Schoftim 5 שופטים
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 5. V. 1. Als Barak zum Berge Thabor zog, war er der Führende und Deborah folgte ihm nach (4, 10). Als es jetzt galt, aus den kriegerischen Erlebnissen in einem Sange das geistige Facit zu ziehen, trat wieder die Prophetin als die von Gott berufene Erste hervor — ותשר דבורה — der sich Barak als der Zweite, sich unterordnend, anschloß.
Kommentar (R. Breuer)
V. 2. Nicht mit natürlichen Dingen geht es zu, wenn ein Volk aus sittlicher und politischer Zügellosigkeit — daher wohl der Plural פרעות — mit einem Male, dem Zuge seines im Grunde doch unverdorbenen Herzens folgend (בהתנדב), zu einem geläuterten, disziplinierten Volke wieder ersteht. Jeder von Menschen frei gewählte Weg zum Guten ist eine Bekundung der göttlichen Allmacht und Freiheit, von der ein Abglanz unauslöschlich die Menschenseele erhellt. Unverkennbar sind in jeder Volkserhebung, die reinen Zielen zustrebt, die Spuren göttlicher Waltung. Darum, wann immer Israel aus der Tiefe zur Höhe sich aufrafft, segnet Gott! — Vgl. hier und zum folgenden Komm. Haftoroth S. 126 ff.
Kommentar (R. Breuer)
V. 3. „Das wiederholte „ich“ weist auf einen Gegensatz hin. Mögen andere nach solchem Siege die nationale Tapferkeit, die Feldherrnkunst der Führer, den Heldenmut ihrer Krieger triumphierend feiern: mein Lied tönt nur Gott, dem Gotte Israels, d. h. dem gnadenvoll sein Volk zu „Israel“, zu Seiner Anerkennung erziehenden“. (Komm. Haftoroth a. a. O.) שמעו מלכים האזינו רוזנים. „האזין, das Ohr hinneigen, spricht ein größeres Entgegenkommen zur Aufnahme eines zu sprechenden Wortes aus als שמע. שמע, gehört kann etwas auch ohne Wollen des Hörenden werden, nicht also האזין.“ (Komm. Deut. 32, 1) „מלכים sind ursprünglich מלכי גוים, die Vertreter und Führer der nach außen geeinten Volksmächte. רוזנים — רזן verwandt mit רסן Zügel — sind die Leiter der staatlichen Ordnung. Vgl. ורוזנים יחוקקו צדק (Prov. 8, 15).“ (Komm. Ps. 2, 2) Bei den רוזנים, den Leitern der inneren Politik, hofft Deborah mit ihrem Sang ein „größeres Entgegenkommen zur Aufnahme“ zu finden (האזינו), als bei den מלכים, den Repräsentanten der äußeren Politik (שמעו). Sehr begreiflich. Ihr Sang, der schon in den einleitenden Worten auf den Gegensatz zwischen jüdischer und nichtjüdischer Art des Siegesfeierns hinweist, ist so durch und durch von den Gedanken und Empfindungen der spezifisch jüdischen Nationalität durchtränkt, daß dieser Gegensatz zu dem Wesen nichtjüdischer Nationen von den Vertretern ihrer äußeren Politik als eine viel schroffere Ablehnung ihrer Grundsätze empfunden werden mag, als von den Leitern ihrer inneren Politik, deren Blick nach innen gewandt ist und die sich darum von Deborahs Worten nicht so betroffen fühlen müssen.
אנכי — אנכי. Vgl. Raschi: שמעתי מדרש אגדה לא קפח הקב"ה שכר תבור וכרמל שבאו למתן תורה לתת עליהם את התורה וחזרו בבשת הפנים אמר להם הקב"ה סוף שאני פורע לכם כפלים נאמר בסיני אנכי ה' אלהיך בתבור יאמר אנכי אנכי נאמר בסיני אנכי ה' אלהיך בכרמל יאמר כפול ה' הוא האלהים בימי אליהו. „Als Gott die Thora auf dem Sinai offenbarte, gingen die Berge Thabor und Karmel beschämt von dannen, weil nicht sie als Stätte der Offenbarung gewählt worden waren, obwohl sie sich dazu erboten hatten. Gott aber sprach zu ihnen: ich werde euch die entgangene Ehre doppelt ersetzen. Auf dem Sinai erklang nur einmal אנכי, auf dem Thabor zweimal. Auf dem Sinai wurde nur einmal die Herrschaft Gottes verkündet, auf dem Karmel zu wiederholtem Male.“ So groß der Augenblick der Gottesoffenbarung auf dem Sinai war, der Augenblick, da am Thabor und Karmel aus heiligem, Gott zujubelndem Menschengemüte die Anerkennung dieser Gottesoffenbarung erklang, war noch einmal so groß. Was ist das Geschehnis am Sinai, wenn ihm nicht die Geschehnisse auf dem Thabor und Karmel folgen?
