1
וַיֵּ֥לֶךְ שִׁמְשׁ֖וֹן עַזָּ֑תָה וַיַּרְא־שָׁם֙ אִשָּׁ֣ה זוֹנָ֔ה וַיָּבֹ֖א אֵלֶֽיהָ׃
BernfeldEinst ging Simson nach Gasa und sah daselbst eine Hure und kam zu ihr.
ZunzUnd Schimschon ging nach Asah und sah daselbst ein Buhlweib und kam zu ihr.
R. BreuerSimson ging nach Gasa. Dort sah er eine Buhlerin und kam zu ihr.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
Kap. 16. V. 1. Mit diesem Kapitel beginnt die Geschichte von Simsons Schuld und Untergang. תחילת קלקולו בעזה לפיכך לקה בעזה תחילת קלקולו בעזה דכתיב וילך שמשון עזתה וירא שם אשה זונה וגו' לפיכך לקה בעזה דכתיב ויורידו אותו עזתה והכתיב וירד שמשון תמנתה תחלת קלקולו מיהא בעזה היה (Sota 9 b). Gasa wurde Simson zum Verhängnis. In Gasa büßte er zum ersten Male seine sittliche Reinheit ein. Nach Gasa brachten ihn die Philister, nachdem sie ihn ergriffen und die Augen ausgestochen hatten. Dort banden sie ihn mit ehernen Ketten, dort ließen sie ihn die Mühle im Gefängnisse treiben. (S. weiter V. 21). Gasa war der Ort von Simsons Schuld und Sühne. Wohl war er schon zu Timnah der Verblendung seiner Augen und der Leidenschaft seines Herzens erlegen (vgl. das zu 14, 1 Bemerkte). Immerhin war sein Verhältnis zur Philisterin aus Timnah kein unzüchtiges, sondern eine regelrechte Ehe (vgl. Raschi zu Sota das.), der ein förmlicher Übertritt der Philisterin zu Simsons Volks- und Bekenntnisgemeinschaft vorausgegangen war. (vgl. מהרש"א das.). Erst in Gasa, wo Simson eine Buhlerin sah und zu ihr kam, betrat er mit dieser unzüchtigen Verirrung die abschüssige Bahn, die zu seinem Untergange führte.
2
לַעַזָּתִ֣ים ׀ לֵאמֹ֗ר בָּ֤א שִׁמְשׁוֹן֙ הֵ֔נָּה וַיָּסֹ֛בּוּ וַיֶּאֶרְבוּ־ל֥וֹ כׇל־הַלַּ֖יְלָה בְּשַׁ֣עַר הָעִ֑יר וַיִּתְחָֽרְשׁ֤וּ כׇל־הַלַּ֙יְלָה֙ לֵאמֹ֔ר עַד־א֥וֹר הַבֹּ֖קֶר וַהֲרַגְנֻֽהוּ׃
BernfeldDen Bewohnern von Gasa ward gesagt: Simson ist hierhergekommen. Da umstellten sie ihn und lauerten ihm auf die ganze Nacht am Stadtthor; sie hielten sich still die ganze Nacht und dachten. Bis zum Morgenlicht erschlagen wir ihn.
ZunzDen Bewohnern von Asah ward gesagt: Schimschon ist hiehergekommen. Da umstell ten sie (ihn) und lauerten ihm auf die ganze Nacht am Stadtthor, und hielten sich stille die ganze Nacht und dachten: bis zum Morgenlicht, dann erschlagen wir ihn.
R. BreuerDen Bewohnern von Gasa ward gesagt: Simson ist hierhergekommen. Da umstellten sie ihn und lauerten ihm auf die ganze Nacht am Stadtthore; sie hielten sich still die ganze Nacht und dachten: Bis zum Morgenlicht erschlagen wir ihn.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 2. לעזתים לאמר. Durch לאמר wird das Bekanntwerden von Simsons Anwesenheit in Gasa als unmittelbare Folge des in V. 1 Berichteten bezeichnet: וילך — וירא — ויבא — לאמר. Simson mag sich bemüht haben, sein Gehen, Sehen und Kommen in das verheimlichende Dunkel der Heimlichkeit zu tauchen. Es gelang ihm nicht. Kaum war er nach Gasa gekommen, verbreitete sich das Gerücht seiner Ankunft unter den Einwohnern die ihm sofort nachstellten und auflauerten. Wo er sich befand, wußten sie nicht. Sie wußten bloß, daß er sich irgendwo in der Stadt aufhielt. Sie besetzten das Stadtthor und lauerten still die ganze Nacht hindurch in der Annahme, bei Tagesanbruch Simson, wenn er die Stadt verließ, fangen zu können.
3
וַיִּשְׁכַּ֣ב שִׁמְשׁוֹן֮ עַד־חֲצִ֣י הַלַּ֒יְלָה֒ וַיָּ֣קׇם ׀ בַּחֲצִ֣י הַלַּ֗יְלָה וַיֶּאֱחֹ֞ז בְּדַלְת֤וֹת שַֽׁעַר־הָעִיר֙ וּבִשְׁתֵּ֣י הַמְּזֻז֔וֹת וַיִּסָּעֵם֙ עִֽם־הַבְּרִ֔יחַ וַיָּ֖שֶׂם עַל־כְּתֵפָ֑יו וַֽיַּעֲלֵם֙ אֶל־רֹ֣אשׁ הָהָ֔ר אֲשֶׁ֖ר עַל־פְּנֵ֥י חֶבְרֽוֹן׃ {פ}
BernfeldSimson lag bis Mitternacht; um Mitternacht stand er auf und ergriff die Türen des Stadttores und die beiden Pfosten und riss sie aus samt dem Riegel. Er nahm sie auf seine Schultern und brachte sie auf den Gipfel des Berges, der vor Hebron.
ZunzUnd Schimschon lag bis Mitternacht und stand auf um Mitternacht, und ergriff die Thüren des Stadtthores, und die beiden Pfosten, und riß sie aus sammt dem Riegel und nahm (sie) auf seine Schultern, und brachte sie auf den Gipfel des Berges, der vor Chebron.
R. BreuerSimson lag bis Mitternacht; um Mitternacht stand er auf und ergriff die Türen des Stadttores und die beiden Pfosten, riß sie aus samt dem Riegel, nahm sie auf seine Schultern und brachte sie auf den Gipfel des Berges, der vor Hebron liegt.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 3. Während Simson bei der Buhlerin war, scheint die Kunde von der gewalttätigen Absicht der Einwohner von Gasa auch zu ihm gedrungen zu sein. Denn nur so erklärt sich's, warum Simson sich gerade auf die Türen und Pfosten des Stadttores, das von seinen Feinden besetzt war, verlegte, um ihnen seine Übermacht zu zeigen.
וישם על כתפיו. Vgl. Sota 10a (und מהרש"א das.), wo aus dem unerhörten Vorgang, daß Simson eine so ungeheuere Last auf seine beiden Schultern nahm, um sie von Gasa nach Hebron zu tragen, auf die Riesenhaftigkeit seiner Körperdimensionen gefolgert wird.
4
וַֽיְהִי֙ אַחֲרֵי־כֵ֔ן וַיֶּאֱהַ֥ב אִשָּׁ֖ה בְּנַ֣חַל שֹׂרֵ֑ק וּשְׁמָ֖הּ דְּלִילָֽה׃
BernfeldNachher liebte [Simson] ein Weib im Tal Sorek, sie hieß Delila.
ZunzUnd es geschah nachher, da liebte er ein Weib im Thal Schorek und ihr Name Delilah.
R. BreuerDanach liebte er ein Weib im Tale Sorek, ihr Name war Delila.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 4. Weder die Philisterin in Timnah noch die Buhlerin in Gasa wurde mit Namen genannt. Von dem Weibe im Tale Sorek erfahren wir, daß sein Name Delila war. In der Boraitha (Sota 9b) sieht רבי in diesem Namen das tragische Verhängnis angedeutet, das Simson aus dem unseligen Verhältnis zu diesem Weibe erwuchs: אילמלא נקרא שמה דלילה ראויה היתה שתקרא דלילה דילדלה את כחו דילדלה את לבו דילדלה את מעשיו וגו' Delila war's, die seine Kraft zum Erlöschen brachte, die heimtückisch das Vertrauen seines Herzens stahl, die den Gottesgeist aus seiner Nähe trieb und damit sein Lebenswerk zerstörte. Furchtbar mußte Simson für seine sittliche Verirrung büßen, die in Gasa begann (vgl. oben zu V. 1: תחילת קלקולו בעזה) und sich im Tale Sorek fortsetzte. Denn auch seine Liebe zu Delila war Unzucht. Nirgendwo wird sie seine Frau genannt. (vgl. z. B. den folgenden Vers: פתי אותו im Gegensatz zu פתי את אישך 14, 15). So unterlag schließlich Simson seinen Feinden, weil (איזהו גבור הכובש את יצרו) er den Feind in seiner eigenen Brust nicht bezwingen konnte.
