Tehillim 116 תהילים

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1
אָ֭הַבְתִּי כִּי־יִשְׁמַ֥ע ׀ יְהֹוָ֑ה אֶת־ק֝וֹלִ֗י תַּחֲנוּנָֽי׃
BernfeldIch liebe den Herrn, denn er erhörte meine Stimme, mein Flehen.
ZunzIch liebe, denn der Ewige erhört meine Stimme, mein Flehen.
HirschIch liebe — denn G o t t hört — meine Stimme, ja meine flehenden Bitten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 116, V. 1. 2. אהבתי וגו'. Mit der Zuversicht, daß nicht Tod und Untergang, sondern Ueberwindung des Todes und des Untergangs unsere Bestimmung sei, in deren Erfüllung Gott an uns seine Macht und Größe zeigen will, schloß der vorige Psalm. Daran knüpft nun dieser Psalm die Aeußerung: Gott hat Israel schon so viele Rettungen erleben lassen, hat es dadurch mit solcher Zuversicht auf Erhörung erfüllt, daß nunmehr eine Lage, die es zu an Gott zu richtenden Hilferufen und wiederholten Gewährungsbitten veranlaßt, es fast mit einem gewissen Wonnegefühl erfüllt, weil es gleichsam die Wonne der Erlösung schon im Voraus empfindet. Objekt von אהבתי' ist קולי תחנוני', und כי שמע ד' ist zwischengeschobener Satz. Ich liebe, eigentlich: ich habe lieb gewonnen — denn ich weiß, Gott erhört mich — meine rufende Stimme, ja meine wiederholten Gewährungsbitten. תחנונים Substantiv von התחנן, dem Ringen vor Gott sich gewährungswürdig zu machen (Siehe Pent. 5. B. M. 3, 23). כי הטה וגו', denn er hat schon oft sein Ohr mir geneigt, ובימי' אקרא. יום mit Suff. wie יומו, יומך' bezeichnet mitunter den Tag der Entscheidung für Jemanden, und gewöhnlich in unglücklichem Sinne. או יומו יבא (Sam. I. 26, 10), כי בא יומך (Jerem. 50, 31). So auch hier ימי', Tage unglücklichen Verhängnisses für mich.

2
כִּֽי־הִטָּ֣ה אׇזְנ֣וֹ לִ֑י וּבְיָמַ֥י אֶקְרָֽא׃
BernfeldDenn er neigte mir sein Ohr, so oft ich [ihn] anrief.
ZunzDenn er neigte mir sein Ohr, lebenslang will ich (ihn) anrufen.
HirschDenn er hat schon oft sein Ohr mir geneigt, und in meines Geschickes Tagen rufe ich.
3
אֲפָפ֤וּנִי ׀ חֶבְלֵי־מָ֗וֶת וּמְצָרֵ֣י שְׁא֣וֹל מְצָא֑וּנִי צָרָ֖ה וְיָג֣וֹן אֶמְצָֽא׃
BernfeldMich umfingen die Bande des Todes, und Drangsal der Hölle traf mich, Not und Kummer fand ich.
ZunzMich umfingen des Todes Bande, und Angst der Hölle traf mich, Noth und Kummer fand ich.
HirschDrangen auf mich Todes Wehen, haben Grabes Nöthen mich getroffen, gehe Noth und Kummer ich entgegen:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3–5. אפפוני וגו'. אפף, auf Jemanden eindringen (Siehe Ps. 18, 5), מצרי', von צור, Plural von מצר, die Bedrängniß, die Noth. אמצא, ich gehe entgegen, wie מצא לך את החצים (Sam. I. 20, 21). Wenn Todes- und Grabes-Wehen und Nöthen über mich gekommen sind, ich nichts als Noth und Kummer entgegen gehe, so rufe ich Gott um Rettung an, und dann ist Gott so gewährungsvoll wie gerecht, und als „unser" Gott, in uns das Erzeugniß seines Waltens erblickend, übt er Erbarmen mit uns, wie ein Vater mit seinem Kinde (רחם siehe Pent. 2. B. M. 34, 6).

