Tehillim 111 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 111, V. 1. הללו' וגו'. Das vorige Kap. hatte als eigentliche, ewig bleibende Bedeutung Davids seine priesterliche Einwirkung auf die Geister und Gemüther der Menschen, zunächst und vor Allem seines Volkes hervorgehoben. Fast möchte man sagen, daß dasselbe nicht absichtslos seine Stelle unmittelbar vor diesem Ps. 111 gefunden. Denn von diesem Ps. 111 bis Ende des Psalmbuches folgen Psalmen, die größtentheils — mit Ausnahme etwa der Ps. 140—143 — allgemeinen Lehrinhalts, und solche Psalmen sind, die Bestandtheile unserer nationalen Liturgie geworden sind. Dieser Ps. ist allgemein belehrenden Inhalts, in dieser Beziehung ähnlich den Psalmen 34 und 37, deren Verse ebenfalls wie die Verse dieses Psalms in alphabetischer Reihe folgen. Siehe hierüber Ps. 25, 1. V. 2—5 geben uns die Fürsorge Gottes für alle seine Geschöpfe und für die gottesfürchtigen Menschen insbesondere zur Beherzigung, und lassen uns V. 6—10 die ausgezeichnete Stellung des Gottesvolkes unter den Geschöpfen und Menschen, sowie die hohe Bedeutsamkeit der ihm mit dem Gottesgesetze gewordenen Aufgabe erwägen, und daraus die Zuversicht in den Schutz und Beistand schöpfen, dessen wir von Gott gewärtig sein können, wenn wir nichts Anderes als treue und aufrichtige Vollbringer seines Gesetzes sein wollen. בכל לבב. לבב siehe Pent. 1. B. M. S. 325. das ganze innere Sinnen, der Mittelpunkt des physischen, geistigen und sittlichen Lebens, hier zugleich die Zusammenfassung aller Beziehungen unseres Wesens: als Geschöpf, als Mensch, als Jude. בסוד וגו', סוד: ein vertraulicher Verein (siehe Ps. 55, 15). Das, was ich vor Gott bekennen will, das gebe ich Menschen von geradem Sinn und Wollen zum weitern Nachdenken in vertraulichen Besprechungen, und gebe es der Volksgemeine zur Beherzigung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. גדלים וגו'. Jedes Gottesgeschöpf als solches ist groß, es giebt nichts Kleines und Geringes unter Gottes Geschöpfen. Jedem ist Gottes Fürsorge zugewandt, es חפציו, es alles Das finden zu lassen, wessen es für Bestand und Entwickelung seines Wesens bedarf. Vgl. Pent. 5. B. M. 11, 12. ארץ אשר ד' אלדיך דרש אותה. Bei seiner Weltschöpfung hat Gott auf das kleinste Wesen Rücksicht genommen, hat Nichts in's Dasein gesetzt, dem nicht durch die von Gott geschaffene Welt und ihre Entwickelungsgänge vorgesehen wäre. Dieser Gedanke, daß Gottes Fürsorge kein Wesen zu gering ist, drückt für jeden denkenden Menschen jedem Wesen den Gottesstempel zu achtender Größe auf, und läßt uns selbst uns in unserer Eigenschaft als Gottes Geschöpfe achten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. הוד וגו', und wenn nun ein Wesen in „Wesensherrlichkeit und Machtherrlichkeit“ (siehe Ps. 21, 6) leuchtet, so ist wiederum diese besondere Herrlichkeit, die ein Geschöpf auszeichnet, Gottes Werk. Nicht nur das einfache Dasein, sondern auch die besondere Herrlichkeit, zu welcher ein Wesen sich entwickelt, ist Gottes Werk, und צדקתו, Gottes Liebesgerechtigkeit (siehe Ps. 71, 16) hört nimmer auf.