Tehillim 119 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 119, V. 1. אשרי תמימי דרך וגו'. Dieser Psalm erscheint als das Tagebuch eines nach richtiger Erkenntniß und sittlicher Vollendung ringenden jüdischen Jünglings und Mannes. Die alphabetische Reihefolge zeigt, daß, wie andere Psalmen besonders belehrenden Inhalts, auch die Aufzeichnungen dieses Psalms die allgemeinste Belehrung mit im Auge haben (Siehe Ps. 25, 1), und zwar wiederholt dieser Psalm das Alphabet acht Mal, so daß der Reihe nach je acht Sätze mit Einem Buchstaben anfangen, und dann zu einer gleichen Gruppe mit dem folgenden übergehen. Sollte unsere, in den Grundlinien einer jüdischen Symbolik (Jeschurun V. S. 23) näher begründete Annahme, daß die Zahl Acht im Gebiete des heil. Schriftthums die Signatur des speciell „Jüdischen“ sei, nicht fern von der Wahrheit sein, so dürfte auch die für diesen Psalm gewählte Zahl Acht vollkommen dem Inhalte desselben entsprechen, der uns nicht das Ringen nach Erkenntniß und sittlicher Vollendung im Allgemeinen vorführt, sondern uns einen Einblick in das innere Leben eines nach jüdischer Erkenntniß und jüdischer sittlicher Vollendung Ringenden gewährt.
In der That ist es eben das göttliche Gesetz, dessen Erkenntniß und Verwirklichung in diesem Psalm als das höchste, ja man kann sagen, als das einzige Anliegen eines jüdischen Menschen erscheint. Und zwar das Gesetz nach allen seinen Bestandtheilen: תורות, die Geist und Gemüth belehrenden und veredelnden Lehren; עדות, die von Gott für diese Lehren gestifteten symbolischen Institutionen: פקודים, an den unserer Hut von Gott anvertrauten Wesen zu erfüllende Aufträge; מצות, uns auf unsern Lebensposten anweisende Verpflichtungen; חוקים, unsere Sinnlichkeit umschränkend heiligende Gesetze; משפטים, unsere menschengesellschaftlichen Beziehungen regelnde Rechtsordnungen: und während sie zusammen ihm דבר ד', das Gotteswort, der Ausspruch Gottes sind, so ist ihm der Ausdruck אמרה für Gottes Gesetz eigenthümlich. Ist doch אמר in Beziehung auf Gottes Gesetzaussprüche der Begriff des Mittheilens, Erklärens, Ueberlieferns (Siehe Pent. 1. B. M. 1, 22), und entspricht somit vorzugsweise einem Streben, das nicht blos auf Einprägung des Ausgesprochenen, sondern auf dessen volles und eingehendes Verständniß gerichtet ist.
Das Verständniß und die Erfüllung der göttlichen Gesetze ist seine Freude, שש אנכי על אמרתך (V. 162), ששון לבי המה (V. 111), sie sind seine Sehnsucht, seine Lust, seine Liebe, גרסה נפשי לתאבה (V. 20), תאבתי לפקדיך (V. 40), בו חפצתי (V. 33), אשר אהבתי (V. 47), das höchste Gut טוב לי תורת פיך (V. 72), der Gegenstand seiner flehenden Bitten אשא כפי אל מצותיך (V. 48), seine einzige Bestimmung חלקי ד' וגו' (V. 37), ihre Gewährung ihm die höchste Gotteswohlthat, חסדך ד' וגו' (V. 64), sie sind seine Rathgeber אנשי עצתי (V. 24), die ihn sogar klüger als Andere erscheinen lassen, תחכמני (V. 98), sind seine stete Beschäftigung und Unterhaltung, תורתך שעשעי (V. 77), sie sind ihm Leuchte und Licht für seinen Wandel, נר וגו' ואור וגו' (V. 104), seine ganze geistige Entwickelung, sein geistiges „Wachsen“ ist in ihnen, כל היום היא שיחתי (V. 97), alle seine Lebenserfahrungen kommen ihrer Erkenntniß zu Gute, מכל מלמדי השכלתי וגו' (V. 99), sie sind seine Erheiterung auf seiner ganzen irdischen Wallfahrt, זמרות היו לי (V. 54). Darum nennt er auch häufig Gottes Zeugnisse עדות, mit einer leisen Umbiegung עדות (von עדה, wovon עדי): der Schmuck und das adelnde Diadem des Mannes, בדרך עדותיך ששתי וגו' (V. 14. 2c.) Diese Gesetze zu „hüten,“ d. i. sie lernend sich gegenwärtig zu halten und ihrer Uebertretung gewissenhaft vorzubeugen, לשמור (V. 4. 5. u. f.), das bezeichnet er immer wiederkehrend im Allgemeinen als sein Streben, er birgt sie in seinem Herzen, בלבי צפנתי (V. 11), wacht darüber, daß sie ihm genau und deutlich bleiben, אצרנה עקב (V. 33) und er nichts von ihnen vergißt, לא אשכח (V. .6).
Von Gott, der ihn geschaffen und ihm die Richtung seiner Bestimmung ertheilt hat, von Ihm erbittet er sich die Geisteskraft, seine Gebote zu „lernen,“ ידיך עשוני ויכוננוני הבינני ואלמדה מצותיך (V. 73), ja, er erwartet von Ihm einwirkenden, erleuchtenden, Einsicht und Erkenntniß gewährenden, einpflanzenden Beistand bei diesem Lernen, למדני, גל עיני, אל תסתר, הבינני ואדעה, הורני V. 12. 18. 19. 125. 33. 2c.).
Sein erstes Streben ist allerdings sich den Wortlaut, Gegenstand und allgemeinen Inhalt der Gesetze so einzuprägen, daß er sie geläufig herzuzählen vermag, בשפתי ספרתי וגו' (V. 13). Allein nur die erste unerläßliche Vorbedingung ist ihm dieses äußerliche allgemeine Wissen, er sucht בינה, volle Einsicht in ihre näheren Bestimmungen und Folgerungen für die Erfüllung und in ihre gegenseitigen Beziehungen, כדברך הבינני (V. 169), דרך פקודיך הבינני (V. 27), ja, erst nach Erlangung dieser בינה fühlt er sich im Stande, die Gesetze zu wahren und zu erfüllen. הבינני ואצרה תורתך ואשמרנה (V. 34), erst mit dieser בינה erlangt er wahre Kenntniß des Gesetzes, הבינני ואדעה עדתיך (V. 125), erst diese בינה macht sein Leben zu Leben, הבינני ואחיה! (V. 144). Allein auch diese בינה ist nicht sein letztes Ziel. Er sucht noch eine tiefere, in die Motive und Ziele der Gesetzgebung eindringende Einsicht und Erkenntniß, טוב טעם ודעת למדני (V. 66), und fügt die bedeutungsvolle Worte hinzu: כי במצותיך האמנתי! Für den, der an Gottes Geboten, nicht als Gottes Geboten hängt, dem erst aus zu suchender Einsicht in ihre Gründe und Zwecke ihre Heiligkeit und unverbrüchliche Verpflichtungskraft hervorgehen soll, mit Einem Worte: dem die אמונה במצות ד' nicht dem Nachdenken über dieselben vorangeht, dem ist ein solches Nachdenken und Versuchen in Motive 2c. der Gesetze einzudringen, ein vermessenes und verderbliches Unternehmen. Der kommt auch nicht erst durch ein solches Nachdenken zum Abfall, der hat schon die אמונה במצות vor dem Eintritt in die Halle der Gedanken an der Schwelle abgelegt. Die Bitte dieses Psalms um höhere Einsicht und Erkenntniß gründet diese Bitte daher auf das Bekenntniß כי האמנתי במצותיך, seine אמונה במצותיך soll nicht erst aus dieser Einsicht und Erkenntniß hervorgehen, sondern geht ihnen voran, bildet ihre granitfeste Grundlage. Eben weil ihm die göttlichen Gesetze Gottes Gesetze sind, darum strebt er in ihnen den Spuren der göttlichen Weisheit ahnend nachzugehen, wie der Menschengeist in den Wundern der Natur und Geschichte die Offenbarungen der göttlichen Allmacht und Weisheit nachzuforschen bestrebt ist, und bittet: גל עיני ואביטה נפלאות מתורתך, öffne meine Augen, daß ich schaue Wunder aus deiner Lehre! (V. 18).
Aber auch die höchste Erkenntniß ist ihm das Höchste nicht. Glück und Bedeutung des Lebens liegen ihm im praktischen Leben, in der gotttreuen Erfüllung seiner Gesetze. Nur die in sittlicher Ganzheit im göttlichen Gesetze wandeln, befinden sich im Fortschritt zu Glück und Gedeihen, אשרי תמימי דרך ההלכים בתורת ד' (V. 1) Gott hat seine Gesetze gegeben, damit sie erfüllt werden, אתה צויתה פקדיך לשמר מאד (V. 4), und nur wenn alle seine Wege dahin gerichtet sind, Gottes Gesetze zu halten, braucht er sich nicht zu schämen, auf Gottes Gesetze hinzublicken. אחלי יכנו דרכי לשמר חקיך אז לא אבוש בהביטי אל כל מצותיך (V. 6).
Der oberste, leitende Grundsatz für dieses praktische Leben ist ihm אמונה, das felsenstarke Festhalten an Gott, an sein Wort, an seine Leitung und Führung, in Gott seinen Erzieher und Führer zu erblicken, dessen Leitung er sich rückhaltlos und wandellos überläßt, und der ihm eben mit seinem Gesetze die Anweisung für sein Leben übergeben. Alle göttlichen Gesetze sind ihm daher in weiterem Sinne משפטים, Rechtsforderungen, durch deren Erfüllung man Gott, der Welt und sich gerecht wird, durch deren Uebertretung man sich gegen Gott, gegen die Welt, gegen Sich versündigt, und alle gelten ihm gleich, alle sind von Einer Autorität: „Gott“ getragen, alle ruhen auf Einem Grunde: אמונה; ob man sich gegen Gott, gegen die Welt, gegen Sich vergeht, in aller erster Linie versündigt man sich mit Allem gegen Gott, dessen Ausspruch man höhnt, dessen Wille man entgegen handelt, dessen Bestimmung allein es ja auch ist, die der Welt und uns einen Anspruch an uns ertheilt. דרך אמונה בחרתי משפטיך שויתי (V. 30). Und unter allen Umständen und bis zur letzter Consequenz, will er Gottes Gesetz erfüllen, אשמרה תורתך תמיד לעולם ועד, ואצרנה עקב (V. 44, 33), überdenkt immer die Wege, die er gegangen, und führt, wo er gefehlt, seine Schritte immer zurück zu Gottes Gesetz, חשבתי דרכי ואשיבה רגלי (V. 59), ist nicht träge, nicht lässig bei Erfüllung der göttlichen Gebote חשתי ולא התמהמהתי וגו', דרך מצותיך ארוץ (V. 59, 31), hält von Allem, was nur zum Unrecht führen kann, sich mit Ernst zurück, מכל ארח רע כלאתי רגלי (V. 101), bindet sich, um jeder Versuchung zu entgehen, mit Eidesvorsätzen zur Erfüllung der göttlichen Vorschriften, נשבעתי ואקימה וגו' (V. 106), arbeitet stets an seinem Innern, נטיתי לבי (V. 112), und bringt sich dahin, daß ihn Haß und Abscheu gegen alles Schlechte erfüllt, שנאתי כל ארח שקר, סעפים שנאתי, שקר שנאתי ואתעבה (V. 104. 113. 163).
Dabei rechnet er auf Gottes Beistand, ihn vor irrenden Fehltritten zu schützen, ihn den rechten Weg finden und rüstig betreten zu lassen, sein Herz in jeder Neigung zum Guten und Abneigung vom Schlechten zu kräftigen, und auch sein sinnliches Auge nicht an täuschendem Schein haften zu lassen, לא תשגני ממצותיך, הדריכני בנתיב מצותיך, הט לבי אל עדותיך וגו', העבר עיני מראות שוא (V. 10, 14—16), und ebenso sucht er sich durch die Gemeinschaft und den Umgang mit gottesfürchtigen, pflichtbeflissenen Menschen im Guten zu stärken, חבר אני לכל אשר יראוך ולשמרי פקודיך (V. 63).
