Tehillim 103 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 103, V. 1. לדוד וגו'. Ps. 100, 4 war der Gedanke gegeben, daß תודה: die Erkenntniß und das Bekenntniß Dessen, was Gott uns ist, der תהלה, dem Ausspruch Dessen, wie sich Gott im allgemeinen Wirken offenbart, voranzugehen habe. In solcher Beziehung stehen dieser und der folgende Psalm zu einander. In diesem Psalm spricht David aus, was Gott ihm, seinem seelisch-leiblichen Wesen ist, und schöpft daraus die Anforderung an sich: mit seinem ganzen Wesen der Verwirklichung des göttlichen Willens zu leben, das heißt ja ברך את ד' (Siehe Pent. 2. B. M. 18, 11); der folgende spricht Gottes Thatoffenbarung in seiner ganzen Schöpfung aus, um daraus die gleiche Anforderung zu schöpfen. Dieser Psalm ist תודה, der folgende תהלה.
ברכי וגו'. In dreifacher Beziehung betrachtet sich David. V. 1—5: als Seele in individueller, unmittelbarer Verbindung mit Gott. V. 6—18: als Jude in seinem hieniedigen, leiblichen Zusammenhange mit der nationalen jüdischen Gesammtheit. V. 19—22: als Geschöpf in der großen Gemeinschaft aller von Gott geschaffenen Wesen.
ברכי נפשי וגו', נפש, die unsterbliche Persönlichkeit des Menschen, die Seele, steht in unmittelbarer, naher Beziehung zu Gott, dem sie entstammt, daher lautet an sie die Aufforderung: ברכי את ד', mit ihrem, seinen Willen fördernden Streben unmittelbar ihm zu nahen. קרבי, die innern Organe des menschlichen Leibes, die während ihres irdischen Hierseins das Empfinden, Denken und Wollen der Seele vermitteln — (Vgl. לבי חם בקרבי Ps. 39, 4. רוח נכון חדש בקרבי Ps. 51, 12. לבי יחיל בקרבי Ps.55, 5. ברוב שרעפי בקרבי Ps. 94, 19) — an sie ergeht die Aufforderung לברך את שם קדשו, שם קדשו, seinem heiligen „Namen,“ Dem, was er uns von sich zur Leuchte für unser hieniediges Leben offenbart hat, in Erkenntniß, Anerkenntniß und vollbringendem Streben sich zu weihen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. ברכי וגו'. Die Aufforderung wird wiederholt, um hinzuzufügen אל תשכחי וגו'. Was unsere Seele schon nach dem innigen Zusammenhange ihres Wesens mit Gott, und nach dem, was Gott für unser hieniediges Erkennen und Vollbringen offenbart hat, als Aufgabe ihres Seins zu betrachten hat, das soll sie mit um so vollerer und freudigerer Hingebung begreifen, je mehr sie sich vergegenwärtigt, was Gott ihr angedeihen ließ und läßt, und wie sehr jeder kommende Augenblick ihres Daseins ihre Verpflichtung gegen Gott erhöht. כל גמוליו: Alles, was Gott ihr am Baume der Entwickelung „reifen“ läßt. Es sind dies die unmittelbarsten Gotteswohlthaten, mit welchen Er jeder Seele in השגחה פרטית, in auf sie in ihrer besondern Einzelheit gerichteten Fürsorge nahe ist (גמל, siehe Pent. 1. B. M. 21, 8).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. הסלח וגו'. Der erste Gedanke ist, welche Fülle von Wohlthaten schon jeder Augenblick des Nochdaseins in sich trägt. Ohne unmittelbares Einschreiten der Wunderallmacht der göttlichen Liebe, hätte die Seele bereits jede Fortdauer im Hiersein, vielleicht im Dasein verscherzt. Mit jeder „Krümme,“ mit jedem Abweichen von der geraden, rechten Bahn ihrer Bestimmung, ist ihr „Fortschreiten“ gehemmt in Frage gestellt, und nur Gottes erziehende Liebe gewährt ihr erneutes Fortschreiten. Diese Gewährung des Fortschreitens, des Fortfahrens im Dasein heißt: סליחה (verw. mit צלח, dem Hemmniß überwindenden Fortschreiten, und שלח, Fortlassen. Siehe Pent. 1. B. M. S. 371. 