Schoftim 2 שופטים
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 2. V. 1. מלאך ה'. Nach סדר עולם ist dieser Gottesbote mit Pinchas identisch (S. Raschi). Vgl. Komm. Ex. 23, 20: „. . . . Mit Beziehung auf die Stelle וישלח מלאך ויוציאנו ממצרים (4. B. M. 20), wo unter מלאך speziell Moses verstanden wird (siehe ויקרא רבה I, 1, wo auch auf Richter 2, 1 als auf eine Bezeichnung Pineas als מלאך hingewiesen wird), glauben wir, daß es nicht fern liegen dürfte, unter dem vor Israel hergesandten „Gottesboten“ hier auch speziell Moses zu verstehen . . . .“ Es war ein Verstoß gegen den unentwegten, weder durch Feigheit noch durch sonstige erdenschwere Rücksichten beeinflußbaren Pinchasgeist, wenn Israels Stämme, wie dies im vorigen Kapitel erzählt ward, die Vertreibung der Urbewohner Kanaans nicht so eifrig und durchgreifend vollendeten, wie es ihnen vom Gottesworte aufgetragen war. Da erschien ein Pinchas-Gottesbote in ihrer Mitte, um ihnen den Ausdruck des göttlichen Unwillens zu übermitteln.
הבכים. Vgl. weiter V. 5. Wenn schon hier im Hinblick auf die kommenden Tränen in V. 4 der Ort, wohin der Bote kam, mit seinem späteren Namen genannt wird, so ist diese vorausgreifende Wendung ein der biblischen Wink- und Hauchsprache ganz entsprechender stilistischer Kunstgriff, um mit einem kurzen Worte die schuldbewußte, schon beim Nahen des Gottesboten nichts Gutes ahnende Volksstimmung zu zeichnen: אל הבכים, zu den Weinenden kam der Gottesbote; im Stillen weinten sie schon, noch ehe er zu reden begonnen hatte; sie ahnten, weshalb er kam.
Kommentar (R. Breuer)
V. 2. Treue um Treue. Die Ewigkeit meines Bündnisses war von vornherein an die Unbedingtheit eures Gehorsams geknüpft. Ihr aber hörtet nicht auf meine Stimme. Was habt ihr da getan? — Diese Frage am Schluß des Verses bringt einen innigeren, menschlich-intimeren Ton in die von zornerfülltem Ernste getragene Gottesrede. Bisher sprach der Bote lediglich als Beauftragter Gottes: ich führte euch aus Mizrajim, ich brachte euch in das Land usw. In dieser kopfschüttelnden Frage מה זאת עשיתם, die sich so vertraulich anhört, wie eine zarte Rüge aus Freundesmund (wie konntet ihr nur so dumm sein, euch den Zorn Gottes aufzuladen?) läßt der Bote eine warme Welle persönlichen Mitfühlens in seine harte, kalte, so streng und sachlich klingende Botschaft fließen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 3. והיו לכם לצדים als Strafe für die Übertretung des ואתם לא תכרתו ברית וגו', ואלהיהם יהיו לכם למוקש als Strafe für die Übertretung des מזבחותיהם תתצון.
Kommentar (R. Breuer)
V. 4. אל כל בני ישראל, zu allen Söhnen Israels redete der Bote, obwohl es nur einzelne Stämme waren, die sich des Vergehens, das zu tadeln er gekommen war, schuldig gemacht hatten. Doch ganz Israel bürgt der eine für den andern, daher kein Teil des Volkes sündigen kann, ohne daß hierfür auch der andere vor Gott die Verantwortung trüge.
Kommentar (R. Breuer)
V. 5. בכים. Vgl. das zu V. 1 Bemerkte.
ויזבחו שם לד'. Unfruchtbar ist die Reue, solange sie sich in Klagen und Tränen erschöpft. Erst wenn die reumütige Stimmung im Opfer, in einem Gelöbnis zur Tat sich verkörpert, wird das Weinen ein wertvolles Tun: am gleichen Orte, wo sie weinten, opferten sie Gott.