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. זכר וגו', insbesondere sind Menschen, als Wesen freierer und daher wechselvollerer Entwickelung, Gegenstand der immerwährenden göttlichen Fürsorge. Die Thatoffenbarungen, in welchen er sich als חנון und רחום gezeigt, waren daher nicht blos für das Geschlecht, das sie erlebte, geübt, sondern זכר, fortwährendes Gedächtniß dieser Offenbarungen hat er gestiftet, auf daß alle Folgegeschlechter aus ihnen jederzeit den zuversichtlichen Aufblick zu Ihm als חנון ורחום schöpfen lernen. Solche זכר לנפלאותיו sind alle die Institutionen, die Gott als זכר ליציאת מצרים gestiftet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. טרף וגו'. Bedürfen ja die יראי ד' nicht nur in besondern Schicksalslagen, sondern schon zu ihrer täglichen und stündlichen Erhaltung der ganz besondern göttlichen Fürsorge. Als Beispiel wird hier die Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses hervorgehoben. Menschen, die nicht von יראת ד' erfüllt sind, für welche die Diktate des göttlichen Gesetzes kein Hinderniß sind, jede Gelegenheit zur Nahrungsgewinnung zu ergreifen wie sie sich ihnen bietet, deren Nahrungswege erfolgen fast lediglich nach dem physischen Ablauf der Dinge, nach welchem auch das Thier sein Futter ergreift, wo es es findet. Daß aber יראי ד' bei gewissenhafter Innehaltung der göttlichen Gesetzesvorschriften doch ihre Nahrung finden, das ist lediglich ein Erfolg besonderer göttlicher Fürsorge, und zeigt, daß Gott stets der den Wahrern seines Bundes ertheilten Zusicherung eingedenk ist. Mit großer Bedeutsamkeit sind daher hier die Ausdrücke טרף נתן וגו' gewählt. טרף und נתן sind vollendete Gegensätze. Wie bereits Pent. 2. B. M. 22, 30 bemerkt, heißt טרף, wovon der Ausdruck zunächst für thierische Nahrung gebildet ist, nicht zerreißen, sondern: an sich reißen, mit Gewalt für sich nehmen. Das gerade Gegentheil ist: נתן. Der gewissenlose Mensch nimmt sich thiergleich Nahrung, wo und wie er sie findet, seine Nahrung ist buchstäblich טרף. Der יראי ד' nimmt nur das zur Nahrung, was Gottes Gesetz ihm gestattet, ihm „giebt,“ seine Nahrung ist מתת אלק", ist „Manna מן,“ das von Gott beschiedene Theil. Darum heißt es hier: hat Er, von Andern wahllos genommene, Nahrung Denen die ihn fürchten, gegeben, so denkt er ewig seines Bundes. Aehnlich die Bitte הטריפני לחם חקי (Prov. 30, 8). Gieb Du mir das mir bestimmte Brod, das ich mir zur Nahrung nehmen soll.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. כח וגו'. In Mitte der Welt seiner Geschöpfe und seiner Menschheit hat er nun zu noch ganz besonderer Bestimmung Israel als „sein Volk“ dahingestellt, hat ihm כח מעשיו הגיד, in geschichtlicher Erzählung die Kraft seiner Thaten, d. i. die Ursache und Wirkung seiner menschengeschichtlichen Waltungen, wie sie das 1. B. M. enthält, offenbart, die es veranlaßt haben, daß ihnen, seinem Volke, Das übergeben wurde, was eigentlich Erbtheil aller Völker sein sollte, und einst auch werden wird. Gottes nahe Beziehung zu den irdischen Verhältnissen und das Gesetz seines Willens für dieselben war ursprünglich für die Gesammtmenschheit bestimmt, und nur in Folge der Verirrung der Menschen ward Israel zum Träger und Bewahrer der Gottes-Offenbarung für die Menschen und zum ersten Vollbringer derselben in der zeitlichen Gegenwart erwählt. Damit es Israels Söhnen klar sei, auf welchem Grunde ihre besondere Beziehung und Verpflichtung zu Gott, der ja ein Gott aller Völker und aller Menschen ist, beruhe, dazu hat Gott ihnen die ihrer Erwählung vorangegangenen menschengesellschaftlichen Gottesthaten in dem ersten Theil seines Gesetzbuches erzählt, auf daß sie ihre Stellung und Sendung in Mitte der Völker verstehen und würdigen lernen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. מעשי