4
וּבְשֵֽׁם־יְהֹוָ֥ה אֶקְרָ֑א אָנָּ֥ה יְ֝הֹוָ֗ה מַלְּטָ֥ה נַפְשִֽׁי׃
BernfeldDa rief ich den Namen des Herrn an: Ach, Herr, rette mich!
ZunzSo ruf' ich an den Namen des Ewigen: ach Ewiger, rette meine Seele!
Hirschrufe ich G o t t e s Namen an: o, doch, o G o t t, rette meine Seele!
5
חַנּ֣וּן יְהֹוָ֣ה וְצַדִּ֑יק וֵ֖אלֹהֵ֣ינוּ מְרַחֵֽם׃
BernfeldGnädig ist der Herr und gerecht, und unser Gott erbarmt sich.
ZunzGnädig ist der Ewige und gerecht, und unser Gott ein Erbarmer.
HirschDann ist gewährungsvoll G o t t und gerecht, und unser Gott erbarmet sich.
6
שֹׁמֵ֣ר פְּתָאיִ֣ם יְהֹוָ֑ה דַּ֝לֹּתִ֗י וְלִ֣י יְהוֹשִֽׁיעַ׃
BernfeldDer Herr behütet die Einfältigen; ich war schwach und er half mir.
ZunzEs hütet die Einfältigen der Ewige elend war ich und er half mir aus.
HirschArglose behüthet G o t t; ich war schon tief herabgekommen, aber Er gewährt mir neues Dasein.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. שמר וגו'. פתאים (פתה siehe Pent. 1. B. M. S. 179. 4. B. M. 6, 9). Wohl hier nicht sowohl: Achtlose. als: Arglose, die von Ereignissen oder Vorgehen der Menschen gegen sie betroffen werden, die sie nicht voraussehen konnten, nicht zu erwarten berechtigt waren, denen sie פתאום kommen. Wo unsere Einsicht und Vorsicht nicht hinreicht, da schützt uns Gott. דלתי', ich war oft schon tief herabgekommen, aber Gott giebt mir immer neues, frisches, gekräftigtes Sein. Das ist ja ישע (verw. mit ישה') wovon ש'י, wie schon oft bemerkt, und hier dem דלתי' gegenüber in ganz eigentlichem Sinne steht.

7
שׁוּבִ֣י נַ֭פְשִׁי לִמְנוּחָ֑יְכִי כִּֽי־יְ֝הֹוָ֗ה גָּמַ֥ל עָלָֽיְכִי׃
BernfeldKehre zurück, mein Herz, in deine Ruhe, denn der Herr hat dir wohlgetan.
ZunzKehre zurück, meine Seele, in deine Ruhe; denn der Ewige hat dir wohlgethan.
HirschKehre immer wieder, meine Seele, zu deinen Beruhigungsquellen, denn es ist G o t t, der, was über dich gekommen, zur Reife hat gebracht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. שובי וגו'. מנוחיכי ist nicht von מנוחה, sondern Plural von מנוח: die Stelle, der Ort wo man Ruhe findet. אבקש לך מנוח (Ruth 3, 1). גמל עליכי (Siehe Pent. 21, 8), hat das zur Reife gebracht, was über dich gekommen. In diesem Bewußtsein, daß alle deine Geschicke von Gott über dich herbeigeführt, hast du in jedem Geschicke Seelenruhe zu finden.

8
כִּ֤י חִלַּ֥צְתָּ נַפְשִׁ֗י מִ֫מָּ֥וֶת אֶת־עֵינִ֥י מִן־דִּמְעָ֑ה אֶת־רַגְלִ֥י מִדֶּֽחִי׃
BernfeldDenn befreit hast du mich vom Tode, mein Auge von Tränen, meinen Fuß vom Sturze.
ZunzDenn befreit hast du meine Seele vom Tode, mein Auge von Thränen, meinen Fuß vom Sturze.
HirschWenn d u aber meine Seele hast vom Tode befreit, so mein Auge von Thränen, meinen Fuß vom Gleiten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8, 9. כי חלצת וגו'. Der Uebergang der Aussage in die Anrede an Gott läßt den Satz als einen neuen Gedanken einleitend und zum Folgenden gehörig auffassen. Der Sinn wäre: das Bewußtsein, „daß d u meine Seele vom Tode befreit hast," daß ich ohne dein Dazwischentreten schon längst dem Untergange verfallen wäre, dies Bewußtsein „schützt mein Auge vor Thränen, meinen Fuß vom Ausgleiten," dies Bewußtsein nimmt meinem Geschick alles Herbe und hält mich aufrecht, daß ich im prüfungsvollsten Gange nicht zum Fehltritte komme, dies Bewußtsein giebt mir die Zuversicht, daß „ich fortwandeln solle vor Gottes Angesicht in den Ländern der Lebendigen," daß ich die mir von Gott beschiedene Aufgabe, in der Mitte der Völker jeder lebendigen Gegenwart als das durch Gottes Wille einzige unsterbliche Volk bis zu Ende vollbringen soll.

