Schoftim 17 שופטים
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 17. V. 1. Nach מדרש רבה אמור פרשה לב' gehört Micha zu denjenigen Gestalten der biblischen Geschichte, die מדכרין ומשחקין, deren Name zu fluchwürdigem Gedenken auf die Nachwelt kam. Gleichwohl wird hier zu Beginn der פסל מיכה-Geschichte der Name Micha mit dem Gottesnamen zusammengesetzt, zu Michajhu erweitert, wohl um anzudeuten, daß erst nachdem Micha zu offenem Götzentum abglitt, von ihm und seinem Namen der Geist der Gottheit wich. (Vgl. Malbim z. St.).
Kommentar (R. Breuer)
V. 2—4. Michas Mutter waren elfhundert Silberstücke gestohlen worden. Ihr Zorn entlud sich in einem Fluche gegen den Dieb. Ihr schien es nicht unmöglich, daß ihr Sohn der Dieb war. Darum sprach sie den Fluch zu einer Zeit, wo Micha in ihrer Nähe war und ihren Fluch hören konnte. Zugleich gelobte sie aber im Stillen, daß für den Fall das Geld in Michas Händen sein sollte, das gestohlene Gut in Zukunft profanem Gebrauch entzogen und durch Micha selbst für die Herstellung eines Gottesbildes bestimmt und dem Schmelzer übergeben werden müsse. Sie hatte richtig geahnt: das Geld befand sich in Michas Hand. Als er seiner Mutter den Diebstahl eingestand, in der Meinung, daß auch weiterhin der mütterliche Fluch auf ihm lasten bliebe, beruhigte ihn die Mutter, indem sie sprach: Ich habe dafür gesorgt, daß deine Missetat für dich zu einer Quelle des göttlichen Segens werde. Zunächst versteht Micha seine Mutter nicht, doch giebt er ihr sofort das entwendete Silber zurück. Nun erklärt sich seine Mutter deutlicher: Ich habe mir vorgenommen, dieses Geld Gott zu weihen. Aus meiner Hand soll es in deine zurückkehren. Ein Gußbild für Gott soll daraus entstehen, nimm es nun wieder zurück und tue, wie ich gelobt und dir geheißen. Micha nimmt das Silber — doch kaum hat er es genommen, giebt er es seiner Mutter wieder zurück. Er schaudert vor dem Gedanken zurück, für — Gott ein Götzenbild zu errichten. Seiner Mutter bleibt nichts anders übrig, als ihr Gelübde selber zu vollziehen. Mit zweihundert Silberstücken gewinnt sie einen Schmelzer, der ihr von den neunhundert übrigen Silberstücken das gewünschte Bild verfertigt. Im Hause Michas wurde es aufgestellt. An der Herstellung des Bildes sich zu beteiligen, hatte er abgelehnt; die Aufstellung des Bildes in seinem Hause glaubte er seiner Mutter nicht verweigern zu sollen.
Welch ein Bild der sittlichen Verwahrlosung und Begriffsverwirrung! Ein Sohn, der seine eigene Mutter bestiehlt. Eine Mutter, die durch Gelobung eines Götzenbildes ihren Sohn unter den segnenden Schutz des einen, einzigen Gottes stellt. Vor der Herstellung des Bildes schrickt Micha zurück, mit seiner Aufstellung in seinem Hause findet er sich ab. In der Tat: in jener Zeit tat ein jeglicher das, was recht war in seinen Augen (V. 6).
Kommentar (R. Breuer)
V. 5. Nach der Aufstellung des Götzenbildes war Michajhu Micha (vgl. das zu V. 1 Bemerkte) und sein Haus ein Götzenhaus geworden. (Außer in 18, 31 wird אלהים in diesem und im folgenden Kapitel immer im Sinne von Götze gebraucht. vgl. Raschi). Allmählich fand sich Micha mit seinem Götzentum so gründlich ab, daß er seinen Götzentempel weiter ausgestaltete, indem er seine innere Einrichtung durch Anfertigung von Efod und Terafim vervollständigte und einen seiner Söhne zum Götzenpriester weihte.
