Tehillim 101 תהילים

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1
לְדָוִ֗ד מִ֫זְמ֥וֹר חֶֽסֶד־וּמִשְׁפָּ֥ט אָשִׁ֑ירָה לְךָ֖ יְהֹוָ֣ה אֲזַמֵּֽרָה׃
Bernfeldein Psalm Davids. Liebe und Recht will ich singen, dich, Herr, will ich lobpreisen.
ZunzVon Dawid. Ein Psalm. Liebe und Recht will ich singen, dir, Ewiger, saitenspielen.
HirschVon David ein Psalm. Liebe- und Rechts-Waltung möchte ich besingen, dir, Gott, meinen Gesang zuwenden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 101, V. 1. לדוד מזמור. Diese Ueberschrift läßt uns ein begeisterungsvolles Lied erwarten, in welchem der Sänger sich nicht zur Begeisterung emporschwingt, sondern die ihn fassende Begeisterung in Liebeswort und Gesangestönen ausströmen läßt (Siehe Ps. 24, 1). Ebenso läßt uns der Eingang des Psalms חסד ומשפט אשירה וגו' erwarten, daß darin die Gotteswaltungen besungen würden. Der ganze Psalm trägt aber nicht das Gepräge eines begeisterten Gottes-Liedes, von Gottes Waltungen ist nicht die Rede, kaum von Gott; vielmehr spricht David nur von sich, und lehrt uns den Charakter seiner intimen Umgebung kennen. Wir glauben daher: Nicht einen, Gott und den Weisen seiner Waltungen geweihten Psalm haben wir hier, vielmehr lehrt uns hier David die Art und Weise, wie er sich der Begeisterung für seine, Gott und seine Waltung schauend besingenden Lieder fähig und würdig zu machen gestrebt, welche Anforderungen er an sich machen zu müssen geglaubt, um hoffen zu dürfen, daß רוח הקדש von Gott ihm kommen werde. „Dichter" mögen die Quelle ihrer Begeisterung in Wein, sinnlichen Aufregungen 2c. 2c. suchen. Der נעים זמירות ישראל, der Gesangesholde der jüdischen Gottesbegeisterung erwartet den Geist aus der Höhe nur, indem er sein Inneres nur auf das Reine und sittlich Vollendete gerichtet hält, in fleckenloser Lauterkeit zu wandeln strebt, und auch aus seiner Umgebung alles Unwürdige, sittlich Gemeine und Schlechte bannt. Er begreift sich als Gottesherold für den Aufgang alles Guten und den Untergang alles Schlechten (Sam. II. 23, 3—7), das ist ja das חסד ומשפט, das er besingen möchte; er darf daher zuerst in seinem eigenen Innern, und in dem Kreise seiner nächsten Umgebung nur Reines und Gutes dulden; und Gott sind seines Gesanges Töne zugewandt, dieses Ziel bannt alles, Gottes Heiligkeit nicht Entsprechende aus seinem Herzen.

2
אַשְׂכִּ֤ילָה ׀ בְּדֶ֬רֶךְ תָּמִ֗ים מָ֭תַי תָּב֣וֹא אֵלָ֑י אֶתְהַלֵּ֥ךְ בְּתׇם־לְ֝בָבִ֗י בְּקֶ֣רֶב בֵּיתִֽי׃
BernfeldIch will merken auf den Weg der Redlichkeit, wann wirst du zu mir kommen? Ich wandele in meines Herzens Unschuld in meinem Haus.
ZunzAchten will ich auf den Weg der Untadligen, wann wirst du zu mir kommen? will wandeln in meines Herzens Unschuld im Innern meines Hauses.
HirschIm Wege sittlicher Ganzheit richte ich darum meinen Sinn dahin, wann du zu mir kommen werdest, führe mich in Ganzheit meines Herzens im Innern meines Hauses.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. אשכילה וגו'. השכיל, seinen Verstand bethätigen, verständig handeln, oder wie hier, seinen Verstand, seinen geistigen Sinn auf Etwas richten. In letzterm Falle steht der Gegenstand, auf welchen der Verstand gerichtet ist, in der Regel ohne Präposition, im Accusativ, ישכילו זאת (5. B. M. 32, 29), ומעשהו השכילו (Ps. 64, 10). לא השכילו נפלאותיך (Ps. 106, 7). Objekt von אשכילה ist also wohl nicht דרך תמים. אשכילה hat auch den trennenden Accent מהפך לגרמיה |[?], Objekt ist somit מתי וגו'. בדרך תמים, in dem sittlich ganzen Wege, oder in dem Wege eines sittlich „ganzen" Menschen, das ist ja: in dem Wege der harmonischen, einheitlichen Richtung aller Seiten des denkenden, wollenden, handelnden und genießenden Menschen auf das Eine Ziel des dem göttlichen Willen Gemäßen sittlich Guten. In diesem Wege richte ich meinen Geist dem Momente entgegen, wann du zu mir kommen werdest, d. h.: ich bestrebe mich, der geistigen und sittlichen Vollendung näher zu kommen, und harre so des Momentes, wo du mich des Kommens deines „heiligen Geistes" würdigen werdest. Vgl. ויבא אלקי' אל אבימלך (1. B. M. 20,3). הנה אנכי בא אליך (2.B.M.19,9). ויבא אלקים אל בלעם 4. B.M.22,9. אתהלך וגו', die Grundsätze, die ich besingen will, suche ich erst an mir selber und in meinem Wandel, und zwar zuerst als Mensch und Jude, בקרב בי'ת', zur Geltung und Herrschaft zu bringen. Meinem öffentlichen Königsberufe geht mir meine Aufgabe als Mensch und Jude in meinen rein persönlichen, häuslichen Beziehungen voran.

