם, der Bezeichnung tiefern Schlafes, verwandt. Die Kohlen bleiben im Innern wach, obgleich sie äußerlich wie todt erscheinen (Vgl. Pent. 1. B. M. 2, 21). Die Pfeile sind schon geschärft, die dich, und ungesehen glimmen schon die Gluthen, die deine Schöpfungen verderben sollen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. אויה וגו'. Da das einen Wunsch ausdrückende ה nicht wohl mit dem Schmerzensausdruck אוי verbunden gedacht werden kann, so scheint אויה mehr von אוה, wünschen, einen Wunsch auszudrücken. משך, eine von Japhet stammende Völkerschaft (1. B. M. 10, 2). In ihrer Zusammenstellung mit אהלי קדר scheint sie ebenfalls ein von den seßhaften Wohnstätten entferntes Nomadenleben geführt zu haben. Erwünschter wäre es mir gewesen, ich hätte mich bei den Beduinen in der Wüste aufgehalten. Wenn gleich fern von der Kultur, hätte ich damit doch mich nicht so in der Mitte Wahrheit hassender Völker befunden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. רבת וגו', der סמיכות ohne נסמך bezeichnet immer die allgemeinste Beziehung (Vgl. Ps. 65, 10 u. f.). Zu viel in jeder Beziehung hat sich meine Seele gewohnt, d. i. es ist meiner Seele zuwider geworden, mit Feinden des Friedens zusammen zu wohnen, welche Vortheile und Annehmlichkeiten es auch für mich gehabt haben mochte, an Kultur-Stätten zu wohnen. שונא שלום, der Haß der Wahrheit schließt den Haß des Friedens in sich. Nur wenn alle Menschen der Wahrheit, d. i. der Uebereinstimmung ihres Denkens, Wollens, Redens und Handelns mit dem Sein und Sollen der Verhältnisse huldigen, können die Menschen bei aller Mannigfaltigkeit ihrer Eigenart in Frieden nebeneinander bleiben und streben. In der Wahrheit findet jeder den Raum und die Gränze seiner Berechtigung. Die Lüge entzieht Allen und Allem den Boden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. אני שלום וגו'. Ich bin daher der Friede, meine ganze Sendung ist, den Frieden auf Erden zu bringen, auch wenn ich die mir für die Erkenntniß der Menschheit anvertraute Wahrheit unverkürzt und unverschleiert ausspreche. Sie aber, mit ihrem Hasse der Wahrheit sind sie auch Feinde des Friedens und verewigen den Kriegszustand auf Erden.