Tehillim 102 תהילים

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1
תְּ֭פִלָּה לְעָנִ֣י כִֽי־יַעֲטֹ֑ף וְלִפְנֵ֥י יְ֝הֹוָ֗ה יִשְׁפֹּ֥ךְ שִׂיחֽוֹ׃
BernfeldGebet eines Gebeugten, als er verzagte und vor dem Herrn seine Klagen ausschüttete.
ZunzGebet eines Leidenden, wenn er verjagt, und vor dem Ewigen ausschüttet seinen Jammer.
HirschGebet eines Armen, wenn er sich schwach werden fühlt und vor Gott sein Sinnen ausschütten will.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 102, V. 1. תפלה לעני. Aus der zweiten Hälfte des Kap., V. 14 f., ist klar, daß nicht ein unglücklicher Einzelner, daß vielmehr Israel im Galuthleid es ist, aus dessen Brust heraus dieser Psalm gesprochen ist. Ohnehin ist nach Auffassung der Weisen im Midrasch, wo in den Psalmen von עני, דל, אביון die Rede ist, in der Regel Israel in seinem Leidensgeschick darunter verstanden. עטף, eigentlich sich verhüllen, gewöhnlich mit רוח oder לב, Ausdruck für: schwach werden. Siehe Ps. 61, 3. שיח: das geistige Wachsthum, die Entwickelung von Gedanken, Empfindungen und Gefühlen in unserem Innern (Siehe Pent. 1. B. M. 2, 5. 24, 63). Wenn der Mensch sich schwach werden fühlt, und diesem Schwächezustand entsprechende Gedanken und Gefühle in seinem Innern anwachsen, dann ist es ihm Bedürfniß, sie vor Gott zu äußern, und in dieser Aeußerung Erleichterung und Kräftigung zu suchen.

2
יְ֭הֹוָה שִׁמְעָ֣ה תְפִלָּתִ֑י וְ֝שַׁוְעָתִ֗י אֵלֶ֥יךָ תָבֽוֹא׃
BernfeldHerr, höre mein Gebet, und mein Schreien komme vor dich.
ZunzEwiger, höre mein Gebet, und mein Schreien komme vor dich.
HirschGott, höre mein Gebet, und mein Flehen komme zu dir.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. שמעה וגו'. Höre, „wie ich nach Klarheit über meinen Zustand ringe," das ist ja in Wahrheit תפלה: „ein Urtheil der Wahrheit über sich gewinnen." ושועתי und mein Flehen um äußere Hilfe (siehe Pent. 2. B. M. 14, 13), lasse es zu dir gelangen.

3
אַל־תַּסְתֵּ֬ר פָּנֶ֨יךָ ׀ מִמֶּנִּי֮ בְּי֢וֹם צַ֫ר־לִ֥י הַטֵּֽה־אֵלַ֥י אׇזְנֶ֑ךָ בְּי֥וֹם אֶ֝קְרָ֗א מַהֵ֥ר עֲנֵֽנִי׃
BernfeldVerbirg nicht dein Antlitz vor mir am Tage meiner Not; neige mir dein Ohr am Tage, da ich zu dir rufe und erhöre mich eilends.
ZunzVerbirg dein Antlitz nicht vor mir, am Tage meiner Noth neige mir dein Ohr, am Tage, da ich rufe, erhöre mich eilends.
HirschBirg dein Angesicht nicht von mir am Tage wenn mir Noth ist, neig' dein Ohr mir zu, am Tage da ich rufe antworte mir bald.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. אל וגו', lasse mich die Ueberzeugung gewinnen, daß dein Auge noch auf mich gerichtet ist, und ענני: antworte mir, lasse mich's gewahr werden, empfinden, daß, wenn auch Alles mich verlassen hat, du mir noch nahe bist.

4
כִּֽי־כָל֣וּ בְעָשָׁ֣ן יָמָ֑י וְ֝עַצְמוֹתַ֗י כְּמוֹקֵ֥ד נִחָֽרוּ׃
BernfeldDenn in Rauch verschwinden meine Tage und meine Gebeine sind wie ein Brand versengt.
ZunzDenn es vergehen in Rauch meine Tage, und meine Gebeine sind wie ein Brand versengt.
HirschDenn in Rauch sind meine Tage aufgegangen, und meine Gebeine wie eine Brandstätte verglüht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. כי וגו'. Denn meine Tage, die Tage meines Glückes und meiner Selbständigkeit sind in Rauch aufgegangen: mein Glück und meine Selbständigkeit sind nicht blos zertrümmert, sondern wie Feuer hat das zerstörende Verhängniß an ihnen gewirkt, sie sind verflüchtigt, und keine Spur ist von ihnen übrig geblieben. Und wie das Feuer des Verhängnisses an meinen äußern Zuständen gezehrt, so ist es, als wären meine „Gebeine," alle die innern Träger und Stützen meiner Kraft, die Brandstätte gewesen, auf welcher das Feuer gebrannt, und, während meine äußern Macht- und Kraft-Stützen völlig verflüchtigt sind, haben auch die Stützen meiner innern Selbständigkeit gelitten und tragen die Spuren meines Verhängnisses.

