Tehillim 115 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 115, V. 1. לא לנו וגו'. Als קדשו und ממשלותיו Werkzeug in Gottes Hand zur Weckung und Verbreitung der Gotteserkenntniß und Gotteshuldigung im Kreise der Völker zu werden, das sprach der vorige Psalm als Israels Bestimmung aus. Daraus erzeugt sich die in diesem Psalm niedergelegte Ueberzeugung und Gesinnung, welche uns bei unserer Sendung in die Mitte der Völker zu erfüllen haben. לא לנו וגו' ist entweder ein elliptischer Satz: nicht für uns und unsertwegen erwarten und erbitten wir überhaupt Etwas von Dir, sondern 2c. Oder das תן כבוד des folgenden Satzes gehört auch als Ergänzung zum ersten: Nicht uns, nicht uns gieb Ehre, d. h. nicht damit wir unter den Völkern zur Anerkennung gelangen, gieb uns Erhaltung und Gedeihen in ihrer Mitte, sondern damit „deinem Namen," d. i. der Wahrheit von deinem Sein, Wollen und Walten die gebührende Anerkennung werde. על חסדך על אמתך, Gottes Name: מדת ד' אלקים הרחמים ומדת הדין, spricht als Grundzug der göttlichen Waltung חסד und אמת, die alles Gute segnend fördernde Liebe, und die zu allem Guten erziehende Wahrheit und Treue (Vgl. Pent. 1. B. M. 47, 29. Ps 25, 10) aus, diese, deine aus חסד und אמת gewobene Waltung wollest du an uns sichtbar werden lassen, auf daß dein „Name" von den Völkern erkannt werde. Es heißt aber nicht על חסדך ועל אמתך, sondern על חסדך על אמתך, nur in der Erscheinung unterscheiden sich diese Waltungsweisen. In ihrem Wesen sind sie Eins. Gottes חסד ist אמת und Gottes אמת ist חסד.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. 3. למה וגו'. Die Frage der Völker איה וגו' kann zweifach verstanden werden. Entweder Israel spricht es wiederholt und offen aus, daß es auf Gottes Beistand rechnet. Bliebe dieser Beistand aus, so würden die Völker sagen: wo ist denn nun der Gott, auf den sie gerechnet!? Dazu würde aber die Entgegnung: ואלהינו וגו' nicht ganz passen.
Man müßte dann die Aeußerung der Völker dahin verstehen, daß sie durch Israels Verlassenheit Anlaß finden, an Gottes Vermögen zu helfen zu zweifeln, dem dann damit begegnet würde, daß Alles, was Gott gewollt, er noch immer vollbracht hat. Oder, und dies ist uns das Wahrscheinlichere: die Götter des Heidenthums sind für das irdische Auge sichtbar, aber ihre Wirkungen sieht man nicht. Israels Gott ist unsichtbar, aber dessen Wirkungen sieht man. An dieser Unsichtbarkeit des Gottes, mit welchem Israel in den Kreis der Völker eintrat, hat die heidnische Welt vor Allem Anstoß genommen. Um so mehr glaubt daher Israel erwarten zu dürfen, daß Gottes Wirken und Walten in seines Volkes Geschick in חסד ואמת den Völkern augenfällig sichtbar werde. Sehen sie dieses Wirken nicht, so sprechen sie um so mehr: „wo ist denn der Gott der Juden?" und unser Gott, er selbst freilich בשמים, unsichtbar im Himmel, כל אשר חפץ עשה hat doch Alles, was er gewollt, vollbracht! Diese seinen Willen und seine Allmacht verkündenden Vollbringungen sind die Zeugen seines Daseins und Waltens. Ja, folgen wir dem Accent, der כל mit אשר חפץ עשה zu einem Gedanken verbindet, so erscheint כל als Subjekt, אשר חפץ עשה Prädikat. Sollte es heißen: Alles, was er gewollt, hat er vollbracht, so würde כל אשר חפץ verbunden, und von עשה getrennt sein, wie Ps. 135, 6. Es heißt daher wahrscheinlich: Alles ist, was er gewollt und vollbracht hat, oder was er als Wollender, d. i. wollend vollbracht hat. Aehnlich wie בקמים על' מרעים (Ps. 92, 12). Es würde dann sagen: Unser Gott ist freilich unsichtbar im Himmel; allein, Alles ist nur Das, was er gewollt und vollbracht hat. Unser Gott ist freilich unsichtbar, allein, Alles in der sichtbaren Welt ist ein Zeuge seines Willens und seiner Macht, das ganze sichtbare All ist ein Werk seines „freien Schaffens." חפץ und עשה, Wille und Macht, absoluter freier Wille, und absolute, Alles vermögende Macht, das sind die ersten Attribute, die Gott, den Einzig Einen, von allen Göttern menschlichen Wahnes scheiden. Daran schließt sich dann die folgende Schilderung dieser Götter des Wahns.