וגו'. So wie nicht eigentlich Israel die Ausnahme, sondern die übrige Menschheit die Ausnahme bildet, und Israel in dem Gottesgesetze nur Das in Händen hat, was eigentlich die Bestimmung hat, Gemeingut aller Menschen zu sein und zu werden (siehe Jes. 2, 2): so reicht dieses Gesetz in seinen Grundlagen überhaupt weit über Israel und die Menschheit hinaus, und steht in harmonischem Einklang mit der gesammten Schöpfung. „Wahrheit und Rechtsordnung“ ist das Gepräge des ganzen Schöpfungswerkes Gottes, „Wahrheit“ in dem Einzelbestande und der Einzelentwickelung eines jeden von Gottes Händen geschaffenen Wesens, „Rechtsordnung“ in dem gegenseitig sich tragenden und getragen werdenden Zusammensein aller Wesen zu einem einheitlichen Weltganzen. Und wenn nun die „Wahrheit und Rechtsordnung“ des dem jüdischen Volke übergebenen Gesetzes nichts Anderes sind, als die für die Gestaltung eines menschengesellschaftlichen Ganzen verjüngten göttlichen Welt-Gesetze: so sind נאמנים כל פקודיו, so darf man sich der Erfüllung der mit diesem Gesetze gegebenen Aufgaben mit vollster Zuversicht überlassen, weiß man doch, daß man mit ihnen erst in vollste Harmonie zum Weltganzen eintritt, und daher von dessen Gängen nur Beistand und Förderung seines Seins und Wirkens erwarten darf.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. סמוכים וגו', לעד: bis an's Endziel ihrer Bestimmung, und לעולם, zu jeglicher Zeit finden daher diese zu lösenden Aufgaben ihre Stütze, sind sie doch der eigentlichen Bestimmung des Menschen, der Bestimmungszukunft der Menschheit, und den Grundlagen des Weltganzen, somit den Waltungsgängen Gottes parallel. Aber sie haben diese Stütze nur zu erwarten, wenn sie עשוים באמת וישר. ישר ist nicht Geradheit, sondern der von Charakter gerade Mensch. Von zwei Bedingungen hängt es ab, daß die Erfüllung der göttlichen Gesetze auf Stütze und Förderung von Gott sollen rechnen können. Ihre Erfüllung muß אמת sein, es müssen die göttlichen Gesetze unverkürzt und ungetrübt verwirklicht werden, ihre Verwirklichung muß der göttlichen Vorschrift in Wahrheit entsprechen. Das ist die objektive, sachliche Bedingung. Die zweite subjektive, persönliche Bedingung ist, daß der sie vollbringende Mensch ישר sei, daß er mit seinem ganzen Sein und Wollen kein anderes Streben habe, als seiner Bestimmung, seiner Pflicht gegen Gott zu genügen, und auch mit der Erfüllung der göttlichen Gesetze keine andere Absicht verbinde. Sein Thun muß dem דין entsprechen, und seine כונה muß לשם שמים sein. Das ב von באמת ist auch zu ישר zu beziehen, so sie geübt werden in Wahrheit und durch einen Geraden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. פדות וגו'. Die Erlösung hat Gott seinem Volke geschickt, dabei hatten wir nichts mitzuwirken, aber die Wahrung und Erfüllung seines Bundes hat er uns für alle Zeit geboten, das ist ganz unsere Aufgabe. Die Erlösung ist sein, der Gehorsam ist unser. Und dieser Gehorsam soll aus unserer Erkenntniß hervorgehen, daß er קדוש und נורא ist. קדוש: daß sein Wesen die absolute Heiligkeit ist, und wir nur durch Heiligung all unseres Seins und Wollens uns seiner Nähe würdig machen können, — קדושים תהיו כי קדוש אני. — נורא: daß ihm unser Thun und Lassen nicht gleichgiltig ist, er vielmehr jeden unserer Schritte überwache, und jedes Abweichen von seinem Willen seine Macht zu fürchten habe, die ebenso absolut wie seine Heiligkeit