5
הוּכָּה־כָעֵ֣שֶׂב וַיִּבַ֣שׁ לִבִּ֑י כִּֽי־שָׁ֝כַ֗חְתִּי מֵאֲכֹ֥ל לַחְמִֽי׃
BernfeldWie Gras getroffen und vertrocknet ist mein Herz, dass ich mein Brot zu essen vergesse.
ZunzGesengt wie Gras und vertrocknet ist mein Herz; denn ich vergesse mein Brod zu essen.
HirschVom Schlag wie ein Kraut getroffen und vertrocknet ist mein Herz, denn ich habe vergessen meine Nahrung zu genießen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. הוכה וגו'. Ein durch Hagelschlag geknicktes Kraut liegt darnieder, die Bedingungen seines Wachsens, der Boden, seine Wurzel, Thau, Regen, Sonnenschein sind da, aber es fehlt ihm die Kraft, sich aus ihnen Wiederbelebung zu schöpfen und es welkt dahin: so ist mein Herz. Der Zusammensturz von Staat und Tempel hat mein Herz getroffen, hat ihm die Kraft genommen, aus den geistigen Heiligthümern die mir geblieben sind, meine Wiedererhebung und Wiederbelebung zu schöpfen; denn שכחתי מאכל לחמי, ich habe sogar aus Niedergeschlagenheit verabsäumt, aus ihnen die geistige Nahrung zu ziehen, die mich für ein aufrechtes Ertragen der auf mich eindringenden Leiden gekräftigt hätte.

6
מִקּ֥וֹל אַנְחָתִ֑י דָּבְקָ֥ה עַ֝צְמִ֗י לִבְשָׂרִֽי׃
BernfeldVon der Stimme meines Stöhnens klebt mein Gebein mir an der Haut.
ZunzOb meinem lauten Stöhnen klebt mein Gebein mir an der Haut.
HirschVor lautem Seufzen hängt mein Bein an meinem Fleisch.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. מקול וגו'. Seufzen zehrt am Mark der Knochen. In Gesundheitsfrische tragen die Knochen den Leib. Geschwächt hängen die Knochen am Fleische und haben die Kraft nicht den Leib zu tragen.

7
דָּ֭מִיתִי לִקְאַ֣ת מִדְבָּ֑ר הָ֝יִ֗יתִי כְּכ֣וֹס חֳרָבֽוֹת׃
BernfeldIch gleiche dem Pelikan der Wüste, ich bin wie der Uhu in der Ruine.
ZunzIch gleiche dem Pelikan der Wüste, bin wie der Uhu der Trümmer.
HirschIch gleiche einem Wüstenvogel, bin wie eine Trümmereule geworden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. דמיתי וגו'. Meine Geschichte zeigt so sehr fast nichts als Wüste und Trümmer, daß man mich für ein Wüsten- und Trümmer-Volk, als meiner Natur und Bestimmung nach für nichts anders geeignet hält.

8
שָׁקַ֥דְתִּי וָאֶהְיֶ֑ה כְּ֝צִפּ֗וֹר בּוֹדֵ֥ד עַל־גָּֽג׃
BernfeldIch blieb immer wach wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.
ZunzIch wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.
HirschAufgescheucht wurde und blieb ich, wie ein Vogel einsam auf dem Dach.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. שקדתי וגו'. שקד Ausdruck für eine rastlose Geistesrichtung auf einen Gegenstand (Siehe Pent. 2. B. M. S. 413). Ich bin zu einer ruhelosen Wachsamkeit gebracht worden, und bin so geblieben; ich meine, jeder Augenblick müßte etwas Gefahrdrohendes bringen, blicke ruhelos ununterbrochen aus nach Dem was kommt. כצפור וגו', wie ein einzelner Vogel auf dem Dache steht und sich nach allen Seiten umsieht. So ist meine Stellung auf Erden. Ich bin בודד, isolirt, ohne Freunde, nur Feinde auf allen Seiten erspähend, bin das aufgescheuchte Volk, ohne Frieden, ohne Ruhe, jeden Augenblick den Pechkranz erwartend, der von ruchloser Hand in das friedliche Gebäude seines Daseins fliegt.