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4—7. עצביהם וגו'. (עצבים Siehe Pent. 1 B. M. S. 80. Vgl. zu 3. B. M. 19, 4). Wir haben bereits zu dem ähnlichen אלהים מעשה ידי אדם עץ ואבן אשר לא יראון ולא ישמעון ולא יאכלון ולא יריחון Pent. 5. B. M. 4, 28 auf die doppelte Auffassung hingewiesen, welche im Heidenthum von seinen Göttern vorhanden war. Der allgemeinste Volksglaube verehrte in dem von Menschenhänden geschaffenen Bilde eine demselben innewohnende Gottheit. Von diesem gilt das dort und hier Ausgesagte in concretem buchstäblichen Sinne. Allein auch von der Auffassung der gebildetern Heiden, denen das Götterbild nur eine Darstellung personificirter Naturkräfte war, gilt diese Aussage in nicht minder zutreffender Wahrheit. Auch die vergötterten Natur-Kräfte sind völlig bewußt- und willenlos, sie nehmen, — wie es dort heißt, — weder die Dinge an sich wahr (לא יראון ולא ישמעון), noch werden sie sich ihres sinnlichen Eindruckes bewußt (לא יאכלון ולא יריחון), und stehen damit nicht nur unter dem Menschen, sondern tief selbst unter allem organisch Lebendigen, und eben so berechtigt ist es, wenn außerdem hier ihnen noch jedes Gebieten (לא ידברון), frei bewußtes Wirken (לא ימישון) und Streben (לא יהלכון), ja jeder Anfang einer Intelligenz (לא יהגו), abgesprochen wird. Alles, was Menschen vergöttern, ist blinder, unfreier, rein physischer Natur, und steht nicht nur unter dem Menschen, sondern selbst tief unter dem Bereiche alles Lebendigen, das selbst auf niedrigster Stufe sich eines Anfangs von Wahrnehmung und Wollen erfreut. Der heidnische Wahn giebt seinen Götterdarstellungen Mund, Augen, Ohren, und spricht damit von ihnen aus, daß sie „gebieten und geistig wahrnehmen," diese Aussage ist aber eine bewußte oder unbewußte Täuschung. Ja selbst die Nase, die ihnen rein sinnliche Wahrnehmung zuspricht, ist unwahr. ידיהם וגו' רגליהם וגו', es heißt nicht ידים להם, רגלים להם, sondern: ידיהם וגו' רגליהם וגו' und es ist dabei das להם zu suppliren, so viel als ידיהם להם וגו' רגליהם להם וגו' sie haben ihre Hände 2c., sie haben ihre Füße 2c. Hände und Füße sind nemlich die ersten unerläßlichen Theile in der Darstellung eines Gottes, sie sind ja die Organe des Schaffens und der Zielbewegung, somit die Attribute der Macht und des Willens, der מעשה und חפץ (Vgl. V. 4). Ein Gott ohne Hand und ohne Fuß ist eben kein Gott. Weshalb ja auch nach Aboda Sara 41, a. תבנית יד או תבנית רגל, die plastische Darstellung einer Hand oder eines Fußes allein schon ein Bild der Götterverehrung war. ימישון Hifil von מוש gleichbedeutend mit משש, tasten, sie lassen die Hände nicht tasten, wie וימש חשך (siehe Pent. 2. B. M. 10, 21). המישני את העמודים (Richter 16, 26). Tasten ist der schwächste Anfang einer bewußten Handhabung der Dinge, ist ja erst ein Suchen sich der Dinge bewußt zu werden. Dieser Ausdruck ist daher hier sehr bezeichnend. Den vom Wahne vergötterten Naturkräften ist ja nicht Wirkung überhaupt, ja, kraftvolle, mächtige Wirkung nicht abzusprechen. Diese mächtigen Wirkungen sind es ja eben, die sie zu Göttern des Wahnes werden ließen, die Menschen zitternd zu ihren Füßen führten. Allein bei ihren mächtigsten Wirkungen fehlt ihnen Bewußtsein und Wille; bewußtlos und willenlos wirken sie, nicht einmal der Anfang einer bewußten, ja auch nur des Suchens einer bewußten Kraftbewegung ist ihnen. רגליהם, auch mit den Organen der bei ihnen vorausgesetzten Zielbewegung sind sie versehen, aber sie bewegen sich nicht nach einem bewußten Ziel. לא יהגו בגרונם (הגה siehe Ps. 1. 