Kommentar (R. Breuer)
V. 4—5. Der emphatische Ausruf זה סיני in Verbindung mit den Worten ד' בצאתך משעיר, die so lebhaft an den Satz וזרח משעיר למו (Deut. 32, 2) erinnern (vgl. Raschi), ist ein solch deutlicher Hinweis auf die Gesetzgebung am Sinai, daß nicht recht begreiflich ist, warum Kommentare wie מצודת דוד und Malbim hier an die Zeit von Israels Eintritt ins heilige Land denken. Viel einleuchtender ist es doch, hier mit Raschi die Tendenz dieser ersten Verse des Deborahliedes in der Gegenüberstellung der Zeit der Sinaioffenbarung zu der in den folgenden Versen geschilderten Zeit der Richter zu erblicken. Damals als Gott die ganze Welt, als deren Repräsentanten hier Seir und Edom genannt werden, beiseiteschob, um sich Israel zu offenbaren, als der Sinai zum Mittelpunkt der Erde wurde, stand Israel groß und mächtig da. Denn „vor Gott, dem Gotte Israels, erbebte, „zerfloß“ alles, auch das Mächtigste zeigte sich als gefügiger Stoff in seiner Hand, deshalb hatte das in seinen Dienst getretene Israel außer Ihm absolut nichts zu fürchten.“ (Komm. a. a. O. S. 127). Wie anders wurde es später in den Tagen Schamgars und Jaels!
Kommentar (R. Breuer)
V. 6—7. Wie tief war das einst so stolze Israel in den Tagen Schamgars und Jaels (die demnach ebenfalls Richterin war; vgl. Raschi) gesunken! Einst war es das gefürchtete Volk Gottes, vor dessen Angesicht die Erde erbebte, Himmel, Wolken und Berge zerflossen, jetzt lag es gedemütigt und geknebelt in der Hand eines übermächtigen, übermütigen Feindes, der mit allen Mitteln der Schreckensherrschaft das Leben des Volkes zu unterdrücken wußte. Aus den einst so belebten Verkehrsstraßen des Landes waren Handel und Wandel gewaltsam verscheucht, wie ein Volk von verschüchterten Heloten mußte Israel auf Schleichwegen wandeln, um nur ja nicht dem Blicke seines grimmigen Unterdrückers zu begegnen. Und wo waren die Zeiten, da Israel, gestützt auf die schirmende Gewalt seines weithin gefürchteten Namens, ruhig und sicher in seinen offenen Städten verbleiben konnte! Nur in befestigten Plätzen konnte es sich in diesen Jahren der Schmach der Übergriffe der Feinde erwehren.
פרזון. Ein schwieriges Wort. Im Komm. Haftoroth a. a. O. wird es mit Wehrlosigkeit übersetzt, חדלו in V. 7 auf ארחות in V. 6 zurückbezogen und der Satz חדלו פרזון בישראל mit „aufgehört hatten sie in der Wehrlosigkeit in Israel“ wiedergegeben. Wir glauben der Auffassung Raschis, wonach פרזון dasselbe ist wie ערי הפרזי, den Vorzug geben zu sollen, weil hierbei die Satzkonstruktion in V. 7 ungezwungen ist, wiewohl die Pluralform חדלו auch ein Subjekt in Pluralform nach sich ziehen müßte.