9
כׇּל־הַ֭יּוֹם חֵרְפ֣וּנִי אוֹיְבָ֑י מְ֝הוֹלָלַ֗י בִּ֣י נִשְׁבָּֽעוּ׃
BernfeldAlle Tage höhnen mich meine Feinde, die gegen mich rasen, schwören bei mir.
ZunzDen ganzen Tag höhnen mich meine Feinde, die gegen mich rasen, schwören bei mir.
HirschAllezeit schmähen meine Feinde mich, die ihren geborgten Schein von mir haben, haben sich wider mich verschworen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. כל היום וגו'. מהוללי (Siehe Ps. 73, 3), מהולל Pualform, Gegensatz von מהלל: von falschem, geborgtem Glanz umstrahlt, wie לשחוק אמרתי מהולל (Pred. 2, 2). Die in von mir geborgtem Scheine glänzen. All ihr scheinbares Licht, ihre Gotteserkenntniß, ihre Sittlichkeit, Gerechtigkeit, Liebe 2c. haben sie von mir — und es ist nicht einmal ungetrübt bei ihnen geblieben — und gerade Die haben sich wieder mich verschworen. Die fühlen sich durch mein Dasein gedrückt. Sie fühlen es, so lange ich bin, so lange kommt eigentlich Alles, dessen sie sich rühmen, mir zu Gute, stammt von mir, bildet eigentlich ein Blatt in meinem Ruhmeskranz; darum bin ich ihnen im Wege, und dies ist nicht zu geringem Theile der Anlaß jahrhundertlanger Feindschaft der Völker gegen Israel, vornehmlich der geistigen Feindschaft, der Sucht, alles Große in jüdischer Wahrheit, und alles Geistige und Sittliche im jüdischen Charakter zu verkleinern. בי נשבעו, wie ותדבר אהרן ומרים במשה. Sonst heißt allerdings השבע ב־ bei Jemandem schwören. Wollte man dies auch hier in diesem Sinne nehmen, so wäre מהוללי בי נשבעו, eine weitere Ausführung von אויבי: meine Feinde schmähen mich, und sie haben doch all ihren erborgten Schein von mir und schwören bei mir, d. h. was ihnen als das Heiligste gilt, so daß sie dabei ihre Eide leisten, bin doch gerade Ich, stammt von mir, ruht in meinen Händen, ist durch mich der Menschheit gebracht! Wahrscheinlicher ist aber die erste Auffassung.

10
כִּי־אֵ֭פֶר כַּלֶּ֣חֶם אָכָ֑לְתִּי וְ֝שִׁקֻּוַ֗י בִּבְכִ֥י מָסָֽכְתִּי׃
BernfeldDenn ich esse Asche wie Brot, und meinen Trank mische ich mit Tränen,
ZunzDenn Asche wie Brod ess' ich, und meinen Trank misch' ich mit Thränen.
HirschDenn Asche habe ich wie Brod genossen, und meine Getränke mit Weinen gemischt
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. 11. כי אפר וגו'. Sie schmähten mich, weil in der That mich Trauer und Schmerz erfüllte, nicht über das Unglück, das sie über mich häuften, sondern über meine Verirrungen, durch welche ich mir deinen Zorn zugezogen, und dein Wohlwollen, das mich so hoch gehoben hatte, verscherzt habe. Dieses mein Schuldbewußtsein gegen Gott, das ich offen gestand, und das mich in aller ihrer Feindschaft nur die Wirkung deines Unwillens erkennen ließ, gebrauchten sie als Rechtfertigung ihrer Schmähungen, als Rechtfertigung ihrer Feindschaft, als habe Gott sie zu seinen Weltgerichtsboten, zu seinen Gottesgerichtsanwälten gegen mich bestellt! אפר: Zeichen der Trauer. בכי: Ausdruck des Schmerzes. זעם Siehe Pent. 4. B. M. 23, 7. זעם ist der Zornesausdruck, der einen Menschen trifft, der sich fühlbar machende Zorn. Siehe Ps. 7, 12. Es ist schwierig für die Synonymen eine immer ganz entsprechende Uebersetzung zu finden.

11
מִפְּנֵֽי־זַעַמְךָ֥ וְקִצְפֶּ֑ךָ כִּ֥י נְ֝שָׂאתַ֗נִי וַתַּשְׁלִיכֵֽנִי׃
BernfeldWegen deines Grimmes und deines Zornes, denn du hobst mich auf und warfst mich hin.
ZunzWegen deines Grimmes und deines Zornes; denn du hast mich aufgehoben und mich hingeworfen.
Hirschwegen deines Vorwurfs und deines Zürnens; denn du hattest mich hoch gehoben da du mich daniederwarfst!
12
יָ֭מַי כְּצֵ֣ל נָט֑וּי וַ֝אֲנִ֗י כָּעֵ֥שֶׂב אִיבָֽשׁ׃
BernfeldMeine Tage sind wie ein gedehnter Schatten, und ich vertrockne wie Gras.
ZunzMeine Tage gleichen dem langgestreckten Schatten, und ich vertrockne wie Gras.
HirschSo sind meine Tage wie Ein gedehnter Schatten, und ich — ich welke wie Kraut dahin.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12 ימי וגו' ist eine kurze Zusammenfassung des Bisherigen. So ist mein Jahrhunderte durchdauerndes Geschick Ein lang gedehnter Schatten, nichts als Nacht, von keiner Tageshelle, keiner Morgendämmerung unterbrochen (Vgl. כי ינטו צללי ערב Jerem. 6, 4). Und Ich, meine Persönlichkeit in dieser langen Nacht, ohne Frische ermöglichende Kraft, gehe dem absierbenden Verwelken entgegen.