519). Und jedes solches Abweichen macht „krank,“ schwächt und hemmt die geistige, sittliche und oft auch die leibliche Kraft der Entwickelung zur Höhe der Bestimmung (Siehe Pent. 1. B. M. 348. 597), und nur „Gott löst“ (רפה, רפא) den Knoten, der die „Aufwärtsentwickelung“ zur Höhe der Bestimmung gehemmt hätte. Zusammengefaßt: Es ist Gott, dem die Seele ihr Fortdasein, und in diesem Fortdasein die Kraft zur Fortentwickelung verdankt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. הגואל וגו'. Vgl. כי לא תעזב נפשי לשאול לא תתן חסידך לראות שחת (Ps. 16,10). Der Leib, mit dem du im Hiersein vermählt bist, verfällt der Gruft und der Verwesung; dein גואל aber, dein „sich deiner annehmender Verwandter“ (siehe Pent. 2. B. M. 6, 6) ist aber Gott, und Er läßt dein Leben nicht mit in die Bande der Verwesung verfallen, Er läßt dein Leben den irdischen Tod überdauern. המעטרכי חסד ורחמים. Vgl. וכבוד והדר תעטרהו (Ps. 8, 6), und wie er durch die dir verliehene Nichtsterblichkeit hoch über alle andern geschaffenen irdischen Wesen dich hinaushebt, so setzt er die Krone deiner Gottebenbildlichkeit mit den Tugenden der חסד ורחמים auf dein Haupt, für welche er unter allen geschaffenen Wesen einzig dich befähigt.
חסד: die selbstlose Hingebung an das Wohl Anderer, רחמים: die nie endende Liebe für Alles, was sie liebend geschaffen, diese sittlichen Fähigkeiten des Menschenwesens, sie sind die charakteristischen Merkmale, die den Menschen in Wahrheit vom Thiere unterscheiden. Die geistigen Fähigkeiten bilden nur Grad-Unterschiede. Aber nur, wo der Egoismus, der Selbstsinn, das Fürsichsein aufhört, da beginnt der Mensch und die Gottebenbildlichkeit des Menschen. Nur vorübergehend in der Sorge für hülflose Junge, so lange deren Hülflosigkeit dauert, ist solcher Selbstvergessenheit auch das Thier fähig, und bestimmt darum auch das Gesetz für diese Anfänge der Menschlichkeit im Thierleben in שלוח הקן אותו ואת בנו eine belehrungsvolle Rücksicht. Allein ein חסד ורחמיםCharakter adelt nur die Menschenseele.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. המשביע וגו'. Als Gott Moses die מדות, die Weisen seiner Waltung zur Erkenntniß brachte, nannte er ihren Gesammtbegriff: טוב, אני אעביר כל טובי על פניך (2. B. M. 33, 19). Es ist dies entweder objektiv: das absolut Gute, oder subjektiv: die absolute Güte (siehe Pent. das.). Diese Eine Gottes-Güte äußert sich, je nach der Verschiedenheit der veranlassenden Verhältnisse als רחום, חנון u. s. w. Die zur Gottähnlichkeit geschaffene Seele hat diesen מדות der Gottesgüte nachzustreben, הלך אחר מדותיו של הב"ה (Sota 14, a). Diese Aneignung der מדות bis zu bleibender Charaktereigenthümlichkeit, bildet die Vollkommenheit, den Seelenadel, den Seelen-„Schmuck,“ wie unser V. sich ausdrückt, den die Seele während ihres Hierseins im Verkehr mit den irdischen Dingen gewinnen soll. Für dieses Streben nach sittlicher Vollendung hat Gott die Seele geschaffen. Sie hat „Verlangen“ nach diesem „Schmuck“ ihrer Veredlung, und Gott sättigt dies Verlangen, giebt ihr durch die wechselnden Verhältnisse, in denen sich ihr Hiersein bewegt, immer mehr und immer reichere Gelegenheit zur Bethätigung der mannigfachen Weisen der Einen „Güte,“ bis sie im Schmuck der für sie hienieden erreichbaren Vollendung aus der irdischen Umhüllung und dem Zusammenhange mit den irdischen Dingen heimkehrt zur Erneuung ihres Jugend-Daseins im himmlischen Vaterhause, aus dem sie zur Erde gesandt war.