3
לֹֽא־אָשִׁ֨ית ׀ לְנֶ֥גֶד עֵינַ֗י דְּֽבַר־בְּלִ֫יָּ֥עַל עֲשֹֽׂה־סֵטִ֥ים שָׂנֵ֑אתִי לֹ֖א יִדְבַּ֣ק בִּֽי׃
BernfeldRuchloses soll mir nicht vor Augen kommen, das Tun der Abtrünnigen hasse ich, es hafte nicht an mir.
ZunzNicht stell' ich mir vor Augen Ruchloses, das Thun der Abtrünnigen hasse ich; nicht hafte es an mir.
HirschNichts des Aufkommens Unwürdiges setze ich mir vor Augen, zu vollbringen, was nur vom Geraden weicht, hat meinen Haß, kann sich mir nicht anschließen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. לא אשית וגו'. Aus dem ganzen Kreise meiner Anschauungen und Gedanken banne ich Alles, was vor Gott des Aufkommens nicht würdig ist. סטים von שטה, סטה vom Rechten abweichen, und zwar סטים im Plural, das Abweichen vom Rechten in der ganzen Mannigfaltigkeit möglicher Beziehungen. Ich habe es bereits erreicht, daß dem Abweichen vom Rechten mein Haß zugewendet ist, und so לא ידבק בי, kann dergleichen, selbst wenn ich mich einmal verirre, nicht an mir haften bleiben. Oder, wie im Folgenden der Charakter für den Menschen genommen: Keiner, der in seinem Leben die Bahn des Rechten verläßt, wagt es sich mir anzuschließen. Wahrscheinlich sind auch סטים: Menschen die vom Rechten abweichen, und עשה סטים: das Thun von Menschen, die vom Rechten abweichen, hasse ich, darum wagt Keiner von ihnen sich mir anzuschließen.

4
לֵבָ֣ב עִ֭קֵּשׁ יָס֣וּר מִמֶּ֑נִּי רָ֝֗ע לֹ֣א אֵדָֽע׃
BernfeldEin verkehrtes Herz bleibe mir fern, den Bösen will ich nicht kennen.
ZunzEin arglistiges Herz bleibe mir fern, den Bösen will ich nicht kennen.
HirschKrümme liebender Sinn bleibt von selbst mir fern, Schlechten kenne ich nicht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. לבב וגו'. עקש: Gegensatz von ישר und תם (Siehe Pent. 5. B. M. 32, 5). Menschen von Krümme liebendem Charakter bleiben von selbst fern von mir, רע וגו': einen Schlechten zähle ich nicht unter meinen Bekannten.

5
(מלושני) [מְלׇשְׁנִ֬י] בַסֵּ֨תֶר ׀ רֵעֵהוּ֮ אוֹת֢וֹ אַ֫צְמִ֥ית גְּֽבַהּ־עֵ֭ינַיִם וּרְחַ֣ב לֵבָ֑ב אֹ֝ת֗וֹ לֹ֣א אוּכָֽל׃
BernfeldDer im Geheimen seinen Genossen verleumdet, den will ich vertilgen; den von stolzem Blick und hochfahrendem Sinn mag ich nicht leiden.
ZunzDer im Verborgenen seinen Genossen verläumdet, den vernichte ich; den von stolzem Blicke und hochfahrendem Sinn, den ertrage ich nicht.
HirschWer mir im Vertrauen seinen Nächsten bezüngelt, den mache ich starr, wer hochmüthigen Blickes und weiten Verlangens, den dulde ich nicht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. מלשני וגו'. Die Umgebung eines einflußreichen Mannes, zumal eines Fürsten glaubt demselben einen Dienst zu erweisen, wenn man ihm die schlechten Seiten der Menschen aufdeckt, sie meinen, es müsse ihm daran liegen, die Menschen zu kennen, wie sie sind. Sie wissen nicht, daß, wer auf die sittliche Besserung der Menschen Einfluß üben will, dieses Ziel viel sicherer erreicht, wenn er sie nicht nach dem behandelt wie sie sind, sondern wie sie sein sollen. David duldet keine Bezünglung des Nächsten von seiner Umgebung. Wer es versucht, durch Bösrede bei ihm einen Andern zu verkleinern, den macht ein Blick von ihm „starr," d. i. stumm. Er wagt das Lästerwort nicht bei ihm anzubringen. Die Umgebung eines Fürsten pflegt ferner גבה עינים und רחב לבב zu sein, mit unendlichem Hochmuth geringschätzig auf alle andern Menschen hinabzublicken, und doch das Verlangen zu tragen, sie alle zu ihrem Vortheil auszubeuten. einen solchen Menschen לא אוכל, ertrage ich nicht, wie: לא אוכל און ועצרה (Jes. 1, 13) מלושני, im קרי: מלשני, eine ungewöhnliche פועל-Form, wie משופטי (Hiob 9, 16), die die Bedeutung des Piel hat. Die in קרי gekürzte Form sagt vielleicht: wer auch nur „im Geringsten" seinen Nächsten bei mir verleumdet.