13
וְאַתָּ֣ה יְ֭הֹוָה לְעוֹלָ֣ם תֵּשֵׁ֑ב וְ֝זִכְרְךָ֗ לְדֹ֣ר וָדֹֽר׃
BernfeldDu aber, Herr, thronst ewiglich, und dein Angedenken ist für alle Geschlechter.
ZunzDu aber, Ewiger, thronest ewiglich, und dein Angedenken ist für alle Geschlechter.
HirschUnd du bist doch Gott, thronst in die ewige Zukunft hin, und dein Gedächtniß ist jeglichem Geschlecht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 13. ואתה וגו'. Und du bist doch ה', ewig zu neuer Zukunftspende bereit, לעולם תשב, wenn du ישב, ohne sichtbares Eingreifen in den Gang der Ereignisse zu ruhen scheinst (Vgl. Ps. 9, 8), so waltest du so im Verborgenen doch einer uns verhüllten, dir aber offenbaren Zukunft entgegen, וזכרך וגו', und du willst doch von jeglichem Geschlechte in der uns geoffenbarten Weise deiner Waltung gedacht werden (Siehe Pent. 2. B. M. 3, 15).

14
אַתָּ֣ה תָ֭קוּם תְּרַחֵ֣ם צִיּ֑וֹן כִּי־עֵ֥ת לְ֝חֶֽנְנָ֗הּ כִּי־בָ֥א מוֹעֵֽד׃
BernfeldDu wirst aufstehen, dich Zijons erbarmen; es ist Zeit, es zu begnadigen, denn die Frist ist da.
ZunzDu wirst aufstehen, dich Zijon's erbarmen; denn es ist Zeit, es zu begnadigen, denn die Frist ist da.
HirschDu wirst doch einst aufstehen, dich Zions erbarmen, wenn die Zeit da ist ihm wieder Gewährung zuzuwenden, wenn die Bestimmungszeit gekommen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 14. אתה תקום וגו', im Gegensatz zu dem תשב des vorigen Verses. Du wirst doch nicht immer so nur im Verborgenen walten, wirst einst aufstehen, sichtbar eingreifen in die Gänge der Zeiten, wirst Zion wieder mit Vater- und Schöpfer-Huld lieben, wenn die Zeit da ist, לחננה Zion wieder Gewährung zuzuwenden (Siehe Pent. 2. B. M. S. 559), כי בא מועד, wenn die von dir für Israels Erneuung bestimmte Zeit gekommen sein wird.

15
כִּי־רָצ֣וּ עֲ֭בָדֶיךָ אֶת־אֲבָנֶ֑יהָ וְֽאֶת־עֲפָרָ֥הּ יְחֹנֵֽנוּ׃
BernfeldDenn deine Knechte liebten seine Steine, und seinen Staub herzen sie.
ZunzDenn es lieben deine Knechte seine Steine, und seinem Staub sind sie hold.
HirschWenn deine Diener erst an seinen Steinen mit Befriedigung hangen und seinem Staub alle Gewährung zuwenden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 15. כי וגו'. Diese Zeit wird gekommen sein, das Galuth wird sein Ende finden, wenn Israel sich als עבדיך, als Diener für die göttlichen Waltungszwecke begreift, und sie als solche in Huldigung der ewigen Idee, die an Zions Trümmern haftet, sich glücklich fühlen, und dem der Verwirklichung dieser Idee geweihten Boden, der jetzt für sie nur leerer Staub ist, der aber ihre Vergangenheit getragen und dem ihre Zukunft angehört, ihre ganze Hingebung weihen. In Israels Geist müssen erst Zions Tempel und Land wieder erstanden sein, ehe Zions Tempel wieder auf seine Trümmer erbaut wird, und das Land aus seinem Staube wieder zur Blüthe ersteht. Dieser geistige Aufbau Zions, der ja nichts anderes ist, als Israels innige Vermählung mit seinem Gesetze und seiner nationalen Bestimmung, ist das Ziel unserer ganzen Galuthschule. Darauf warten Zions Trümmer und Palästina's Staub. Und wenn in Zion noch תלפיות, תל שכל פיות פונים בו, noch die Anhöhe ist, der selbst in ihren „Trümmern" Aller Mund sich zuwendet, und von Ost und West und Süd und Nord Zions allzerstreute Söhne betend ihren Blick nach Zion richten, so ist dies der stets erneute Anfang zu einer vollern Lösung der Aufgabe, die unser Vers von uns erwartet, so sagen wir uns damit immer auf's Neue, daß wir nur von dort aus Bewußtsein unserer Pflicht, Begeisterung für deren Erfüllung, Hoffnung für unsere Zukunft zu schöpfen, daß wir nur im Hinblick auf Zion unsern Weg zu Gott zu finden vermögen, und bewahrheiten den Prophetenspruch: כסא כבוד מרום מראשון מקום מקדשנו (Jerem. 17, 12), ein Thron der Herrlichkeit, höher als der erste, bleibt die Stätte unseres Heiligthums! Während seines Bestandes hatte der Tempel nicht die Kraft, die im engen Umkreis des Landes um ihn vereinigten Söhne Israels bleibend an sich zu fesseln. In seiner Zerstörung bewährt der verödete Platz unseres Heiligthums Jahrtausende hindurch die Kraft, seine über die weite Erde hin zerstreuten Söhne mit allen Fasern ihres Innern an sich zu ziehen. Darin bewährt sich die Macht des Geistes der Gottes- und Pflicht-Erkenntniß, zu deren ewiger Stätte Gott diesen Erdpunkt in Mitte der Menschheit geweiht. — רצה את: Einem Gegenstand sein Wohlwollen zuwenden, Befriedigung an ihm finden. So: רצית ד' ארצך (Ps. 85, 2). ברצות ד' דרכי איש (Prov. 16, 7) u. s.