תתחדש כנשר נעוריכי, wenn נעוריכי Subjekt von תתחדש ist, so würde dasselbe, obgleich Pluralform, als Einheitsbegriff zu fassen sein, wie חכמת נשים בנתה ביתה (Prov. 14, 1). נפש, gewöhnlich femin. und ja hier auch bisher immer weiblich, kommt auch männlich vor. נפש שנים (1.B.M.46,27) אחד נפש (4.B.M.31,28). Es wäre daher möglich, daß auch hier die angeredete נפש Subjekt und männlich gedacht ist, und zwar um so mehr, da in dem Gedanken תתחדש die Seele in ihrer Vollendung und Rückkehr zur völligen Unabhängigkeit von allem Irdischen begriffen ist. Es ist eben die Rückkehr zur Männlichkeit. Der in תתחדש liegende reciproke Personalbegriff wäre dann Dativ und נעוריכי Accusativ, wie והתנחלתם אותם (3. B. M. 25, 46) du erneust dir deine Jugend. כנשר: wie der Adler von Jahr zu Jahr neue Federn erhält, so erneust du dir deine Schwingen, dich zum erneuten Jugenddasein emporzuschwingen.
So die Seele in ihrer besondern, unmittelbaren Beziehung zu Gott.
Allein sie hat noch eine, durch die Nation, der sie in ihrem Hiersein angehört, vermittelte Beziehung zu Gott, und hat als solche Antheil an Allem, was Gott für diese Nation gethan. Und wie Gott sich ihr in ihrer Besonderheit verzeihend und heilend, rettend und sie zu sittlicher Vollendung bildend, erziehend erweist, und zur Unsterblichkeit in die Ewigkeit geleitet: so erweist sich Gott auch ihr in der Gemeinsamkeit mit der Nation, der sie angehört, als Wohlthäter und Retter, als Bildner und Erzieher mit Wort und That, als verzeihender, und sein Werk nicht verlassender Gott, und wie Gott ihr in ihrer persönlichen Besonderheit die jenseitige Unsterblichkeit gewährt, so sichert er ihr auch in ihrer leiblichen, hieniedigen nationalen Gemeinsamkeit, die hieniedige Unsterblichkeit im blühenden Fortleben von Kind und Kindeskind für die treue Lösung der nationalen Aufgabe und Bestimmung (V. 6—18).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. עשה צדקות וגו' blickt zunächst auf Israels geschichtlichen Ursprung hin. Gleich bei der Entstehung der Nation, in deren Angehörigkeit die Seele sich begreift, steht die Thatoffenbarung Gottes als צדקה ומשפט übend, צדקה an Israel, משפט für Israel an Egypten ; Israel ganzes geschichtliches Dasein ist aus dieser צדקה ומשפט-Waltung Gottes hervorgegangen. Sie ist aber hier im Präsens ausgesprochen. Diese Waltung dauert fort, und ist, wie der Untergrund von Israels Ursprung, so auch der Träger seiner Fortdauer in jeder Gegenwart.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7—9. יודיע וגו'. Und wie er für Israel gewirkt, so hat er auch an Israel gewirkt, hat sich Moses in Wort, und Israels Söhnen in That offenbart, hat Moses die Wege seiner Waltung gelehrt (2. B. M. 33, 13), und was er Moses von seinen „Wegen“ gelehrt, das erfuhr Israel in der ganzen Reihe seiner Waltungsthaten, wie er רחום וחנון וגו', wie er לא לנצח וגו', wörtlich: wie er nicht bis zum letzten Siege seinen Streit führt, nicht — menschlich gesprochen — nicht wie der kurzathmige Mensch das letzte Wort behalten will, und nicht לעולם יטור, nicht wie der Mensch bis in die unbestimmte Ferne grollt. Er setzt sowohl seinem Streiten als seinem Zürnen ein kurzes bestimmtes Ziel.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10—12. לא כחטאינו וגו'. Nicht nach dem vollen Maaße unserer Verirrungen und unseres bewußten Abgehens von dem geraden, rechten Wege, maß er uns die in deren Folge uns treffenden Leiden zu. Das Mißgeschick, das er uns finden ließ, hatte einen ganz andern Zweck. Nicht sein Zürnen, seine Liebe sandte es uns, züchtigend erzog er uns, seine Liebe war noch größer als unser Fehl, „besiegte“ uns, bewältigte unsere „Hartnäckigkeit“ bis wir die Seinen wurden (Vgl. Pent. 2. B. M. 34, 9. 4. B. M. 14, 7). Diese Besiegung und Eroberung des „hartnäckigsten“ Volkes durch die מדה: ארך אפים ist etwas so unendlich Hohes, daß uns diese Höhe durch den Abstand des Himmels von der Erde veranschaulicht wird. Ist ja diese Höhe nicht blos ein räumlicher Abstand. Abhängig ist die Erde von der ganzen außerirdischen Welt, und reinigend und läuternd, stärkend und Leben weckend wirkt deren überwältigender Einfluß auf Alles der Erde Angehörige. Diese Gottesliebe hielt uns aber für einen, ihrer erziehenden Macht würdigen Gegenstand, und übte ihr Erziehungswunder an uns, weil wir trotz unserer wiederholten Verirrungen, und bei denselben, nach dem durch unsere Abstammung in uns vererbten eigentlichen Wesen und in uns schlummernden bessern Kern, doch seine יראים, doch die einzigen Menschen auf Erden waren, die Ihn, den Einzig-Einen erkannt und verehrt, und unter den härtesten Prüfungen der Erfüllung seiner Verheißung entgegengeharrt hatten. Alle unsere Verirrungen waren nur ein Kampf, den das Bessere in uns theils mit dem verlockenden Beispiel der übrigen Welt, theils mit dem Neuen der völligen Eigenartigkeit und Größe der Bestimmung und Aufgabe zu bestehen hatte, welche dem Gottesvolke in Geschick und Wandel gestellt worden war (Vgl. Pent 4. B. M. S. 400. 5. B. M. S. 534).