Kommentar (R. Breuer)
V. 6—10. Die Erzählung holt tief Atem, ehe sie mit der eigentlichen Geschichte des Richterbuches beginnt. Noch einmal schaut sie auf die Josuazeit zurück: auf den Gehorsam, den das damalige Geschlecht seinem so sichtlich von Gott begnadeten Führer zollte, auf die Treue des Volkes im Dienste Gottes, solange Josua und seine ihn überlebenden Zeitgenossen lebten, die Zeugen waren des ganzen großen Gotteswerkes, das Gott an und für Israel vollbracht — da starb Josua, und es folgten ihm im Tode alle, die Genossen seiner Zeit gewesen, die zugleich mit ihm Gott und Sein Walten erkannt und erlebt hatten — ein ganzes Geschlecht, eine ganze Geschichtsperiode ging mit Josua zu Grabe — ein anderes Geschlecht kam auf, das Gott nicht kannte und auch von dem Werke nichts wußte, das Gott an Israel vollbracht.
Altes und junges Geschlecht: wie uralt ist doch dieser Gegensatz! Am Grabe des alten pflanzt das junge Geschlecht das Banner eines neuen Lebens auf. Fort mit den altmodischen Anschauungen und Lebensgewohnheiten, die ja doch nur auf Vorurteil und Wahn beruhen! So ist es heute, und so war's schon damals in jener kritischen Übergangszeit, die aus Josuas Tagen in die der Richter führte.
וישלח יהושע וגו'. Vgl. Jos. 24, 28.
ויעבדו העם וגו'. Vgl. Jos. 24, 31 und Komm. das.
וימת יהושע וגו'. Vgl. Jos. 24, 29 und Komm. das.
ויקברו אותו וגו'. Vgl. Jos. 24, 30.
בתמנת חרם. Vgl. Jos. 24, 30, wo dieser Ort תמנת סרח genannt wird. Solche Namensvariationen treten an biblischen Parallelstellen nicht selten auf. Nach B. bathra 122 b soll die Variation hier die Veränderung zum Guten andeuten, welche die Bodenbeschaffenheit des Ortes aufwies, seitdem er von Josua in Besitz genommen ward: כתיב סרח וכתיב חרם אמר ר' אלעזר בתחלה פירותיה כחרם ולבסוף פירותיה מסריחין ואיכא דאמרי בתחלה מסריחין ולבסוף כחרם (S. Raschi und אגדות מהרשא das.)
Kommentar (R. Breuer)
V. 11—13. In drei Stadien vollzog sich der Abfall. Zuerst taten sie, was bös war in den Augen Gottes (V. 11), ohne sich zunächst der ganzen furchtbaren Tragweite ihres Abfalls bewußt zu werden, sie dienten dem Baal, ohne zu merken, wie sie durch Anbetung einer anderen Gottheit sich völlig lossagten von ihrem angestammten Gott, der neben sich keinen zweiten duldet. Noch glaubten sie durch Einräumung einer zweiten Gottheit den Zusammenhang mit dem Gotte ihrer Väter nicht ganz gelöst zu haben. Erst allmählich erwachte das Bewußtsein, daß sie durch Anerkennung anderer Götter den Gott ihrer Väter, der sie aus Ägypten geführt, verlassen, preisgegeben hatten (V. 12). Zugleich mit dem Erwachen dieses Bewußtseins ויכעסו את ד' erglüht der Zorn Gottes wider sie. Damit war aber die letzte Stufe des Abfalls noch nicht erreicht. Solange ihnen bei ihrer Untreue der Gott ihrer Väter, der sie aus Mizrajim geführt, noch vor Augen stand, war ihr Sündergefühl noch rege, waren die letzten Fäden, die sie mit einer besseren Vergangenheit verbanden, noch nicht zerrissen. Erst als sie Gott verließen (V. 13), ohne bei ihrer Untreue an ihre Vergangenheit auch nur zu denken, — hier heißt es im Gegensatz zu V. 12 einfach ויעזבו את ד' — erlosch mit dem Gefühl der Sündhaftigkeit ihres Abfalls auch der letzte Funke ihrer jüdischen Scham —: nun dienten sie nicht blos dem Baal, sondern erniedrigten sich auch zu den wollüstigen Kultgebräuchen der Astarte — nun war auch die letzte Hemmung ausgeschaltet, die sie vor dem Äußersten noch hätte zurückhalten können.