Allein mit diesen Grundsätzen und diesem auf die Erkenntniß und Erfüllung der göttlichen Gesetze gerichteten Streben, befindet er sich keineswegs im Einklang mit allen seinen Zeitgenossen. Es gab in seiner Zeit muthwillige Gesetzverächter, die hintennach durch theoretische Irrthümer den Abfall beschönigten, זדים ארורים השגים ממצותיך (V. 21). Es gab auch, also in's Materielle versunkene Menschen, daß ihnen aller Sinn für Geistiges und Höheres abging, טפש כחלב לבם (V. 70), Menschen, denen alles Gesetzliche eine Fessel war, die sich daher der Bande des göttlichen Gesetzes entledigten, sich um Gottes Gesetze überall nicht kümmerten, רשעים עזובי תורתך, חוקיך לא דרשו (V. 53. 155), oder die durch falsche Auffassungen und Deutungen dem Gesetze fern wurden, und sich und Andere durch Täuschungen betrogen, שגים מחקיך כי שקר תרמיתם (V. 118). Allen diesen waren die Gesetzestreuen Gegenstände unendlichen Witzelns und Gespöttes, זדים הליצוני עד מאוד, גל מעלי חרפה ובוז (V. 50, 22), ja der Verleumdung und Verfolgung, טפלו עלי שקר זדים, שקר רדפוני, קוו לאבדני (V. 69. 86. 95.); insbesondere blickten auch Vornehme und Große verächtlich auf Lern- und Pflichtbeflissene des göttlichen Gesetzes herab, so daß schon viel Selbstverleugnung dazu gehörte, in ihrer Gegenwart vom göttlichen Gesetze zu sprechen, גם ישבו שרים בי נדברו עבדך ישיח בחקיך, ואדברה בעדתיך נגד מלכים ולא אבוש (V. 23. 46). Es war eine Zeit, in welcher die Aufforderung lag, für Gottes Sache ein- und aufzutreten, denn seinem Gesetze bereitete man den Untergang. עת לעשות לד' הפרו תורתך (V. 126).
Diese Wahrnehmung, weit entfernt, den nach Erkenntniß und Pflichterfüllung Ringenden in seinem Streben zu schwächen, erhöhte nur seine Hingebung, seinen Ernst und seine Gewissenhaftigkeit in diesem Streben, על כן אהבתי מצותיך וגו', על כן כל פקודי כל ישרתי וגו' (V. 127. 128), Schmerz und Thränen kostete ihn der Abfall, den er erlebte, זלעפה אחזתני וגו', פלגי מים ירדו, עיני וגו' (V. 53. 136). Und sein Schmerz blieb nicht müßig, wo er Veranlassung fand, trat er gegen den Verrath an Gottes heilige Sache auf, und setzte seine Kraft in seinem Eifer ein, ראיתי בגדים ואתקוטטה, צמתתני קנאתי וגו' (V. 158, 139).
Wohl machte dieses sein Auftreten alle Feinde des göttlichen Gesetzes zu seinen Gegnern, die ihm schmerzliches Leid bereiteten, sein ganzes Dasein untergruben, ihm Verderben bereiteten, חבלי רשעים עודני, כרו שיחות, כמעט כלוני, קוו לאבדני (V. 61, 85. 87. 95), überhaupt war sein Leben von niederbeugenden, kummervollen, entkräftenden Leiden nicht frei, דבקה לעפר נפשי, דלפה נפשי מתוגה, הייתי כנאד בקיטור (V. 24. 28. 83 2c.); er aber verehrte in allem Leid das gerechte Walten und die treue erziehende Hand Gottes, ידעתי כי צדק משפטיך ואמונה עניתני (V. 75), wußte sich ernster und besser seitdem Leid das ihn getroffen, טרם אענה אני שגג וגו' (V. 67), und dankte seinen Leiden seine innigere und tiefere Beschäftigung mit dem göttlichen Gesetze, ja sah in ihnen geradezu einen mahnenden Hinweis zum „Lernen“ der göttlichen Gesetzeslehre, dessen belebende, Geist und Gemüth erhebende, besänftigende und erheiternde Kraft sich ihm voll eben erst im Leid erprobte, טוב לי כי עניתי למען אלמד חקיך, אמרתך חייתני, בם חייתני. זמרות היו לי חקיך, לולי תורתך שעשעי אז אבדתי בעניי (V. 71. 50. 93. 54. 92) Leiden und Gefahren zogen ihn daher nicht ab von seiner Beschäftigung mit der Gotteslehre, sie bildete vielmehr seine Zuflucht in Leid und Gefahr, in sie versenkte er seinen Geist, und vergaß Leiden und Gefahren, die ihm drohten, לי קוו רשעים לאבדני עדתיך אתבונן, צר ומצוק מצאוני מצותיך שעשעי, הייתי כנאד בקיטור חקיך לא שכחתי, ישבו שרים בי נדברו עבדך ישיח בחקיך (V. 95. 143. 83. 23), vor Allem ist es die Nacht und die Morgenfrühe, die ihn mit seinem Geistes- und Gemüthesleben wach vor Gott fanden, קדמו עיני אשמרות לשיח באמרתך, חצות לילה אקום להודות לך על משפטי צדקך (V. 148. 62).
Dies war das Streben dieses nach Wahrheit der Erkenntniß und des Lebens Ringenden. Mit diesem Streben begriff er sich als Gottes Diener, im Dienste der Gotteszwecke auf Erden lebend und strebend, und wenn er einmal irre gegangen, und die Spur der GottesLeitung und Führung verlassen und verloren hatte, so harrte er der Gotteshand, die ihm wieder auf die rechte Spur verhelfen werde, wie der Hirte ein von seiner Heerde verloren gegangenes Lamm aufsucht, תעיתי כשה אבד בקש עבדך כי מצותיך לא שכחתי (V. 176).
Nach diesen, keineswegs erschöpfenden Zusammenstellungen, mit welchen wir ein Gesammtbild von dem Streben und Leben des nach Erkenntniß und Pflichttreue Ringenden anzudeuten versuchten, dessen Aufzeichnungen wir in diesem Psalm vor uns haben, wenden wir uns nun zur Erläuterung des Einzelnen.
תמימי דרך, die ganz sind im Wandel, die ihren Wandel Einem Grundsatz unterwerfen, und von diesem Grundsatz ihr ganzes Sein und Wollen leiten lassen, und dieser ihr ganzes inneres und äußeres Leben gestaltender Grundsatz ist: zu gehen in der Lehre Gottes, sie sind הלכים בתורת ד'. Gehen, sich zu einem Ziele hin bewegen, umfaßt alle innern und äußern Lebensrichtungen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. אשרי וגו', עדתיו: die von Gott gestifteten, sein Wollen und Walten bezeugenden Institutionen, wie שבת, פסח 2c. hinsichtlich Dessen, was Gott der Welt und uns gewesen ist, und wie מילה, ציצת 2c. hinsichtlich Dessen, was Gott uns ist und sein will und wir ihm sein sollen. Diese Zeugnisse wahren sie, pflegen sie, daß sie ihnen immer klar und deutlich gegenwärtig sind (Siehe Pent. 5. B. M. 32, 10), und an der Hand dieser Zeugnisse בכל לב ידרשוהו, „suchen“ sie Gott, streben sie mit ganzem Herzen danach, in ihrer Gegenwart und vor Allem in seinen Beziehungen zu ihnen, Gottes Walten und Wollen zu erkennen und seiner Nähe inne zu werden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. אף לא פעלו. Auch wo sie blos negativ ihre Pflicht erfüllen, ein Unrecht, wozu sie Gelegenheit haben, und das ihnen Vortheil gebracht hätte, nicht thun, auch da sind sie nicht bloß negativ, unthätig, daß sie es etwa nur aus Furcht vor göttlicher oder menschlicher Strafe unterlassen, sondern auch da בדרכיו הלכו, üben sie eine volle positive, innere Thätigkeit, indem sie ihr Inneres in die von Gott durch sein Walten und seine Lehre uns gewiesene Richtung leiten und mit Meisterschaft halten. Es dürfte dies ganz dem Sinne entsprechen, in welchem, in Gegensatz zu R. Jismael, der die Ansicht ausgesprochen hatte, unsere Väter hätten am Sinai jedem gebietenden Ausspruch mit Ja! jedem verbietenden mit Nein! begegnet, R. Akiba vielmehr lehrte, sie hätten auch jedes Verbot mit: Ja! aufgenommen. Setzt doch in der That die rechte Erfüllung eines Verbots eine sehr positiv thätige, geistige und sittliche Energie voraus (Siehe Mechiltha zum Dekalog).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. אתה וגו'. פקודים, zunächst Aufgaben, die wir an und mit den uns anvertrauten Wesen und Gütern, wie Familie, Vermögen, unserm eigenen Selbst, zu lösen haben, dürften hier die Gebote selbst als unserer Obhut anvertraute Schätze begreifen. Sie sind uns etwas Gegebenes, Anvertrautes, unserer Hut Empfohlenes, hinsichtlich Dessen wir alle שומר-Pflicht und Verantwortung tragen. Wir haben sie uns immer gegenwärtig zu halten, sie nie außer Acht zu lassen, sie vor Verletzung zu schützen, sie ganz nach Willen ihres Herrn anzuwenden, dürfen sie aber nie nach eigenem Willen und Belieben kürzen und ändern, dürfen nie שולח יד פקדון sein. Alle diese Pflichten umfaßt der Begriff שמירה, daher: לשמור מאוד, sie mehr als alle unsere andern Güter ganz außerordentlich gewissenhaft und sorgfältig zu hüten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. אחלי וגו', von חלה (siehe Pent. 2. B. M. 32, 11), gewöhnlich mit פנים, sich um die Zuneigung eines Höhern bemühen. אחלי, eine Interjektion: meine Anliegen, um deren Gewährung ich Gott bitten möchte, sind allein, daß יכנו וגו', daß ich die rechten Wege mit dem rechten Ernst dahin richte, meine שומר-Pflichten an Gottes חקים zu erfüllen. חקים, in engerem Sinne die unsere Sinnlichkeit in die rechten Gränzen weisenden Gesetze, begreifen hier alle Gebote. Bezeichnet ja jedes göttliche Gebot einen Kreis (חקק, חגג), innerhalb dessen wir eine unserer Fähigkeiten zur Entfaltung und Verwendung kommen lassen sollen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. אז וגו'. Wenn alle meine Lebenswege dahin gerichtet sind, so brauche ich mich nicht zu schämen, wenn ich auf die מצות, auf die Aussprüche Gottes hinschaue, mit welchen Er uns während unseres hieniedigen Seins auf unsern „Posten“ in das „Heer“ seiner Wesen gestellt, und uns unsere Obliegenheiten ertheilt hat. לא אבוש: ich werde in meinen Erwartungen von mir selbst, ein gottgefälliges Leben zu leben, mich nicht getäuscht finden, wenn mir aus Gottes Geboten das Bild eines solchen Lebens entgegen tritt (Vgl. Pent. 1. B. M. 2, 25).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. אודך וגו'. Während ich die Aussprüche deines Rechts lerne, bin ich bemüht, nach ihrem Maßstab die Regungen und Gesinnungen meines Innern zu regeln und zu richten, und mit der „Herzensgeradheit,“ die das Lernen deiner Gesetze bei mir bewirkt, zolle ich dir schon beim Lernen den Dank für die Ertheilung deiner Gesetze.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. את חקיך אשמר וגו', allein ich bedarf dazu deines Beistandes, überlasse mich dabei nicht zu sehr mir selbst.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. במה וגו'. Im Vorhergehenden war das Ziel ausgesprochen, das er erreichen möchte. Hier nun die Frage, auf welche Weise ein Jüngling nun zu diesem Ziele, seinen Pfad nach Gottes Wort zu hüten, gelangen könne. Wenn אורח vorzugsweise den von Menschen zu Menschen führenden Pfad bezeichnet, so wird hier des Jünglings Aufgabe damit als die begriffen, Mensch unter Menschen, Mann unter Männern zu werden. Beides wird er nur, wenn er auf seinen Wandel nach Gottes Wort achtet, ihn nach diesem Worte rein und lauter hält. Die Frage ist also: wodurch gelangt ein Jüngling dahin, seinen, seine Bestimmung als Mensch und Mann suchenden Pfad nach Gottes Wort rein zu halten?
