Tehillim 112 תהילים

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1
הַ֥לְלוּ־יָ֨הּ ׀ אַשְׁרֵי־אִ֭ישׁ יָרֵ֣א אֶת־יְהֹוָ֑ה בְּ֝מִצְוֺתָ֗יו חָפֵ֥ץ מְאֹֽד׃
BernfeldHalleluja! Wohl dem Manne, der den Herrn fürchtet und an seinen Geboten Wohlgefallen findet.
ZunzHallelujah! Heil dem Mann, der den Ewigen fürchtet, an seinen Geboten hat Wohlgefallen.
HirschHallaluja! Des Mannes ist aller Fortschritt, der Gott fürchtet, der an seinen Geboten sein größtes Verlangen hat.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 112, V. 1. הללו' וגו'. Auch dieses Kap. ist allgemein lehrenden Inhalts, und folgen seine Sätze der alphabetischen Reihe wie das vorige, dem sich auch sein Inhalt enge anschließt. Gottesfurcht und treue Erfüllung der göttlichen Gebote hatte das vorige als unsere letzte Bestimmung hervorgehoben. Dieser Psalm schildert nun das Glück eines solchen gottesfürchtigen, den Geboten Gottes treu gehorsamen Mannes. Je mehr derselbe, wie dies im vorigen Psalm V. 8. 10 die Anforderung war, die Gebote Gottes lediglich um ihrer selbst willen ohne alle Nebenabsichten übt, so ist doch nach V. 1. unseres Psalms aller Fortschritt zum Heile nur eines solchen selbstlosen, gottesfürchtigen, den Geboten treu gehorsamen Mannes, ja, V. 2, seiner Nachkommen Heil und Segen ruht auf dem von ihm gelegten Grunde. Sein eigenes Leben ist V. 3. 4. ein glückliches und ein selbst im Unglück ungetrübtes. Er, V. 5—9, schreitet nicht nur zum Guten, er hat das Gute, geht furchtlos und ruhigen Sinnes durch's Leben, streut nach allen Seiten Gutes aus, pflanzt Pflichtthaten für die Ewigkeit, und erndtet den Kranz der Ehren selbst auf Erden. Sein gerades Widerspiel ist, V. 10, der Gesetzesverächter. אשרי איש 'ירא את ד', nicht nur 'ירא את ד', sondern איש וגו', nicht erst in seinem Alter, in der Frische der Manneskraft und mit ganzer Manneskraft ist er gottesfürchtig, und übt er die Gottesfurcht. אשרי מי שמתגבר על יצרו כאיש, und אשרי מי שעושה תשובה כשהוא איש (ע"ז 19, 9).

במצותיו חפץ מאד, er ist nicht nur חפץ במצות'ו, sondern במצותיו חפץ מאד, seine höchste Freude ist מצות ד' zu üben, und sein חפץ ist an מצותיו selbst, nicht etwa an dem mit ihnen zu gewinnenden Lohn, במצותיו ולא בשכר מצותיו (ע"ז 19, a.) er ist nicht כעבד המשמש את הרב על מנת לקבל פרס (das.).

2
גִּבּ֣וֹר בָּ֭אָרֶץ יִהְיֶ֣ה זַרְע֑וֹ דּ֖וֹר יְשָׁרִ֣ים יְבֹרָֽךְ׃
BernfeldGewaltig im Lande wird seine Nachkommenschaft sein, ein Geschlecht der Redlichen wird sie gepriesen.
ZunzEin Held im Lande wird sein Same seyn, ein Geschlecht der Redlichen wird er gepriesen.
HirschHeld auf Erden wird seine Nachkommenschaft werden, der Geraden Geschlecht wird gesegnet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. גבור וגו' die von ihm „gesäeten" Menschen, seine Nachkommen, die werden die eigentlichen, wirklichen Helden auf Erden, sie sind die Sieger, ihnen fällt zuletzt die Erde zu, zu dem letzten Geschlecht, mit welchen endlich die einstige Heileszukunft auf Erden angetreten wird, gehören seine Nachkommen. So וזרעו יירש ארץ (Ps. 25, 13) und מושל באדם צדיק משל יראת אלקים (Sam. II, 23, 3). דור, die Geschlechtsreihe, in welcher der von den Eltern geerbte Charakter der Geradheit fortlebt, wird gesegnet.