5
וַיַּעֲל֨וּ אֵלֶ֜יהָ סַרְנֵ֣י פְלִשְׁתִּ֗ים וַיֹּ֨אמְרוּ לָ֜הּ פַּתִּ֣י אוֹת֗וֹ וּרְאִי֙ בַּמֶּה֙ כֹּח֣וֹ גָד֔וֹל וּבַמֶּה֙ נ֣וּכַל ל֔וֹ וַאֲסַרְנ֖וּהוּ לְעַנּוֹת֑וֹ וַאֲנַ֙חְנוּ֙ נִתַּן־לָ֔ךְ אִ֕ישׁ אֶ֥לֶף וּמֵאָ֖ה כָּֽסֶף׃
BernfeldEs kamen zu ihr die Fürsten der Philister und sprachen: Berede ihn und erfahre, worin seine große Kraft ist, und womit wir ihm beikommen, dass wir ihn binden, ihn zu bezwingen, und wir geben dir jeglicher tausend und einhundert [Sekel] Silber.
ZunzUnd es gingen zu ihr hinauf die Fürsten der Pelischtim, und sprachen zu ihr: Berede ihn, und ersiehe, worin seine große Kraft ist, und womit wir ihm beikommen, daß wir ihn binden ihn zu bezwingen, und wir geben dir ein Jeglicher tausend und hundert (Schekel) Silber.
R. BreuerEs kamen zu ihr die Fürsten der Philister und sprachen: Berede ihn und erfahre, worin seine große Kraft ist, und womit wir ihm beikommen können, daß wir ihn binden, um ihn zu bezwingen, und wir geben dir ein jeder tausend und einhundert Silberstücke.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 5. Die Philisterfürsten kannten Delila besser als Simson. Sie wußten, daß eine אשה זונה für Geld zu jeder Niederträchtigkeit zu haben ist. Durch Delilas heimtückische Schmeichelkunst hofften sie das Geheimnis von Simsons Kraft ergründen zu können.
לענותו. Ihn zu bezwingen, nicht ihn zu töten. Nicht der Tod, nur eine lebenslängliche, qualvolle Demütigung des Gehaßten würde die Rachlust der Philister befriedigen.
6—7. Delilas Frage, worin das Geheimnis seiner großen Kraft liege, läßt Simson unbeantwortet. Er nimmt ihre Frage nicht ernst. Ihm ist das Ganze ein neckisches Spiel.
6
וַתֹּ֤אמֶר דְּלִילָה֙ אֶל־שִׁמְשׁ֔וֹן הַגִּידָה־נָּ֣א לִ֔י בַּמֶּ֖ה כֹּחֲךָ֣ גָד֑וֹל וּבַמֶּ֥ה תֵאָסֵ֖ר לְעַנּוֹתֶֽךָ׃
BernfeldDa sprach Delila zu Simson: Sage mir doch, worin deine große Kraft ist, und womit du gebunden werden kannst, dass man dich bezwinge?
ZunzDa sprach Delilah zu Schimschon: Sage mir doch, worin deine große Kraft ist, und womit du gebunden werden kannst, daß man dich bezwinge?
R. BreuerDa sprach Delila zu Simson: Sage mir doch, worin deine große Kraft ist, und womit du gebunden werden kannst, um dich zu bezwingen?
7
וַיֹּ֤אמֶר אֵלֶ֙יהָ֙ שִׁמְשׁ֔וֹן אִם־יַאַסְרֻ֗נִי בְּשִׁבְעָ֛ה יְתָרִ֥ים לַחִ֖ים אֲשֶׁ֣ר לֹא־חֹרָ֑בוּ וְחָלִ֥יתִי וְהָיִ֖יתִי כְּאַחַ֥ד הָאָדָֽם׃
BernfeldSimson erwiderte ihr: Wenn sie mich mit sieben frischen Seilen binden, die noch nicht getrocknet, so werde ich schwach wie ein gewöhnlicher Mensch.
ZunzDa sprach zu ihr Schimschon: Wenn sie mich mit sieben frischen Seilen binden, die noch nicht getrocknet, so werde ich schwach und werde wie einer der Menschen.
R. BreuerSimson sprach zu ihr: Wenn man mich mit sieben frischen Seilen bindet, die noch nicht getrocknet sind, so werde ich schwach wie ein gewöhnlicher Mensch.
8
וַיַּעֲלוּ־לָ֞הּ סַרְנֵ֣י פְלִשְׁתִּ֗ים שִׁבְעָ֛ה יְתָרִ֥ים לַחִ֖ים אֲשֶׁ֣ר לֹא־חֹרָ֑בוּ וַתַּאַסְרֵ֖הוּ בָּהֶֽם׃
BernfeldDie Fürsten der Philister brachten ihr sieben frische Seile, die noch nicht getrocknet, und sie band ihn damit.
ZunzUnd es brachten ihr die Fürsten der Pelischtim sieben frische Seile, die noch nicht getrocknet, und sie band ihn damit.
R. BreuerDie Fürsten der Philister brachten ihr sieben frische Seile, die noch nicht getrocknet waren, und sie band ihn damit.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 8—9. Für den Fall, daß Simsons Voraussage eintreffen werde, hatte Delila im Hinterhalte Philister versteckt, die bereit waren, sofort über Simson herzufallen, wenn die Seile nicht nachgeben würden im Augenblick, wo Simson beim Rufe: Philister über dich, versuchen werde, sie abzustreifen. Als dann Simson, der das Ganze als einen launischen Zeitvertreib ansah, der Seile ohne Schwierigkeit sich entledigte, mögen die Auflauerer sich ebenso heimlich wieder entfernt haben, wie sie gekommen waren.
9
וְהָאֹרֵ֗ב יֹשֵׁ֥ב לָהּ֙ בַּחֶ֔דֶר וַתֹּ֣אמֶר אֵלָ֔יו פְּלִשְׁתִּ֥ים עָלֶ֖יךָ שִׁמְשׁ֑וֹן וַיְנַתֵּק֙ אֶת־הַיְתָרִ֔ים כַּאֲשֶׁ֨ר יִנָּתֵ֤ק פְּתִֽיל־הַנְּעֹ֙רֶת֙ בַּהֲרִיח֣וֹ אֵ֔שׁ וְלֹ֥א נוֹדַ֖ע כֹּחֽוֹ׃
BernfeldIn ihrem Gemache befanden sich Auflaurer [bereit über Simson herzufallen]; da sprach sie zu ihm: Philister über dich, Simson! Aber er zerriss die Seile, wie eine Schnur von Werg zerreißt, wenn sie Feuer riecht; worin seine Kraft lag, erfuhr man also nicht. Richter
ZunzUnd der Lauerer saß ihr im Gemache da, da sprach sie zu ihm: Pelischtim über dich, Schimschon! und er zerriß die Seile, wie eine Schnur von Werg zerreißt, wenn sie Feuer riecht, und nicht ward kund seine Kraft.
R. BreuerIm Gemache befanden sich Leute im Hinterhalt — da sprach sie zu ihm: Philister über dich, Simson! Aber er zerriß die Seile, wie ein Wergfaden zerreißt, wenn er Feuer riecht — und seine Kraft ward nicht kund.
10
וַתֹּ֤אמֶר דְּלִילָה֙ אֶל־שִׁמְשׁ֔וֹן הִנֵּה֙ הֵתַ֣לְתָּ בִּ֔י וַתְּדַבֵּ֥ר אֵלַ֖י כְּזָבִ֑ים עַתָּה֙ הַגִּידָה־נָּ֣א לִ֔י בַּמֶּ֖ה תֵּאָסֵֽר׃
BernfeldDa sprach Delila zu Simson. Du hast mich getäuscht und mir Lügen vorgeredet. Jetzt sage mir doch, womit du gebunden werden kannst.