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. בכל וגו', Zuerst: mit ganzem Herzen Gott zu suchen, Gottes Nähe und Beistand für dieses Streben zu erlangen. אל תשגני וגו'. Wir haben schon (Pent. 1. B. M. 8, 1. 3. B. M. 4, 13) bemerkt, wie שגה, verschieden von שגג, vorzugsweise den theoretischen Irrthum bezeichnet. Indem der Jüngling an die geistige Beschäftigung mit dem Gotteswort hinantritt, ist seine erste Bitte, Gott möge ihn davor schützen, daß er nicht eben auf dem Wege dieser geistigen Beschäftigung zu irrigen Auffassungen komme, die ihn von Gottes Geboten abführen könnten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. בלבי וגו'. Wir haben bereits (Pent. 1. B. M. 1, 22) bemerkt, wie דבר den präcisen Ausspruch, אמר aber dessen Erläuterung für das Verständniß und die Verwirklichung bedeutet, weshalb ja die Erläuterer des Gesetzes אמוראים hießen, und unter לאמר bei den Gesetzesaussprüchen die mündlich zu überliefernde Erläuterung bedeutet. So auch דבר אל בני ישראל ואמרת אליהם (Siehe Pent. 3. B. M. 1. 2). Sehr nahe liegt es nun, daß hier unter אמרתך die Ueberlieferung der göttlichen Gesetze verstanden ist, wie sie dem Jüngling durch mündliche Belehrung und die im Leben sich vollziehende Praxis zum Bewußtsein kommt. Diese nimmt er einmal zuerst in sich sorgfältig auf, damit er nicht zur Sünde komme. Dann erst wendet er sich dem theoretischen Lernen des Gesetzes zu.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. ברוך וגו'. Es ist dies die ברכת התורה vor dem Gesetzeslernen. ברוך ist die Gelobung der thätigen Förderung der Gottes-Zwecke durch Erfüllung seines Willens, ein Gelobungsvorsatz, der allem Lernen voranzugehen hat, wenn das Lernen im rechten Sinne geschehen und seinen wahren Zweck erreichen soll (Siehe Pent. 2. B. M. S. 208. 5. B. M. S. 127. 130. 539).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. בשפתי וגו'. Sich den präcisen Wortlaut der göttlichen Gesetze einzuprägen, war sein erster Schritt. Ist doch dieser genaue Wortlaut die unerläßliche Grundlage für jeden weitern Fortschritt, und, wenn nicht משפט" hier, wie oben bemerkt, im weitern Sinne alle Gesetze umfaßt, so dürfte er den Anfang mit משפטים gemacht haben, weil zu deren Beachtung das Zusammenleben mit Menschen jeden Augenblick Gelegenheit bietet, sie auch hinsichtlich ihrer Motive und Wirkungen am durchsichtigsten sind. Beginnt doch auch die ausführliche Gesetzgebung der תורה mit משפטים.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. בדרך וגו'. Ihnen zunächst boten sich עדות dar, bei welchen die Auffassung des Gedankeninhalts, denen sie zum Ausdruck dienen sollen, wesentlich zu ihrer Erfüllung gehört, da sie sich meist selbst als אות, זכרון &c. als Zeichen, Denkmal &c. ankündigen, damit aber die richtige Würdigung des von ihnen Bezeugten und in Erinnerung Gehaltenen entschieden fordern. בדרך עדותיך, auf dem „Wege," d. h. bei der Erfüllung dieser עדות fühlte er, wie sie sich ihm zu עדוות gestalteten (von עדה, schmücken, עדי, Schmuck, so auch ויתן עליו את הנזר ואת העדות Kön. II. 11, 12), zu welcher Herrlichkeit und auszeichnender Schöne sie eben dem jüdischen Menschen gereichen. Sind sie doch wie מילה, ציצת &c. eine fortdauernde Ansprache an sich, ein fortdauerndes Bekenntniß an Gott, oder zugleich wie שבת, מועדים &c. ein offenes Bekenntniß von Gott, ein öffentliches Zeugniß für Gott, alle aber ein ewiges, bedeutungsvolles Zwiegespräch zwischen uns und Gott, — בני ובין בני ישראל אות היא לעולם. — Im reichsten Menschenadel fühlt sich der jüdische Mensch im Wege der Verwirklichung dieser עדות, und genießt ein geistiges freudiges Aufblühen, wie es kaum alle Schätze der Welt zu gewähren vermögen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. בפקודיך וגו', über die Aufgaben, die du uns hinsichtlich der uns anvertrauten Wesen und uns selber gesetzt, sinne ich nach, und gewinne in Anschauung der schützenden und pflegenden, fördernden, entwickelnden, beglückenden und segnenden Thätigkeiten, die du von uns forderst, eine Ahnung von den Wegen deiner Waltungen mit deinen Geschöpfen. Die Wege, die du gehst, willst du von uns in dem nach unserer irdischen Beschränkheit verjüngten Maaße gegangen wissen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16. בחקתיך וגו', deine חוקים aber, zu deren eindringendem Verständniß mir der Schlüssel fehlt, bilden nichtdestoweniger, oder vielmehr eben darum meine immer zu ihnen zurückkehrende stete Beschäftigung, damit ich keines deiner Worte vergesse. אשתעשע siehe Ps. 94, 19, vielleicht auch von שעע, wie שעה, sich zu Etwas hinwenden, und in dieser Verdoppelung: sich wiederholt zu Etwas wenden. Fassen wir das V. 14—16 von seinen ersten lernenden Gängen Gesagte zusammen, so würde dies etwa Dem entsprechen, wenn heutigen Tags ein Jünger der jüdischen Wissenschaft zuerst seine Bekanntschaft mit סדר נזיקין, dann mit סדר מועד, sodann mit סדר נשים, und dann mit חולין und טהרות machen würde, ein Studiengang, der wohl auch noch heute sich uns als der natürliche darbieten möchte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. גמל וגו'. Nachdem ich bereits lernend einige Gesetzeskenntniß erworben, gieb mir nun Leben, damit ich das, was ich gelernt habe, gewissenhaft erfüllen kann.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. גל וגו'. Und wenn ich lernend und übend deinem Gesetze näher getreten bin, so lüfte die Binde von meinen Augen, daß ich nicht nur an dem Aeußern deiner Lehre haften bleibe, sondern einzudringen vermöge, und — wie wir aus deinen Thatoffenbarungen Erkenntniß deiner Waltungsgröße schöpfen — so auch aus deiner Lehroffenbarung die Wunder deiner Weisheitsgröße schauen lerne.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 19. גר וגו'. Fremdling bin ich auf Erden, unbekannt mit den irdischen Verhältnissen, in die ich gesetzt, und mit meinen Beziehungen zu ihnen. Jede deiner „מצות," mit welchen du uns „auf unsern Lebensposten anweisest und einweisest" (Pent. 1. B. M. S. 43), beruht auf zwei Elementen, auf Eigenthümlichkeit und Bestimmung eines irdischen Wesens und Verhältnisses, und auf Eigenthümlichkeit und Bestimmung unseres eigenen Wesens und eines unserer eigenen Verhältnisse. Gelingt es uns den Gedanken zu erfassen, der in einer Mizwa zum Ausspruch gekommen, so wird eine Seite unserer irdischen Umgebung und Beziehung heller vor unsern Augen, wir gewinnen an geistiger Orientirung, geistigem Heimischwerden auf Erden, darum: לא תסתר ממני מצותיך.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 20. גרסה וגו'. גרס, wohl dasselbe wie גרש (das aber nicht die gebrochene sondern enthülste Gerste bedeutet, siehe Pent. 3. B. M. 2, 14), und verwandt mit גרן, chald. und rabb. sowohl das Brechen, Theilen der Körner, als auch: Lernen, wohl das geistige „Kauen" und Verarbeiten eines Lehrstoffs, für dessen Aufnahme in Gedächtniß und Begriff. (Auch das Eine mal, daß גרם noch in תנך vorkommt, bezeichnet es ein Kauen: ויגרם בחצץ שני, Klagel. 3, 16. Vgl. עד דמגרסיתו גרמי בי אבי B. B. 22, a. u. b. Lesart des Aruch). Auch im Midrasch wird גרס hier vom Lernen verstanden. Es wäre dann hier gesagt: Für die Erkenntniß deiner Rechtsordnungen hat das Leben mir fortwährend Stoff geboten, den meine Seele für dieses Streben verarbeitet hat.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 21. גערת וגו'. זדים und השגים erscheint als ein offenbarer Widerspruch in der Aussage. זד ist ein Sündigen mit vollem Bewußtsein des Gesetzwidrigen, dagegen שגה ein Irren, und werden beide gleichzeitig von einem Subjekt ausgesagt. Dazu kommt, daß, so oft auch sonst in diesem Psalm noch von זדים, רשעים &c. die Rede ist, nur hier das möglichst Härteste, ארורים, über sie ausgesprochen ist. Wie bereits wiederholt bemerkt, glauben wir in שגה den, insbesondere durch Voreingenommenheit des Geistes von einer Gedankenrichtung entstandenen, theoretischen Irrthum erkennen zu dürfen (Siehe Pent. 1. B. M. S. 146). Es werden daher hier זדים geschildert, Menschen, die mit vollem Bewußtsein das göttliche Gesetz übertreten, und dann zur Beschönigung ihres Abfalls, denselben durch irrige Auffassung der göttlichen Aussprüche zu legalisiren versuchen.
