Schoftim 19 שופטים
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 19. V. 1. Auch die folgenden Ereignisse, die in den drei Schlußkapiteln des Richterbuches erzählt werden, erklären sich, wie die פסל מיכה-Geschichte (vgl. 18, 1), aus der Tatsache, daß kein König in Israel war, der kraft seiner Autorität für Recht und Sitte hätte sorgen können.
פילגש. Vgl. Komm. Gen. 25, 6.
Kommentar (R. Breuer)
V. 3. Daß nicht Unzucht die Ursache ihres Zerwürfnisses war, geht aus Gittin 6 b hervor und wird vom Malbim auch aus der Form ותזנה עליו statt ותזנה מאחריו gefolgert. Raschi freilich versteht ותזנה als לשון זנות.
V. 3. ונערו. Knabe hier wohl im Sinne von Knecht zu verstehen.
וצמד חמרים. Seine Absicht war ja, die Frau abzuholen und wieder heimzuführen. Dementsprechend waren die Transportmittel, mit welchen er sich auf den Weg machte.
ותביאהו. Sie, die Frau, die ihn zuerst erblickte, führte ihn in ihres Vaters Haus.
הנערה. Seinem Schwiegervater, der ihn wohl jetzt zum ersten Mal sah, war's, als ob er käme, um ihn um die Hand einer jungfräulichen Tochter zu bitten.
וישמח. Dem Schwiegervater war's sicherlich nicht recht, daß seine Tochter ihren Gatten verlassen hatte. Darum freute er sich, als er den Schwiegersohn kommen sah, im Gedanken, daß es nun gelingen werde, die Gatten miteinander zu versöhnen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 4—10. Hat der Levite, hat sein Schwiegervater geahnt, welch furchtbares Verhängnis die Zukunft in ihrem Schoße barg? Auf dem Rückweg nach der Heimat kommt der Levite mit seinem Kebsweib nach Gibea, wo die Greueltat, von der dieses Kapitel erzählt, einen Bürgerkrieg entfesselt, dessen Darstellung die beiden Schlußkapitel des Richterbuches gewidmet sind. Hätte der Levite gewußt, auf welchen Weg er sich begab, als er das Haus seines Schwiegervaters verließ, er hätte fürwahr dem Drängen seines Schwiegervaters, zu bleiben und noch einmal zu übernachten, auch am fünften Tage nachgegeben. Dieses in der biblischen Erzählung selbst gänzlich unmotivierte Drängen mutet wie ein unbestimmtes Angstgefühl an, das den ahnungsvollen Schwiegervater immer wieder antrieb, seine Kinder zum Bleiben zu bewegen und wenn sie schon unbedingt gehen wollten, sie zu veranlassen, doch in aller Frühe aufzubrechen, damit sie rechtzeitig in der Heimat anlangten, ohne in einer fremden Stadt übernachten zu müssen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 11—14. Den Vorschlag seines Begleiters, in Jebus zu übernachten, weist der Levite zurück, weil er nicht in die damals noch von der heidnischen Urbevölkerung bewohnte Stadt einkehren möchte. Er ahnt nicht, daß ihm das Furchtbare, das er in Jebus für möglich hält, im jüdischen Gibea widerfahren werde. Und doch überkommt es ihn wie eine unbestimmte Ahnung, daß ihm auch in Gibea nichts Gutes bevorstehe. Denn kaum hat er zu seinem Begleiter gesagt, laß uns weiterziehen nach Gibea, schrickt er vor seinem eigenen Vorschlag zurück und verbessert sich rasch: Komm, laß uns einem der Orte nähern, wir übernachten in Gibea oder in Rama. Eine geheime Angst überschleicht ihn vor Gibea und läßt ihn auch eine Einkehr in Rama erwägen. Doch sein Schicksal fügte es, daß ihm die Sonne bei Gibea unterging und ihn der Eintritt der Nacht zur Einkehr in Gibea zwang.