עד שקמתי וגו'. Dieses stolze Wort will sich nicht recht in den Geist eines Gesanges einfügen, der Israels Auferstehung und Sieg als ein von Gott gewirktes Ereignis feiert, weshalb ein Talmudweiser in Peßachim 66 b dieses selbstbewußte Wort mit V. 12 zusammenhält, wo Deborahs prophetischer Geist als der Anfeuerung bedürftig erscheint — עורי עורי דבורה וגו' — und eitle Selbstgefälligkeit als die gefährlichste Klippe für die Reinheit des prophetischen Geistes erklärt: כל המתיהר נבואתו מסתלקת ממנו.
Kommentar (R. Breuer)
V. 8. Hier wird der Grund angegeben, wie es kam, daß auf eine so stolze Vergangenheit eine so schmachvolle Gegenwart gefolgt war. Israel hatte sich neue Götter erkoren und sich dadurch den Beistand seines alten Gottes verscherzt. Seine Treulosigkeit gegen Gott führte seine Niederlage herbei: als es sich neue Götter erkor, da war der Krieg in seinen Thoren. Und es war doch einst, als es seinem Gotte noch die Treue wahrte, mit seinen Feinden so leicht fertig geworden. „Gegen vierzig Tausend zum Heer Gerüstete zogen sie vor Gott in den Krieg in die Ebene Jerichos.“ (Jos. 4, 13) Ohne Schwertstreich — denn Gott war damals Israels „Schild“ und „Speer“ — ward Jericho erobert. (Vgl. מצודת דוד).
Kommentar (R. Breuer)
V. 9. Nun beginnt Deborah die Erhebung des Volkes zu schildern. Sie „feiert zunächst diejenigen, die an der Beseitigung der Ursachen der Knechtung arbeiteten, indem sie das Gesetz wieder herstellten in Israel“ (Komm. Haftoroth S. 123). Bevor das Volk „sich wieder weihete“ — בהתנדב עם V. 2 — mußten erst innerhalb des Volkes die besseren Elemente zu „Wiederherstellern des Gesetzes“ werden: המתנדבים בעם. Ihnen in erster Linie weiht Deborah den Dank ihres übervollen Herzens.
לחוקקי. Vgl. Komm. a. a. O. S. 127.
ברכו ד'. Vgl. V. 2 und das das. Bemerkte. Deborah knüpft hier offensichtlich an den daselbst ausgesprochenen Gedanken an: Wenn, sooft Israel zur Höhe seiner Bestimmung aus der Tiefe seiner Gesunkenheit sich wieder erhob, Gott zu segnen ist, so beginnt diese Pflicht im vorliegenden Falle schon im Augenblick, als die המתנדבים בעם zu חוקקי ישראל erstanden.
Kommentar (R. Breuer)
V. 10. Alle Kreise des Volkes, alle Stände und Berufsarten — die auf aparten Reittieren ihrem Geschäft nachgehenden Oberen; die unteren Klassen, die sich keine „weißen Eselinnen“ leisten können und zu Fuß gehen müssen; die Wächter und Vollstrecker des Gesetzes, die weder reiten noch gehen, sondern ihre Berufspflichten „sitzend“ erfüllen — fordert Deborah auf, den Umschwung der Dinge sinnend zu bedenken und preisend auszusprechen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 11. „מקול, das מ ist causal. מחצצים von חץ, Pfeil, die Pfeile Anfertigenden. Pfeil hier für Waffe. צדקות: die vielfachen Offenbarungen der einen צדקה. — פרזונו: das פרזון war פרזונו, die Wehrlosigkeit war von Ihm gefügt und erwies sich in ihren Folgen als höchste Gnadenfügung.“ (Komm. Haftoroth S. 128).
Dieser Vers lehrt, „daß nicht bei den oberen, sondern bei den unteren Schichten, nicht in den Reihen der „Gesellschaft“, sondern in denen des Volkes, und endlich nicht bei den Männern, sondern bei den Frauen mit der Rückkehr zu Gott auch das felsenfeste Vertrauen und der entschlossene Mut und der feste Wille, nicht länger das Joch der Fremden zu tragen, sich mächtig regte und in Taten kundgab. „Zwischen den Schöpfbrunnen“, der Sammelstätte der friedlichen arbeitsamen Frauen, unter den wasserschöpfenden Frauen ward zuerst das Geräusch der Waffenanfertigung vernommen. In diesem Umschwung und darin, daß gerade in diesen schlichten Volkskreisen die Erhebung ihren Ausgang nahm, darin erkennt das tiefblickende Auge der Prophetin das Walten Gottes, die mächtigste Offenbarung seiner Gnade, „der Gnade der von ihm über Israel verhängten Wehrlosigkeit.“ Denn „jetzt zogen sie hinab zu den Thoren wiederum als Gottesvolk“. (das. S. 122).