ZunzDa sprach Delilah zu Schimschon: Siehe, du hast mich getäuscht und zu mir Lügen geredet. Jetzt sage mir doch, womit du gebunden werden kannst.
R. BreuerDa sprach Delila zu Simson: Siehe, du hast mich getäuscht und mir Lügen vorgeredet. Jetzt sage mir doch, womit du gebunden werden kannst.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 10—11. Das heimtückische Spiel wird fortgesetzt. Simson liegt so fest in Delilas Bann, daß er zunächst diese Fortsetzung noch nicht als lästig empfindet. Er geht auf ihre Bitte ein und sagt: Versuche es einmal mit dickeren, noch unbenutzten Stricken (nicht יתרים sondern עבתים) und binde mich noch fester als beim ersten Male (nicht יאסרני sondern אסור יאסרוני), dann gelingt es wohl.
11
וַיֹּ֣אמֶר אֵלֶ֔יהָ אִם־אָס֤וֹר יַאַסְר֙וּנִי֙ בַּעֲבֹתִ֣ים חֲדָשִׁ֔ים אֲשֶׁ֛ר לֹא־נַעֲשָׂ֥ה בָהֶ֖ם מְלָאכָ֑ה וְחָלִ֥יתִי וְהָיִ֖יתִי כְּאַחַ֥ד הָאָדָֽם׃
BernfeldEr erwiderte ihr: Wenn sie mich binden mit neuen Stricken, mit denen noch keine Arbeit getan worden, so werde ich schwach wie ein gewöhnlicher Mensch.
ZunzUnd er sprach zu ihr: Wenn sie mich binden mit neuen Stricken, mit denen noch keine Arbeit gethan worden, so werde ich schwach und werde wie einer der Menschen.
R. BreuerEr sprach zu ihr: Wenn man mich fest mit neuen Stricken bindet, mit denen noch keine Arbeit verrichtet wurde, so werde ich schwach wie ein gewöhnlicher Mensch.
12
וַתִּקַּ֣ח דְּלִילָה֩ עֲבֹתִ֨ים חֲדָשִׁ֜ים וַתַּאַסְרֵ֣הוּ בָהֶ֗ם וַתֹּ֤אמֶר אֵלָיו֙ פְּלִשְׁתִּ֤ים עָלֶ֙יךָ֙ שִׁמְשׁ֔וֹן וְהָאֹרֵ֖ב יֹשֵׁ֣ב בֶּחָ֑דֶר וַֽיְנַתְּקֵ֛ם מֵעַ֥ל זְרֹעֹתָ֖יו כַּחֽוּט׃
BernfeldDelila nahm neue Stricke und band ihn damit und sprach zu ihm: Philister über dich, Simson! Im Gemache saßen Laurer. Er riss sie aber ab von seinen Armen, wie einen Faden.
ZunzUnd Delilah nahm neue Stricke, und band ihn damit, und sprach zu ihm: Pelischtim über dich, Schimschon! und der Laurer saß im Gemache. Und er riß sie ab von seinen Armen wie einen Faden.
R. BreuerDelila nahm neue Stricke und band ihn damit und sprach zu ihm: Philister über dich, Simson! Im Hinterhalte saßen Leute in der Kammer. Da riß er sie ab von seinen Armen wie einen Faden.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 12—13. Obwohl auch das zweite Experiment mißlungen ist[?] gibt Delila ihr Drängen nicht auf. Sie wird ungeduldig. Ihre Ungeduld[?] spricht sich in dem Fehlen des נא nach הגידה aus. Zum dritten Male sprich[?] sie kürzer und schroffer. Auch Simsons dritte Antwort ist kurz gefaßt: e[?] fehlt der bisher übliche Nachsatz וחליתי וכו'. Das Weib Delila fängt an[?] ihm fürchterlich zu werden. Schon ist er nahe daran, ihr sein Geheimni[?] zu verraten, daß seine Kraft in seinem Nasirtum liege, daß er ein Gottes[?] nasir sei vom Mutterschoße an und niemals ein Scheermesser über sein Hau[?] gegangen sei — — schon liegt ihm das Geheimnis seiner Nasirlocken au[?] der Zunge, da besinnt er sich noch einmal und lenkt die gefährliche Absic[?] auf ein harmloses Geleis: Wenn du verwebst die sieben Locken meines Haupte[?] mit dem Gewebe — — In ärgerlicher Kürze wirft er ihr dieses Spottwo[?] hin, in welchem sich Wahrheit und Dichtung mischen: die Locken sind's wol[?] die sein Geheimnis bergen, aber er verrät ihr sein Geheimnis nur halb, no[?] verhöhnt er sie, wenn er Delila rät, die sieben Locken seines Hauptes m[?] dem Gewebe ihres Webstuhls zu verweben.
13
וַתֹּ֨אמֶר דְּלִילָ֜ה אֶל־שִׁמְשׁ֗וֹן עַד־הֵ֜נָּה הֵתַ֤לְתָּ בִּי֙ וַתְּדַבֵּ֤ר אֵלַי֙ כְּזָבִ֔ים הַגִּ֣ידָה לִּ֔י בַּמֶּ֖ה תֵּאָסֵ֑ר וַיֹּ֣אמֶר אֵלֶ֔יהָ אִם־תַּאַרְגִ֗י אֶת־שֶׁ֛בַע מַחְלְפ֥וֹת רֹאשִׁ֖י עִם־הַמַּסָּֽכֶת׃
BernfeldDelila sprach zu Simson: Bisher hast du mich getäuscht und mir Lügen vorgeredet. Sage mir doch, womit du gebunden werden kannst. Und er sprach zu ihr: Wenn du verwebst die sieben Locken meines Hauptes mit dem Gewebe.
ZunzUnd Delilah sprach zu Schimschon: Bisher hast du mich getäuscht, und zu mir Lügen geredet. Sage mir doch, womit du gebunden werden kannst. Und er sprach zu ihr: Wenn du verwebst die sieben Locken meines Hauptes mit dem Gewebe.
R. BreuerDelila sprach zu Simson: Bisher hast du mich getäuscht und mir Lügen vorgeredet. Sage mir, womit du gebunden werden kannst. Er sprach zu ihr: Wenn du verwebst die sieben Locken meines Hauptes mit dem Gewebe.
14
וַתִּתְקַע֙ בַּיָּתֵ֔ד וַתֹּ֣אמֶר אֵלָ֔יו פְּלִשְׁתִּ֥ים עָלֶ֖יךָ שִׁמְשׁ֑וֹן וַיִּיקַץ֙ מִשְּׁנָת֔וֹ וַיִּסַּ֛ע אֶת־הַיְתַ֥ד הָאֶ֖רֶג וְאֶת־הַמַּסָּֽכֶת׃
BernfeldSie schlug mit dem Pflocke [das Haar] fest und sprach: Philister über dich, Simson! Er erwachte aber aus dem Schlafe und riß aus den Webepflock samt dem Gewebe.
ZunzAls sie mit dem Pflocke eingeschlagen hatte, sprach sie: Pelischtim über dich Schimschon! Und er erwachte aus dem Schlafe, und riß aus den Webepflock sammt dem Gewebe.
R. BreuerSie befestigte sie mit dem Pflocke und sprach: Philister über dich, Simson! Da erwachte er aus dem Schlafe und riß den Webepflock samt dem Gewebe aus.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 14. Um ganz sicher zu gehen, befestigt Delila Simsons Locken mit dem Pflocke des Webstuhls am Boden, sodaß Simson, wenn er sein Haar befreien will, den Webepflock samt dem Gewebe aus dem Boden herausreißen muß. Delila scheint diesmal ihr Experiment nachts, während Simson schlief, versucht zu haben, weil entweder, wie מצודת דוד meint, Simson als Nasir, der kein Haar verlieren darf, sich weigerte, sich die Locken binden zu lassen, aus Besorgnis, daß ihm beim Losreißen der Locken Haare ausgehen könnten, oder weil Delila in einem Augenblick, wo Simson aus dem Schlaf erwachte, weniger Kraft als in wachem Zustande in ihm vermutete. Denn wenn auch Malbims Bemerkung richtig sein mag, daß hier der Satz והארב ישב בחדר deshalb fehlt, weil die Philister des vergeblichen Spiels müde waren und diesmal Delila ihren Versuch allein machen ließen, so kam es doch Delila zunächst nur auf ein Experiment an, dem, wenn es gelungen wäre, wohl schon in der nächsten Nacht die ernstere Wiederholung — mit Philistern im Hinterhalt — sich angeschlossen hätte.