כרחק וגו'. Dieses הרחיק läßt eine zweifache Auffassung zu. Entweder: wie der Westen die ganz entgegengesetzte Seite dem Osten gegenüber ist, so ruhte seine erziehende Liebe nicht, bis unsere wiederholten, bis zum Abfall gesteigerten „Empörungen“ zu etwas, unserm Wesen völlig Entgegengesetztem, nimmer Wiederkehrendem wurde. Oder: wie der Osten unerreichbar vom Westen ist, so stellte sich Gottes Liebe schirmend zwischen uns und die sonst nie ausbleibenden Folgen unserer wiederholten Empörungen, und machte uns für deren Folgen unerreichbar.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. 14. כרחם וגו'. Seine Kinder waren wir. Er hatte uns erzeugt und großgezogen, darum war uns sein רחמים unverlierbar (Siehe Ps. 18, 2). Denn als er uns zu seinem Volke weltgeschichtlich schuf und erwählte, kannte er sehr wohl יצרנו, unsere besondere, natürliche Bildung und Anlage, זכור, es war ihm auch dabei sehr wohl in Erinnerung, daß wir überhaupt, wie alle Menschen, irdische Wesen, und als solche den Verirrungen ausgesetzt waren. Ja, die sittlichen Mängel, die uns anklebten, waren bei unserer Erwählung mit berechnet, um an ihnen die Wundermacht der göttlichen Erziehung zu offenbaren (Siehe Pent.2.B,M.S.530. 562). Nicht obgleich wir עם קשה עורף waren, sondern weil wir ein solches waren, hat Gott uns zum Volke seiner Sendung an die Menschheit erkoren. Ein gefügigerer Menschenschlag wäre längst den harten Prüfungen und Verlockungen in Mitte der Völker erlegen. Einmal von Ihm gewonnen, blieb im großen Ganzen das Volk ebenso beharrlich fest im Gehorsam, als es schwer für denselben zu gewinnen war. Darum blieb uns seine Vaterliebe trotz unserer Verirrungen unverloren.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15--18. Das — V. 6—14 — sind die Wohlthaten Gottes, deren sich jede jüdische Seele in Gemeinsamkeit mit der jüdischen Nation, der sie angehört, bewußt ist. Allein innerhalb dieser nationalen Gemeinschaft erblüht für jede Seele noch ein besonderes hohes Gut, das jenem Gute, der jenseitigen Unsterblichkeit, parallel steht, in welchem die Seele, das höchste Ziel nach ihrer zurückgelegten irdischen Wallfahrt findet. Es ist dies die hieniedige Unsterblichkeit, das Fortleben in Kind und Kindeskindern, denen wir die Hörigkeit im nationalen Gottesbunde, die Verpflichtung zu der nationalen Gottesaufgabe vererbt, und denen wir in Wort und Beispiel als treue Hüter dieses Bundes, als treue Erfüller dieser Aufgabe vorangewandelt.