2). Da hier nicht לב, nicht לשון als Organ des הגה genannt ist, sondern גרון, vermittelst deren nur unartikulirte Laute zur Aeußerung kommen, so bezeichnet הגה hier wohl auch nur einen Thierlaut, wie אהגה כיונה (Jes. 38, 14), כאשר יהגה האריה (Jes. 31, 4). Obgleich ihnen eine Kehle angebildet ist, so haben sie doch nicht einmal den Anfang eines Empfindungslautes, den doch schon das Thier hat.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8 כמוהם וגו'. Diejenigen, deren Göttervorstellung, somit deren Ideale, der völlig gebundenen, unfreien Natur angehören, so wie Diejenigen, die ihr Vertrauen, somit den Erfolg aller Ereignisse und Geschicke in die blinde Macht einer bewußtlos wirkenden Gewalt setzen, die entkleiden sich selbst aller Hoheit einer intelligenten, sittlichen Freiheit, die sinken selbst einer blinden Triebnothwendigkeit in die Arme, die werden wie ihre Götter (Vgl. Pent. 5. B. M. 4, 28), und wie sie auf Wahngeburten vertrauen, gehen sie, ihrer ganzen sittlichen Menschenhoheit und Bestimmung verlustig, rath- und hilflos zu Grunde.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9–11. ישראל וגו'. In Gegensatz zu der mit ihren Anschauungen und ihrem Vertrauen in Wahn befangenen, in Täuschung zu Grunde gehenden Welt, ergeht an Israel jeder Zeit die Aufforderung, auf G o t t zu vertrauen, von dem nicht nur Vergangenheit und Gegenwart stammt, der vielmehr jeden kommenden Augenblick bestimmt und immer bereit ist, die Pforten einer neuen Zukunft zu öffnen. Das Vertrauen auf ihn ist keine Täuschung. Alle, die in Wahrheit auf Ihn vertrauen, Denen bewährt er sich als עזר und מגן, als Beistand in Lösung ihrer Aufgabe, und als Schild gegen alles Verderben drohende Feindliche. Indem aber hier die von Gott zu erwartende Hilfe nicht nur in dem Schutz gegen Außen, sondern auch in dem Beistand zur Lösung unserer Aufgabe gefunden wird, wird der auf Gottes Hilfe hingewiesene Kreis in dreitheiliger Gliederung gedacht: als „ישראל," als mit der Aufgabe der Gottes-Heroldschaft unter die Völker gesandtes Volk, und innerhalb derselben: „בית אהרן," der Stamm der Aharoniden, der mit seiner Aufgabe dieselbe Stellung in Israel einnimmt, wie Israel unter den Völkern; endlich: „ירא' ד'," jeder Einzelne mit seiner Aufgabe, in erster Linie „sich" in den Wegen der Gottesfurcht und des Gott huldigenden Pflichtlebens zu führen, Gottes Herold und Priester an „sich" zu sein. Wenn unsere Gesammtheit „Israel" ist, unsere Priester auch in Geist und Wandel „Aharoniden" sind, Jeder von uns יראת ד' anstrebt, dann mag unsere Gesammtheit, unsere Priesterschaft, jeder Einzelne von uns zuversichtlich auf Gott vertrauen, עזרם ומגנם הוא, Israels, der Aharoniden, aller Gottesfürchtigen Beistand und Schutz ist Gott, hilft in Lösung ihrer Aufgabe Israel unter den Völkern, den Aharoniden in Israel, jedem Gottesfürchtigen in seiner Arbeit an sich selbst, und gewährt ihnen Schutz gegen alles gegensätzlich Feindliche.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12–15. ד' זכרנו וגו'. Und wie in dem Beistand und Schutz, in der Erhaltung die uns geworden, Gott es gezeigt hat, daß er unser zu jeder Zeit gedacht, uns nie vergessen, nie uns selbst und den Zufälligkeiten des äußern Lebens überlassen hat, so auch יברך, so wird er auch fortschreitend wachsendes Gedeihen geben, dem Hause Israels unter den Völkern, dem Hause der Aharoniden in Israel, den Gottesfürchtigen überall. Hier, wo des von Gott zu bewirkenden Segens gedeihlichen Wachsthums gedacht wird, wird Israel בית ישראל, die geschlossene Volkesfamilie unter den Völkern genannt, der vom ersten Stammvater an mit der Geburt ein Jeder zuwächst