Tehillim 118 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 118. Nach einer einleitenden Aufforderung an alle Gottesfürchtigen, sich dem Bekenntniß Israels und seines Priesterhauses anzuschließen, folgt ein bekenntnißvoller Rückblick auf Israels ganze weltgeschichtliche Vergangenheit bis zu dem Erlösungstage hin, an welchem es nun als hohepriesterlicher Herold Gottes an die Menschheit dasteht, und Alle, Alle zum Eintritt in die Gott huldigende Pflichtgerechtigkeit des Lebens ladet.
V. 1—4. הודו וגו'. Siehe Ps. 107, 1. Daß die Liebe Gottes immerdar walte, in leidvollen Tagen nicht minder als in Tagen des Glückes und der Freude, das hat Israel mit seinem Berufe im Kreise der Menschheit, das hat das Haus der Aharoniden mit seinem Berufe in Israels Mitte, das hat jeder gottesfürchtige Mensch in seiner Arbeit an sich selber erfahren, und das sollen sie alle mit huldigendem Dankbekenntniß aussprechen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5—20 ist ein solches Gott huldigendes Dankbekenntniß Israels, mit welchem es auf die prüfungsvolle Vergangenheit zurückblickt, durch welche es Gott zu dem freudigen Höhepunkt der Erlösung geführt.
מן המצר וגו'. Nach Pesachim 117, a. wäre מרחביה Ein Wort wie הללויה. Es wäre Ein Begriff: die Gottes-Weite, die Befreiung von jedem Angstgefühl, die nur Gott zu verleihen vermag, und in welcher dem Bedrängten sich die Gottesnähe ankündigt. Dieses frei machende Bewußtsein der Gottesnähe sprechen die folgenden Verse 6—9 aus. ד' לי, das war mein Gefühl, und wenn ich auf Erden von Menschen ganz verlassen war, so kannte ich keine Furcht, und wenn auch die ganze Menschheit gegen mich war. ד' לי בעזרי, und wenn Menschen mir hilfreich zur Seite traten, so sah ich in ihnen nur Gottes Boten, Gottes Fügung. In ihnen, in ihrem Beistand erblickte ich Gottes Hilfe, und sah daher ruhigen Auges auf meine Hasser hin (Siehe Ps. 112, 8). Weil ich, wenn Menschen mir beistanden, nicht auf diesen Menschenbeistand vertraute, sondern auf Gott, dessen Werk ich in diesem Beistand der Menschen erblickte, darum verzweifelte ich auch nicht, wenn mir dieser Beistand fehlte, und ich nur Menschenhaß mir gegenüber sah. טוב לחסות וגו'. חסה ב, das verstärkte חזה, heißt: auf eine Hilfe mit Zuversicht ausschauen, die noch ferne ist, im Gegensatz, zu בטח ב, welches das Vertrauen auf einen schon gegenwärtigen Beistand bezeichnet. Also: Besser ist es, mit Zuversicht auf die noch ferne Hilfe Gottes hinzublicken, als auf die bereits gegenwärtige Hilfe von Menschen zu vertrauen, selbst, wenn diese Menschen נדיבים sind, die bloß ihrem innern Drange zu folgen brauchen, ihrem innern Drange folgen können und folgen. נדיבים nach Stand und Charakter.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10—12. כל גוים וגו'. Diese Zuversicht in Gott habe ich während meiner ganzen Geschichte bethätigt und sie bewährt gefunden. Dieses dreimalige סבוני, סבוני, סבוני dürfte, Israels ganze Geschichte umfassend, die drei Perioden derselben bezeichnen: die Zeit von Josua bis zum Untergange des ersten Tempels, die Zeit während des zweiten Tempels bis zu dessen Zerstörung, die Zeit der Zerstreuung im Exil. Die שלמים-Form סבב, in Verhältniß zu der gewöhnlichen Form סוב, scheint mehr ein engeres Umringen zu bezeichnen. אמילם von מול gegenüber, המיל entgegentreten. אמילם mit פתח, statt אמילם des סוף פסוק willen. Während der ersten Periode seiner Geschichte, hatte Israel zunächst von seinen Nachbarvölkern zu leiden, sie Alle umringten es, und es war zuletzt doch nur der Name Gott, mit dem Israel ihnen entgegen trat; so lange ihm die Zuversicht