Tehillim 110 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 110, V. 1. לדוד, es ist dies ein an David gerichteter Psalm, wie Ps. 20 und von ähnlicher Tendenz. Er bildet den größten Kontrast zu dem vorhergehenden Psalm. Während der vorhergehende David in größter Erniedrigung, Verkennung, Verlästerung und Verfolgung von seinen Zeitgenossen erscheinen läßt, zeigt dieser Psalm David in dem ganzen Lichte seiner Gott nahen Bestimmung und Bedeutung für seine Gegenwart und alle Zukunft, und gewährt zugleich einen Einblick, wie denn doch diese seine große Bedeutung von zeitgenössischen Geistern erkannt und gewürdigt wurde, und ihm die Gemüther seines Volkes in freudiger Hingebung zuwandte.
Der Psalm erfaßt David in seinem doppelten Berufe, dem kriegerischen der Völkerbezwingung mit dem Schwerte, und dem geistigen, der Gewinnung der Menschen für Gott mit seinem Worte und seinem Walten. Allein eben dieses letztere ist ihm das Höhere, Davids ewige und allmenschliche Bedeutung begründend. Die wirkliche und endliche Bezwingung der Völker als Gegner der davidischen Sendung hat sich Gott vorbehalten.
נאם וגו'. שב לימיני, entweder: bleibe ruhig mir zur Rechten, oder wie שבו לנו בזה (2. B. M. 24, 14): warte auf meine Rechte. Jedenfalls scheint es zu sagen: David habe nun genug seine Aufgabe als Kriegsheld gelöst, fortan möge er die gänzliche Unterwerfung der feindlichen Völker Gott überlassen, und sich ganz der andern, geistigen Seite seines Berufes zuwenden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. מטה וגו'. Nicht auf der Spitze seines Schwertes ruht seine Siegervollendung. Von Zion aus, von Davids Beziehung zu dem Gottesheiligthum zu Zion und dessen Bedeutung für die Heileszukunft der Gesammtmenschheit reicht Gott ihm den Stab seiner Unwiderstehlichkeit. Wie das dort ruhende Gesetz mit עז bekleidet, ja geradezu Gottes עז genannt ist, wird Jeder, der für die Gewinnung der Menschengemüther zur Huldigung Gottes und seines Gesetzes wirksam ist, und David als solcher in erster Linie, theilhaftig dieser עוז. רדה וגו'. בקרב, קרב wie וקרב איש ולב עמוק (Ps. 64, 7), בקרב לבי (Ps. 36, 2). בלב נבון תנוח חכמה ובקרב כסילים תודע (Prov. 14, 33), בקרב חכמים תלין (daf. 15, 31). Deine Bestimmung ist, die Herrschaft über das Innere der Menschen zu gewinnen, die noch in der Gegenwart Feinde deiner Sendung aus Zion sind.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. עמך וגו'. Diese deine geistige Beziehung zu Zion macht es, daß ביום חילך, wenn du einen Heereszug unternehmen willst, dein Volk sich freiwillig und mit freudiger Hingebung unter deine Fahnen stellt. (עמך נדבות) (Vgl. Ps. 109, 4). Allein, sie bewirkt das noch Größere, Herrlichere. Dein Wirken für Zion, — deine Gesänge, deine Lieder, deine Lehren, — macht, daß schon die Kindheit, die Jugend deines Volkes, die nicht im Waffenschmucke, die im Schmucke des Heiligthums gekleidet werden, dein sind. Es ist dein Geist, mit dem sie getränkt werden, der ihren Geist und ihr Herz für Gott und sein Heiligthum gewinnt, und mit allem geistigen und sittlichen Adel schmückt. בהדרי קדש Vgl. Micha 2, 9. מעל עולליה תקחו הדרי לעולם. משחר, von שחר, der Morgen, die Morgenzeit, Bild der frühen Kindheit. So, שחרות, הילדות והשחרות הבל (Pred. 11, 10). טל ילדותך, Vgl. תזל כטל אמרתי (5. B. M. 32, 2), אצוק מים על צמא וגו' אצוק רוחי על זרעך (Jes. 44, 3). Der geistige Thau der die Jugend deines Volkes, hier „deine Jugend“ genannt, tränkt, ist dein, stammt von dir. Das geistige Element der Jugendbildung wird hier um so treffender „Thau“ genannt, da die Jugend als Lebensmorgen bezeichnet war, und der Thau eben die Flur in den Morgenstunden tränkt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. נשבע וגו'. Die eigentliche priesterliche Wirksamkeit der Aharoniden kann eine zeitliche Unterbrechung erleiden, David's geistiges Priesterthum, die Menschengemüther durch die Macht seiner Lieder zu Gott zu führen, hat keine begränzte Dauer, und er ist der wahre „Malki-Zedek,“ dessen schon in der abrahamitischen Zeit unter den Völkern gedacht ward, und zwar Malki-Zedek על דברתי, nicht nach erträumter Menschensatzung, sondern auf Grund des von Gott geoffenbarten Gesetzeswortes. Vgl. ועל המשפט וגו' תעשו (5. B. M. 17, 11). Schon zu Abrahams Zeit war Schalem, das spätere Jeruschalem, Stadt Eines Gottes, dem durch ein Leben in Gerechtigkeit Verehrung zu zollen war, dessen König daher מלכי צדק genannt wurde (Siehe Pent. 1. B. M. 14, 18). Davids Bestimmung ist nun einerseits der priesterliche Beruf seines geistigen Wortes, andererseits sein königliches, mustergiltiges Walten in Gerechtigkeit nach Gottes Wort.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. 6. אדני וגו'. Davids Schwert mag fortan in der Scheide ruhen. Gott, dem als seinem Herrn, er den Dienst seines Lebens weiht, der steht ihm zur Rechten, der hat bereits in der Vergangenheit, wenn das Uebermaß des Ausschreitens von Königen seinen Zorn herausgefordert, Königen das Haupt gespalten, und Er wird einst zum Gericht unter Völkern hervortreten. מלא גויות kann wohl nicht als Prädikat des in ידין liegenden Subjekts verstanden werden. Man kann ja, selbst wenn man sich ein blutiges Gericht denken wollte, nicht vom Richter sagen: er sei voller Leichen. Vielmehr scheint מלא גויות als Objekt das Volk zu bezeichnen, das vom Gottesgericht zunächst betroffen wird. Ein Volk, dessen Fülle aus gemordeten Existenzen hervorgegangen, dessen Reichthum auf Leichen beruht, aus Leichen besteht. Mit einem solchen Volke geht Gott zuerst unter den Völkern in's Gericht. Zuvor aber מחץ ראש, trifft sein Verhängniß das Oberhaupt, על ארץ רבה über ein großes, reiches und mächtiges Land, alles dies liegt in רבה. Dieses Oberhaupt hat sich seine Macht nicht selbst geschaffen, es hat nur von Gott ihm zugeführte günstige Gelegenheiten benutzt — „der Strom floß ihm am Wege, und es hat daraus geschöpft,“ — und doch, dieses „Glück“ hat es so hochmüthig gemacht, על כן ירים ראש —
Vielleicht ist auch ארץ רבה nicht ein großes Land, sondern die große allweite Erde. Wird doch auch Ps. 93, 4 die letzte Macht der Zukunft, welcher Gott seine überwältigende Machthoheit offenbaren wird, als eine einzige Erden-Macht gedacht, die sich durch alle andern in sie aufgegangene Gewalten gebildet hat.