15
וַתֹּ֣אמֶר אֵלָ֗יו אֵ֚יךְ תֹּאמַ֣ר אֲהַבְתִּ֔יךְ וְלִבְּךָ֖ אֵ֣ין אִתִּ֑י זֶ֣ה שָׁלֹ֤שׁ פְּעָמִים֙ הֵתַ֣לְתָּ בִּ֔י וְלֹא־הִגַּ֣דְתָּ לִּ֔י בַּמֶּ֖ה כֹּחֲךָ֥ גָדֽוֹל׃
BernfeldDa sprach sie zu ihm: Wie sprichst du doch, ich liebe dich, da dein Herz nicht bei mir ist. Schon dreimal hast du mich getäuscht und mir nicht gesagt, worin deine große Kraft ist.
ZunzUnd sie sprach zu ihm: Wie sprichst du doch, ich liebe dich, da dein Herz nicht bei mir ist. Schon dreimal hast du mich getäuscht, und mir nicht gesagt worin deine große Kraft ist.
R. BreuerDa sprach sie zu ihm: Wie kannst du sagen, ich liebe dich, während dein Herz nicht bei mir ist! Schon dreimal hast du mich getäuscht und mir nicht gesagt, worin deine große Kraft ist.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 15. Was ursprünglich Scherz war, fängt allmählich an, bitterer Ernst zu werden. Nach der dritten Täuschung beschließt Delila, gegen Simson das schwerste Geschütz auffahren zu lassen, das einem Weibe zur Verfügung steht, das mit Liebesfesseln einen Mann zu gängeln weiß: sie zweifelt an der Echtheit seiner Liebe und spricht: wie kannst du behaupten, mich aufrichtig zu lieben, wenn du hartnäckig deiner Geliebten das Geheimnis deiner Kraft verschließest! Solange ihre Wißbegier in der Form eines harmlosen Neckspiels sich äußerte, fragte sie stets, womit er gefesselt werden könne. Jetzt, wo sie ernst wird und Simson zu verstehen giebt, daß sie ihn für einen hinterhältigen Menschen halte, dessen Liebesbeteuerung ebenso unaufrichtig wie sein ganzes Wesen sei, fragt sie nur nach der Quelle seiner Kraft, nicht aber, mit welchen Fesseln er gefesselt werden könne. Hätte ja die Frage nach den Fesseln, in ernstem Tone vorgebracht, Simson stutzig gemacht und ihm den Gedanken nahegelegt, ob Delila nicht am Ende ein Werkzeug in der Hand der Philister sei.
16
וַ֠יְהִ֠י כִּֽי־הֵצִ֨יקָה לּ֧וֹ בִדְבָרֶ֛יהָ כׇּל־הַיָּמִ֖ים וַתְּאַֽלְצֵ֑הוּ וַתִּקְצַ֥ר נַפְשׁ֖וֹ לָמֽוּת׃
BernfeldDa sie ihn mit ihren Reden Tag für Tag bedrängte und quälte, wurde er zum Sterben ungeduldig.
ZunzUnd es geschah, da sie ihn bedrängte mit ihren Reden alle Tage, und ihn quälte, und seine Seele unmuthig wurde zum Sterben:
R. BreuerDa sie ihn mit ihren Reden Tag für Tag bedrängte und quälte, wurde er zum Sterben ungeduldig.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 16. Nicht blos mit quälenden und drängenden Worten, sondern auch ותאלצהו — s. Sota 9b: מאי ותאלצהו אמר רבי יצחק דבי רבי אמי בשעת גמר ביאה נשמטה מתחתיו — mit dem ganzen Raffinement einer אשה זונה, die ihre Macht über ihr Opfer auszunützen versteht, suchte sie ihm sein Geheimnis auszupressen. Sie ließ nicht locker, bis er, um die unerträgliche Qual los zu werden, schließlich nachgab.
17
וַיַּגֶּד־לָ֣הּ אֶת־כׇּל־לִבּ֗וֹ וַיֹּ֤אמֶר לָהּ֙ מוֹרָה֙ לֹא־עָלָ֣ה עַל־רֹאשִׁ֔י כִּֽי־נְזִ֧יר אֱלֹהִ֛ים אֲנִ֖י מִבֶּ֣טֶן אִמִּ֑י אִם־גֻּלַּ֙חְתִּי֙ וְסָ֣ר מִמֶּ֣נִּי כֹחִ֔י וְחָלִ֥יתִי וְהָיִ֖יתִי כְּכׇל־הָאָדָֽם׃
BernfeldEr entdeckte ihr sein ganzes Herz und sprach zu ihr: Ein Schermesser ist nicht über mein Haupt gegangen denn ein Nasir Gottes bin ich vom Mutterleib an; wenn ich geschoren werde, so weicht meine Kraft von mir, und ich werde schwach wie alle Menschen.
ZunzDa gab er ihr sein ganzes Herz kund, und sprach zu ihr: Ein Scheermesser ist nicht über mein Haupt gegangen, denn ein Nasir Gottes bin ich von Mutterleib an; wenn ich geschoren werde, so weicht meine Kraft von mir, und ich werde schwach und werde wie alle Menschen.
R. BreuerDa tat er ihr sein ganzes Herz kund und sprach zu ihr: Ein Scheermesser ist nicht über mein Haupt gegangen, denn ein Nasir Gottes bin ich vom Mutterleibe an; wenn ich geschoren werde, so weicht meine Kraft von mir, und ich werde schwach wie alle Menschen.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 17. ויגד לה את כל לבו. Er tat ihr sein ganzes Herz kund. Wie schön ist das gesagt! Vor seiner Gattin soll der Gatte kein Geheimnis haben. Sein Herz soll auch ihr Herz sein. Aber Delila war Simsons Geliebte, nicht Simsons Gattin. Was der Gattin gegenüber die eheliche Gemeinschaft noch höher geweiht und geadelt hätte, das war Delila gegenüber eine aus sinnlicher Leidenschaft erwachsene vertrauensselige Schwachheit, die zum Untergang dieses zum Schwächling gewordenen Riesen führte.
ויאמר לה וכו'. Rückhaltlos giebt nun Simson der Geliebten sein Geheimnis preis. Mein göttliches Nasirtum ist die Quelle meiner Kraft. Käm[?] jemals ein Schermesser auf mein Haupt, die Gotteskraft wiche von mir un[?] ich würde so schwach wie alle Menschen. Früher sagte er stets: [?]היתי כאחד האדם, jetzt sagt er: והייתי ככל אדם. Solange er im Scherze sprach, konnt[?] er die Unwahrheit nur zögernd und in zweideutiger Form über die Lippe[?] bringen (כאחד האדם kann auch: „wie ein durch Heldenkraft ausgezeichneter unter den Menschen“ verstanden werden). Jetzt wo er weiß, daß er die Wahrheit spricht, sagt er unzweideutig ככל האדם. (So glauben wir den Grundgedanken Malbims z. St. besser formulieren zu sollen).
18
וַתֵּ֣רֶא דְלִילָ֗ה כִּֽי־הִגִּ֣יד לָהּ֮ אֶת־כׇּל־לִבּוֹ֒ וַתִּשְׁלַ֡ח וַתִּקְרָא֩ לְסַרְנֵ֨י פְלִשְׁתִּ֤ים לֵאמֹר֙ עֲל֣וּ הַפַּ֔עַם כִּֽי־הִגִּ֥יד (לה) [לִ֖י] אֶת־כׇּל־לִבּ֑וֹ וְעָל֤וּ אֵלֶ֙יהָ֙ סַרְנֵ֣י פְלִשְׁתִּ֔ים וַיַּעֲל֥וּ הַכֶּ֖סֶף בְּיָדָֽם׃
BernfeldDa nun Delila sah, dass er ihr sein ganzes Herz entdeckt, so schickte sie und ließ die Fürsten der Philister rufen mit den Worten: Kommt diesmal herauf, denn er hat mir sein ganzes Herz entdeckt. Und die Fürsten der Philister kamen zu ihr und brachten das Geld mit in ihren Händen.