Kommentar (R. Breuer)
V. 12. Vgl. das zu V. 7 Bemerkte. Die Erhebung des Volkes als עם ד' (V. 11) empfindet Deborah als ein Ereignis von solch überschwänglicher Größe, daß ihr der Sang, den sie bisher gesungen, zu wenig stolz und kraftvoll erscheint. Zu hell auflodernder Begeisterung stachelt sie darum ihr Lied empor. Und auch du, Barak, steh nicht so kalt beiseite, auch dir war’s vergönnt, am Werke der Volkserhebung mitzuarbeiten. Du hast als Feldherr das Deinige getan, genieße auch du den Erfolg deiner Mühe — führe deine Gefangenen hinweg, Sohn Abinoams! — Wenn Deborah den Anteil Baraks am Sieg in den Gefangenen sieht, die er bei der Verfolgung des Feindes gemacht, so bereitet sie damit den Hymnus des folgenden Verses vor, der Gott als den eigentlichen Sieger feiert, „der für mich überwältigend entgegentrat den Helden.“
Kommentar (R. Breuer)
V. 13. „ירד statt יְרַדֶּה, fut ap. Piel von רדה. Was eben noch nur als שריד, als Rest zersprengter Einzelner erschien, die traten jetzt als רודה: in überwindender Machthoheit und als עם: zum Volk geeint den אדירים, den Gewaltigen gegenüber: denn es war Gott, der für mich usw. Bezeichnend ist der Wechsel der Präposition לאדירים und בגבורים. Das im Gottvertrauen erstarkte Israel hatte nur seinen Mut im Anstürmen zu bewähren, es trat den Feinden nur entgegen, zum eigentlichen Kampfe kam es nicht, denn Gott hatte sie in dem Augenblick bereits in Verwirrung gebracht; deshalb von Gott: ירד בגבורים. Vgl. oben Kap. 4, 27. Israel hatte sogleich nur die Verfolgung aufzunehmen, die Feinde warteten den Anprall Israels nicht ab.“ (Komm. a. a. O. S. 128).
Kommentar (R. Breuer)
V. 14. Nun beginnt Deborah den Anteil der einzelnen Stämme am Siege zu schildern. Sie ist gerade im Begriff zu sagen, wie von Ephraim die Tapferen gegen Sißra zogen — zu מני אפרים ist ירדו zu ergänzen — da unterbricht sie sich im Gedanken an die frühere Heldengeschichte dieses Stammes und sie erinnert, wie einst dieses Stammes „Wurzel“, Josua, siegreich gegen Amalek kämpfte. Es waren alte Traditionen, die Ephraim hochhielt, als es dem Rufe Baraks folgte. Gleichzeitig schaltet die auf ihres Volkes Vergangenheit stolze Sängerin in einem Zwischensatz die Reminiscenz an die Fortsetzung dieses Kampfes gegen Amalek durch Saul den Benjaminiten, ein —: dir, Ephraim, folgt später Benjamin mit deinen Scharen (wir hätten „seinen Scharen“ erwartet, vielleicht will aber Deborah mit בעממיך andeuten, daß die späteren Helden, die unter Saul fochten, Josuas Mannen ebenbürtig und würdig waren) — um dann gleich zu den folgenden Stämmen überzugehen.
בעממיך. עממים ist die chaldäische Form von עמים, die auch Nehem. 9, 22. 24 vorkommt.
מכיר war der Sohn Menaschehs und bezeichnet hier den ganzen Stamm.