nicht war, unterlag es. Und daß es den Untergang seiner staatlichen Selbstständigkeit überdauerte, war nur die Kraft des göttlichen Namens. Während seines zweiten Staatlebens waren es Völker aus der Ferne und Nähe, die es bedrängten. Wo es siegreich ihnen begegnete, da war es nur da, wo der Name Gott es zur Zuversicht begeisterte. Sobald und als es nach Völkerart Politik auf eigene Faust und Völkerbeistand treiben wollte und trieb, richtete es sich und seinen Staat zu Grunde. Mit dem Namen „Gott" und nur mit ihm zog es in's Exil und in die Zerstreuung. In weitem weitem Kreise, so weit fast wie das Erdenrund, umgab es die Feindschaft der Völker. Wie unter einen Bienenschwarm war es gerathen, aus dem es kein Entrinnen giebt, und jeder Einzelne konnte an ihm seinen Stachel üben, übte ihn, und erreichte doch nicht sein Ziel. Nach Jahrtausenden schaut Israel zurück, und darf sich sagen: דועכו, es ist der Pual: durch eine höhere, unsichtbare Macht sind sie zum Verlöschen wie Dornen-Feuer gebracht worden. Der Gedanke des brennenden Bienenstiches hat vielleicht das andere Bild von Dorn und Feuer erzeugt. Was aber hat Israel die Kraft gegeben, diesen langen, langen Tortur-Jahrhunderten standhaft zu begegnen? Nur בשם ד' trat es Allen und Allem entgegen, und erfocht den Sieg der Ausdauer.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. 14. דחה וגו'. Diese Anrede beweist, daß auch alles Bisherige an die Völker gerichtet war, die schon Ps. 117 aufgefordert waren, und die hier nun in ihrer Gesammtheit als Einheit angeredet werden, wohl weil sie in der That in der Gegnerschaft Israel gegenüber Eins gewesen sind. Du hast mich fortwährend zum Fallen gestoßen, es war deine Absicht mich zu Falle zu bringen, und ohne Gottes Beistand wäre ich zu Falle gekommen, aber Gott hat mir beigestanden. Ich widerstand, gewann Lebensheiterkeit, schwang mich zu Gesang auf; diese meine Widerstandskraft und diese Gesangesbegeisterung war ה', war die Gottesmacht, die sich in dieser meiner Widerstandskraft und in dieser Gesangesbegeisterung, — die gar nicht זמרתי', gar nicht „mein“ Gesang war — bekundete, ויהי לי לישועה, das ward mir zur ישועה, das ließ mich mitten in allem Elend immer neue Daseins- und Lebensfrische gewinnen (Siehe Pent. 2. B. M. 15, 2). Mit diesem עזי וזמרת יה ויהי לי לישועה tritt die ganze lange, lange Galuthzeit in dieselbe Bedeutung Einer Gottes Macht offenbarenden Waltungsthat wie der großartige Moment der קריעת ים סוף', und überragt diese noch durch seine fast nach Jahrtausenden messende Dauer.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. 16. קול רנה וגו'. Diese Israel widerfahrene Gotteshilfe soll aber die freudige heilverkündende Botschaft, weit über Israel hinaus, in die Hütten aller Gerechten tragen, die Botschaft: daß Gottes helfende Rechte, wie sie in der Vergangenheit hoch über alles Hohe sich gezeigt, noch jetzt und in aller Gegenwart Allen obsiegende Kraft und Macht verleiht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. 18. לא אמות וגו'. So, — spricht Israel — ist meine Bestimmung, nicht unterzugehen. Unter lebenbedrohendsten Geschicken sollte ich als unsterbliches Volk auf Erden wandeln, sollte die ganze Geschichte der Menschheitentwickelung und meine eigene durchleben und durchmachen und die erlebten Waltungsthaten der Gottes-Allmacht erzählen. Mit schmerzlich erziehenden Leiden hat mich die Gottes-Allmacht nicht verschont, aber dem Untergange hatte sie mich nicht bestimmt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 19. פתחו וגו'. Jetzt, nachdem mich die Leiden für meine Bestimmung bessernd reif gemacht, öffnet mir wieder die Pforten des die Lebens-Gerechtigkeit lehrenden und fordernden Gesetzesheiligthums Gottes. Von der „Gerechtigkeit“ abgefallen, fielen dessen Pforten mir zu. Zu der von ihm gelehrten Gerechtigkeit zurückkehrend, seiner wieder würdig geworden, darf ich wieder in seine Pforten einziehen, und dort mein Gott huldigendes Bekenntniß aussprechen. צדק: das von Gott gelehrte Ideal des Rechts, dessen Huldigung die Summe des ganzen Pflichtlebens bildet. Wer der Verwirklichung dieses צדק lebt, ist צדיק.