ZunzDa nun Delilah sah, daß er ihr sein ganzes Herz kund gegeben, da schickte sie und ließ die Fürsten der Pelischtim rufen mit den Worten: Kommt diesmal herauf. Denn er hat mir sein ganzes Herz kund gegeben. Und die Fürsten der Pelischtim kamen zu ihr, und brachten das Geld mit in ihren Händen.
R. BreuerAls Delila sah, daß er ihr sein ganzes Herz kundgetan hatte, schickte sie hin und ließ die Fürsten der Philister rufen und sprach: Kommt diesmal herauf, denn er hat mir sein ganzes Herz kund getan. Da kamen die Fürsten der Philister zu ihr herauf und brachten das Geld mit in ihrer Hand.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 18. ותרא דלילה כי הגיד לה את כל לבו. Sota 9b: מנא ידעה א"ר חנין א"ר ניכרין דברי אמת אביי אמר ידעה בו באותו צדיק דלא מפיק שם שמים לבטלה כיון דאמר נזיר אלקים אני אמרה השתא ודאי קושטא קאמר. Wenn Delila jetzt nicht mehr zweifelte, daß Simson die Wahrheit gesagt habe, so war sie zu dieser Gewißheit entweder durch die Erkenntnis gelangt, daß Simsons wallendes Haupthaar und seine Enthaltsamkeit vom Weine (s. Raschi und מהרש'א das.) — zwei Eigenheiten Simsons, die ihr wohl immer als seltsam aufgefallen waren — seine Mitteilung bestätigten, oder es hatte das tiefe religiöse Pathos, mit welchem Simson unter Nennung des Gottesnamens sich als einen Gottesnasir bezeichnete, jeden Zweifel an der Wahrheit seiner Worte zerstreut.
ויעלו הכסף בידם. Wie niedrig erscheint Delila im Augenblick, wo die Philister, noch ehe sie Simson überwältigt haben, für die Treulose eilfertig den ausbedungenen Henkerslohn in Bereitschaft halten!
19
וַתְּיַשְּׁנֵ֙הוּ֙ עַל־בִּרְכֶּ֔יהָ וַתִּקְרָ֣א לָאִ֔ישׁ וַתְּגַלַּ֕ח אֶת־שֶׁ֖בַע מַחְלְפ֣וֹת רֹאשׁ֑וֹ וַתָּ֙חֶל֙ לְעַנּוֹת֔וֹ וַיָּ֥סַר כֹּח֖וֹ מֵעָלָֽיו׃
BernfeldSie schläferte ihn ein auf ihren Knien und rief einen Mann und ließ abscheren die sieben Locken seines Hauptes; sie fing an ihn zu bezwingen, seine Kraft war von ihm gewichen.
ZunzUnd sie schläferte ihn ein auf ihren Knien, und rief einen Mann, und ließ abscheeren die sieben Locken seines Hauptes, und fing an ihn zu bezwingen, und seine Kraft wich von ihm.
R. BreuerSie schläferte ihn ein auf ihren Knieen und rief einen Mann und ließ abscheeren die sieben Locken seines Hauptes. So fing sie an, ihn zu bezwingen, und seine Kraft wich von ihm.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 19. Bevor das Verhängnis über ihn hereinbricht, zeigt uns die Bibel ihren Helden noch einmal in der ganzen Tiefe seiner Erniedrigung: Simson schlafend auf Delilas Knieen, wohl um uns durch dieses Bild noch einmal den Zusammenhang zwischen Simsons Schuld und Simsons Untergang einzuprägen. Als die äußeren Kennzeichen seiner göttlichen Berufung, die sieben Locken seines Hauptes, durch Philisterhand entfernt wurden, hatte er die Würde seines Nasirtums innerlich längst verscherzt. Nicht die Philister waren's, die ihn bezwangen. ותחל לענותו, Delila war's, die anfing, ihn zu bezwingen, ja, in Wahrheit hatte sie ihn schon längst bezwungen, als er zum ersten Male im Tale Sorek (V. 4) zu ihrem Sklaven sich erniedrigt hatte.
20
וַתֹּ֕אמֶר פְּלִשְׁתִּ֥ים עָלֶ֖יךָ שִׁמְשׁ֑וֹן וַיִּקַ֣ץ מִשְּׁנָת֗וֹ וַיֹּ֙אמֶר֙ אֵצֵ֞א כְּפַ֤עַם בְּפַ֙עַם֙ וְאִנָּעֵ֔ר וְהוּא֙ לֹ֣א יָדַ֔ע כִּ֥י יְהֹוָ֖ה סָ֥ר מֵעָלָֽיו׃
BernfeldSie sprach: Philister über dich, Simson! Er erwachte aus seinem Schlafe und dachte: Ich will hinaus wie sonst und mich aufraffen; denn er wusste nicht, dass der Herr von ihm gewichen war.
ZunzUnd sie sprach: Pelischtim über dich Schimschon! und er erwachte aus seinem Schlafe und dachte, ich will hinaus, wie sonst und mich aufraffen; er aber wußte nicht, daß der Ewige von ihm gewichen war.
R. BreuerSie sprach: Philister über dich, Simson! Er erwachte aus seinem Schlafe und dachte: Ich will hinaus wie die früheren Male und mich aufraffen; denn er wußte nicht, daß Gott von ihm gewichen war.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 20. Einen kurzen Blick läßt uns die Bibel in Simsons Seele werfen, im Augenblick, wo er ahnungslos aus seinem Schlaf erwacht und sich plötzlich von Philistern umringt sieht. Die Bibel verschweigt uns, was in Simsons Seele vorgegangen sein mag, als er merkte, daß niedrige Heimtücke war, was er immer für harmlosen Scherz gehalten hatte, daß Delila von Anbeginn im Bunde mit den Philistern war. Nur kurz wird angedeutet, wie Simson auch dieses mal instinktiv versuchte, das Freie und die Freiheit zu gewinnen, wie er hastig auffuhr und sich verteidigen wollte. Wohl wußte er beim Anblick der Philister, daß er durch Preisgabe seines Geheimnisses an Delila sich selbst seinen Feinden ausgeliefert hatte, noch wußte er aber nicht, noch wollte er es nicht wissen, daß Gott, dessen Kraft allein die Kraft seines Nasirtums gewesen, von ihm gewichen war. Noch hoffte er auf ein Wunder, auf die Hilfe Gottes, als dessen Nasir er sich noch immer fühlte. Erst sein tragisches Geschick — welch furchtbares Erwachen! — sollte ihn zum Bewußtsein seiner Schuld erwecken.
21
וַיֹּאחֲז֣וּהוּ פְלִשְׁתִּ֔ים וַֽיְנַקְּר֖וּ אֶת־עֵינָ֑יו וַיּוֹרִ֨ידוּ אוֹת֜וֹ עַזָּ֗תָה וַיַּאַסְר֙וּהוּ֙ בַּֽנְחֻשְׁתַּ֔יִם וַיְהִ֥י טוֹחֵ֖ן בְּבֵ֥ית (האסירים) [הָאֲסוּרִֽים]׃
BernfeldDie Philister ergriffen ihn und stachen ihm die Augen aus, sie brachten ihn hinab nach Gasa und banden ihn mit ehernen Ketten; er trieb die Mühle im Gefängnisse.
ZunzUnd es griffen ihn die Pelischtim, und stachen ihm die Augen aus, und brachten ihn hinab nach Asah und banden ihn mit ehernen Ketten, und er trieb die Mühle im Gefängnisse.