מחוקקים — משכים בשבט ספר. Gesetzeslehrer und Schriftgelehrte mischten sich unter die Heeresleute Baraks. Es war ein Volksaufstand, an welchem sich alle Klassen und Stände beteiligten. Vgl. Komm. Nu. 2, 34: „Jissachar war der Stamm des Landbaues und der die Wissenschaft pflegenden Muße. . . . Sebulun der Stamm des Handels, und nach dem Deborahliede waren seine Söhne zugleich מושכים בשבט ספר, Pfleger der Literatur.“
Kommentar (R. Breuer)
V. 15. Die Fürsten Jissachars (über die Form ושרי statt ושרים vgl. Raschi) bildeten die nähere Umgebung Deborahs. Mit ihrem Geist und Wort (vgl. Chr. I, 12: ומבני יששכר יודעי בינה לעתים וגו') standen sie Deborah bei der Ausübung ihres prophetischen Berufes zur Seite. Dagegen folgte der Stamm Issachar selbst Barak in den Krieg. Unter den zehntausend Mann, die Barak vom Berge Thabor „ins Thal“ folgten (4, 14), befand sich auch der Stamm Issachar.
בפלגות. „Vgl. נפלגה הארץ 1. B. M. 10, 25. פלג לשונם Ps. 55, 10. Reuben befindet sich in einem Zustande geteilten Sinnes, ist unschlüssig, in der Schwebe. גדולים ironisch, Apposition zu Reuben: die Großen! חקקי לב, verkürzter Satz: Feststellungen ihres Sinnes! Sie glauben erst noch die tatsächlichen Verhältnisse umständlich feststellen zu müssen, bevor sie zu einem Entschlusse kommen können.“ (Komm. Haftoroth S. 129). Sie warten ab, halten sich neutral, bis feststeht, wer im Kriege Sieger bleibt. Diese Erklärung stimmt mit der Raschis z. St. überein.
Kommentar (R. Breuer)
V. 16. „המשפתים, von שפת ordnen: zwei geordnete Reihen der Geräte, bezeichnet die Stätte des häuslichen Lebens, wie unser: am häuslichen Herde weilen. Vgl. Ps. 68, 14.“ (Komm. a. a. O.). Es ist freilich angenehmer, meint Deborah, daheim am häuslichen Herde dem Blöcken der Herden zu lauschen, statt im Schlachtgetümmel sein Leben aufs Spiel zu setzen. Daher aber auch לפלגות ראובן: „als Folge des בפלגות, weil es in dieser großen Stunde בפלגות war, sich nicht zum Eintreten für die heilige Sache Gottes aufraffen konnte, wird es לפלגות, zu allererst der Teilung, der Zerstreuung verfallen.“ (Komm. das.).
Kommentar (R. Breuer)
V. 17. Es ist zweifelhaft, wer hier mit Gilead gemeint ist. Sollte es identisch sein mit מכיר, der Gileads Vater war und von dem oben (V. 14) erzählt wurde, daß sein Stamm am Kampfe beteiligt war, dann wäre der Satz גלעד בעבר הירדן שכן als eine Bekräftigung des Tadels an Reuben aufzufassen: gleich Reuben hatte auch Gilead seinen Sitz jenseits des Jardens und gleichwohl hielt es sich vom Kampfe nicht zurück. Sollte es aber eine Bezeichnung für den Stamm Gad sein, der sich ebenfalls im Ostjordanlande niedergelassen hatte, dann wäre dieser Satz als ein an die Adresse Gads gerichteter Vorwurf zu begreifen. Wir haben in der Übersetzung der letzteren Auffassung Ausdruck verliehen, weil sie uns dem Tenor dieses Verses entsprechender scheint und weil die erstere in den Satz etwas hineinsagt, was sich ihm nicht ganz ungezwungen einfügt.
ודן וגו'. Gleich Reuben und Gilead hielten sich auch Dan und Ascher vom Kampfe fern. Von ihrer Küstensitze sicherem Port verfolgten sie gemächlich den Gang der Dinge.
Kommentar (R. Breuer)
V. 18. Während Reuben, Gilead, Dan und Ascher in großer Stunde sich klein erwiesen, waren Sebulun und Naphtali auf der Höhe — „auf den Höhen des Schlachtfeldes.“ — „Der stat. constr. עַם dürfte die noch rückhaltlosere Hingebung, die noch tiefere Durchdringung mit jener Todesverachtung bezeichnen, die in dem חרף נפשו למות ausgesprochen ist. Dem Accente nach wird dies auch von Naphtali, allerdings erst in zweiter Linie ausgesagt, jedoch auf beide bezieht sich sodann das Prädikat: על מרומי שדה, beide waren auf den Höhen des Schlachtfeldes“. (Komm. das.) Zu חרף vgl. auch Komm. Gen. 8, 22.