16
וְיִֽירְא֣וּ ג֭וֹיִם אֶת־שֵׁ֣ם יְהֹוָ֑ה וְֽכׇל־מַלְכֵ֥י הָ֝אָ֗רֶץ אֶת־כְּבוֹדֶֽךָ׃
BernfeldDann werden die Völker den Namen des Herrn fürchten und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit.
ZunzUnd fürchten werden die Völker den Namen des Ewigen, und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit,
HirschDann fürchten Völker den Namen „Gott", und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 16. 17. ויראו וגו'. Diese alle Pracht-Tempel in Schatten stellende ewige Macht der Trümmer Zions, lehrt die Völker endlich Ehrfurcht vor der Wahrheit der GottesErkenntniß, die der Name ה' den Juden lehrt, und alle irdischen Majestäten legen ihre glänzenden Diademe der, die Zions-Trümmer ewig unsichtbar umleuchtenden Gottesherrlichkeit zu Füßen. Wenn aber Gott erst Zion wieder erbaut hat, dann wird Er gesehen in seiner Herrlichkeit. Dieser ewig verkündete, lange bezweifelte, endlich verwirklichte Wiederbau Zions ist deren glänzendste, offenkundigste Offenbarung.

17
כִּי־בָנָ֣ה יְהֹוָ֣ה צִיּ֑וֹן נִ֝רְאָ֗ה בִּכְבוֹדֽוֹ׃
BernfeldWeil der Herr Zijon gebaut und erschienen ist in seiner Herrlichkeit;
ZunzWenn der Ewige Zijon gebauet, erschienen ist in seiner Herrlichkeit,
HirschHat aber Gott Zion wieder gebaut, ist er in seiner Herrlichkeit geschaut worden.
18
פָּ֭נָה אֶל־תְּפִלַּ֣ת הָעַרְעָ֑ר וְלֹא־בָ֝זָ֗ה אֶת־תְּפִלָּתָֽם׃
BernfeldEr hat sich zugewendet dem Gebet des Verlassenen und nicht verschmäht ihr Gebet.
ZunzSich zugewendet dem Gebete des Verlassenen und nicht verschmähet ihr Gebet.
Hirsch„Er hat sich dem Gebete des Vereinsamten zugewendet, hat nicht verachtet ihr Gebet“,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 18. 19. פנה וגו', חכתב וגו'. ערער Wurzel von ערר, vereinsamt. כערער בערבה (Jerem. 17, 6. Siehe Pent. 3. B. M. 20, 20). Wenn Israel wieder zur heitern Blüthe erstehen wird, so soll Eine Erinnerung aus den langen, dunkeln Nachtzeiten des Galuth diesem einstigen, glücklichern Geschlechte erhalten bleiben: es soll nie vergessen, wie ערער, wie vereinsamt, freundelos und freudelos Israel im Galuth gewesen, wie ohne äußere irdische Stütze ihm nichts geblieben war als תפלה, als die geistige, innere Arbeit an sich selbst vor Gott, und wie Gott unter allen, von so vielen Aeußerlichkeiten getragenen und gehobenen Menschenkreisen sich gerade ihm, dem Verlassensten und seinem geistigen Streben zugewandt, und dieses geistige Einzige, das seinen zerstreuten Söhnen geblieben, auf das, von so wenig äußern Glanz umgeben, die übrige Menschheit verächtlich herabgeblickt, von Gott nicht gering geschätzt war. Das soll dem spätern Geschlechte im Bewußtsein erhalten bleiben, auf daß sie auch im Glücke nur diesem, ihrem ureignen, geistigen Streben zugewandt bleiben, sich ihm nicht von den, sie nun im Glücke anlächelnden Aeußerlichkeiten entfernen lassen, eingedenk, wie es und nur es ihnen Ersatz für alles Andere zu bieten vermochte, es und nur es sie in der zurückgelegten Vergangenheit zu erhalten und für die neue Zukunft vorzubereiten vermochte, und auf, daß sie sich als עם נברא, als eine wahrhaft neue Gottesschöpfung begreifen, sie völkergeschichtlich bis zum Nichts herabgesunken waren, und nur Gottes „Werde!“ sie zu neuem Dasein gerufen.

