Tehillim 102 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 102, V. 1. תפלה לעני. Aus der zweiten Hälfte des Kap., V. 14 f., ist klar, daß nicht ein unglücklicher Einzelner, daß vielmehr Israel im Galuthleid es ist, aus dessen Brust heraus dieser Psalm gesprochen ist. Ohnehin ist nach Auffassung der Weisen im Midrasch, wo in den Psalmen von עני, דל, אביון die Rede ist, in der Regel Israel in seinem Leidensgeschick darunter verstanden. עטף, eigentlich sich verhüllen, gewöhnlich mit רוח oder לב, Ausdruck für: schwach werden. Siehe Ps. 61, 3. שיח: das geistige Wachsthum, die Entwickelung von Gedanken, Empfindungen und Gefühlen in unserem Innern (Siehe Pent. 1. B. M. 2, 5. 24, 63). Wenn der Mensch sich schwach werden fühlt, und diesem Schwächezustand entsprechende Gedanken und Gefühle in seinem Innern anwachsen, dann ist es ihm Bedürfniß, sie vor Gott zu äußern, und in dieser Aeußerung Erleichterung und Kräftigung zu suchen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. שמעה וגו'. Höre, „wie ich nach Klarheit über meinen Zustand ringe," das ist ja in Wahrheit תפלה: „ein Urtheil der Wahrheit über sich gewinnen." ושועתי und mein Flehen um äußere Hilfe (siehe Pent. 2. B. M. 14, 13), lasse es zu dir gelangen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. אל וגו', lasse mich die Ueberzeugung gewinnen, daß dein Auge noch auf mich gerichtet ist, und ענני: antworte mir, lasse mich's gewahr werden, empfinden, daß, wenn auch Alles mich verlassen hat, du mir noch nahe bist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. כי וגו'. Denn meine Tage, die Tage meines Glückes und meiner Selbständigkeit sind in Rauch aufgegangen: mein Glück und meine Selbständigkeit sind nicht blos zertrümmert, sondern wie Feuer hat das zerstörende Verhängniß an ihnen gewirkt, sie sind verflüchtigt, und keine Spur ist von ihnen übrig geblieben. Und wie das Feuer des Verhängnisses an meinen äußern Zuständen gezehrt, so ist es, als wären meine „Gebeine," alle die innern Träger und Stützen meiner Kraft, die Brandstätte gewesen, auf welcher das Feuer gebrannt, und, während meine äußern Macht- und Kraft-Stützen völlig verflüchtigt sind, haben auch die Stützen meiner innern Selbständigkeit gelitten und tragen die Spuren meines Verhängnisses.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. הוכה וגו'. Ein durch Hagelschlag geknicktes Kraut liegt darnieder, die Bedingungen seines Wachsens, der Boden, seine Wurzel, Thau, Regen, Sonnenschein sind da, aber es fehlt ihm die Kraft, sich aus ihnen Wiederbelebung zu schöpfen und es welkt dahin: so ist mein Herz. Der Zusammensturz von Staat und Tempel hat mein Herz getroffen, hat ihm die Kraft genommen, aus den geistigen Heiligthümern die mir geblieben sind, meine Wiedererhebung und Wiederbelebung zu schöpfen; denn שכחתי מאכל לחמי, ich habe sogar aus Niedergeschlagenheit verabsäumt, aus ihnen die geistige Nahrung zu ziehen, die mich für ein aufrechtes Ertragen der auf mich eindringenden Leiden gekräftigt hätte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. מקול וגו'. Seufzen zehrt am Mark der Knochen. In Gesundheitsfrische tragen die Knochen den Leib. Geschwächt hängen die Knochen am Fleische und haben die Kraft nicht den Leib zu tragen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. דמיתי וגו'. Meine Geschichte zeigt so sehr fast nichts als Wüste und Trümmer, daß man mich für ein Wüsten- und Trümmer-Volk, als meiner Natur und Bestimmung nach für nichts anders geeignet hält.