9
אֶ֭תְהַלֵּךְ לִפְנֵ֣י יְהֹוָ֑ה בְּ֝אַרְצ֗וֹת הַחַיִּֽים׃
BernfeldIch werde wandeln vor dem Herrn in den Landen des Lebens.
ZunzWandeln werd' ich vor dem Ewigen, in den Landen des Lebens.
HirschSo werde ich fort wandeln vor G o t t in den Ländern der Lebendigen.
10
הֶ֭אֱמַנְתִּי כִּ֣י אֲדַבֵּ֑ר אֲ֝נִ֗י עָנִ֥יתִי מְאֹֽד׃
BernfeldIch sprach die Wahrheit, als ich redete, ich bin sehr gedrückt.
ZunzIch vertraue, wenn ich rede: ich bin sehr gebeugt.
HirschI c h h a t t e davon so die Ueberzeugung, daß ich es sprach, ich, der ich so unendlich elend war,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. 11. האמנתי וגו'. Das כל האדם כזב in V. 11 ist das Objekt von אדבר, V. 10 und אמרתי V. 11. חפז, der flüchtige, eilende Gang. כחפזה לנוס (Sam. II. 4, 4), אשר השליכו ארם בחפזם (Kön. II. 8, 15). כזב kommt sonst im Kal nicht vor. Jemanden täuschen, Unwahres aussprechen steht im Piel כזב. כזב im Kal heißt daher wohl: in Täuschung befangen sein. האמנתי', ich war so von der Wahrhaftigkeit meiner, der übrigen Menschheit gegensätzlichen Sendung überzeugt, daß ich, der ich doch עניתי מאוד, so unendlich elend und abhängig war, בחפזי', in meinem unstäten, flüchtigen Gang über die Erde, auszusprechen und zu sagen wagte: die ganze Menschheit ist im Irrthum befangen! Israel war das עני', das machtlos abhängigste Volk unter den Völkern, war immer בחפזי, kein Fleck auf Erden bot seinem flüchtigen Fuß eine bleibende Stätte, es mußte immer auf einen גרוש gefaßt sein, und hatte doch den Muth, die Wahrheit seiner Ueberzeugung, seinen Protest gegen den Irrthum der ganzen Welt, in Gegenwart seiner Machthaber auszusprechen (אדבר), und im Verkehr mit seinen zeitlichen Landesgenossen nicht zu verleugnen (אמרתי').

11
אֲ֭נִי אָמַ֣רְתִּי בְחׇפְזִ֑י כׇּֽל־הָאָדָ֥ם כֹּזֵֽב׃
BernfeldIn meiner Verirrung sprach ich: Des Menschen Alles ist trügerisch!
ZunzIch sprach in meiner Verirrung: des Menschen Alles ist trügerisch!
Hirschich in meiner wandernden Flucht sagte: die ganze Menschheit ist in Täuschung!
12
מָה־אָשִׁ֥יב לַיהֹוָ֑ה כׇּֽל־תַּגְמוּל֥וֹהִי עָלָֽי׃
BernfeldWie soll ich dem Herrn vergelten all seine Wohltaten gegen mich?
ZunzWie soll ich vergelten dem Ewigen all seine Wohlthaten gegen mich?
HirschWas werde ich aber Gott als Vergeltung üben, wenn alle seine gereiften Waltungen über mich gekommen?
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12. מה וגו'. Das עני' und חפז des vorhergehenden Verses bezeichnet das letzte Stadium von Israels prüfungsvoller Wanderung auf Erden. Was, spricht Israel, werde ich nun Gott als Entgeltung zu üben haben, wenn einst alle die Geschicke, die er zur Vollendungsreife bringen will, über mich ergangen sein werden?