אפוד ותרפים. Während אפוד wohl als eine Nachahmung des aus dem Gottesheiligtum bekannten zu verstehen ist, haben wir uns im Hinblick auf 18, 5 unter תרפים Orakel spendende Götzenbilder vorzustellen. Vgl. Komm. Gen. 31, 19: „Die Etymologie und Bedeutung von תרפים ist dunkel. Aus שאל בתרפים (Jecheskel 21, 26) und התרפים דברו און (Sechar. 10, 2) und der Zusammenstellung אפוד ותרפים ersieht man, daß es Götzenbilder gewesen, die Orakel gaben.“
Kommentar (R. Breuer)
V. 6. Wäre in jener Zeit ein König in Israel gewesen, dann wäre seine erste Pflicht gewesen, das Gottesgesetz in Israel zur Geltung zu bringen und mit allem Götzenunwesen gründlich aufzuräumen. Michas Götzentum erklärt sich aus seiner autoritätlosen, entgotteten Zeit.
Kommentar (R. Breuer)
V. 7. Wie kann Jemand ein Levite sein und aus dem Geschlechte Juda stammen? Malbim antwortet: der Jüngling war väterlicherseits Levite, mütterlicherseits aus dem Geschlechte Juda. Der מצודת דוד bezieht die Worte ממשפחת יהודה auf das judäische Betlehem, das im Gegensatz zu der im Sebulungebiet liegenden gleichnamigen Stadt zum Erbteil des Stammes Juda gehörte (was zu betonen überflüssig ist, nachdem es ausdrücklich hieß: מבית לחם יהודה). Beide Kommentare ignorieren die Tatsache, daß der vorliegende Vers ein Gegenstand ausführlicher Behandlung in Baba Bathra 109 b ist. Dort wird im Zusammenhang mit V. 30 des folgenden Kapitels nachgewiesen, daß ממשפחת יהודה nicht die judäische Abstammung des levitischen Jünglings mütterlicherseits bedeuten kann, weil משפחת אם אינה קרויה משפחה (s. das. Malbim findet sich hier mit diesem Grundsatze ab, ohne die erwähnte Talmudstelle zu berücksichtigen). Vielmehr soll damit gesagt werden: מתוך שעשה מעשה מנשה תלאו הכתוב במנשה הכא נמי מתוך שעשה מעשה מנשה דאתי מיהודה תלאו הכתוב ביהודה. „Wie dieser levitische Jüngling weiter 18, 30 als Enkel Menasches bezeichnet wird, obwohl er ein Enkel Moses' war, und zwar deshalb, weil er als Götzenpriester nicht ein Abkömmling Moses', sondern ein Vorläufer des königlichen Götzendieners Menasche war, so wird auch hier durch ממשפחת יהודה angedeutet, daß sein Götzenpriestertum Geist vom Geiste Menasches war, der aus dem Geschlechte Juda stammte“. Auf diese Talmudstelle deutet hier Raschi mit den Worten hin: ורבותינו אמרו וגו'. Umso auffallender sind Raschis einleitende Worte: ממשפחת יהודה והוא לוי מן האם. Offenbar will Raschi damit sagen: Sucht man diesen Vers ohne die hierauf bezügliche Talmudstelle zu verstehen, dann kommt man umgekehrt zu dem Ergebnis, daß dieser Jüngling väterlicherseits von Juda — denn משפחת אם אינה קרויה משפחה — und mütterlicherseits von Levi stammte. Der wirkliche Sinn kann aber nur aus dem Talmud erschlossen werden: ורבותינו אמרו וגו'.