Kommentar (R. Breuer)
V. 19. Hier beginnt die Schilderung des Kampfes, des feindlichen Heeres, seiner Niederlage und Flucht. Zunächst wird gesagt, wie sich in diesem Kampfe Israel einer gewaltigen Übermacht gegenüber befand, die zur Aufstellung ihrer Streitkräfte eines großen Geländes von Thaanach bis zu den Wassern von Megiddo bedurfte (vgl. Raschi). Sißra kämpfte nicht allein. Die kanaanitischen Könige standen ihm zur Seite. Als מלכי כנען, als Könige Kanaans kämpften sie gegen Israel. Sie erklärten sich mit Sißra solidarisch. Daher die Wiederholung אז וגו' nach באו וגו'. Das gemeinsame kanaanitische Interesse verknüpfte die Könige wie einst in Josuas Tagen (vgl. Jos. Kap. 11) zu einer gegen die israelitischen Eindringlinge gerichteten Entente. Zugleich schaut diese nachdrückliche Feststellung des einheitlichen Vorgehens der kanaanitischen Könige, wie im מצודת דוד z. St. treffend bemerkt wird, mit einem tadelnden Seitenblick auf die Uneinigkeit hin, die in Israels Kreisen herrschte und von der V. 16 ff. die Rede war.
בצע כסף וגו'. Sie mußten nicht erst von Jabin bestochen werden, um sich am Kriege zu beteiligen. „Ihr antisemitischer Haß war ein genügend mächtiger Sporn, sie zur Teilnahme am Kampfe gegen Israel zu bestimmen, das sie noch immer als Eindringling und dem gegenüber sie sich als die Autochthonen betrachteten“. (Komm. Haftoroth S. 130).
Kommentar (R. Breuer)
V. 20. „Israel, wie immer auf Erden ohne Bundesgenossen, hatte den einen allmächtigen Alliierten im Himmel“. (Komm. das.). Über die Konstruktion נלחמו עם סיסרא s. das.
Welch ein packendes Bild! Die Sterne kämpfen mit Sißra! Das in der ganzen Welt nach einem Freunde und Bundesgenossen umherspähende Auge des jüdischen Volkes entdeckt nirgendwo eine irdische Macht, die ihm beistände in der Stunde der Not. Nur die Sterne am Himmel sind unsere Freunde. Zu ihnen, die uns vom Dasein des Gottes Israels erzählen, schauen wir auf in einsamer Nacht, wenn wir hoffen und beten.
Kommentar (R. Breuer)
V. 21. Wer hätte es diesem Bache Kischon, der seit Urvätertagen sein Wasser hinströmen ließ, jemals angesehen, daß er einmal ausersehen sein werde, seinen Teil zum Untergang der Streitmacht Sißras beizusteuern, gegen den die Sterne des Himmels kämpften! Ja, der Bach Kischon riß sie mit seinen (unter dem Einfluß der kämpfenden Sterne?) wild gewordenen Fluten dahin. Du aber, meine Seele — der Sang Deborahs erhebt sich hier zur Höhe ekstatischen Schwunges — schreitest dahin in unüberwindlicher Macht, dir, Israel, wagt kein Stern und kein Fluß sich feindlich zu nähern, denn mit dir und für dich kämpft Gott!
Kommentar (R. Breuer)
V. 22. „מדהרות: דהר kommt nur vom Wiehern des Pferdes vor, Nachum 3, 2, hier von dem gellenden Angstschrei der fliehenden Feinde, der noch von dem Hufschlag der Rosse übertäubt wurde, in so rasend wilder Flucht stürmten sie dahin. Oder das מ ist causal: die Hufe der Rosse stampften den Boden, angetrieben durch die wiehernd gellenden Angstschreie seiner (Sißras) „Gewaltigen“. (Komm. das.).