Nicht ihr praktischer Abfall vom Gesetze ist das Verderbliche. Aber die falschen Auffassungen und Lehren, zu denen sie in Folge ihres bereits vollzogenen Abfalls, von der Absicht diesen zu beschönigen eingenommen, gelangt, die sind das Verderbliche und Verführerische, indem sie damit um sich greifende Propaganda in den Gemüthern ihrer Zeitgenossen machen, die sie bereden, diese ihre vorgebliche, richtigere Auslegung der göttlichen Lehre sei das Prinzig ihres Abfalles von dem Gesetze, und die nicht wissen, daß diese ihre Auslegungen nicht Grund, sondern Folge ihres Abfalls seien. Mit vollem Rechte trifft daher diese זדים das ארור משגה עור בדרך (5. B. M. 27, 18), und um der Rettung ihrer Brüder willen, ist ihrem Bemühen jedes Gedeihen abzuwünschen. Von diesen זדים heißt es daher גערת, sie hast du zurückgewiesen vom Studium deiner Lehre. Nur wer reinen Sinnes, mit dem Entschlusse, dem götttlichen Gesetze, weil es göttlich ist, sich und sein Leben unterzuordnen, der Schwelle des göttlichen Heiligthums naht, nur wessen יראתו קודמת לחכמתו, nur den erwartet Gott als Jünger seiner Lehre. Wer aber bereits praktisch den Boden des Gesetzes verlassen, der wandle nicht zum Born des göttlichen Wortes; er verwandelt das reine Wort des Lebens zu einem Gift des Untergangs für sich und Andere.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 22. גל וגו'. Die Abfall predigenden Lehren hatten insbesondere der lernenden und übenden Pflege der speciell jüdischen Institutionen, der עדות, Schmähung und Verachtung von Zeitgenossen zugezogen. Er bittet, daß Gott ihn stärke, daß diese חרפה ובוז nicht schwer auf ihm lasten möge.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 23. גם וגו'. Insbesondere waren höhere Schichten der Gesellschaft, „Große," den unser sinnliches Genußesleben umschränkenden חקים gram. ישיח, sinnt, vielleicht auch: spricht seine Gedanken aus, wie ישיחו בי יושבי שער (Ps. 69, 13).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 24. גם וגו'. In solcher Zeit verbreiteter irriger Ansichten gewinnen die עדות ד', welche die Gott und unsere Bestimmung bezeugenden Wahrheiten uns stets mit erneuter Frische vergenwärtigen, doppelte Bedeutung, zu ihnen flüchtet er sich bei dem Widerstreit der Meinungen, schöpft aus ihnen die göttlich verbrieften Wahrheiten und läßt von ihrem Rath sich leiten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 25. דבקה וגו'. Von Leid und Kummer niedergedrückt hat seine Seele Lebenskraft, Schwung und Geistesfähigkeit eingebüßt, er bittet darum um erneutes Leben, wie Gott allen Denen zugesagt, die in Aufrichtigkeit ihn suchen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 26. דרכי וגו'. ספרתי, ein erzählendes Zählen. Er hat seine Wege, die er in seinem zurückgelegten Leben gegangen, alle gezählt, und jeden in seinen einzelnen Vorgängen sich vergegenwärtigt. Es ist dies ganz das פשפוש במעשיו, das Untersuchen seiner Handlungen, das die Weisen Jedem anrathen, der רואה שיסורין באין עליו, der sieht, daß ihn Leiden überkommen (Berachoth 5, a). Zu diesem Insichgehen, haben die Leiden ihn gebracht, und er hat gefühlt, daß Gott ihm näher geworden. Ihn bittet er daher um erneute Fähigkeit zum Lernen der Gesetze. Hängt doch auch der rechte Erfolg dieser prüfenden Einkehr vom Gesetzeslernen ab, da ja eben der volle Inhalt des Gesetzes den Maßstab bieten muß, um daran Werth oder Unwerth eines Lebensweges messend zu erkennen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 27. דרך וגו'. Laß mich wieder Einsicht gewinnen in den Weg der Erfüllung deiner Aufgaben und die Fähigkeit, den Wundern deiner That- und Wortoffenbarungen nachdenkend zu folgen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 28. דלפה וגו'. דלף, träufeln, davon thränen, so: דלפה עיני (Hiob 16, 20).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 29. דרך שקר וגו'. Entschwindet die aus der תורה zu schöpfende Einsicht, so gerathen wir von selbst auf irrige Wege.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 30. דרך וגו'. In diesem Zustande geistiger Erschlaffung habe ich mich zu Einem Wege, dem Wege der אמונה, dem Wege unerschütterlichen Festhaltens an das einmal aus Gottes Wort erkannte Rechte geflüchtet, und habe alle göttlichen Vorschriften gleichgestellt, eine jede in gleicher Würdigkeit gewissenhaft geachtet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 31. דבקתי וגו'. Und ferner habe ich mich an deine Zeugnisse angeklammert. Wie sie mir (V. 24) im Kampfe mit den widerstreitenden Ansichten der Menschen leitende Rathgeber waren, so blieben sie auch im Kampfe mit Leiden und Kummer und daraus folgender Erschlaffung und drohender Verirrung mit allem Dem, was sie mir von Gott und meiner Bestimmung bezeugen und mich der Welt und mir bezeugen lassen, meine aufrecht haltende Stützen, und mit Selbstachtung bereichernde Schätze. Aus ihnen schöpfe ich Muth für die Zukunft, laß mich in dieser Zuversicht mich nicht getäuscht finden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 32. דרך וגו'. Mit erneuter Kraft werde ich rüstig den Weg deiner Gebote wandeln, wenn du mir wieder Herzensweite gewährt haben wirst, d. h. wenn du mir beigestanden haben wirst, von dem beengenden Einfluß der Leiden auf mein Gemüth mich frei zu machen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 33. הורני וגו', דרך חקיך: den Weg der Verwirklichung deiner mein sinnliches Leben umschränkenden Gesetze, daß ich diesen Weg ohne abzuweichen bis zu Ende innehalte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 34. הבינני וגו', gieb mir Einsicht zur richtigen Beurtheilung der Verhältnisse und zur richtigen Schlußverfolgung aus deiner Lehre, damit ich deine Lehre pflege, d. i. ihren Inhalt richtig erkenne, und sie mit ganzem Herzen gewissenhaft erfülle.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 35. הדריכני וגו'. דרך ist der Lebensweg im Allgemeinen, נתיב (verw. mit נדב, siehe Pent. 1. B. M. S. 533), ist der individuelle, nach seiner Eigenart von jedem Einzelnen gewählte Weg. Die Anforderungen der מצות im Allgemeinen sind für Jeden gleich. Allein die Art ihrer Erfüllung gestaltet sich für Jeden nach der Eigenart seiner Anlage, Fähigkeiten und Verhältnisse besonders. Er bittet, daß diese seine Eigenart nicht seinen Lebenswandel bestimmen möge, sondern, daß er den von Gott für Alle gewiesenen Weg nach den von seiner Eigenart für seine Lebensstellung dargebotenen Verhältnissen wandeln möge; denn das ist sein Wunsch. Er will nicht seinen eigenen Sinn und seinen eigenen Willen nach seiner Eigenart erfüllen, sondern Gottes Sinn und Gottes Willen mit der Eigenthümlichkeit seines Wesens zur Verwirklichung bringen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 36. 37. הט וגו', העבר וגו'. Dazu erbittet er sich zwei Dinge: sich nicht von äußern Vortheilen bestechen, und nicht von falschem Schein blenden zu lassen. העבר עיני וגו' laß mich nur in den von dir gewiesenen Wegen Leben anstreben und Leben gewinnen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 38. הקם וגו'. אמרתך אשר ליראתך, Du hast es verheißen, daß, wer immer wieder zur Gottesfurcht zurückkehrt, dein Wohlwollen wieder gewinne. Der Gottesfurcht hast du dein Wohlwollen zugesagt. Vgl. כיראתך עברתך (Ps. 90, 11). Du zürnst nur so lange und so viel, als hinreicht, um die Menschen wieder zur Gottesfurcht zu führen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 39. העבר וגו'. חרפתי וגו', nicht חרפתי überhaupt, sondern: חרפתי אשר יגרתי, die Schande die ich gefürchtet hatte, d. i. die verdiente Schande. Die unverdiente von meinen Feinden fürchte ich nicht. כי משפטיך טובים, deine erziehenden und bessernden Rechtswaltungen sind eine Wohlthat, sie schützen den Menschen vor verdienter Schande.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 40. הנה וגו'. Siehe, so, V. 33—39, mit der Bitte um Belehrung, um Einsicht, um Führung, um Neigung des Herzens, um Leitung des Auges, habe ich mich nach der Ertüchtigung für Lösung deiner Aufgabe gesehnt: hilf mir durch deine den Menschen zu seinem sittlichen Heile führende Rechtsmilde zum Leben.
V 41. ויבאני וגו'. Nach diesen Prüfungen und Läuterungen möge mir deine Liebeswaltung und auch eine äußere Heilesgestaltung mir zu Theil werden. חסדך Pluralform mit mangelndem Pluralzeichen. Es begreift die mannigfaltigsten Waltungen als Ausfluß einer und derselben Liebe. תשועה, unterschieden von ישועה, bezeichnet Rettung und Gewährung des שוע, des äußern Wohlstandes.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 42. ואענה וגו'. So lange deine mir sich wieder zuwendende Liebe nicht in meiner äußern Geschickeslage sichtbar ist, muß ich die Schmähung meiner Gegner, die auf mein Unglück als auf einen Beweis meiner Verschuldung hinweisen, schweigend tragen. Denn sie schmähen mich, weil ich mein Vertrauen auf dein Wort äußerte, und sie eine Rechtfertigung dieses Vertrauens nicht sahen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 43. ואל וגו' heißt wohl: lasse mein Mund nicht ganz und gar etwas Unwahres ausgesprochen zu haben scheinen, wenn ich meinen Gegnern gegenüber auf deine Rechtswaltung hingewiesen habe. למשפטך ist der Form nach ebenso wie חסדך V. 41, die einheitliche Gottesgerechtigkeit, die sich in den mannigfaltigsten Rechtswaltungen äußert
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 44—48. ואשמרה וגו'. Ich werde auch in glücklichen Verhältnissen das Hüten deiner Lehre in Erkenntniß und Erfüllung mein stetes Anliegen sein lassen. ואתהלכה וגו', werde nur in meinem Wandel weniger gehindert sein, denn, wenn ich weniger beengte Lage mir gewünscht, so habe ich damit nur פקדיך דרשתי, eine vollere Lösung deiner Aufgaben angestrebt. ואדברה וגו', werde dann den Großen der Erde ebenbürtig erscheinen, werde in ihrer Gegenwart von deinen Zeugnissen reden. ולא אבוש heißt nur Einmal sich schämen Etwas zu thun, כי בשתי לשאול (Esra 8, 22), sonst drückt es immer das Schamgefühl über etwas Gethanes, und zwar überwiegend über eine nicht in Erfüllung gegangene Erwartung aus. Sollte es auch hier in dieser gewöhnlichen Bedeutung stehen, so dürfte es sagen: ich werde mich nicht über den Eindruck getäuscht finden, den ich von meinen Reden erwarte. Oder: er spricht vor Königen Das aus, was durch עדות ד' von Gott und seiner Waltung bezeugt wird, und die Ereignisse werden Das bestätigen, was diese Zeugnisse von Gott geoffenbart haben. ואשתעשע וגו', und nicht nur in Leiden, auch in glücklichern Verhältnissen bleiben deine Gebote meine liebste Beschäftigung (Siehe V. 16). Das אשר bezieht sich entweder auf die Gebote, oder auf die Beschäftigung, die er im Leiden liebgewonnen hat. ואשא כפי וגו', siehe Ps. 63, 5. אל מצותיך wie אל הנער הזה התפללתי (Sam. I. 1, 27), wenn ich zu dir meine Hände um Gewährung von Etwas erhebe, so geschieht dies immer nur um deiner Gebote willen. Das mir zu Gewährende für die Erfüllung deiner Gebote zu verwenden, ist immer der Beweggrund meiner Bitten. Deine Gebote sind der Zweck den ich liebe, alles Andere hat nur als Mittel dazu für mich Werth. ואשיחה בחקיך, und mehr noch als im Leid ist mein Sinnen deinen חקים zugewandt, denn eben in glücklichen Verhältnissen liegt die Gefahr sinnlicher Ausschreitung nahe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 49. זכר וגו'. Die Hoffnung auf glücklichere Lebensgestaltung, aus welcher die vorangehenden Aussprüche, V. 43. f. geflossen, haben sich nicht verwirklicht, die getrübte äußere Lage dauert fort, und er bittet Gott des Wortes eingedenk zu bleiben, aus welchem er sein ausharrendes Hoffen geschöpft. יחל, יחלתני mit Accus. ist hier transitiv, du hast mich zur Erwartung veranlaßt. Aehnlich wie השכיל in אשכילך (Ps. 32, 8).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 50—52. זאת וגו'. אמרתך ist hier wahrscheinlich wie so oft: deine Verheißung, deine Zusage. Habe ich auch die volle Erfüllung deiner Verheißung noch nicht erlebt, so ist mir doch schon das zu Trost geworden, daß deine Verheißung mich aufrecht gehalten. Ich fand schon darin Trost, daß mir die geistige Kraft geblieben mich zu dieser Zuversicht zu erheben, und dies hat es bewirkt, daß allem Spotte der Verächter deines Gesetzes gegenüber ich ihm treu geblieben, und auch das Gedächtniß deiner von jeher geübten Rechtswaltungen hat mich Trost finden lassen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 53. זלעפה וגו'. Siehe Ps. 11, 6. זלעפה: eine plötzlich anfliegende Entkräftung, hier ein lähmender, jäher Schreck.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 54. זמירות וגו'. Während die Gesetzeshöhnungen, die ich erlebte, mich mit Entsetzen füllten, wurden deine Gesetze mir „Gesänge in dem Hause meiner irdischen Wanderungen." Von den öffentlichen Kreisen, in welchen ich nur die erschreckenden Gesetzeshöhnungen gewahrte, flüchtete ich mich in meine stille Häuslichkeit, und dort wurden deine Gesetze mir zur Quelle aufheiternder Begeisterung, wie dies dem mühevollen Wanderer seine Wanderlieder sind.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 55. זכרתי וגו'. Mitten in den Nächten des Lebens belebte ich mir immer auf's Neue das Gedächtniß deines, „immer neues Leben verheißenden Namens," und dies stärkte mich in der Hut deines Gesetzes.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 56. זאת וגו'. Diesen belebenden Trost, diese Standhaftigkeit, diese aufmunternde Begeisterung erreichte ich nur, weil mir Gottes Lehren und Gesetze Aufgaben geworden waren, die lernend und übend zu pflegen, ich als meine Lebensbestimmung betrachtete.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 57. חלקי וגו'. Ich sah ab von Allem, was das Leben mir gewähren oder versagen mochte; als mein eigentliches, mir nicht zu nehmendes, nur durch mich selbst zu erwerbendes und zu verscherzendes Theil erkannte ich die Bestimmung, deine Worte lernend und übend zu hüten. Darum:
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 58. חליתי וגו'. (Siehe Pent. 2. B. M. 32, 11.) חנני ist ganz besonders die Bitte um Gewährung geistiger Begabung (Siehe Pent. 4. B. M. 7, 25).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 59. חשבתי וגו' und Alles, was ich lernte, ward mir zum Maßstab, daran meinen Wandel zu prüfen, und, wo ich einen Abweg bemerkte, führte ich meine Schritte wieder zu den von Gottes Zeugnissen gelehrten Wahrheiten zurück.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 60. חשתי וגו', sobald ich Etwas als von Gottes Geboten für mein Hiersein mir ertheilte Weisung erkannt hatte, so hielt mich Nichts zurück, und ließ ich mich durch keinerlei Bedenken aufhalten, meine Pflicht zu erfüllen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 61. חבלי וגו', חבלי, nicht חבלי, sind Leiden. עוד, verneinender Piel von עוד, dauern: die Dauer untergraben, das Dasein angreifen. Selbst wenn mir von Menschen bereitete Leiden mein Dasein untergruben, verlor ich Gottes Lehre nicht aus den Augen, blieb Lernen und Ueben derselben mein ernstes Anliegen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 62. חצות וגו'. Tage konnten Menschen mir trüben und stören, die Nächte blieben mein, und die Mitternacht fand mich wach vor Gott, meinen Geist in die Tiefen seiner, unser Leben nach dem Ideal seines Rechts gestaltenden Ordnungen zu versenken, und meinem Herzen Dankeslieder für diese uns zur Erkenntniß unserer Bestimmung erhebenden Gesetze entströmen zu lassen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 63. חבר וגו'. Und wie durch geistige Sammlung vor Gott, so suche ich auch durch die Gemeinschaft mit gottesfürchtigen, pflichtgetreuen Menschen mich im Wahren und Guten zu stärken.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 64. חסדך וגו'. Deiner Liebe ist ja die Erde voll, jedes Wesen dankt deiner Liebe beglückende Befriedigung: mir möge diese deine Liebe die Erkenntniß deiner Gesetze gewähren, dies ist die Befriedigung, nach welcher mein ganzes Wesen sich sehnt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 65. 66. טוב וגו', aus dem ganzen Verfolg ersieht man, daß das Gute, das bereits von Gott erhalten zu haben er bekennt, die bisherige Förderung im Lernen der Gesetze gewesen. Er bittet aber noch um Höheres. טוב, wie Ps. 111, 10 bemerkt, wird der höhere, von Gott verliehene Geist: mit טוב bezeichnet, שכל טוב, רוח טובה. Da der Begriff „gut," das einem Zwecke oder einer Bestimmung vollkommen Entsprechende bezeichnet, so ist שכל טוב, רוח טובה eine für die dem Menschen zustehende Erkenntniß vollkommen befähigende, geistige Begabung. טעם, zunächst der Geschmack, d. i. der sowohl objektiv als subjektiv, d. h. die stoffliche Beschaffenheit eines Dinges an sich, als auch in ihrer Beschaffenheit zum Schmeckenden prüfende Sinn. Auf Geistiges übertragen heißt es sowohl das prüfende Verständniß der Dinge und ihrer Verhältnisse an sich, wie בשנותו את טעמו (Ps. 34, 1), als auch die prüfende Ermittlung des den Ansichten und Absichten des Prüfenden Zusagenden, daher auch Einsicht, Rath, Beschluß, טעם זקנים יקח (Hiob 12, 20), מטעם המלך וגדליו (Jona 3, 7). Rabbinisch wird daher mit טעם auch Grund, Motiv, Begründung eines Aussspruches bezeichnet, da eben durch Erkenntniß des Grundes ein Ausspruch plausibel, der prüfenden Einsicht zusagend, annehmbar wird. Die Bitte um טוב טעם ודעת ist daher wohl die Bitte um die höhere geistige Fähigkeit eines tiefern Eindringens in die den Gesetzen zu Grunde liegenden Gedanken und Motive (Vgl. V. 18), und begründet wird die Bitte durch die Aussage כי במצותיך האמנתי. Dieses Eindringen in den Geist der מצות soll bei mir nicht erst die Pflichtachtung der göttlichen Gebote begründen; diese Pflichtachtung geht vielmehr meiner geistigen Beschäftigung mit dem Gesetze voran. Ich halte fest an Gottes Geboten, weil sie von Gott geboten sind. Von meiner größern oder geringern Einsicht in das Innere der Gebote ist deren Verpflichtungskraft für mich völlig unabhängig. Siehe das darüber oben einleitend Gesagte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 67. טרם וגו'. במצותיך האמנתי hieß es im vorigen Vers, und aus Mangel an Achtung deiner Gesetze habe ich nie gefehlt. Wohl aber bin ich zuweilen zu Irrthümern, שגגות (Siehe Pent. 1. B. M. S. 146) gekommen, die ich durch erhöhten Ernst und noch größere Aufmerksamkeit auf alle meine Schritte hätte vermeiden können. Zu diesem Ernst haben mich Leiden erzogen, und habe ich bereits mich in gewissenhafter Erfüllung deiner Gebote nach deren von dir überlieferten Erläuterung geübt. Auch dieser durch Leiden gewonnene Lebensernst darf die Bitte למדני טוב טעם ודעת unterstützen (Vgl. Chagiga 13, a. אין מוסרין ראשי פרקים אלא לאב ב"ד ולכל מי שלבו דואג בקרבו וכו' ע"ש (ברשי'). Darum
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 68. טוב וגו'. Dein Wesen ist Güte und das Gepräge deiner Waltungsweisen ist Güte, darum versage mir nicht das den Menschengeist beglückende טוב. Unsere BerachothOrdnung lehrt, über glückliche Ereignisse, die uns in Gemeinschaft mit Andern treffen, die Beracha הטוב והמטיב zu sprechen (Berachoth 59, b.), und wird dies also aufgefaßt: הטיב לו ומטיב גם לאחרים עמו. Der Unterschied zwischen הטוב und המטיב ist ja der: הטוב, vergegenwärtigt die Güte des Spenders, המטיב, die Güte des Gespendeten. Bei dem uns gewordenen Glück tritt der Gedanke an die Güte Gottes, die es uns gewährt, in den Vordergrund. Mehr noch als das in dem Gewährten liegende Gute beglückt uns der Gedanke, daß es von Gott uns geworden, daß Gott uns seine Güte zugewandt. In dem darin zugleich unsern Mitmenschen gewordenen Guten, schauen wir naturgemäß vorzugsweise sachlich dieses an, und freuen uns des Glückes, das Gott zugleich unsern Mitmenschen zu Theil hat werden lassen. Begreifen wir auch hier die Ausdrücke טוב ומטיב in diesem Sinne, so zeigt sich uns der Werth der anzustrebenden Gesetzeserkenntniß in erhöhtem Lichte. Sie kommt zunächst uns zu Gute, und haben wir uns der Gottesgüte zu freuen, die uns in der geistigen Gewährung fühlbar wird. Allein die von uns geschöpfte Erkenntniß soll nicht blos uns zu Gute kommen, es soll damit die geistige Erkenntniß aller mit uns in Berührung Kommenden gefördert werden, wir lernen um zu lehren, ללמוד וללמד, und ganz besonders war ein David berechtigt, die Bitte um Erleuchtung in diesem Sinne und mit solchem Vorsatz auszusprechen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 69. טפלו וגו'. טפל ebenso wie חפל (Ezech. 13, 10), einem Gegenstande etwas anheften, was nicht in Verbindung mit ihm bleibt. Daher ja auch תפלה, das Jemandem angedichtete Ungehörige (Hiob 1, 21). זדים, bewußtvolle, Gesetzesverächter dichten mir Lüge an, sie können sich nicht denken, daß Jemand aufrichtig dem Gesetze seine Liebe zuwende, und erklären daher mein Streben für Heuchelei und Lüge. Ich aber fahre fort mit ganzem Herzen der geistigen und thätigen Pflege deiner Aufgaben mich zu weihen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 70. טפש וגו'. טפש ist chald. der Verstandlose, Dumme. השמן לב העם הזה (Jes. 6, 10) übersetzt תרגום: טפש לביה. Es ist nicht unmöglich, daß damit auch דבש verwandt ist, und es das Zähe, Dicke der Flüssigkeit bezeichnet. Daher auch wohl דבשת: der Fett-Buckel des Kamels, der bei Abmagerung fast ganz verschwindet. Hier heißt es nun in Anschluß an den vorigen V.: natürlich begreifen sie nicht, daß Jemand mit Aufrichtigkeit an Gottes Gesetz hangen könne, ihr Herz ist ja stumpf wie Fett, sie haben keinen Sinn für Geistiges und Höheres, während mir deine Lehre die liebste Beschäftigung ist. שעשע siehe Ps. 94, 19.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 71. 72. טוב וגו'. Die Erkenntniß der göttlichen Gesetze ist mir so sehr das Beglückende, daß ich mich der Leiden freue, die mich von der Außenwelt und allen zerstreuenden sinnlichen Genüssen abgezogen, und mich zu größerer Hingebung an das Studium deiner Gesetze geführt haben, in denen ich Trost und Freude und Erhebung in allen Leiden gefunden. Dieser geistige Gewinnst überwog Alles, und gewährt mir wahres, reineres Glück, als alle Reichthümer und Schätze, in denen Diejenigen, deren Herz טפש כחלב ist, ihr Glück und ihre Befriedigung suchen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 73. ידיך וגו'. Bildung und Richtung, d. i. die Bestimmung, deren Erfüllung ich anstreben soll, Beides habe ich von dir. Du hast mich somit für diese Bestimmung gebildet, und mir keine andere Bestimmung zuertheilt, als die ist, welche meiner leiblichen und geistigen Bildung gemäß ist. Die Erreichung dieser Bestimmung ist mir daher sicher möglich, und wenn ich fühle, daß ich dazu deines Beistandes bedarf, so versage diesen Beistand mir nicht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 74. יראיך וגו'. Die von Gottesfurcht Erfüllten blicken mit Theilnahme auf Jeden hin, bei welchem sie ein Streben in gleicher Lebensrichtung gewahren. Mögen sie die Freude haben wahrzunehmen, daß du mir in diesem Streben Förderung angedeihen lässest. כי לדברך וגו', דבר hier wohl in dem Sinne wie ישלח דברו וירפאם (Ps. 107, 20): ich habe darauf geharrt, bis du meiner Bitte Gewährung verfügen werdest. Es ist dies hier um so mehr, da, wie der Verfolg zeigt, ihm Leiden geworden waren, die seine Fähigkeit zu lebendigem Fortschreiten geistig und leiblich herabgestimmt hatten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 75. ידעתי וגו'. Die Leiden, die du über mich verhängt hast, habe ich durch Verirrungen verdient. Recht und erziehende Treue sind das Gepräge Dessen, was du über mich verhängt hast. Sühne und Besserung ihr Ziel.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 76. יהי וגו'. נחם kommt wiederholt nicht nur als eine Trostspende während der Dauer der Leiden zur ruhigen, ja heitern Ertragung derselben vor, sondern als eine Tröstung durch Gewährung eines bessern, glücklichern Zustandes, der, wenn er erreicht ist, die dann zurückgelegten Leiden als einen Heil bringenden Weg zum Glücke, somit in einem andern Lichte wie bisher erscheinen lassen (Ueber נחם, siehe Pent. 1. B. M. 5, 29). So Ps. 71, 21. Jes. 12, 2. Jerem. 