Kommentar (R. Breuer)
V. 15—21. Kaum hatten sie Gibea betreten, merkten sie sofort, was das für eine Stadt war, in die sie da verschlagen worden. Ein Geist sodomitischer Entartung wehte ihnen aus dieser benjaminitischen Stadt entgegen. Niemand von den Benjaminiten lud sie ein, im Hause zu übernachten. Nur ein alter Mann, der gerade von seiner Feldarbeit nachhause ging, der kein Benjaminite war, der vom Gebirge Efraim stammte und als Fremder in Gibea weilte, machte eine rühmliche Ausnahme. Wie Lot unter den Sodomitern nimmt er sich der Wanderer an und fragt sie nach dem Woher und Wohin. Der Levite berichtet ihm über seine Hin- und Herreise. Und aus seinen Worten klingt der ganze tiefe Ingrimm über die ungastliche Behandlung, die ihm da auf der Straße Gibeas widerfährt. Bin ich denn ein פסל מיכה-Götzendiener daß mich keiner hier aufnimmt in sein Haus? Ich bin ein treuer Diener meines Gottes, zu dessen Haus in Silo ich walle! (Vgl. Malbim) Und bin ich denn ein hergelaufener Bettler, der an den Türen um Almosen fleht? Ich habe alles, wessen ich für meine Tiere, meine Leute und mich bedarf. Freundlich begrüßt und beruhigt ihn der alte Mann und lädt ihn ein, sein Gast zu sein.
Kommentar (R. Breuer)
V. 22—25. Es war eine Zeit, in der jedermann tat, was recht war in seinen Augen. Die drei Kardinalverbrechen, Götzendienst, Mord und Unzucht waren die Signatur der Richterzeit, die abschreckend zeigt, in welchen Abgrund geistiger und sittlicher Verkommenheit die Untreue gegen Gott, den Einen-Einzigen, führt. Auf Grund überlieferter Untersuchungen bemüht sich Malbim hier zur Stelle, den Unterschied zwischen der Greueltat in Gibea und der von Sedom in Lots Tagen klarzustellen. So ähnlich auch der biblische Bericht über das, was in Gibea und über das, was in Sodom geschah, anmutet, so bedarf es doch nicht des Nachweises im einzelnen, daß grundsätzlich die Greueltat hier anders zu werten ist als dort, wenn man sich vor Augen hält (was Malbim seltsamer Weise nicht tut), daß die Greueltäter dort Sodomiten und die Greueltäter hier — Benjaminiten, Abkömmlinge unseres Stammvaters Jakob waren. Während dort der Geist von Sodom sich grauenhaft abhebt von der geistigen Höhe und sittlichen Lebensvollendung eines Abraham, sind es hier in Gibea Abrahams Nachfahren, die wir im tiefsten Pfuhl tierischer Unzucht versunken sehen. Stadtleute von Gibea, nichtsnutzige Menschen, versuchen einen gewaltsamen Einbruch in das Haus eines alten, wehrlosen Mannes und stellen an ihn das Ansinnen, seinen Gast ihren widernatürlichen Gelüsten auszuliefern. (V. 22). Mannhaft (האיש בעל הבית in V. 23 im Gegensatz zu האיש בעל הבית הזקן in V. 22) tritt der Hausherr zu ihnen heraus und beschwört sie mit sanften Worten — „meine Brüder“ sagt er zu den Ruchlosen — ihre Absicht aufzugeben. Er weiß, daß das geplante Verbrechen in Gibea nichts Neues ist. Aber nachdem sein Gast bei ihm Zuflucht gefunden, bittet er sie, diesmal ausnahmsweise ihre scheußliche Begierde zu unterdrücken. Es handelt sich für ihn weniger um die Wahrung von Anstand und Sitte als um die Unverletzlichkeit des Gastrechts. Die eigentliche נבלה besteht für ihn darin, daß ein Gast ungastlich behandelt werden soll. Daß diese Ungastlichkeit zugleich Unsittlichkeit ist, das kommt für ihn, wenn überhaupt, erst in zweiter Linie in Betracht. Und so erklärt sich's auch, daß dieser Hausherr, der so ängstlich für die Ehre seines Gastes zittert, kein Bedenken trägt, das Kebsweib seines Gastes, ja seine eigene Tochter den Eindringlingen auszuliefern. „Nur an diesem Manne verübt nicht diese Schandtat!“ (V. 24). Seine Bitte und sein Vorschlag finden kein Gehör. Schon sind die entmenschten Wüstlinge im Begriff, ihre Absicht auszuführen, da führt ihnen der Mann selbst sein Kebsweib hinaus. Diskret verschweigt die Erzählung, warum diese nichtswürdigen Menschen plötzlich mit etwas zufrieden waren, was ihnen doch soeben erst der Hausherr vergebens vorgeschlagen hatte. (ופלגשהו אוציאה נא hatte er ja gesagt, ja noch mehr: הנה בתי הבתולה וגו'). Es muß uns genügen, wenn wir hören, daß der Anblick dieser Frau genügte, um ihren Mann zu retten.