Kommentar (R. Breuer)
V. 14. Die göttliche Strafe blieb nicht aus. Gott versagte ihnen seinen Beistand, und sie konnten sich ihrer Feinde nicht mehr erwehren. Bei dem Berichte über das hereinbrechende Verhängnis in diesem Verse hätte man eine umgekehrte Reihenfolge erwarten sollen: zuerst ולא יכלו עוד לעמד לפני אויביהם, dann וימכרם ביד אויביהם מסביב, zum Schluß ויתנם ביד שסים וישסו אותם. Die Auslieferung in die Hand der Feinde ist doch erst die Folge der Ohnmacht der Besiegten, und die Plünderung geht doch nicht der Auslieferung voraus, sondern folgt ihr erst nach. Die vorliegende Reihenfolge ist aber psychologisch aus den einleitenden Worten ויחר אף ד' בישראל zu verstehen. Dem zornig Strafenden steht vor allem die Endwirkung seiner Strafe vor Augen; die vorausgehenden Stufen treten vor dem Ziel der Strafe zurück. Bei einer Niederlage ist die Plünderung, in der sich die Übermacht des Siegers austobt, das vom Besiegten am schwersten empfundene Unheil seiner Lage. Ist daher die Niederlage von Gottes Zorn gewollt und herbeigeführt, dann steht die Genesis der Niederlage in umgekehrter Reihenfolge vor Gottes Augen: Plünderung, Auslieferung, Ohnmacht, denn erst wenn die Niederlage in ihrer härtesten Form über die Gestraften kommt, ist Gottes Wille erfüllt, ist Gottes Zorn gekühlt.
Kommentar (R. Breuer)
V. 15. Was immer sie unternahmen, um ihrer verhängnisvollen Ohnmacht, die sie ihren Feinden ringsum auslieferte (V. 14), zu entrinnen, es glückte ihnen nicht, — die Überlieferung weist auf Elimelech, Machlon und Kiljon hin (vgl. Raschi) als ein treffendes Beispiel, wie Menschen vergebens ihrem durch Gott bestimmten Geschick zu entlaufen trachteten (vgl. Komm. Ruth) — denn Gott machte wahr, was er ihnen einst zugeschworen hatte: ihnen nur so lange beizustehen, als sie ihrem Gotte treu blieben. So war denn die Not gar groß, in die sie geraten waren.
Kommentar (R. Breuer)
V. 16. שופטים. Hier wird im Buch der Richter zum ersten Mal der Ausdruck gebraucht, von dem das Buch seinen Namen erhielt: שפטים, Richter erstanden dem Volk, um es aus dem Jammer und der Wirrnis seiner Lage zu befreien. Immer wieder versuchte es Gott, durch Sendboten seines Willens den guten Kern seines Volkes zu wecken, die Gesunkenen sittlich zu läutern, damit sie würdig werden „aus der Hand ihrer Plünderer“ befreit zu werden. — Dieser Schlußsatz וישיעום מיד שסיהם, der unter allen Leiden, die über das Volk immer wieder hereinbrachen, vornehmlich die „Plünderung“ betont, bestätigt das zu V. 14 Bemerkte.
Kommentar (R. Breuer)
V. 17. Statt ihren Richtern, die sie „aus der Hand ihrer Plünderer“ befreiten, durch Rückkehr zu Gott sich dankbar zu erweisen, verfielen sie, kaum der Freiheit zurückgegeben, in ihre alte Schuld, wurden sie wieder treulos ihrem Gott und warfen sich vor fremden Göttern nieder. Gar schnell — wer hört aus diesem summarischen Überblick über die Zeit der Richter, deren geschichtliches Detail ja erst in den folgenden Kapiteln vorgeführt wird, nicht schon jetzt den wehmütigen, vorwurfsvollen Ton der Anklage dieses zu so großem bestimmten, so sichtlich von Gott geliebten und aller Gottesgüte doch so unwürdig sich gebärdenden Volkes heraus! — gar schnell hatten sie die alte Väterweise verlassen, im Unglück und erst recht im Glück auf die Gebote Gottes zu hören. Nicht taten sie also. Ein gar schlimmes, undankbares Geschlecht wuchs zur Zeit der Richter heran.