31, 13. u. s. לעבדך, da ihm hier offenbar das Bewußtsein bisher unzulänglicher Pflichttreue erfüllt, so kann dies עבדך von seinem Wollen, Streben und Vorsatz verstanden werden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 77. יבאוני וגו', רחמיך, ja ganz eigentlich die unverlierbare Liebe des Vaters zum Kinde, des Schöpfers zum Geschöpf, und auf diese blickt schon V. 74 ידיך וגו' hin. ואחיה, daß ich wieder zu wahrem, die Lebensaufgabe mit frischer Kraft erfüllendem Leben erstehe. כי תורתך וגו', deine Lehre hat nicht aufgehört meine stete Beschäftigung zu sein, um ausihr immer klarer und voller meine Aufgaben zu erkennen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 78. יבשו וגו'. עות, vom geraden Ziele abbringen. So ודרך רשעים יעות (Ps. 146, 9), den Weg Gesetzloser biegt er von ihrem Ziele ab, läßt sie ihr Ziel nicht erreichen. שקר עותוני, durch Lügen haben sie mich vom geraden Ziele abbringen wollen (Vgl. שקר רדפוני V. 86), das soll ihnen nicht gelingen, ich fahre fort all mein Sinnen auf deine Aufgaben zu richten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 79. ישובו וגו', יראיך und יודעי עדתיך haben sich von mir abgewandt, wohl durch das שקר, welches זדים über mich ausgestreut hatten. Mögen sie zur Einsicht kommen, daß weder übend noch lernend ich deinen Geboten untreu geworden, und sich mir wieder zuwenden. וידעי, כתיב וידעו. Er deutet an: indem sie sich wieder mir zuwenden, werden sie auch bei mir deine Zeugnisse finden, und deren erhaltende und erhebende Kraft erkennen, die sie an mir bewährt haben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 80. יהי וגו', תמים: im Gegensatz zu der von den זדים V. 78 gehegten Absicht ihn vom Wege des Gesetzes abzuwenden. לא אבוש, in meiner Hoffnung durch Gottes Beistand zu erneutem Leben zu erstehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 81. כלתה וגו'. Die im Vorigen ausgesprochene Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Er harrt noch der Gotteshilfe und des Waltungswortes (V. 74), das sie ihm bringen werde.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 82. כלו וגו'. לאמרתך wie אמרת ד' צרפתהו (Ps. 105, 19). כלו עיני Vgl. כלות אליהם (5. B. M. 28, 32).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 83. כי וגו', כנאד בקיטור, der völlig zusammen trocknet, Bild gänzlicher Entkräftigung. חקיך u. s. w. Das Gedächtniß deiner Gesetze ist mir geblieben, und zwar insbesondere der חקים, mit welchen Gott ja gerade unser leibliches Dasein seiner heiligenden Fürsorge gewürdigt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 84–86. כמה וגו'. Werde ich das Gericht, das du sicherlich an meinen Verfolgern übst, noch erleben? Ganz besonders sind ja die Mittel, und ist das Verfahren, mit welchen sie mir den Untergang zu bereiten suchen, in völligem Gegensatz zu deiner Lehre, somit zu Dem, was du von Menschen erwartest. Das Grundgepräge deiner Gebote, mit welchen du den Menschen auf seinen Posten im Hiersein anweisest, ist אמונה, ist zuverlässige Treue und Wahrhaftigkeit der Gedanken, Reden und Handlungen, und das Gepräge ihres Verfahrens gegen mich ist die Lüge. Dagegen rufe ich deinen Beistand an.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 87. 88. כמעט וגו'. Es fehlte nicht viel, so wäre ihnen meine irdische Vernichtung bereits gelungen. Dein ist aber doch, wie dein Name uns verbürgt, die zu neuer Lebensspende ewig bereite Liebe. Bewähre diese an mir. Nicht um eitler Zwecke willen wünsche ich mir erneutes Leben. Der Pflege der Wahrheiten in Erkenntniß und That, die du uns durch dein Gesetz für unsere hieniedige Bestimmung offenbart hast, möchte ich das neue Leben, das ich von dir erflehe, weihen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 89. לעולם וגו'. Der vorige Vers hat an die Liebe Gottes appellirt, so wie V. 84 an das Gericht Gottes. An Beides knüpft dieser V. und das Folgende an. Der du immerdar ד' bist, zu jeder Zeit, auch wenn wir sie nicht gewahren, deine Liebe walten lässest, דברך: das Wort deiner Schöpfung, Waltung und Offenbarung steht im Himmel, oder durch den Himmel fest. שמים, die ganze außerirdische Welt, durch welche alles Irdische bedingt ist, steht im Dienste deines Wortes, bringt Das zur Verwirklichung, was du bei deiner Schöpfung angeordnet hast, durch deine Waltung anordnest, und durch dein Gesetz als die endliche Bestimmung der Menschheit verkündet hast.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 90. לדור וגו'. Jedem Geschlecht lässest du solche Geschicke zukommen, die es der sittlichen Vollendung und der Heilesgestaltung, welche beide das Zukunftsziel der Menschheit bilden, näher bringen. כננת, in die Richtung auf dieses Ziel und für dasselbe hast du die Erde gegründet — für ein bestimmtes Ziel feststellen, das ist ja der eigentliche Begriff von כונן — und darum besteht sie. In diesem Zukunftsziel liegt der Grund ihres Bestandes. Jeder gegenwärtige Moment irdischen Daseins erhält von dir nur Existenzberechtigung, weil er zu dieser Zukunft hinführt. Dein für die Zukunft ausgesprochenes „Wort" kommt daher sicherlich in Erfüllung. Jeder Zeitmoment des Zusammenwirkens des Himmels und der Erde steht in deren Dienst.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 91. למשפטיך. Ob ein Tag der Weiterentwicklung der Welt werden soll, und was in ihm der Welt werden soll, geht aus dem Richterspruch deiner Waltung hervor. Auch vor Anbeginn des heutigen Tages standen Himmel und Erde vor deinem Thron, und warteten auf dein Geheiß. Denn Alles im Himmel und auf Erden steht in deinem Dienst.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 92. לולי וגו'. Diese Wahrheiten habe ich aus deiner Lehre geschöpft, und deren Erkenntniß hat mich erhalten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 93. לעולם וגו'. Diese aufrechthaltende und belebende Kraft deiner Gesetze, die ich in meinem Leiden erfahren, hat mich erst recht deren hohen Werth erkennen und fühlen lassen, und sie mir für alle Zeit, auch für eine glücklichere Zukunft, wenn sie mir werden sollte, zu stetem, bleibendem Augenmerk meines Denkens und Handelns gemacht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 94. לך וגו'. Durch die Leidenserziehung bin ich ganz „dein" geworden, will jede Fiber meines Daseins und meiner Kraft in deinem Dienste verwenden, הושיעני, ja wörtlich: gieb mir erneutes ungeknicktes Sein (ישע), denn ich habe deine Aufgaben forschend erkannt, und möchte sie nun mit möglichster Kraftfülle lösen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 95. לי וגו'. Während רשעים auf meinen Untergang sannen, habe ich meinen ganzen Sinn in deine Zeugnisse gesenkt, um aus ihnen Einsicht in die durch sie uns gelehrten und verbrieften Wahrheiten zu gewinnen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 96. לכל וגו', כלה, nach einem Ziele streben. תכלה, ein solches Streben. Jedes Streben hat seine Gränze, man kann sagen, man hat sein Ziel erreicht. Gottes מצוה, seine Anweisung auf unsern Lebensposten, ist aber so unerschöpflich wie das Leben selbst, es umfaßt das ganze Sein und Leben des Menschen, der Völker und der Menschheit in der ganzen Mannigfaltigkeit und dem ganzen Wechsel aller seiner innern und äußern Gestaltungen und Beziehungen und der durch sie immer auf's Neue sich stellenden Probleme; das Streben nach Erkenntniß der מצות ד' hat daher keine Gränzen. Man kann nie sagen, man habe das Ziel ganz erreicht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 97. מה וגו'. Im vorigen Vers ward das Umfassende der göttlichen Gebote hervorgehoben. Dieses Charakteristische der göttlichen Lehre bildet den Grundgedanken dieses und der folgenden Verse. כל היום וגו', weil die Gotteslehre das ganze Leben umfaßt und es keinen Moment giebt, der nicht aus der Lehre seine Würdigung und Bestimmung zu schöpfen hat, so bildet die Gotteslehre den ganzen Tag den Gegenstand seines Denkens und Redens.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 98. מאיבי וגו'. תחכמני ist Singular, der Plural מצותך ist ohne Pluralzeichen geschrieben, nicht מצותיך, und haben wir bereits wiederholt zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß eine solche einheitlich geschriebene Pluralform die Vielhelt in ihrem Einheitsgedanken begreift. Auch hier sind somit die göttlichen Gebote in dem ihnen allen zu Grunde liegenden einheitlichen Gedanken der Gott dienenden Lebensgerechtigkeit begriffen, und damit alle Seiten des innern und äußern, einzeln und socialen menschlichen Lebens in gleicher Bedeutsamkeit von Einem Standpunkte aus gewürdigt. Indem ich den göttlichen Geboten huldige, machen mich dieselben, insbesondere durch ihren einheitlichen Charakter klüger als meine Feinde. Während die Feinde sich von Leidenschaft und dem Diktat des Interesses leiten lassen und durch Beides geblendet werden, nöthigt die Huldigung der göttlichen Gebote mich zur leidenschaftlichen Ruhe und Besonnenheit, gewöhnt mich, keinen Umstand und keine Lebensäußerung gleichgiltig zu betrachten, vielmehr jeden und jede nach allen Seiten zu erwägen, um sie an dem Maßstab des göttlichen Gesetzes gerecht und richtig messen und bestimmen zu können. Indem ich ferner jeden meiner Lebensmomente unter das Diktat der מצות ד' stelle, welche die göttliche Weisheit als das jederzeit Richtige für uns erwogen und ausgesprochen hat, lasse ich mir und meinem Leben die göttliche Weisheit zu Gute kommen, und so gewiß חכמת ד' alle חכמה der Menschen überragt, so gewiß machen mich die מצות ד' zu einem größern חכם, als meine Gegner. So gewiß endlich nur das dem göttlichen Willen Gemäße auf seinen Beistand und Segen zu rechnen hat, so gewiß geht alles seinem Willen Nichtentsprechende und Widersprechende schließlich zu Grunde, und es bleibt eine ewige Wahrheit, daß nur „das Rechte" zugleich „das Klügste" ist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 99. מכל מלמדי וגו'. Gottes Lehre hat nichts Ueberirdisches und Jenseitiges zum Gegenstande, das ganze volle hieniedige Leben ist der Gegenstand ihrer Gesetze, die daher עדות, die Bezeugung der Gotteswahrheiten für alle unsere irdischen Beziehungen, und dadurch עדות sind, alle unsere irdischen Beziehungen im Schmucke gottgewürdigten Menschenadels kleiden. Eine möglichst vollständige Kenntniß des Thatsächlichen aller menschlich irdischen Beziehungen — wie uns beispielsweise ein solcher vielseitiger, ja allseitiger Schatz an Kenntnissen des Landbaues, der Viehzucht, der Industrie, des Verkehrslebens, der Arzneimittellehre, der Diätetik 2c. 2c. aus der Weisheit unserer Weisen aufbewahrt ist — eine solche, möglichst vollständige Kenntniß bildet die Voraussetzung einer richtigen Verwirklichung der göttlichen Gesetze. Darum kann der wahre תלמיד חכם, der wahre Jünger der Gesetzesweisheit, von Jedem, vom Bauern und Hirten, vom Handwerker und Kaufmann, vom Arzt und den Hausfrauen 2c. 2c. lernen, und מכל מלמדי השכלתי, heißt es hier, von Allen, die mich belehrten, lernte ich und schöpfte ich Verständniß, Jeder, mit dem ich mich unterhielt, konnte mit den Kenntnissen seines Berufes und seiner Erfahrungen mein Lehrer werden und wurde mein Lehrer, weil deine, unser ganzes Leben zierenden Zeugnisse der Gegenstand meines Denkens und Redens waren. Im Lichte deiner Zeugnisse ist Nichts gemein, ist Alles menschlich gehoben und geadelt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 100. מזקנים וגו', ich kann von den Alten Einsicht gewinnen, denn die Lebensaufgaben, für welche ihre Erfahrungen und Ueberlieferungen zu verwerthen sind, sind mir nicht fremd; ich habe sie immer bereits praktisch gepflegt, und schöpfe nun aus dem Munde der Alten aufklärende, erläuternde, zu Begriff und tieferer Erkenntniß führende Einsicht in das, was ich bisher praktisch geübt. So heißt es oben: שכל טוב לכל עשיהם (Ps. 111, 10. siehe das.).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 101. מכל וגו'. Ich habe nicht nur das Schlechte, sondern auch die Nähe des Schlechten, alles das, was zum Schlechten führen könnte, gemieden, כלאתי, habe gleichsam meine Füße gefangen genommen, habe sie selbst in der zulässigen Freiheit beschränkt, damit ich nicht zur Uebertretung oder Vernachlässigung deines Wortes komme, damit ich gewissenhaft dein Wort hüte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 102. ממשפטיך וגו'. Was deine Rechtsordnungen von mir forderten, habe ich nimmer voll erfüllt, habe mir nicht die leiseste Abweichung erlaubt; denn es war mir immer gegenwärtig, daß Du sie mich gelehrt, daß mit jeder Abweichung vom Rechte, ich mich nicht nur gegen Menschen, sondern gegen Dich versündige.