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. שקדתי וגו'. שקד Ausdruck für eine rastlose Geistesrichtung auf einen Gegenstand (Siehe Pent. 2. B. M. S. 413). Ich bin zu einer ruhelosen Wachsamkeit gebracht worden, und bin so geblieben; ich meine, jeder Augenblick müßte etwas Gefahrdrohendes bringen, blicke ruhelos ununterbrochen aus nach Dem was kommt. כצפור וגו', wie ein einzelner Vogel auf dem Dache steht und sich nach allen Seiten umsieht. So ist meine Stellung auf Erden. Ich bin בודד, isolirt, ohne Freunde, nur Feinde auf allen Seiten erspähend, bin das aufgescheuchte Volk, ohne Frieden, ohne Ruhe, jeden Augenblick den Pechkranz erwartend, der von ruchloser Hand in das friedliche Gebäude seines Daseins fliegt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. כל היום וגו'. מהוללי (Siehe Ps. 73, 3), מהולל Pualform, Gegensatz von מהלל: von falschem, geborgtem Glanz umstrahlt, wie לשחוק אמרתי מהולל (Pred. 2, 2). Die in von mir geborgtem Scheine glänzen. All ihr scheinbares Licht, ihre Gotteserkenntniß, ihre Sittlichkeit, Gerechtigkeit, Liebe 2c. haben sie von mir — und es ist nicht einmal ungetrübt bei ihnen geblieben — und gerade Die haben sich wieder mich verschworen. Die fühlen sich durch mein Dasein gedrückt. Sie fühlen es, so lange ich bin, so lange kommt eigentlich Alles, dessen sie sich rühmen, mir zu Gute, stammt von mir, bildet eigentlich ein Blatt in meinem Ruhmeskranz; darum bin ich ihnen im Wege, und dies ist nicht zu geringem Theile der Anlaß jahrhundertlanger Feindschaft der Völker gegen Israel, vornehmlich der geistigen Feindschaft, der Sucht, alles Große in jüdischer Wahrheit, und alles Geistige und Sittliche im jüdischen Charakter zu verkleinern. בי נשבעו, wie ותדבר אהרן ומרים במשה. Sonst heißt allerdings השבע ב־ bei Jemandem schwören. Wollte man dies auch hier in diesem Sinne nehmen, so wäre מהוללי בי נשבעו, eine weitere Ausführung von אויבי: meine Feinde schmähen mich, und sie haben doch all ihren erborgten Schein von mir und schwören bei mir, d. h. was ihnen als das Heiligste gilt, so daß sie dabei ihre Eide leisten, bin doch gerade Ich, stammt von mir, ruht in meinen Händen, ist durch mich der Menschheit gebracht! Wahrscheinlicher ist aber die erste Auffassung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. 11. כי אפר וגו'. Sie schmähten mich, weil in der That mich Trauer und Schmerz erfüllte, nicht über das Unglück, das sie über mich häuften, sondern über meine Verirrungen, durch welche ich mir deinen Zorn zugezogen, und dein Wohlwollen, das mich so hoch gehoben hatte, verscherzt habe. Dieses mein Schuldbewußtsein gegen Gott, das ich offen gestand, und das mich in aller ihrer Feindschaft nur die Wirkung deines Unwillens erkennen ließ, gebrauchten sie als Rechtfertigung ihrer Schmähungen, als Rechtfertigung ihrer Feindschaft, als habe Gott sie zu seinen Weltgerichtsboten, zu seinen Gottesgerichtsanwälten gegen mich bestellt! אפר: Zeichen der Trauer. בכי: Ausdruck des Schmerzes. זעם Siehe Pent. 4. B. M. 23, 7. זעם ist der Zornesausdruck, der einen Menschen trifft, der sich fühlbar machende Zorn. Siehe Ps. 7, 12. Es ist schwierig für die Synonymen eine immer ganz entsprechende Uebersetzung zu finden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12 ימי וגו' ist eine kurze Zusammenfassung des Bisherigen. So ist mein Jahrhunderte durchdauerndes Geschick Ein lang gedehnter Schatten, nichts als Nacht, von keiner Tageshelle, keiner Morgendämmerung unterbrochen (Vgl. כי ינטו צללי ערב Jerem. 6, 4). Und Ich, meine Persönlichkeit in dieser langen Nacht, ohne Frische ermöglichende Kraft, gehe dem absierbenden Verwelken entgegen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 13. ואתה וגו'. Und du bist doch ה', ewig zu neuer Zukunftspende bereit, לעולם תשב, wenn du ישב, ohne sichtbares Eingreifen in den Gang der Ereignisse zu ruhen scheinst (Vgl. Ps. 9, 8), so waltest du so im Verborgenen doch einer uns verhüllten, dir aber offenbaren Zukunft entgegen, וזכרך וגו', und du willst doch von jeglichem Geschlechte in der uns geoffenbarten Weise deiner Waltung gedacht werden (Siehe Pent. 2. B. M. 3, 15).