ערער im Singular und תפלתם im Plural spricht ganz Haman's מפזר ומפורד aus. Sie waren zerstreut, und doch überall von den sie umgebenden Bevölkerungen getrennt. Diese Trennung erhielt ihre geistige Einheit trotz ihrer Zerstreuung.

19
תִּכָּ֣תֶב זֹ֭את לְד֣וֹר אַחֲר֑וֹן וְעַ֥ם נִ֝בְרָ֗א יְהַלֶּל־יָֽהּ׃
BernfeldSolches werde aufgeschrieben für das späteste Geschlecht, damit das künftige Volk Jah preise.
ZunzSolches wird aufgeschrieben für das späteste Geschlecht, und das künftige Volk preiset Jah.
Hirschdas werde für das einstige Geschlecht aufgezeichnet und als ein neu geschaffenes Volk verkündet es Gottes Thatenlob!
20
כִּֽי־הִ֭שְׁקִיף מִמְּר֣וֹם קׇדְשׁ֑וֹ יְ֝הֹוָ֗ה מִשָּׁמַ֤יִם ׀ אֶל־אֶ֬רֶץ הִבִּֽיט׃
BernfeldDenn er hat hinabgeblickt aus seiner heiligen Höhe, der Herr schaut vom Himmel zur Erde;
ZunzDenn er hat herabgeblickt aus seiner heiligen Höhe, der Ewige schauet vom Himmel zur Erde,
HirschDenn aus seiner heiligen Höhe hat er seinen ernsten Blick gerichtet, Gott vom Himmel zur Erde hingeschaut,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 20. 21. כי השקיף וגו'. השקיף ist immer ein ernster, prüfender Blick (Siehe Pent. 1. B. M. S. 301). Ein Blick der מדת הדין und der מדת הרחמים ging dem Einschreiten zur Wiedererlösung Israels voran. ממרום קדשו: aus seiner „heiligen“ „Höhe,“ d. i. aus seiner, allem Schlechten feindlichen, über Alles erhabenen Machthoheit, sandte Gott einen ernsten, prüfenden Blick in die Menschenkreise, in welchen ausschreitende Gewalt sich an dem wehrlosen Galuthvolk versündigte, und ה': die zur neuen Heileszukunft erziehend leitende Liebe schaute vom Himmel zu der dieser Zukunft sehnsüchtig harrenden Erde nieder.

לשמע וגו', „rechtsvertretend,“ den Angstruf des mißhandelten Gefangenen zu hören, und „liebeübend,“ die den zum Hinsterben Verurtheilten, die nach Anschauung der Menschen nicht mehr in die Reihe der lebenden Völker zu zählen, „auszusterben“ bestimmt sind, und dieser Bestimmung auch ihrem ganzen Geschicke nach naturgemäß entgegen gehen (Vgl. Ps. 79, 11), aus diesem Todesbanne zu erlösen.

21
לִ֭שְׁמֹעַ אֶנְקַ֣ת אָסִ֑יר לְ֝פַתֵּ֗חַ בְּנֵ֣י תְמוּתָֽה׃
BernfeldZu hören das Seufzen des Gefesselten, frei zu machen die dem Tode geweihten Menschen,
ZunzZu vernehmen das Stöhnen des Gefesselten, zu lösen die Söhne des Sterbens.
Hirschzu hören das Angstgeschrei des Gefangenen, zu befreien die zum Hinsterben Verurtheilten,
22
לְסַפֵּ֣ר בְּ֭צִיּוֹן שֵׁ֣ם יְהֹוָ֑ה וּ֝תְהִלָּת֗וֹ בִּירוּשָׁלָֽ͏ִם׃
BernfeldDass sie in Zijon den Namen des Herrn verkünden und seinen Ruhm in Jerusalem.
ZunzDaß verkündet werde in Zijon der Name des Ewigen, und sein Ruhm in Jeruschalajim;
Hirschauf daß sie erzählen in Zion den Namen Gottes und sein Thatenlob in Jeruschalajim
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 22. 23. לספר וגו'. Sie, die der Fesselung und dem Hinsterben unter den Völkern verfallen Gewesenen, sie haben, — wie keine Andern sonst — die ganze Tiefe des Namens ה' an sich selber erfahren, und sie hat Gott alle die Leidens- und Erlösungs-Erfahrungen machen lassen, auf daß sie in Zion-Jeruschalaim seine Lehrer der Gotteserkenntniß und der Thatoffenbarungen Gottes an die Völker werden, wenn diese endlich in ZionJeruschalaim sich vereinigt sammeln, um in den Dienst Gottes für immer zu treten.