R. BreuerDie Philister ergriffen ihn und stachen ihm die Augen aus, sie brachten ihn hinab nach Gasa und fesselten ihn mit ehernen Ketten; er trieb die Mühle im Gefängnisse.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 21. Seines Augenlichts beraubt, wurde Simson nach Gasa, der Stätte seiner ersten Verirrung (vgl. zu V. 1), gebracht. Dort wurde er in Fesseln gelegt, dort mußte er schwere Sklavenarbeit verrichten. Raschi: ויהי[?] טוחן בריחים מלאכה כבדה. Nun fügt aber Raschi hinzu: ורבותינו פירשו מה שפירשו und verweist damit stillschweigend auf den Ausspruch des R. Jochanan in Sota 10a: אין טחינה אלא לשון עבירה וכן הוא אומר (איוב לא') תטחן לאחר אשתי מלמד שכל אחד ואחד הביא לו את אשתו לבית האסורים כדי שתתעבר הימנו. R. Jochanan faßt den Ausdruck טוחן nicht wörtlich im Sinne des Drehens einer Handmühle, sondern bildlich auf, und zwar im Hinblick auf einen Hiobvers als Umschreibung der furchtbarsten Erniedrigung, die Simson bei den Philistern widerfahren konnte: sie behandelten ihn wie Einen, der auf gleichem sittlichen Niveau stand wie sie, mit ihren eigenen Frauen ließen sie ihn Unzucht treiben. Was hat R. Jochanan veranlaßt, dem Satze ויהי טוחן einen bildlichen Sinn und noch dazu einen solchen zu geben? Waren es grammatische Erwägungen wie מהרש'א meint? (S. das.) War es eine mündliche Überlieferung, die hier schriftlich angedeutet ist? Oder will R. Jochanan die raffinierten Quälereien der Philister, die Blendung, Fesselung, Versklavung Simsons, nur als Ausfluß einer Mißachtung hinstellen, die sich Simson durch seine Verirrungen mit Philisterinnen in den Augen der Philister zugezogen hatte, einer Mißachtung, die sich in ihrer ganzen Größe über ihn entlud, als er in ihre Gewalt gekommen war? (Vgl. den Ausspruch des רב פפא היינו דאמרי אינשי וגו' das., der sich auf der Linie dieses Gedankens bewegt). Oder standen vielleicht die Philister auch nach Simsons Niederlage noch unter dem vollen Eindruck seiner Riesentaten, bewunderten und beneideten sie ihn auch jetzt noch so sehr, daß sie es nicht verschmähten, ja im Gegenteil es als ein erstrebenswertes Ziel erachteten, ihre eigene Rasse durch einen Mann wie Simson veredeln zu lassen?
22
וַיָּ֧חֶל שְׂעַר־רֹאשׁ֛וֹ לְצַמֵּ֖חַ כַּאֲשֶׁ֥ר גֻּלָּֽח׃ {פ}
BernfeldDas Haar seines Hauptes begann zu wachsen, nachdem es abgeschoren worden war.
ZunzUnd das Haar seines Hauptes begann zu wachsen, nachdem es abgeschoren worden.
R. BreuerAber sein Haupthaar begann zu wachsen, nachdem es geschoren war.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 22. Die Philister glaubten, Simson ein für alle Mal unschädlich gemacht zu haben. Aus dem Gefühl ihrer Sicherheit kam ihnen der Gedanke, Simsons Niederlage durch ein übermütiges Siegesfest zu feiern. Sie ahnten nicht, was ihnen bevorstand, daß Simsons Haupthaar, von ihrem Schermesser kaum entfernt, wieder zu wachsen begann, daß Simsons Heldenkraft noch einmal zu ihrem Verderben emporflammen sollte, bevor sie für immer erlosch.
23
וְסַרְנֵ֣י פְלִשְׁתִּ֗ים נֶֽאֶסְפוּ֙ לִזְבֹּ֧חַ זֶבַח־גָּד֛וֹל לְדָג֥וֹן אֱלֹהֵיהֶ֖ם וּלְשִׂמְחָ֑ה וַיֹּ֣אמְר֔וּ נָתַ֤ן אֱלֹהֵ֙ינוּ֙ בְּיָדֵ֔נוּ אֵ֖ת שִׁמְשׁ֥וֹן אוֹיְבֵֽנוּ׃
BernfeldDie Fürsten der Philister versammelten sich, ein großes Schlachtmahl zu opfern dem Dagon, ihrem Gotte, und sich zu freuen. Sie sprachen: Unser Gott hat in unsere Hand gegeben Simson, unsern Feind.
ZunzUnd die Fürsten der Pelischtim versammelten sich, ein großes Schlachtmahl zu opfern dem Dagon ihrem Gotte, und sich zu freuen. Und sie sprachen: Unser Gott hat in unsere Hand gegeben Schimschon, unsern Feind.
R. BreuerDie Fürsten der Philister versammelten sich, um ein großes Opfer zu veranstalten für Dagon, ihren Gott, und sich zu freuen. Sie sprachen: Unser Gott hat in unsere Hand gegeben Simson, unsern Feind.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 23. Die Philister ahnten nicht, worauf das Erschlaffen der Kraft Simsons zurückzuführen war. Delila mag ihnen wohl mitgeteilt haben, was Simson ihr anvertraut hatte; indessen hinderte sie ihre Kenntnis davon, daß Simson ein Gottesnasir war, nicht, seinen Fall als ein Werk ihres Gottes zu betrachten und zu feiern.
24
וַיִּרְא֤וּ אֹתוֹ֙ הָעָ֔ם וַֽיְהַלְל֖וּ אֶת־אֱלֹהֵיהֶ֑ם כִּ֣י אָמְר֗וּ נָתַ֨ן אֱלֹהֵ֤ינוּ בְיָדֵ֙נוּ֙ אֶת־א֣וֹיְבֵ֔נוּ וְאֵת֙ מַחֲרִ֣יב אַרְצֵ֔נוּ וַאֲשֶׁ֥ר הִרְבָּ֖ה אֶת־חֲלָלֵֽינוּ׃
BernfeldAls ihn das Volk sah, priesen sie ihren Gott, denn sie dachten: Unser Gott hat in unsere Hand gegeben unsern Feind, den Verwüster unseres Landes, der so viele von uns erschlagen hatte.
ZunzUnd da ihn das Volk sah, priesen sie ihren Gott, denn sie dachten: unser Gott hat in unsere Hand gegeben unsern Feind und den Verwüster unseres Landes, und der unserer Erschlagenen so viele machte.
R. BreuerAls ihn das Volk sah, priesen sie ihren Gott, denn sie sprachen: Unser Gott hat in unsere Hand gegeben unsern Feind, den Verwüster unseres Landes, der so viele von uns erschlagen hat.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 24. Schwerer als auf den Fürsten lastete auf dem Volke Simsons Hand. Seine Felder waren es, die er verwüstete, seine Männer, die er schlug. Während sich daher die Fürsten nur zu frohem Opfermahle vereinten, pries das Volk in dankerfülltem Preisgesange seinen Gott.
25
וַֽיְהִי֙ (כי טוב) [כְּט֣וֹב] לִבָּ֔ם וַיֹּ֣אמְר֔וּ קִרְא֥וּ לְשִׁמְשׁ֖וֹן וִישַֽׂחֶק־לָ֑נוּ וַיִּקְרְא֨וּ לְשִׁמְשׁ֜וֹן מִבֵּ֣ית (האסירים) [הָאֲסוּרִ֗ים] וַיְצַחֵק֙ לִפְנֵיהֶ֔ם וַיַּעֲמִ֥ידוּ אוֹת֖וֹ בֵּ֥ין הָעַמּוּדִֽים׃
BernfeldWie ihnen wohl zu Mute war, sprachen sie: Rufet den Simson, dass er vor uns tanze! und sie riefen den Simson aus dem Gefängnisse, und er tanzte vor ihnen; sie stellten ihn zwischen die Säulen.
ZunzUnd es geschah, da ihnen wohl zu Muthe war, da sprachen sie: Rufet den Schimschon, daß er vor uns tanze! und sie riefen den Schimschon aus dem Gefängnisse, und er tanzte vor ihnen und sie stellten ihn zwischen die Säulen.
R. BreuerAls sie guter Dinge waren, sprachen sie: Rufet den Simson, daß er uns belustige! Und sie riefen den Simson aus dem Gefängnisse, und er belustigte sie; sie stellten ihn zwischen die Säulen.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 25. Aboda Sara 19a wird der Psalmvers אשרי האיש אשר לא הלך וגו' (1, 1) auf Abraham bezogen und der Satz ובמושב לצים לא ישב mit den Worten kommentiert: שלא ישב במושב אנשי פלשתים מפני שלצנים היו שנאמר ויהי כטוב לבם ויאמרו קראו לשמשון וישחק לנו. Abraham und Simson: Welch ein Kontrast! Abraham ist unter den Philistern immer Abraham geblieben, während Simson unter den Philistern so tief sank, daß er beim Feste, mit welchem sie seinen Sturz feierten, zur Erhöhung der Festesfreude den Schalksnarren machen mußte.