Dieser, im Verein mit Gott und seinem, durch die Nation uns vermittelten Bunde und Gesetze zu erreichenden hieniedigen Unsterblichkeit gegenüber, spricht V. 15. 16 zuerst die Nichtigkeit und Vergänglichkeit eines von Gott losgelösten, nur Sich lebenden irdischen Menschendaseins aus, das ja unter den Begriff אנוש fällt (Siehe Pent. 1. B. M. 4, 26). Kurz wie des Grases Dauer sind seine Tage, vergänglich wie des Feldes Blume ist seine Blüthe, berührt ihn der über alles Irdische wehende Hauch der Vergänglichkeit, so ist er nicht mehr, und die Stelle, wo er gewesen, weiß nichts mehr von ihm, er hinterläßt Nichts, das an ihn erinnert. Aber die, die Gott erkennen, und mit ehrender Scheu vor Gott wandeln, über die waltet die Gottes-Liebe in alle Ewigkeit hin, וצדקתו לבני בנים, und das von Gott ihnen zugewandte Wohlwollen geht, wenn sie von dannen scheiden, auf Kind und Kindeskinder über. Kind und Kindeskinder genießen noch זכות אבות, wenn Eltern, und in deren treuen Nachfolge die Kinder, zu Denen gehören, die seinen Bund hüthen und das Gedächtniß seiner Gebote zur treuen Erfüllung bewahren.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 19. ד' בשמים וגו'. An den Gedanken „פקדיו לעשותם“ knüpft sich nun für die Seele die noch weitere Betrachtung, wie sie mit treuer Erfüllung der von Gott für sie ausgesprochenen Gebote sich nicht nur als ächtes Mitglied des nationalen Gottesbundes bewähren, sondern damit erst sich ebenbürtig einreihen kann in den großen Chor Gott dienender Wesen, die das Weltall füllen. Gottes Gesetz und seinen Willen erfüllender Gottes-Dienst beginnt nicht erst in dem zum reinen Menschenthum zurückkehrenden und zurückführenden Judenthum; im Himmel hat Gott seinen Thron bereitet, und seine Herrschaft waltet in Allem und über Alles. Kleinstes und Größtes ist nur durch Verwirklichung Seiner Weltgesetze und wirkt auch nur in Lösung der ihm von seinem Schöpfer ertheilten Aufgabe, und das kleinste Wesen und die winzigste Kraftäußerung steht im Dienste Seiner großen Weltzwecke.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 20—22. ברכו וגו'. Darum ergeht an Alles, was ist, in der Gotteswelt die Aufforderung: ברכו ד', sich ganz dem Dienste Gottes, der Erfüllung seines Willens, der Förderung seiner Zwecke zu weihen, und, nach solcher auffordernden Umschau im großen Gottes Welten-Reiche, kehrt die Seele zu sich mit der erneuten Selbstaufforderung: ברכי נפשי את ד' zurück in dem tiefen Bewußtsein, daß nur durch Erfüllung dieser Anforderung auch sie sich würdig halten dürfe, in dem großen Chor Gott dienender Weltenwesen sich ihres Daseins zu freuen. Es faßt aber diese Umschau die Gott dienenden Weltenwesen in drei Gruppen zusammen: מלאכיו, die himmlischen Boten, Engel, die Gott aussendet als Ueberbringer und Vollbringer seiner Botschaften und Aufträge, wie bei Abraham, Lot, Jakob, Moses, Gideon, Pharao und Sanherib u. s. w. Sie stehen kraftgerüstet zu Gottes Dienst bereit, und vollbringen sein Wort lediglich, um seinem Worte zu gehorchen Sie kennen kein anderes Ziel, keine andere Seligkeit und Daseinsfreude, als diese treue Vollbringung des Gotteswortes. Sie stehen, wie der Prophet (Jes. 6, 2) sie geschaut, um Gottes Thron, Seines Winkes gewärtig, בשתים (כנפים) יכסה פניו ובשתים יכסה רגליו ובשתים יעופף: sie verhüllen ihr Angesicht, es gilt ihnen gleich, wohin sie kommen; sie verhüllen ihre Füße, es gilt ihnen gleich, wo sie stehen; sie fühlen nur die geflügelte Kraft, Gottes Geheiß zu vollbringen, und diese Kraft üben sie. צבאיו: die außerirdische Welt mit ihren Sterneschaaren und Elementarkräften, die alle unter Gottes Heerbann stehen, und משרתיו sind (— Vgl. משרתיו אש לוהט Ps. 104, 4 —), in jeder Bewegung, mit jeder Wirkung einen Dienst Gottes vollziehen, seinen Willen vollbringen. Endlich כל מעשיו: alles Geschaffene auf Erden an allen Stätten der Gottes-Herrschaft, und im Anschluß an sie auch die eigene menschliche Seele: ברכי נפשי את ד'!