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 103. מה נמלצו וגו'. מלץ kommt nicht wieder vor, und ist mir auch keine Analogie dafür bekannt. Der Zusammenhang läßt auf die Bedeutung des Süßen, Angenehmen schließen. נמלצו ist Plural, אמרתך Singular. Es ist daher wohl die Ueberlieferung in allen ihren einzelnen Sätzen gedacht. Wie טעם, Geschmack, auch für den prüfenden Sinn vorkommt, so kommt auch חך, der Gaumen, als das Organ geistiger Prüfung vor, אמת יהגה חכי (Sprüche 8, 7), חכי לא יבין הוות (Hiob 6, 30).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 104. מפקידיך וגו'. Alle meine Einsicht, meine ganze Denkungsart habe ich aus deinen Aufgaben geschöpft, darum meide ich nicht nur, darum hasse ich jeden Pfad der Lüge.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 105. נר וגו'. נר ist der Licht tragende Stoff, der brennende Docht und auch das Gefäß, das ihn enthält, die Lampe, Leuchte. אור ist der Lichtstoff an sich, der Hellung verbreitet. Gottes Wort ist die Leuchte für meinen Fuß, lehrt mich, wo und wie ich meine Schritte setzen soll. Indem ich aber jeden meiner Schritte von Gottes Wort beleuchten lasse, keinen unbesonnenen, unrechten, nicht von Gottes Wort gebilligten Schritt thue, wird mein ganzer Lebenspfad von Licht erfüllt. Mein Pfad wird mir klar, verständlich, vor Straucheln geschützt und ewig beglückend. Alles dies liegt in der Wirkung des Lichtes. נתיבה (verwandt mit נדב), ist der Lebensweg, den der Mensch nach seinen Einsichten, Anlagen, Neigungen 2c. frei wählt. Ohne die Leuchte des Gotteswortes tappt er bei dieser Wahl im Dunkeln. Nur das Gotteswort kann ihn dabei sicher und glücklich leiten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 106. נשבעתי וגו'. Unter dem Einfluß dieser Erleuchtung habe ich bei dem Antritt meines Lebensweges geschworen, wie es mir auch gehen möge, gewissenhaft die Recht lehrenden Gottesaussprüche zu hüten, und diesem Schwur bin ich treu geblieben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 107. נעניתי וגו'. Mir fehlt es aber jetzt an Kräften, ich bin durch Leiden so geschwächt, daß ich von Gott frische Lebenskraft für mein erkennendes und übendes Streben erbitten muß.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 108. נדבות וגו', meine תפלות und תהלות, die ich an dich richte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 109. 110. נפשי וגו'. Die Seele in die Hand nehmen, ist Ausdruck für: sein Leben wagen. So ואשימה נפשי בכפי (Richter 12, 3. Sam. I. 28, 21). Die Seele in der Hand tragen, daher: in Lebensgefahr sein. Meinem Schwur getreu, lasse ich selbst in Lebensgefahr und von Schlingen bedroht, nicht von deiner Lehre und deinen Gesetzen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 111. נחלתי וגו'. Als das von den frühern Geschlechtern überkommene Erbtheil, habe ich deine, die veredelnde Zier unseres Lebens bildenden Zeugnisse mir angeeignet, denn sie bilden die höchste Freude meines Herzens.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 112. נטיתי וגו', ich habe meinem Herzen die Richtung gegeben, die Gesetze immer, und עקב: bis zur äußersten Consequenz zu erfüllen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 113. סעפים וגו'. סעיף heißt Das, was aus dem Stamm herausgeht, sich von ihm absondert, seine Richtung verläßt, daher Zweig, Felsenzacke, und שעיף: Gedankenzweig, sich in verschiedene Richtung bewegende Gedanken. Daher: עד מתי אתם פסחים על שתי הסעפים (Kön. I. 18, 21), wie lange hinkt ihr nach beiden Richtungen. סעפים ist ein personales Hauptwort, wie עקש, פקח, פסח, אלם, עור 2c., die alle eine Person nach ihrem leiblichen oder geistigen Charakter bezeichnen. סעפים sind Menschen, die nach verschiedenen Richtungen hin schwanken, unentschieden bald dem Rechten bald dem Unrechten huldigen. Der vorige Vers sprach aus, daß er seinem Herzen die entschiedene Richtung auf die Erfüllung der göttlichen Gesetze gegeben, und zwar sie immer, unter allen Umständen und bis zur äußersten Consequenz zu erfüllen. Im Gegensatz hierzu stehen סעפים, Menschen, die in unentschiedener Haltung schwanken.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 114. סתרי וגו'. Nur in Gott sucht er Schutz, und nur auf die Fügung seiner Waltung harrt er, dies macht ihn eben fest entschieden, und schützt ihn vor jedem Schwanken in der Richtung seines Lebens.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 115. סורו וגו'. Zurück weist er die Menschen, die ihn hinüberlocken möchten in die Bahn des Schlechten, der sie folgen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 116. 117. סמכני וגו', סעדני וגו'. Aeußere Stütze und innere Kräftigung erhofft er von Gott zum wandellosen Fortschreiten auf dieser Bahn seines Gesetzes.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 118. סלית וגו'. סלה, verwandt mit סלל, heißt in die Höhe steigen lassen, so namentlich im Piel: etwas durch überwiegendes Gegengewicht in die Höhe steigen lassen, לא תסלה בכתם אופיר (Hiob 28, 16), sie wird nicht durch bestes Gold aufgewogen. סלית heißt daher hier: du hast als völlig leicht und gehaltlos erklärt, oder gezeigt. כל שגים וגו', siehe oben V. 21. שוגים מחקי ד' sind Diejenigen, die durch Voreingenommenheit zu falschen Auffassungen und Ansichten kommen, und angeblich auf deren Grund von Gottes Gesetzen abfallen. Die, die von einem ungemeinen Dünkel von ihren Einund Ansichten erfüllt sind, סלית hast du in ihrer vollendeten Gehaltlosigkeit gezeigt. Ihre Einund Ansichten haben gar kein Gewicht. כי שקר תרמיתם, denn Das, womit sie die Welt täuschen, ist eine Lüge. Sie geben vor, von Gottes Gesetzen abgefallen zu sein, weil sie die Berechtigung zu diesem Abfall aus ihren Auffassungen und gewonnenen Einsichten geschöpft, und verführen nun durch ihre falschen Lehren die Welt zu gleichem Abfall, wie sie dies auch (V. 115) an ihm versucht hatten. Dies ihr Vorgeben, womit sie die Welt täuschen, ist aber eine vollendete Lüge. Sie sind nicht von dem Gesetze abgefallen, weil sie zu solchen Auffassungen und Ansichten gekommen waren. Sondern sie sind zu solchen Auffassungen und Ansichten gekommen, weil sie vom Gesetz abgefallen waren.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 119. סגים וגו'. רשעי ארץ sind die Schlacken der Erde, ihr endliches Verschwinden hat Gott als Ziel seiner Waltung erklärt, auf daß endlich die Menschheit auf Erden zu der Reinheit erstehe, für welche sie bestimmt ist. Darum sind mir deine Zeugnisse so theuer geworden, indem sie diese Thatsache als von dir bezeugt mich erkennen ließen, und mich dadurch zugleich in dem Wege des Guten befestigten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 120. סמר וגו'. Indem deine Zeugnisse mir die Gerichte vergegenwärtigten, welche du bereits an רשעי ארץ vollzogen hast und vollziehen wirst, lernte mein sinnlicher Leib aus Scheu vor dir sich vor allem Schlechten sträuben, und lernte ich mich selber vor deinen Gerichten fürchten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 121. עשיתי וגו'. In Folge der Belehrung, die ich aus deinen Zeugnissen geschöpft, war ich stets bemüht, משפט gegen Menschen und צדק in allen andern Beziehungen zu üben. Darum überlasse mich nicht Denen, die mir die Lebensstellung, die jedem rechtschaffenen Menschen gebührt, zu verkümmern suchen. עשק (verwandt mit חשך ,חוק), Jemandem das ihm Gebührende vorenthalten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 122. ערב וגו'. ערב mit dem Accus. der Person, heißt für Jemandem bürgen, entweder daß er einer Verpflichtung nachkomme, wie ערב זר (Prov. 11, 15), oder daß er Jemandem erhalten bleibe, wie אנכי אערבנו (1. B. M. 43, 9). In diesem letzten Sinne heißt es wohl hier: Tritt du für deinen Diener ein, daß er dem Guten erhalten bleibe, daß er als dein Diener zu wirken fortfahren könne. זדים wollen mich dieser Möglichkeit berauben, lasse es ihnen nicht gelingen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 123—125. עיני וגו'. Eben als dein Diener, um für deine Zwecke thätig sein zu können, blicke ich danach aus, daß du mich durch deinen Beistand und deine Belehrung für deinen Dienst ausrüsten werdest.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 126. עת וגו'. Es war eine Zeit, in welcher, wie dies wiederholt in diesem Psalm ausgesprochen ist, von Vielen gegen Gottes Gesetz gesündigt wurde, die somit jeden jüdischen Mann, der sich irgend eines Einflusses zu erfreuen hatte, aufforderte, für Gottes Sache in die Schranken zu treten, und der Verletzung des göttlichen Gesetzes entgegenzuwirken. Und in einer solchen Zeit benutzten gerade Diejenigen, die dazu berufen waren, für Gottes Sache zu wirken, ihren Einfluß, um die Autorität des göttlichen Gesetzes geradezu aufzuheben. Dies waren wohl nicht die Schwankenden, סעפים des V. 113, vielmehr die שוגים des V. 118, die eben durch ihre irrigen und irreführenden Behauptungen und Lehren die Welt täuschten, die Verächter des göttlichen Gesetzes rechtfertigten, die Schwankenden zum Falle brachten und dem göttlichen Gesetze in den Anschauungen ihrer Zeitgenossen den Boden untergruben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 127. 128. על כן וגו'. Dieses Bestreben der Feinde des göttlichen Gesetzes erhöhte nur noch meine Hingebung an dasselbe. Insbesondere כל פקודי כל ישרת'. ישר, das Gerade, Rechte. ישר, Etwas für gerade und recht erklären. כל פקודי כל: alle Gebote, worauf sie sich auch beziehen mögen. Die Zerstörer des göttlichen Gesetzes scheinen insbesondere einen Unterschied in den Geboten gelehrt zu haben, als ob sie nicht alle gleich an Werth und Bedeutung wären, und man sich die Verletzung der Einen mehr als der Andern erlauben dürfte. Denen gegenüber betrachtete ich es als meine Aufgabe, die völlige Gleichheit aller Gebote zu vertreten, welche Seiten des menschlichen Lebens und welche Verhältnisse sie auch betreffen möchten. Daher die Wiederholung כל פקודי כל: alle Gebote in Beziehung auf Alles.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 129. פלאות וגו'. Deine Zeugnisse, die unser Leben adeln, sind zugleich Gott offenbarende Wunder. Gleich deinen Wundern in der Natur und Geschichte, sind deine Zeugnisse, die unserm Leben Schönheit und Würde verleihen, zugleich eine Offenbarung deiner Weisheit und Größe. Darum hat meine Seele sie gepflegt, daß sie mir in ihrer ungetrübten Wahrheit gegenwärtig blieben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 130. פתח וגו'. Gleich der erste Satz deiner Worte: בראשית ברא אלקים giebt uns ein Licht für unsere Weltanschauung, ohne welches wir פת"ים wären, allen Irrthümern und täuschenden Ansichten zugänglich (Siehe Pent. 1. B. M. 1, 1. פת', siehe das. S. 179).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 131. פי' וגו', darum habe ich meinen Mund weit geöffnet und nahm mit Begierde deine Worte in mich auf, denn nach deinen Geboten hatte ich mein Verlangen. Ich kam zum Erlernen deiner Lehre, nicht aus Lust an eitler Spekulation, sondern weil ich das Bedürfniß fühlte, meine Lebensaufgaben kennen zu lernen, zu wissen, was ich auf meinem Posten, auf welchen du mich mit meinem Hiersein gestellt, zu thun und zu lassen hätte. Das, fühlte ich, könnte ich nur aus deinen Anweisungen erfahren, und dieses Streben nach einem pflichtgetreuen Leben, führte mich zu deinem Gesetz.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 132. פנה וגו'. Darum wende dich mir zu und gieb mir die für dieses Streben nöthige geistige Begabung. כמשפט, wie כמשפט הראשון (1. B. M. 39, 13), כה עשה דוד וכה משפטו (Sam. I. 27, 11). אהבי שמך sind Diejenigen, die ihre höchste Glückseligkeit in die Vermehrung ihrer eigenen Gotteserkenntniß und deren Verbreitung unter die Menschen setzen (Siehe Ps. 5, 12).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 133. פעמי וגו', הכן: befestigen, oder: die bestimmte Richtung geben. Wie du mein geistiges Streben durch deinen Beistand fördern mögest, so wollest du mir auch beistehen, daß mein Wandel stets in der Richtung bleibe, die du durch deine Ueberlieferung uns gelehrt, lasse alle meine Kräfte mich zum Guten verwenden, und kein און, keine Neigung, irgend eine meiner Kräfte (און) zu mißbrauchen, über mich Gewalt haben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 134. פדני וגו', und wie von innern Feinden meines Pflichtlebens, so auch von äußern Feinden, die mich in dem rechten Gebrauch meiner Kräfte hindern möchten, mache mich frei.