וישחק — ויצחק. Komm. Gen. 17, 17: „... שחק ist ...: Scherz, Spiel ... צחק ist aber ausnahmslos ein ironisches Lachen, ein Lachen, das eine gewisse Negierung, Verurteilung des das Lachen hervorrufenden Gegenstandes in sich trägt“. Die Philister verlangten von Simson, daß er sie mit Scherz und Spiel belustige (וישחק לנו). Er mußte ihnen zum Schein gehorchen, in Wirklichkeit nahm sich aber sein Scherz und Spiel nicht so harmlos aus, wie es seine Peiniger wünschten: Simson verstand es, seiner Lustigkeit einen ironischen Beigeschmack zu geben (ויצחק לפניהם), sodaß sich die Philister mehr verspottet als belustigt fühlten. Sie zogen es darum vor, dem mißglückten Spiel ein Ende zu machen: sie geboten ihm Schweigen, ließen ihn aus der Saalmitte unter die Säulen der Festhalle treten (ויעמידו אותו בין העמודים) und gedachten für den Rest des Festes sich mit der bloßen Augenweide, die ihnen der Anblick des gestürzten Feindes bot, zu begnügen.
26
וַיֹּ֨אמֶר שִׁמְשׁ֜וֹן אֶל־הַנַּ֨עַר הַמַּחֲזִ֣יק בְּיָדוֹ֮ הַנִּ֣יחָה אוֹתִי֒ (והימשני) [וַהֲמִישֵׁ֙נִי֙] אֶת־הָֽעַמֻּדִ֔ים אֲשֶׁ֥ר הַבַּ֖יִת נָכ֣וֹן עֲלֵיהֶ֑ם וְאֶשָּׁעֵ֖ן עֲלֵיהֶֽם׃
BernfeldSimson sprach darauf zu dem Knaben, der ihn bei der Hand hielt: Lasse mich los, dass ich die Säulen fasse, auf welchen das Haus errichtet ist, und mich an sie lehne.
ZunzUnd Schimschon sprach zu dem Knaben, der ihn bei der Hand hielt: Lasse mich los, daß ich die Säulen betaste, auf welchen das Haus errichtet ist, und mich an sie lehne.
R. BreuerDa sprach Simson zu dem Knaben, der ihn bei der Hand hielt: Lasse mich los, daß ich die Säulen betaste, auf denen das Haus ruht, und mich auf sie stütze.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 26. Der blinde Simson ist auf die Hilfe eines Knaben angewiesen, der ihn bei der Hand hält und führt. Nun aber möchte er zum letzten Schlage gegen seine Feinde ausholen, und noch einmal, indem er sich von seinem Begleiter loslöst, reckt er sich zu seiner einstigen Riesengröße auf. Als ob er müde sei vom langen Stehen in der Festhalle, bittet er den Knaben, ihn loszulassen, damit er sich auf die Säulen stützend ein wenig ausruhen könne. Zu והמישני vgl. Komm. Ex. 10, 21.
27
וְהַבַּ֗יִת מָלֵ֤א הָאֲנָשִׁים֙ וְהַנָּשִׁ֔ים וְשָׁ֕מָּה כֹּ֖ל סַרְנֵ֣י פְלִשְׁתִּ֑ים וְעַל־הַגָּ֗ג כִּשְׁלֹ֤שֶׁת אֲלָפִים֙ אִ֣ישׁ וְאִשָּׁ֔ה הָרֹאִ֖ים בִּשְׂח֥וֹק שִׁמְשֽׁוֹן׃
BernfeldDas Haus war voll von Männern und Frauen, es waren all die Fürsten der Philister, und auf dem Dache an dreitausend Männer und Frauen, die den Tanz Simsons ansahen.
ZunzUnd das Haus war voll von Männern und Weibern, und daselbst waren all die Fürsten der Pelischtim, und auf dem Dache an dreitausend Männer und Weiber, die den Tanz Schimschons ansahen.
R. BreuerDas Haus war voll von Männern und Frauen, und dort waren alle Fürsten der Philister, und auf dem Dache an dreitausend Männer und Frauen, die dem Spiele Simsons zuschauten.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 27. Aus V. 23 und 24 könnte entnommen werden, daß die Siegesfeier der Fürsten und des Volkes zwei getrennte Veranstaltungen gewesen seien. Darum wird hier betont: ושמה כל סרני פלשתים, daß unter den Männern und Frauen, die sich in der Festhalle mit Simson belustigten, auch die Fürsten sich befanden, die sich das Vergnügen dieses Volksfestes nicht entgehen lassen wollten. Und ein solcher Andrang von Menschen war, daß nicht alle im Saale Platz fanden, daß gegen 3000 Männer und Frauen das festliche Treiben vom Dache aus beschauen mußten.
28
וַיִּקְרָ֥א שִׁמְשׁ֛וֹן אֶל־יְהֹוָ֖ה וַיֹּאמַ֑ר אֲדֹנָ֣י יֱהֹוִ֡ה זׇכְרֵ֣נִי נָא֩ וְחַזְּקֵ֨נִי נָ֜א אַ֣ךְ הַפַּ֤עַם הַזֶּה֙ הָאֱלֹהִ֔ים וְאִנָּקְמָ֧ה נְקַם־אַחַ֛ת מִשְּׁתֵ֥י עֵינַ֖י מִפְּלִשְׁתִּֽים׃
BernfeldSimson rief zum Herrn und sprach: Herr, Gott, gedenke doch mein, und stärke mich nur dies Mal, o Gott, und ich will eine einmalige Rache nehmen an den Philistern wegen meiner beiden Augen!
ZunzUnd Schimschon rief zum Ewigen und sprach: Herr, Gott, gedenke doch mein, und stärke mich nur dies Mal, o Gott, und ich will eine einmalige Rache nehmen wegen meiner beiden Augen an den Pelischtim!
R. BreuerSimson rief zu Gott und sprach: Herr, o Gott, gedenke doch mein und stärke mich nur dies Mal, o Gott, daß ich Rache an den Philistern für eines von meinen beiden Augen nehme!
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 28. Simson betet. Er sieht den Tod vor Augen, er weiß, daß das zusammenstürzende Haus auch ihn begraben wird. Gleichwohl ist sein einziger, sein letzter Wunsch, den er im Gebete, im Sterbegebete, zu Gott aufsteigen läßt: Rache an seinen Feinden. So grausig ist Simsons Sterbegebet, daß sich erst daran die Tiefe des Elends, in das ihn die Philister hinabgestürzt, aber auch die Wildheit eines Zeitalters ermessen läßt, dessen Kind und dessen Opfer Simson, der Held, in den Tagen seines Aufstieges und Abstieges war. Von weicher Zartheit ist in Simsons letzten harten Worten nur die Bitte זכרני נא, gedenke mein. Längst ist er zum Bewußtsein seiner Schuld erwacht. Nicht aber hat sein Sündergefühl in ihm das stolze Bewußtsein ausgelöscht, daß er bei all seinen Verirrungen doch immer ein treuer, selbstloser Diener seines Volkes war. (Raschi: זכרני נא זכור כ' שנה ששפטתי את ישראל ולא אמרתי לאחד מהם העבר לי מקל זה ממקום למקום vgl. Sota 10a). Er ist darum überzeugt, daß ihm Gott die Erfüllung seiner letzten Bitte nicht versagen werde.
ואנקמה נקם אחת וגו'. Die gewöhnliche Übersetzung „ich will eine einmalige Rache nehmen (mich ein für alle Mal rächen) an den Philistern wegen meiner beiden Augen“ ist grammatisch unhaltbar, weil נקם אחת nicht gleichbedeutend ist mit נקם אחד oder נקמה אחת. Vgl. Raschi: נקם אחת משתי עיני ושכר עין השנית הנח לי לעולם הבא וכאן פרע לי שכר אחת מהן. Die Philister begnügten sich nicht damit, Simson ein Auge auszustechen, sie stachen ihm beide Augen aus: dieses Verbrechen empfindet der Geblendete als ein so unmenschlich furchtbares, daß keine irdische Vergeltung ihm auszureichen scheint, um es zu sühnen.
