Schoftim 4 שופטים
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 4. V. 1. Während sonst, z. B. beim Tode Othniels (3, 11), Gideons (8, 33) usw., Israels Rückfall in Gott mißfälliges Tun als unmittelbare Folge des Hinscheidens des Richters bezeichnet wird, folgt hier der Bericht von Ehuds Tod in einem eingeflochtenen Nebensatz fast unabhängig von dem üblen Verhalten der Kinder Israels als eine mit Israels Rückfall wohl zeitlich zusammenfallende doch ihn nicht unbedingt vorbereitende Tatsache nach). So tiefwirkend war Ehuds, des Königsmörders, sittlicher Einfluß offenbar nicht, daß sein Tod als Ursache jenes Rückfalls ohne weiteres bezeichnet werden konnte. (Vgl. das zum vorigen Verse Bemerkte.)
Kommentar (R. Breuer)
V. 2. והוא יושב וגו' müßte man ohne weiteres auf Sisera beziehen, der sein Standquartier in Charoscheth Hagojim hatte, wenn es nicht doch vielleicht auf Jabin sich zurückbezöge, dessen Residenzstadt Chazor von Josua erobert worden war und der nun, von dort vertrieben, jetzt, wie Malbim bemerkt, in Charoscheth Hagojim residierte. „Sollte dieses „Charoscheth Hagojim“ wörtlich „Beschwichtigung“ oder richtiger intransitiv: „Schweigen der Völker“, vielleicht im Zusammenhang stehen mit den „neunhundert eisernen Kriegswagen“, dem Schrecken des unterdrückten Israel (V. 3), und dieser damalige Artilleriepark in köstlicher Naivetät so als damalige ultima ratio regum als probatestes Beschwichtigungsmittel der Völker zur Aufrechterhaltung der „Ruhe und Ordnung“ bezeichnet werden?“ (Komm. Haftoroth S. 121).
Kommentar (R. Breuer)
V. 3. Die neunhundert eisernen Wagen waren ein Mittel in Jabins Hand, um zwanzig Jahre hindurch Israel sein militärisches Übergewicht fühlen zu lassen. Hand in Hand mit diesem kanaanitischen Militarismus, gegen dessen Übermacht an ein erfolgreiches Sichauflehnen nicht zu denken war, ging der frivole Übermut des Siegers, dessen Hohn und Spott — בחוקה דריש רבי תנחומא בגידופין (Raschi) — das besiegte und bedrängte Volk zwanzig Jahre lang zu fühlen hatte. Daher war’s ein doppelt schmerzliches Aufschreien zu Gott — ויצעקו ist stärker als ויזעקו oben 3, 9 und 15 (Malbim) — mit welchem das so schwer heimgesuchte Volk sein beladenes Herz zu erleichtern suchte.
Kommentar (R. Breuer)
V. 4. Von den sieben Prophetinnen, die Gott in Israel erweckte: Sara, Mirjam, Deborah, Hanna, Abigajil, Hulda, Esther (Megilla 14 a), lernen wir hier diejenige kennen, die wie keine es verdiente, uns gleich zu Beginn der Geschichte ihres unvergleichlichen Wirkens als אשת לפידות, als eine Frau שהיתה עושה פתילות למקדש (Megilla a. a. O.), die „Dochte herstellte für das Heiligtum“, vorgestellt zu werden. Näher läge es ja wohl, nach dem Vorbilde blutleerer Exegeten, לפידות als Eigennamen des Gemahls der Debora zu verstehen, aber was kümmert uns, nachdem wir wissen, daß Debora אשה נביאה gewesen ist, wie der Mann hieß, dessen Gattin sie war? Nicht einem obskuren Lapidoth, den Flammen war sie vermählt, die von der Leuchte des Heiligtums strahlen. Und diese Flammen des Heiligtums wurden von ihr in das Herz des Volkes getragen. Was in „jener Zeit“ kein Mann vermochte, die Wiedererhebung des Volkes anzubahnen, Debora, dem „Weibe zündender Begeisterung“ ist’s gelungen. Vgl. Komm. Haftoroth S. 121 f.