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. אתה תקום וגו', im Gegensatz zu dem תשב des vorigen Verses. Du wirst doch nicht immer so nur im Verborgenen walten, wirst einst aufstehen, sichtbar eingreifen in die Gänge der Zeiten, wirst Zion wieder mit Vater- und Schöpfer-Huld lieben, wenn die Zeit da ist, לחננה Zion wieder Gewährung zuzuwenden (Siehe Pent. 2. B. M. S. 559), כי בא מועד, wenn die von dir für Israels Erneuung bestimmte Zeit gekommen sein wird.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. כי וגו'. Diese Zeit wird gekommen sein, das Galuth wird sein Ende finden, wenn Israel sich als עבדיך, als Diener für die göttlichen Waltungszwecke begreift, und sie als solche in Huldigung der ewigen Idee, die an Zions Trümmern haftet, sich glücklich fühlen, und dem der Verwirklichung dieser Idee geweihten Boden, der jetzt für sie nur leerer Staub ist, der aber ihre Vergangenheit getragen und dem ihre Zukunft angehört, ihre ganze Hingebung weihen. In Israels Geist müssen erst Zions Tempel und Land wieder erstanden sein, ehe Zions Tempel wieder auf seine Trümmer erbaut wird, und das Land aus seinem Staube wieder zur Blüthe ersteht. Dieser geistige Aufbau Zions, der ja nichts anderes ist, als Israels innige Vermählung mit seinem Gesetze und seiner nationalen Bestimmung, ist das Ziel unserer ganzen Galuthschule. Darauf warten Zions Trümmer und Palästina's Staub. Und wenn in Zion noch תלפיות, תל שכל פיות פונים בו, noch die Anhöhe ist, der selbst in ihren „Trümmern" Aller Mund sich zuwendet, und von Ost und West und Süd und Nord Zions allzerstreute Söhne betend ihren Blick nach Zion richten, so ist dies der stets erneute Anfang zu einer vollern Lösung der Aufgabe, die unser Vers von uns erwartet, so sagen wir uns damit immer auf's Neue, daß wir nur von dort aus Bewußtsein unserer Pflicht, Begeisterung für deren Erfüllung, Hoffnung für unsere Zukunft zu schöpfen, daß wir nur im Hinblick auf Zion unsern Weg zu Gott zu finden vermögen, und bewahrheiten den Prophetenspruch: כסא כבוד מרום מראשון מקום מקדשנו (Jerem. 17, 12), ein Thron der Herrlichkeit, höher als der erste, bleibt die Stätte unseres Heiligthums! Während seines Bestandes hatte der Tempel nicht die Kraft, die im engen Umkreis des Landes um ihn vereinigten Söhne Israels bleibend an sich zu fesseln. In seiner Zerstörung bewährt der verödete Platz unseres Heiligthums Jahrtausende hindurch die Kraft, seine über die weite Erde hin zerstreuten Söhne mit allen Fasern ihres Innern an sich zu ziehen. Darin bewährt sich die Macht des Geistes der Gottes- und Pflicht-Erkenntniß, zu deren ewiger Stätte Gott diesen Erdpunkt in Mitte der Menschheit geweiht. — רצה את: Einem Gegenstand sein Wohlwollen zuwenden, Befriedigung an ihm finden. So: רצית ד' ארצך (Ps. 85, 2). ברצות ד' דרכי איש (Prov. 16, 7) u. s.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16. 17. ויראו וגו'. Diese alle Pracht-Tempel in Schatten stellende ewige Macht der Trümmer Zions, lehrt die Völker endlich Ehrfurcht vor der Wahrheit der GottesErkenntniß, die der Name ה' den Juden lehrt, und alle irdischen Majestäten legen ihre glänzenden Diademe der, die Zions-Trümmer ewig unsichtbar umleuchtenden Gottesherrlichkeit zu Füßen. Wenn aber Gott erst Zion wieder erbaut hat, dann wird Er gesehen in seiner Herrlichkeit. Dieser ewig verkündete, lange bezweifelte, endlich verwirklichte Wiederbau Zions ist deren glänzendste, offenkundigste Offenbarung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. 19. פנה וגו', חכתב וגו'. ערער Wurzel von ערר, vereinsamt. כערער בערבה (Jerem. 