Kommentar (R. Breuer)
V. 18. Wenn es im vorigen Verse hieß, daß sie auch auf ihre Richter nicht hörten, so ist dieser herbe Tadel als zusammenfassende Beurteilung ihres Verhaltens zur Zeit der Richter zu verstehen. So stark war der Einfluß der Richter immer noch, um das Volk wenigstens vorübergehend zu bessern. Und so geschah es denn, daß für die Dauer der Lebenszeit eines Richters die Wehklagen des Volkes über seine Bedränger und Bedrücker vor Gottes Ohr nicht ungehört verhallten, vielmehr Gott zur Befreiung des Volkes aus Drangsal und Not bewogen. Ein ständiges Auf und Nieder von Glück und Unglück, ein ewiges Pendeln zwischen Treue und Abfall war die Signatur der Zeit der Richter.
ינחם. Vgl. Komm. Gen. 6, 6.
Kommentar (R. Breuer)
V. 19. Auf ein Geschlecht, das Gott noch zu vergessen hatte, folgte ein anderes, dem die Verderbtheit von den Vätern vorgelebt worden war und welches daher noch verderbter war als sie. Damit war denn eine solche Unentwegtheit des bösen Tuns und eine solche Verstocktheit des schlimmen Wandels erreicht, daß Gott in zornigem Unmut eine Maßnahme traf, von der die Schlußverse dieses Kapitels erzählen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 20—23. ויחר אף ד' בישראל in V. 20 ist eine Fortsetzung des gleichlautenden Satzes in V. 14. Dort entlud sich der göttliche Zorn in einem Versuche, das treulose Israel durch politische Drangsale zu bessern. Hier, wo soeben erst (V. 19) von dem unverbesserlich verstockten Wandel des Volkes berichtet ward, geht Gottes Zorn zu dem Vorsatz über, künftighin das Volk sich selber zu überlassen und von jetzt ab keinen Finger mehr zu rühren, auch nur einen Mann von Kenaans Urbewohnern zu vertreiben: mögen sie bleiben, wo sie schon zu Josuas Zeiten und über seinen Tod hinaus waren!
Gottes Ahnung, daß es noch schwerer Kämpfe bedürfen werde, um Israel des ihm verheißenen Landes würdig zu gestalten, war eingetroffen. Es hatte seinen Grund, wenn es Josua nicht vergönnt war, „diese Völker“ gänzlich zu vertreiben. Sie sollten zunächst im Lande bleiben, um Gott, für den Fall sein auserwähltes Volk noch der Züchtigung bedürfen würde, ehe es für würdig befunden ward, Alleinherrscher im Lande der Verheißung zu werden, als Zuchtrute zu dienen. (V. 22) Dieser Fall war jetzt eingetreten.
V. 20 und 21 enthalten die Drohung Gottes, die mit Gottes eigenen Worten wiedergegeben wird. Von V. 22 bis zum Schluß des Kapitels spricht der Erzähler des Richterbuches, der im Anschluß an den Schlußsatz in V. 21 begründet, warum Gott „diese Völker“ einstweilen noch im Lande ließ. Da ist es nun rührend zu hören, wie der biblische Chronist mit den Worten לבלתי הורישם מהר (V. 23) die schroffe Drohung Gottes לא אוסיף להוריש איש מפניהם (V. 21) — wie brüsk klang schon die Wendung הגוי הזה in V. 20! — in leiser Andeutung zu verbessern, zu mildern sich getraut. In einem jede Verzeihung scheinbar ausschließenden „Niemals“ entlud sich der göttliche Zorn. „So bald wohl nicht, aber doch einmal,“ korrigiert in seinem erklärenden Nachsatz der Erzähler. Dieses מהר läßt den Ausblick in eine spätere Zukunft offen, in der das Volk vielleicht doch noch einmal die Probe, השמרים הם את דרך ד' וגו', besser bestehen wird als jetzt.