Kommentar (R. Breuer)
V. 5. Eine wenn auch noch so außerordentliche Frau als jüdische Richterin sich vorzustellen, das brachten die Weisen, diese berufenen Interpreten des Bibelwortes, nur so zuwege, daß sie in Debora über die Prophetin die Frau nicht vergaßen: והיא יושבת תחת תומר מאי שנא תחת תומר אמר רבי שמעון בן אבשלום משום יחוד (Megilla 14 a). Vgl. Raschi das.: שהוא גבוה ואין לו צל ואין אדם יכול להתיחד שם עמה כמו בבית. Auch als Prophetin vergaß Debora nicht, was sie ihrer weiblichen Würde schuldig war. Unter einer Palme, die keinen Schatten spendet, empfing sie die Kinder Israels, die zu ihr hinaufzogen, um ihren Rechtsspruch zu hören. Hätte sie ihre Besucher im Schatten eines abgeschlossenen Wohnraumes empfangen, gar mancher Verdacht eines vertraulichen Stelldicheins hätte in der böswilligen Menge das Weib Debora umraunt.
Kommentar (R. Breuer)
V. 6—7. Von einem Gottesauftrag an Deborah oder Barak wird nirgendwo ausdrücklich erzählt. Entweder erweist sich in dieser Mitteilung an Barak Deborah als Prophetin, die, ohne daß Jemand davon erfuhr, von Gott eines geheimen Auftrags gewürdigt wird, oder es soll der mit הלא beginnende Satz auf die längst, schon seit Moses’ Tagen, bestehende Verpflichtung den Kenaani auszurotten, verweisen (vgl. Raschi). Die letztere Auffassung scheint uns dem הלא entsprechender zu sein, womit ein neuer, nur Debora bekannter Auftrag, von dem Barak erst aus ihrem Munde erfuhr, nicht logisch einwandfrei eingeleitet werden kann.
ומשכתי וגו'. Wie Deborah es fertig bringen will, den heergewaltigen Sißra in die Falle zu locken, das verrät sie Barak nicht, das ist ihr prophetisches Geheimnis.
ואמר רב נחמן לא נאה יוהרא לנשי תרתי נשי נביאתי הוא דהויין יהיראין וסניין שמייהו הדא שמה זיבורתא והדא שמה כרכושתא בזיבורתא כתיב בה ותשלח ותקרא לברק בן אבינועם ואילו איהי לא אזלה לגביה בכרכושתא כתיב בה אמרו לאיש אשר שלח אתכם אלי ולא קאמרה להו אמרו למלך (Megillah a. a. O.). „R. Nachman sagte: Hoheit steht Frauen nicht wohl an. Da waren zwei Prophetinnen, die sich hoffährtig benahmen, obwohl sie recht verächtliche Namen hatten. Die eine hieß „Biene“ (דבורה), die andere „Wiesel“ (חולדה). Von der „Biene“ wird erzählt: Sie ließ Barak, den Sohn Abinoams, rufen. Sie selbst (wie es sich doch gehört hätte) ging nicht zu ihm. Von der, die „Wiesel“ hieß, wird erzählt (Kön. II, 22): Saget dem Manne, der euch zu mir geschickt hat . . . . Sie sagte nicht (wie es sich doch gebührt hätte): Saget dem König (Josijahu) . . .“
So innig ist die Wahrheit des כל כבודה בת מלך פנימה „auf des Hauses Innere sei des Weibes Domäne begrenzt“ mit der jüdischen Anschauung verwoben, daß selbst Gestalten wie Debora und Hulda es sich gefallen lassen müssen, in ihrem öffentlichen Auftreten einer kritischen Prüfung unterzogen zu werden, die nach den Spuren ausschaut, worin sich auch in ihrem Gebahren die Normwidrigkeit eines dem häuslichen Stilleben entzogenen Frauenlebens äußert.
Kommentar (R. Breuer)
V. 8. Wie groß muß Debora gewesen sein, wenn Barak ihrer anfeuernden Gegenwart bedurfte, um mit seinen Tausenden den Zug gegen Sißra zu wagen! Vgl. B. Kama 92b, wo das Sprichwort אי דלית דורא דלינא ואי לא לא דלינא „wenn du die Last mit mir hebst, dann hebe ich sie, wenn aber nicht, dann nicht“ an diesen Vers gelehnt wird.