17, 6. Siehe Pent. 3. B. M. 20, 20). Wenn Israel wieder zur heitern Blüthe erstehen wird, so soll Eine Erinnerung aus den langen, dunkeln Nachtzeiten des Galuth diesem einstigen, glücklichern Geschlechte erhalten bleiben: es soll nie vergessen, wie ערער, wie vereinsamt, freundelos und freudelos Israel im Galuth gewesen, wie ohne äußere irdische Stütze ihm nichts geblieben war als תפלה, als die geistige, innere Arbeit an sich selbst vor Gott, und wie Gott unter allen, von so vielen Aeußerlichkeiten getragenen und gehobenen Menschenkreisen sich gerade ihm, dem Verlassensten und seinem geistigen Streben zugewandt, und dieses geistige Einzige, das seinen zerstreuten Söhnen geblieben, auf das, von so wenig äußern Glanz umgeben, die übrige Menschheit verächtlich herabgeblickt, von Gott nicht gering geschätzt war. Das soll dem spätern Geschlechte im Bewußtsein erhalten bleiben, auf daß sie auch im Glücke nur diesem, ihrem ureignen, geistigen Streben zugewandt bleiben, sich ihm nicht von den, sie nun im Glücke anlächelnden Aeußerlichkeiten entfernen lassen, eingedenk, wie es und nur es ihnen Ersatz für alles Andere zu bieten vermochte, es und nur es sie in der zurückgelegten Vergangenheit zu erhalten und für die neue Zukunft vorzubereiten vermochte, und auf, daß sie sich als עם נברא, als eine wahrhaft neue Gottesschöpfung begreifen, sie völkergeschichtlich bis zum Nichts herabgesunken waren, und nur Gottes „Werde!“ sie zu neuem Dasein gerufen.
ערער im Singular und תפלתם im Plural spricht ganz Haman's מפזר ומפורד aus. Sie waren zerstreut, und doch überall von den sie umgebenden Bevölkerungen getrennt. Diese Trennung erhielt ihre geistige Einheit trotz ihrer Zerstreuung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 20. 21. כי השקיף וגו'. השקיף ist immer ein ernster, prüfender Blick (Siehe Pent. 1. B. M. S. 301). Ein Blick der מדת הדין und der מדת הרחמים ging dem Einschreiten zur Wiedererlösung Israels voran. ממרום קדשו: aus seiner „heiligen“ „Höhe,“ d. i. aus seiner, allem Schlechten feindlichen, über Alles erhabenen Machthoheit, sandte Gott einen ernsten, prüfenden Blick in die Menschenkreise, in welchen ausschreitende Gewalt sich an dem wehrlosen Galuthvolk versündigte, und ה': die zur neuen Heileszukunft erziehend leitende Liebe schaute vom Himmel zu der dieser Zukunft sehnsüchtig harrenden Erde nieder.
לשמע וגו', „rechtsvertretend,“ den Angstruf des mißhandelten Gefangenen zu hören, und „liebeübend,“ die den zum Hinsterben Verurtheilten, die nach Anschauung der Menschen nicht mehr in die Reihe der lebenden Völker zu zählen, „auszusterben“ bestimmt sind, und dieser Bestimmung auch ihrem ganzen Geschicke nach naturgemäß entgegen gehen (Vgl. Ps. 79, 11), aus diesem Todesbanne zu erlösen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 22. 23. לספר וגו'. Sie, die der Fesselung und dem Hinsterben unter den Völkern verfallen Gewesenen, sie haben, — wie keine Andern sonst — die ganze Tiefe des Namens ה' an sich selber erfahren, und sie hat Gott alle die Leidens- und Erlösungs-Erfahrungen machen lassen, auf daß sie in Zion-Jeruschalaim seine Lehrer der Gotteserkenntniß und der Thatoffenbarungen Gottes an die Völker werden, wenn diese endlich in ZionJeruschalaim sich vereinigt sammeln, um in den Dienst Gottes für immer zu treten.
Diese Sammlung der Völker zum erkenntnißvollen, treuen Dienst Gottes, ist das letzte leuchtende Ziel, zu welchem Israels Galuth hinführt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 24. ענה וגו'. V. 2—12 schildert den hinsterbenden Schwächezustand des armen Galuthvolkes, V. 13—23 die erhebende herrliche Aussicht, zu welcher es sich voller Zuversicht in תפלה vor Gott emporschwingt. V. 24—29 kehrt wieder in seine noch leidensvolle Gegenwart zurück, aber mit der Stärkung im Gemüthe, welche diese neugewonnene Zuversicht ihm nun für die ganze Dauer dieser Gegenwart gebracht.