13
כּוֹס־יְשׁוּע֥וֹת אֶשָּׂ֑א וּבְשֵׁ֖ם יְהֹוָ֣ה אֶקְרָֽא׃
BernfeldDen Kelch des Heiles erhebe ich, und den Namen des Herrn ruf ich an.
ZunzDen Kelch des Heiles erheb' ich, und den Namen des Ewigen ruf' ich an.
HirschDen Kelch der Heilverleihungen werde ich erheben und rufen im Namen G o t t e s.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 13. כום וגו'. כום ist Ausdruck für ein von Gott ertheiltes, zugemessenes Geschick (Siehe Jerem. 25, 15. 17. Jes. 51, 17. 22. und sonst. Siehe Ps. 11, 6). Der Sinn wäre: Ich werde die mannigfaltigen mir gewordenen Heilesverleihungen als Ein mir von Gott Gewährtes und Zuertheiltes begreifen, oder: hinnehmen und tragen, und בשם ד' אקרא, werde die von meinem ersten Ahn begonnene Mission, „Menschen im Namen Gottes aufzurufen" (1. B. M. 12, 8. Siehe Pent. 1. B. M. S. 110. 111) fortsetzen und vollenden. Zu diesem „Rufen der Menschen zu Gott" ist Israel erst voll befähigt, wenn es כום ישועות, die Fülle der Heileserfahrungen von Gott in Händen hat, aus denen der Name Gottes jedem Menschenauge entgegen leuchtet.

14
נְ֭דָרַי לַיהֹוָ֣ה אֲשַׁלֵּ֑ם נֶגְדָה־נָּ֝֗א לְכׇל־עַמּֽוֹ׃
BernfeldMeine Gelübde bezahle ich dem Herrn in Gegenwart seines ganzen Volkes.
ZunzMeine Gelübde bezahle ich dem Ewigen, im Angesicht seines ganzen Volkes.
HirschMeine Gelübde werde ich G o t t erfüllen; daß es doch in Gegenwart seines ganzen Volkes wäre!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 14. נדרי וגו'. Alles, was ich während der langen Jahrhunderte meines Galuth als Gelobungsvorsätze für die einstige Zeit meiner Erlösung Gott gelobt haben werde, werde ich dann erfüllen. נגדה נא וגו', das ה נוסף von נגדה gestaltet das נגד zu einem Wunsch, o, daß dies in Gegenwart seines ganzen Volkes geschehen möge! Daß alle seine zerstreuten Söhne dann wieder um ihn zu einer Einheit gesammelt seien, ja, daß dann auch, was von der übrigen Menschheit sich wieder zu Gott zurückfindet, mit uns vereint zu עמו, zu Einem Gott angehörigen Menschenverein sich gestalte. So Secharja 2, 15. ונלוו גוים רבים אל ד' ביום ההוא והיו לי לעם, und Jesaias 2, 2—4. 56, 6—8. Vgl. Ps. 7, 8.

15
יָ֭קָר בְּעֵינֵ֣י יְהֹוָ֑ה הַ֝מָּ֗וְתָה לַחֲסִידָֽיו׃
BernfeldSelten lässt der Herr seine Frommen [frühzeitig] sterben.
ZunzTheuer ist in den Augen des Ewigen das Sterben seiner Frommen.
HirschWerthvoll ist in G o t t e s Augen auch dies hinsterbende Geschick, das den Ihm sich Weihenden geworden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 15. יקר וגו'. Das einst erlöste Geschlecht, das dann die volle Lösung seiner Aufgabe antreten wird, ist frei von jeglicher Ueberhebung über die im Galuth dahingegangenen Geschlechter der Vergangenheit, spricht vielmehr die volle und ganze Würdigung Dessen aus, was sie, wenn gleich meist passiv, leidend und duldend geübt. מותה durch ה' נוסף gemildert, nicht Tod, sondern Hinsterben, Tod naher Zustand. Oder begrifflich wie לבתחלתה: ein zum Tode führender Zustand, Grabesgang. In den Begriff faßt sich die ganze Leidensgeschichte jüdischer Vergangenheit zusammen. Auch ein solches Leidensgeschick, von חסידיו getragen, mit liebender Hingebung von Menschen getragen, die auch in den von Mißgeschick umschränkten Gränzen der Lösung ihrer thätigen Pflichtaufgaben leben, auch ein solches „Leiden" hat hohen Werth in Gottes Augen