Kommentar (R. Breuer)
V. 9. Es ist kein innerer Grund einzusehen, warum die Tatsache, daß Sißra durch die Hand eines Weibes fiel, wie Malbim will, als eine Folge der Weigerung Baraks, ohne Debora in den Krieg zu ziehen, zu begreifen wäre. Wenn Debora als Prophetin schon vor Beginn des Zuges nach Kedesch ankündigte, durch wen Sißra fallen werde, so liegt kein Anlaß vor, darin etwa eine Strafankündigung für den Mangel an Gott- und Selbstvertrauen zu sehen, den Barak durch seine Weigerung, allein aufzubrechen, an den Tag gelegt hätte, vielmehr will ihm Debora ohne tadelnde Absicht schon jetzt nahe legen, daß auch ihre Gegenwart ihm den Ruhm des bevorstehenden Sieges über Sißra nicht verbürgen werde, denn ein Weib werde es sein, das Gott, der unerforschliche Herr des Krieges, sich auserkoren, um den Führer des feindlichen Heeres zu beseitigen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 10. Wohin Barak mit Debora und den 10000 Mann von Kedesch zog, wird hier nicht gesagt. Erst V. 12 verrät, daß es der Berg Thabor war. Dieses vorläufige Verschweigen des Marschzieles scheint uns treffend die von Barak erwartete Wirkung der Anwesenheit Deborahs in Kedesch zu kennzeichnen. So groß war der Einfluß Deborahs auf die Massen, daß ihre Anwesenheit genügte, um in den zehntausend Mann, die Baraks Aufgebot gefolgt waren, einen blinden Gehorsamswillen zu erzeugen, der nicht fragt, wohin es geht, der auf der Stelle (ברגליו) folgt, weil Barak mit Deborahs Zustimmung es befahl.
Kommentar (R. Breuer)
V. 11. Cheber, der Gatte Jaels, durch deren Hand Sißra fallen sollte (vgl. V. 21), hatte sich von seinen Brüdern, die in der Wüste Jehuda wohnten (vgl. 1, 16) getrennt, hatte sein Zelt bei Kedesch in der Nähe des Kriegsschauplatzes aufgeschlagen und so unbewußt — ein ahnungsloser Scherge des göttlichen Willens — seinen Beitrag zum bevorstehenden Untergang Sißras beigetragen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 12. ויגדו. Wer hat’s ihm berichtet? Waren’s Spione? Waren’s ausgesandte Patrouillen? Gar zu gerne möchten wir einen Blick hinter den Vorhang werfen, der die biblischen Kriegsberichte verdeckt. Allzurasch huschen diese Berichte über militärische Interna hinweg, gleich als ob sie nur mit Widerstreben bei Dingen verweilten, die nicht den Mittelpunkt unseres Interesses bilden sollen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 13. Ob Sißra gegen das zwanzig Jahre lang geknechtete und entkräftete Israel (vgl. V. 3) seinen ganzen Artilleriepark aufzubieten wohl für nötig befunden hätte, wäre es nicht im göttlichen Plane gelegen, ihn und seine ganze Streitmacht zu vernichten (vgl. V. 7)? So glaubt gar mancher Feldherr zu lenken und wird gelenkt, und gar manche — nein, alle, die Geschichte machen, scheinen zu wollen und werden gewollt.
Kommentar (R. Breuer)
V. 14. Als Barak mit seinen zehntausend Mann den Berg Thabor bestiegen hatte, war ihm Debora auf den Berg gefolgt (V. 10). Als Barak den Berg mit seinen zehntausend Mann verließ, blieb Deborah auf dem Berge zurück, nicht ohne ihm vorher noch einmal die Gewißheit des von Gott gewollten und noch für den heutigen Tag bestimmten Sieges verkündet zu haben. In diesem Zurückbleiben Deborahs auf dem Berge Thabor, von dessen Gipfel wie von einem „Feldherrnhügel“ sie den Gang der Schlacht verfolgt, tritt so recht klar die in Wahrheit mit nichts ähnlichem (Jungfrau von Orleans) vergleichbare Aufgabe der jüdischen Prophetin hervor, die auch in öffentlicher Stellung nicht aufhört, das im gegebenen Augenblick sich scheu zurückziehende Weib zu sein.
Kommentar (R. Breuer)
V. 15. Das Eingreifen Gottes zeigte sich in dem plötzlichen Durcheinander, in welche die ganze Streitmacht Sißras, nachdem die Schlacht kaum begonnen hatte, geriet, sodaß es für Barak keiner sonderlichen Anstrengung bedurfte, den Feind zu schlagen; das ganze feindliche Heer war plötzlich seinem Schwerte preisgegeben. Und so groß war die Verwirrung, daß Sißra, zur Flucht entschlossen, nicht einmal daran denken konnte, oder vielleicht aus Angst erkannt zu werden, nicht daran denken mochte, auf seinem Kriegswagen zu fliehen. Hals über Kopf mußte er alles im Stiche lassen und zu Fuß das Weite suchen.
רכב ist der gesamte Wagenpark, מרכבה der einzelne Wagen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 16. Während die Verwirrung des feindlichen Heeres lediglich dem Eingreifen Gottes zu verdanken war, fiel nun Barak die Aufgabe der Verfolgung des fliehenden Feindes zu. Das Ziel der Fliehenden war Charoscheth Hagojim, von wo sie aufgebrochen waren. Sie erreichten ihr Ziel nicht, denn sie wurden völlig aufgerieben.