und den Kreis der Träger der Bestimmung dieses Hauses vergrößert, ganz so wie die Aharoniden ein בית אהרן, ein geschlossenes Haus in Israel bilden, das seine Bestimmung vom Stammvater geerbt und auf jeden seiner Söhne vererbt. Ein solches geschlossenes „Haus" bilden die ירא' ד' nicht, von ihnen heißt es daher nicht את בית ירא' ד', in diesem Sinne kann von einem „Haus der Gottesfürchtigen" nicht die Rede sein. Allein, in so fern eben darum der „Hausessegen" eines jeden Gottesfürchtigen um so mehr der ganz besondern göttlichen Fürsorge bedarf, daß die Kinder in freiem Verbande dem Elternhause zuwachsen, in freiem Verbande alles geistige und sittliche Edle, das die Eltern in ihnen fortpflanzen möchten, aufnehmen und forttragen und zu ewiger Weitervererbung pflegen, und mit Kind und Kindeskindern dem Ahn-Hause angehörig bleiben, wird eben dieser Segen eines gottesfürchtigen „Hauses" in seiner begrifflichen Bedeutung ausgesprochen, und statt zu sagen: יברך את בית ירא' ד' heißt es: יברך ירא' ד' הקטנים עם הגדולים, er segnet die Gottesfürchtigen, die Kleinen mit den Großen, daß die Kleinen in ewigem Zusammenhange mit den Großen, die Kinder in ewigem Zusammenhange mit den Eltern bleiben, und der Segen der Eltern auf die Kinder übergeht. יוסף וגו', so werdet ihr, und im gleichen Maße werden fortschreitend eure Kinder wachsen; denn ברוכים וגו' לד', nicht מד', nicht von, sondern für Gott seid ihr gesegnet; ihr werdet von Gott gesegnet, weil der euch werdende Segen dem Gotteswerke zu Gute kommt, das Gott auf Erden durch Menschen gefördert wissen will (Vgl. Pent. 1. B. M. 14, 19), ist er doch עשה שמים וארץ, der nicht nur Einmal Himmel und Erde in's Dasein gerufen, sondern fort und fort die mit dem Zusammenwirken des Himmels und der Erde gegebene Entwickelung Seinem Ziele zuführend gestaltet (Vgl. Pent. 1. B. M. 2, 3. Jes. 66, 22).
Diese ganze Anrede V. 8—15 spricht Israel jeder Zeit zu Israel aller Zeiten, sie ist eben die Frucht der Erfahrung, die sich in Israel von Geschlecht zu Geschlecht vererben soll.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16—18. השמים וגו' setzt den mit עשה שמים וארץ V. 15 gegebenen Gedanken fort, giebt damit eine fernere Begründung unserer Zuversicht in Gott, und zugleich einen weitern Gegensatz des wahrhaftigen Gottes gegenüber den Göttern des heidnischen Wahns. Es heißt nicht השמים לד', die Himmel sind Gottes, sondern השמים שמים לד' die Himmel sind Gott Himmel, d. h. daß die Himmel Himmel sind, daß sie ihre Bestimmung „Himmel" zu sein erfüllen, das ist ausschließlich Gottes Sache, dafür wirkt Er allein. והארץ, die Erde aber, hat er den Menschen übergeben, daß die Erde die Bestimmung erreicht, für welche Gott sie geschaffen, dazu hat er den Menschen als Statthalter und Mitarbeiter eingesetzt (Siehe Pent. 1. B. M. 1, 26. 27. 28, 2, 15). Daraus folgt, daß nicht Tod und Untergang, sondern Leben und möglichst blühende Entfaltung der Menschen auf Erden, Absicht der göttlichen Waltung ist. Die Götter des Heidenthums waren neidische Feinde des menschlichen Glücks, „Versager und Verneiner," עצבים und אלילים nennt sie das heil. Wort, und in Tod und Zerstörung erblickte das Heidenthum die Größe und Macht seiner Götter. Nicht so ד', der wahrhaftige Gott, der Gott Israels. Nicht die Todten und die in's Schweigen Sinkenden verkünden Seine Macht. Leben und Aufblühen verkündet seine Macht und Größe. Wir daher, die er ausgesandt hat, seine Macht und Größe unter den Menschen zu bezeugen, wir werden nicht untergehen, werden מעתה ועד עולם als das unsterbliche Volk durch die Zeiten wandeln, und in diesem lebensvoll ausdauernden Gange " נברך, zur Förderung und Erfüllung des Werks und der Ziele Gottes beitragen (" siehe Pent. 2. B. M. 15, 2).