Kommentar (R. Breuer)
V. 23. מרוז, ein zweifelhaftes Wort, über dessen Sinn der Talmud (Moed Katan 16 a) verschiedene Meinungen überliefert. Siehe auch Raschi z. St. Die Auffassung des Wortes als Ortsname wird von den meisten Erklärern geteilt, wohl im Hinblick auf ישביה, das sich nur schwer erklären läßt, wenn man das Wort als Personennamen versteht. Sonach wird in diesem Verse „der Fluch über die Stadt ausgesprochen, die, in unmittelbarer Nähe des Schlachtfeldes und Zeugin der Gefahr und des Kampfes der Brüder, dennoch jede Beteiligung und Hilfeleistung abgelehnt hatte“. (Komm. das. S. 124).
מלאך ד' bezieht sich nach Raschi auf Barak, der בשליחותו של הק"בה, im Auftrage Gottes Meros verwünschte. Es entspricht dem pathetischen Grundzug des ganzen Gesanges, wenn Deborah den Tadel über das Verhalten Meros' Barak in den Mund legt, dem es als Feldherrn nicht gleichgültig sein konnte, wenn Meros mit seiner Teilnahmslosigkeit in die Stimmung des Volksaufstandes einen Mißton brachte.
לעזרת ד'. Wer Israel, dem Gottesvolke, hilft, ist ein Helfer Gottes: כביכול שמי שהוא עוזר את ישראל כעוזר את השכינה (Raschi).
V. 24f. feiert im Gegensatz zu dieser verräterischen Haltung einer ganzen jüdischen Stadt, die Heldentat eines einzelnen, nicht einmal eigentlich Israel angehörigen Weibes, die Heldentat Jaëls, die dem bisher so schrecklichen Sißra schmählichen Tod bereitete, — eine Tat, für die sie gesegnet werde, selbst von den „friedlichen Frauen im Zelte“, den sonst jedem Blutvergießen abholden.“ (Komm. das.)
אמר ר"נ בר יצחק גדולה עבירה לשמה ממצוה שלא לשמה והאמר רב יהודה אמר רב לעולם יעסוק אדם במצות אפי' שלא לשמן שמתוך שלא לשמן בא לשמן אלא אימא כמצוה שלא לשמה דכתיב תבורך מנשים יעל אשת חבר הקני מנשים באהל תבורך מאן נשים שבאהל שרה רבקה רחל ולאה (Nasir 23 b). Jaëls Tat ist im Sinne dieses talmudischen Ausspruches als eine עבירה לשמה zu begreifen, als eine Sünde, die, weil sie im Dienste eines guten Zweckes steht, aufhört, Sünde zu sein. Jaëls Tat ist eine Kampfhandlung, die, losgelöst von dem Zweck, dem sie dient, allerdings, wie alles, was im Kriege geschieht, ein Frevel ist, doch sofort in eine moralische Handlung sich verwandelt, wenn wir sie im Zusammenhang mit der von Deborah gefeierten Volkserhebung werten. Was von der עבירה gilt, das gilt ebenso von der מצוה. Auch eine מצוה, wenn sie nicht לשמה geschieht, ist an und für sich ein Frevel. Denn mit welchem Rechte darf eine religiöse Übung mit nichtreligiösen Motiven verquickt werden? Eine מצוה שלא לשמה wird, gleich einer עבירה לשמה, erst dadurch zu einer moralischen Tat, wenn wir sie mit dem Ziel, dem sie zustrebt, zusammenhalten: שמתוך שלא לשמה בא לשמה. Richtig aufgefaßt, enthält dieser Talmudsatz nichts, was an jesuitische Moral erinnert.
Kommentar (R. Breuer)
V. 25. בספל אדירים. Entweder war's eine besonders schöne Schale, wie sie für Ehrengäste reserviert zu werden pflegt, um Sißra durch ausgesuchte Gastfreundschaft in Sicherheit zu wiegen, oder wie Raschi meint, ein Gerät, ששותין בו מים שהמים נקראו אדירים שנאמר במים אדירים, woraus man Wasser trank, offenbar ein großer umfangreicher Humpen, der, bis an den Rand mit Milch gefüllt, einen halb verdursteten Krieger schon richtig zu laben vermochte.