Kommentar (R. Breuer)
V. 8. האיש. Der Jüngling ging als Mann aus der Stadt. Nicht als ob er erst in reiferen Jahren seine Wanderung begonnen hätte. Denn nicht blos in V. 7, sondern auch weiter in V. 11 und 12 wird er נער genannt. Vielmehr scheint in diesem האיש die jugendliche Wanderlust als ein Charakteristikum erwachender Mannbarkeit angedeutet zu sein. An der Grenzscheide zwischen Knaben- und Mannesalter lockt die blaue Ferne mit solch bezaubernder Gewalt, daß innerlich nur schwach gehemmte Jünglingsseelen dem übermächtigen Trieb, die heimatliche Enge zu verlassen und לגור באשר ימצא, nicht widerstehen können.
לעשות דרכו. Vgl. Jes. 58, 13, wo dieser Ausdruck im Sinne des Geschäftemachens vorkommt: מעשות דרכיך. Unser Jüngling verließ seine Heimatstadt, um zu wandern. Ein festes Ziel schwebte ihm nicht vor. Seine Reise war keine Geschäftsreise. Wie ein fahrender Gesell hoffte er auf ein glückliches Ungefähr, das ihn an einen Ort verschlagen würde, wo es ihm wohlgefiel. Planlos wandernd kam er so zum Hause Michas im Gebirge Ephraim, לעשות דרכו, „um sein Geschäft zu machen“. Vielleicht fand der planlos Wandernde hier seines Wanderns Ziel.
Kommentar (R. Breuer)
V. 9—13. Der jugendliche Wanderer, der da an Michas Haustüre anklopfte, ahnte nicht, zu welch heiliger Mission er auserkoren war. Ihm war es bestimmt, Michas Priester zu werden und Michas Götzentum mit dem Heiligenschein einer gottgefälligen Tat zu umgeben. Als Levite stellte er sich Micha vor. Blitzartig durchfuhr es da Micha: Wie wäre es, wenn ich mir diesen naiven, so zwecklos in der Welt umherstreifenden Levitenjüngling zu meinem priesterlichen Gewissensbeschwichtiger und geistlichen Ja- und Amensager erwürbe? Ist nicht der Levitenstamm berufen, in Israel göttliches Gesetz und göttliche Lehre zu vertreten und zu verbreiten? Und wird mir Gott etwas antun können, ja wird mir Gott nicht wohl tun müssen, wenn ein levitischer Hausgeistlicher seine segnende Priesterhand über mein Götzentum breitet? — Micha lädt den Jüngling ein, bei ihm zu bleiben. Er bietet ihm die Stellung eines Vaters und Priesters an. (Sehr bezeichnend ist's für den Geist des Judentums, daß hier der zum Lehren Berufene Vater genannt wird. Ist's ja nicht der Lehrer, sondern der Vater, an den sich der Lehrauftrag ושננתם לבניך wendet.) Mit ausreichender Besoldung, die vielleicht sogar (was freilich erst eine wirtschaftsgeschichtliche Untersuchung bestätigen könnte) üppig zu nennen war. Der Levite ging auf den Vorschlag ein. (Raschis Erklärung וילך הלוי אחר עצתו scheint uns richtiger zu sein, als die von Gesuchtheit nicht freie Malbims, wonach der Jüngling zuerst, empört über das an ihn gestellte Ansinnen, von Micha fortgegangen sei und erst später sich entschlossen habe, wieder zurückzukehren.) Allerdings nicht ohne inneren Kampf, worauf das ויואל hinweist: Er mußte sich zum Bleiben entschließen. Micha macht ihm den Aufenthalt in seinem Hause so angenehm wie nur möglich. Er war ihm wie einer von seinen Söhnen. Und als er anfing, sich heimisch bei ihm zu fühlen, kam der bedeutsame Augenblick, wo Micha an dem Leviten den Akt der formellen Priesterbestallung vollzog. Nun erst ויהי בבית מיכה, war der Jüngling mit heiligen Fesseln an Michas Haus geknüpft. Nun war er zum Priester geheiligt, dessen Weihehandlungen aus Michas Herzen die letzten Skrupel verscheuchen sollten.