Tehillim 114 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 114, V. 1. 2. בצאת וגו'. ישראל: das die Alles überragende Gottesherrschaft Verkündende. מצרים: der Natur- und Menschenmacht vergötternde, machtstolze Staat. בית יעקב: die Jaakobs-Familie (vgl. 2. B. M. 19, 3). לעז kommt in תנ"ך nur hier vor, rabbinisch heißt jede nichthebräische Sprache לעז, und לועז, der eine fremde Sprache Redende; und לעז heißt rabbinisch auch: spotten. עם לועז heißt daher entweder: das fremdzüngige Volk, oder: das die jüdische Sitte und Lebensweise verspottende Volk. In jedem Falle bezeichnet es den Gegensatz der Egypter in Geist und Cultur zur Jaakobsfamilie. Als unsere Väter die hohe Probe bestanden hatten: als ישראל aus מצרים und als בית יעקב aus עם לועז hervorzugehen, sie in einem Natur- und Menschenmacht vergötternden Staat Nichts von ihrer nur Gottesherrschaft huldigenden Gotteserkenntniß, und in einer an Geist und Sitten fremden Bevölkerung Nichts von ihrer sittlichen Familienreinheit eingebüßt hatten, obgleich sie in Staat und Bevölkerung politisch ganz aufgegangen, nach dem Ausdruck im Midrasch: wie ein Kind vom Mutterschooß umschlossen waren, so, daß es galt גוי מקרב גו' (5. B. M. 4, 34). „ein Volk aus dem Innern eines Volkes hervorzuheben:"
היתה וגו' ward Juda, der Repräsentant der Macht, zu Gottesheiligthum — im Gegensatz zu Egyptens und aller andern Völker Macht — Gott eigen, Gott heilig, Ihm, Seiner Anerkennung und Huldigung geweiht (— daher auch היתה, weiblich: aller Selbstüberhebung entkleidet, sich nur in Abhängigkeit von Gott begreifend —) und ישראל וגו', die zu „Israel" erstandene „Jaakobs"-Familie ward nicht ממשלתו, nicht etwa Ein großer Kreis, in dessen Mitte Gott als Herrscher thront, sondern: ממשלותיו, eine Vielheit von Kreisen, Stämmen, Familien, Häusern, in denen allein Gott regiert, Gottes Wille, Gottes Gesetz das Leben des Ganzen und Einzelnen gestaltet und leitet (משל siehe Pent. 1. B. M. 4, 9. 24, 2).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3—8. הים וגו'. Als so mit Juda-Israel ein Gottesheiligthum und ein Gottesreich auf Erden begründet ward, ließ Gott die ganze irdische Welt, Meer, Fluß, Berg, Hügel — diese Grundträger der weltgeschichtlichen Menschenbühne — den Eintritt des — weit über den engen Kreis des jüdischen Volkes hinaus — bedeutsamen Momentes fühlen. Und wenn ihr das fliehende Meer, den zurückwallenden Fluß, die sich hebenden und senkenden Berge und Hügel fragt: was bedeutet der Moment, was verkündet diese Erschütterung der Erdnatur? So antworten sie: מלפני וגו': Er ist der „Herr," der mit diesem Moment seine Herrschaft über die ganze Erde einleitet, es ist אלוד יעקב, der „Gott Jaakobs," der sich eben die unter den Völkern tiefst gesunkenste, ohnmächtigste Volksfamilie herausgegriffen, um an ihr die Allmacht und irdische Gegenwart seiner Waltung, und die nicht in Machtentfaltung aufgehende Bestimmung der Menschen und Völker zu offenbaren. Vor Ihm, diesem „Hohen" und „Nahen," „Herrn" und „Gott," solle die Erde „kreißen," eingehen in die Geburtswehen sich neu verjüngenden Lebens, הפכי וגו', er umwandelt צור, den gedrungensten, geschlossensten Fels, zu אגם מים zur Aufnahme reicher Wassersammlung, חלמיש, das harte Kiesgestein zu einem aus seinem Innern strömenden Quell.
Dürfte dies nicht vielleicht auch der Erde ankündigen, daß vor dem, mit Israels Eintritt in die Völkergeschichte begonnenen Gotteswerke zuletzt die felsenfest geschlossenen Menschengemüther sich der Aufnahme der göttlichen Wahrheiten öffnen, und in den kieselharten Menschenherzen das in ihnen schlummernde Göttliche geweckt und zur Entfaltung gelangen werde?