ענה בדרך וגו'. Die V. 13—23 ausgesprochene, Israel und die Menschheit umfassende Zukunft, ist das sichere, von Gott den Gängen der Zeiten gesteckte herrliche Ziel. Israels ganzes Galuth ist der Weg zu diesem Ziele. Wenn nun der Weg zu diesem Ziele lange und dornvoll ist, und Gott auf diesem Wege hin Israels Kräfte also hinschwinden zu lassen scheint, daß seine Tage früher auszugehen drohen קצר ימי: „seine Lebensdauer nicht auszureichen“ scheint für die Erreichung des ihm bestimmten Zieles: (— bedeutsam ist das כת'ב: כחו, alle Kraft, die wir haben, die insbesondere Israel hat, ist ja Gottes Kraft, stammt von Ihm, strömt von Ihm uns zu. Schwinden unsere Kräfte, so ist es seine Kraft, die wir vermissen, die er uns versagt —):
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 25. אמר וגו', so spricht Israel, nachdem ihm das Ziel seiner Bestimmung klar geworden: אלי, Du Urquell aller meiner Kraft, hebe mich nicht hinweg in der Hälfte meiner Tage, meine Gegenwart ist ja noch nicht das Ziel, das du mir bestimmt hast, ist ja erst die Hälfte des Weges zu diesem Ziele.
אל תעלני wie ויעלה מעלי' Kön. I. 15, 19. העלו מסביב (4. B. M. 16, 24) u. s. f. בדור דורים שנותיך, deine Jahre, d. i. die Jahre deiner Waltung führen ja durch eine unbegränzte Reihe von Geschlechtern. Vgl. כי אלף שנים וגו' (Ps. 90, 4). Wenn uns, bei der Kürze unseres Daseins, unserer Ein- und Uebersicht, ein Weg auch zu lange scheint, dir ist er verschwindend klein, und mit gleicher Kraft und Waltungsmächtigkeit bist du in jedem Geschlechte gegenwärtig, und hast immer ausreichende Kraft, das schwächste Geschlecht für die Ausdauer bis zu deinem Ziele zu rüsten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 26—28. לפנים וגו', Vergangenheit, — ומעשה וגו', Gegenwart, — המה וגו' Zukunft, ואתה וגו', sind ja dein. לפני, „vor“ in zeitlicher Bedeutung, wie לפני שחת ד' 1. B. M. 13, 10. לפני מותו 1. B. M. 50, 16 heißt eigentlich: im Anblick eines Zeitmomentes, als man auf diesen Zeitmoment noch auszublicken hatte. לפנים absolut heißt daher: zu einer Zeit, als die Gegenwart noch in Aussicht stand. Hier: als alle die gegenwärtige Welt noch erst werden sollte, da war Gott der allein Seiende, und Er hat die Erde gegründet. Daraus fließt, daß in den irdischen Verhältnissen nichts liegen kann, das der Erreichung seiner Ziele hinderlich sein könnte, Er hat sie ja für diese Ziele in's Dasein gerufen. ומעשה וגו' und die Himmel, unter deren physischem Einfluß alles Irdische steht, sind noch Gottes Händewerk. Auch nachdem sie geworden, sind sie noch in seinen Händen, und bestehen durch Ihn.
המה וגו'. Und wie du warst ehe Alles ward, und bist, wodurch Alles ist, so kann auch Alles zu Grunde gehen und du bleibst. Dein Dasein ist unabhängig von allem Andern.
וכלם וגו'. Himmel und Erde, das ganze All ist nur dein „Kleid,“ ist nur eine Erscheinung der Dinge, in der du dich offenbarst. Himmel und Erde, wie ein Gewand der Vergänglichkeit angehörend, können wie ein Gewand altern, und du schaffest — wie ein Mensch sein Kleid wechselt — dir einen neuen Himmel und eine neue Erde. ואתה וגו' Du aber bleibst immer derselbe, und deine Jahre, die Jahre deines Seins und Wollens, enden nie.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 29. בני וגו'. An diese deine Unveränderlichkeit, die absolute Mächtigkeit deines Seins und Waltens klammere ich mich an, wenn ich ein עני כי יעטף bin, wenn ich der Kürze meines Daseins und der Unzulänglichkeit, des Verschwindens meiner Kräfte inne werde, und weiß, daß alle Die, die im Dienste deines absoluten Wollens und Waltens stehen, Kraft aus deiner Kraft, Dauer aus deiner Dauer gewinnen, wenn Alles auf Erden schwindet, sie doch ein unvergängliches Bleiben auf Erden erreichen, und wenn auch ihr einzelnes Hiersein sein Ende findet, sie doch in ihren Nachkommen ewig vor deinem Angesichte fortleben werden.