3
הוֹן־וָעֹ֥שֶׁר בְּבֵית֑וֹ וְ֝צִדְקָת֗וֹ עֹמֶ֥דֶת לָעַֽד׃
BernfeldFülle und Reichtum ist in seinem Hause, und seine Gerechtigkeit besteht auf immer.
ZunzFülle und Reichthum ist in seinem Hause, und seine Gerechtigkeit bestehet ewiglich.
HirschVermögen und Reichthum kommen in sein Haus, und seine Pflichtgerechtigkeit besteht für immer.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. 4. הון וגו', verw. mit און (Pent. 1. B. M. S. 494. 607) heißt Vermögen überhaupt, und kommt auch (Prov. 30, 15. 16) als: genug! vor. Schwerlich kann der Sinn dieses Satzes sein, daß jeder gottesfürchtige, pflichttreue Mensch reich sei oder werde, und daher sein Haus Vermögen und Reichthum aufzuweisen habe. Die Erfahrung aller Zeiten lehrt ja das Gegentheil. Es kann daher wohl nur heißen: wirkliche Genüge und wirklicher Reichthum findet sich nur in seinem Hause. Wie bescheiden auch in Wirklichkeit sein Besitz sein möge, es befriedigt ihn und macht ihn reich. Wahrscheinlich aber gehören die beiden Verse 3 und 4 zusammen, und sagen: Glück verführt ihn nicht, und Unglück schlägt ihn nicht nieder. הון וגו', Vermögen und Reichthum kommen in sein Haus, und seine Pflichttreue bleibt doch unverändert, und זרח וגו' im Dunkel des Unglücks leuchtet ihm das Licht, das Bewußtsein von Gott, dem חנון ורחום וצדיק, der nicht aus Ohnmacht versagt, nicht aus Liebesmangel Leid und Weh über den Menschen kommen läßt, und kein Unrecht an den Menschen übt. Dieses Bewußtsein erleuchtet den ישרים, Denen, deren erstes und einziges Anliegen ist, ihrer Bestimmung immer mehr entsprechend zu werden, ein jedes Dunkel mit der Ueberzeugung, daß alles Versagte eine Gewährung, alles Weh eine Wohlthat, und jedes Verhängniß ein dem Pflichtverhalten des davon Betroffenen gerecht entsprechendes sei.

V 5. 6. טוב וגו', nicht nur אשרי, aller Fortschritt zum Heile, sondern טוב איש bereits erlangtes Gute ist des Mannes, der 2c. Der Mann ist glücklich, der Andern gegenüber die Milde selbst ist, sich selbst aber nur Das erlaubt, was mit dem strengen Recht besteht. (כלכל siehe Pent. 1. B. M. 45, 11). Diese Strenge gegen sich selbst schützt ihn vor erschütternden Schicksalsschlägen, und diese Güte gegen Andere sichert ihm ein ewiges Gedächtniß bei den Menschen als pflichtgetreuer Mensch.

4
זָ֘רַ֤ח בַּחֹ֣שֶׁךְ א֭וֹר לַיְשָׁרִ֑ים חַנּ֖וּן וְרַח֣וּם וְצַדִּֽיק׃
BernfeldDen Gerechten geht in der Finsternis ein Licht auf vom Gnädigen, Barmherzigen und Gerechten.
ZunzAufgeht in der Finsterniß ein Licht den Redlichen der Gnädige und Barmherzige und Gerechte.
HirschAuch im Dunkel scheint den Geraden ein Licht: der Gewährungsvolle und Erbarmungsvolle und Gerechte.
5
טֽוֹב־אִ֭ישׁ חוֹנֵ֣ן וּמַלְוֶ֑ה יְכַלְכֵּ֖ל דְּבָרָ֣יו בְּמִשְׁפָּֽט׃
BernfeldGlücklich der Mann, der mildtätig ist und ausleiht, behaupten wird er seine Sache beim Gericht.
ZunzGut geht es dem Manne, der mildthätig ist und leihet, er richtet ein sein Thun nach Gebühr.
HirschDes Mannes ist das Gute, der gewähret und leihet, seine Angelegenheiten aber nach dem Rechte mißt.
6
כִּֽי־לְעוֹלָ֥ם לֹֽא־יִמּ֑וֹט לְזֵ֥כֶר ע֝וֹלָ֗ם יִהְיֶ֥ה צַדִּֽיק׃
BernfeldDenn er wankt nimmer, zum ewigen Gedächtnis wird der Gerechte sein.
ZunzDenn er wankt ewiglich nicht, zum ewigen Gedächtniß wird der Gerechte seyn.
HirschDenn Der wird nimmer wanken, zum ewigen Gedächtniß bleibt der Gerechte.
7
מִשְּׁמוּעָ֣ה רָ֭עָה לֹ֣א יִירָ֑א נָכ֥וֹן לִ֝בּ֗וֹ בָּטֻ֥חַ בַּיהֹוָֽה׃
BernfeldVor böser Kunde wird er sich nicht fürchten, fest ist sein Herz, vertrauend auf den Herrn.
ZunzVor böser Kunde fürchtet er sich nicht, fest ist sein Herz, vertrauend dem Ewigen.
HirschVor böser Nachricht fürchtet er nicht, fest ist sein Herz, vertrauensvoll in Gott.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. 8. משמועה וגו'. Zu dem Glücke, dem טוב eines Menschen, gehört nicht nur, daß es ihm in der Gegenwart wohl ergeht, sondern daß er über Alles, was die Zukunft bringen könnte, ruhig ist. Und auch diese Gemüthsruhe kennt nur ein gottesfürchtiger, gegen Gott und Menschen pflichtgetreuer Mensch. Welche שמועה רעה, welche böse Kunde auch die Menschen in Angst und Schrecken setzen möge, sein Herz bleibt fest, bleibt vertrauensicher in Gott. Ja, gerade in Gefahr fühlt sein Herz Stütze von oben, kennt keine Furcht, kennt sie so wenig, daß selbst, wenn die Gefahr speciell ihm nahet, Feinde ihn bedrängen, er ruhigen Auges auf sie schaut. Durchweg heißt ראה ב einen Zustand, einen Vorgang — ruhig oder theilnehmend — mit ansehen: אל אראה במות הילד (1. B. M. 21, 16), פן אראה ברע וגו' (1. B. M. 44, 34), הרואים בשחוק (Richter 16, 27), לראות בטוב ד' (Ps. 27, 13), לראות בטובת בחירך (Ps. 106, 5) und sonst sehr häufig; oder: Einsicht in Etwas nehmen, ראה ד' בעניו (1. B. M. 29, 32), רואה בעבים (Pred. 11, 14). ראה בצריו dürfte daher wohl heißen: das Vorgehen seiner Feinde ganz objektiv, als einen äußern, ihn gar nicht berührenden Vorgang mit voller Ruhe betrachten. Zu solcher Ruhe ladet auch der Rath des Weisen (Pred. 7, 14): ביום טובה היה בטוב וביום רעה ראה, am Tage des Glückes gehe ein in's Glück, am Unglückstage siehe es mit an.