Dreifach spiegelt sich in den drei Charakteren der בני בליעל, des בעל הבית und des איש der Zeitcharakter wieder. Die בני בליעל sind völlig verkommen. Sie schrecken vor keiner Schandtat zurück. Der בעל הבית steht hoch über ihnen, doch nicht hoch genug, um jedes Kompromiß mit ihnen zu verwerfen. Nachdem der בעל הבית ihnen entgegengekommen ist, bleibt auch dem איש, in dem, wie aus dem Schlußverse dieses Kapitels hervorgeht, noch alter Levitengeist lebt, nichts anderes übrig, als zu retten, was zu retten ist.
Kommentar (R. Breuer)
V. 26—30. Wer kann diese Verse ohne Entsetzen lesen! Beim Anbruch des Morgens kehrt die Frau, todesmatt von den Mißhandlungen, die sie erdulden mußte, in das Haus zurück, wo sich ihr „Herr“ befindet. Denn nicht als Gatte, als Herr hat er an ihr gehandelt, als er sie in die Nacht zu den Wüstlingen hinausstieß. An der Haustüre fällt sie hin und bleibt dort liegen, bis es Tag wird (V. 26). Ihr „Herr“, der sich am Morgen erhebt, als ob nichts geschehen sei, öffnet das Haus und tritt auf die Straße, um heimwärts zu ziehen, da sieht er die Frau, an der Türe liegend, ihre Hände über die Schwelle ausgebreitet (V. 27). Ohne einen Ruf des Grauens auszustoßen, fordert er sie auf, sich zu erheben und mit ihm zu gehen. Er ahnt wohl nicht, daß sie tot ist. Er meint wohl, daß sie schläft oder nicht wagt aufzuschauen und in kauernder Haltung ihre unsagbare Schmach verbergen möchte. — „Aber niemand antwortet“. — Nun weiß er, was geschehen ist. Schweigend lädt er die Leiche auf den Esel und zieht von dannen (V. 28). — Noch aber ist in des Leviten Seele eifernder Levitengeist lebendig. In dem mit der Leiche heimwärts Ziehenden flammt heiliger Levitenzorn auf. Die Greueltat in Gibea darf nicht ungesühnt bleiben. Nicht allein seine und seines Weibes Ehre, die Ehre Gesamtisraels, des Gottesvolkes, ist hier geschändet worden. Zu gemeinsamer Sühne des Geschehenen müssen Israels Stämme aufgerufen werden. Werden aber die Fernen, die Unbeteiligten, wenn die Kunde der Greueltat nur durch Hören und Sagen zu ihnen dringt, zu heiligem Zorne aufgeweckt werden können? Das entartete, seinem Gott entfremdete Israel schläft. Wird dieses in Götzentum und Unsittlichkeit versunkene Volk zu einer gemeinsamen Tat aufzuraffen sein? — Der zornglühende Levite entschließt sich zu einer grausigen Symbolhandlung, um auch den Lauen und Gleichgültigen seines Volkes den Atem seines Zornes einzuhauchen. Zu Hause angelangt, zerstückt er die Leiche in zwölf Teile, um sie an Israels zwölf Stämme zu versenden (V. 29). Nur so glaubt er, in dem an Symbole gewöhnten, durch Symbole erzogenen, in Symbolen lebenden und webenden Volke den Willen zur Tat entzünden zu können, nur so in ihm das Bewußtsein wach rufen zu können, daß die Greueltat in Gibea den Gipfelpunkt einer Entartung darstellt, die seit dem Tage des Auszugs der Kinder Israels aus Ägypten nicht ihresgleichen hat. Woran die Ohnmacht seines gesprochenen Wortes sich vergeblich bemühen würde, sein schlafendes Volk zur Einkehr und Aufkehr, zu Rat und Tat, zur Rede und Handlung wachzurufen, dem Anblick der Leichenteile seines geschändeten und gemordeten Weibes wird es gelingen (V. 30).