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 20. זה השער וגו'. Dieses Thor des Gesetzesheiligthums ist zugleich das Thor Gottes. Es giebt keinen andern Weg zu Gott, als den Weg zu der von seinem Gesetze gelehrten Pflichtgerechtigkeit, und nicht nur Israels Söhne, sie und alle, die der von Gott gelehrten Pflichtgerechtigkeit huldigen, sind geladen, in die Pforte seines Gesetzesheiligthums einzugehen. So auch die Weisen in ת"כ zu 3. B. M. 18, 5. וכן הוא אומר פתחו שערים ויבאו כהנים לויים וישראלים לא נאמר אלא צדיקים יבאו בו. וכן הוא אומר זה השער לד' כהנים לויים וישראלים לא נאמר אלא צדיקים יבאו בו (Siehe Pent. das.). Nur als ihr Weg weisender Führer geht ihnen Israel voran, und spricht zuerst sein Bekenntniß aus.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 21. אודך וגו'. Dir bekenne ich, daß, oder: Dich bekenne ich, denn du hast mich erhört und bist mir zur Hilfe geworden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 22. אבן וגו'. Nicht einmal als Mitbaustein unter andern Bausteinen glaubten die an dem vermeintlichen Völkerheil schaffenden Bauherrn Israel in ihren Bau einfügen zu können, und ließen es verächtlich bei Seite liegen, und nun ist gerade Es der erste Hauptgrundstein des Heilesbau's der Menschheit geworden! (פנה von פנה, wenden, eigentlich der Wendepunkt, ist Ausdruck für Ecke, Winkel, als derjenige Punkt, in welchem zwei Linien zwei verschiedener Richtungen zusammentreffen, jede derselben daher eine „Wendung“ macht, in eine andere Richtung übergeht. Beim Grunde eines Gebäudes wird פנה, der Winkel, als derjenige Theil begriffen, auf dessen gewählter Festigkeit und Stärke die Festigkeit des ganzen Bau's beruht. So Hiob 38, 6. von der Gründung der Erde: מי ירה אבן פנתה. Ebenso Jes. 28, 16. הנני יסד בציון אבן אבן בחן פנת יקרת מוסד מוסד. Daher heißen auch die Haupträger der Volksgemeine פנות העם (Richter 20, 2. Sam. I. 14, 38). Wahrscheinlich ist auch בנה, wie dem Laute nach auch begrifflich mit פנה verwandt, als Zusammenfügung in die vier Richtungen gewandter Wände.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 23. מאת וגו'. Die Herbeiführung dieser endlichen und allgemeinen Anerkennung der einzighohen Bedeutung Israels, des bisher völlig Verkannten und Verachteten, für den Heilesbau der Menschheit, ist auf solchen Wegen geschehen, daß sich darin unverkennbar der Gottesfinger bekundet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 24. זה היום וגו'. Diesen Tag, der mit Allanerkennung gekrönten Erlösung und Rückkehr Israels zu seinem Gottesheiligthum, hat Gott bewirkt, sein, Gottes haben wir uns laut und innig zu freuen. גיל, verw. mit קול: die laute Freude. שמח, verw. mit צמח: die innere Freude.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 25. אנא וגו' ist der Ruf der Israel nachfolgenden Völker. Sie haben endlich erkannt, daß sie nur von Gott wahres Heil zu erwarten haben, und richten ihre verlangende Bitte an Ihn. Zwiefach ist aber das von Menschen zu erstrebende und erhoffende Heil: ישועה und הצלחה. ישועה: ungeschwächte persönliche Frische des Seins und Lebens, ישעי, das wirkliche, wahrhaftige ש'. הצלחה: das ungehinderte Gelingen alles Schaffens und Wirkens. Um Beides bitten sie Gott.