8
סָמ֣וּךְ לִ֭בּוֹ לֹ֣א יִירָ֑א עַ֖ד אֲשֶׁר־יִרְאֶ֣ה בְצָרָֽיו׃
BernfeldGestützt ist sein Herz, er fürchtet nicht, bis er [Rache] sieht an seinen Feinden.
ZunzGestützt ist sein Herz, fürchtet nicht, bis er sich weidet an seinen Feinden.
HirschGestützt fühlt sich sein Herz, er fürchtet nicht, so daß er ruhig auf seine Feinde schaut.
9
פִּזַּ֤ר ׀ נָ֘תַ֤ן לָאֶבְיוֹנִ֗ים צִ֭דְקָתוֹ עֹמֶ֣דֶת לָעַ֑ד קַ֝רְנ֗וֹ תָּר֥וּם בְּכָבֽוֹד׃
BernfeldEr hat ausgestreut, den Dürftigen geschenkt, seine Gerechtigkeit besteht für ewig, erhöht ist sein Horn in Ehren.
ZunzEr streuet aus, schenkt den Dürftigen, seine Gerechtigkeit bestehet ewiglich, erhöht ist sein Horn in Ehren.
HirschAusgestreut, gegeben hat er den Wehrlosen, seine Pflichtthat bleibt für immer, in Ehren bleibt hoch sein Horn.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. פזר וגו', פזר: nach allen Seiten hin ausstreuen, נתן: mit Wahl einem Bestimmten spenden. Der Satz zieht die Summe seines Lebens mit wenigen Worten. Das Charakteristische seines menschengesellschaftlichen Verhaltens war, daß er die אביונים, die machtlos Zurückstehenden, von dem Willen der Andern Abhängigen als besondern Gegenstand seines Wirkens ansah, und dieses Wirken war ein zweifaches: פזר was er für das Heil Anderer vermochte, das „streute er aus," machte er Allen zugänglich, die daraus Nutzen ziehen zu können glaubten, und: נתן, er suchte mit weiser Wahl Denen zu nützen, denen er nützlich werden zu können glaubte. Das Charakteristische seines ganzen übrigen persönlichen Lebens war צדקתו: seine Pflichtgerechtigkeit, die עומרת, die unverändert und unwandelbar während seines ganzen Lebens sich gleich blieb. Darum קרנו תרום בכבוד.

10
רָ֘שָׁ֤ע יִרְאֶ֨ה ׀ וְכָעָ֗ס שִׁנָּ֣יו יַחֲרֹ֣ק וְנָמָ֑ס תַּאֲוַ֖ת רְשָׁעִ֣ים תֹּאבֵֽד׃ {פ}
BernfeldDer Frevler sieht es und ärgert sich, er knirscht mit den Zähnen und vergeht. Das Gelüst der Frevler wird zunichte.
ZunzDer Frevler sieht es und kränkt sich, seine Zähne knirscht er und vergeht. Das Gelüst der Frevler geht unter.
HirschDer Gesetzlose sieht's und zürnt, knirscht seine Zähne und vergeht; Gesetzloser Wunsch geht verloren.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. רשע וגו'. Dieses bescheidene, aber ruhige, und zuletzt von Ehren gekrönte Glück des Guten, sieht der רשע mit ohnmächtigem Verdruß. Der gottesfürchtige, pflichtgetreue Mensch erreicht seines Lebens und Strebens Ziel, er strebt nur nach dem Glück, das, unabhängig von allem äußern Geschick, er sich selbst mit gottesfürchtiger Pflichttreue erbaut. Der gottvergessene, gesetzhöhnende רשע erreicht nie sein Ziel, תאותי תאבר, seines Lebens Streben geht verloren. Es ist auf Dinge gerichtet und setzt äußere Gestaltungen der Verhältnisse voraus, die sich herbeizuführen und zu sichern, doch weit über seine Ohnmacht hinausreicht, und deren bleibender Bestand von den Gängen der göttlichen Waltung versagt ist —