Diese Sammlung der Völker zum erkenntnißvollen, treuen Dienst Gottes, ist das letzte leuchtende Ziel, zu welchem Israels Galuth hinführt.

23
בְּהִקָּבֵ֣ץ עַמִּ֣ים יַחְדָּ֑ו וּ֝מַמְלָכ֗וֹת לַעֲבֹ֥ד אֶת־יְהֹוָֽה׃
BernfeldWenn sich Völker versammeln allzumal und Königreiche dem Herrn zu dienen.
ZunzWenn sich versammeln Völker allzumal, und Königreiche dem Ewigen zu dienen.
Hirschwenn Nationen sich vereint versammeln, und Königreiche Gott zu dienen.
24
עִנָּ֖ה בַדֶּ֥רֶךְ (כחו) [כֹּחִ֗י] קִצַּ֥ר יָמָֽי׃
BernfeldEr hat gebeugt auf dem Wege meine Kraft, meine Tage verkürzt.
ZunzEr hat gebeugt auf dem Wege meine Kraft, meine Tage verkürzt.
HirschHat er darum auf dem Wege dahin meine Kraft geschwächt, hat meine Tage nur kurz sein lassen:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 24. ענה וגו'. V. 2—12 schildert den hinsterbenden Schwächezustand des armen Galuthvolkes, V. 13—23 die erhebende herrliche Aussicht, zu welcher es sich voller Zuversicht in תפלה vor Gott emporschwingt. V. 24—29 kehrt wieder in seine noch leidensvolle Gegenwart zurück, aber mit der Stärkung im Gemüthe, welche diese neugewonnene Zuversicht ihm nun für die ganze Dauer dieser Gegenwart gebracht.

ענה בדרך וגו'. Die V. 13—23 ausgesprochene, Israel und die Menschheit umfassende Zukunft, ist das sichere, von Gott den Gängen der Zeiten gesteckte herrliche Ziel. Israels ganzes Galuth ist der Weg zu diesem Ziele. Wenn nun der Weg zu diesem Ziele lange und dornvoll ist, und Gott auf diesem Wege hin Israels Kräfte also hinschwinden zu lassen scheint, daß seine Tage früher auszugehen drohen קצר ימי: „seine Lebensdauer nicht auszureichen“ scheint für die Erreichung des ihm bestimmten Zieles: (— bedeutsam ist das כת'ב: כחו, alle Kraft, die wir haben, die insbesondere Israel hat, ist ja Gottes Kraft, stammt von Ihm, strömt von Ihm uns zu. Schwinden unsere Kräfte, so ist es seine Kraft, die wir vermissen, die er uns versagt —):

25
אֹמַ֗ר אֵלִ֗י אַֽל־תַּ֭עֲלֵנִי בַּחֲצִ֣י יָמָ֑י בְּד֖וֹר דּוֹרִ֣ים שְׁנוֹתֶֽיךָ׃
BernfeldDa sprach ich: Mein Gott, raffe mich nicht weg in der Hälfte meiner Tage, deine Jahre währen ja für alle Geschlechter.
ZunzIch spreche: Mein Gott, raffe mich nicht weg in der Hälfte meiner Tage, in ewige Geschlechter (reichen) deine Jahre.
Hirschso sage ich: mein Gott, hebe mich nicht hinweg in der Hälfte meiner Tage, durch alle Geschlechter gehen ja deine Jahre.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 25. אמר וגו', so spricht Israel, nachdem ihm das Ziel seiner Bestimmung klar geworden: אלי, Du Urquell aller meiner Kraft, hebe mich nicht hinweg in der Hälfte meiner Tage, meine Gegenwart ist ja noch nicht das Ziel, das du mir bestimmt hast, ist ja erst die Hälfte des Weges zu diesem Ziele.

אל תעלני wie ויעלה מעלי' Kön. I. 15, 19. העלו מסביב (4. B. M. 16, 24) u. s. f. בדור דורים שנותיך, deine Jahre, d. i. die Jahre deiner Waltung führen ja durch eine unbegränzte Reihe von Geschlechtern. Vgl. כי אלף שנים וגו' (Ps. 90, 4). Wenn uns, bei der Kürze unseres Daseins, unserer Ein- und Uebersicht, ein Weg auch zu lange scheint, dir ist er verschwindend klein, und mit gleicher Kraft und Waltungsmächtigkeit bist du in jedem Geschlechte gegenwärtig, und hast immer ausreichende Kraft, das schwächste Geschlecht für die Ausdauer bis zu deinem Ziele zu rüsten.