Kommentar (R. Breuer)
V. 17. Die Frage des מהרי"א (vgl. Malbim z. St.), wie Jael, die Mörderin Sißras, so treulos habe handeln können, nachdem Sißra doch im Vertrauen auf den Frieden zwischen Jabin und Cheber dessen Haus betreten habe, um sich dort in Sicherheit zu bringen, erledigt sich unseres Erachtens am einfachsten durch die Erwägung, daß kein Freundschaftsband so stark ist, um der auflösenden, alle Friedensverhältnisse über den Haufen werfenden Gewalt eines nationalen Krieges standhalten zu können. Auch in unseren Tagen haben wir’s schaudernd erlebt, wie der Donner der Schlachten selbst die Stimme des Blutes übertönt, wie die zartesten Gefühle der Menschenbrust vom Kriege verschüttet und zertreten werden.
Kommentar (R. Breuer)
V. 18. אל תירא. Offenbar wagte es Sißra nicht gleich, das Haus zu betreten. Er mochte ahnen, was ihm bevorstand, zweifeln, ob der Friede zwischen Jabin und dem Hause Chebers noch bestehe. (Vgl. das zum vorigen V. Bemerkte.) Erst als Jael ihm Mut zusprach, betrat er zögernd das Haus. Sofort „bedeckte ihn Jael mit der Decke“. Von der Flucht zu Fuß ermüdet, bedurfte er vor allem der Ruhe. Nebenbei sollte ihn wohl die „Decke“ auch vor etwaigen Späheraugen verhüllen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 19. Sißra lag schon zugedeckt auf seinem Ruhelager, als er, von Durst gequält, sich noch einmal aufdeckte und um einen Schluck Wasser bat. Die schlaue Wirtin reichte ihm statt Wasser Milch, von deren einschläfernder Wirkung (vgl. Raschi) sie einen doppelt tiefen Schlaf ihres ermüdeten Opfers sich versprach. Nachdem er getrunken hatte, deckte sie ihn abermals zu.
Kommentar (R. Breuer)
V. 20. Sißra hat richtig geahnt, daß ein Mann kommen werde, um nach ihm zu fragen. Barak selbst war es, der sich die Verfolgung Sißras vorbehalten hatte; und sein Weg führte ihn an Jaels Haus vorbei. Siehe weiter V. 22.
Kommentar (R. Breuer)
V. 21. בלאט. Sißra schlief so fest — והוא נרדם heißt es ja am Schluß des Verses —, daß Jael es schon hätte wagen können, lauter aufzutreten, ohne daß Sißra aufgewacht wäre. Wer könnte es aber dem Weibe nicht nachfühlen, wenn es nur still und ängstlich mit Hammer und Pflock an das Lager des kriegsgeübten Mannes zu treten sich getraute, um ihm den Nagel durch die Schläfe zu treiben. Einmal indeß entschlossen, die gefährliche Tat zu wagen, gelang es Jael schließlich doch, den geplanten Stoß mit solcher Wucht zu führen, daß der Nagel durch Sißras Schläfe hindurch bis in den Boden drang.
והוא נרדם ויעף וימת. Schlaf — Ohnmacht — Tod. Ohne das Bewußtsein erlangt zu haben, schlief Sißra aus dem zeitlichen in den ewigen Schlaf hinüber.
Kommentar (R. Breuer)
V. 22. Aus Jaels Worten לך ואראך וגו' klingt ein Stolz über die gelungene Tat, der dem Bewußtsein entsprang, etwas vollbracht zu haben, was ihr den Segen ihres Volkes eintragen würde. (Vgl. V. 24 im folgenden Kapitel).
Kommentar (R. Breuer)
V. 23. Es war nicht ohne Grund, wenn oben V. 2 sofort nach Jabin sein Feldherr Sißra genannt wurde. Jabins Macht beruhte wesentlich auf Sißras Feldherrngröße. Mit Sißras Tod war zugleich Jabins Macht gebrochen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 24. Wie eine Rechtfertigung von Jaels Tat klingen die Schlußworte dieses Kapitels. Erst nach Sißras Tod konnte Israel den Sieg über Jabin richtig ausnützen. Nun erst war der Sieg ein endgültiger, und so katastrophal war Jabins Niederlage, daß er, der König von Kenaan — zweimal wird er zum Schluß mit seinem vollen Titel genannt — sich davon nicht wieder erholen konnte.