Kommentar (R. Breuer)
V. 26. הלמות עמלים, „von הלם wie הולם פעם, der den Amboß schlägt,“ Jes. 41, 7, der oben 4, 21 מקבת genannte Hammer. עמלים: die ihn führen, vollbringen schwere Arbeit. In הלמות liegt die Wucht ausgedrückt. Der Plural des Prädikats תשלחנה zeichnet die gleichzeitige Griffbewegung beider Hände.“ (Komm. Haftoroth S. 131.)
Kommentar (R. Breuer)
V. 27. In die Kniee sinken, hinstürzen, daliegen: in drei Bildern zeichnet Deborah Sißras Tod. Wie aber um uns mit Jaëls entsetzlicher Tat auszusöhnen, wiederholt Deborah noch einmal: er sank in die Knie, stürzte hin — und war gleich todt. Es war kein langer Todeskampf, wo er niedergestürzt war, da blieb er zerschmettert liegen. Hätte er den Tod kämpfend herbeiröcheln müssen, dann wäre sein Körper nicht regungs- und bewegungslos dort liegen geblieben, wo er niedergefallen war. Die furchtbaren Zuckungen eines mit dem Tode ringenden Körpers blieben Sißra dank Jaëls wuchtigem Hammerschlag erspart.
V. 28—30 enthalten „den ergreifenden, wahrhaft dramatischen Abschluß in der Szene der um Sißras Mutter versammelten kanaanitischen Damen. Jene wird uns zuerst menschlich nahe gebracht als um das Ausbleiben ihres Sohnes besorgte Mutter, sodann aber wird gezeigt, wie triftigen Grund die friedlichen Frauen in Israels Zelten hatten, Jaëls Tat zu segnen. Denn die besorgte Mutter und die um sie versammelten „Fürstinnen“ zeigen sich als entmenschte Megären, vor deren lüsternen Augen freilich zuerst die kostbaren, farbigen, gewirkten, ja sogar „doppeltgewirkten, buntfarbigen“ Stoffe und Gewänder auftauchen, die als Beute heimgebracht werden, die aber gleichzeitig in satanischer Lust in dem Gedanken schwelgen, wie jetzt die jüdischen Frauen und Mädchen unter die rohe Soldateska verteilt würden. Es ist dies der wirksamste Abschluß, indem er froh aufatmend, noch einmal das grausige Geschick vor die Seele führt, dem Israel durch Gottes Beistand soeben entgangen war.“ (Komm. Haftoroth S. 124 f.)
רחם רחמתים: „Der Ausdruck kennzeichnet die Bestialität dieser Damen. Ebenso לראש גבר, die unglücklichen Mädchen und Frauen werden „stückweise“ wie Sachen nach der Kopfzahl der Soldaten verteilt, „auf jeden eines bis zwei“. — Die dreimalige Betonung der Farben צבעים und die Wiederholung רקמה und רקמתים zeigt, wie sehr man auch damals die nach Farbe, Gewebe und Kunstwirkerarbeit kunstvoll hergestellten Stoffe und Gewänder zu schätzen wußte, und eröffnet einen Einblick auf eine Stufe industrieller Entwicklung, der geeignet ist, gar manche landläufigen Vorstellungen von der „damaligen Zeit“ zu berichtigen.“ (Das. S. 131 f.)
Kommentar (R. Breuer)
V. 31. Zu ואהביו וגו' vgl. Komm. Lev. 19, 18. — „Da hatte das Land vierzig Jahre Ruhe.“ — Das Herz des Propheten war nicht froh, da er bei der Aufnahme des Deborahliedes in das Buch der Richter ihm diese Worte beifügte. Wie verhaltener Schmerz, wie leise Klage tönt's aus diesen Worten: der nationale Aufschwung, die Rückkehr zu Gott, alle die mächtigen Eindrücke der gewaltigen Erlebnisse der großen Deborah-Zeit, sie bewirkten nur eine vorübergehende, vierzigjährige Besserung, sie überdauerten die Generation nicht. Die damals Jungen, ach sie haben es nicht verstanden, als Väter und Mütter nun ihre Kinder fortan zum „Gottesvolke“ zu erziehen! — Für uns aber gestaltet sich diese Klage zum ernsten Warn- und Mahnruf: Sind wir darin glücklicher? Gelingt es uns besser als unseren Vätern und Müttern damals in der großen Deborah-Zeit? — —“ (das. S. 125 f.)