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 26. 27. ברוך וגו' ist die Antwort Israels aus dem Heiligthum, in das es bereits mit seinem Bekenntniß eingetreten. הבא ist durch den Accent von בשם getrennt. Es heißt nicht: Gesegnet der im Namen Gottes kommt; sondern: der Kommende sei im Namen Gottes, oder: mit dem Namen Gottes gesegnet. In der That heißt es aber nicht sowohl: im Namen Gottes, als: mit dem Namen Gottes segnen. Auch unsere Priester, obgleich dieselben von Gott beauftragt sind, den Segen auszusprechen, und insofern von ihnen gesagt werden könnte, sie segnen im Namen Gottes, in seinem Auftrage, segnen in Wahrheit mit dem Namen Gottes, wie es ausdrücklich von ihnen heißt: ושמו שמי על בני ישראל ואני אברכם, sie sollen Israel zum Träger des göttlichen Namens machen, allen seinen Beziehungen den Namen „Gott“ aufprägen, daß sie alle Gott geweiht und seinem Willen gemäß gestaltet seien, dann werde Gott sie segnen (Siehe Pent. 4. B. M. 6,27). So auch hier: die Menschen kommen zu Gott und bitten um den Segen des Heiles und Gelingens. Israel antwortet ihnen: Nicht von Gott, mit Gott, mit seinem Namen habt ihr den Segen zu erstreben und zu gewinnen. Aus Gottes Haus haben wir euch dieses Segenswort gesprochen. In diesem Hause sind alle Bedingungen des Segens niedergelegt: Gottes Gesetz und das daraus und daran sich gestaltende geistige und leibliche Leben und Gedeihen (שולחן und מנורה), und der Altar, an welchem wir die Gelobung unserer Hingebung an dieses Gesetz vollziehen. אל ד', wohl ist Gott, und Gott allein, der Born aller Kraft und Macht, deren wir zu unserm Heile und Gedeihen bedürfen. Allein Gott bewährt sich als Solcher nur, ויאר לנו: wenn wir uns von ihm leuchten lassen, wenn wir die Wege gehen, die Er uns in seinem Gesetze gewiesen. Darum אסרו חג בעבתים, haltet das Opfer, mit welchem ihr euch in Gottes und unsern Kreis einfügen wollet (siehe Pent. 2. B. M. 23, 15), gebunden, noch lange gebunden, bis ihr zu den Höhewinkeln des Altars gelanget, an welchem ihr erst den Eintritt in seinen Bund durch Hingebung eures „Wesens“ an die von seinem Gesetze auch für euch gelehrten Höhenziele gefeiert. Nicht durch Heilesbitten, durch Gehorsamgelobung wird Gott unser Gott! Darum könnt ihr nicht rasch mit eurem Opfer zu Gott gelangen. Bitten ist leicht, Gehorsam geloben, sich der Leuchte der göttlichen Einsicht unterzuordnen, bedarf einer langen, reifen, ernsten Entschließung. Darum haltet eure Opfer בעבתים „mit Seilen“ gebunden, bis ihr den Ernst der Entschließung gewonnen, der euch zu den Altarhöhen seines Gesetzes führt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 28. אלי וגו'. Diesen Ernst der Entschließung gewinnt die Menschheit und spricht ihn in dem Gott als „ihrem“ Gott huldigenden Bekenntniß aus. אלי וגו', fortan habe ich keine andere Macht, der ich huldige, als Dich, fortan bist Du „mein Gott,“ dem ich als Lenker meiner Geschicke und als Leiter meiner Thaten in seiner ganzen, alles Andere überragenden Hoheit mich unterordne.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 29. הודו וגו'. Mit diesem Eintritt der Menschheit in den Bund mit Gott, sieht Israel endlich den Zweck seiner Sendung erfüllt, und spricht nun für sich und die mit ihm verbundene Menschheit erst in vollem Sinne das Erlösungsbekenntniß aus, mit dem es, durch die Jahrhunderte der Weltgeschichte ziehend, alle Erlösungsphasen der göttlichen Waltung gefeiert: הודו לד' כי טוב כי לעולם חסדו.