6
עֵינַ֤י ׀ בְּנֶֽאֶמְנֵי־אֶרֶץ֮ לָשֶׁ֢בֶת עִמָּ֫דִ֥י הֹ֭לֵךְ בְּדֶ֣רֶךְ תָּמִ֑ים ה֝֗וּא יְשָׁרְתֵֽנִי׃
BernfeldMeine Augen sind auf die Treuen im Lande gerichtet, dass sie bei mir wohnen; wer auf untadeligem Wege geht, der soll mir dienen.
ZunzMeine Augen sind auf die Treuen im Lande gerichtet, daß sie bei mir wohnen; der auf untadligem Wege gehet, er soll mir dienen.
HirschAuf die Vertrauenswürdigen des Landes sind meine Augen gerichtet, sie bei mir wohnen zu lassen, wer in sittlich ganzem Wandel geht, der bedienet mich.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. עיני וגו'. Vielmehr suche ich mir meine Umgebung unter den vertrauenswürdigen und Vertrauen genießenden Männern des Landes aus. Sie müßen erst נאמני ארץ, sie müßen erst im Lande sich als des Vertrauens werth bewährt haben, die Welt muß ihnen bereits Vertrauen schenken, ehe ich sie in meine Umgebung zulasse. הלך וגו'. Vom größten Einfluß auf Charakter und Handlungsweise des Fürsten sind aber seine unmittelbaren Diener. Nur wer selbst den Weg sittlicher Ganzheit wandelt, den auch ich anstrebe, nur Den wähle ich zu meiner Bedienung.

7
לֹֽא־יֵשֵׁ֨ב ׀ בְּקֶ֥רֶב בֵּיתִי֮ עֹשֵׂ֢ה רְמִ֫יָּ֥ה דֹּבֵ֥ר שְׁקָרִ֑ים לֹא־יִ֝כּ֗וֹן לְנֶ֣גֶד עֵינָֽי׃
BernfeldIn meinem Hause wohne nicht, wer Trug übt; wer Lügen redet, soll nicht bestehen vor meinen Augen.
ZunzNicht wohne inmitten meines Hauses, wer Trug übt, wer Lügen redet, soll nicht gedeihen vor meinen Augen.
HirschNicht darf in meines Hauses Innerm Sitz haben wer Täuschung übt, wer Lügen redet, keinen Bestand haben vor meinen Augen,
8
לַבְּקָרִ֗ים אַצְמִ֥ית כׇּל־רִשְׁעֵי־אָ֑רֶץ לְהַכְרִ֥ית מֵעִיר־יְ֝הֹוָ֗ה כׇּל־פֹּ֥עֲלֵי אָֽוֶן׃ {פ}
BernfeldMorgen für Morgen vernichte ich alle Frevler des Landes, dass aus der Stadt des Herrn alle Übeltäter ausgerottet werden.
ZunzMit jeglichem Morgen vernicht' ich all die Frevler des Landes, daß ausgerottet werden aus der Stadt des Ewigen all die Uebelthäter.
Hirschwill ich doch für der Zeiten Morgen allen Gesetzlosen der Erde Lähmung künden, aus Gottes Stadt alle Machtmißbrauch-Vollbringer schwinden zu lassen!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. לא ישב וגו'. Da dieser Satz, die Verweisung von עשה רמיה und דבר שקרים aus Davids Nähe, dem Inhalte nach mehr zu den V. 3—5 zu gehören scheint, und daher vor V. 6 stehen müßte, so dürfte er wohl im Zusammenhange mit dem Folgenden לבקרים וגו' aufzufassen und עשה רמיה und דבר שקרים als Repräsentanten aller mit That und Wort Schlechtes Uebenden hervorgehoben sein.

לבקרים וגו': will ich doch mit meinen Gesängen allen Gesetzlosen auf Erden „Erstarren," d. i. das hemmende Ende aller ihrer Gesetzwidrigkeiten für die Zeit der einstigen Morgenröthe auf allen menschlichen Gebieten ankündigen, daß מעיר ד', daß aus der dann sich erhebenden „Gottesstadt" jeder Machtmißbrauch schwindet; darum darf ich dem vorangehend in dem kleinen Bereich meiner Persönlichkeit keinem mit That oder Wort sündigenden Schlechten Sitz und Stand gewähren. Es wäre dies ein schreiender Gegensatz zu dem Inhalt meiner Gesänge, ich würde in Leben und Handlungsweise verleugnen, was mein Mund und meiner Harfe Ton lehren. לבקרים אצמית: Vgl. Ps. 75, 12. וכל קרני רשעים אגדע וגו'.