ist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. ראשית וגו'. Und zwar ist diese יראה die Vorbedingung aller חכמה. Auch die חכמת התורה, auch die aus der Gottesoffenbarung zu schöpfende Wissenschaft der Erkenntniß und Weisheit des Lebens erschließt sich nur Dem, der mit יראת ד', der mit einem von Gottesfurcht erfüllten Sinne ihr naht, dem sie das Gotteswort, das Wort seines mit Dahingebung seines ganzen Seins und Wollens zu dienenden Gottes ist, und שכל טוב, das Verständniß des im göttlichen Gesetz niedergelegten „Guten,“ das ist ja Dessen, was unserm und unserer Welt wahrem Heile entspricht, dies Verständniß wird nicht Dem, der über יראת ד' und חכמה, über „Gott“ und sein „Gesetz“ nur speculiren und philosophiren will, der Gottes- und Gesetzes-Erkenntniß nur zum theoretischen Geistesspiel anstrebt, das „Verständniß des Guten“ erschließt sich nur לעושיהם, nur Denen, die יראה und חכמה zum Inhalt ihres praktischen Lebens machen, die יראת ד' und חכמת התורה in allem ihren Thun und Lassen bethätigen und verwirklichen, und יראת ד' und חכמת התורה von vorhinein für diese praktische Pflichtgerechtigkeit ihres Lebens anstreben. So auch das Wort der Weisen (Berachoth 17, a) תכלית חכמה תשובה ומע"ט וגו', Zweck aller Wissenschaft ist stete Rückkehr zum Bessern und Erfüllung des Guten, denn es heißt: ראשית חכמה יראת ד' שכל טוב לכל עושיהם ללומדיהם לא נאמר אלא לעושיהם לעושים לשמה ולא לעושים שלא לשמה וכו'. (Es scheint daß die andere Lesart: לעושים לא נאמר אלא לעושיהם ebenfalls richtig ist, und der Satz vollständig heißt: ראשית חכמה וכו' ללומדיהם לא נאמר אלא לעושיהם לעושים לא נאמר אלא לעושיהם לעושים לשמה ולא לעושים שלא לשמה. Daraus, daß es nicht ללומדיהם, sondern לעושיהם heißt, folgt, daß nicht לימוד, sondern מעשה das Ziel sei, und daraus, daß es nicht לעושים, sondern לעושיהם heißt, folgt, daß auch die Art der Erfüllung nicht gleichgiltig sei, nur deren Erfüllung der Gesetze ist die rechte, die sie nicht nur überhaupt erfüllen, sondern sie um ihrer selbst willen, und aus keiner unlautern Nebenabsicht üben.)
תהלתו עמדת לעד, es ist zweifelhaft, worauf das suff. ו in תהלתו zu beziehen wäre.
Vielleicht ist in כל עושיהם כל als Einheit zu begreifen, Jeder von Denen, die sie erfüllen, und bezöge sich dann תהלתו auf diesen. Vielleicht auch bezieht es sich auf שכל טוב, und wäre dann wohl der Gedanke: Gemeinhin erwirbt blendender Geist an sich Ruhmesglanz unter den Menschen, solcher Glanz ist aber vergänglich. Nur ein aus der Erfüllung des göttlichen Gesetzes geschöpftes Verständniß des Guten hat wahren, bleibenden Ruhm, nur ein die Pflichttreue des Lebens erzeugender und an ihr sich nährender und berichtigender Geist der Erkenntniß hat Werth, und in ihm findet das wahrhaft Menschliche im Menschen seine „für die Ewigkeit bleibende Ausstrahlung." Vgl. Jerem. 9, 23 כי אם בזאת יתהלל המתהלל השכל וידע אותי וגו'
Vielleicht auch heißt שכל טוב nicht das Verständniß des Guten, sondern טוב ist Attribut von שכל, wie: הלוים המשכילים שכל טוב לד' (Chron. II. 30, 22), und bezeichnet ebenso wie רוח טובה (Ps. 143, 10. Nehem. 9, 20), den höheren, von Gott ausströmenden Geist, רוח הקדש. Auch dieser wird nicht ללומדיהם, sondern לעושיהם, wird nicht durch bloße Wissenschaft der Gotteslehre, sondern durch deren Erfüllung erworben. Ist er doch in Wahrheit der auf's Gute gerichtete, das dem Menschen erreichbare höchste „Gute" gewährende Geist. Und von ihm und dem mit ihm Begnadigten, hieße es dann in Wahrheit: תהלתו עומדת לעד —