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 135. פניך וגו'. Die Präposition ב nach פנים bezeichnet immer eine feindliche Richtung. פני ד' בעושי רע (Ps. 34, 17), ונתתי פני בנפש האוכלת (3. B. M. 17, 10), אתן את פני באיש (das. 20, 3. ebenso 5. 6. 26, 17 u. s.), im Gegensatz zu: יאר ד' פניו אליך (4. B. M. 6, 25). Es heißt daher auch hier wohl: lasse dein Angesicht wieder leuchten, das jetzt wider deinen Diener gerichtet ist. Jetzt vermißt er den geistigen Beistand Gottes. Möge ihm dieser wieder zugewendet werden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 136. פלגי וגו'. Er bittet um somehr um geistige Kräftigung und Erleuchtung, da ihn der tiefste Schmerz über den Abfall vom pflichtgetreuen Gesetzesleben erfüllt, den er unter seinen Zeitgenossen wahrnimmt, und der die erkenntnißvollste Geisteskraft hervorruft, um ihm entgegenzuwirken.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 137. צדיק וגו'. Du bist gerecht und gerade in deinen Rechtswaltungen, auch wenn sie uns schmerzlich treffen und sich unserer Einsicht entziehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 138. צוית וגו'. Du hast uns auf das Recht deiner Zeugnisse verpflichtet, ganz besonders aber zum treuen Festhalten, zur אמונה, die sich nicht irre machen läßt, wie sich auch die äußern Verhältnisse und die Beziehungen zu den Menschen gestalten mögen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 139. צמתתני וגו'. צמת (siehe Pent. 3. B. M. 25, 23), eigentlich starr machen, kann hier um so mehr härten, gegen alle äußere Veränderungsversuche unempfindlich machen, bedeuten, da es als Wirkung der eben genannten אמונה erscheint, welche mitten in Widerwärtigkeiten und allseitig gewahrtem Abfall von Gottes Gesetz, uns zum beharrlichen Festbleiben auffordert.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 140. צרופה וגו'. Rückblickend schildert er nun hier und im Folgenden sein Verhalten zur Gotteslehre von seiner frühen Jugend an. Die Klarheit und Reinheit der überlieferten Erläuterung des göttlichen Gesetzes hatte sein Herz für dasselbe gewonnen, und daher kam es, daß
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 141. צעיר וגו', er schon als Knabe, da er der Jüngste, und von seinen ältern Brüdern verachtet war, Gottes Aufgaben nicht vergaß.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 142. צדקתך וגו' kann hier wohl nicht die von Gott geübte צדקה bezeichnen. Diese ist immer eine vom Recht unterschiedene Milde, und schwer wäre der Sinn zu fassen, wenn hier von dieser צדק צדקה prädicirt wäre (Siehe Pent. 1. B. M. 15, 6). Vielmehr ist es die von Gott uns gelehrte Pflichtgerechtigkeit, ebenso wie Ps. 5, 9. (siehe das.) Er sagt im Zusammenhang mit dem Vorigen: schon in meiner Jugend war mir die von dir uns gelehrte Pflichtgerechtigkeit das ewige Recht und deine Lehre die Wahrheit, daher kam es, daß,
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 143, צר וגו', als im spätern Leben Noth und Drangsal mich trafen, deine Gebote mein steter Trost, Erheiterung und Kraft gewährende Beschäftigung blieben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 144. צדק וגו'. Darum gewähre mir auch jetzt in meinen ältern Jahren Einsicht in das ewige Recht deiner Zeugnisse, die zugleich unsern Geist erleuchten und unser Leben verschönern sollen, damit ich lebe; denn nur Erkennen und Vollbringen deiner Zeugnisse heißt mir: Leben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 145. 146. קראתי וגו'. Er ruft Gott wiederholt um Beistand und Erleuchtung an, damit er seine Gesetze pflege und seine Zeugnisse hüte. הושיעני: verleihe mir neues ungeknicktes Sein.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 147. קדמתי וגו'. Die Frühdämmerung findet ihn wach und flehend, und harrend auf Gottes Waltungsspruch, der, in wie mannigfaltigen Verhängnissen (כ' דבריך) er auch erscheinen möge, doch immer das unveränderliche Eine Wort der Güte und Gerechtigkeit (ק' דברך) ist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 148. קדמו וגו'. In drei Abtheilungen, אשמורות, wird die Nacht getheilt. Vor den zwei letzten Dritteln scheucht er den Schlaf von seinen Augen, um sich mit Gottes Gesetz zu beschäftigen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 149. קולי וגו'. Darum höre mein Flehen nach deiner Liebe, nach deiner sich „immer gleichbleibenden" Weise (משפטך, Plural ohne Pluralzeichen), erhalte mich am Leben, oder: gieb mir Leben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 150. 151. קרבו וגו'. Diese sich immer gleichbleibende Weise Gottes, an welche er im vorigen Vers appellirt, erläutern diese beiden Verse. Selbst tief in Unsittlichkeit Versunkene haben sich schon dir wieder genaht, und du hast sie aufgenommen, bist ihnen wieder nahe geworden, und alle deine Gebote, auch die, die uns jederzeit zur Rückkehr zu dir auffordern und uns deine wiederzugewinnende Nähe zusichern, haben sich als Wahrheit bewährt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 152. קדם וגו'. Diese deine, von deinen Zeugnissen uns gelehrte Waltungsweise, habe ich auch in der Vorzeit gefunden, und habe so auch die vergangenen Zeiten aus deinen Zeugnissen verstehen gelernt, denn deine Zeugnisse hast du für das Verständniß aller Zeiten gestiftet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 153. ראה וגו'. Auf die im Vorigen gezeichnete Liebeswaltung Gottes gestützt, bittet er um frei machende Rettung aus seinem Elende.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 154. ריבה וגו'. לאמרתך חיני: für die Erkenntniß, Vollbringung und Vertretung deiner Ueberlieferung erhalte mich.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 155. 156. רחוק וגו'. Von Gesetzlosen, die sich nie um dein Gesetz gekümmert, mag freilich Hilfe fern sein, aber — selbst wenn ich durch Verirrungen deine Liebe verscherzt hätte — רחמיך, deine Barmherzigkeit, die ja jedem deiner Kinder und Geschöpfe unverlierbar ist, rufe ich an, nach dieser deiner Weise gib mir Leben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 157. 158. רבים וגו'. Meine Leiden sind ja eben durch meine Anhänglichkeit an deinem Gesetze hervorgerufen, die ich als „Leuchte und Zierde" unseres Lebens geachtet, und und da entgegentrat, wo ich treulosen Abfall von deinem Gesetze gewahrte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 159. ראה וגו'. Siehe, d. i. mein Leben zeugt für meine Anhänglichkeit an deinen Aufgaben, darum hoffe ich auf Leben von deiner Liebe.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 160. ראש וגו'. Wie Wahrheit und Recht unwandelbar für alle Zeit dieselbe Geltung haben, so hat ja dein Wort Geltung für alle Zeit, dein Wort, dessen Gesammtinhalt Wahrheit, und dein Gesetz, dessen Grundgepräge Recht ist. Daher erblickte ich in jedem Abfall von deinem Wort und Gesetz eine בגידה: einen Abfall von Wahrheit und Recht, konnte nimmer zu der Ansicht schweigen, als ob zu irgend einer Zeit es einen andern Maßstab für unser Denken und Handeln geben könne, als die Wahrheit deines Wortes und das Recht deines Gesetzes. Wo ich daher בוגדים sah, da trat ich entgegen, und wenn die Liebe zu deinem Gesetze mir die Feindschaft der Menschen zugezogen hat, so ד' כחסדך חיני (V. 159), ראש wie כי תשא את ראש (2. B. M. 30, 12). ושלם אותו בראשו (3. B. M. 5, 24).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 161. שרים וגו'. Obgleich Fürsten, und zwar grundlos mich verfolgten, habe ich doch nicht sie gefürchtet, sondern kannte nur die eine Furcht, mich gegen dein Wort, in der ganzen Mannigfaltigkeit seines Inhaltes (כ' דבריך) zu versündigen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 162. שש וגו', und hochbeglückende Freude brachte mir die dein Wort erläuternde Ueberlieferung, so hoch, als hätte ich einen Sieg über die mich verfolgenden Fürsten und reiche Beute davon getragen. Ja, diese Freude war ein geistiger Sieg und eine geistige Beute. In meinem Innern überwand ich die Absicht meiner Gegner mich niederzuschlagen, und die in drohender Gefahr gewonnene Ruhe und Freude an tieferer Erkenntniß und treuer Erfüllung deines Gesetzes war eine reich beglückende Beute.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 163. שקר וגו'. Indem man mich ferner grundlos, somit mit erdichtenden Verleumdungen verfolgte, lernte ich aus Erfahrung das ganze Bittere der Lüge kennen, lernte Lüge hassen und verabscheuen und die Lehre doppelt lieben, die uns mit so tiefem Ernst vor jeder Lüge warnt, und Wahrheit als Grundgepräge all unseres Seins und Wollens fordert. אמת ist ja ראש דברך (V. 160), und ist eben das דבר deiner דבריך (V. 161), gegen das mich zu versündigen mit ganzer Scheu mich erfüllte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 164. שבע וגו'. Jeder Lügenpfeil, den die Gegner gegen mich sandten, verwandelte sich mir zu einem Gottes=Preis für die Rechtsordnungen, mit welchen Gott Wahrheit und Recht uns als die einzigen Leiter unserer Worte und Handlungen bestimmte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 165. שלום וגו'. Da lernte ich, welch' reichen, durch Widerwärtigkeiten nicht zu trübenden Frieden die Liebe deiner Lehre gewährt, und wie kein äußeres Ereigniß Diejenigen zum Falle bringt, die deine Lehre lieben. Sie bleiben immer aufrecht und verfolgen ihren geraden Weg.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 166. שברתי וגו'. So ließ ich mich durch Nichts irre machen. Ich hoffte auf deine Hilfe und erfüllte ruhig die Pflichten, die dein Gesetz uns gebietet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 167. 168. שמרה וגו', meine Seele, mein ganzes denkendes und empfindendes Wesen, nahm die von deinen Gesetzen uns bezeugten Wahrheiten zu bleibendem innern Schatz in sich auf, und wendete ihnen meine ganze Liebe zu, und שמרתי וגו', was ich geistig erkannt und mit ganzem Herzen lieben gelernt, das erfüllte ich gewissenhaft als meine Lebensaufgaben und die Wegweiser für mein Thatenleben; denn du warst mir bei jedem Schritte gegenwärtig.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 169. 170. תקרב וגו' תבוא וגו'. An die vorangehende Darlegung seines Strebens knüpft sich die doppelte Bitte: um Einsichtgewährung und Rettung. הבינני, הצילני.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 171. 172. תבענה וגו', תען וגו'. Was du mir an geistiger Einsicht und äußerer Stellung neu gewährst, soll dem doppelten Zwecke geweiht sein: in überströmendem Gefühle es auszusprechen, wie du dem Innern des Menschen durch Belehrung dich waltend zeigst, תהלה, und die gewonnene Einsicht in dein Gesetz entsprechend weiter zu lehren. ענה ist nicht nur die Beantwortung einer Anrede, sondern überhaupt die Aussage Dessen, was einem Vorgang, Zustand, oder einer sonstigen Veranlassung entspricht: Daher ja auch beim Beginnen einer Rede: לא תענה ברעך (2. B. M. 20, 13), וענית ואמרת (5. M. 26, 5). וענו הלוים (daf. 27, 14).
V 173. חהי וגו'. Lasse daher deine Hand sich bewähren mir beizustehen, denn die Erfüllung deiner Aufgaben und das Wirken für sie habe ich als meinen Beruf erwählt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 174. תאבתי וגו'. Meine eigentliche Beschäftigung, in welcher ich thätig war, war deine Lehre, Hilfe habe ich von Dir erwartet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 175. תחי וגו'. Möge daher mein geistiges Wesen immer lebendig bleiben und dein Thatenlob verkünden, und mögen deine Waltungen, in denen sich einheitlich deine Gerechtigkeit offenbart, (משפטך ohne י), mir in diesem Streben beistehen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 176. תעיתי. Habe ich geirrt, so mögest du, wie der Hirte ein verloren gegangenes Lamm aufsucht, mich aufsuchen und zu deiner Leitung zurückführen. Denn wie das Lamm nur aus Unachtsamkeit von der Nachfolge des Hirten abkommt, sich auf dem Abwege verlassen fühlt und zu dem Hirten sich zurücksehnt, so habe auch ich, wenn ich einmal fehlgegangen war, dich und deine Weisungen nicht vergessen, habe unglücklich und verlassen auf jedem Abwege mich gefühlt, in den ich gerathen war, und mich zu dir und deiner Leitung zurückgesehnt.