26
לְ֭פָנִים הָאָ֣רֶץ יָסַ֑דְתָּ וּֽמַעֲשֵׂ֖ה יָדֶ֣יךָ שָׁמָֽיִם׃
BernfeldDie Erde, die du vordem gegründet, und deiner Hände Werk der Himmel,
ZunzDie Erde, die du vordem gegründet, und deiner Hände Werk, die Himmel,
HirschVorzeitlich hast du die Erde gegründet, und deiner Hände Werk sind die Himmel,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 26—28. לפנים וגו', Vergangenheit, — ומעשה וגו', Gegenwart, — המה וגו' Zukunft, ואתה וגו', sind ja dein. לפני, „vor“ in zeitlicher Bedeutung, wie לפני שחת ד' 1. B. M. 13, 10. לפני מותו 1. B. M. 50, 16 heißt eigentlich: im Anblick eines Zeitmomentes, als man auf diesen Zeitmoment noch auszublicken hatte. לפנים absolut heißt daher: zu einer Zeit, als die Gegenwart noch in Aussicht stand. Hier: als alle die gegenwärtige Welt noch erst werden sollte, da war Gott der allein Seiende, und Er hat die Erde gegründet. Daraus fließt, daß in den irdischen Verhältnissen nichts liegen kann, das der Erreichung seiner Ziele hinderlich sein könnte, Er hat sie ja für diese Ziele in's Dasein gerufen. ומעשה וגו' und die Himmel, unter deren physischem Einfluß alles Irdische steht, sind noch Gottes Händewerk. Auch nachdem sie geworden, sind sie noch in seinen Händen, und bestehen durch Ihn.

המה וגו'. Und wie du warst ehe Alles ward, und bist, wodurch Alles ist, so kann auch Alles zu Grunde gehen und du bleibst. Dein Dasein ist unabhängig von allem Andern.

וכלם וגו'. Himmel und Erde, das ganze All ist nur dein „Kleid,“ ist nur eine Erscheinung der Dinge, in der du dich offenbarst. Himmel und Erde, wie ein Gewand der Vergänglichkeit angehörend, können wie ein Gewand altern, und du schaffest — wie ein Mensch sein Kleid wechselt — dir einen neuen Himmel und eine neue Erde. ואתה וגו' Du aber bleibst immer derselbe, und deine Jahre, die Jahre deines Seins und Wollens, enden nie.

27
הֵ֤מָּה ׀ יֹאבֵדוּ֮ וְאַתָּ֢ה תַ֫עֲמֹ֥ד וְ֭כֻלָּם כַּבֶּ֣גֶד יִבְל֑וּ כַּלְּב֖וּשׁ תַּחֲלִיפֵ֣ם וְֽיַחֲלֹֽפוּ׃
BernfeldSie vergehen, du aber bestehst, und alle zerfallen wie ein Kleid, wie ein Gewand wechselst du sie und sie werden vergehen.
ZunzSie vergehen, du aber bestehest, und alle wie ein Kleid zerfallen sie, wie ein Gewand wechselst du sie und sie wandeln.
Hirschsie können zu Grunde gehen, du aber bleibst, wenn sie auch alle wie ein Gewand veralten. Wie ein Kleid wechselst du sie, und sie wechseln.
28
וְאַתָּה־ה֑וּא וּ֝שְׁנוֹתֶ֗יךָ לֹ֣א יִתָּֽמּוּ׃
BernfeldDu aber bleibst derselbe und deine Jahre enden nicht.
ZunzDu aber bist derselbe und deine Jahre enden nicht.
HirschDu aber bist immer derselbe, und deine Jahre enden nie.
29
בְּנֵֽי־עֲבָדֶ֥יךָ יִשְׁכּ֑וֹנוּ וְ֝זַרְעָ֗ם לְפָנֶ֥יךָ יִכּֽוֹן׃ {פ}
BernfeldDie Söhne deiner Knechte werden ruhig, und ihre Nachkommenschaft wird vor dir bestehen.
ZunzDie Söhne deiner Knechte wohnen ruhig, und ihr Same wird vor dir bestehen.
HirschDie Kinder deiner Diener werden einst zu bleibender Ruhe gelangen, und ihre Nachkommenschaft wird vor deinem Angesichte fest gegründet sein.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 29. בני וגו'. An diese deine Unveränderlichkeit, die absolute Mächtigkeit deines Seins und Waltens klammere ich mich an, wenn ich ein עני כי יעטף bin, wenn ich der Kürze meines Daseins und der Unzulänglichkeit, des Verschwindens meiner Kräfte inne werde, und weiß, daß alle Die, die im Dienste deines absoluten Wollens und Waltens stehen, Kraft aus deiner Kraft, Dauer aus deiner Dauer gewinnen, wenn Alles auf Erden schwindet, sie doch ein unvergängliches Bleiben auf Erden erreichen, und wenn auch ihr einzelnes Hiersein sein Ende findet, sie doch in ihren Nachkommen ewig vor deinem Angesichte fortleben werden.