29
וַיִּלְפֹּ֨ת שִׁמְשׁ֜וֹן אֶת־שְׁנֵ֣י ׀ עַמּוּדֵ֣י הַתָּ֗וֶךְ אֲשֶׁ֤ר הַבַּ֙יִת֙ נָכ֣וֹן עֲלֵיהֶ֔ם וַיִּסָּמֵ֖ךְ עֲלֵיהֶ֑ם אֶחָ֥ד בִּימִינ֖וֹ וְאֶחָ֥ד בִּשְׂמֹאלֽוֹ׃
BernfeldSimson umschlang die beiden Mittelsäulen, auf welchen das Haus errichtet war, und stützte sich darauf, die eine mit seiner Rechten, die andere mit seiner Linken.
ZunzUnd Schimschon umschlang die beiden Mittelsäulen, auf welchen das Haus errichtet war, und stützte sich darauf, die eine mit seiner Rechten, die andere mit seiner Linken.
R. BreuerSimson umfaßte die beiden Mittelsäulen, auf welchen das Haus errichtet war, und stützte sich darauf, die eine mit seiner Rechten, die andere mit seiner Linken.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 29. ויסמך עליהם. Zum Knaben, der ihn führte, hatte Simson (V. 26) gesagt: ואשען עליהם, daß er sich, wie zum Ausruhen, an die Säulen lehnen wolle. In Wirklichkeit ויסמך עליהם, stemmte er sich mit aller Kraft gegen die Säulen, indem er sie mit beiden Händen umschlang. (Vgl. Malbim: כמ"ש חז"ל סמיכה בכל כחו בעינן).
30
וַיֹּ֣אמֶר שִׁמְשׁ֗וֹן תָּמ֣וֹת נַפְשִׁי֮ עִם־פְּלִשְׁתִּים֒ וַיֵּ֣ט בְּכֹ֔חַ וַיִּפֹּ֤ל הַבַּ֙יִת֙ עַל־הַסְּרָנִ֔ים וְעַל־כׇּל־הָעָ֖ם אֲשֶׁר־בּ֑וֹ וַיִּהְי֤וּ הַמֵּתִים֙ אֲשֶׁ֣ר הֵמִ֣ית בְּמוֹת֔וֹ רַבִּ֕ים מֵאֲשֶׁ֥ר הֵמִ֖ית בְּחַיָּֽיו׃
BernfeldSimson sprach: Ich will sterben samt den Philistern! Und er beugte sie mit Kraft und stürzte das Haus auf die Fürsten und auf alles Volk das darin. Es waren der Toten, jene, die er bei seinem Tode getötet, mehr, als die er bei seinem Leben getötet.
ZunzUnd Schimschon sprach: Sterbe meine Seele sammt den Pelischtim! Und er beugte (sie) mit Kraft und einstürzte das Haus auf die Fürsten und auf alles Volk, das darin. Und es waren der Todten, die er bei seinem Tode getödtet, mehr, denn die er bei seinem Leben getödtet.
R. BreuerSimson sprach: Ich will sterben samt den Philistern! Und er neigte sich mit Macht, da stürzte das Haus auf die Fürsten und auf alles Volk, das darin war. Und der Toten, die er bei seinem Tode getötet, waren mehr, als die er im Leben getötet.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 30. Simson stirbt, und mit ihm sterben seine Peiniger. Sterbend erlebt er seinen gewaltigsten Triumph. Das Haus, von Simsons noch einmal mit Riesenkraft erfüllter Hand zum Wanken gebracht, stürzt ein und begräbt unter seinen Trümmern Fürsten und Volk. Daß auch Simson mit verschüttet wird, wird nicht gesagt. Er starb ja nicht wie die andern starben. Für ihn hatte ja dieser Massentod, der mehr Philister dahinraffte, als je im Leben ihm zum Opfer fielen, keine Schrecken; für ihn war er nichts anderes als triumphale Erfüllung seines letzten Willens.
31
וַיֵּרְד֨וּ אֶחָ֜יו וְכׇל־בֵּ֣ית אָבִ֘יהוּ֮ וַיִּשְׂא֣וּ אֹתוֹ֒ וַֽיַּעֲל֣וּ ׀ וַיִּקְבְּר֣וּ אוֹת֗וֹ בֵּ֤ין צׇרְעָה֙ וּבֵ֣ין אֶשְׁתָּאֹ֔ל בְּקֶ֖בֶר מָנ֣וֹחַ אָבִ֑יו וְה֛וּא שָׁפַ֥ט אֶת־יִשְׂרָאֵ֖ל עֶשְׂרִ֥ים שָׁנָֽה׃ {פ}
BernfeldEs kamen dann seine Brüder und sein ganzes Vaterhaus und trugen ihn hinauf und begruben ihn zwischen Zorea und Estaol im Grabe seines Vaters Manoah. Er hatte Israel gerichtet zwanzig Jahre.
ZunzUnd hinab gingen seine Brüder und sein ganzes Vaterhaus, und trugen ihn, und gingen hinauf und begruben ihn zwischen Zoreah und Eschtaol im Grabe Manoachs seines Vaters; und er hatte Jisraël gerichtet zwanzig Jahre.
R. BreuerEs kamen dann seine Brüder und sein ganzes Vaterhaus und trugen ihn hinauf und begruben ihn zwischen Zoreah und Eschthaol im Grabe seines Vaters Manoach. Er hatte Israel gerichtet zwanzig Jahre.
Kommentar (R. Breuer)
Kommentar von Rabbiner Raphael Breuer
V. 31. Zwischen Zoreah und Eschthaol war's, wo einst in Simson die ersten dunklen Dranggefühle eines von Gott Erwählten und Gesegneten erwachten. (Vgl. das zu 13, 25 Bemerkte). Zwischen Zoreah und Eschthaol war's, wo seine Volksgenossen ihn begruben. So kehrt das Ende dieser Heldenlaufbahn wieder an ihren Anfang zurück. Als Gottesnasir war Simson auf die Welt gekommen. Noch bevor ihn die Mutter geboren hatte, war er als ein von Gott Geadelter aus dem Rahmen seines Elternhauses herausgetreten, ausgestattet mit göttlicher Kraft und zur Ausführung göttlichen Auftrags berufen. Nach seinem tragischen Ende kehrt er nun als Kind wieder zu seinen Eltern zurück. In seines Vaters Manoach Grab wird Simsons Leiche beigesetzt.
והוא שפט את ישראל עשרים שנה. Jeruschalmi Sota 1, 8: כתוב אחד אומר וישפט את ישראל מ' שנה וכתוב א' אומר והוא שפט את ישראל ך' שנה אמר ר' אחא מלמד שהיו הפלשתים יראים ממנו ך' שנה לאחר מותו כדרך שהיו יראים ממנו ך' שנה בחייו „In einem Verse heißt es: Er richtete Israel vierzig Jahre, in einem anderen: Er richtete Israel zwanzig Jahre. R. Acha sagt: Das will lehren: Die Philister fürchteten sich vor ihm zwanzig Jahre nach seinem Tode, wie sie sich zwanzig Jahre vor ihm fürchteten, solange er lebte“. Der Vers וישפט את ישראל מ' שנה findet sich nirgendwo; auch oben (15,20) hieß es, daß Simson zwanzig Jahre Richter war. (Vgl. die Kommentare zum Jeruschalmi a. a. O.). Soweit uns bekannt ist, hat bisher Niemand, obwohl es nahe liegt, darauf hingewiesen, daß es oben (15, 20) so seltsam heißt: וישפט את ישראל בימי פלשתים עשרים שנה, er richtete Israel zur Zeit der Philister zwanzig Jahre. Was heißt das: zur Zeit der Philister? Sollte damit nicht angedeutet sein, daß Simsons Einfluß auf die Zeit der Philister zwanzig Jahre lang fortgewirkt habe, auch nachdem seine Zeit vorüber war? — Der Vers 15, 20 schließt diejenige Periode in Simsons Richterzeit ab, in welcher er die Reinheit seines Nasirtums noch nicht eingebüßt hatte. Mit 16, 1 beginnt תחלת קלקולו und mit 16, 31 schließt die Periode seines Niedergangs. Vielleicht wollte die Schrift das Wunder seines selbst den Tod überdauernden Einflusses nicht am Ende seines Lebens, sondern in einem Augenblick andeuten, wo Simson noch im Glanze seines Nasirtums vor uns steht.