16
אָנָּ֣ה יְהֹוָה֮ כִּי־אֲנִ֢י עַ֫בְדֶּ֥ךָ אֲֽנִי־עַ֭בְדְּךָ בֶּן־אֲמָתֶ֑ךָ פִּ֝תַּ֗חְתָּ לְמֽוֹסֵרָֽי׃
BernfeldAch, Herr, ich bin dein Knecht, dein Knecht, Sohn deiner Magd, mir hast du meine Bande gelöst.
ZunzAch Herr, denn mir deinem Knecht, mir deinem Knecht, Sohne deiner Magd, hast du meine Bande gelöst.
HirschWenn, o G o t t, ich dein Diener bin, bin ich dein Diener nur als Sohn deiner Magd, der du nun mir meine Bande gelüftet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 16. אנה וגו'. O, Gott, wenn ich dein Diener bin, so bin ich ja nur dein Diener als Sohn deiner Magd, dem du nun die Bande gelüftet hast, d. h. das für die Erlösung reife Geschlecht erkennt es an, daß, was ihm an Fähigkeit und Tüchtigkeit für den Beruf dieser neuen Zukunft innewohnt, es nur den Geschlechtern der Vergangenheit verdankt, die mitten in prüfungsvollen Geschicken treu im Dienste Gottes als „seine Magd" ausgeharrt, und durch Vererbung alles ihres Edeln und Wahren die Mutter des jungen Geschlechtes der Zukunft geworden. Die ganze jüdische Vergangenheit ist אמתך und ich bin בן אמתך. Die Bedeutung von אנה ist nicht ganz klar. Abgesehen davon, daß hier wie V. 4. אנה mit ה, statt des gewöhnlichen אנא geschrieben ist, und nach der מסורה sechsmal in אנה תנך im Sinne von אנא vorkommt, die mit dieser abweichenden Schreibweise verbundenen Bedeutung daher noch zu ermitteln wäre, so ist der Sinn des אנה überhaupt hier schwierig. Es ist sonst ein bittender Ausdruck, während es hier nicht sowohl eine Bitte als ein Bekenntniß einleitet. Aehnlich אנא חטא העם וגו' (2. B. M. 33, 31).

17
לְֽךָ־אֶ֭זְבַּח זֶ֣בַח תּוֹדָ֑ה וּבְשֵׁ֖ם יְהֹוָ֣ה אֶקְרָֽא׃
BernfeldDir will ich Opfer des Dankes darbringen, und den Namen des Herrn rufe ich an.
ZunzDir will ich opfern Opfer des Dankes, und den Namen des Ewigen ruf' ich an.
HirschDir will ich Bekenntniß-Opfer opfern und im Namen G o t t e s rufen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 17—19. לך וגו'. Indem ich im תודה-Opfer das Bekenntniß ausspreche, was ich dir schulde, rufe ich zugleich alle Menschen zur Huldigung deines Namens auf. נדרי וגו' wiederholt das bereits V. 14 Ausgesprochene, um es durch die Beifügung בחצרות וגו' zu ergänzen. Wenn unsere und der Gesammtmenschheit Heil der Zukunft angehört, so tritt mit dieser Zukunft Zion und Jerusalem nicht in den Schatten überlebter Vergangenheit zurück, vielmehr bleibt die Verwirklichung dieser Zukunft wesentlich an Zion als Gottesheiligthum und Jerusalem als Gottesstadt geknüpft, die eben beide in dieser Zukunft erst die vollendete Herrlichkeit ihrer Bestimmung feiern. So Jesaias 66, 13 die Beifügung אנכי אנחמכם ובירושלם תנחמו, und wird doch eben von ZionJerusalem aus die Sammlung der Völker zu Gott bewirkt werden (Jesaias 2, 2. 3).

18
נְ֭דָרַי לַיהֹוָ֣ה אֲשַׁלֵּ֑ם נֶגְדָה־נָּ֝֗א לְכׇל־עַמּֽוֹ׃
BernfeldMeine Gelübde bezahle ich dem Herrn in Gegenwart seines ganzen Volkes,
ZunzMeine Gelübde bezahle ich dem Ewigen, im Angesicht seines ganzen Volkes,
HirschMeine Gelübde werde ich G o t t erfüllen; daß es doch in Gegenwart seines ganzen Volkes wäre,
19
בְּחַצְר֤וֹת ׀ בֵּ֤ית יְהֹוָ֗ה בְּֽת֘וֹכֵ֤כִי יְֽרוּשָׁלָ֗͏ִם הַֽלְלוּ־יָֽהּ׃ {פ}
BernfeldIn den Höfen des Hauses des Herrn, in deiner Mitte, Jerusalem. Halleluja!
ZunzIn den Höfen des Hauses des Ewigen, in deiner Mitte Jeruschalajim. Hallelujah!
Hirschin den Umhöfen des G o t t e sHauses, in deiner Mitte, Jeruschalaim! Hallaluja!